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Der junge Medizinstudent Daniel Bossheimer ist ein wahres Genie, ein Überflieger. Er meistert sein Studium in Düsseldorf mit Leichtigkeit und träumt von einer Karriere als Forscher. Doch neben seinem Studium beschäftigt er sich mit der Entwicklung eines Medikamentes, das leistungssteigernd - sowohl in physischer, als auch in psychischer Hinsicht - wirken soll. Nach zahlreichen Rückschlägen scheint ihm endlich der Durchbruch gelungen zu sein: Experimente mit Katzen zeigen deutliche Intelligenz- und Lernsteigerungen bei den Tieren. Daniel Bossheimer wähnt sich am Ziel. Als ihm die Fortschritte bei seinen Katzen nicht ausreichen, beginnt er mit Selbstversuchen und stellt überrascht fest, dass sein Medikament wirklich die Leistungen zu steigern vermag. Einzig die Nebenwirkungen, die ihm schier das Gehirn zu verbrennen scheinen, sind noch das Manko, das es auszuräumen gilt. Doch mit zunehmendem Konsum seiner Substanz geht eine Veränderung mit dem Studenten anheim ...
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Seitenzahl: 480
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Jürgen Ruhr
Crystal Fire
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Inhaltsverzeichnis
Titel
-
1. Ein Gefallen
2. Versuchsmaterial
3. Fortschritte
4. Selbstversuch
5. Leistungssteigerung
6. Die Sonderkommission
7. Sylvia
8. Die Tierärztin
9. Maßlos
10. Erkenntnisse
11. Der Mord
12. Die Mordkommission
13. Nachschubprobleme
14. Der Fang
15. Der Besuch
16. Eine Spur
17. Jagdfieber
18. Tapetenwechsel
19. Die Flucht
20. Hausdurchsuchung
21. Spurenauswertung
22. Das Jagdrevier
23. Fahndungserfolg
24. Eingrenzung
25. Die Beute
26. Erfolg
27. Zugriff
Epilog
Über den Autor
Impressum neobooks
Crystal Fire
Thriller
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Daniel Bossheimer saß in der Mensa der Universität Düsseldorf und stocherte lustlos mit der Gabel in dem Kartoffelbrei herum, das zusammen mit einer Frikadelle und Gemüse eines der Hauptgerichte im Angebot bildete. Die Frikadelle hatte er sorgfältig zur Seite geschoben, denn ihm war heute nicht danach. Daniel aß selten Fleisch, er machte sich nicht viel daraus. Dann sah er sich in dem gut besuchten Raum um. Wo blieb sein Freund und Studienkollege Florian Feldner, kurz ‚Flo‘ genannt? Sie hatten sich um zwölf Uhr fünfzehn hier verabredet, doch Flo ließ sich einfach nicht blicken.
Er und Flo waren in Köln zusammen aufgewachsen, dort zur Schule gegangen und entschlossen sich schließlich, gemeinsam hier in Düsseldorf Medizin zu studieren. Fern ab von den dominierenden Eltern. Daniels Vater arbeitete an der Kölner Universitätsklinik als Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie. Der Professor war eine anerkannte Kapazität auf dem Gebiet und sah seinen Sohn vermutlich schon als Nachfolger. Zumindest sollte Daniel möglichst in seine Fußstapfen treten, was auch der Grund dafür war, dass er ihm das Medizinstudium in Düsseldorf finanzierte. Der junge Student durfte sich sogar eine kleine Zwei-Zimmer- Wohnung in der Altstadt einrichten, die ihm der alte Herr bezahlte. Ein großzügiges Taschengeld ermöglichte es Daniel zahlreiche seiner Wünsche zu erfüllen und sich seinem Freund gegenüber freigiebig zu zeigen.
So hatte er sich seinem Freund Florian gegenüber aber immer schon gegeben, denn im Gegensatz zu seiner Familie war die von Florian Feldner nicht so gut gestellt. Florian wohnte im Studentenheim des Campus und musste jeden Cent zweimal umdrehen, bevor er ihn ausgab. Trotzdem - und wegen ihrer Freundschaft - hatte Flo sich entschlossen, nicht in Köln zu studieren und bei seinen Eltern zu wohnen, sondern mit Daniel nach Düsseldorf zu ziehen. Daniel wusste, dass Flo manchmal seinen Entschluss bereute. Insbesondere, wenn er wieder einmal mitten in der Nacht aufstehen musste, um Zeitungen auszutragen, um sich so ein kleines Taschengeld zu verdienen. Flo war, wie Daniel auch, zweiundzwanzig Jahre alt, jedoch gut zwei Zentimeter kleiner als er und bestimmt zwanzig Kilo schwerer. Im Gegensatz zu Daniel, der Wert auf ein akkurates Äußeres legte, das kurzgeschorene Haar mit einem Seitenscheitel trug und dank seiner Designerkleidung immer wie aus dem Ei gepellt daherkam, vernachlässigte Flo gerne seine Kleidung, trug am liebsten alte, zerschlissene Jeans und seine Haare lagen meistens wirr auf dem Hemdkragen auf. In der Schule war Daniel so eine Art Nerd oder Geek gewesen, sein Freund aber eher das Gegenteil.
Leider nahm es Flo auch nicht so genau mit der Pünktlichkeit. Daniel sah auf seine Armbanduhr, eine TAG Heuer Connected Smartwatch, die ihm seine Eltern zum bestandenen Abitur geschenkt hatten. Und den Mazda MX-5 durfte er sich zum Studienbeginn aussuchen. Daniel hatte sich für eine knallrote Version des kleinen Sportwagens entschieden. Er nahm Flo oft mit zu Spritztouren in die nähere Umgebung und beschleunigte den Wagen auf den schmalen und kurvenreichen Strecken oftmals weit über das erlaubte Limit hinaus, was seinem Freund regelmäßig den Angstschweiß auf die Stirn trieb.
„Hallo Boss!“ Florian Feldner stellte sein Tablett seinem Freund genau gegenüber auf den Tisch. Flo nannte ihn ‚Boss‘, wie viele seiner Freunde, was die ersten Buchstaben seines Nachnamens wiedergab. Daniel fand, es hörte sich nett an und insistierte nicht dagegen. Außerdem hörte sich ‚Boss‘ immer noch besser an, als die englisch ausgesprochene Abkürzung seines Vornamens. Das ‚Dän‘ fand er ausgesprochen blöd.
Daniel warf demonstrativ einen Blick auf seine teure Uhr. „Du bist spät dran, Flo. Wir waren um Viertel nach verabredete. Jetzt ist es schon nach halb!“
Flo stopfte sich Pommes Frites in den Mund und schnitt ein riesiges Stück vom Jägerschnitzel ab, das er zu den Pommes verfrachtete. Dann kaute er erst einmal genüsslich, während ihm Daniel dabei zusah und langsam wütend wurde. „Was gab es denn so Wichtiges, dass du mich warten lassen musstest?“
Schließlich zuckte sein Freund mit den Schultern. „Ich habe noch mit dem Prof gesprochen. Obwohl es vielleicht noch ein wenig zu früh dafür ist, will er mir einen Job als studentische Hilfskraft verschaffen.“ Flo grinste. „Das ist allemal besser, als diese dämlichen Zeitungen auszutragen.“ Dann überlegte er einen Moment und grinste noch breiter: „Obwohl - ich werde den Job auch behalten. Boss, du wirst sehen, in Kürze schwimme ich in Geld.“
„Ja sicher“, murrte Daniel. „Hoffentlich kommst du dann überhaupt noch zum Studieren vor lauter Arbeit.“ Aber er wusste, dass sein Freund das Studium mit links meisterte - genau wie er selbst auch. Alle beide, so unterschiedlich sie auch sein mochten, waren sogenannte ‚Überflieger‘ und ihre Noten lagen durchweg im Einserbereich. Lediglich in Sport hatten beide am Gymnasium geschwächelt, doch jetzt zählte das natürlich nicht mehr.
„Studentische Hilfskraft, hmm“, gab Daniel von sich. „Weißt du denn schon, was du da machen musst?“
Flo schüttelte den Kopf. „Noch gibt es keine Zusage vom Professor. Er will erst einmal sehen, ob er mich überhaupt nehmen darf. Morgen Vormittag erfahre ich mehr, da habe ich nämlich ein Gespräch mit ihm.“
„Na dann viel Glück“, grunzte Daniel. „Vielleicht darfst du ja die Leichen für Obduktionen herrichten.“
Florian nahm einen Schluck Cola und schaffte es, ohne einen Tropfen zu verschütten, gleichzeitig mit den Schultern zu zucken. „Keine Ahnung“, nuschelte er dann, denn inzwischen hatte er sich den letzten Rest Pommes und Schnitzel in den Mund gestopft. Schließlich widmete er sich dem Nachtisch, der aus einer Puddingspeise mit Vanille und Schokoladenpudding mit reichlich Sahne bestand. Daniel hatte sich für einen Quark mit Mandarinenstückchen entschieden und Flo schielte jetzt auf die Schale, die noch unberührt neben seinem Teller stand. „Isst du deinen Nachtisch nicht?“
Daniel verdrehte die Augen und schob seinem Freund das komplette Tablett hin. „Du kannst alles haben. Aber der Kartoffelbrei wird inzwischen kalt sein.“„Danke, der Nachtisch reicht mir.“ Flo griff sich das Schälchen, bevor Daniel es sich anders überlegen würde.
