13,99 €
Band 4 der großen Romantasy-Saga
Um sich auf die Suche nach dem Mann zu machen, der ein großes Loch in seinem Herzen hinterlassen hat, verlässt Werwolf Carter Bennett die Geborgenheit seines Rudels. Doch die Einsamkeit setzt Carter stärker zu als er jemals gedacht hätte, und mehr als einmal ist er kurz davor, den Verstand zu verlieren. Je näher er seinem Ziel Gavin Livingstone kommt, desto tiefer dringt er in die geheimnisvolle Geschichte seines Rudels vor. Eine Geschichte, die eng mit der der Familie Livingstone verbunden ist. Hat Carters und Gavins Liebe eine Chance oder müssen die beiden für die Vergehen ihrer Väter bezahlen?
Spice-Level: 2 von 5
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 852
Veröffentlichungsjahr: 2026
Das Buch
Um sich auf die Suche nach dem Mann zu machen, der ein großes Loch in seinem Herzen hinterlassen hat, verlässt Werwolf Carter Bennett die Geborgenheit seines Rudels. Doch die Einsamkeit setzt Carter stärker zu, als er jemals gedacht hätte, und mehr als einmal ist er kurz davor, den Verstand zu verlieren. Je näher er seinem Ziel Gavin Livingstone kommt, desto tiefer dringt er in die geheimnisvolle Geschichte seines Rudels vor. Eine Geschichte, die eng mit der der Familie Livingstone verbunden ist. Hat Carters und Gavins Liebe eine Chance, oder müssen die beiden für die Vergehen ihrer Väter bezahlen?
Der Autor
Im Alter von sechs Jahren griff T. J. Klune zu Stift und Papier und schrieb eine mitreißende Fanfiction zum Videospiel »Super Metroid«. Zu seinem Verdruss meldete sich die Videospiel-Company nie zu seiner Variante der Handlung zurück. Doch die Begeisterung für Geschichten hat T. J. Klune auch über dreißig Jahre nach seinem ersten Versuch nicht verlassen. Nachdem er einige Zeit als Schadensregulierer bei einer Versicherung gearbeitet hat, widmet er sich inzwischen ganz dem Schreiben. Für die herausragende Darstellung queerer Figuren in seinen Romanen wurde er mit dem Lambda Literary Award ausgezeichnet. Mit seinem Roman Mr. Parnassus’ Heim für magisch Begabte gelang T. J. Klune der Durchbruch als international gefeierter Bestsellerautor.
Ein ausführliches Werkverzeichnis von T. J. Klune finden Sie am Ende des Bandes.
T. J. KLUNE
Ein Green-Creek-Roman
Band 4
Mit exklusiver Bonusstory
Aus dem Amerikanischen übersetztvon Michael Pfingstl
WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN
Die Originalausgabe ist unter dem Titel BROTHERSONG bei Tor Books, einem Imprint der Macmillan Publishing Group, LLC, New York, erschienen.
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe: 02/2026
Copyright © 2019 by Travis Klune
Copyright der Bonusgeschichte © 2024 by Travis Klune
Published by Tor Books, einem Imprintder Macmillan Publishing Group, LLC, New York,Copyright © 2026 der deutschsprachigen Ausgabe byWilhelm Heyne Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Straße 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Alle Rechte vorbehalten.
Redaktion: Lisa Scheiber
Umschlaggestaltung: Das Illustrat, GbR, München,nach einer Vorlage von Chris Sickels / Red Nose Studios
Satz: Schaber Datentechnik, Austria
ISBN 978-3-641-33262-4V001
www.heyne.de
Für mein rudelrudelrudel
i hear your heart
a thunderous sound
my brother and my friend
howl your song and lead me home
together ’til the end
ich höre dein herz
wie donner so laut
mein bruder, mein freund
heule dein lied und sing mich nach haus
Ein Wolf«, sagte mein Vater einmal zu mir, »ist nur so stark wie das Band zu seinem Anker. Ohne einen Anker, ohne etwas, das ihn an seine Menschlichkeit erinnert, ist er verloren.«
Ich schaute ihn mit geweiteten Augen an. Ich glaubte nicht, dass es irgendjemanden auf der Welt gab, der so groß war wie er. Er füllte mein gesamtes Gesichtsfeld aus. »Wirklich?«
Dad nickte und nahm meine Hand. Wir gingen im Wald spazieren.
Kelly hatte mitkommen wollen, aber Dad hatte Nein gesagt.
Kelly hatte geweint und erst aufgehört, als ich sagte, dass wir Verstecken spielen, wenn ich wiederkomme.
»Versprichst du es mir?«, hatte er gefragt.
»Ich verspreche es.«
Ich war damals acht, Kelly war sechs, und Versprechen zwischen uns waren heilig. Meine Hand verschwand in der meines Vaters, und ich fragte mich, ob ich einmal sein würde wie er. Natürlich kein Alpha – Joe würde der nächste Alpha werden, auch wenn ich mir nicht vorstellen konnte, wie das gehen sollte. Joe war damals zwei, und ich war höllisch eifersüchtig auf ihn, bis Kelly mir erklärte, dass das schon okay war so, denn es bedeutete, dass sich zwischen ihm und mir nie etwas ändern würde.
Danach störte es mich nicht mehr.
»Du wirst dich bald zum ersten Mal verwandeln«, sprach mein Vater weiter. »Die erste Verwandlung ist immer ein bisschen beängstigend, aber solange du dein Band hast, kann nichts passieren. Du kannst dann mit mir, Mom und dem Rest des Rudels laufen.«
»Das mache ich doch jetzt schon«, erwiderte ich.
Er lachte. »Ja, aber in Wolfsgestalt bist du schneller. Ich weiß nicht, ob ich da noch mit dir mithalten kann.«
Ich erschrak. »Aber … du bist der Alpha. Von allen.«
»Das bin ich«, bestätigte Dad. »Aber das spielt in dem Fall keine Rolle.« Er blieb unter einer großen alten Eiche stehen. »Es geht um das Herz, das in deiner Brust schlägt, und du hast ein großes Herz, Carter. Es schlägt so stark, dass ich glaube, du könntest der schnellste Wolf der Welt werden.«
»Wow«, keuchte ich. Dad setzte sich im Schneidersitz unter die Eiche und lehnte den Rücken an den Stamm und bedeutete mir, das Gleiche zu tun. Ich gehorchte eilig – nicht, dass er seine Meinung, wie schnell ich einmal sein würde, in der Zwischenzeit änderte.
Unsere Knie berührten sich, Dad lächelte und sagte: »Das Band eines Wolfs zu seinem Anker ist sehr kostbar und muss gehütet werden wie ein Schatz. Der Anker kann ein Gedanke oder eine Vorstellung sein. Das Gefühl, zu einem Rudel zu gehören, zu Hause zu sein.« Sein Lächeln verblasste leicht. »Oder das Wissen, eines zu haben. Wir leben in Maine, aber hier ist nicht unser Zuhause. Wir leben hier, weil unsere Aufgabe – meine Aufgabe – es erfordert. Doch wenn ich an mein Zuhause denke, denke ich an ein kleines Städtchen weit im Westen, und ich vermisse es entsetzlich.«
»Wir können umziehen«, schlug ich vor. »Du bist der Boss, wir können gehen, wohin wir wollen.«
Dad schüttelte den Kopf. »Ich habe Verantwortung, und dafür bin ich dankbar, aber Alpha sein bedeutet nicht, dass ich tun kann, was ich will. Ich muss die Bedürfnisse aller berücksichtigen. Dein Großvater hat mir das beigebracht. Alpha sein bedeutet, andere über sich selbst zu stellen.«
»Und das wird Joe eines Tages machen?«, fragte ich zweifelnd. Als ich ihn das letzte Mal gesehen hatte, hatte er in der Küche in seinem Kinderstuhl gesessen, während Mom ihn schimpfte, weil er sich Pommes in die Nase gesteckt hatte.
