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Jürgen Ruhr

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Beschreibung

Diesmal führt ein ungewöhnlicher Auftrag den Privatdetektiv Jonathan Lärpers und seine Freundin Akeno Duval auf die andere Seite des Globus: Die Töchter des Staatssekretärs Bendersen stoßen als Austauschschüler im australischen Brisbane auf den Fall verschwundener Kinder an ihrer Schule dort. Als auch noch eine beliebte Lehrerin von einem Ausflug ins Outback nicht zurückkehrt, unterrichten sie ihren Vater über die Vorkomnisse. Der Staatssekretär lässt daraufhin zwei seiner Mitarbeiter vor Ort recherchieren, doch diese verschwinden plötzlich. Bendersen ist ein guter Freund des Oberstaatsanwaltes Eberson, den er in seiner Verzweiflung schließlich um Hilfe bittet. Eberson beauftragt die Gruppe Heisters vor Ort zu recherchieren und Bernd Heisters schickt Jonathan Lärpers Freundin Akeno Duval nach Brisbane, damit sie sich dort unauffällig und undercover an der Schule umhört. Doch schon bald spitzt sich der Fall zu und Bernd muss seinem Mitarbeiter Jonathan Lärpers erlauben, zur Unterstützung ins ferne Australien zu fliegen. Als Akeno entführt wird, greift Jonathan zu drastischen Mitteln, um die Gangster zur Strecke zu bringen.

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Seitenzahl: 576

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jürgen Ruhr

Down-Under

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

XXX.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Down-Under

Thriller

Buch 14 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel (alle Bücher sind auch als Taschenbuch erhältlich):

(01) Kokain-Hotel

(02) Personen-Schutz

(03) Undercover-Auftrag

(04) Reise-Begleitung

(05) Gefahren-Abwehr

(06) Final-Tanz

(07) Austausch-Programm

(08) Spür-Nase

(09) Kaffee-Fahrt

(10) Feuerwehr-Challenge

(11) Himmelfahrts-Kommando

(12) Terror-Anschlag

(13) Rache-Feldzug

-

 Die Personen dieser Geschichte

     sind frei erfunden.

    Irgendwelche Bezüge

           zu

     irgendeiner Realität

     wären rein zufällig!

I.

„Jetzt stell dich doch nicht so an. Du benimmst dich ja wie ein kleines Kind!“ Akeno Duval legte ihre rechte Hand auf meine Wange und sah mir in die Augen. „Spring doch einmal über deinen Schatten, Jonathan.“

Akeno ist die Liebe meines Lebens. Kennen- und liebengelernt hatte ich sie bei einem Einsatz im Oman, bei dem wir fast ums Leben gekommen wären. Einen Einsatz, den wir für die CIA übernommen hatten, die uns damals als ‚Lockvögel‘ benutzte, um irgendwelche Huthi Anführer auszuschalten. Nun, die Huthis sind tot, wir aber haben mit Mühe und Not überlebt. Und uns ineinander verliebt. Das ist jetzt schon drei Jahre her und diese drei Jahre waren der Himmel auf Erden für mich. Dank Akeno.

Akeno ist Eurasierin, halb Japanerin mütterlicherseits, halb Französin und wunderschön. Manchmal kommt mir unser Zusammensein wie ein Traum vor und hin und wieder habe ich Angst, daraus zu erwachen.

Aber nicht jetzt. Jetzt spüre ich die bittere Realität und wie Akeno mich in die Wange kneift. „Sag mal, Jonathan Lärpers, schläfst du? Ich rede mit dir!“

Akeno und ich arbeiten für Bernd Heisters. Offiziell als Privatdetektive, inoffiziell als so eine Art ‚Troubleshooter‘. Unsere Gruppe - die Gruppe Heisters - kommt immer dann zum Einsatz, wenn die staatlichen Institutionen an ihre Grenzen stoßen und diese Grenzen sind oftmals die zur Illegalität. Und natürlich arbeiten Akeno und ich nicht alleine für Bernd. Eine ganze Reihe von ‚Adrenalin - Junkies‘ haben sich dem Kampf gegen das Verbrechen verschrieben. So wie zum Beispiel Sam, der mit vollem Namen Samuel L. Terbarrus heißt und Doktor der Molekularen Medizin ist. Was immer das auch sein mag. Sam ist gerade einmal einen Meter achtundsechzig groß und Asiate. Eine reine Kampfmaschine.

Aber ‚Kampfmaschinen‘ sind wir mehr oder weniger alle, denn Bernd unterhält in mehreren deutschen Städten Krav Maga Studios und wir trainieren regelmäßig unsere Kampfkünste. Bernd konnte aber auch - für unser Studio in Mönchengladbach-Güdderath - einen sehr guten Lehrer engagieren. Thomas Friedlich, von allen lediglich ‚Dozer‘ genannt, unterrichtete einst an einer Schule für Personenschutz in Rendsburg. Als meine Kollegin Christine Weru und ich dort einen Lehrgang absolvierten, hat Dozer sich in sie verguckt und er folgte ihr nach Mönchengladbach - auch, wenn seine Liebe unerwidert bleibt. Und jetzt arbeitet Dozer als Kampftrainer für Bernd.

Christine kenne ich schon ewig lange. Einst fungierte sie als meine Sekretärin zu einer Zeit, da ich mich gezwungenermaßen als freier Detektiv versuchte. Das liegt aber schon Ewigkeiten zurück und endete ziemlich rasch, als eine chinesische Triade mein Büro in der Rheydter Innenstadt abfackelte. Und das gesamte Wohnhaus gleich mit. Damals war es Bernd, der mir mein Leben rettete und es begann eine herzliche Freundschaft zwischen uns.

Weiterhin gehört zu unserer Gruppe noch die blonde Jenny. Sie ist unser ‚Mädchen für alles‘ und hält das Krav Maga Studio am Laufen. Dagegen denke ich an Birgit Zickler lieber nicht. Die ausgeflippte Kleine mit ihren Einssechsundsechzig ist ein wenig ... eigen. Insbesondere, seitdem sie eine Spezialausbildung beim israelischen Geheimdienst, dem Mossad absolvierte. Aber sie ist ein Mensch, auf den man sich voll und ganz verlassen kann. So wie wir alle ...

„Was ist jetzt, Jonathan?“, holte Akeno mich in die Wirklichkeit zurück. „Machst du jetzt mit oder willst du weiter in der Ecke stehen und schmollen?“

„Ich stehe nicht in der Ecke“, erwiderte ich. „Diese Escape - Scheiße war wirklich eine Schnapsidee! Besonders, da der da dabei ist.“ Ich zeigte auf den alten, dicken Mann auf der gegenüberliegenden Seite. Dieser knapp einen Meter fünfundsechzig große, übermäßig dicke Kerl mit den schütteren, grauen Haaren würde mich irgendwann einmal ins Grab bringen.

„Weser ist doch in Ordnung“, lächelte Akeno. „Der ist doch eigentlich ein ganz netter Typ.“

Ich schüttelte den Kopf. Herr Weser war alles andere als nett. Grantig, ungehobelt und von einer dominierenden Art, schien er nicht einmal nach all den Jahren, die ich ihn leider schon ertragen musste, in der Lage zu sein, meinen Namen richtig auszusprechen. Oder er wollte es einfach nicht.

Weser war auch der Grund dafür, dass wir uns jetzt in diesem geschlossenen Raum befanden, der sich ‚Escape - Room‘ schimpfte und so etwas wie die zurzeit ultimative Freizeitbeschäftigung darstellte. Eine Gruppe von Leuten wurde in einen Raum gesperrt und konnte zusehen, wie sie da wieder herauskam.

Kinderkram!

Man sollte irgendwelche Rätsel lösen und das auch noch innerhalb eines vorgegebenen Zeitlimits. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr und stellte fest, dass uns noch achtundvierzig Minuten von ehemals sechzig verblieben.

Eigentlich hätte Christine - Chrissi - hier an unserer Stelle sein sollen, denn Weser hatte meine Kollegin zu diesem ‚ultimativen‘ Event eingeladen. Leider aber musste Chrissi kurzfristig zu einer Tante nach Spanien reisen, weil die beim Fensterputzen verunglückt war und sich einen Arm und ein Bein gebrochen hatte. Tja, die meisten Unfälle passieren halt im Haushalt. Warum diese Tante aber ausgerechnet die Fenster ihrer Ferienwohnung im schönen Cartagena putzen musste, war mir ein Rätsel. Nun, Christine spricht ganz passabel Spanisch und eilte ihrer Tante direkt zu Hilfe.

Akeno bot sich dummerweise an, sie bei dieser Escape - Room Sache zu vertreten, damit Herr Weser nicht um sein Vergnügen gebracht würde.

Was für ein Scheiß!

Warum ich mich dann aber von ihr überreden ließ, auch noch teilzunehmen, wird mir auf Ewig ein Rätsel bleiben. Ausgerechnet an einem Samstagnachmittag, an dem zum ersten Mal in diesem Jahr die Sonne richtig schön warm vom Himmel schien, mussten wir uns hier in diesem düsteren Raum einsperren lassen!

Allerdings - wenn Akeno mir in die Augen blickt und mich anlächelt, schwindet mein Wille dahin.

„Lümpers, nun kommen sie schon“, ließ Weser sich vernehmen. Er fummelte an irgendeinem Gegenstand, während die restlichen Teilnehmer der Gruppe um ihn herumstanden und Maulaffen feilhielten. Aber Weser hatte dieses Rätsel für sich beansprucht und jeder Versuch der anderen, auch einmal Hand anzulegen, erstickte er im Keim. „Sie stehen da nur wie blöd rum, Lörsers. Das ist eine Teamaufgabe ...“

Die anderen Rätselmitglieder waren durchweg jünger als wir. Direkt neben Weser befand sich Frederic. Ein mageres Bürschchen mit runder Nickelbrille, ungepflegten Haaren und Kleidung, die vermutlich aus einem Altkleidercontainer stammte. Aber vielleicht mussten die jungen Leute heutzutage ja so herumlaufen, um ihren ‚Lifestyle‘ zum Ausdruck zu bringen. Frederic blickte missbilligend auf Weser und man sah ihm an, dass er am liebsten mit dem alten Mann den Platz getauscht hätte. Aber Weser fummelte unbeirrbar an dem kleinen Gegenstand herum, den ich schließlich als Zahlenschloss an einer Holztruhe identifizierte.

