Das Mädchen Senta - Marie Louise Fischer - E-Book

Das Mädchen Senta E-Book

Marie Louise Fischer

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Beschreibung

Band 2 der in sich abgeschlossenen »Senta«-Tetralogie: Für Senta, das Mädchen mit Florentiner Hut und knöchellangem Kleid, ist die Zeit des Heranwachsens und des Erwachsenwerdens alles andere als leicht. Fünf Jahre nach dem Tod ihrer Mutter bricht eine Welt für sie zusammen: Senta erfährt, dass sie nicht das leibliche Kind ihrer Eltern ist, sondern die Tochter eines Dienstmädchens, das sie nach ihrer Geburt verstoßen hat. In den Wirren des Ersten Weltkriegs reißt das Mädchen von zu Hause aus, um sich auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern zu machen.

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Marie Louise Fischer

Das Mädchen Senta

Roman

Die drei Mädchen trippelten die Friedrichstraße hinunter, mit sittsam kleinen, sehr raschen Schritten, als hätten sie es eilig. Tatsächlich gab es aber nichts und niemanden, der sie erwartete; sie waren auf dem Weg zu einem Bummel über Berlins alte Prachtstraße Unter den Linden.

Senta Weigand und ihre beiden Freundinnen Lilly und Louise waren wegen der mörderischen Hitze in diesem Sommer 1911 zwei Stunden früher als gewöhnlich aus der Königin-Luise-Schule, einem renommierten Institut für höhere Töchter, entlassen worden; sie hofften, dass man auf sie zu Hause noch nicht wartete.

Sie gingen mit hocherhobenen Köpfchen und wehenden Locken, die Augen dabei artig gesenkt, dicht nebeneinander, doch ohne sich zu berühren. Da sie niemandem auswichen und stets Seite an Seite blieben, bildeten sie ein Hindernis im Strom der Passanten, um das immer wieder kleine Strudel entstanden. Aber sie kümmerten sich nicht darum, merkten es auch gar nicht, sondern schritten unaufhaltsam weiter und hielten ihre flachen Schultaschen mit festem Griff, ohne mit ihnen zu schlenkern, sozusagen als Alibi unaufschiebbarer Pflichten.

Dabei fühlten sie sich frei wie selten, froh, der steten und unnachsichtigen Aufsicht all dieser Mütter, Erzieherinnen, Hausmädchen und Lehrerinnen entronnen zu sein. Unter den gesenkten Wimpern beobachteten sie mit nahezu gieriger Aufmerksamkeit alles, was um sie herum vorging. Die Friedrichstraße galt ja als ein bisschen anrüchig und war für Mädchen aus gutem Hause normalerweise verboten.

Sie waren benommen von dem Gedränge auf dem Trottoir, von der ungewohnten Nähe zu wildfremden Menschen, beeindruckt von den Kutschen und jenen pferdelosen Wagen, die man jetzt Automobile nannte und die das übliche schräge Überqueren der Fahrbahn zu einem lebensgefährlichen Abenteuer machten.

Die schwüle Luft hing drückend über der Stadt, gleichzeitig erregend und erschöpfend.

Nach kurzer Zeit wechselten die Mädchen auf die Schattenseite der Geschäftsstraße hinüber, um den Strahlen der giftgelben Sonne zu entfliehen, gegen die auch die breiten Ränder ihrer großen Hüte keinen Schutz boten. Die seidenen und samtenen Bänder, mit denen das geflochtene Stroh garniert war, flatterten ihnen über das lange, offene Haar auf den Rücken hinunter. Alle drei trugen engtaillierte Kleider aus geblümtem Baumwollstoff – nur Lillys war aus weißem Musselin –, wadenlang, der Rocksaum gerüscht, am Hals geschlossen, mit langen Ärmeln; an den Fesseln sah man die feinen Zwirnstrümpfe und die festen Knopfstiefelchen.

Senta überragte ihre Freundinnen um mehr als Kopflänge. Sie war hager und knochig, ihre spitzen Ellbogen hatten die Ärmel ihres Kleides ausgebeult und dünngescheuert. Arme und Beine wirkten bei ihr viel zu lang, Hände und Füße zu groß. Ihr Gesicht war mager, fast fleischlos, und die Stirn, umrahmt von dichtem, kastanienrotem Haar, eckig und hart; ihr Kinn war spitz, und die Lippen, ausgeprägt und gut geschnitten, waren blass und blutlos. Alles an ihr machte den Eindruck von unfertiger Hässlichkeit.