Dad lachte. »Ja, aber bis da ist es noch lange hin. Heute geht es um dich. Du bist genauso wichtig wie Joe, und für Kelly gilt das Gleiche. Auch wenn Joe eines Tages Alpha sein wird, schaut er zu euch auf. Ein Alpha braucht jemanden, dem er vertrauen kann, an dem er sich orientieren kann, wenn er unsicher ist. Du wirst stark sein müssen für ihn, und das ist auch der Grund, warum wir heute hier sitzen. Du musst jetzt noch nicht wissen, was dein Anker ist, aber du solltest allmählich anfangen, darüber nachzudenk…«
»Kann es auch eine Person sein?«
Dad überlegte. Dann: »Warum fragst du das?«
»Kann es?«
Er musterte mich lange. »Ja. Aber eine Person als Anker kann … Probleme mit sich bringen.«
»Warum?«
»Weil Personen sich verändern. Wir wachsen und lernen aus unseren Erfahrungen, sie formen uns. Manchmal ist eine Person nicht die, für die wir sie halten, oder die sie … sein sollte. Manchmal verändern sich Leute in eine unerwartete Richtung, und während wir uns wünschen, sie würden sich an die guten Zeiten erinnern, denken sie nur an das Schlechte, und ihre gesamte Welt versinkt in Dunkelheit.«
Ein Ausdruck, den ich noch nie bei ihm gesehen hatte, trat auf sein Gesicht. Mir wurde unbehaglich. Doch bevor ich nachfragen konnte, war er auch schon wieder weg. »Ist ein Anker ein Geheimnis?«
Dad nickte. »Das kann er sein. Er ist wie ein Schatz, und manche halten ihn für wichtiger, als eine Gefährtin oder einen Gefährten zu haben.«
Ich schnitt eine Grimasse. »Ich will keine Gefährtin. Mädchen sind komisch.«
Dad schmunzelte. »Ich werde dich dran erinnern, wenn es so weit ist. Ich kann es kaum erwarten, dein Gesicht dabei zu sehen.«
»Was ist deiner? Du kannst es mir verraten. Ich werde es niemandem sagen.«
Dad lehnte seinen Kopf an den Baum. »Versprichst du es mir?«
Ich nickte eifrig. »Ja.«
Wenn mein Vater lächelte – wirklich lächelte –, sah man es in seinen Augen. Es war wie ein Licht, das aus seinem Innern kam. »Ihr alle seid es. Mein Rudel.«
»Oh.«
»Du klingst enttäuscht.«
Ich zuckte die Achseln. »Bin ich nicht. Aber du redest immer davon. Rudel, Rudel, Rudel.« Ich überlegte. »Wahrscheinlich ist es nur logisch.«
»Es freut mich, dass du so denkst.«
»Ist es bei Mom auch das Rudel?«
»Ja. Oder war es zumindest. Auch ein Anker kann sich verändern. Er entwickelt sich, genau wie Leute es tun. Bei Mom war es genauso. Jetzt sind es ihre Söhne. Du, Kelly und Joe. Mit dir hat es angefangen, und mit Kelly und Joe ist es noch stärker geworden. Sie würde alles für euch tun.«
Ein Feuer entflammte in meiner Brust. Es fühlte sich warm an, wie ein sicherer Unterschlupf. »Mein Anker wird sich nie verändern.«
Dad musterte mich neugierig. »Und warum das?«
»Weil ich es nicht zulassen werde.«
»Das klingt, als wüsstest du bereits, was es ist.«
»Tue ich auch.«
Dad beugte sich vor und nahm meine Hände. »Verrätst du es mir?«
Ich sah ihn an. Ich war noch zu jung, um zu verstehen, wie tief meine Liebe zu ihm ging. Ich wusste nur, dass er hier war und mich etwas Wichtiges gefragt hatte, etwas nur zwischen uns. Ein Geheimnis. »Du darfst es niemandem sagen.«
Seine Lippen zuckten. »Nicht einmal Mom?«
Ich runzelte die Stirn. »Hm, das wäre okay, glaube ich. Aber sonst niemandem!«
»Ich schwöre es«, sagte Dad, und da er der Alpha war, wusste ich, dass er es auch so meinte.
Ich sagte: »Kelly. Es ist Kelly.«
Dad schloss die Augen. Sein Kehlkopf bewegte sich einmal auf und ab. »Warum?«
»Weil er mich braucht.«
»Das ist aber nicht …«
»Und ich brauche ihn.«
Dad öffnete die Augen wieder und ich glaubte, das Rot darin aufblitzen zu sehen. »Erzähl mir mehr darüber.«
»Er ist anders als Joe. Joe wird eines Tages Alpha sein, genauso groß und stark wie du, und alle werden auf ihn hören, weil er weiß, was richtig ist. Du wirst es ihm sagen. Aber Kelly wird ein Beta wie ich. Wir sind gleich.«
»Das stimmt.«
Ich wollte, dass er mich verstand. Richtig verstand. »Wenn ich schlecht träume, macht er sich nicht über mich lustig, sondern sagt mir, dass alles wieder gut wird. Als er diese Wunde am Knie hatte, die so lange nicht verheilen wollte, habe ich sie immer gereinigt und ihm gesagt, dass es okay ist, wenn er weint. Auch Jungs dürfen weinen.«
»Ja«, flüsterte mein Vater.
»Und ich denke die ganze Zeit an ihn«, sprach ich weiter. »Wenn ich traurig bin oder sauer, denke ich an Kelly, und dann geht es mir wieder besser. Dafür ist ein Anker doch da, oder? Es macht einen glücklich. Kelly macht mich glücklich.«
»Er ist dein Bruder.«
»Er ist sogar noch mehr als das.«
»Inwiefern?«
Ich wusste nicht, wie ich die Gedanken in meinem Kopf in Worte fassen sollte, und das frustrierte mich. In Worte, die Dad zeigen würden, wie tief es ging. Schließlich sagte ich: »Er ist alles für mich.«
Einen Moment lang glaubte ich, ich hätte etwas Falsches gesagt. Dad sah mich mit einem komischen Ausdruck an und ich wand mich unbehaglich. Aber anstatt mich zu belehren, zog er mich auf seinen Schoß und umarmte mich. Ich saß mit meinem Rücken an seine Brust gekuschelt da, als wäre ich wieder ein Welpe. Er legte sein Kinn auf meinen Kopf, ich atmete seinen Geruch ein, und eine Stimme in mir flüsterte, viel lauter als bisher:
rudelrudelrudel
»Du überraschst mich jeden Tag aufs Neue«, sagte Dad. »Ich bin sehr, sehr glücklich, dich zu haben, und wenn du sagst, dass Kelly dein Anker ist, dann ist das so. Aus dir wird ein guter Wolf werden, Carter. Ich kann es kaum erwarten, den Mann zu sehen, der du einmal sein wirst. Ganz egal, wo ich bin und was noch alles passieren mag, ich werde das Geschenk nie vergessen, das du mir heute gemacht hast. Danke, dass du dein Geheimnis mit mir geteilt hast. Ich werde es sicher bewahren.«
»Aber du gehst doch nirgendwohin, oder?«
Er lachte wieder, und obwohl ich es nicht sehen konnte, wusste ich, dass seine Augen leuchteten. »Nein. Ich gehe nirgendwohin. Noch sehr, sehr lange nicht.«
Wir saßen lange unter diesem Baum in den Wäldern um Caswell, es fühlte sich an wie Stunden.
Nur wir beide.
Als wir schließlich zurückkamen, stand Kelly auf der Veranda und kaute auf seiner Unterlippe. Als er mich sah, rannte er mir sofort entgegen. Er wäre beinahe die Stufen hinuntergefallen in seiner Eile, stürzte sich auf mich und riss mich zu Boden. Dann stieß er ein krächzendes Triumphgeheul aus, das sich kein bisschen nach Wolf anhörte.
Ich grinste ihn an. »Wow, wie stark du bist!«
Kelly zwickte mich in die Nase. »Du warst ewig weg. Warum hat das so lange gedauert? Es war langweilig ohne dich.«
»Aber jetzt bin ich wieder hier«, erwiderte ich. »Und ich werde dich nie wieder verlassen.«
»Versprochen?«
»Ja, versprochen.«
Und während ich meinen Anker an mich zog und lauschte, wie Kelly mir aufgeregt erzählte, dass Joe sich heute vier Pommes in die Nasenlöcher gesteckt hatte und Mom richtig sauer geworden war, weil Onkel Mark auch noch darüber gelacht hatte, schärfte ich mir ein, mein Versprechen einzuhalten, egal was kommen würde.
»Gott im Himmel«, fluchte ich. »Musst du mir ständig folgen? Im Ernst, Typ, verzieh dich.«
Der Timberwolf funkelte mich an.
Ich neigte den Kopf und lauschte.
Alle waren im Haus. Ich hörte Mom und Jessie in der Küche über irgendetwas lachen.
Ich schaute Richtung Wald.
Der Timberwolf schnaubte.
Ich rannte los.
Er folgte mir, schnappte im Laufen nach meinen Fersen, und ich stellte mir lachend vor, wie er in seinem Wolfshirn dachte, ja schneller schneller muss schneller rennen muss dich jagen dich fangen dich fressen. Wir rannten tief in den Wald hinein, an der Lichtung vorbei und bis zu den entlegensten Winkeln unseres Reviers. Der Timberwolf lief nie voraus, er blieb immer an meiner Seite. Wir legten Meile um Meile zurück, die Zunge hing ihm aus dem Maul, und der Frühlingsduft war so intensiv, dass ich ihn auf der Zunge schmecken konnte. Irgendwann blieb ich stehen, mein Brustkorb pumpte, meine Muskeln brannten von der Anstrengung.
Ich ließ mich fallen, lag mit ausgestreckten Armen und Beinen da, während der Wolf mit hoch erhobenem Kopf im Kreis um mich herumlief. Er schnupperte in der Luft, seine Ohren zuckten. Als er zu dem Schluss kam, dass keine Gefahr bestand, legte er sich neben mich und bettete den Kopf auf meine Brust, den Schwanz auf meine Beine gelegt. Nach einer Weile schnaubte er verärgert.
Ich rollte mit den Augen. »Ich habe einen Ruf zu wahren, Mann. Hast du eine Ahnung, wie die anderen mich verarschen würden, wenn sie das hier sehen könnten?« Ich schnippte mit dem Zeigefinger gegen seine Stirn.
Er knurrte und fletschte die Zähne.