Auf der anderen Seite neben Weser stand die blonde Sofie mit dem schulterlangen Haar und sie sah dem Alten interessiert zu. Der Rock, den sie trug, war ein wenig zu kurz, was aber ihre sonnenbankgebräunten Beine sehr gut zur Geltung brachte. Und den begehrlichen Blick von Ronald auf sich zog, der wahrscheinlich eher an Sofie, als an die zu lösenden Rätsel dachte. Ronald trug einen militärisch kurzen Haarschnitt, war athletisch gebaut und eher der Sportlertyp, denn ein Rätsellöser und Denker. Soweit ich das beurteilen konnte, hatte sich Ronald der Gruppe nur wegen Sofie angeschlossen.

„Also Jonathan“, holte Akeno mich aus meinen Betrachtungen zurück, „hilfst du Herrn Weser jetzt oder nicht?“

„Der soll diesen Frederic mal ranlassen“, knurrte ich, „der scheint von solchen Sachen eher eine Ahnung zu haben.“

„Ja sicher.“ Akeno lächelte mich an. „Wer aber könnte Schlösser schneller und besser knacken, als du?“

„Christine, vielleicht? Oder Birgit?“, gab ich zurück und musste daran denken, wie oft wir schon Wohnungstüren mit einem Dietrich geöffnet hatten. Ich seufzte. „Okay, okay, ich mach ja schon mit. Obwohl ... Ich tu’s nicht für Weser, sondern für dich.“

„Hauptsache du hilfst ihm. Der arme Mann scheint ja an dem Schloss zu verzweifeln.“

„Der arme Mann sollte sich nicht immer so in den Vordergrund drängen und auch die anderen zum Zuge kommen lassen. Teamwork.“ Ich gab Akeno einen flüchtigen Kuss und gesellte mich zu der kleinen Gruppe. Mein Schatz folgte mir lächelnd.

„Ah, da sind sie ja endlich, Klärpers. Das wurde ja auch langsam Zeit. Denn wie sie ja wissen, können wir nicht auf Ewig hier herumtrödeln. Also, was schlagen sie vor?“„Dass wir das Schloss öffnen?“ Irgendwie verstand ich seine Frage nicht so recht.

„Ach, der Herr Ölpers ist aber ein rechter Schlaumeier! Was meinen sie denn, was ich hier versuche? Leider ist das nicht so einfach, wie sie denken. Denken sie denn überhaupt?“

Ich ging auf seine Beleidigung nicht ein, sondern streckte meine Hände nach dem Schloss aus. Mit ein wenig Fingerspitzengefühl ließe sich das Schloss bestimmt in Sekundenschnelle öffnen. Aber so weit kam es nicht, denn Weser haute mir auf den Handrücken.

„Nichts da, Finger weg. Dieses Schloss öffne ich.“

Ich stöhnte. „Dann machen sie schon.“

„Ja klar, Sölders. Vielleicht verraten sie mir ja auch die Nummer, die ich einstellen muss?“

„Soll ich mal?“, meldete sich Frederic zaghaft, doch Weser ignorierte ihn geflissentlich.

„Eins - zwei - drei - vier“, sagte ich und verkniff mir ein Grinsen.

„Was soll das sein? Ein Lied?“, Weser sah mich kopfschüttelnd an. „Eins - zwei - drei - vier marschieren wir?“

„Das ist die Nummer. Eins - zwei - drei -vier.“ Ich tat, als wäre ich felsenfest von dem überzeugt, was ich sagte.

„Ja sicher, Mümplers. So einfach wird das ja wohl nicht sein. Aber gut, wenn sie darauf bestehen ...“ Er hob theatralisch die Arme - so als würde er irgendwelche Manschetten zurückstreifen müssen, wackelte mit den dicken Wurstfingern in der Luft herum und gab ein ‚Tatata‘ von sich. Dann blickte er die anderen Rätselteilnehmer verschwörerisch an und meinte: „Sesam öffne dich.“

„Truhe“, korrigierte ich. „Truhe öffne dich. Oder besser noch Holztruhe.“

„Klugscheißer“, fauchte Weser und wackelte weiter mit den Fingern herum. „Sie sind ein Besserwisser und Klugscheißer, Gärpers. Warum sind sie eigentlich mitgekommen? Ich habe sie jedenfalls nicht eingeladen.“

„Würden sie jetzt, das Schloss öffnen?“, meldete sich Sophie zu Wort. „Die Zeit läuft und es warten noch eine Menge Rätsel auf uns.“

Ich bemerkte, dass Ronald ihr beide Hände auf die Schultern gelegt hatte und sie dies ohne Einwand geschehen ließ. Kein Wunder, dass die beiden schnellstmöglich aus dem Loch hier entfliehen wollten ...

Übrigens: Da hatten sie etwas mit mir gemeinsam.

Weser drehte die kleinen Rädchen an dem Zahlenschloss mit spitzen Fingern. „Eins“, zählte er laut mit und machte dann eine Pause, um die Spannung zu erhöhen. „Zwei ...“ Bei ‚vier‘ sprang das Schloss zu meiner Überraschung wirklich auf.

„Na, wie habe ich das hinbekommen?“, strunzte der dicke Mann und rieb sich die Hände. „Man muss halt nur den Herrn Weser ranlassen.“

Während er sich Beifall heischend umsah, nutzte der dürre Jüngling die Gelegenheit, die Truhe zu öffnen und einen in Plastikfolie eingeschweißten Zettel herauszuziehen. Triumphierend hielt er das Stück hoch und las vor: „Zählst du von Süden drei Quadrate und wählst dann das fünfte gen Osten, so wird dir die Lösung näherkommen. Diese Truh...“

Weser sah Frederic böse an und grapschte ihm den Zettel aus der Hand. Dann las der alte Mann laut vor: „Zählst du von Süden drei Quadrate und wählst dann das fünfte gen Osten, so wird dir die Lösung näherkommen.“ Mit einem zweifelnden Gesichtsausdruck sah er sich in der Runde um und legte den Zettel zurück in die Truhe. „Und was soll der Scheiß jetzt?“

Frederic schien die eher rhetorische Frage ernst zu nehmen und erklärte: „Das ist ein Rätsel, das es zu lösen gibt. Aber da stand do...“

„Ach, da wäre ich ja nie draufgekommen“, unterbrach ihn Weser. „Und hast du auch eine Erklärung parat, was damit gemeint ist?“

Frederic schüttelte den Kopf. „Da müssen wir drüber nachdenken.“

„Und damit sind alle gemeint“, fuhr Weser nun Sophie und Ronald an, die sich leise unterhielten und dabei lachten. Erschrocken fuhren die beiden zusammen. „Was ist damit gemeint?“

„Womit?“, fragte Ronald.

„Mit dem, was auf diesem dämlichen Zettel steht, natürlich. ‚Zählst du von Süden drei Quadrate und wählst dann das fünfte gen Osten, so wird dir die Lösung näherkommen.‘ Was könnte damit gemeint sein?“

„Der Boden“, meldete sich Akeno. „Die Bodenplatten sind quadratisch. Wir müssen lediglich die richtige Platte finden. Vielleicht steht auf einer eine Botschaft, ein weiterer Hinweis.“

Weser sah Akeno wohlwollend an. „Wenigstens einer, der mitdenkt. Genauso wird es sein! Also, wo ist diese ominöse Bodenplatte?“

„Wir müssen zunächst bestimmen, wo Süden ist“, insistierte Frederic. Was in diesem halbdunklen Raum vermutlich nahezu unmöglich wäre.

Ich sah mich um. Vielleicht gab es ja irgendwo einen Hinweis auf die Himmelsrichtung? Während Ronald und Sophie jetzt fast über den Boden krochen, um dort eine Inschrift oder etwas zu finden, suchte ich nach Anzeichen auf mögliche Himmelsrichtungen. Ich ließ meinen Blick schweifen, konnte aber nichts entdecken, was darauf hinweisen könnte.

„Ich glaube, ich habe etwas gefunden“, ließ sich Ronald vernehmen, der aufgeregt auf eine Stelle am Boden deutete. Sofort stürmte die Gruppe zu ihm.

„Was steht denn da, junger Mann?“ Weser beugte sich über Ronald, doch auf die Entfernung würde er garantiert nichts lesen können. Dazu hätte der Alte sich zunächst auf die Knie begeben müssen. „Ich kann nicht lesen, was da steht.“

„Ich auch nicht“, gab Ronald zu. „Es ist zu dunkel hier drin und die Schrift ist nur ganz klein. Hat denn keiner eine Taschenlampe?“

Nein, eine Taschenlampe hatten wir nicht und unsere Handys mussten wir am Eingang abgeben. Sonst wäre es ja auch zu einfach gewesen!

„Ich habe ein Feuerzeug“, piepste Sophie und kramte in ihren Taschen herum. „Hier Ronald.“

„Prima, das wird mir weiterhelfen.“ Ronald entfachte die Flamme und hielt sie dicht über den Boden. „Wer... Wernin... Werningerode Bodenbeläge GmbH“, las er schließlich stotternd vor.

Weser lachte meckernd. „Ja, das ist natürlich der entscheidende Hinweis!“

Stöhnend verteilte sich die Gruppe wieder im Raum. Wenn schon dieses Rätsel so schwierig war, wie wären dann erst die anderen? Beim Gedanken daran, dass wir vermutlich die erste Gruppe sein würden, die schon direkt zu Anfang scheiterte, musste ich schmunzeln.