Senta war ein ungewöhnlich reizloses Mädchen auf der Schwelle zwischen Kind und Frau. Und nur wer sich auf ihre leuchtend braunen, fast schwarzen Augen unter den dichten, rötlichen Wimpern konzentrierte, mochte das Besondere ahnen.

Senta hatte ein Talent, ungünstig aufzufallen. Auch jetzt. Unvermittelt begann sie zu singen.

Ihre Stimme, rau und unmelodiös, ging freilich im allgemeinen Straßenlärm unter. Nur ihre Freundinnen, die den kleinen Spottvers gut kannten, konnten sie hören.

»Ich tanze den Cancan«, sang Senta, »solang ich denken kann …«

Lilly und Louise stimmten ein: »… denn was die Duncan kann, det kann ick och!«

Beim letzten Wort machten alle drei einen hüpfenden Wechselschritt und brachen Sekunden später in prustendes Gelächter aus. Senta war es, die als Erste ihre Haltung wiederfand.

»Benehmt euch, Kinder«, ermahnte sie die Freundinnen im Ton der gefürchteten Frau Direktor, »Contenance! Wenn ich bitten darf!«

»Du hast es gerade nötig!«, zischte Lilly von Wagner. »Wer hat denn angefangen?« Sie verzog ärgerlich die Lippen.

Senta zuckte die mageren Schultern. »Na klar! Eines ziemt sich nur eben nicht für alle!«

»Dass ich nicht kichere!«, giftete Lilly. »Du bildest dir doch hoffentlich nicht ein, was Besseres zu sein?« Lilly war die Hübscheste von den Dreien. Sie wusste es.

Ihr Puppengesicht mit den vergissmeinnichtblauen Augen unter dem blonden gekräuselten Haar und ihre zierliche Figur mit den ersten Anzeichen weiblicher Formen hatten ihr manchen anerkennenden Blick errötender Gymnasiasten eingetragen. Selbstverständlich übersah sie die geflissentlich, nicht ohne sie gleichzeitig mit Genugtuung zu registrieren.

»Nun zankt euch nicht, Kinder!«, mischte sich jetzt Louise Heinze ein. Sie war ein rundliches kleines Wesen mit Grübchen in Wangen und Kinn und leicht hervorstehenden Augen. Sie erinnerte an einen Mops, einen überfütterten Mops mit Speckfalten. »Man sollte doch meinen, wir könnten wenigstens eine halbe Stunde zusammen sein, ohne uns zu zanken, auch ohne Aufsicht …«

Sie war ein leidlich gutmütiges Mädchen.

»Louise hat vollkommen recht«, stimmte Senta zu, »wann wirst du endlich lernen, Spaß zu verstehen, Lilly?«

»Ich finde deine Späße eben … eben unerträglich geschmacklos«, erklärte Lilly hochnäsig.

Senta hätte wohl entsprechend scharf geantwortet, wenn nicht der rasche Schritt der drei Mädchen in diesem Augenblick von einem Hindernis aufgehalten worden wäre, das sich nicht einfach überrennen ließ.

Ein Bierwagen von Schultheiß stand am Rande der Fahrbahn. Die Rösser schnauften, schwitzten, stampften, und ihre glänzenden Leiber strömten einen wilden Geruch aus.

»Vorsicht, ihr Meechens«, brüllte der Kutscher vom Bock und knallte mit der Peitsche, »passt auf eure Beenekens uff!«

Lilly und Louise sprangen erschrocken zurück. Ein schweres Fass rollte knapp vor ihren Füßen über das Trottoir auf ein Kellerfenster zu.

Senta blieb wie angewurzelt stehen.

Der Mann, der das Fass jetzt über die Rutsche in den Keller des Speisehauses hinabließ, war groß und stark. Ein Riese. Er trug eine prallsitzende Hose über schmalen Hüften. Sein Oberkörper war nackt. Als er jetzt das nächste Fass vom Wagen herabhievte, spielten seine mächtigen Muskeln unter der braunen Haut. Sie glänzte ebenso nass wie die der Pferde. Seine Brust war tiefschwarz behaart. In Magenhöhe hatte er eine blaue Rose tätowiert, die sich im Spiel der Muskeln zu öffnen und zu schließen schien.

Senta sah das Gesicht des Mannes überhaupt nicht. Sie war fasziniert und angeekelt zugleich beim Anblick dieses kraftvollen männlichen Leibes. Als die Freundinnen schon längst weitergegangen waren, stand sie immer noch und starrte auf die Rose.