Doch der hatte andere Sorgen und kam schließlich auf den Grund ihrer Verabredung zu sprechen. „Flo, hast du heute Nachmittag Zeit?“
Sein Freund sah auf: „Zeit? Wofür? Ich wollte mir eigentlich den Stoff für Psychologie vom dritten Semester einmal ansehen. Aber das hat natürlich keine Eile ...“
„Streber“, gab Daniel von sich, musste aber lächeln. Die Unterlagen vom dritten Semester arbeitete er nun seit einer Woche schon durch. Aber das brauchte Flo ja nicht zu wissen. „Kannst du mir einen Gef...“
Sein Freund unterbrach ihn, indem er leise, aber anerkennend durch die Zähne pfiff. Als Daniel ihn fragend ansah, nickte er mit dem Kopf zu einem Tisch hinter Daniels Rücken hin. Daniel drehte sich langsam um und betrachtete die am Tisch sitzenden Mädchen.
„Die Kleine ganz rechts“, erklärte sein Freund leise und mit verschwörerischer Stimme. „Die mit dem Salat.“
Daniel sah sich das Mädchen genauer an. Sie mochte in ihrem Alter sein, vielleicht etwas jünger, trug dunkelbraune, schulterlange Haare und könnte einem Modelmagazin entsprungen sein. Sie unterhielt sich angeregt mit den anderen Mädchen am Tisch und zeigte beim Lachen ebenmäßige, weiße Zähne. Daniel fand sie auf Anhieb ‚niedlich‘.
Er drehte sich wieder zu Flo und fragte: „Was ist mit der? Gibt es da etwas Besonderes? Sag nicht, dass du sie näher kennst ...“
Flo schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht. Aber ich muss dir gestehen, ich habe mich in sie verknallt. Ihr Name ist Sylvia.“ Flos Gesicht nahm einen verträumten Ausdruck an. „Klingt das nicht wie Poesie? In meinen Ohren schon. Sie ist Studentin im ersten Semester, ebenfalls Medizin. Ich werde sie einmal zu einer Party einladen - so unter uns Medizinern ...“
Daniel lachte. Sie waren beide nicht unbedingt der Typ von Mann, auf den die Frauen flogen. Schon gar nicht solche vom Kaliber dieser Sylvia. Aber Daniel verfügte seinem Freund gegenüber über einen entscheidenden Vorteil: Er besaß Geld - wenn auch nicht übermäßig viel - und er fuhr einen schicken Sportwagen. Leider hatte das bisher nicht für eine feste Freundin, sondern lediglich für ‚Bekanntschaften‘ gereicht, von denen er sich regelmäßig wieder trennte, wenn sie im Bett zu langweilig wurden. Flo versuchte naturgemäß von der Nähe zu seinem Freund zu profitieren, doch die Frauen fanden an seinem schwabbeligen Körper und dem ungepflegten Äußeren nicht wirklich Gefallen. Daniel wusste, dass Flo einen Teil seines sauer verdienten Geldes regelmäßig bei den billigen Prostituierten ließ, die es in der Düsseldorfer Altstadt zur Genüge gab.
Daniel nahm noch einmal den Satz auf, bei dem sein Freund ihn unterbrochen hatte: „Flo, kannst du mir einen Gefallen tun?“
Der Angesprochene blickte immer noch verträumt zum Nebentisch, doch dann kehrte sein Blick zu Daniel zurück. „Natürlich, Daniel. Du weißt, dass ich fast alles für dich mache. Solange es nicht illegal ist. Worum geht es denn?“
Daniel druckste ein wenig herum. Er besprach zwar alles - also fast alles - mit seinem Freund, doch diese Angelegenheit war ein wenig heikel. Er wollte nichts Illegales von Flo verlangen, denn Daniel wusste, dass der das empört ablehnen würde, doch die Sache hier war ein wenig grenzwertig. Er holte tief Luft und blickte auf sein leeres Glas Mineralwasser. Sein Mund war plötzlich trocken und am liebsten hätte er einen Schluck von Flos Cola genommen.
„Ich habe dir doch erzählt, dass ich seit einiger Zeit ... an etwas arbeite“, begann er vorsichtig und blickte seinem Freund ins Gesicht, ob sich dort schon eine beginnende Ablehnung zeigte. Florians Mine blieb ausdruckslos, nur in seinen Augen erkannte Daniel eine leise Skepsis.
Aber Flo nickte und meinte ernst: „Du redest von dem, was du ‚Forschung‘ nennst, richtig?“ Daniel nickte langsam, doch sein Freund schien ihn nicht zu beachten und fuhr fort: „Du weißt, was ich von deinen Experimenten halte. Nichts. Was du da machst ist schlichtweg illegal und kann dich das Studium kosten. Deine Versuche mit den Drogen werden irgendwann auffliegen und dann - ade schönes Medizinstudium.“
Daniel schüttelte den Kopf: „Das sind keine Drogen, Flo, das ist Medizin. Und meine Erfindung wird mich noch vor Ende des Studiums berühmt machen.“
Florian lachte leise. Sie hatten beide die Stimmen gesenkt und sprachen jetzt flüsternd miteinander. Daniel wusste, dass es nicht leicht sein würde, den Freund zu überzeugen. „Keine Drogen? Wie nennst du Lysergsäurediethylamid, Benzoylecgoninmethylester oder Tetrahydrocannabinol denn dann? Oder was du sonst so zusammenbraust?“, fügte der anschließend hinzu. Flo hörte ihm zwar immer aufmerksam zu, wenn er von seinen Forschungen sprach, lehnte sie aber grundsätzlich ab.
„Es geht nicht um LSD, Kokain oder Haschisch“, erklärte Daniel. „Damit hat das überhaupt nichts zu tun. Das weißt du!“ Sein Ton wurde eine Spur schärfer. Flo war nicht der Freigeist, der er gemäß seinem schludrigen Aussehen hätte sein müssen. Ja, sie hatten in der Oberstufe den ein- oder anderen Joint geraucht, doch er war kein Junkie, der irgendwelche Drogen in sich hineinstopfte. Schließlich handelte es sich um wissenschaftliche Experimente, auch wenn solche Substanzen den Grundstock für seine ‚Medikamente‘ bildeten. Und außerdem nahm er die Substanzen ja nicht selber.
„Ich bin kurz vor einem Durchbruch“, erklärte Daniel. Er brauchte Flos Hilfe und zwang sich, ruhig und sachlich zu bleiben. „Das hat nichts mit Drogen zu tun. Außerdem ist es immer eine Frage der Menge. Als angehender Mediziner solltest du das wissen.“
Florian nickte.
„Siehst du“, fuhr Daniel fort. „Und der Gefallen, um den ich dich bitten möchte, hat überhaupt nichts mit Drogen oder Drogenbeschaffung zu tun.“ Er fügte eine Lüge an, doch das Mittel heiligte schließlich den Zweck. „Ich verwende kein Lysergsäurediethylamid, Benzoylecgoninmethylester oder Tetrahydrocannabinol, das schwöre ich dir.“ Natürlich bildeten die Substanzen eine gewisse Basis seiner Forschungen, doch sein Freund brauchte das jetzt nicht zu wissen. Es genügte schon, dass der von Zeit zu Zeit die Pakete mit den Nachschublieferungen für ihn entgegennahm.
Natürlich ohne zu wissen, was die Lieferungen beinhalteten.
„Sag mir, was du von mir willst, dann entscheide ich, ob ich dir helfe oder nicht.“
Daniel atmete auf. Wenigstens lehnte sein Freund seine Bitte nicht von vornherein ab. „Meine Katze ist fortgelaufen“, begann er. „Ich wollte dich lediglich bitten, mir aus dem Tierheim eine neue zu besorgen.“
Flo zeigte sich skeptisch: „Fortgelaufen? Oder ist sie gestorben, wie all die anderen vor ihr auch? Wie viele Katzen hast du eigentlich durch deine ‚Experimente‘ ums Leben gebracht? Zehn, zwanzig?“
Daniel seufzte leise. „Es waren lediglich vier. Und ich habe sie nicht ‚ums Leben gebracht‘. Für die Wissenschaft müssen alle gewisse Opfer bringen. Und die Katze ist wirklich weggelaufen. Sie lebt noch und es geht ihr verdammt gut.“
„Wenn ich dir ein neues Tier besorgen soll, dann musst du mir schwören, dass dem nichts passiert. Warum holst du dir eigentlich nicht selbst so eine Katze?“
„Weil man mich inzwischen überall kennt. Ich war schon in allen Tierheimen in der Umgegend und sogar zweimal bei der Katzenhilfe und beim letzten Mal verlangte man von mir, meine Wohnung zu besichtigen, um zu sehen, ob es den Tieren auch gut geht. Wenn ich jetzt dort auftauche, könnte das Ärger bedeuten.“
„Dann solltest du deine ‚Forschungen‘ einstellen und die armen Tiere nicht alle mit Drogen vergiften.“ Florian schüttelte den Kopf. „Bring dein Studium doch erst einmal zu Ende, dann kannst du zu einem renommierten Forschungsinstitut gehen und dort weiterforschen. Mit einem guten Abschluss steht dir die ganze Welt offen. Außerdem werden üblicherweise Mäuse für diese Art von Experimenten benutzt. Warum also ausgerechnet Katzen?“
„Florian“, benutzte Daniel jetzt den kompletten Vornamen seines Freundes und nicht die Kurzform. Sein Ton klang zunehmend gereizter und er rief sich erneut zur Ruhe, atmete tief durch und fuhr etwas gemäßigter fort: „Wie ich sagte, benutze ich keine Drogen. Außerdem stehe ich kurz vor einem Durchbruch. Die Katze hat jetzt schon zehn Tage länger durchgehalten, als jemals eine vor ihr. Ich brauche nur noch dieses eine Tier.“ Er verschwieg seinem Freund, dass inzwischen wesentlich mehr als die vier Katzen gestorben waren. Und auch Mäuse, mit denen er seine ‚Forschungen‘ begonnen hatte. Aber Mäuse waren nicht so einfach zu bekommen, wie Katzen und auch schwerer zu halten. So hatte er sich für eine Katze entschieden, deren Verhalten zudem auch noch wesentlich besser zu studieren war, als das der kleinen Nagetiere.