„Es muss doch eine Lösung geben, Leute. Denkt doch mal nach!“ Das hatte Frederic nett gesagt, doch wir taten ja nichts anderes, als nachdenken.

Scheiß Escape Room!

Roland suchte jetzt mit Hilfe des Feuerzeugs den Boden ab und Sophie kroch neben ihm her. Hin und wieder hörte ich die beiden kichern und ich fragte mich, ob sie der Aufgabe auch wirklich ernsthaft nachgingen.

Weser stand jetzt wieder vor der kleinen Holztruhe und nahm den Zettel mit dem Hinweis, den Frederic vorgelesen hatte wieder heraus. Plötzlich lachte er und ich dachte, dass der Mann jetzt vollkommen irre geworden wäre. „Hah, lieber Frederic, du hättest den Hinweis komplett lesen sollen! Hier steht nämlich noch: ‚Diese Truhe ist der Nordwand zugewandt.‘“ Der dicke Mann sah sich triumphierend um. „Hier ist Norden, hier ist Norden. Ja, wenn ihr euren Herrn Weser nicht dabeihättet!“

„Das wollte ich vorhin noch vorlesen, bevor sie mir den Zettel aus der Hand gerissen haben“, murrte Frederic und er klang ziemlich beleidigt. „Ich hatte ja noch nicht alles vorgelesen!“

„Papperlapapp“, gab Weser von sich und schritt durch den Raum. „Drei Quadrate hier lang, sieben Quadrate da lang. Gleich haben wir’s.“

„Fünf, Herr Weser“, korrigierte ihn Sophie. „Erst drei und dann fünf. Nicht sieben.“

Schließlich fanden wir die ominöse Platte doch noch und Ronald suchte mit der Flamme nach einer Aufschrift. „Hier steht nichts. Naja, fast nichts. Auf der Ecke steht nur ‚Werningerode Bodenbeläge GmbH‘, genau wie bei der anderen auch.“

„Und vermutlich wie bei allen Platten hier im Raum“, knurrte ich. Dieses Rätselraten ging mir allmählich auf den Wecker. Draußen schien die herrlichste Sonne, der Frühling schickte seine ersten Boten auf die Erde und wir krochen hier in dem finsteren Verließ herum.

Ronald wollte sich erheben und stützte sich auf der Platte ab, die ein klackendes Geräusch von sich gab. „Da hat was geklackt“, gab er unnötigerweise von sich. „Die Platte ist locker!“

Jetzt drängte sich Weser wieder in den Vordergrund. „Schau mal nach, ob sich das Ding öffnen lässt“, wies er den jungen Mann an.

Wie sich herausstellte, ließ sich die Bodenplatte wirklich öffnen und wieder befand sich ein Zettel in dem kleinen Raum darunter. Weser nahm das - ebenfalls in Folie eingeschweißte - kleine Blatt direkt an sich und las vor: „Die Lösung naht, findest du den versteckten Knopf, den es zu drücken gilt. Doch gib Acht, nicht jede Wand scheint das zu sein, was sie ist.“

„Das kann sich nur auf die Wände beziehen“, jubelte Frederic aufgeregt.

„Ja, steht ja da“, ätzte der Alte. „Aber was hat das zu bedeuten?“

„Dass eine Wand nicht das ist, was sie zu sein scheint“, erklärte ich, um mich auch wieder einzubringen. „Vielleicht gibt es ja irgendwo wieder so einen Druckmechanismus wie bei der Bodenplatte.“

„Sehr gut, Jölpers. Da wäre ich zwar selbst draufgekommen, doch es ist schön, dass sie noch aktiv mitdenken. Also Leute, sucht die Wände ab!“

Das kleine Geheimfach in der Wand konnten wir schnell finden und wieder war es Weser, der sich vordrängte und den winzigen roten Knopf darin drücken wollte. „Mit diesem Finger“, er hob theatralisch seinen Zeigefinger, „werde ich uns aus unserem Verlies befreien.“

„Nun mach schon Opa, und quatsch nicht so viel“, grummelte Ronald, was ihm einen bösen Blick von Weser einbrachte.

„Junger Mann, wann ich welchen Knopf drücke, das bleibt doch wohl mir überlassen. Mit deinen unqualifizierten Bemerkungen verdirbst du nur das ganze Spiel! Außerdem ...“ Weser legte eine theatralische Pause ein, „bin ich kein Opa. Der umgangssprachliche Begriff ‚Opa‘ bezeichnet den Großvater. Dazu muss man aber zunächst ein Großvater sein, also Enkelkinder haben. Und das ist bei mir nicht der Fall. Hast du das verstanden, junger Mann?“

Ronald nickte ergeben, doch ich bemerkte, wie er die Augen verdrehte.

„Herr Weser“, mahnte ich, „uns läuft die Zeit davon. Also drücken sie endlich auf den verdammten Knopf.“

Langsam führte Weser seinen Finger zum roten Knopf.

„Kann ich mein Feuerzeug wiederhaben?“, meldete sich Sophie in diesem Moment und Weser hielt mitten in der Bewegung inne.

Ronald lachte. „Wie lautet das Zauberwort?“

„Aber dalli?“

„Das sind zwei Wörter. Wie wäre es mit ‚Bitte‘?“

Wesers Finger schwebte immer noch über dem Knopf. Wann würde der Dicke endlich draufdrücken?

„Bitte Ronald, kann ich mein Feuerzeug wieder haben?“

„Na geht doch, hier.“

„Könnte ich - bitte - einen Augenblick Ruhe bekommen?“ Weser klang ungehalten. „Bei dem Lärm kann ich mich nicht konzentrieren.“

Das Feuerzeug klackte, dann war es totenstill. Weser führte noch eine letzte kreisende Bewegung mit dem Finger in der Luft durch, dann drückte er endlich den Knopf.

In dem Moment, als er zudrückte, erscholl lautes Sirenengeheul und rote Lichter begannen hektisch zu blinken. Der auf- und abschwellende Ton nervte und plötzlich sahen mich alle an.

Bis ich bemerkte, dass sie an mir vorbeischauten und ich drehte mich langsam um.

Sophie stand mit brennender Zigarette direkt unter dem Rauchmelder und paffte genüsslich blauen Qualm an die Decke.

Innerhalb von fünf Minuten war die Feuerwehr vor Ort und befreite uns aus dem Escape Room, während das gesamte Gebäude evakuiert wurde. Herr Weser hatte sich zwar noch gewehrt, doch zwei kräftige Männer trugen ihn kurzerhand aus dem Gebäude. Zwei Feuerwehrwagen der freiwilligen Feuerwehr, sowie ein Rettungswagen standen mit blinkenden Lichtern auf dem Parkplatz vor dem Gebäude, wo sich mehrere Grüppchen von Menschen gebildet hatten.

Ich freute mich, endlich die Sonne wiederzusehen.

„Verdammt, Klöppers, das war doch nicht notwendig“, raunzte Weser mich an. Die besorgten Sanitäter hatten ihm eine goldfarbene Rettungsdecke um die Schultern geschlungen, die ihn jetzt beim Gehen behinderte. Trotzdem stürmte er schnellen Schrittes auf mich zu. „Gärpers, sie können einem alten Mann auch das kleinste Vergnügen versauen! Sind sie deswegen mitgekommen, um mir eins auszuwischen?“

Ich streckte beide Arme von mir. „Hallo? Herr Weser, der Alarm war nicht meine Schuld.“ Dann musste ich ein Grinsen unterdrücken: „Wer hat denn den Alarmknopf gedrückt? Das waren doch sie?“

Weser sah mich verdutzt an, doch Akeno wusste, mir die Pointe zu versauen: „Keine Sorge, lieber Herr Weser. Der Alarm wurde durch Sophies Zigarette ausgelöst.“

Hatte sie wirklich ‚lieber Herr Weser‘ gesagt?

„Trotzdem ...“ Weser drehte sich abrupt um, stolperte über die Rettungsdecke und wäre beinahe hingefallen, hätte ihn nicht einer der Sanitäter aufgefangen.

II.

Unser Abenteuer vom Samstag war natürlich das Gesprächsthema, als wir am Montagvormittag im Planungsraum saßen und auf Bernd warteten. Akeno musste die Geschichte wieder und wieder erzählen. Birgit und Jennifer amüsierten sich köstlich und sogar ich konnte der Sache eine belustigende Note abgewinnen, war doch ich diesmal nicht der Sündenbock.

Dieser ‚Planungsraum‘ ist Bestandteil unserer Detektei mit dem sinnvollen Namen ‚Argus‘, die sich in einem Gebäude befindet, das Bernd vor einigen Jahren günstig von einer insolventen Firma erwarb. Diese Firma hatte sich auf das Digitalisieren von Dokumenten spezialisiert und eine grandiose Bauchlandung damit hingelegt. Jetzt befanden sich unsere Büros hier und natürlich auch der Planungsraum, der früher wohl für Meetings herhalten musste. Obwohl - was wir jetzt hier veranstalteten waren im Grunde ja auch ‚Meetings‘. Aber meine Gedanken schweiften ab ...

Jennifer plante eigentlich, nur kurz zu bleiben, um uns Brötchen, kalte Getränke und Kaffee zu bringen, doch dann war letztlich sie es, die jedes kleinste Detail der Rettungsaktion wissen wollte. Mein treuer Freund Bingo, der Malinois, ließ sich dabei von ihr wohlig streicheln und lag wieder einmal auf dem Rücken, um sich Bauch- und Brustpartie verwöhnen zu lassen.