Der Geruch des Mannes war animalischer als der seiner Pferde. »Na, Meechen«, sagte er, »willste mal schnuppern?«

Er ließ die Hose ein Stück unter den Nabel herabrutschen, wölbte den Bauch vor, so dass die tätowierte Rose sich vollständig und in ihrer ganzen Pracht entfalten konnte.

Senta zuckte zusammen. Der Mann lachte. Senta glaubte, dass er sie anfassen wollte. Sie stolperte vor den schnaubenden Pferden rückwärts auf die Fahrbahn und rannte davon. Erst bei den neugierig wartenden Freundinnen fühlte sie sich in Sicherheit. Ihr mageres Gesichtchen glühte.

»Wo bleibst du denn?«, fragte Lilly missbilligend.

»Der da … er wollte mich nicht durchlassen«, stammelte Senta und hängte sich, geradezu schutzsuchend, bei Louise ein.

Von den Linden her ertönte ein Autosignal. »Tatüüü – tataaa – traraa!« Jedes Berliner Kind kannte es.

»Der Kaiser!«, rief Lilly.

Die drei vergaßen, was sich für heranwachsende junge Damen gehörte, und begannen zu laufen. Genau wie die Gassenjungen, die jetzt ihre Spiele unterbrachen und sich schreiend und johlend in Trab setzten. Aber vergebens.

Als sie die Ecke Friedrichstraße/Unter den Linden erreichten, waren von dem Prachtauto des Kaisers nicht einmal mehr die Rücklichter zu sehen.

»Wenn du bloß nicht so gebummelt hättest, Senta!«, rief Lilly enttäuscht.

Ein Junge, der die ›Berliner Morgenpost‹ austrug, schrie mit gellender Stimme: »Preußen bietet der Welt die Stirn … das deutsche Kanonenboot ›Panther‹ ist im Hafen von Agadir gelandet! Preußen bietet der Welt die Stirn … ein deutsches Kanonenboot ist in Agadir …«

Die Mädchen gingen weiter; keine von ihnen hatte von Politik die geringste Ahnung. Weder in der Schule noch im Elternhaus wurde über die Entwicklung der internationalen Lage gesprochen. Das hätte als genauso unfein gegolten, wie über Geld zu reden. Dennoch merkten sie, dass es mit dieser Landung des Kanonenbootes etwas Besonderes auf sich hatte. Der Name ›Panther‹ wirkte gefährlich, die Stimme des Ausrufers hatte so aufreizend geklungen, und dann die Art, wie die männlichen Passanten ihm die Blätter aus der Hand rissen.

»Agadir? Liegt das nicht in Afrika?«, fragte Louise.

»Sehr richtig, meine Liebe«, erklärte Lilly, »Agadir liegt tatsächlich in Afrika, und wenn du es genau wissen willst … in Marokko!«

»Was sollte denn ein deutsches Kanonenboot in Marokko wollen?«, fragte Senta.

»Der Welt zeigen, wie stark Preußen ist!« Lilly gab nur zu gerne ihr Wissen von sich. »Die Franzosen und die Engländer glauben, sie können die Welt unter sich aufteilen. Aber das will sich unser Kaiser nicht gefallen lassen. Schließlich sind wir wer! Oder etwa nicht?«

»Klar!«, rief Louise. »Du, das finde ich famos! Seine Majestät hat schon recht, wenn er’s denen mal zeigt!«

»Und wenn nun die anderen es sich nicht gefallen lassen?«, fragte Senta nachdenklich.

»Umso besser!«, rief Lilly. »Dann gibt es eben Krieg!«

»Fein«, sagte Louise, »dann passiert endlich mal was. Bestimmt kriegen wir dann schulfrei und Siegesfeiern und überhaupt mächtig viel Aufregung! Mein Vetter ist in der Kadettenanstalt, und er sagt, der ewige langweilige Kommiss ist schon nicht mehr zu ertragen!«

Senta blieb mitten auf dem Trottoir stehen. »Kinder«, sagte sie, »das kann doch nicht euer Ernst sein?!«

»Was? – Warum denn nicht?«

»Dass ihr euch über einen Krieg freuen würdet!«

»Na sicher«, erklärte Lilly, »das würde jeder gute Deutsche!«

»Aber Krieg«, sagte Senta, »das bedeutet …« Sie suchte nach Worten, um den Freundinnen klarzumachen, was sie dachte. »… Das bedeutet, dass die Männer miteinander kämpfen, das bedeutet Tote und Verwundete! Krieg, das ist nicht dasselbe wie … wie ein Manöver!«