Nach dem Tod der Katzen - es waren insgesamt fünfzehn gewesen, über die er penibel Buch führte - hatte er die Tiere in seiner kleinen Wohnung seziert und genauestens untersucht. Zu seiner Freude konnte er keinerlei Gewebeveränderungen im Gehirn feststellen. Der Tod ging immer auf multiples Organversagen zurück. Alle toten Tiere wurden von ihm nach seinen Untersuchungen sorgfältig in Beton eingegossen und im Rhein versenkt. An verschiedenen Stellen, immer mitten in der Nacht und stets darauf bedacht, nicht beobachtet zu werden.
Daniel überlegte einen Moment und ein Lächeln schlich sich auf seine Lippen. „Ich werde dir natürlich alle anfallenden Kosten großzügig ersetzen und ...“ Er machte eine kurze Pause, um die Spannung zu erhöhen und seinen folgenden Worten mehr Gewicht zu verleihen: „Du darfst meinen Wagen benutzen, wann immer du willst. Natürlich nur, wenn ich ihn nicht selbst brauche, aber denke einmal daran, welchen Eindruck du auf diese Sylvia machen könntest ...“
Flos Blick wanderte zum Tisch hinter seinem Freund, doch die Mädchen dort waren verschwunden. „Den MX-5? Wirklich? Du würdest mir den Wagen leihen? Bald haben wir Semesterferien, gilt dein Angebot dann auch noch?“
Daniel lehnte sich grinsend in seinem Stuhl zurück. Er wusste, dass er gewonnen hatte. „Auf jeden Fall. So habe ich es dir versprochen. Wenn du mir heute Nachmittag eine neue Katze bringst.“
Daniel Bossheimer saß in seiner Zweizimmerwohnung in der Düsseldorfer Altstadt und las die Protokolle seiner letzten Versuche mit der entlaufenen Katze. Er ärgerte sich, dass das Tier entkommen war, denn das bedeutete, dass er nun wieder bei Tag eins seiner Experimente beginnen musste. Aber wenigstens schien die Zusammensetzung der Substanz die Katze nicht geschädigt zu haben. Im Gegenteil: Nachdem er die richtige Dosis gefunden hatte, zeigte der kleine Stubentiger sensationelle Fortschritte. Die Reflexe waren eindeutig schneller geworden und die Intelligenz steigerte sich merklich. Dabei zeigte das Tier niemals Anzeichen irgendeiner physischen oder psychischen Abhängigkeit. Natürlich war das schwer zu beurteilen, doch Daniel hatte keinerlei Entzugserscheinungen bei seinem Versuchstier bemerken können. Das Pulver, das er aus einer Reihe von Zutaten zusammenmixte und selbstverständlich Anteile von LSD enthielt, schien dem Körper aber in keiner Weise zu schaden.
Daniel lächelte und klickte auf ein Symbol am Bildschirm. Eine komplizierte chemische Formel erschien und als er diese erneut mit dem Mauszeiger anklickte, wurden die Molekülketten der Formel grafisch dargestellt. ‚Lysergsäurediethylamid‘, überlegte er und sah sich die Verbindung mit den anderen chemischen Mitteln an, ‚das ist der eigentliche Katalysator‘. Seine Versuche mit Kokain und einem Haschischderivat hatten in der Kombination mit den Tabletten, die er mühsam in einem Mörser zerkleinerte, und den anderen chemischen Mitteln zum Versagen der Organe im Katzenkörper geführt. Mit Lysergsäurediethylamid lag die Sache ganz anders und Daniel war sich sicher, endlich den großen Treffer gelandet zu haben. Seit ihm seine Eltern mit zwölf Jahren einen Chemiebaukasten schenkten, arbeitete er schon darauf hin. Er lachte leise und murmelte zu sich selbst: „Wenn die wüssten, was ich damals schon zusammengebraut habe ...“
Daniel kehrte zu seinen Aufzeichnungen über die Experimente mit den verschiedenen Mitteln zurück. Anfänglich versagte der Kreislauf der kleinen Tiere, als er aber die Dosis verringerte, die er ihnen ins Futter mischte, zeigte sich gar keine Wirkung mehr. Oder eine zu geringe und vernachlässigbare Veränderung des Verhaltens der Katzen. Teilweise schienen sie unkonzentriert zu sein, verloren das Gleichgewichtsgefühl oder nach einiger Zeit sogar das Interesse an ihrer Umgebung.
Die Obduktion der Gehirne aller toten Katzen hatte keinerlei Anzeichen einer Veränderung durch sein Mittel feststellen lassen, die Substanz, auch in den unterschiedlichen Zusammensetzungen, schädigte also nicht das Gehirn.
Und jetzt hatte die letzte Katze insgesamt über fünfzehn Tage überlebt. Eine noch nicht dagewesen Zeitspanne. Doch vor fünf Tagen war das Tier aus der Wohnung geflohen und die Umstände erschienen Daniel mehr als merkwürdig. Als er von der Uni nach Hause kam, stand das Fenster im Badezimmer einen Spalt offen und die Katze musste da herausgeklettert sein. Daniel war sich aber absolut sicher, dass er sowohl das Fenster, als auch die Tür zum Bad fest geschlossen hatte, und der Hebel ließ sich nur mit einiger Kraft bewegen. Er suchte nach Anzeichen, dass jemand in seine Wohnung eingebrochen war und sein Versuchstier befreit hatte, doch darauf deutete nichts hin. Und es fehlte ja auch nichts. Daniel hatte das Fenster die letzten Tage einen Spalt offenstehen lassen, in der Hoffnung das Tier würde zurückkehren, doch leider war die Hoffnung bisher vergebens gewesen.
Er blickte auf die Uhr am Computerbildschirm. Es wurde Zeit, dass Florian mit dem neuen Versuchstier kam. Der ließ schon wieder viel zu lange auf sich warten. Daniel nutzte die Zeit, um eine Vielzahl von Tabletten zu mörsern und neue Portionen seiner ‚Medizin‘ vorzubereiten. Das Mittel würde die Welt verändern, da war er sich sicher. Schnellere Reaktionen, intelligentere Menschen und nicht zuletzt eine Steigerung der Leistungsfähigkeit des Gehirns mit vielleicht ganz neuen und unbekannten Möglichkeiten schwebten ihm vor. Einen Moment gab er sich den Träumen seiner Kindheit hin, als in diversen Science-Fiction Romanen sogenannte ‚Mutanten‘ Fähigkeiten, wie Telekinese oder Teleportation, hervorbrachten. Er war sich darüber im Klaren, dass dies nur Phantasien waren, doch konnte man das wirklich wissen? Die Fähigkeiten des menschlichen Gehirns waren noch nicht endgültig erforscht und die Erfindungen und Entwicklungen der letzten Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende zeigten, dass der Mensch durchaus über sich selbst hinauswachsen konnte. Warum dann nicht auch so ‚übernatürliche‘ Fähigkeiten?
Doch zunächst genügte es schon, die Reaktion und das Denken der Menschen durch seine Erfindung zu verbessern. Jedenfalls wäre ihm der Nobelpreis sicher. Wenn nur die Erprobung des Mittels nicht so lange Zeit in Anspruch nehmen würde und er nicht ständig mit irgendwelchen Rückschlägen zu kämpfen hätte! Aber nach den Versuchen mit der letzten Katze, schien dies ja endlich ein Ende gefunden zu haben.
Das nächste Tier würde ihm auf keinen Fall entkommen, dafür hatte er gesorgt. Sämtliche Fenster waren jetzt mit abschließbaren Griffen versehen. Selbst die stärkste und intelligenteste Katze wäre nicht in der Lage, sie so einfach zu öffnen.
Kurz nach siebzehn Uhr klingelte Florian Feldner endlich an der Wohnungstür. Daniel öffnete ihm und blickte ungeduldig auf den Transportkorb in der Hand seines Freundes. Eine scheue, magere kleine Katze blickte ihm aus großen Augen entgegen.