»Ja, ja. Das war keine Übertreibung. Alle sehen, wie du mir auf Schritt und Tritt folgst. Ein Mann sollte wenigstens in Ruhe scheißen können, ohne dass ein übergroßer Köter an der Tür kratzt. Ich schaue dir schließlich auch nicht zu, wenn du im Garten dein Geschäft machst.«
Er schloss die Augen.
Ich schnippte ihm wieder gegen die Stirn. »Hör mir gefälligst zu.«
Er öffnete ein Auge wieder und sah mich an. Für einen Nicht-Menschen konnte er erstaunlich gut genervt dreinschauen.
»Ich sag ja nur.«
Er nieste mir ins Gesicht.
»Das bekommst du zurück, Arschloch«, murmelte ich und wischte mich ab. »Ich weiß auch schon, wie: Ab jetzt gibt’s nur noch Trockenfutter für dich. Das hast du jetzt davon.«
Dicke Wolken zogen über den Himmel. Eine Libelle setzte sich zwischen seine Ohren. Er legte sie prompt an. Ich musste lachen und betrachtete ihre durchschimmernden Flügel, wie sie zitterten, kurz bevor sie wieder davonflog.
Anfangs hatte seine ständige Gegenwart mich fast erdrückt, jetzt erdete sie mich. Das hätte mir mehr zu denken geben sollen, als es der Fall war.
Er schnaubte. Ich spürte seinen warmen, feuchten Atem durch den Stoff meines Hemds. Es war eine Frage ohne Worte.
»Das Gleiche wie immer. Wer, wie, warum? Du kennst das ja.«
Wer bist du?
Wie bist du so geworden?
Warum kannst du dich nicht zurückverwandeln?
Ich hatte mir diese Fragen schon tausendmal gestellt.
Der Timberwolf zog knurrend die Lefzen zurück.
»Ja, ich weiß. Lass dir so viel Zeit, wie du brauchst. Aber vielleicht … ginge es auch ein klitzekleines bisschen schneller? Ich meine, wäre es so schlimm, wenn … Hör gefälligst auf zu knurren, Idiot! Nicht in diesem Ton.«
Er stupste meine Hand an.
Ich ignorierte ihn.
Er machte es wieder, fordernder diesmal.
Ich seufzte. »Du hast es einfach zu gut bei mir, du verzogener Kläffer.« Aber ich tat, worum er mich gebeten hatte, legte meine Hand auf seinen Kopf und kraulte ihn zwischen den Ohren.
Er schloss zufrieden die Augen.
Wir ließen uns treiben. Die Welt um uns herum verschwamm zu einem Traum. Stunden vergingen, manchmal dösten wir, manchmal waren wir einfach.
Ich sagte: »Du kannst, weißt du?«
Ich sagte: »Wenn du willst.«
Ich sagte: »Ich habe keine Ahnung, was mit dir passiert ist.«
Ich sagte: »Ich habe keine Ahnung, woher du kommst oder was du durchgemacht hast.«
Ich sagte: »Aber du bist hier in Sicherheit.«
Ich sagte: »Bei uns. Bei mir. Wir können dir helfen. Ox … ist ein guter Alpha. Und Joe auch. Sie können auch deine Alphas sein. Wenn du willst.«
Ich sagte: »Und vielleicht könnte ich dann endlich deine Stimme hören. Ich meine, no homo und so, aber ich denke, es wäre … schön.«
Der Timberwolf zitterte.
Ich schaute ihn an, fürchtete, dass etwas nicht stimmte, aber das war nicht der Fall.
Der Kerl lachte mich aus.
Ich schob ihn von mir herunter. »Arschloch.«
Er rollte sich auf den Rücken, streckte die Beine in die Luft und wand sich, um sich den Rücken zu kratzen. Dann ließ er sich auf die Seite fallen und gähnte ausgiebig.
»Wäre es wirklich so schlimm, dich zurückzuverwandeln?«, flüsterte ich. »Du kannst nicht ewig so bleiben. Du darfst dich nicht an deinen Wolf verlieren. Sonst findest du irgendwann den Weg zurück nicht mehr.«
Er drehte den Kopf von mir weg.
Für heute hatte ich ihn genug gedrängt. Wir hatten Zeit.
Ich setzte mich auf und streckte die Arme über den Kopf.
Sein Schwanz klopfte auf den Boden.
»Okay, wo waren wir beim letzten Mal stehen geblieben? Ach ja, genau. Ox und Joe beschlossen also, endlich Gefährten zu werden. Woran ich, ehrlich gesagt nicht so gerne zurückdenke, schließlich ist er mein kleiner Bruder, verstehst du? Und wenn ich daran zurückdenke, würde ich Ox am liebsten sofort eine in die Fresse hauen, schließlich geht es um meinen kleinen Bruder. Aber was weiß ich schon? Die beiden haben also … nun ja, du weißt schon. Es war komisch und echt eklig, weil ich es gespürt habe. Ach, halt die Klappe, so habe ich das nicht gemeint. Ich habe gespürt, dass sie jetzt Gefährten waren. So wie die anderen auch. Es war wie ein … Licht, das in uns allen aufgeflammt ist. Mom hat gesagt, sie hätte noch nie von einem Rudel mit zwei Alphas gehört, aber bei unserem ohnehin völlig verrückten Rudel wäre es auch keine große Überraschung. Ox ist eben Ox, verstehst du? Der Werwolf-Jesus. Irgendwann kamen er und Joe also wieder nach draußen, und ich hoffe sehr, dass mein kleiner Bruder nie wieder so riecht wie an diesem Tag. Es war, als hätte er sich in Sperma gewälzt. Kelly und ich mussten würgen von dem Gestank. Wir haben ihn damit aufgezogen, wie es nur ging. Es war ein guter Tag.«
Ich sah den Timberwolf an.
Er beobachtete mich mit violetten Augen.
»Das war schon mal der erste Teil. Aber wir müssen noch über Mark und Gordo sprech…«
Seine Muskeln spannten sich und sein Schwanz zuckte bedrohlich.
Ich hörte auf, ihn zu kraulen. »Warum reagierst du jedes Mal so, wenn ich Gordo auch nur erwähne? Ich weiß, dass Livingstone sehr wahrscheinlich für deinen Zustand verantwortlich ist, aber dafür kann Gordo doch nichts. Komm mal klar, Mann! Gordo ist ein guter Mensch. Und außerdem ein Idiot, aber das bist du auch. Ihr beiden habt mehr gemeinsam, als du glaubst. Manchmal habt ihr sogar den gleichen Gesichtsausdruck.«
Er schnappte nach meinen Fingern.
Ich ließ mich lachend ins Gras sinken und verschränkte die Hände hinterm Kopf. »Schön, ganz wie du meinst. Wir müssen heute nicht mehr darüber reden. Morgen ist auch noch ein Tag.«
Wir blieben, bis sich der Himmel mit orangen Streifen überzog.
Es war ein kalter Wintermorgen, ich setzte mich zum letzten Mal hinter den Schreibtisch meines verstorbenen Vaters und fragte mich, was er jetzt von mir denken würde.
Er hatte einmal zu mir gesagt, dass man schwierige Entscheidungen immer mit kühlem Kopf treffen muss. Nur so könne man sichergehen, dass man auch die richtige trifft.
Es war still im Haus. Alle waren fort.
Mein Vater war ein stolzer Mann gewesen, ein starker Mann. Es hatte eine Zeit gegeben, da glaubte ich, er könne gar nicht das Falsche tun, dass er allmächtig war und allwissend.
Aber das war er nicht.
Für jemanden wie ihn, der aus einer langen Linie von Alphawölfen stammte, machte er unglaublich menschliche Fehler, tat Leuten unrecht oder vertraute den Falschen.
Ox.
Joe.
Gordo.
Mark.
Richard Collins.
Osmond.
Michelle Hughes.
Robert Livingstone.
In ihnen allen hatte er sich getäuscht. Oder ihnen unrecht getan.
Aber er war mein Vater.
Ich liebte ihn.
Wenn ich mich anstrengte, konnte ich ihn beinahe riechen im Gerippe dieses Hauses und in der blutgetränkten Erde unseres Reviers.
Ja, ich liebte ihn.
Aber ich hasste ihn auch.
Das war es wahrscheinlich, was es bedeutete, ein Sohn zu sein: so sehr an jemanden zu glauben, dass man ihn für unfehlbar hielt, bis man es eines Tages nicht mehr tat. Thomas Bennett war nicht unfehlbar, er war nicht perfekt gewesen. Das wusste ich jetzt.
Seit ein paar Tagen stand ich wie vor einem Abgrund.
Ich hatte gezögert, doch dann war mir klar geworden, dass ich mich schon lange in freiem Fall befand. Ich hatte es nur nicht gemerkt. Und jetzt fiel mir der letzte Schritt leichter, als ich erwartet hatte. Alles war vorbereitet. Ich hatte meine Bankkonten leer geräumt und meinen Seesack gepackt. Alle Vorbereitungen waren getroffen, um zu tun, was ich tun musste.
Was mich zu diesem Moment geführt hatte.
Dem Moment, nach dem nichts mehr so sein würde wie früher.
Ich starrte den Bildschirm auf dem Schreibtisch vor mir an.