Louise lachte. »Nicht so ängstlich sein, Senta! Unsere Männer ziehen aus und verhauen die Franzosen und die Engländer einfach …«

»… Und wenn es sein muss, auch noch die Russen«, ergänzte Lilly. »Was ist schon dabei! Mein Onkel sagt, wofür wir überhaupt so ein starkes Militär brauchen, wenn es niemals kämpfen darf! Und außerdem unsere Flotte! Nein, es wird höchste Zeit, wir zeigen es den anderen Völkern mal, dass man uns nicht dauernd auf der Nase herumtanzen kann!«

»Aber vor September«, meinte Louise, »sollte es nicht losgehen, denn vorher ist mein Vetter noch nicht mit seiner Ausbildung fertig und verpasst sonst vielleicht noch das Beste!«

»Mein Onkel ist Reserveoffizier und mein Bruder Einjährig-Freiwilliger. Die können beide gleich einrücken!«, erklärte Lilly großspurig. »Also, von mir aus könnte es schon heute losgehen!«

»Das ist schrecklich«, sagte Senta, »schrecklich, einfach schrecklich!« Ihre Augen funkelten vor Erregung.

»Was hast du denn?«, fragte Louise verständnislos.

»Dass ihr so von Mord und Totschlag sprecht, als wäre es ein … ein Vergnügen! Was würdest du denn sagen, Lilly, wenn dein Bruder und dein Onkel schwer verwundet würden? Und du, Louise, wenn dein Vater fallen müsste?«

Louise schwieg jetzt doch betroffen.

Aber Lilly erklärte mit Nachdruck: »Ich würde stolz sein, jawohl! Jede echte deutsche Familie muss stolz sein, wenn einer der Ihren den Heldentod für das Vaterland stirbt!«

»Mein Vater ist Arzt«, sagte Senta Weigand einfach. »Er rackert sich ab, Tag und Nacht, um kranke Menschen zu heilen …«

»Ein Sozi ist er!«

»Von mir aus! Wenn du ihn einen Sozi nennen willst, nur weil er sich um die Armen kümmert, denen sonst niemand hilft – bitte! Aber ich will dir was sagen … mein Vater ist ein großer Mann, ein größerer als deiner, der mit Teppichen handelt, und auch als deiner, Lilly, der die Armee beliefert! Was tun denn eure Väter schon? Sie verdienen Geld! Aber mein Vater hat vielen, vielen Menschen das Leben gerettet …«

Louise hatte den Mund schon zu einer Erwiderung geöffnet, aber Lilly hielt ihn ihr zu. »Reg dich nicht auf, Möpschen«, sagte sie süß, »Senta hat ja so recht! Sie stammt aus einer erstklassigen Familie, an die unsereins gar nicht tippen kann. Dass ihr Onkel mit Schimpf und Schande aus der Armee gejagt worden ist, das ist doch schließlich längst vergessen!«

Senta machte einen Schritt auf Lilly zu. »Was lügst du dir da zusammen?«

Lilly lachte ihr ins Gesicht. »Ich lüge? Ich sage die reine Wahrheit! Bäh!«

»Das stimmt nicht. Das kann gar nicht stimmen«, Senta kämpfte gegen eine plötzliche Betroffenheit an, »mein Vater hat keinen Bruder!«

»O ja! Der Bruder deiner Mutter war Offizier, Senta! Beim Regiment Kaiserin Alexandra. Und er ist geschasst worden! Komisch, dass du das nicht weißt! Aber natürlich, es ist nicht angenehm, ein schwarzes Schaf in der Familie zu haben. Wahrscheinlich hat man dir deshalb von der Existenz dieses Onkels nichts erzählt!«

»Onkel Egon in Amerika!«, entfuhr es Senta. Im gleichen Moment hätte sie sich am liebsten die Zungenspitze abgebissen.