„Komm rein, Flo.“ Er schloss hinter seinem Freund die Tür sorgfältig und vergewisserte sich zweimal, dass sie von außen nicht geöffnet werden konnte. „Wieso hat das so lange gedauert? Musstest du die Katze erst noch einfangen?“
Flo schaute ihn missmutig an. „Nein, aber die Leute von der Katzenhilfe wollten alles genau wissen. Meinen Namen, wo ich wohne und alles über meine familiären Verhältnisse. Als sie erfuhren, dass ich in einem Studentenwohnheim lebe, hätten sie mir das Tier fast verweigert. Erst eine großzügige Spende hat sie überzeugt.“ Er hielt Daniel eine Quittung über zweihundert Euro hin. „Das übernimmst doch du? Du hast es versprochen.“
Daniel nickte. „Komm erst mal rein. Ein Bier?“
„Gerne. Hast du ein kaltes? Ich bin geschafft.“
Daniel nahm den Transportkorb an sich. Er würde die Katze vorläufig noch darin lassen. Dann überlegte er kurz, sie für die gesamte Dauer seines Experiments in dem kleinen Käfig zu lassen, verwarf den Gedanken aber wieder. Schließlich wollte er die Reaktionen und das Verhalten seines Versuchstieres testen und das ließ sich ja in der kleinen Box nicht bewerkstelligen. Er stellte die Kiste mit der Katze in den abgetrennten Bereich des Wohnzimmers, den er als Labor benutzte. Dann holte er seinem Freund und sich das versprochene Bier.
„Wollten sie sonst noch etwas wissen, die von der Katzenhilfe?“, fragte er, während sie beide anstießen. „Du hast mich doch nicht erwähnt, oder?“
Flo nahm einen tiefen Schluck und schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Und nachdem sie die Spende erhalten haben, gab es auch keine weiteren Fragen. Die sind ja froh, wenn ihre Tiere ein Zuhause finden.“ Er sah seinen Freund fragend an: „Ist die andere Katze wirklich nicht gestorben?“
„Sie lebt bestimmt noch - wenn kein Auto sie überfahren hat. Das schwöre ich dir. Warum sollte ich dich auch belügen? Es ging ihr wirklich gut, das kannst du mir glauben.“
Flo schien etwas beruhigt zu sein, fragte aber trotzdem: „Wieso konnte sie denn aus deiner Wohnung entkommen?“
Daniel gab sich reumütig: „Vermutlich habe ich im Badezimmer das Fenster einen Spalt offengelassen. Da ist sie dann raus.“
„Nun jetzt hast du ja eine neue. Das arme Ding ist halbverhungert und ziemlich verängstigt. Ihr Name ist übrigens ‚Tinka‘. Kann ich sie regelmäßig besuchen?“
Daniel wollte schon zornig reagieren, lächelte dann aber. „Meinetwegen. Sooft du hier bist, kannst du sie besuchen. Du wirst sehen, es wird ihr gut gehen.“ ‚Und wenn sie stirbt, kannst du sie im Rhein besichtigen, gut einbetoniert‘, fügte er in Gedanken hinzu. Doch die Katze durfte nicht sterben, denn dann stünde er wieder am Anfang seiner Versuche und das würde ihn um eine lange Zeit zurückwerfen.
Einige Zeit später verabschiedete sich Flo. „Das Geld, Daniel. Zweihundert Euro“, erinnerte er den Freund und wies auf die Quittung, die auf dem Tisch lag.
Daniel drückte ihm drei Hunderteuroscheine in die Hand. „Für deine Mühen. Du hast mir wirklich sehr geholfen, Flo.“ Dann begleitete er ihn zur Tür. Daniel wollte sichergehen, dass die Wohnungstür auch gut geschlossen war, bevor er die Katze aus der Transportbox ließ.
Flo drehte sich am Treppenabsatz noch einmal um und meinte: „Ach da fällt mir gerade ein: Bei dieser Katzenhilfe lief die ganze Zeit der Fernseher und sie haben die Nachrichten gebracht. Im Stadtgebiet gibt es anscheinend freilaufende Wölfe, denn es wurden schon mehrere Tiere gerissen. Schafe, Schwäne und Gänse und sogar ein Kalb hat man in den letzten zwei Tagen gefunden. Ein Jäger, den sie interviewt haben, vermutet, dass die Wölfe vom Norden herkommen. Auf jeden Fall soll man vorsichtig sein. Schau dir gleich einfach einmal die Nachrichten an!“
Daniel nickte. „Mach ich. Was es nicht alles gibt. Wölfe! Dann sei schön vorsichtig, dass du auf dem Weg zur Uni nicht gebissen wirst. Wir sehen uns morgen.“
Kaum war Flo die Treppe herunter und außer Sichtweite, schloss Daniel sorgfältig die Haustüre und drehte auch den Schlüssel um. Dann widmete er sich der Transportbox und der Katze. Die blickte weiterhin ängstlich und wich in die hinterste Ecke des Kastens zurück. Daniel richtete etwas Katzenfutter an, mischte eine kleine Dosis seines ‚Medikaments‘ darunter und stellte es vor die Box. Dann öffnete er die Tür, zog sich ein Stück zurück und beobachtete das Tier. Er war es gewohnt, zu warten und fast bewegungslos zu verharren. Wie viele Stunden verbrachte er schon so beobachtend und wie vielen Tieren hatte er nach dem Fressen des Futters, das mit der Substanz vermischt war, dabei zugesehen, wie sie unter Zuckungen und mit Schaum vor dem Mund schließlich verendeten.
Es brauchte eine Zeit, bis Tinka die Nase zur Box herausstreckte, vorsichtig schnupperte und sich umsah. Sie bemerkte ihn und verharrte in ihrer Position. Doch irgendwann siegte dann doch der Hunger und Zentimeter für Zentimeter schob sie sich an den Napf heran. Plötzlich schien sie alle Vorsicht zu vergessen und verschlang das Futter, bis nichts mehr davon übrig war.
Daniel zählte die Sekunden. Es würde etwas dauern, bis das Medikament in den Blutkreislauf gelangte, die Blut-Hirn-Schranke überwand und schließlich im Gehirn wirksam wurde. Da er die Wirkstoffmenge geringgehalten hatte, um das Tier zunächst daran zu gewöhnen, rechnete er nicht direkt mit einer durchschlagenden Wirkung. Es dauerte schließlich eine ganze Weile, die richtige Zusammensetzung der Substanz herauszufinden, damit sie wirklich ins Gehirn gelangen konnte. Den Anteil an Drogen hielt er so gering wie möglich, doch auf gerade diese Substanzen, ob es nun Benzoylecgoninmethylester, Lysergsäurediethylamid oder Tetrahydrocannabinol waren, konnte er nicht verzichten. Vielleicht gab es einen Stoff, der die Aufgabe dieser Substanzen übernehmen konnte, doch um das herauszufinden, würden umfangreiche Forschungen und zahlreiche Experimente erforderlich werden. Für den Moment und für eine erste Erprobung war die von ihm entwickelte Rezeptur aber optimal.
Die magere Katze schien sich nach der Mahlzeit ziemlich wohl zu fühlen, denn sie erkundete jetzt neugierig den Raum. Daniel, der sich auf seinem Stuhl weiter ruhig verhielt, ignorierte sie zunächst, doch ein Auge war immer auf ihn gerichtet. Sobald er sich als Gefahr erwies, würde sie flüchten. Tinka schnupperte an einem Blumentopf, in dem eine verwelkte Yucca Palme auf ihre Entsorgung wartete. Daniel hatte sie von irgendjemandem zum Einzug in die Wohnung geschenkt bekommen, doch er konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, wer das gewesen war.
Langsam folgte er der Katze durch die Wohnung. Sie schien alles äußerst interessiert zu begutachten, beschnupperte alle Gegenstände in ihrer Nähe und kletterte schließlich in das Katzenkörbchen, in der ihre Vorgängerin schon gelegen hatte. Minuten später schlief sie tief und fest. Daniel vergewisserte sich, dass die Katze wirklich schlief und nicht plötzlich gestorben war, dann widmete er sich seinem Laptop und begann ein neues Kapitel über die Experimente an Tinka in seinem Logbuch.
Danach wollte er sich um die Aufgaben kümmern, die er für den kommenden Tag an der Universität noch zu erledigen hatte. Jetzt, so kurz vor den Semesterferien, standen noch eine Reihe von Klausuren an, doch Daniel war sich sicher, keine Arbeit schlechter als mit der Note Zwei abzuschließen. Doch warum ‚nur‘ eine Zwei, wenn auch eine Eins möglich war?
Daniel und Flo trafen sich am nächsten Tag wieder in der Mensa der Universität. Sie hatten sich vor der Klausur kurz gesprochen, doch nicht viel Zeit füreinander gefunden. Und nachdem Florian seine Unterlagen abgegeben hatte, war er direkt verschwunden. Daniel nahm an, dass er zu dem Termin mit seinem Professor geeilte war.