Mein Spiegelbild starrte zurück, aber ich erkannte es nicht. Dieser Carter hatte einen leblosen Blick und dunkle Ringe unter den Augen. Dieser Carter hatte abgenommen, seine Wangenknochen standen kantig hervor. Dieser Carter war blass. Dieser Carter wusste, was es bedeutete, etwas Kostbares zu verlieren, und war dennoch im Begriff, alles nur noch schlimmer zu machen. Dieser Carter hatte unendlich viel durchgemacht, und was hatte es ihm gebracht?
Dieser Carter war mir fremd, und doch war er ich.
Meine Hand zitterte, als ich sie auf die Maus legte. Ich wusste, wenn ich es jetzt nicht tat, dann nie.
Aber wozu?, flüsterte mein Vater. Du bist ein Wolf, aber du bist auch ein Mensch. Du tust, was du kannst, und doch musst du bluten. Warum willst du es noch schlimmer machen? Warum tust du dir das an? Deinem Rudel? Ihm?
Ihm.
Denn darauf lief alles hinaus, immer.
Was auch der Grund war, warum sein Name das Erste war, was ich sagte, nachdem ich das Aufnahmesymbol angeklickt hatte.
»Kelly, ich …«
Oh, all die Dinge, die ich hätte sagen können. Das schiere Ausmaß dessen, wie viel er mir bedeutete. Als ich jung war, sagte meine Mutter einmal zu mir, dass ich meine erste Liebe niemals vergessen würde. Selbst wenn alles dunkel und verloren schien, würde diese Erinnerung in mir strahlen wie eine kleine Sonne.
Sie hatte von einem imaginären Mädchen gesprochen.
Oder einem Jungen.
Sie ahnte nicht, dass ich meiner ersten Liebe bereits begegnet war.
Meine Kehle war trocken.
Ich war entsetzlich müde.
»Ich liebe dich mehr als alles auf der Welt. Bitte vergiss das nie. Ich weiß, dass es dich verletzt, und das tut mir leid, aber es geht nicht anders.«
Ich schaute weg, konnte den Anblick dieses gebrochenen Mannes nicht mehr ertragen.
»Es gab da diesen kleinen Jungen, und er ist das Beste, was mir je passiert ist. Er hat mir den Mut gegeben, für meine Überzeugungen einzustehen und für die zu kämpfen, die mir am Herzen liegen. Er hat mir die Macht von Liebe und Brüderlichkeit gezeigt und mich zu einer besseren Person gemacht.«
Ich versuchte ein Lächeln, um ihm zu zeigen, dass es mir gut ging. Es breitete sich über mein Gesicht aus, fremd und hart, und schließlich zerbrach es.
»Du, Kelly«, sagte ich heiser, »du bist das Beste, das mir je passiert ist.«
Ich schaute aus dem Fenster. Auf der Scheibe waren Eisblumen. Draußen begann es zu schneien. »Meine erste Erinnerung ist, wie Mom dich auf den Armen hält und ich dich sofort nehmen und vor der ganzen Welt verstecken will, damit niemand dir je Schaden zufügen kann.« Sie war verschwommen, an den Rändern ausgefranst wie ein altes Foto. Meine Mutter war ungeschminkt und trug einen Jogginganzug. Ihre Haut sah so weich aus, während sie leise sprach, aber ich hörte sie kaum, denn das kleine Wesen auf ihren Armen überstrahlte alles.
Eine winzig kleine Hand streckte sich mir entgegen, die Finger öffneten und schlossen sich.
Und dann hörte ich sie doch, ganz am Rand meines Bewusstseins. Es waren nur vier Worte, die mich für immer veränderten.
Sie sagte: »Schau. Er kennt dich.«
Damals verstand ich das Erdbeben nicht, das dieser Satz in mir auslöste.
Ich piekste den Kleinen in seine feiste Wange, staunte, wie mein Finger darin versank, und er blinzelte mich mit seinen blauen, blauen Augen an.
Er machte ein Geräusch, ein kleines Quieken, und es war, als würde ich zum zweiten Mal geboren.
»Du bist meine erste Liebe«, sprach ich in dem leeren Büro weiter, verloren in der Erinnerung, wie sich seine kleine Hand um meinen Zeigefinger schloss. »Du hast immer gelächelt, sobald du mich gesehen hast. Es war, als würde ich in die Sonne schauen.«
Ich schluckte schwer und riss meinen Blick vom Fenster los.
»Du bist mein Herz«, sagte ich zu ihm im vollen Wissen, dass er mir möglicherweise nie verzeihen würde. »Und meine Seele. Ich liebe Mom. Sie hat mich Güte gelehrt. Ich liebe Dad. Er hat mir beigebracht, ein guter Wolf zu sein. Ich liebe Joe. Er hat mir beigebracht, dass wahre Stärke von innen kommt.«
Der Atem stockte mir in der Brust, aber ich kämpfte mich durch. Ich musste ihm das sagen. Er musste wissen, warum. »Aber du warst mein wichtigster Lehrer. Denn mit dir habe ich gelernt, das Leben zu verstehen. Was es bedeutet, jemanden von ganzem Herzen bedingungslos zu lieben. Hoffnung und eine Aufgabe im Leben zu haben. Ich war beinahe mein gesamtes Leben lang dein großer Bruder, und das war das Beste, was mir je passieren konnte. Ohne dich wäre ich nichts.«
Das Atmen tat mir weh. »Ich weiß, dass du wütend sein wirst. Aber ich hoffe, du verstehst mich, zumindest ein bisschen.« Ich schaute wieder auf den Bildschirm. »Denn da ist dieses Loch in meiner Brust. Diese Leere. Und ich kenne den Grund dafür. Es ist wegen ihm.«
Gehe. Mit dir. Lass. Sie.
»Ich muss ihn finden, Kelly. Ich muss, denn ohne ihn werde ich immer das Gefühl haben, dass ein Teil von mir fehlt. Ich hätte dir besser zuhören sollen, nachdem Robbie verschwunden war. Ich hätte härter für dich kämpfen sollen. Damals habe ich dich nicht verstanden. Aber ich tue es jetzt, und es tut mir leid. So unendlich leid. Vielleicht will er nichts von mir wissen. Vielleicht …«
Nein. Bleib. Weg. Ich … will euch nicht. Will … kein Rudel. Keinen Bruder. Will dich nicht. Du. Bist ein Kind. Ich … bin nicht wie ihr. Will kein Rudel.
»Ich muss es versuchen«, sprach ich flehend weiter. »Ich weiß, Ox, Joe und die anderen suchen nach ihm, nach ihnen beiden, aber das reicht nicht. Er hat uns gerettet, Kelly. Das sehe ich jetzt. Er hat uns alle gerettet. Und ich muss das Gleiche für ihn tun.«
Das Blut rauschte in meinen Ohren, mein Gesichtsfeld verengte sich und ein entsetzliches Gewicht senkte sich auf meine Brust, ich bekam kaum noch Luft.
Ich sagte: »Ich habe dir einmal ein Versprechen gegeben. Ich habe dir versprochen, dass ich immer zu dir zurückkommen werde. Das habe ich ernst gemeint, und das tue ich auch heute noch. Ich werde immer zu dir zurückkommen. Egal, wo ich bin, egal, was ich gerade mache, ich werde an dich denken und mir den Tag vorstellen, an dem wir uns wiedersehen. Ich weiß nicht, wann das sein wird, aber wenn es so weit ist und du mich zur Schnecke gemacht hast, wenn du mich genügend angebrüllt hast, dann umarme mich bitte, als würdest du mich nie wieder loslassen.«
Ich wollte weitersprechen, wollte noch mehr sagen, aber das Gewicht erdrückte mich. Ich senkte den Kopf und grub meine Klauen in den Schreibtisch. »Scheiße. Ich bekomme keine Luft mehr. Ich …«
Meine Schultern begannen zu beben.
Ich ließ sie.
Meine Augen brannten und ich verschluckte mich an einem Schluchzer. Ich musste es zu Ende bringen, solange ich noch konnte.
Es fühlte sich schon jetzt zu spät an. Für mich. Für ihn. Für uns alle.
»Ich möchte, dass du eines nicht vergisst, okay? Immer, wenn der Mond voll und hell am Himmel steht und du für ihn singst, heule ich denselben Mond an wie du und singe für dich. Nur für dich.«
Ich wischte mir über die Augen. Der Fremde auf dem Bildschirm verschwamm, sein starrer Blick sah gequält aus, verloren. »Ich liebe dich, kleiner Bruder, mehr als ich mit Worten ausdrücken kann. Sei stark. Sorge dafür, dass Joe aufrichtig bleibt. Mach Ox die Hölle heiß. Lehre Rico, ein Wolf zu sein. Zeig Chris und Tanner, wie groß dein Herz ist. Umarme Mom und Mark für mich. Sag Gordo, er soll nicht so griesgrämig sein. Sag Jessie, sie soll jeden in den Arsch treten, der aus der Reihe tanzt. Und liebe Robbie mit allem, was du hast.«
Und, bei Gott, ich hatte noch so viel mehr zu sagen. Es gab so vieles, das ich ihm nie verraten hatte, so vieles, das er noch wissen musste. Dass ich nur dank ihm zu einer guten Person geworden war. Dass unser Vater stolz auf ihn wäre. Dass ich mich, als ich mich an den Omega in mir verloren hatte und spürte, wie er mich mit seinen Klauen in einen violetten Ozean hinabzuziehen drohte, mit aller Macht an den zerfledderten Resten meines Bands zu ihm festgehalten hatte.