„Warum sind wir eigentlich hier?“, unterbrach ich schließlich die vier gackernden Frauen und sah Jennifer eindringlich an. „Ich meine, gibt es einen besonderen Grund?“

Die Blonde zuckte mit den Schultern. „Soweit mir bekannt ist, geht es um eine Angelegenheit des Herrn Oberstaatsanwaltes Eberson“, berichtete sie. „Das ist vermutlich auch der Grund, warum Bernd noch nicht hier ist. Er wartet noch auf Eberson. Aber mehr weiß ich auch nicht.“ Sie erhob sich. „Ich muss auch wieder rüber. Bestimmt erfahren wir gleich mehr ...“

Nachdem sie verschwunden war, meinte Akeno zu meinem Entsetzen: „Das müssen wir mal gemeinsam machen. So ein Escape - Room Abenteuer. Für uns als Gruppe wäre die Lösung der Rätsel doch bestimmt ein Klacks.“

Birgit nickte und zog ihr übergroßes Messer hervor, das sie immer bei sich trug. „Wenn ich das hier benutzen darf ...“

Ich lächelte. Aber nicht über Birgits Idee, die Escape - Room Rätsel mit Hilfe ihres Kampfmessers zu lösen, sondern darüber, dass mit Sicherheit ein aufregender Auftrag auf uns wartete. Ein Auftrag, bei dem die Gruppe Heisters voll und ganz gefordert sein würde.

Wir mussten noch gut und gerne fünfzehn Minuten warten, bis Bernd mit Sam und dem Oberstaatsanwalt den Raum betrat. „Guten Morgen meine Damen, hallo Jonathan“, begrüßte Bernd uns. Eberson und Sam wünschten uns ebenfalls einen guten Morgen und der Oberstaatsanwalt nahm am Kopfende Platz. Akeno schenke Kaffee in die bereitstehenden Becher und ich griff beherzt zu einem Mettbrötchen, was mir missbilligende Blicke einbrachte. Leider befanden sich davon nur vier auf dem Teller und man konnte nie wissen, wie lange der Vorrat verfügbar war.

„Greif zu, Jonathan“, konnte sich Bernd eine Bemerkung nicht verkneifen und ich lächelte ihn dankbar an. Bernd wusste, sich um mein leibliches Wohl zu sorgen.

Oberstaatsanwalt Eberson kam direkt zum Thema: „Meine Damen, mein Herr, ich freue mich sie heute begrüßen zu dürfen, auch wenn Frau Weru nicht bei uns weilt. Leider ist der Anlass, weswegen ich mich heute in ihrer Mitte befindet, alles andere als schön. Aber sie können sich denken, dass es wieder einmal um eine Sache geht, die den Einsatz und die Schlagkraft der Gruppe Heisters erfordert.“ Er lachte freudlos und fügte hinzu: „Sonst wäre ich ja nicht hier.“

„Ist schon in Ordnung, Herr Oberstaatsanwalt“, hörte ich mich sagen und es klang eine Spur zu gönnerhaft. Bernd sah mich auch direkt merkwürdig an.

„Äh, ja“, machte Eberson und blätterte in einem dünnen Aktenhefter. „Lassen sie mich kurz etwas zu den Hintergründen sagen: Die Kinder eines Freundes meiner Familie - es handelt sich um einen Staatssekretär namens Bendersen - befinden sich seit Anfang des Jahres in einem Schüler - Austauschprogramm in der Stadt Brisbane. Die Kinder, Nais und Nakole, beide vierzehn Jahre alt, haben sich schon kurz nach Antritt ihres Aufenthaltes mit einer - nennen wir es vorsichtig ‚besorgniserregenden‘ - Information an ihren Vater gewandt. Ihrer Meinung nach würden vereinzelt Schüler ‚verschwinden‘.“

„Das klingt sehr dubios“, warf ich ein.

„Ja, Jonathan, in der Tat.“ Bernd sah mich scharf an. „Darf der Oberstaatsanwalt dann in seinen Ausführungen fortfahren? Vielleicht ohne unterbrochen zu werden?“

Ich deutete mit zwei Fingern meiner rechten Hand an, dass meine Lippen versiegelt seien.

Eberson fuhr fort: „Natürlich ist es durchaus möglich, dass Schüler vorzeitig die Schule verlassen, weil die Eltern umziehen oder sie eine andere Schule besuchen, doch laut Nais und Nakole handelt es sich durchweg um Austauschschüler oder -Schülerinnen.“

‚Das klingt wirklich dubios‘, lag mir auf den Lippen, doch ich schwieg. Stattdessen entfuhr mir: „Nette Namen. Hören sich irgendwie phantasievoll an. So nach Science-Fiction.“

„Griechische Mythologie, Jonathan“, prahlte Birgit mit ihrem unnötigen Lexikonwissen. „Es handelt sich um sogenannte Nymphen.“

„Wie die Sittiche“, erwiderte ich, dachte dabei aber an Nymphomaninnen und wurde sofort von Birgit eines Besseren belehrt.

„Nymphen der griechischen Mythologie sind weibliche Gottheiten, die als Naturgeister auftreten. Keine Vögel, Jonathan.“

„Prima, darf Herr Eberson jetzt fortfahren, nachdem das geklärt ist?“ Bernd sah mich böse an. „Und du, Jonathan, behalte deine Bemerkungen bis nach dem Meeting zurück.“

Wieder machte ich das Zeichen, dass meine Lippen versiegelt seien.

„Danke.“ Eberson raschelte mit den Papieren. „Wo war ich stehengeblieben?“

Mir lag schon eine Antwort auf der Zunge, doch ich schwieg im letzten Moment.

„Ach ja, die verschwundenen Schüler ... Natürlich könnte es sich dabei um Zufälle handeln, doch Nais und Nakole sind aufgeweckte Kinder von überdurchschnittlicher Intelligenz.“ Eberson machte eine wegwerfende Handbewegung. „Egal, wie dem auch sei - ich wollte meinem Freund Bendersen einen Gefallen tun und habe zwei meiner Leute zu einer Stippvisite nach Brisbane geschickt. Sie sollten unauffällig herausfinden, ob an der Sache etwas dran sein könnte. Leider sind die beiden bisher nicht zurückgekehrt.“

Ich grinste. „Vielleicht gefiel ihnen das Wetter in Kalifornien einfach zu gut.“ Ich erinnerte mich dunkel daran, dass es südlich von San Franzisco eine Stadt dieses Namens gab.

Eberson nickte, lächelte dann und meinte: „Diese Stadt ist aber nicht gemeint, Herr Lärpers, denn es gibt auch ein Brisbane in Australien. Es handelt sich um die Hauptstadt des Bundesstaates Queensland im Nordosten Australiens. Aber lassen sie mich fortfahren.“ Er sah mich missbilligend an: „Und obwohl in Australien zurzeit herrliches Wetter herrscht, hätten meine Mitarbeiter längst von sich hören lassen müssen. Und das ist auch der Grund, der mich heute zu ihnen führt.“

Eberson räusperte sich und trank einen Schluck Kaffee. Ich nutzte die kurze Pause, um nach dem zweiten Mettbrötchen zu greifen und plante schon die Reihenfolge der folgenden Leckereien. Birgit sah mich böse an, sagte aber nichts.

„Ich brauche jemanden vor Ort, der quasi undercover ein paar Erkundigungen einzieht. Wir haben in Australien natürlich keine offizielle Handhabe und müssen etwaige Ermittlungen den Polizeibehörden dort überlassen. In Hinsicht auf meine verschwundenen Leute - die inoffiziell und als Touristen im Land sind - wurde auch eine Vermisstenmeldung aufgegeben. Bezüglich der aus der Schule verschwundenen Kinder können wir uns nur auf die Aussage von Nais und Nakole berufen und das reicht natürlich nicht, um die Behörden dort auf den Plan zu rufen.“

Er trank erneut einen Schluck Kaffee und ich griff nach einem Brötchen mit gekochten Schinken. Doch bevor ich es mir nehmen konnte, zog Birgit den Teller auf ihre Seite und lächelte mich eiskalt an. Dann nahm sie sich selber das lecker aussehende Schinkenbrötchen und biss herzhaft hinein. Schließlich schob sie mir den Teller mit den verbleibenden Brötchen wieder zu. Rasch angelte ich mir eines mit Salami.

In der Not frisst der Teufel auch Fliegen ...

„Herr Heisters und ich haben einen Plan entwickelt, bei dem eine Person von ihnen als Lehrerin an dieser Schule eingeschleust wird. Unsere Wahl fiel dabei auf Frau Duval, die mit ihren Sprachkenntnissen geradezu prädestiniert ist für den Einsatz.“ Er sah Akeno an und fuhr fort: „Selbstverständlich setzen wir sie nur auf freiwilliger Basis ein und ich kann verstehen, wenn sie anderweitig privaten Verpflichtungen nachkommen müssen.“

Bernd erhob sich und nickte: „Das Ganze ist ein wenig kurzfristig und eigentlich hatte ich Christine für den Job vorgesehen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Wie wir aber wissen, ist sie momentan bei ihrer Tante in Spanien und es wird auch noch eine Weile dauern, bis sie dort alles geregelt hat und zurückkehren kann. Sollte es dir aber nicht möglich sein, so kann ich auch eine Kollegin aus unserer Dependance in München schicken.“

Akeno lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, Bernd, das ist schon in Ordnung. Ich übernehme den Auftrag gerne.“

Ich stöhnte leise. Hätte mein Schatz diese Entscheidung nicht zunächst mit mir besprechen sollen? Schließlich waren wir ein Paar und da bezog man den Partner doch in seine Planung ein. Außerdem waren ja noch zu wenig Details bekannt: Wie lange sollte dieser ‚Einsatz‘ dauern und wie gefährlich würde das Ganze werden? Wer gab meiner Kleinen Rückendeckung, wenn es hart auf hart kam?