„Nun, was ist mit der Stelle als Hilfskraft?“, fragte Daniel auch direkt, als sein Freund ihm gegenüber Platz nahm. Der ließ seinen Blick durch die Mensa schweifen und Daniel wusste, dass er nach dem Mädchen Sylvia Ausschau hielt. „Du warst doch bei diesem Prof nach der Klausur, oder?“
Flo nickte. Er konnte die Dunkelhaarige nicht entdecken und konzentrierte sich jetzt auf sein Essen. Diesmal war seine Entscheidung zu Gunsten einer Currywurst mit Pommes Frites ausgefallen, was er nicht bereute. Er kaute zunächst, dann blickte Florian seinen Freund an. „Nach den Semesterferien kann ich bei ihm anfangen.“ Der Student grinste. „Zunächst nur kleinere Sachen, wie Botengänge, Unterlagen vorbereiten und so etwas. Später soll ich dann auch bei Vorlesungen helfen und in der Pathologie tätig werden. Aber das Beste ist: Die Bezahlung ist ziemlich gut.“
Daniel lächelte. Er hatte es nicht nötig, für Geld zu arbeiten, doch mit der Stelle einer studentischen Hilfskraft ging auch ein gewisser Prestigegewinn einher. Vielleicht sollte er sich ja auch um so einen Job bemühen. Andererseits waren da die Forschungen und Experimente mit den Katzen, die einen Großteil seiner Zeit verschlangen. Heute Nachmittag wollte er die letzte Vorlesung ausfallen lassen und sich seinem Versuchstier widmen. Der Katze ging es heute Morgen ziemlich gut, sie hatte ihre Portion Katzenfutter förmlich verschlungen und war auch etwas zutraulicher geworden. Daniel führte ihr Verhalten allerdings noch nicht auf sein Medikament zurück, doch er würde die Dosis jetzt etwas erhöhen, so dass sie der entsprach, die das entlaufene Tier zuletzt bekommen hatte.
„Woran denkst du?“, riss ihn sein Freund aus den Gedanken.
Daniel fühlte sich ertappt und nahm Zuflucht in einer Notlüge: „An die Klausur heute Vormittag. Es lief ziemlich gut, ich denke, das wird wieder eine Eins.“
Florian nickte: „Die war ja auch nicht sonderlich schwer. Wenn das so weitergeht, dann schaffe ich mein Studium in der Regelstudienzeit. Der Prof hat versprochen, mich zu fördern und es ist sicher, dass ich meinen Doktortitel ohne Schwierigkeiten bekommen werde.“ Er seufzte theatralisch und hob die Hände. „Wenn man doch nur ein paar Semester überspringen könnte ... Den Stoff vom dritten Semester beherrsche ich jetzt schon fast komplett und die Praxis bereitet mir auch keine Sorgen.“
Daniel dachte an seinen Vater, der als Leiter der Klinik für Gefäßchirurgie zwar quasi das Geld mit der Schubkarre nach Hause fahren konnte, für seine Familie aber kaum Zeit fand. Er wusste, dass seine Mutter sich damit inzwischen abgefunden hatte, die Leere in ihrem Leben aber mit einem jungen Hausfreund ausfüllte. „Du wirst noch früh genug ans Arbeiten kommen“, meinte er mit einem schiefen Lächeln. „Genieße die Zeit deines Studiums, so lange du es noch kannst!“
Flo nickte ernst: „Das habe ich auch vor.“ Dann lächelte er unvermittelt. „Am Zehnten gibt ein Kommilitone von uns eine Abschlussparty. Um eine Einladung zu bekommen, musste ich ihn zwar bestechen, doch das hat sich gelohnt. Hoffentlich“, fügte er dann hinzu.
Daniel machte sich aus solchen Feiern nicht sonderlich viel und wer ihn einlud, bekam meistens eine Absage. Seine ‚Forschungen‘ waren ihm einfach wichtiger und bisher hatte er nur einmal während des Studiums eine Party besucht, die er dann aber lange vor dem eigentlichen Ende verließ. Die Musik dort war ihm zu laut gewesen und dass schon nach kürzester Zeit einige seiner Mitstudenten betrunken in den Ecken lagen, führte auch nicht unbedingt dazu, dass er sich sonderlich wohl fühlte. Außerdem beachtete ihn kaum jemand und die Mädchen machten einen Bogen um ihn. Es war einfach zu langweilig gewesen. Florian war damals nicht eingeladen gewesen.
„Super. Ich freue mich für dich“, gab er dann auch lustlos von sich. „Aber an dem Wochenende finden zahlreiche Abschlusspartys statt. Kenn ich den Knaben?“
„Welchen Knaben?“
„Den Kommilitonen, der die Party veranstaltet.“
Flo schüttelte den Kopf. „Vermutlich nicht. Er heißt Reiner Rolwerts. Soweit ich weiß, ist er keine sonderlich große Leuchte. Niemand also, mit dem du Kontakt hast. Er soll einige Jahre auf den Studienplatz gewartet haben und nur durch die Beziehungen und das Geld seines Vaters an die Uni gekommen sein. Der Vater ist Bauunternehmer oder so etwas.“
Daniel überlegte. Der Name kam ihm nicht bekannt vor, aber er hatte ohnehin nur mit wenigen Mitstudenten Kontakt. „Nein, einen Rolwerts kenne ich nicht“, gab er dann auch zu.
Flo sah sich erneut suchend in der Mensa um, schien aber kein Glück zu haben. Vermutlich war diese Sylvia Rakelt mit ihren Freundinnen woanders essen gegangen. „Die Party findet in einer Scheune bei Erkrath statt und ich wollte dich fragen ...“ Er hielt inne, offensichtlich fiel es ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. „Ich meine, du hast mir doch versprochen, deinen Wagen nehmen zu können. Geht das vielleicht an dem Samstag?“ Flo beschrieb seinem Freund, wo sich die Scheune befand und dass er ohne Fahrzeug kaum eine Chance hatte, dorthin zu gelangen.
Daniel nickte. Versprochen war versprochen und schließlich handelte es sich bei Florian um seinen besten Freund. Er würde an dem Tag den Wagen ohnehin nicht brauchen. „Kein Problem, mein Freund. Du hast mir ja einen riesigen Gefallen getan, mit der Katze. Jetzt bin ich froh, mich revanchieren zu können. Hast du die süße Kleine denn schon eingeladen?“
„Du meinst Sylvia?“ Flo wirkte verlegen. „Bis jetzt noch nicht. Ich wusste ja nicht, ob es mit dem Wagen klappen würde. Danke, dass du zu deinem Wort stehst.“
Daniel gab sich großzügig. „Das ist doch selbstverständlich, Flo. Auf wen kann man sich denn noch verlassen, wenn nicht auf seinen besten Freund? Ich werde ihn auch volltanken und du brauchst dich um das Benzin nicht zu kümmern.“
Am Nachmittag schwänzte Daniel die letzte auf seinem Plan stehende Vorlesung. Ihm brannte auf den Nägeln, der Katze endlich die höhere Dosis verabreichen und ihre Reaktion darauf beobachten zu können. Das Tier war ziemlich mager und er überlegte, ob er nicht ein paar Tage mit der höheren Dosis warten sollte bis sie etwas zugelegt hatte, doch dann verwarf er den Gedanken. Sein Zeitplan sah vor, die Semesterferien für eine umfassende wissenschaftliche Ausarbeitung seiner ‚Forschungen‘ zu nutzen. Vorausgesetzt, das Ergebnis der Versuche würde entsprechend positiv ausfallen. Zum neuen Semester könnte er damit dann an die Öffentlichkeit gehen. Daniel wusste, dass seine Pläne ziemlich ehrgeizig waren, doch er besaß das Potenzial. Sollte die Katze frühzeitig sterben, würde ihm Florian bestimmt eine neue besorgen. Der MX-5 war einfach ein zu gutes Argument, damit sein Freund irgendwelche Bedenken zur Seite schob.
Doch Daniel war sich sicher, dass Tinka - er überlegte kurz, ja sie hieß Tinka - durchhalten würde. Das hatte die entflohene Katze auch getan und die Fortschritte waren einfach überwältigend gewesen.
Als er seine Wohnungstür aufschloss und sie vorsichtig einen Spalt öffnete, versuchte die Katze zu entwischen. Jedoch war der Spalt nicht groß genug und Daniel drückte die Tür sofort wieder etwas zu, so dass der Kopf des Tieres zwischen Türblatt und Rahmen festsaß. Er packte die Katze mit festem Griff und gab ihr einen Schubs, der sie in die Diele zurückwarf. Tinka ließ ein unwilliges Knurren hören, sah ihn böse an und zog sich dann ins Wohnzimmer zurück.
„Du bist ja ganz schön frech geworden“, rief Daniel ihr hinterher. Das war nicht mehr die kleine, ängstliche Katze, die ihm Flo gestern gebracht hatte. Er wollte nicht vorschnell urteilen und Ergebnisse ohne eine genaue Testreihe vorwegnehmen, doch sein Gefühl sagte ihm, dass ihr selbstbewusstes Verhalten durchaus das Ergebnis seiner Substanz sein könnte. Daniel war begierig darauf, die Dosis zu erhöhen und das Verhalten des kleinen Tieres zu studieren. Professoren und Studenten der Universität bereiteten sich allmählich auf die Semesterferien vor und in Kürze wären auch die letzten Klausuren abgeschlossen. Daniel würde viel Zeit mit seinem Versuchstier verbringen können.