Wegen dir bin ich noch am Leben, wollte ich sagen. Aber ich tat es nicht.
Ich sagte: »Ich werde zu dir zurückkommen, und niemand wird uns je wieder wehtun.«
Ich sagte: »Wir seh’n uns, okay?«
Und das war’s.
Ein ganzes Leben, zusammengestutzt auf wenige Minuten, in denen ich mein Rudel anflehte, meine Entscheidung zu verstehen.
Ich beendete die Aufnahme.
Ich dachte darüber nach, sie zu löschen.
Es wäre so leicht.
Nur ein einziger Klick, und alles wäre vergessen: löschen, aufstehen und das Büro verlassen. Mich auf die Veranda setzen, warten, bis jemand nach Hause kommt, und ihm oder ihr alles erzählen. Vielleicht wäre es Mom. Sie würde lächeln, wenn sie mich sieht, aber das Lächeln würde verblassen, sobald sie den Ausdruck auf meinem Gesicht bemerkt. Sie würde zu mir eilen und ich würde ihr sagen, dass ich dabei bin, den Verstand zu verlieren. Dass ich erst gemerkt hatte, was Gavin für mich ist, als es bereits zu spät war. Dass ich härter um ihn hätte kämpfen sollen, ihm sagen, dass er nicht mit Robert Livingstone gehen darf, dass er mich nicht verlassen darf. Nicht jetzt, wo ich endlich begriffen habe, was ich längst hätte begreifen sollen.
Vielleicht wäre es auch Kelly. Vielleicht spürte er, dass etwas nicht stimmte. Vielleicht würde er jeden Moment mit heulender Sirene und quietschenden Reifen vor dem Haus anhalten und mit einer Mischung aus Sorge und Zorn aus seinem Streifenwagen gesprungen kommen. »Was tust du da?«, würde er mich anfahren.
»Ich weiß es selber nicht«, würde ich antworten. »Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll, Kelly. Was passiert mit mir? Bitte, bitte rette mich. Fessle mich, halte mich, lass mich nicht gehen. Schrei mich an, schlag mich, was auch immer. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.«
Ich drückte auf Speichern und stand auf.
Jetzt oder nie.
Bevor ich aus dem Büro ging, drehte ich mich ein letztes Mal um.
Einen Moment lang glaubte ich, meinen Vater hinter dem Schreibtisch stehen zu sehen. Er streckte mir eine Hand entgegen.
Ich blinzelte.
Es war niemand da.
Ich ging und schloss die Tür hinter mir.
Und trotzdem …
Ich zögerte, als ich hinaus auf die Veranda trat.
Ich redete mir ein, der Grund wäre, um mir alles noch einmal anzusehen – diesen Ort, unser Revier. Ein letztes Mal den Geruch meines Zuhauses einzuatmen, bevor ich es für wer weiß wie lange verlassen würde.
Aber das war gelogen.
Ich schaute die Schotterstraße entlang.
Schnee fiel in dicken Flocken und blieb an den Bäumen hängen.
Niemand kam.
Ich wartete.
Aus einer Minute wurden zwei, dann drei, sieben.
Als zehn Minuten vergangen waren, wusste ich, dass ich jetzt gehen musste oder gar nicht.
Ich nahm meinen Seesack.
Trat von der Veranda.
Ging zu meinem Truck.
Ich stieg ein und starrte auf das Haus.
Ich stellte mir vor, Kelly säße neben mir auf dem Beifahrersitz.
Er sagte: »Halt dich fest.«
Er sagte: »So fest du kannst.«
Er sagte: »Ich weiß, dass es wehtut.«
Er sagte: »Ich weiß, wie das ist.«
Meine Hände umklammerten das Lenkrad. »Ja«, flüsterte ich.
Ich öffnete seufzend die kleine Außentasche an meinem Seesack und holte ein Foto heraus. Ich berührte die erstarrten, lächelnden Gesichter meiner Brüder und legte es hinter dem Lenkrad aufs Armaturenbrett.
Dann fuhr ich los.
Als ich weit genug gefahren war, hielt ich an und sammelte all meine Kraft.
Ich spürte die Bande in mir, stark und lebendig.
Konnte ich das überhaupt?
Ich konnte es.
Es war leichter, sie zu durchtrennen, als ich mir vorgestellt hatte. Zumindest am Anfang. Erst ganz zum Schluss musste ich die Tür aufstoßen und mich übergeben. Mein Gesicht war nass von Schweiß, während ich würgte.
Ich hatte einen säuerlichen Geschmack im Mund und spuckte aus.
»Kelly«, stammelte ich. »Kelly, Kelly, Kelly.«
Es genügte.
Das Band zu ihm.
Ich richtete mich wieder auf und schaute in den Rückspiegel.
Der Fremde schaute zurück.
Ich ließ meine Augen blitzen.
Sie waren immer noch orange.
Ich zog die Tür wieder zu und atmete einmal tief durch.
Ich schaute hinaus auf die Straße.
Es war weit und breit kein anderes Auto zu sehen.
Ich fuhr weiter.
Ein paar Minuten später kam ich an einem Schild vorbei, auf dem stand, dass ich Green Creek, Oregon, jetzt verließ und bald wiederkommen sollte.
Das würde ich.
Es war ein Versprechen.
Es war so:
Ich wurde geboren.
Ich erinnerte mich nicht.
Ich wurde eins.
Ich erinnerte mich nicht.
Ich wurde zwei.
Ich erinnerte mich nicht.
Aber an danach erinnerte ich mich.
Denn meine Mutter war wieder da. Sie saß auf einem Stuhl und sah müde aus, aber glücklich. Sie hatte sich die Haare zu einem zerzausten Dutt gebunden, ihre Haut schimmerte.
Sie sagte: »Carter, möchtest du deinen Bruder kennenlernen?«
Er war in ihrem Bauch gewesen, aber jetzt war er da. Mein Vater stand in der Tür und sah zu.
Das sind meine einzigen Erinnerungen. Ich weiß nicht, wie ich in das Zimmer gekommen war. Wo ich vorher gewesen war und was ich dort gemacht hatte. Es spielte keine Rolle. Denn das hier war groß.
Sehr.
Mein Vater sagte: »Sei vorsichtig.«
Meine Mutter hielt ein runzliges rosa Ding auf den Armen. Es hatte eine Nase und einen Mund und zusammengekniffene Augen. Es gähnte.
»Meiner?«, fragte ich.
»Ja«, sagte meine Mutter. »Deiner. Unserer.«
»Meiner«, wiederholte ich. Ich wollte das rosa Ding nehmen und irgendwohin bringen, wo niemand es anfassen würde, denn es war meins.
Mein Vater sagte: »Nein, Carter. Du bist noch zu klein. Du könntest ihm wehtun.«
»Nicht wehtun«, erwiderte ich. »Nicht.«
»Ja«, bestätigte meine Mutter. »Wir tun ihm nicht weh. Niemand tut Kelly weh.«
»Kelly«, sagte ich.
»Dein Bruder«, sagte mein Vater.
»Kelly, Kelly, Kelly.«
Er sah mich an und streckte mir die Arme entgegen.
»Meiner«, flüsterte ich.
Es war so:
Ich hörte Geschrei.
Gordo brüllte.
Mein Vater brüllte.
Meine Mutter weinte.
Kelly lag in seinem Bettchen. Seine Arme bewegten sich.
»Kelly«, sagte ich und stellte meinen Stuhl neben das Bett, was nicht einfach war, denn ich war noch klein. Kelly begann zu wimmern. Ich stieg auf den Stuhl und kletterte über das Gitter. Ich sei ein guter Kletterer, sagte mein Vater später.
Ich war vorsichtig, denn ich wollte meinem Bruder auf keinen Fall wehtun.
Ich kauerte mich neben ihn und legte ihm die Hände über die Ohren, denn ich war ein Wolf und er auch. Wölfe haben ein sehr gutes Gehör und es war laut.
Gordo schrie immer noch. Mein Vater redete beschwörend auf ihn ein. Meine Mutter klang, als würde sie schluchzen.
Ich sagte: »Kelly«, da schlug er mir mit der Hand gegen den Kopf. Es war keine Absicht. Es tat nicht weh.
Ich dachte an das, was meine Mutter immer machte, wenn Kelly so war. »Ist ja gut«, sagte ich und streichelte seine Wange. »Ist ja gut.«
Kelly hörte auf zu weinen und sah mich mit feuchten Augen an.
Ich küsste ihn auf die Nase.
Er lächelte.
Es war so:
Kisten.
Überall waren Kisten, alles war eingepackt.
»Wir ziehen um«, sagte mein Vater.
»Warum?«, fragte ich.
»Weil wir müssen.«
»Warum?«, fragte ich.
»Weil uns keine andere Wahl bleibt.«
»Warum?«, fragte ich.
»Weil ich muss.«
»Warum?«, fragte ich.