»Na, siehst du!«, rief Lilly triumphierend. »Ich habe also recht gehabt!«

»Gar nichts hast du! Dass ich einen Onkel in Amerika habe, beweist doch nicht …«

»Ich bitte dich, Senta!«, mischte sich Louise ein. »Wer wandert schon nach Amerika aus, wenn er in Europa nichts ausgefressen hat! Nein, jetzt glaube ich, was Lilly sagt! Dein Onkel ist ein Taugenichts! Wenn er nur ein Fünkchen Anstand besessen hätte, dann hätte er sich wenigstens erschossen. Aber er hat es ja vorgezogen, mit der Schande weiterzuleben.«

»Ihr lügt alle beide!«, schrie Senta. »Noch ein Wort, und ich stoße euch mit den Köpfen zusammen, dass euch Hören und Sehen vergeht!«

»Tu’s doch, tu’s doch!«, höhnte Lilly. »Dann melden wir’s morgen der Frau Direktor! Eine wie du dürfte eigentlich kein anständiges Lyzeum besuchen!«

»Vielleicht bist du nicht mal eine anständige Deutsche, vielleicht bist du eine Spionin!«, keifte jetzt Louise.

Da war es mit Sentas Beherrschung vorbei.

Mit einem Aufschrei wollte sie sich gerade auf die beiden Freundinnen stürzen und hätte es auch sicher getan – als ein junger Mann ihr den Weg abschnitt.

»Aber, aber, meine Damen«, sagte er mit mildem Spott, »ich nehme doch nicht an, dass Sie sich auf offener Straße in die Haare fahren wollen?«

Verdattert, mit hochroten Köpfen, hielten die drei Mädchen inne. Der junge Mann sah gut aus; er war schlank, glattrasiert und trug einen eleganten Anzug in schwarzweißem Pepitamuster. Die Schildmütze, die er lässig gelüftet hatte, wies ihn durch Farbe und Band als Primaner des Kaiser-Friedrich-Gymnasiums aus.

»Wir wollten uns keineswegs in die Haare fahren«, erklärte Lilly von oben herab, aber mit reizendem Lächeln, »es handelt sich vielmehr um eine Auseinandersetzung, eh, geistiger Natur!«

»Aha!« Das Lächeln um die Mundwinkel des jungen Mannes vertiefte sich. »Alle Achtung! Aber ich finde es selbst für eine Auseinandersetzung geistiger Art entschieden zu heiß. Darf ich mir erlauben, die Damen zu einer Portion Eis ins ›Kranzler‹ einzuladen?«

»Das nenne ich keck!«, rief Louise.

»Wirklich, mein Herr, das geht entschieden zu weit!«, erklärte Lilly.

Senta würdigte den Gymnasiasten nicht einmal eines Blickes. »Entschuldigt mich, bitte, ich muss mich sputen«, sagte sie kurz und wandte sich in Richtung auf das Zeughaus abrupt ab.

Sie hastete jetzt die Linden hinunter. Wie gerne hätte sie sich eingeredet, dass Lilly sich alles, was sie über Onkel Egon von Stucken behauptet hatte, völlig aus den Fingern gesogen hätte. Aber sie mochte sich nichts vormachen. Seit sie denken konnte, hatte etwas wie ein Geheimnis über diesem Onkel in Amerika geschwebt; niemals hatte ihr Vater oder ihre Mutter eine eindeutige Erklärung darüber abgegeben, wann und warum er ausgewandert war.

War es also wahr? War der Onkel aus der Armee ausgestoßen worden? Welch maßlose Schande für sie, für ihren Vater, ihre Mutter und auch für ihre beiden jüngeren Brüder, Niels und Karl-Friedrich! Ein Makel, der nicht abzuwaschen war, höchstens vielleicht durch eine Heldentat im Krieg.

Aber wenn Senta an Krieg dachte, so schauderte es sie. Als Arzttochter – die Praxis Dr. Justus Weigands lag gleich gegenüber der Wohnung – hatte sie manches zu sehen bekommen, was jungen Mädchen ihres Alters in dieser Zeit sonst sorgfältig verborgen blieb. Sie kannte den Geruch von Blut und Eiter, hatte gebrochene und verrenkte Glieder gesehen, grässliche Verstümmelungen, die sich die Arbeiter und Arbeiterinnen an den neuen Maschinen zuzogen. Oft hatte sie mit angehört, wie ihr Vater sich darüber empörte, dass die Schutzmaßnahmen und Sicherungen an diesen Maschinen ungenügend waren. Immer wieder passierte es, dass Leichtsinn und Profitgier, unterstützt durch Geiz und Rücksichtslosigkeit, junge, starke Menschen zu elenden Krüppeln machten.

Doch das waren immer nur Unglücksfälle, nicht zu vergleichen mit der Vorstellung, dass Menschen auf Menschen losgingen, um sie zu töten.