Doch zunächst einmal bekam er einen Schock, als er das Wohnzimmer betrat. Die Gardinen am Fenster waren heruntergerissen und sämtliche Bücher, die fein säuberlich auf drei Regalen gestanden hatten, lagen in einem wirren Durcheinander am Boden. Daniel sah sich nach dem Verursacher dieses Durcheinanders um, konnte die Katze aber nirgendwo entdecken. Das Tier, das ihm entlaufen war, hatte so etwas nie angerichtet. Er würde Tinka klarmachen müssen, dass solch ein Verhalten nicht geduldet werden konnte.
Nachdem Daniel wieder Ordnung geschaffen hatte, wog er die heutige Dosis ‚Medizin‘, die er der Katze ins Futter mischen wollte, sorgfältig aus. Tinka schien ziemlich zäh zu sein und er war sich sicher, dass sie die größere Menge der Substanz gut vertragen würde. Dann stellte er den Napf mit dem Futter mitten ins Wohnzimmer, nahm auf einem Sessel Platz und wartete. Der Geruch des Futters würde die Katze schon anlocken, da war er sich sicher.
Es dauerte nicht lange, dann bemerkte Daniel von seinem Platz aus, wie die Türklinke der Badezimmertüre nach unten gedrückt wurde und sofort wieder in die Ausgangsstellung zurücksprang. Daniel bekam einen Schreck und sprang auf. Befand sich noch jemand in der Wohnung? Außer ihm und der Katze natürlich? Wenn hier fremde Personen nach Belieben ein und aus gingen, dann ließe sich auch erklären, warum die andere Katze entkommen konnte. Der Einbrecher musste sich im Bad versteckt haben, als Daniel früher als üblich nach Hause kam. Der Student sah sich nach einem Gegenstand um, den er benutzen konnte, falls er sich verteidigen musste. Er fand nichts und nahm schließlich seinen Laptop in die Hand. Im Notfall konnte er damit zuschlagen.
Wieder wurde die Türklinke heruntergedrückt und diesmal schwang die Tür ein wenig auf. Sofort sprang der Knauf wieder nach oben. Daniel brachte sich neben dem Türrahmen zur Diele so in Position, dass man ihn nicht sehen konnte. Wer immer da jetzt herausspazierte, würde seinen Laptop zu spüren bekommen.
Die Tür schwang ein wenig weiter auf und plötzlich marschierte Tinka durch den schmalen Spalt. Daniel ließ den Computer sinken. „Du Aas“, murmelte er und überlegte. Die Badezimmertür war definitiv geschlossen gewesen, als er nach Hause kam, da war er sich ganz sicher. Tinka war ins Wohnzimmer geflitzt, nachdem er sie in die Diele gestoßen hatte und danach hatte er das Tier nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sie musste also die Tür geöffnet haben, als er ihr Futter in der Küche herrichtete. Und dann war Tinka in das Badezimmer geschlüpft und hatte anschließend die Tür wieder geschlossen. Daniel schüttelte den Kopf. Er wusste, dass Katzen durchaus in der Lage sein konnten, Türen zu öffnen, doch all das sollte dieses magere Ding vollbracht haben? Er nahm sich vor, seine Beobachtungen als Randnotiz seiner Versuchsergebnisse zu notieren, doch diese eine kleine Dosis gestern, konnte für das Verhalten der Katze nicht ursächlich sein. Bestimmt hatte das Tier schon vorher gelernt, Türen zu öffnen.
Daniel sah sich trotzdem im Badzimmer um, so dass er sichergehen konnte, dass sich niemand dort befand. Dann kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Der Napf war komplett leergefressen und aus der kleinen Küche drangen Geräusche zu ihm, Dann rauschte plötzlich der Wasserhahn. Daniel legte seinen Laptop auf dem Wohnzimmertisch ab und schaute in die Küche. Tinka saß vor dem laufenden Wasser, das aus dem Hahn kam und tauchte in rascher Folge ihre Zunge in den Strahl. Er beobachtete das Tier eine Weile, bis die Katze mit einer Pfote den Hebel am Hahn schloss. Der Strahl versiegte.
‚Was würdest du tun, wenn das jetzt ein Drehknopf wäre und kein Hebel?‘, dachte er. Sollte sich die Gelegenheit ergeben, dann würde er die Armatur gegen einen Hahn mit Drehknopf austauschen und das Verhalten der Katze beobachten. Daniel kehrte ins Wohnzimmer zurück, aktivierte seinen Laptop und notierte seine Beobachtungen. Handelte es sich hier einfach nur um Zufälle, hatte Tinka solch ein Verhalten schon gelernt, bevor sie zu ihm kam, oder war seine Substanz der Auslöser für dieses ‚intelligente‘ Verhalten?
Es war noch zu früh, sich festzulegen, doch Daniel spürte, dass der ganz große Durchbruch kurz bevorstand. Er musste nur dafür sorgen, dass diese Katze nicht auch noch fliehen konnte.
Bevor Daniel am nächsten Tag zur Universität ging, schloss er die Katze in seinem Schlafzimmer ein. Er vergewisserte sich, dass der Fensterriegel fest verschlossen war und sich nicht ohne Schlüssel öffnen ließ, dann verriegelte er die Schlafzimmertür. Den Schlüssel steckte er in die Hosentasche. Tinka würde unmöglich flüchten können. Gutgelaunt fuhr Daniel in die Universität und traf dort seinen Freund bei einer Vorlesung.
„Kommst du heute Mittag in die Mensa?“, fragte er Flo leise, der neben ihm im Vorlesungssaal saß. Es war eine seiner Lieblingsvorlesungen über das Thema Biochemie. Daniel kannte zwar nahezu alle Inhalte der Themen, die der Dozent in diesen Vorlesungen vortrug, doch bei den Diskussionen - an denen er sich rege beteiligte - und Zwischenfragen wurden immer wieder Aspekte besprochen, die Neuigkeiten boten. Florian ließ die Vorlesung eher stoisch über sich ergehen. Er bevorzugte eindeutig die Praxislehre.
„Nein“, flüsterte der zurück und machte sich gleichzeitig Notizen auf seinem Schreibblock. Daniel benutzte zum Schreiben seinen Tabletcomputer mit einem Spezialstift. Seine Notizen wurden direkt in die Textverarbeitung übernommen und landeten automatisch in der Cloud. Ohne viel Mühe konnte er von all seinen Computern, oder den, von denen er sich entsprechend einloggte, Zugriff auf die Daten erhalten. Wie er wusste, tippte Flo dagegen in seinem Zimmer im Studentenwohnheim alles noch einmal in seinen Laptop, was ihn insgesamt eine Menge Zeit kostete. Aber Flo hatte auch kein Geld für solch ein High-Tech Tablet. Außerdem beharrte er darauf, dass er auf diese Art und Weise den Stoff wesentlich besser lernte, als wenn er ihn nur durchlas oder sich hier Notizen machte.
„Keine Zeit, der Prof will wegen meines Jobs noch einmal mit mir sprechen. Ich werde wohl in den Semesterferien des Öfteren zu ihm müssen.“
„Wolltest du nicht zu deinen Eltern nach Köln fahren?“, fragte Daniel leise, der eigentlich auch nach Hause fahren sollte. Jedenfalls, wenn es nach seinen Eltern ging, doch er hatte keinerlei Lust dazu. Falls notwendig, wollte er die ‚Alten‘ an einem Wochenende oder besser noch, nur an einem Sonntag zum Mittagessen, besuchen. Es würde sowieso stinklangweilig werden. Sein Vater sprach dann meistens von der Arbeit in der Klinik, fragte nach dem Verlauf des Studiums seines Sohnes und kannte kaum andere Themen. Obwohl sein alter Herr niemals nach Details oder Noten fragte, wusste Daniel, dass er über diverse Kanäle immer auf dem Laufenden darüber war, was sein Sohn so an der Uni trieb. Daniel war das durchaus recht, solange seine Miete bezahlt wurde und das Taschengeld immer pünktlich auf dem Konto einging.
„Eigentlich ja“, seufzte Flo. „Dann werde ich eben nicht so lange bei ihnen bleiben können. An richtigen Urlaub ist dieses Jahr ohnehin nicht zu denken.“
Sie schwiegen und konzentrierten sich auf die Grafiken, die jetzt mittels eines Projektors auf die weiße Wand geworfen wurden. ‚Nach meiner Professur werde ich zu einem Pharmaunternehmen in die Forschung wechseln‘, dachte Daniel über eine glänzende Zukunft mit viel Geld, Ehre und Ruhm nach. ‚Oder ich gründe ein eigenes Unternehmen‘. Dafür, dass er das notwendige Startkapital erhielt, würde sein Vater schon sorgen.
Die folgenden Tage standen im Ausklang des Semesters. Alle Klausuren waren geschrieben und sie warteten auf die Ergebnisse, um die sich aber weder Daniel noch Florian Sorgen machten. Die notwendigen ‚Scheine‘ würden sie beide problemlos zusammenbekommen.