Bernd nickte und sah mich an. Es schien, als würde er meine Gedanken lesen. „Es geht dabei lediglich darum, herauszufinden, ob an dem, was die Kinder erzählen, wirklich etwas dran ist. Mehr nicht. Uns ist bekannt - auch dank Nais und Nakole - dass die Schule für einige Monate eine Aushilfslehrerin sucht und da die Anzahl der Bewerber oder Bewerberinnen vermutlich recht umfangreich sein wird, brauchen wir jemanden mit wirklich guten Referenzen und Kenntnissen.“

Er sah Eberson an, der schließlich fortfuhr: „Die Referenzen dürften kein Problem sein, entsprechende Papiere lassen sich beschaffen. Ebenso wie eine umfassende Legende für Frau Duval, doch die Einzelheiten überlasse ich Herrn Heisters, der später alles mit ihnen besprechen wird. Aber Papiere genügen natürlich nicht, denn vor Ort muss die Person - also sie, Frau Duval - beweisen, dass das angegebene Wissen auch vorhanden ist. Wie mir Herr Heisters versicherte, sprechen sie neben Deutsch auch fließend Englisch, Französisch, Japanisch und auch ein wenig Arabisch. Außerdem verfügen sie über Universitätsabschlüsse in Biochemie, Informatik und Psychologie, was sie für den Auftrag geradezu prädestiniert. Und - wie Herr Heisters schon andeutete - besteht die Aufgabe lediglich darin, die Situation zu beobachten und zu beurteilen. Sie begeben sich in keinerlei Gefahr und greifen auch nicht ein, falls sie etwas Verdächtiges entdecken. Das ist dann Aufgabe der Ermittler vor Ort, mit denen unsere Abteilung nach Möglichkeit kooperieren wird. Doch bis dahin - sollte es überhaupt so weit kommen - sind sie längst schon wieder zurück in Mönchengladbach.“

Akeno nickte erneut und ein Lächeln erschien auf ihrem hübschen Gesicht. Jetzt konnte ich nicht mehr an mich halten: „Können wir uns das denn noch einmal überlegen? Ich meine, bis wann müssen wir uns entschieden haben? Es gibt da doch best...“

Eberson nickte und unterbrach mich: „Wie ich sagte, die Sache ist freiwillig. Die Details wird Herr Heisters mit ihnen besprechen. Frau Duval kann natürlich ‚Nein‘ sagen, doch sie ist die erste Wahl.“

Akeno blickte mir fest ins Gesicht und meinte: „Nein, da gibt es nichts zu überlegen. Ich freue mich schon, Kinder im australischen Brisbane zu unterrichten. Und sei es auch nur für ein paar Monate. Und dank meiner Ausbildung hier weiß ich mir im Notfall auch zu helfen ...“

Der Oberstaatsanwalt nickte. „Dann überlasse ich Herrn Heisters alles Weitere.“ Er sah sich in der Runde um: „Ich würde sie bitten, über das hier Besprochene Stillschweigen zu bewahren. Auch im Interesse von Frau Duval, die sich keinerlei Gefahr aussetzen soll. Danke für ihre Aufmerksamkeit, ich muss sie jetzt leider alleine lassen, da die Pflicht ruft.“ Er packte seine Unterlagen zusammen und erhob sich. Wenig später saßen wir alleine in dem Raum und schauten Bernd erwartungsvoll an.

III.

Kaum hatte der Oberstaatsanwalt den Raum verlassen, erhob Sam sich ebenfalls. „Brauchst du mich noch?“, fragte er Bernd und als der den Kopf schüttelte, meinte der kleine Asiate: „Ich geh dann schon mal ins Krav Maga Studio rüber.“ Er nickte uns zu und eilte Eberson hinterher.

Bernd sah mich fest an: „Selbstverständlich könnt ihr beiden euch noch darüber austauschen, ob Akeno den Job wirklich übernehmen soll, doch wie der Oberstaatsanwalt schon betonte, geht es lediglich darum, vor Ort in der Schule die Augen ein wenig offen zu halten. Akeno soll - und darf - sich nicht in Gefahr bringen. Zumal wir in Australien keinerlei offizielle Befugnisse haben und somit auch von Seiten der Behörden keine Rückendeckung bekommen. Es muss von vornherein klar sein, dass es sich lediglich um eine Aufklärungsmission handelt. Zerstreut das deine Bedenken ein wenig, Jonathan?“

Ich überlegte. Begab Akeno sich in Gefahr, wenn sie als Aushilfslehrerin an der Schule arbeitete? Eigentlich ja nicht. Sie würde lediglich an uns berichten und alle weiteren Schritte lägen dann bei Eberson. Was konnte dabei schon schiefgehen?

Andererseits: Was war mit den beiden Mitarbeitern von Eberson geschehen, die vermutlich auch nur ‚aufklären‘ sollten? Wieso waren die zwei verschwunden? Und was steckte hinter der ganzen Sache, denn ganz so harmlos konnte es ja nicht sein, wenn zwei Leute der Staatsanwaltschaft verschwanden?

Nein, meine Bedenken waren keineswegs zerstreut.

„Wir wissen zu wenig über die Sache, Bernd“, gab ich zu bedenken.

„Deswegen soll Akeno ja auch herausfinden, worum es nun wirklich geht. Ihre Legende wird wasserdicht sein und sämtliche erforderlichen Papiere haben offiziellen Charakter, werden von Eberson stammen und können eingehenden Überprüfungen standhalten. Wir tun alles Menschenmögliche, um die Sicherheit von Akeno nicht zu gefährden.“

Ich schüttelte den Kopf. „Das Ganze gefällt mir nicht, Bernd. Wenn hinter den angeblich verschwundenen Kindern wirklich Verbrecher stecken, werden sie auch versuchen, Näheres über Akeno herauszufinden. Und dann ist es ein Leichtes, die Spur bis hierher zu verfolgen.“

„Wie ich schon sagte, ihre Legende wird wasserdicht sein. Außerdem fungiert Akeno dort unter einem falschen Namen, so dass keinerlei Verbindung hierhin - ja nicht einmal nach Deutschland - besteht. Und es handelt sich lediglich um den Job als Aushilfslehrerin, bei dem sie in keinerlei illegale Machenschaften hereingezogen werden sollte.“

Mir fiel eine Frage ein, die bei näherer Betrachtung immer mehr an Bedeutung gewann. „Bernd, warum wird an der Schule eigentlich eine Aushilfslehrerin gesucht? Hat sich Eberson dazu geäußert?“

Mein Freund nickte mit ernstem Gesicht. „Ja, das hat er. Denn die Frage habe ich ihm ebenfalls gestellt. Es wäre ja schließlich durchaus möglich, dass eine Lehrerin wegen Krankheit, Urlaub oder einer Schwangerschaft ausfällt. Das ist aber leider nicht der Fall.“

„Sondern?“, hakte ich nach. Mein ungutes Gefühl verstärkte sich.

„Die Lehrerin, für die Ersatz gesucht wird, ist von einem Wochenendtrip aus dem Outback nicht zurückgekehrt. Aber diese Information stammt ebenfalls von Nais und Nakole, denn eine offizielle Version ist nirgendwo zu finden.“

„Moment“, unterbrach ich Bernd. „Nur, um das noch einmal genau zu verstehen: Die Lehrerin ist von einem Wochenendausflug nicht zurückgekehrt, niemand weiß, wo sie sich befindet und es gibt keine Angabe, warum die Schule jemanden zur Aushilfe sucht?“

Bernd nickte. „Im Großen und Ganzen ist das so richtig. Allerdings muss kein Arbeitgeber in einer Stellenausschreibung angeben, warum er Mitarbeiter sucht. Das erfährt man in der Regel eher auf Nachfrage während des Vorstellungsgespräches. Wie gesagt, die Informationen, dass die Lehrerin verschwunden ist, stammen von den Kindern. Und die Ausschreibung der Stelle erfolgte eher lokal, also in einer der dortigen Tageszeitschriften.“

Ich sah Bernd irritiert an: „Das klingt aber doch ein wenig merkwürdig, oder? Ich meine ... konstruieren wir doch mal den Fall, dass man die Lehrerin hat verschwinden lassen. Um den Schein zu wahren, informiert man die Polizei und setzt eine Stellenanzeige in die Zeitung. Damit fällt dann kein Verdacht auf die Schule selbst. Wäre das nicht möglich?“

Bernd hob beide Hände. „Möglich wäre das, doch deine Theorie klingt ziemlich weit hergeholt. Laut Nais und Nakole scheint die Lehrerin wirklich eine Lücke hinterlassen zu haben und deswegen fällt massiv Unterricht aus. Es wird also wirklich jemand dringend für den Posten gesucht.“ Er seufzte, trank einen Schluck Kaffee und fuhr fort: „Und deswegen bleibt uns auch nur ein sehr knapper Zeitraum, um zu reagieren.“

„Das klingt - tut mir leid Bernd, wenn ich das sage - meines Erachtens wenig durchdacht. Meistens geht immer dann etwas schief, wenn die Zeit für Vorbereitungen zu knapp ist.“ Eine kleine Hoffnung keimte in mir auf, dass dieser Einsatz vielleicht doch hinfällig werden könnte: „Wie aktuell sind denn deine Informationen? Vielleicht ist die Stelle ja längst schon besetzt.“

„Die Stellenanzeige erschien heute Morgen Ortszeit Brisbane in einer Tageszeitung dort Nais hat sofort ihren Vater informiert und ihm auch einen Screenshot geschickt. Die Sache ist also brandaktuell, wenn man bedenkt, dass Brisbane uns zehn Stunden voraus ist.“

„Die Kinder scheinen ja richtig kleine Detektive zu sein“, knurrte ich. „Könnte es Akeno aber nicht gefährden, wenn diese Nais und Nie-kohle wissen, dass wir jemanden undercover einschleusen?“

„Nakole, Jonathan“, seufzte Bernd. „Natürlich werden die beiden nicht in unsere Pläne eingeweiht und Akeno darf auch bezüglich dieser Angelegenheit keinen Kontakt mit ihnen aufnehmen. Alle Informationen, die uns die Kinder geben, laufen über den Vater.“