»Gestatten Sie, gnädiges Fräulein, dass ich Sie nach Hause begleite?«, fragte eine angenehme, leicht nasale Stimme neben ihr. Es war der Gymnasiast von vorhin. Senta wusste es, ohne aufzusehen.

»Lassen Sie mich in Frieden!«

Aber der junge Mann ließ sich nicht abschütteln.

»Entschuldigen Sie, ich vergaß mich vorzustellen«, sagte der junge Mann, »Siegfried Rosenbaum!«

Senta blieb stehen. Sie blitzte den Gymnasiasten aus ihren jetzt riesengroßen, vor Erregung fast schwarzen Augen an.

»Es interessiert mich nicht, wer Sie sind und wie Sie heißen! Hat man Ihnen nicht beigebracht, dass es absolut ungehörig ist, junge Damen auf der Straße anzusprechen?«

Siegfried Rosenbaum hatte schöne, mandelförmige Augen, die gleichzeitig Belustigung und einen Schatten von Melancholie zeigten.

»Nicht halb so ungehörig wie die Prügelei wohlerzogener junger Mädchen ausgerechnet Unter den Linden! Ich hatte die Ehre, sie gerade noch verhindern zu können.«

»Wenn Sie jetzt nicht sofort aufhören, mich zu belästigen, rufe ich einen Schutzmann!«

»Entschuldigen Sie, bitte«, murmelte er, »aber ich hatte auf Ehre nicht die Absicht, Sie irgendwie zu belästigen oder gar zu kränken …«

Senta hörte nicht mehr hin. Sie schritt weiter, das Köpfchen hoch erhoben, mit herbem, verschlossenem Gesicht.

Das Küchenfenster zum Hof war sperrangelweit geöffnet und auch die Tür zum Flur; aber der Durchzug, den sich Stefanie Weigand auf diese Weise verschaffen wollte, war kaum spürbar. Die Sommerglut von draußen und die Hitze, die die brennenden Kohlen und die Herdplatte ausstrahlten, nahmen einem den Atem.

Stefanie spürte, wie ihr der Schweiß aus allen Poren brach, während sie die Einbrenne für das Gemüse anrührte. Aber trotz der Wärme war ihre Haut durchscheinend blass, und ihre braunen Augen mit goldenen Funken, die Justus Weigand einmal so bezaubert hatten, waren von bläulichen Schatten umlagert und wirkten unnatürlich groß in dem schmalen, weißen Gesicht.

Auch das Mädchen Anna, das am Küchentisch stand und Zwiebeln schnitt, schwitzte. Der Schweiß bildete große, dunkle Flecken unter ihren Achselhöhlen, die sich immer weiter ausbreiteten. Aber ihr rundes Gesicht mit den kleinen Augen über den vorstehenden Wangenknochen wirkte rot und gesund. Die niedrige Stirn unter dem krausen Haar war von winzigen Schweißtröpfchen bedeckt.

»Puh!«, stöhnte sie und rieb sich mit dem nackten Unterarm über die tränenden Augen. »Wenn es doch endlich regnen würde!«

»Sieht nicht so aus«, sagte Stefanie Weigand mühsam. Ihr schmaler Körper wurde von einem krampfhaften Husten geschüttelt.

Anna klopfte ihr mit der derben, von Wasser und Seife aufgeschwemmten Hand kräftig auf den Rücken. »Ach Jottchen doch, Frau Doktor, ham wir uns verschluckt?«

Es dauerte eine ganze Weile, bis Stefanie wieder sprechen konnte. »Schon möglich«, sagte sie vorsichtig, um nur ja nicht wieder den stechenden Schmerz in ihrer Brust zu wecken.

»Oder haben Sie ’nen Sommerschnupfen, gnä Frau? Dann sollten Sie doch mal mit dem Herrn Doktor sprechen! Mit so ’nem Sommerschnupfen ist nämlich nicht zu spaßen, ’ne Schwägerin von mir …«

»Nein, nein«, wehrte Stefanie ab, »ich glaube nicht, dass ich mich erkältet habe!«

»Aber Sie husten reichlich oft in letzter Zeit, det jefällt mir gar nicht!«, sagte Anna hartnäckig. »Warum lassen Sie sich nicht mal vom Herrn Doktor untersuchen und ’ne Medizin verschreiben?«

Stefanie zwang sich zu einem Lächeln. »Sie wissen doch genau, wie viel mein Mann zu tun hat! Da kann ich doch nicht auch noch …«

»Ja, ick weeß, det die kleenen Kinder wie die Fliegen bei diesem Wetter eingehen«, erklärte Anna ungerührt, »aber wat ist auch schon an so ’nen Kindchen dran? Von denen jibt es sowieso ville zu ville, und wenn es sein muss, macht man eben schnell ein neues! Aber Sie, Frau Doktor, müssen auf sich aufpassen, weil …«

Stefanie Weigand ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Der große hölzerne Löffel entglitt ihrer Hand.