Das war der Tag, an dem ich herausfand, dass sogar mein Vater weinen konnte.
Es war so:
»Gordo?«
Er sah mich an, aber nicht mehr so wie früher. Er redete nicht und lächelte auch nicht.
Ich streckte ihm die Zunge raus, weil ihn das immer zum Lachen brachte.
Diesmal nicht.
Er sagte: »Vergiss mich nicht.«
Ich sagte: »Dich vergessen?«
Er sagte: »Du darfst nicht.«
Ich verstand nicht, was er meinte.
Es war so:
Ich schaute durchs Fenster. Onkel Mark und Gordo standen auf der Veranda.
»Bitte«, sagte Mark.
»Fick dich«, sagte Gordo.
»Ich wollte das nicht.«
»Und trotzdem gehst du.«
»Aber ich werde zu dir zurückkommen.«
»Das glaube ich dir nicht.«
Es war der Tag, an dem ich herausfand, dass ich Gerüche auch auf der Zunge schmecken konnte. Es fühlte sich an, als stünde der ganze Wald in Flammen.
Es war so:
Es gibt Sprünge und Lücken, Löcher in meiner Erinnerung, ihre Ränder sind unscharf und verschwommen. Ich war zwei, dann drei, und dann war ich sechs, sechs, sechs, und Kelly rief: »Carter!«
Wir saßen auf der Wiese vor dem Haus. Hinter uns war ein See. Mom sagte, wir dürften nicht alleine zum See, weil wir ertrinken könnten. Sie stand auf der Veranda, eine Hand auf ihren Bauch gelegt.
Mom und Dad hatten gesagt, es wäre wieder ein Baby drin. Ich wusste nicht, wozu das gut sein sollte. Sie hatten ja schon mich und Kelly.
Onkel Mark war nicht da. Er versteckte sich in den Wäldern. Immer in den Wäldern. Dad hatte gesagt, er sei am Grübeln. Mom sagte, das sei seine Schuld. Danach sagte mein Vater es nie wieder. Ich wusste nicht, was Grübeln bedeutete, aber es hörte sich nicht gut an.
»Carter!«, rief Kelly noch einmal.
Ich sah ihn an.
Er trug eine kurze Hose. Es war Sommer. Sein Gesicht war schmutzig und seine Haare waren zerzaust. Er grinste. Vor ihm war ein Loch. Kelly hatte es gegraben. Ich sagte ihm, dass es das größte Loch war, das ich je gesehen hatte.
Er schaute das Loch an, dann wieder mich. »Das größte?«
»Ja. Du kannst gut graben.«
»Gut graben«, wiederholte er.
Ein paar Jungs kamen. Wölfe. Welpen.
»Komm mit uns spielen, Carter«, sagte einer von ihnen.
»Okay«, erwiderte ich, »klar. Kann Kelly auch mitkommen?«
Und der Junge sagte: »Nein. Er ist noch ein Baby. Babys sind blöd.«
Kelly weinte.
Ich packte den Jungen und nahm ihn in den Schwitzkasten, weil er meinen Bruder zum Weinen gebracht hatte.
Mom ging dazwischen.
Der Junge blutete aus der Nase.
»Carter«, sagte sie, »was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«
»Kelly ist nicht blöd«, knurrte ich den Jungen an, während er sich wieder hochrappelte. Ich wollte mich erneut auf ihn stürzen, aber Mom hielt mich zurück.
»Das sage ich meinen Eltern!«, schrie er und rannte weg. Die anderen folgten ihm.
Mom beugte sich zu mir herunter. Ihre Stirn lag in Falten. »Wir schlagen niemanden.«
»Er hat gesagt, dass Kelly blöd ist.«
»Das mag sein, aber wir schlagen niemanden. Das ist nicht schön.«
Sie hatte unrecht. Ich sagte es nicht, aber ich dachte es. Und sie täuschte sich, denn wenn jemand Kelly als blöd bezeichnete, würde ich ihn immer schlagen. So fest dich konnte. Bis er nicht mehr in der Lage wäre, so was zu sagen.
Ich sagte: »Oh.«
»Genau, oh. Erst nachdenken, dann handeln. Du kannst deine Probleme nicht einfach mit den Fäusten lösen.« Sie verzog das Gesicht und richtete sich wieder auf. »Jemand scheint aufgewacht zu sein«, sagte sie, eine Hand auf ihren Bauch gelegt. »Uff.«
Sie meinte das Baby in ihrem Bauch. Aber das war mir egal, denn das Baby war noch nicht da.
»Carter«, schniefte Kelly.
Ich ging zu ihm und nahm ihn auf den Arm. Ich war sehr stark.
Kelly legte seinen Kopf auf meine Schulter, und da ich nicht noch mal Ärger mit Mom bekommen wollte, stellte ich mir einfach vor, dass ihn nie jemand wieder als blöd bezeichnen würde.
»Graben wir zusammen?«, fragte er. »Ein großes Loch?«
»Okay«, erwiderte ich, und dann taten wir genau das. Es war schöner, als mit den anderen Welpen zu spielen.
Es war so:
Dad sagte, unser Bruder würde bald kommen. Dass wir brav sein und uns ruhig verhalten sollten, damit Mom sich konzentrieren konnte.
»Sie wird all ihre Kraft brauchen«, sagte er und kniete sich vor mich und Kelly. Kelly berührte sein Gesicht, und Dad schnappte spielerisch nach seinen Fingern. Kelly lachte. »Sie ist sehr, sehr tapfer. Schafft ihr es, auch so tapfer zu sein?«
»Tapfer«, sagte Kelly.
»Bleibt bei Mark. Wenn es so weit ist, komme ich euch holen, dann könnt ihr ihn sehen.«
Und dann war er weg.
Mark sagte: »Bis dahin kann es noch lange dauern.«
»Lange«, sagte Kelly, weil er immer alles wiederholte, was die Leute zu ihm sagten. Es ging mir auf die Nerven, außer wenn er es bei mir machte.
Mark sagte: »Aber sie wird es schaffen.«
»Schaffen«, sagte Kelly.
Mark lächelte, doch es sah aus wie bei einem Gespenst.
Es dauerte sehr lange.
Irgendwann hatten wir das Warten satt, und als Mark uns ins Bett brachte, hatte ich alles schon wieder vergessen. Mark meinte, Kelly und ich könnten im gleichen Bett schlafen.
Wir teilten uns ein Kissen und sahen uns an. An Kellys Mundwinkel klebte Zahnpasta.
Mark küsste mich auf die Wange.
Er küsste Kelly auf die Wange.
»Gute Nacht, kleine Welpen«, sagte er.
Kelly gähnte.
Mark ließ die Tür offen und das Licht auf dem Flur an. Draußen war es dunkel.
»Carter?«, sagte Kelly.
»Was?«
»Müssen wir einen kleinen Bruder haben?«
Ich wusste es nicht. »Glaub schon.«
»Oh. Kann ich ihn auf den Armen halten?«
»Vielleicht. Aber du wirst noch warten müssen.«
»Warum?«
»Weil Babys fragil sind«, antwortete ich und dachte an das, was mein Vater zu mir gesagt hatte. »Sie sind klein und sehr fragil.«
»Was heißt fragil?«
Ich hatte keine Ahnung. »Eklig«, antwortete ich.
Kelly rümpfte die Nase. »Wie ein Furz.«
Ich lachte. Dieses Wort hatte ich ihm beigebracht. Mom und Dad waren nicht glücklich darüber gewesen. »Ja, er ist ein Furz.«
»Furz, Furz, Furz«, sagte Kelly. Er schloss die Augen. »Ich weiß nicht, ob ich kleine Brüder mag.«
»Ich schon«, erwiderte ich. »Sogar sehr.«
Aber Kelly war bereits eingeschlafen.
Ich hielt meine Augen offen, solange ich konnte, denn Dad war bei Mom, und ich musste Kelly beschützen. Ich war kein Alpha, aber ich konnte so tun, als ob.
»Ich bin groß und stark«, flüsterte ich im Dunkeln. »Und ich habe rote Augen.«
Ich merkte es nicht, als ich einschlief.
Es war so:
»Er heißt Joe«, sagte meine Mutter.
»Joseph Bennett«, ergänzte mein Vater. »Euer kleiner Bruder.«
»Joe«, flüsterte Kelly ehrfürchtig.
Ich freute mich nicht besonders.
Dann sah ich ihn.
Ich wusste sofort, was er war. Eines Tages sein würde.
»Alpha«, sagte ich.
Meine Mutter schaute mich entgeistert an.
Mein Vater machte einen Schritt auf mich zu. »Was hast du gerade gesagt, Carter?«
»Alpha«, wiederholte ich. Meine Stimme war voller Erstaunen, und ich glaubte, jeden Moment davonzuschweben.
»Woher weißt du das?«, fragte mein Vater.
Ich zuckte die Achseln.
Meine Eltern tauschten einen langen Blick aus. »Ja«, sagte mein Vater schließlich. »Joe wird ein Alpha. Kann ich euch ein Geheimnis über Alphas anvertrauen?«
Wir schauten ihn an. Ich wusste, was das Wort bedeutete. Alphas hatten viele Geheimnisse, und wenn sie dir eines davon anvertrauten, war das etwas sehr Besonderes.