„Trotzdem“, beharrte ich. „Das klingt mir alles zu unausgegoren. Es wird doch seine Zeit dauern, eine vernünftige Legende für Akeno auszuarbeiten, die auch in jeder Hinsicht wasserdicht ist. Und dann sind da noch die Papiere, die zunächst beschafft werden müssen. Das braucht Zeit. Wie stellst du dir das alles vor?“

Bernd nickte ernst. „Akeno müsste heute noch nach Australien fliegen, wobei sie einen Umweg über Japan nimmt. Sie reist natürlich unter einem falschen Namen und während sie sich auf dem Flug - oder besser den Flügen - befindet, sorgen wir dafür, dass ihre Herkunft nachvollziehbar plausibel erscheint.“

„Was auch immer das heißen mag“, grollte ich. Hier wurde wieder etwas mit der heißen Nadel gestrickt und meine geliebte Akeno unnötig in Gefahr gebracht. „Wie soll das eigentlich mit den Papieren gehen?“, fragte ich dann. „Wenn Akeno heute schon fliegen soll, dann braucht sie doch auch gültige Papiere auf diesen ‚falschen‘ Namen.“

„Dafür hat der Oberstaatsanwalt Eberson schon gesorgt“, gab Bernd zögernd zu. „Die notwendigsten Reisedokumente für Akeno habe ich schon von ihm bekommen.“

„Moment mal“, hakte ich nach. „Soll das bedeuten, dass Eberson von Anfang an davon ausgegangen ist, dass Akeno die Sache übernehmen wird?“

Mein Freund druckste ein wenig herum: „Nun ... ja und nein. Es ist lediglich eine Option. Akeno kann natürlich noch ‚Nein‘ sagen. Es wird aber alles unternommen, um sie und ihre Tarnung bestmöglich zu sichern. Jonathan. Es geht jetzt primär darum, keine Zeit zu verlieren. Wir haben leider nur ein geringes Zeitfenster, um jemanden an der Schule einzuschleusen. Danach ist der Zug abgefahren und es wird schwierig, direkt an die Quelle heranzukommen. Aber - ich kann dich beruhigen: Eberson hat nicht nur Papiere für Akeno vorbereitet, sondern auch für die Kollegin aus München. Ihr bleibt also die freie Wahl, ob sie den Auftrag übernimmt, oder nicht.“

Was Bernd da sagte, beruhigte mich nicht im Mindesten, doch immerhin versteiften er und der Oberstaatsanwalt sich nicht auf Akeno. Trotzdem ... so ganz ohne Rückendeckung wollte ich meinen Schatz nicht in die Höhle der Löwen schicken. Auch wenn wir noch nicht einmal wussten, ob an den Informationen von dieser Nais und Nie-kohle überhaupt irgendetwas dran war. „Hmm“, machte ich, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen. „Ich finde, wir sollten Akeno aber nicht alleine dahin schicken. So ganz ohne Rückendeckung ...“

Bernd nickte ernst. „Okay, Jonathan. Doch momentan gibt es keine wirkliche Gefahrensituation. Und für eine Aushilfslehrerin an der Schule ohnehin nicht. Allerdings würde ich im Notfall natürlich sofort jemanden zusätzlich nach Brisbane schicken, das kannst du mir glauben.“

„Im Notfall? Was soll das für ein Notfall sein? Wenn Akeno bereits tot oder verschwunden ist? Bernd, dann wird es zu spät sein.“

Mein Freund sah mich ernst an. „Sobald Akeno entscheidet, ob es notwendig wird, Verstärkung anzufordern. Das kann schon an ihrem ersten Tag an der Schule sein, das kann aber natürlich auch später erfolgen. Außerdem bekommen wir ja regelmäßig Informationen der beiden Kinder, so dass wir die Situation jederzeit einschätzen und aktiv werden können.“

„Okay“, gab ich mich zerknirscht geschlagen. Zumal Akeno mich schon eine Weile sehr intensiv ansah. Ich hatte den Eindruck, als würde sie sich jetzt schon auf die Aufgabe freuen.

„Jonathan, sobald ich den Eindruck gewinne, es gäbe auch nur die geringste Gefahr, werde ich Bernd informieren. Das verspreche ich dir“, meldete sich meine Kleine jetzt.

Was mich aber irgendwie auch nicht beruhigte.

„Können wir dann jetzt die Details besprechen?“, fragte Bernd. „Außerdem ...“ Er schob Birgit und mir jeweils einen schmalen Hefter hin. „Außerdem habe ich für euch einen Job. Nichts wirklich Aufregendes, aber irgendwie müssen wir ja auch unser Geld verdienen.“

Ich stöhnte leise. Ein Job zusammen mit Birgit. Das hatte mir gerade noch gefehlt.

Bernd fuhr fort: „Macht euch mit den Unterlagen vertraut und seht zu, dass ihr euch irgendwie arrangiert. Es geht um einen Firmenmitarbeiter namens Freismann, der angeblich geheime Forschungsergebnisse an die Konkurrenz verkauft. Industriespionage also. Eure Aufgabe besteht hauptsächlich darin, den Mann rund um die Uhr zu observieren und entsprechende Beweisfotos zu liefern. Alle Details findet ihr in dem Dossier.“

„Wer ist denn der Auftraggeber?“, wollte ich wissen. „Wurden wir als Detektei beauftragt?“

Bernd nickte. „Der Auftrag stammt vom Inhaber des Unternehmens, einem gewissen Dr. Sven Gnadner. Es handelt sich um eine kleine, aber innovative Firma namens ‚Gnadner-Innovations‘, die sich mit der Entwicklung von Sonargeräten und einer neuen Art der Kommunikation unter Wasser beschäftigt. Worum es genau geht, erfahren wir natürlich nicht, das ist aber auch nicht relevant. Eure Aufgabe besteht lediglich darin, herauszufinden, ob dieser Freismann Geheimnisverrat betreibt oder nicht. Allerdings ist die Sache Top-Secret, was bedeutet, dass ihr gegenüber Dritten kein Wort über diesen Auftrag verlauten lassen dürft. Aber - wie gesagt - Details findet ihr in den Unterlagen. Und noch eins: Ihr berichtet nur an mich. Tretet nicht mit dem Inhaber oder sonstigen Angestellten der Firma in Kontakt. Das ist wichtig, damit kein unnötiges Misstrauen innerhalb der Belegschaft geschürt wird. Darauf hat Dr. Gnadner bestanden. Euer Auftrag besteht also lediglich darin, Informationen zu beschaffen“, schärfte er uns noch einmal ein. „Ihr sollt weder eingreifen, wenn es zur Übergabe von Dokumenten kommt, noch gibt es irgendwelche Notwendigkeiten, den Mann zu befragen.“ Jetzt sah er Birgit warnend an, was mir ein leichtes Lächeln entlockte.

„Ja, alles klar“, nickte ich und griff zu dem letzten Brötchen auf dem Teller. Auch wenn es mit Leberwurst belegt war, so musste es nicht unbedingt umkommen.

Birgit nickte ebenfalls und sah mich forschend an. Ahnte die Bunthaarige, dass ich eher ‚ungerne‘ mit ihr zusammenarbeitete? Diesmal allerdings würde es wohl kaum zu einer Konfrontation mit irgendwelchen Gesetzlosen kommen, so dass ihre rigiden Methoden nicht zur Anwendung gelangen dürften. Trotzdem wusste ich, dass ein Job mit Birgit zusammen, garantiert in Stress ausartete. Da war mir die wesentlich ruhigere Christine als Partnern tausend Mal angenehmer.

„Gibt es sonst noch Fragen? Jonathan, Birgit?“ Bernd blickte uns abwechselnd an. Ich schüttelte den Kopf und auch Birgit äußerte sich entsprechend. „Gut, dann kommen wir zu den Details von Akenos Einsatz. Birgit, Jonathan, wollt ihr beiden euch zurückziehen, um euren neuen Einsatz zu besprechen?“

„Wenn du nichts dagegen hast, würde ich gerne noch im Meeting bleiben, Bernd“, erklärte ich. Schließlich interessierte mich, wie Akenos Einsatz aussehen sollte.

Birgit schien eher weniger interessiert zu sein, denn die Kleine mit den bunten Haaren erhob sich und nickte Bernd zu: „Ich schau mir schonmal die Unterlagen an. Falls ihr mich braucht, bin ich in meinem Büro.“

Als sie sich erhob, hielt Bernd Birgit noch zurück: „Einen Moment noch, Birgit. Bevor ihr euch in den Auftrag stürzt, noch eine Info zum Ablauf: Ich möchte, dass ihr heute Mittag schon mit der Observation beginnt. Laut meinen Informationen befindet sich Arnold Freismann, bis zur Mittagspause in seiner Firma. Danach verlässt er regelmäßig gegen zwölf Uhr das Gebäude und fährt zu einem Restaurant. Birgit, du wirst dich frühzeitig vor dem Firmengebäude postieren und ihm folgen. Nimm eine Kamera mit starkem Objektiv mit, um Fotos zu schießen, wenn er sich mit jemandem in dem Restaurant trifft.“

Bernd sah mich an und lächelte: „Du, Jonathan, kümmerst dich um Akeno. Ihr habt dann noch etwas Zeit, euch zu verabschieden. Du bringst sie rechtzeitig zum Flughafen nach Düsseldorf und sorgst dafür, dass sie den Flug auch nicht verpasst. Alle erforderlichen Unterlagen bekommt ihr von Jennifer. Danach stößt du zu Birgit. Wie ihr die Sache mit der Observation regelt, bleibt euch überlassen.“

Birgit nickte und ich tat es ihr gleich.

IV.