Tinka dagegen entwickelte sich prächtig. Die Katze legte an Gewicht zu und wurde schon fast zu einer richtigen kleinen Raubkatze. Nachdem Daniel sie in dem Schlafzimmer eingesperrt hatte, zerlegte sie es aus Rache für die erzwungene Gefangenschaft komplett in ihre Einzelteile. Mit Entsetzen stand er an dem Abend vor einem Berg aus Federn, Scherben und Stofffetzen, als er von der Universität nach Hause kam. Tinka sah ihn nur herausfordernd an und spazierte dann durch die Schlafzimmertür ins Wohnzimmer, um es sich auf der Couch bequem zu machen.
Daniel setzte sich zu ihr. „Wenn du das noch einmal machst“, warnte er sie und seine Stimme klang ehrlich böse, „dann bringe ich dich zur Katzenhilfe zurück!“ Er wusste, dass es sich um leere Worte handelte, denn er konnte Tinka erst wieder abgeben, wenn seine Forschungsreihe mit ihr abgeschlossen war. Doch die Katze würde nicht zurück in ein Tierheim kommen, dem war er sich bewusst. Nach Abschluss der Forschungen wollte Daniel herausfinden, was geschah, wenn er die Dosis der Substanz immer weiter erhöhte, bis das Tier daran starb.
Auch das diente schließlich der Forschung.
Als hätte Tinka verstanden, was Daniel sagte, ließ sie zukünftig die Einrichtung seiner Wohnung in Ruhe und verursachte keinen Schaden mehr. Dafür stellte er nach einiger Zeit fest, dass Nahrungsmittel aus seinem Kühlschrank verschwanden, was auch nicht damit endete, als er ein Nachtkonsölchen vor die Tür stellte. Das Möbelstück stand Tag für Tag unverändert da und doch fehlten oft Wurst, Käse und andere Leckereien.
Eines Tages grinste Florian seinen Freund an: „Ich hab’s geschafft“, gab er freudestrahlend von sich, als sie sich auf dem Campus trafen.
„Was hast du geschafft? Die Prüfungen? Soweit ich weiß, sind die Ergebnisse doch noch gar nicht draußen. Oder versorgt dich dein Prof mit Insiderinformationen?“
„Nein, nein“, Flo grinste immer noch und freute sich wie ein kleines Kind, „Sylvia hat zugesagt. Die Partys, die Reiner Rolwerts gibt, sind wohl ziemlich angesagt und da Sylvia keine Einladung bekommen konnte und niemanden zur Hand hat, der sie dorthin mitnimmt, bin ich der Glückliche, den sie begleiten wird.“
„Du Glückspilz“, meinte Daniel zerstreut. Seine Gedanken befanden sich jetzt die meiste Zeit bei der Katze, die in den letzten sieben Tagen ganz enorme Fortschritte gemacht hatte. Tinka vertrug die Substanz bestens, es gab keinerlei Anzeichen für eine Abhängigkeit und das Tier schien eine Intelligenz zu entwickeln, die ihn staunen ließ. Ihr Körpergewicht betrug jetzt ein gutes Normalmaß und alle Tests, die Daniel mit ihr durchführte, absolvierte sie mit Bravour. Manchmal hatte er sogar den Eindruck, als würde sie verstehen, was er sagte, doch wie bei Hunden konnte es auch der Tonfall oder die Sprachmelodie sein, auf die sie reagierte.
Sie bekam jetzt seit neun Tagen mit dem Futter zusammen die Substanz und seit acht Tagen die volle Dosis. Daniel war sich nahezu sicher, dass er genau das Mittel gefunden hatte, von dem er schon so lange träumte. Er nahm sich vor, Tinka noch weitere fünf Tage die Dosis unverändert zu verabreichen und sie intensiv zu beobachten. Sollten sich bis dahin keine negativen Veränderungen ergeben, dann konnte er sicher sein, dass sein Medikament weder schädliche Nebenwirkungen, noch einen negativen Einfluss auf die Physiologie eines Lebewesens hatte. Eine weitere Woche später - um auch ganz sicher gehen zu können - würde er dann schrittweise die Dosis erhöhen, um zu erforschen, wie sich die Katze bei steigender Menge der Substanz verhielt und wann schließlich der Tod eintrat. Er war überaus zufrieden mit sich und seinen Forschungen.
„Was für eine Party?“
Flo stöhnte. „Ich habe dir doch von dieser Scheunenparty erzählt, die Reiner nächste Woche veranstaltet. Zum Abschluss des Semesters. Du hast mir versprochen, dass ich den MX-5 ausleihen kann.“
Daniel legte seinem Freund die Hand auf die Schulter. „Sicher, das hatte ich bei all den Klausuren vergessen. Entschuldige. Natürlich bekommst du den Wagen. Und ich freue mich, dass du Sylvia einladen konntest. Sie wäre genau die richtige Freundin für dich.“
Dass er nicht eine Sekunde daran glaubte, sie würde jemals Flos Freundin werden, erwähnte er nicht.
Flo grinste ihn selig an: „Du bist wirklich ein echter Freund. Wenn das mit Sylvia etwas wird, können wir vielleicht den Urlaub zusammen verbringen. Ich meine natürlich Sylvia und mich“, fügte er hinzu, um auch ja kein Missverständnis aufkommen zu lassen.
Daniel nutzte das Wochenende, um die Katze genauestens zu studieren. Er hatte zuvor für seine Experimente schon Hundespielzeug gekauft und jetzt beobachtete er, wie Tinka zunehmend cleverer mit den Sachen umging. Benötigte sie vor einer Woche noch sechs bis sieben Versuche, um zu einem Ergebnis zu gelangen und die versteckte Belohnung zu finden, so erreichte sie ihr Ziel bei ähnlichen Versuchsanordnungen jetzt schon beim zweiten Mal.
Allerdings blieb die Sache mit dem Kühlschrank nach wie vor ein Rätsel. Vor einigen Tagen hatte Daniel sein Smartphone so aufgestellt, dass er die Küche über das Internet beobachten konnte und mittels seines Laptops tat er das von der Universität aus. Doch nichts geschah, bis plötzlich das Handy umfiel und lediglich das Bild der Decke des Raumes zeigte. Als er abends den Kühlschrank inspizierte, fehlten diesmal nicht nur Wurst und Käse, sondern auch ein Joghurt. Daniel durchsuchte die komplette Wohnung, während Tinka ihn interessiert beobachtete, doch er konnte den Becher nirgends finden.
Nachdem er festgestellt hatte, dass die Katze ein reges Interesse an Fernsehsendungen fand, schaltete er regelmäßig den Flachbildschirm im Wohnzimmer ein. Kaum, dass das erste Bild erschien und ein Ton zu hören war, stürzte Tinka heran und machte es sich vor dem Fernseher bequem. Daniel wartete nur noch darauf, dass sie sich eine Tüte Chips oder Erdnüsse mitbringen würde. Dolch so etwas dachte er natürlich nicht ernsthaft.
Während die Katze den Berichten und Filmen aufmerksam folgte, arbeitete Daniel an seinem Laptop, ließ das Tier aber nicht aus den Augen. Meistens stellte er einen Sender ein, der lokale Geschichten und Nachrichten brachte und hin und wieder waren ganz interessante Reportagen dabei. Am Sonntagabend erregte eine Meldung seine Aufmerksamkeit, die mit den Wölfen in der Stadt zusammenhing. Bisher waren die Tiere noch von niemandem gesehen worden, doch regelmäßig wurden die Opfer - unter denen sich sogar einmal ein Hund befand - über das ganze Stadtgebiet verstreut gefunden.
Zum ersten Mal allerdings schien nun das Opfer ein Mensch zu sein und der Reporter überschlug sich mit den Worten, wie gefährlich diese Raubtiere doch seien und dass es Zeit wurde, die Wölfe zu jagen und zu töten.
Das Kamerateam schien sehr schnell vor Ort gewesen zu sein, denn im Hintergrund wurde ein Sarg aus einem Haus getragen und in den bereitstehenden Wagen verladen. Dann schwenkte die Kamera wieder zu dem Reporter, neben dem ein Anwohner in Jogginghose und Unterhemd stand. Daniel stellte den Ton lauter, um mitzubekommen, was gesprochen wurde.
„Ihre Nachbarin war eine alte Frau, doch solch einen grausamen Tod hat sie nicht verdient“, gab der Reporter von sich und Daniel schüttelte den Kopf. Was quatschte der Mann da für einen Unsinn? Das Alter der Frau stand doch in keinem Zusammenhang mit der Tat.
Er sah, wie der Nachbar - ein magerer Mann mit einem ungepflegten Haarkranz auf dem Kopf - nickte. „Sie war eine nette, alte Frau“, bestätigte er und sah in die Kamera. „So einen grausamen Tod hat sie nicht verdient“, wiederholte er dann die Worte des Reporters.
„Haben sie denn irgendetwas bemerkt? Oder vielleicht sogar die Wölfe gesehen?“ Der Reporter versuchte seine Worte spannungsgeladen klingen zu lassen.