Dad kauerte sich vor mich und Kelly und nahm unsere Hände. »Ein Alpha ist ein Anführer«, begann er. »Aber er kann nicht alleine führen. Er wird zu euch aufschauen, zu euch beiden. Ohne seine Brüder ist er nichts. Ihr werdet sein Rudel sein, und ihr werdet ihn stark machen. Ihr seid genauso wichtig wie er. Es wird der Tag kommen, an dem seine Augen sich verändern, aber deshalb seid ihr nicht weniger wichtig als vorher. Kein Rot ohne Orange. Versteht ihr?«
Wir nickten.
Wir hatten keine Ahnung, wovon er redete.
Joe weinte.
Ich ging zu ihm.
Kelly berührte seine Wange.
Ich küsste seine Hand.
»Er ist einzigartig«, flüsterte unsere Mutter. »Aber das seid ihr auch. Jeder ist auf seine Art besonders. Ich glaube an euch.« Sie sah Joe an und lächelte erschöpft. »An euch alle.«
Es war so:
Joe wurde größer.
Ich fand meinen Anker und verwandelte mich zum ersten Mal.
Der Schmerz war unglaublich und ich
bin wolf
rieche
rieche alles
laufe schnell laufe schnell schnell schnell
jagen ich möchte jagen
vaterwolf
mutterwolf
joe lacht er lacht er sagt du bist so schön carter so schön
ich bin nicht schön
ich bin toll
kelly sagt wow
kelly sagt sieh dich an
kelly sagt du bist so
kelly sagt hör auf mich abzulecken carter hör auf
ich höre nicht auf
nie und
Dann kam der Tag, an dem Dad Kelly mitnahm.
»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte Mom zu mir. Sie klang, als müsste sie ein Lachen unterdrücken. Ich funkelte sie an. Sie küsste mich auf die Stirn und zerzauste meine Haare.
»Wieso macht Carter sich Sorgen?«, hörte ich Joe Mom fragen, als sie zurück ins Haus gingen, während ich auf der Veranda blieb. »Dad ist doch bei Kelly.«
»Weil heute ein großer Tag ist«, antwortete Mom, während ich ruhelos auf und ab lief.
Die beiden blieben stundenlang weg. Als sie zurückkamen, war ich kurz vorm Durchdrehen.
Kelly grinste.
Ich rannte die Verandastufen hinunter und packte ihn an den Schultern. »Hat es geklappt?«, fragte ich. »Weißt du es jetzt?«
Er verdrehte die Augen. »Ja. Aber es ist ein Geheimnis.«
Ich schaute ihn finster an. »Ich hab dir meins verraten!«
Kelly lachte.
Dad beobachtete uns. Er sah aus, als wollte er etwas sagen, doch dann schüttelte er nur den Kopf. »Hat jemand Hunger?«
Wir waren gerade auf dem Weg nach drinnen, da tauchte ein Mann auf. Ich mochte ihn nicht. Meine Haut begann sofort zu jucken.
»Osmond«, sagte Dad.
Osmond warf uns einen abschätzigen Blick zu und sah dann wieder Dad an. »Wir müssen reden.«
»Kann das bis morgen warten? Wir wollen gerade zu Abend essen.«
»Es muss jetzt sein.«
Dad seufzte. »Also gut.« Er sah uns an. »Geht schon mal rein. Ich bin gleich wieder da.«
Ich schaute den beiden hinterher.
»Gehen wir«, sagte Kelly zu mir.
In der Nacht klopfte es an meiner Tür. Sie öffnete sich einen Spaltbreit. Kelly streckte den Kopf herein. »Hör auf, dir einen runterzuholen.«
»Leck mich«, flüsterte ich, gerade laut genug, damit er es hören konnte, aber Mom und Dad nicht.
Kelly kam kichernd herein, schloss die Tür hinter sich und bedeutete mir, Platz zu machen.
»Du hast ein eigenes Bett«, brummte ich.
»Stimmt. Und jetzt beweg deinen fetten Hintern.«
Ich schlug ihm mein Kissen ins Gesicht.
Kelly lachte nur und streckte seine Arme und Beine. Ich hörte, wie sein Rücken dabei knackte, dann machte er es sich neben mir bequem, ein Bein über meines gelegt.
Ich wartete.
»Du bist es«, sagte er.
Meine Kehle schnürte sich zu. »Was bin ich?«
»Du weißt, was.«
Das tat ich. Und ich wollte ein Heulen ausstoßen, dass das ganze Haus davon erzitterte. »Bist du dir sicher?«
»Ja, Bruderherz, bin ich.«
»Oh.« Dann: »Warum?«
Kelly sah mich an. Seine Augen schimmerten. Er fragte: »Wie kann ich dein Anker sein?«
»Weil du mein Bruder bist.«
»Das ist Joe auch.«
»Aber du warst zuerst da.«
Er schnaubte. »Eben. Ich weiß es außerdem schon lange.«
»Aber du hast nie was gesagt.«
Kelly zuckte die Achseln. »Ich dachte, es wäre klar.«
Ich wurde nervös. Ich war mir noch nie so klein vorgekommen. »Ein Anker kann sich verändern.«
»Wird er aber nicht.«
»Das weißt du nicht.«
»Doch«, widersprach Kelly. »Ganz gleich, was passiert. Wenn ich einmal einen Gefährten habe …«
»Igitt.«
»Halt die Klappe. Du weißt genau, wie ich es gemeint habe.«
»Das war echt schwul, Kelly.«
Er schlug mir auf die Brust. »Das sagt man nicht.«
»Stimmt. Sorry. Ich …« Wusste nicht, was ich sagen sollte.
»Ist das okay für dich?«, fragte er leise.
Er klang unsicher, und das konnte ich nicht ertragen. »Ja, ist es.«
Wir schwiegen eine Weile und atmeten einfach.
Schließlich sagte Kelly: »Wir sind Anker-Brüder, Bro. Die zwei Anker-Bros.«
Und plötzlich waren wir wieder zwei kleine Kinder. Wir lachten und lachten und lachten. Wir versuchten, leise zu sein, und scheiterten kläglich. Als Dad in der Tür auftauchte, hielten wir uns gegenseitig den Mund zu. Es war eklig, Kellys feuchten Atem auf meiner Handfläche zu spüren, aber ich zog sie nicht weg.
Dad ging wieder.
Schließlich kriegten wir uns wieder ein.
Ich war gerade am Wegdriften, als Kelly sagte: »Ich habe immer gewusst, dass du es sein würdest.«
Es war so:
»Joe!«, brüllte ich in den Wald. Es war dunkel, es regnete, Blitze zuckten am Himmel. »Joe!«
Ich konnte ihn nicht finden.
»Carter?« Kelly war nass bis auf die Knochen und am Boden zerstört. Er hielt meine Hand so fest umklammert, als wollte er sie zerquetschen. »Wir müssen zurück.«
»Nein«, bellte ich und bekam sofort ein schlechtes Gewissen, als ich Kellys Gesichtsausdruck sah. »Erst, wenn wir ihn gefunden haben.«
Ich war fünfzehn, und ein Monster hatte unseren kleinen Bruder fortgeholt.
»Joe!«, brüllte ich wieder.
Nichts.
»Joe!«, schrie Kelly. »Wo bist du?!«
Ich wollte mich verwandeln und seine Fährte aufnehmen, aber Mom und Dad hatten gesagt, ich dürfte mich nur verwandeln, wenn sie dabei waren. Ich hatte meinen Anker, und Kelly hatte mich, trotzdem war es zu gefährlich. In den Wäldern hier konnte sich alles Mögliche verstecken.
Joe war verschwunden, und niemand wusste, wohin. Das war jetzt drei Tage her. Ich hatte ihn im Stich gelassen. Mom und Dad hatten gesagt, dass ich ihn beschützen muss, aber ich hatte versagt.
Wir gingen noch tiefer in den Wald.
Irgendwann fand uns Dad.
»Was macht ihr da?«, brüllte er uns mit rot leuchtenden Augen an.
Wir wimmerten und ich schob Kelly hinter mich.
Dad sank auf die Knie und streckte die Arme nach uns aus.
Wir rannten zu ihm.
»Es tut mir leid«, sagte er und hielt uns fest. »Aber ihr wart plötzlich weg. Ich wollte euch nicht so anschreien, aber ich hatte solche Angst. Ich wollte euch nicht erschrecken. Was macht ihr hier? Ihr gehört längst ins Bett.«
»Wir müssen Joe finden«, antwortete Kelly.
»Oh«, machte mein Vater. »Oh, oh, oh.«
Es war das zweite Mal, dass ich ihn weinen sah.
Es war so:
Joe kam zurück.
Aber er war nicht mehr derselbe.
Er sahaus wie Joe, er hatte noch alle Finger und Zehen und auch alle seine Zähne. Seine Nase war noch da und er hatte die gleichen knubbeligen Knie wie vorher.
Aber seine Augen waren leer. Dunkel, als wäre das Licht darin erloschen.
Ich nahm ihn überallhin mit.
Ich trug ihn durchs Haus.
Durch den Wald.
Um den See herum.