Anna bückte sich rasch, hob den Löffel auf und begann eifrig weiterzurühren. »Dass det nicht ansetzt!«, sagte sie wichtig.

»Ich glaube, ich … es wird besser sein, wenn ich mich ein bisschen frisch mache«, erklärte Stefanie kraftlos.

Im Schlafzimmer war es dunkel und verhältnismäßig kühl. Die schweren Vorhänge waren zugezogen und ließen nur einen dünnen Strahl des grellen Sonnenlichtes durch eine schmale Spalte quer über die Ehebetten fallen. Eine Sekunde lang empfand es Stefanie bei ihrem Eintreten wie eine Erlösung. Sie ließ sich auf ihr Bett fallen. Aber während sie flach und behutsam ein- und ausatmete, spürte sie, dass die Luft dumpf und stickig war.

Sie hatte vorgehabt, sich zu kämmen und zu waschen, denn es würde nicht mehr lange dauern, bis ihr Mann und die Kinder nach Hause kamen. Aber nun, da sie lag, merkte sie erst, wie erschöpft sie war. Am liebsten wäre sie einfach so liegen geblieben, mit geschlossenen Augen und entspannten Gliedern, bis es Abend wurde oder auch noch länger. Vielleicht für immer.

Ihre Gedanken setzten aus. Hinter ihren Lidern wurde es dunkel.

Als sie wieder zu sich kam, fühlte sie sich etwas besser. Aber zugleich mit dem erwachenden Bewusstsein überfiel sie erneut die schmerzhafte Angst.

Was war mit ihr los? Woher kam diese Schwäche? Der Husten? Der Schmerz in der Brust? War es wirklich nur ein Sommerschnupfen, wie Anna glaubte? Oder hatte sie sich angesteckt?

Selbst jetzt nicht, in der Einsamkeit des dämmrigen Schlafzimmers, wagte sie, ihre Furcht in Worte zu kleiden, sondern versuchte, sie weit, weit von sich zu schieben.

Und doch erinnerte sie sich noch so gut an die große, bis zum Skelett abgemagerte Frau mit den fieberglänzenden Augen, die Justus Weigand in die Charité hatte überweisen lassen. Wie leicht war ihr damals das Versprechen über die Lippen gekommen: »Ich werde mich um Ihre Kinder kümmern, bis Sie wieder gesund sind!«

Der Ekel und die Angst waren erst später gekommen, in der feuchten, schmutzigen Wohnung, als sie sich um die zerlumpten rotznäsigen Bälger kümmerte. Nur wenige Tage. Wie ein Alptraum. Dann hatte ihr Mann eingegriffen und die Kinder ins Waisenhaus geschafft. Als die Frau in der Charité starb, hatten die Angst und der Ekel sich schon tief in Stefanies Seele gefressen.

Mit krampfhaft gefalteten Händen versuchte sie sich jetzt einzureden, dass alles nur Einbildung war. Die Hitze war es, die ihr zusetzte, die Geldsorgen. Nils hatte schon die dritte Hose in diesem Jahr durchgewetzt. Woher sollte sie das Geld für eine neue nehmen? Die Butter war auch wieder teurer geworden, eine Mark und vierzig Pfennig das Pfund, das Ei sechs Pfennig, das Pfund Suppenfleisch eine Mark! Wenn Justus doch nur regelmäßige Einnahmen hätte! Sie wollte ja gerne sparen, doch wenn sie niemals wusste, wie viel ihr tatsächlich monatlich zur Verfügung stand, konnte sie es nicht schaffen. Es kostete sie dabei große Überwindung, ihren Mann immer um Geld bitten zu müssen.

Sie war es nicht gewohnt, über Geld zu sprechen. In ihrer Kindheit, als Tochter des Bankiers von Stucken, hatte sie nicht einmal über Geld nachgedacht, und sie war ganz sicher, dass es zwischen ihren Eltern über dieses Problem niemals Auseinandersetzungen gegeben hatte. Die Stuckens hatten durchaus nicht üppig oder gar verschwenderisch gelebt. Aber das, was ihre Mutter gebraucht hatte, um den gesellschaftlichen Verpflichtungen der Familie nachzukommen, war eben dagewesen.