„Gut, kommen wir zu Akenos Auftrag“, meinte Bernd und nahm eine andere Akte zur Hand. „Wie gesagt, handelt es sich lediglich darum, herauszufinden, was an den Informationen von Nais und Nakole wirklich dran ist. Du mischst dich in nichts ein, vermeidest alles, was dich irgendwie mit der Sache in Zusammenhang bringen könnte und stellst auch keinen direkten Kontakt zu den beiden Kindern her.“ Er lachte kurz auf und fuhr fort: „Natürlich vorausgesetzt, dass du den Job in der Schule bekommst.“

„Na, das scheint ja heute der Tag des ‚Nicht Einmischens‘ zu sein“, grunzte ich. Akeno und Bernd sahen mich indigniert an.

„Und wenn nicht?“, überging Akeno meine Bemerkung. „Wie soll ich vorgehen, falls die Entscheidung zu Gunsten eines anderen Bewerbers oder einer anderen Bewerberin ausfällt?“

„Dann müssen wir improvisieren. Du bleibst auf jeden Fall in Brisbane.“

Akeno nickte und fragte: „Wo werde ich wohnen? Im Hotel?“

„Nein. Der Oberstaatsanwalt Eberson hat Bekannte in Brisbane, bei denen du unterkommst. Sobald es definitiv feststeht, dass du den Auftrag übernimmst, wird Eberson die Leute über dein Kommen informieren, wobei das Ehepaar über den wirklichen Grund deiner Anwesenheit natürlich nicht informiert wird. Über dieses Ehepaar - ältere Leute mit dem Namen Bennett - wirst du auch mit den Kindern Nais und Nakole in Kontakt kommen. Die Bennetts sind es auch, die quasi ‚ein Auge‘ auf die beiden haben.“

„Okay“, lächelte Akeno. „Herr Eberson kann die Leute jederzeit informieren. Ich bin dabei.“

Bernd nickte und zückte sein Handy. Dann sah er abwechselnd Akeno und mich an. „Ganz sicher? Jonathan, noch irgendwelche Einwände?“

Ich fühlte mich geschmeichelt, überhaupt gefragt zu werden, doch auch ich nickte und gab ein kurzes ‚Okay‘ von mir. Bernd drückte eine Kurzwahlnummer und sprach daraufhin kurz in das Gerät.

„Gut, das wäre geklärt. Eberson informiert die Leute und du wirst am Flughafen von Brisbane abgeholt werden.“ Es war meinem Freund anzumerken, dass ihm ein Stein vom Herzen fiel. „Details zu Ebersons Bekannten findest du in der Akte. Ich möchte aber, dass die Unterlagen nicht das Land verlassen. Es darf keinerlei Hinweise auf deine wirkliche Herkunft geben, falls irgendjemand in Brisbane deine Sachen durchsuchen sollte.“

Mein ungutes Gefühl verstärkte sich wieder, doch ich schwieg.

„Laut deiner Legende - und den Zeugnissen, Ausweisen, et cetera - stammst du aus der Stadt Moriya, die in der Nähe Tokios liegt. Mach dich auf den Flügen nach Brisbane mit Details über Moriya und Tokio vertraut, falls jemand Fragen dazu stellt. Du hast in Tokio gelebt, bist dann nach Deutschland gekommen, um zu studieren und wieder nach Tokio zurückgekehrt.“ Er lachte erneut leise. „Somit wird deine Legende ein wenig der Wirklichkeit entsprechen.“

„Also fliege ich von Düsseldorf nach Tokio und von dort aus nach Brisbane?“

Bernd nickte. „Genau. Eberson wird - oder ist gerade schon dabei - zu deiner Absicherung eine Wohnung in Tokio auf deinen Namen anmieten. Details zu dieser Unterkunft bekommst du während des Fluges.“

„Ist das nicht ein Schwachpunkt?“, mischte ich mich ein und meine Bedenken steigerten sich ins Unermessliche. Die ganze Sache hatte vorne und hinten Haken. „Bei einer Überprüfung lässt sich doch leicht feststellen, dass ‚Akeno‘ noch nicht allzu lange Mieterin der Wohnung ist. Außerdem lassen sich doch die Flugdaten mit ein wenig Recherche leicht herausfinden ...“

„Ja, das könnte ein Problem werden, sofern jemand wirklich näher nachhaken sollte“, gab Bernd zu. „Wir müssen einfach darauf vertrauen, dass sich die Betreffenden - sofern wirklich mehr hinter den Informationen der Kinder steckt - sich nicht die Mühe machen werden, allzu tief zu graben. Im Grunde gibt es für die Schule - oder die entsprechenden Leute - keinen Grund, Akenos Angaben überhaupt zu hinterfragen.“

„Dein Wort in Gottes Gehörgang“, erwiderte ich unbehaglich. Das hörte sich nach einem Himmelfahrtskommando an.

Akeno winkte ab. „Im Zweifelsfall lasse ich mir etwas einfallen. Die Sache wird schon schiefgehen.“

„Naja“, meinte ich. „Was ist mit der Verbindung des Ehepaars Bennett zu unserem Oberstaatsanwalt?“ Wieder so ein Schwachpunkt in Ebersons Planung. Der ganze Auftrag wimmelte nur so von möglichen Gefahren.

Bernd hob beide Hände. „Ja, auch das könnte ein Problem werden, wenn jemand zu tief gräbt. In der Kürze der Zeit ließ sich aber leider keine andere Lösung finden. Zu deiner Beruhigung Jonathan: Die Bennetts haben in der Vergangenheit schon des Öfteren Austauschschüler aus aller Welt in ihrem Haus beherbergt.“

„Heißt das, die Kinder Nais und Nakole wohnen auch bei den Bennetts?“

„Ja, Jonathan.“

Mir wurde schlecht. Weniger durchdacht konnte ein Auftrag ja wohl kaum sein.

„Aber das dürfte kein Problem darstellen“, versuchte mein Freund mich zu beruhigen, „denn Nais und Nakole sind bisher in keiner Weise aufgefallen. Sei es durch neugierige Fragen oder irgendwelche Handlungen.“

„Wer sagt das?“

„Die Kinder selbst, Jonathan. Immerhin handelt es sich um halbwegs intelligente Nachkommen eines Staatssekretärs.“

„Dein Wort in Gottes Ohr“, wiederholte ich meine zweifelnden Worte. Aber vielleicht sah ich ja zu viele Gespenster.

Bernd blickte zu Akeno und fuhr ungerührt fort: „Nach deiner Ankunft bewirbst du dich umgehend bei der Schule. Es gibt eine zweite Akte, die alle erforderlichen Informationen über deine Gastfamilie, Australien und Brisbane in unverfänglicher Weise enthält, so dass du sie mit auf die Reise nehmen kannst. Diese Unterlagen sind auf Japanisch.“

Akeno grinste. Ich sah ihr an, dass sie sich auf das Abenteuer freute. Hoffentlich freute sich meine kleine ‚Morgenröte‘ nicht zu früh. Meine Befürchtungen verursachten ein flaues Gefühl in meinem Magen. Am liebsten wäre ich direkt mit Akeno nach Brisbane geflogen. Oder direkt alleine nach Australien, was ich Bernd auch sagte: „Bernd, sorry, aber diese ganze ‚Legende‘ bereitet mit Sorgen. Sollte ich nicht lieber mit Akeno nach Brisbane fliegen? Oder direkt nach Australien?“

Bernd schüttelte den Kopf. „Nein, dazu besteht momentan keine Veranlassung. Eberson möchte - nachdem seine beiden Mitarbeiter verschwunden sind - vermeiden, dass jemand mit Bezug zu Deutschland nach Brisbane reist.“

„Ich könnte doch nach Sydney fliegen und von dort aus nach Brisbane fahren“, schlug ich verzweifelt vor. „Damit gäbe es keinen direkten Bezug zu Akenos und meiner Ankunft.“

„Nein, das behalten wir uns für den äußersten Notfall vor“, erklärte mein Freund. „Außerdem soll sich Akeno beim kleinsten Anzeichen einer Gefahr absetzen und nach Deutschland zurückkehren.“

„Wenn es dann mal nicht zu spät ist“, knurrte ich.

„Nun mal den Teufel nicht an die Wand, Jonathan“, versuchte Akeno mich zu beruhigen. „Ich bin doch schon ein großes Mädchen und weiß mich - dank Dozer - meiner Haut zu wehren.“

„Das waren Ebersons Leute auch“, gab ich zu bedenken. „Und jetzt hat er nichts mehr von ihnen gehört.“ Gut, Akeno verfügte über eine fundierte Ausbildung im Kampfsport, doch war das kein wirklicher Schutz vor Kugeln oder eine Überzahl an Gegnern.

„Jonathan“, Bernd sah mich ernst an, „all die Bedenken, die du jetzt vorbringst, haben der Oberstaatsanwalt und ich schon besprochen. Akeno kann den Auftrag jederzeit abbrechen, falls es brenzlig wird, und sang- und klanglos aus Brisbane verschwinden. Oder unsere Hilfe anfordern. Die Entscheidung liegt letztlich bei ihr.“

„Ich komme damit klar“, erklärte mein Schatz, was mich zu einem Schulterzucken animierte. Die Entscheidung war ohnehin gefallen und ändern ließ sich jetzt wohl kaum noch etwas. Andererseits sah ich natürlich die Dringlichkeit eines schnellen Handelns ein. Was aber nicht bedeutete, dass ich mich dabei wohlfühlen musste.