Dad sagte: »Lass gut sein, Carter. Gib ihn mir.«
Ich knurrte ihn mit blitzenden Augen an. »Nein!«, fauchte ich. »Nein, nein, nein.«
Dad machte einen Schritt zurück.
Ich ging mit Joe auf den Armen weiter.
Ich sagte: »Hey, Joe, sieh mal, die Vögel.«
Ich sagte: »Hey, Joe, schau dir diesen Käfer an.«
Ich sagte: »Hey, Joe, hast du Hunger?«
Ich sagte: »Hey, Joe, möchtest du einen Witz hören?«
Ich sagte: »Hey, Joe, sagst du bitte meinen Namen?«
Aber Joe sprach nicht mehr.
»Er ist wie ausgehöhlt«, sagte Kelly, während Joe zwischen uns lag. Sein Atem ging gleichmäßig, seine Augen waren geschlossen.
»Halt die Klappe!«, zischte ich und bereute es sofort, als ich Kelly zusammenzucken sah. »Ich meine nur … Er könnte dich hören.«
»Sorry«, murmelte Kelly. Bevor er sich wegdrehen konnte, nahm ich seine Hand und drückte sie auf Joes Brust, genau über dem Herzen. Ich konnte den Herzschlag unseres kleinen Bruders selbst durch Kellys Hand hindurch spüren. Er ging langsam und gleichmäßig.
»Was sollen wir jetzt tun?«, flüsterte Kelly.
»Ich weiß es nicht«, flüsterte ich zurück. »Aber wir bleiben zusammen, alle drei. Egal was.«
Kelly nickte.
Er schlief vor mir ein. Seine Hand lag immer noch auf Joes Brust.
Meine Lider wurden immer schwerer, da spürte ich, wie Joes Herz ins Stolpern geriet. Er stieß einen gequälten Laut aus. Ich drückte meine Hand noch fester auf die von Kelly und hielt meinen Mund ganz dicht an Joes Ohr.
»Du bist hier, bei uns«, flüsterte ich. »Du bist zu Hause, in Sicherheit, wir lassen nicht zu, dass dir jemals wieder was passiert. Wir sind deine großen Brüder und werden dich beschützen. Wir sind immer für dich da. Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich.«
Joes Puls beruhigte sich wieder, die Falten auf seiner Stirn verschwanden, seine Lippen entspannten sich. Dann seufzte er und drehte mir das Gesicht zu.
Ich sah ihn lange an.
Es war so:
Kisten.
Überall waren Kisten.
Ich stand zwischen ihnen und lauschte auf die Stimmen von oben. Und da erfuhr ich zum ersten Mal von den Sünden meines Vaters.
»Bist du sicher?«, fragte Mark.
»Ja«, erwiderte Dad.
»Hast du … Gordo angerufen?«
Dad stöhnte. »Nein.«
»Es wird ihm nicht gefallen, dass wir zurückkommen.«
»Es ist mein Revier, nicht seins«, knurrte Dad. Dann: »Verdammt. Tut mir leid. Ich hätte …«
»Was du hättest tun sollen oder nicht, spielt jetzt keine Rolle mehr, denn dafür ist es zu spät«, fiel Mark ihm ins Wort. Ich hatte ihn noch nie so wütend erlebt. »Glaubst du, er wird uns mit offenen Armen empfangen? Green Creek ist verdammt klein, Thomas. Früher oder später werdet ihr euch über den Weg laufen.«
»Was soll ich denn deiner Meinung nach tun?«, fragte Dad. Ich spürte, wie mir der Schweiß den Nacken hinunterlief. »Los, sag’s mir. Bitte. Sag mir, was das Richtige ist. Jetzt. Damals. Hätte ich mehr tun müssen, um unseren Vater zu retten? Hätte ich die Jäger aufhalten müssen, die unser Rudel zerstört haben? Wie hätte ich verhindern können, dass Robert Livingstone so viele von uns tötet? Es tut mir unendlich leid, Mark, all die Fehler, die ich gemacht habe … Bitte sag mir, wie ich das wieder in Ordnung bringen kann. Was kann ich tun, damit mein Sohn nicht mehr jede Nacht schreiend aufwacht, weil ein Mann, dem ich einmal vertraut habe, ihn zerstört hat. Du hättest mein Stellvertreter werden sollen, nicht Richard. Ich hätte nie auf Dad hören sollen …«
»Fick dich«, sagte Mark kalt. »Darum ging es mir nie, und das weißt du. Wir sind kaputt, Thomas. Wir sind kaputt, und ich habe keine Ahnung, wie wir je wieder heil werden sollen. Ich bin mit dir nach Caswell gegangen, obwohl alles in mir danach geschrien hat, in Green Creek zu bleiben. Ich habe mein Herz zurückgelassen, weil du gesagt hast, es wäre das Beste so, es wäre zum Wohl aller. Und was hat es uns gebracht? Was bist du für ein Alpha, der nicht in der Lage ist …«
»Genug!«
Die Wände bebten. Ich bekam keine Luft mehr und rührte mich nicht.
Aber Mark war noch nicht fertig. »Weißt du überhaupt, was du tust? Du stehst am Abgrund, Thomas. Die Leute reden. Sie glauben nicht, dass du heimkehren wirst.«
»Wir werden.«
»Ja, vielleicht du alleine.«
»Na schön, dann eben ich alleine. Michelle ist ausreichend qualifiziert und wird mich angemessen vertreten, bis ich eine Lösung gefunden habe.« Er seufzte. »Ich muss meine Kinder an oberste Stelle setzen. Joe an oberste Stelle.«
Mark lachte bitter. »Wenn unser Vater dich jetzt nur hören könnte. Wie hat er immer gesagt? Für einen Alpha gehen die Bedürfnisse der vielen über die Bedürfnisse der wenigen. Rudel, Rudel und nochmals Rudel.«
»Glaubst du, ich weiß das nicht?«
»Und was ist mit Richard? Es ist noch nicht vorbei.«
»Auch das weiß ich nur zu gut.«
»Wirklich? Was, wenn er wiederkommt?«
»Dann reiße ich ihm den Kopf ab«, knurrte Dad, seine Stimme voller Alpha-Alpha-Alpha. »Soll er nur kommen. Es wird das Letzte sein, was er tut.«
»Wir können nicht so weitermachen«, sagte Mark, doch in einem völlig veränderten Ton. Er flehte meinen Dad an. »Wir machen uns kaputt, und ich weiß nicht, was ich dagegen tun soll. Ich liebe dich, Thomas, und gleichzeitig hasse ich dich für das, was du getan hast.«
Dad reagierte nicht, Mark schwieg ebenfalls, und ich stellte mir vor, wie sie sich gegenüberstanden wie zwei Statuen, die Arme vor der Brust verschränkt und ohne sich anzusehen. Versteinert.
Ich war überrascht, als Dad irgendwann doch etwas sagte. »Die Familie. In dem blauen Haus.«
»Was ist mit ihnen?«
»Der Junge.«
»Ox.«
»Ja. Du hast gesagt, du hättest ihn getroffen. Und seine Mutter.«
»Im Diner. Er hatte Geburtstag und … Ich weiß nicht, irgendetwas an ihm ist besonders. Ich kann es nicht erklären. Es war wie ein Blitzeinschlag. Ich habe noch nie etwas Derartiges gespürt.«
»Möglicherweise war es Magie. Ist seine Mutter eine Hexe?«
»Nein. Ich habe noch nie von Matheson-Hexen gehört.«
»Wir müssen vorsichtig sein. Dass sie so nahe bei uns leben … könnte gefährlich werden.«
»Dann hättest du ihnen das Haus nicht verkaufen sollen.«
Ich hörte, wie mein Dad sich bewegte.
»Nicht«, sagte Mark. »Fass mich nicht an.«
Dad sagte: »Als du klein warst, habe ich dich auf meinen Schultern getragen. Weißt du noch?«
»Nein.«
»Du lügst. Du hast dich an meinen Haaren festgehalten, als wolltest du sie ausreißen, aber ich habe mich nie gewehrt.«
»Lass mich. Geh weg …«
»Ich wollte nie, dass es so weit kommt«, flüsterte mein Vater. »Ich war noch nicht bereit, damals. Ein Alpha zu sein, ist …«
»Schwer«, räumte Mark widerwillig ein.
»Ja. Und ich bin kein besonders guter. Du hättest das Amt übernehmen sollen.«
Mark klang, als würde er schluchzen. »Hör auf. Bitte, hör auf.«
»Ich weiß, dass du mich hasst«, sprach Dad weiter. »Und du hast jedes Recht dazu. Aber ich habe getan, was ich für richtig hielt. Für uns alle. Ich dachte, Gordo würde …«
»Stopp. Sprich seinen Namen nicht aus.«
»Ich dachte, er wäre ohne uns besser dran. Dass er ein Leben ohne Wölfe …«
»Du hast ihn einfach zurückgelassen!«, schrie Mark. »Du hast ihn nicht mal vor die Wahl gestellt! Nimm gefälligst deine Hände von mir, du Bastard. Du hast geglaubt, sein Vater hätte etwas mit ihm gemacht, das weiß ich. Du dachtest, es hätte mit seinen Tattoos zu tun, also wage ja nicht, es jetzt schönzureden.«
»Woher … Hat Lizzie dir das erzählt?«