„Nein, ich habe nichts gesehen. Aber ich stehe ja auch nicht den ganzen Tag draußen vor der Tür. Ich kann nur sagen, dass sie sehr nett war und niemals einem Tier ein Leid angetan hat. Das hat sie nicht verdient! Gestern hat sie sogar eine Katze mit nach Hause gebracht. So etwas macht sie schon mal. Meistens sind das arme kleine Streuner, die ein paar Tage von ihr durchgefüttert werden, bevor sie die Tiere dann ins Tierheim bringt, wo sie es besser haben, als auf der Straße.“ Der Mann überlegte einen Moment und sah wieder in die Kamera. „Gestern das Tier war so eine kleine, heruntergekommene Katze.“
Der Reporter nickte: „Danke für das Interview.“
Bevor die Kamera von den beiden Gesprächspartnern fortschwenkte, meldete sich der Nachbar noch einmal zu Wort: „Darf ich noch jemanden grüßen? Hallo Miench...“
Der Reporter unterbrach ihn: „Und damit gebe ich zurück ins Studio.“
Das Bild zeigte nun den Nachrichtensprecher im lokalen Sendestudio. Er dankte dem Reporter und wechselte das Thema, nachdem er den Zuschauern mitgeteilt hatte, dass sie weiter über das Problem mit den Wölfen berichten würden.
Daniel verringerte die Lautstärke wieder. Plötzlich lief ihm eine Gänsehaut den Rücken herunter. Wölfe, die nie jemand zu Gesicht bekam und die nun sogar in Wohnungen einbrachen und Menschen umbrachten. Eine Vorstellung, die ihm Angst machte. Er würde Fenster und Türen fest geschlossen halten, doch das machte er wegen seiner Katze ja ohnehin schon.
An der Universität steuerte jetzt alles auf die Ferien zu. Die Noten wurden bekanntgegeben und in Vorlesungen Randthemen behandelt. Daniel und Flos Bewertungen lagen durchweg bei eins und sie konnten mit ihren Leistungen zufrieden sein. Flo lief mit einem Dauergrinsen herum und erzählte Daniel bei jeder Gelegenheit, wann und wo er Sylvia mit dem Mazda abholen wollte und dass er plante, einen großzügigen Umweg über die Autobahn zu nehmen, um dem Mädchen mit dem Wagen zu imponieren. Daniel hörte ihm meistens nicht zu, sondern dachte an seine Substanz, die Katze und wie er die Versuchsergebnisse in einem umfassenden Bericht darstellen würde. Er war sich im Klaren darüber, dass er die Katzen als Versuchstiere nicht erwähnen durfte und suchte verzweifelt nach einer passablen Lösung. Schließlich fand er einen Kompromiss: Er würde die Versuche mit Mäusen während der Semesterferien und während er seinen Bericht schrieb, wiederholen und auch per Videoaufzeichnung dokumentieren. Da er die Höhe der Dosis - zumindest bei Katzen - ja schon kannte, dürfte eine Anpassung für die Versuchsmäuse keine Probleme bereiten. Sollte eines der Tiere vorzeitig sterben, dann wollte er die Aufnahmen einfach löschen. Feststand aber, dass das Mittel wirkte, da Tinka ja noch lebte. Die Mäuse könnte er im örtlichen Handel kaufen, so hatte er es ja schon zu Beginn seiner Versuche mit den ersten Tieren gemacht. Und mehr als drei bräuchte er für den Anfang sowieso nicht.
Am Dienstag packte Daniel sein Tablet mit dem Stift in einen großen Rucksack, anstatt in die entsprechende Tasche, die er sonst benutzte. Heute handelte es sich um einen besonderen Tag, denn seit genau zwei Wochen verabreichte er Tinka sein Medikament. Er hatte in der Werbung eines Geschäftes für Tierbedarf ein neuartiges Strategiespiel für Hunde entdeckt, dass dem Tier einiges an logischem Denken abverlangte. Daniel wollte das Spiel nach dem Besuch der Universität kaufen und damit dann einen weiteren Test mit der Katze machen. Nachdem er Tinka in der Küche noch eine Schale mit Futter hingestellt hatte, schulterte er den Rucksack und vergewisserte sich, dass das Tier sich nicht in der Diele befand. Rasch schloss er die Wohnungstür hinter sich, damit die Katze nicht doch noch entwischen konnte. Doch sie ließ sich nicht blicken. ‚Vielleicht nascht sie ja gerade von dem Futter‘, dachte Daniel.
Auf dem Gehweg vor dem Haus wunderte er sich allerdings, dass der Rucksack ungewöhnlich schwer war und stellte ihn auf den Boden. Hatte er ausversehen noch etwas anderes eingepackt, als seinen Tabletcomputer mit dem Stift? Daniel öffnete den Klettverschluss und fuhr erschreckt zurück, als Tinka ihm fauchend entgegensprang. Sie erwischte seinen Handrücken mit den Krallen einer Pfote und rannte in einem Tempo davon, dass er ihr nie zugetraut hätte. Der Student blickte auf die Kratzer und das Blut, dann zog er rasch ein Taschentuch hervor. Er würde die Wunde desinfizieren müssen und auf dem Weg zur Uni in einer Apotheke ein entsprechendes Mittel kaufen.
Daniel ärgerte sich, dass ihm die Katze nun doch noch entwischt war und dass er den Rucksack in der Wohnung nicht noch einmal kontrolliert hatte. Aber es war ja auch nicht damit zur rechnen gewesen, dass das Tier so schlau und berechnend sein würde, um die Gelegenheit zur Flucht zu nutzen. Ob Flo bereit war, ihm ein neues Versuchstier zu besorgen? Wenn er den MX-5 als Druckmittel benutzte, würde das vielleicht gehen. Er brauchte unbedingt ein weiteres Tier, um die Wirkung einer Überdosis zu erforschen.
Während Daniel zur U-Bahn-Station ging - er benutzte seinen Wagen für Fahrten zur Universität eher selten, da es ständig Parkplatzprobleme gab - überlegte er, seine Bitte an den Freund zunächst doch lieber bis nach den Semesterferien zurückzustellen. Die Versuchsreihe mit dem Tier war ja eigentlich abgeschlossen und weitere Experimente konnte er auch später noch durchführen. Auf jeden Fall würde er sich jetzt das Geld für das Hundespielzeug sparen.
Daniel hielt nach seinem Freund in den Vorlesungen, die er bis zum Mittag besuchte, vergeblich Ausschau. Vermutlich befand der sich wieder bei dem Professor. Erst gegen Mittag trafen sie sich wieder in der Mensa.
Wie immer setzte Flo sich mit einem gutgefüllten Tablet ihm gegenüber. „Hallo Daniel“, grüßte er. „Wie geht es?“
„Gut, ich kann mich nicht beklagen. Wo warst du heute Vormittag? Ich habe dich bei den Vorlesungen vermisst.“
Flo setzte sein Dauergrinsen wieder auf. „Beim Professor. Der spannt mich schon ganz schön ein, kann ich dir sagen. Aber der Job ist super. Und die Vorlesungen sind ja sowieso nur noch Alibiveranstaltungen. Der wirklich wichtige Stoff ist durch und was jetzt so vorgetragen wird, kenne ich ohnehin schon alles. Heute Nachmittag darf ich sogar mit einigen vom fünften Semester zusammen bei einer Obduktion zuschauen. Der Prof will mir dann auch erklären, was ich demnächst zu tun habe.“
Daniel nickte und dachte an Tinka, die er nach ihrem Ableben auch gerne obduziert hätte. Er überlegte kurz, seinem Freund von dem Missgeschick heute Morgen zu berichten, ließ es dann aber. Noch war nicht die Zeit gekommen, nach einem neuen Versuchstier zu fragen.
Flo stopfte das Essen hastig in sich hinein, dann verabschiedete er sich wieder. „Ich muss los“, erklärte er. „Falls wir uns nicht mehr sehen: Kann ich Samstagmittag wegen des Wagens zu dir kommen?“
„Immer im Stress, was?“, lächelte Daniel. „Samstag ist okay. Ich gebe dir dann Schlüssel und Papiere und sage dir, wo der Wagen steht.“
Florian grinste ihn dankbar an.
Am späten Nachmittag entsorgte Daniel das in der Küche stehende Katzenfutter. Es fing mittlerweile an, unangenehm zu riechen und einige kleine Maden krabbelten auch schon in der Masse herum. Dann schaltete er aus alter Gewohnheit den Fernseher ein und gönnte sich ein kaltes Bier.
„Bisher wurde noch keiner der Wölfe gesichtet, die das Stadtgebiet unsicher machen“, berichtete der Sprecher gerade. „Aber es gibt eine neue Wendung in dem Fall der getöteten Frau. Ich freue mich, ihnen exklusiv von den gerichtsmedizinischen Untersuchungen berichten zu können. Bleiben sie dran, zunächst folgt die Werbung.“
Der Sender blendete Werbung ein und stellte Daniel damit auf eine harte Probe. Vielleicht war es ja doch ein Hund gewesen, der die Frau totgebissen hatte und dieser dämliche Lokalsender nutzte die Gelegenheit nur, um den Leuten lediglich ihre unnütze Werbung unterzujubeln. Trotzdem blieb er vor dem Gerät sitzen und wartete darauf, dass der Sprecher wieder erschien.