„Der Kontakt mit uns wird nur über öffentliche Kanäle erfolgen“, nahm Bernd den Faden wieder auf. „Das bedeutet, dass Akeno zwar ein Smartphone erhält, doch das wird keinerlei gespeicherte Nummern beinhalten, die eine Verbindung nach Deutschland nachverfolgen lassen. Da du ja über entsprechende Kenntnisse verfügst, dürfte es dir nicht schwerfallen, per E-Mail oder über öffentliche Fernsprechverbindungen mit uns - also Jennifer - Kontakt aufzunehmen. Speicher die erforderlichen Daten in deinem Kopf.“

Akeno nickte. „Das ist kein Problem. Jennifers Rufnummer, beziehungsweise die des Krav Maga Studios habe ich im Kopf. Ebenso wie die E-Mail-Adresse. Und wie man eine E-Mail-Kontaktaufnahme verschleiert, ist auch kein Problem. Es wird nichts geben, was eine Verbindung zu Euch erkennen lässt.“

„Ja, das ist für deine Sicherheit wichtig. Hast du sonst noch Fragen?“

Akeno schüttelte den Kopf und Bernd nickte zufrieden. „Wie gesagt: Details findest du in den Akten und je mehr Informationen du im Kopf hast, desto besser. Falls möglich, solltest du dich täglich bei Jennifer melden und uns einen kurzen Bericht - entweder telefonisch oder per E-Mail - zukommen lassen. Wir zählen auf dich!“

Bernd beendete das Meeting mit ein paar aufmunternden Worten und schärfte uns noch einmal ein, pünktlich am Düsseldorfer Flughafen zu erscheinen. Akeno durfte ihren Flug auf keinen Fall verpassen.

V.

Akeno warf noch einen Blick auf die dünne Akte, dann packte sie ihre Unterlagen ein. Ich schnappte mir derweil Bingo, unseren Malinois, der gemütlich in einer Ecke gelegen hatte und sich jetzt erst einmal ausgiebig liebkosen ließ. Dann machten wir uns auf den Weg zu Akenos Wagen.

„Ich muss mir unbedingt ein neues Auto kaufen“, bemerkte ich, als ich mich auf der Beifahrerseite ihres Toyota Aygo in den Sitz quälte. Das Konzept einen derartigen Kleinwagen mit vier Türen auszustatten ging natürlich zu Lasten des Vorderraums. Naja, wenigstens ließ sich Bingo so bequem auf der Rückbank unterbringen.

„Was hindert dich daran?“, lächelte Akeno. „Immerhin ist es jetzt bald ein Jahr her, dass du deinen alten Wagen geschrottet hast. Zeit genug, dir einen neuen zuzulegen. Am Geld wird es ja wohl nicht liegen.“

„Ich habe den Wagen nicht geschrottet“, knurrte ich. „Na ja, vielleicht doch. Aber für einen guten Zweck.“ Damals versuchte ich mit meinem kleinen Kia, einen Müllwagen aufzuhalten, mit dem ein Attentäter in unser Krav Maga Studio hineinfahren wollte. In dem Müllfahrzeug hatte sich eine Bombe befunden, die unser Gebäude signifikant beschädigt hätte, wenn der Fahrer ans Ziel gelangt wäre. Dank meines Einsatzes - unüberlegten Einsatzes wohlgemerkt - gelang es mir, das schwere Fahrzeug abzulenken, so dass es ‚nur‘ gegen die Hauswand fuhr.

Leider hatte das meinen Kia Venga das Leben gekostet. Immerhin zeigte Bernd sich großzügig und spendete mir eine nicht unerhebliche Summe, für die ich mir einen guten Mittelklassewagen kaufen konnte.

Oder - damit liebäugelte ich ja eigentlich - ich griff auf meine Ersparnisse zurück und gönnte mir endlich einmal einen richtig schicken Neuwagen. Oder einen noch besseren Gebrauchtwagen, vielleicht sogar einen Porsche. Obwohl die Gangschaltung bei diesem Typ Fahrzeug wohl etwas hakelig war, was ich bitter feststellen musste, als ich damals schon zu Beginn einer Probefahrt rückwärts durch die Glasfront des Autohauses krachte.

Vielleicht dann doch lieber keinen Porsche ...

„Brauchst du denn überhaupt einen Wagen?“, fragte Akeno und beschleunigte das kleine Auto über die zulässige Höchstgeschwindigkeit, was ein unsympathisches Klappern unter dem Wagenboden zur Folge hatte. „Wir kommen doch ganz gut mit meinem zurecht.“

Ich schüttelte vehement den Kopf. „Es geht nichts über ein eigenes Auto. Die Unabhängigkeit ... Und falls ich zu Einsätzen muss, will ich ja nicht unbedingt immer auf deinen Aygo zurückgreifen.“

„Wenn Bernd dich zu einem Einsatz schickt, kannst du doch einen seiner Wagen benutzen“, bemerkte mein Schatz. „Dann hast du auch einen leistungsstärkeren Wagen.“

Natürlich hatte sie Recht. Bernd verfügte über einen Fahrzeugpool, der sich in einer Tiefgarage unter dem Krav Maga Studio befand und aus zirka zwanzig Wagen der verschiedensten Marken bestand. Unter anderem mehrere Porsche, von denen ich aber leider lediglich das SUV fahren durfte.

„Sobald ich ein wenig Zeit habe, kaufe ich mir einen neuen“, bestimmte ich. „Ein Mann ohne ein vernünftiges Auto ist kein richtiger Mann.“

Akeno stöhnte. „Männer ... Willst du damit sagen, dass mein kleines Schätzchen hier kein vernünftiges Auto ist?“

Ich schwieg.

Akeno und ich wohnten in einer kleinen Wohnung im Stadtteil Wickrath, ganz in der Nähe des Wickrather Schlosses. Die Wohnung hatte mir damals Christine vermittelt, die eine Etage unter uns wohnte. Jetzt parkte Akeno in einer Seitenstraße. Leider gab es direkt vor dem Haus keine Parkplätze. Bingo nutzte direkt die Gelegenheit, sein Revier zu markieren und folgte uns dann willig. „Viel Zeit bleibt uns aber nicht“, bemerkte ich. „Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es vielleicht noch, irgendwo zu Mittag zu essen.“

„Ich brauche nicht viel einzupacken. In Australien ist es ja warm und falls mir Sachen fehlen, organisiere ich mir in Brisbane später Klamotten.“

Wir reisten gerne mit kleinem Gepäck.„Mir gefällt die Sache nicht“, äußerte ich meine Bedenken erneut, als sich hinter uns die Wohnungstür schloss. „Der gesamte Einsatz wurde nicht gut geplant ...“

Akeno lächelte. „Das sagtest du schon im Meeting, Jonathan. Mach dir keine Sorgen, ich weiß auf mich aufzupassen. Das solltest du doch wissen. Und wie Bernd sagte, kann ich ja jederzeit um Hilfe rufen oder von dort verschwinden.“

Während ich den Malinois mit frischem Wasser und Hundefutter versorgte, kramte Akeno im Schlafzimmer herum und packte ihren Koffer. „Frauchen muss für einige Zeit nach Australien reisen“, erklärte ich dem Hund, erinnerte mich dann aber daran, dass er ja ebenfalls beim Meeting gewesen war und alles mit angehört hatte.

Diesmal übernahm ich das Steuer des Toyota, damit Akeno sich während der Fahrt zum Flughafen mit den Akten vertraut machen konnte. Sie las konzentriert in den Unterlagen und ich sah, dass mein Schatz sich die Details sorgfältig einprägte.

Am Flughafen in Düsseldorf herrschte ungewöhnlich viel Betrieb, doch uns blieb noch genügend Zeit bis zu Akenos Abflug. Wir machten es uns schließlich in einem Japanischen Restaurant auf der Abflugebene bequem. „Das ist doch genau der richtige Start in mein Abenteuer“, lächelte Akeno und studierte genussvoll die Speisenkarte.

Ich knurrte. „Dann hätten wir uns vielleicht lieber was Australisches suchen sollen. Dein Aufenthalt in Japan wird ja nicht so lange dauern.“ Ich persönlich hätte ja das Grillrestaurant bevorzugt und mir dort ein ordentliches Steak vom Grill gegönnt, doch mein Schatz fand den Japaner hier eher angemessen.

„Gibt’s hier nicht. Zumindest nicht auf der Abflugebene. Oder hast du etwas in der Richtung entdeckt?“

Ich schüttelte den Kopf und suchte ein passendes Gericht. Möglichst mit viel Fleisch. Obwohl Akeno mich inzwischen auch auf den Geschmack von frischem Fisch gebracht hatte. Fisch, den ich früher gehasst hatte wie die Pest.

„Ich nehme das Sushi. Sollen wir die Platte für zwei Personen bestellen?“

„Nein, lieber nicht. Heute ist mir nicht nach Fisch. Ich denke, dass ich mich für eines der Currygerichte entscheiden werde.“

Und dann kam der Moment des Abschiednehmens. „Pass bloß gut auf dich auf, Akeno“, schärfte ich meiner Kleinen noch einmal ein. „Denk immer an die zwei verschwundenen Mitarbeiter von Eberson.“

Akeno lachte und gab mir einen Kuss. „Du machst dir zu viele Sorgen, Jonathan.“

„Auf jeden Fall musst du mich anrufen. Jeden Tag. Bitte.“

„Das werde ich, sofern ich die Zeit dazu finde. Vergiss nicht, dass ich auch täglich einen Bericht an Jenny liefern muss und das auch noch möglichst unauffällig. Verlass dich also nicht darauf, dass ich dich jeden Tag anrufen kann.“

Wir umarmten und küssten uns noch einmal innig, dann war sie auch schon im Gewühl der Menschen verschwunden.

Ich schaute dem Flieger hinterher, bis er zwischen den Wolken meinem Blick entschwand.

Bingo wartete schon sehnsüchtig im Wagen auf mich und der Anblick meines Freundes tröstete mich ein wenig. „Jetzt sind nur noch wir zwei hier zurückgeblieben“, seufzte ich und tätschelte dem Hund den Kopf. „Dann wollen wir mal zurück an die Arbeit gehen, Birgit wird bestimmt schon auf mich warten.“

Ich kramte mein Handy hervor und drückte Birgits Kurzwahl. Nach ein paar Sekunden meldete sich die Bunthaarige. „Jonathan. Wie schaut es bei euch aus? Ist Akeno unterwegs?“

„Ja, sie ist gerade abgeflogen. Ich - also wir - könnten jetzt zu dir stoßen. Wo befindest du dich gerade?“