Stefanie seufzte schwer, ohne dass es ihr bewusst wurde. Gesellschaftliche Verpflichtungen – das war ein Begriff, mit dem sie Justus gar nicht kommen durfte. Tatsächlich war sie ja auch aus der bürgerlichen Welt ihrer Kindheit herausgerissen worden, ohne in der ihres Mannes je heimisch zu werden. Aber es ging dabei ja gar nicht um sie und auch nicht um Justus, sondern um die Kinder.

Senta brauchte einfach ein Mindestmaß an Garderobe, um nicht in der Königin-Luise-Schule und im Kreis ihrer Freundinnen als Aschenputtel zu gelten. Bald würde es auch für Nils so weit sein, auf das Gymnasium zu kommen. Mit geflickten Hosen würden sie ihn dort auslachen.

Aber das waren nicht Stefanies einzige Sorgen. Weit schlimmer noch traf sie die Entfremdung, die zwischen Justus und ihr entstanden war, seit der Professor ihnen beiden nach ihrer letzten Fehlgeburt dringend ins Gewissen geredet und sie vor weiteren Kindern gewarnt hatte. Seitdem war ein Riss zwischen ihnen entstanden, unheilbar, weil sie beide nicht mehr wagten, ihn wie früher zu heilen.

Dabei liebte sie ihren Mann immer noch so vorbehaltlos wie am Tage ihrer Hochzeit, und es war eine Qual für sie, mitzuerleben, wie er ihr unaufhaltsam entglitt.

Stefanie schrak zusammen, als die Tür aufgerissen wurde. »Justus! Justus …«

Sie war in Gedanken so sehr bei ihrem Mann gewesen, dass sie unwillkürlich seinen Namen nannte.

Aber es war nur der neunjährige Nils, der ins Schlafzimmer stürmte. »Mama! Mama!«, rief er. »Warum liegst du im Bett? Bist du denn schon müde? Es ist ja noch gar nicht Mittag!« Er warf sich in ihre Arme.

Sie drehte ihr Gesicht rasch zur Seite, als er sie küssen wollte. »Nicht, Nils, bitte nicht! Es ist so heiß!«

Nils wich zurück. »Hast du mich nicht mehr lieb?«

»Aber ja, wo denkst du hin? Nur … mir ist nicht so ganz gut!« Sie sah im Halbdämmer des Zimmers die großen hellen Augen des Jungen auf sich gerichtet und begriff, dass sie ihm mehr erklären musste, wenn sie ihn nicht verletzen wollte. »Mama hat einen kleinen Schnupfen«, sagte sie, »und deshalb möchte sie nicht, dass du dich bei ihr ansteckst!«

Nils lachte.

»Ein Schnupfen! Als wenn das schon etwas wäre! Wie viel Schnupfen ich schon gehabt habe! Kann ich gar nicht zählen!«

»Trotzdem ist es hübscher, gesund zu sein, nicht wahr? Also, bitte, komm nicht zu nahe!«

Nils setzte sich ans Fußende des Bettes. »Weißt du, wozu ich Lust hätte, Mama?«

»Nein. Aber du wirst es mir sicher gleich sagen!«

»Ich möchte ins Schwimmbad nach Wannsee fahren. Mit dir natürlich und mit Karl. Und Senta nehmen wir auch mit. Das wäre das Richtige für deinen Schnupfen«, setzte er altklug hinzu. »Mama, glaub mir! An der frischen Luft wird es dir besser gehen, und am Wasser ist es immer kühler als zwischen den Mauern. Ich habe vorhin die Hauswand angefasst, die glüht wie ein Backofen.«

»Heraus aus der Stadt«, sagte Stefanie leise, »ja, das wäre schön!«

»Also abgemacht! Schulaufgaben haben wir sowieso nicht auf, wir können gleich nach dem Essen hinausfahren! Was gibt es denn heute, Mama? Ich habe einen wahnsinnigen Hunger!«

»Dann lauf in die Küche und sieh nach!«

Mit einem Satz war Nils aus dem Zimmer.

»Bis nachher, Mama«, rief er vergnügt.

Stefanie erhob sich vorsichtig. Sie fühlte sich nach der kurzen Ruhepause merklich erholt, und die Aussicht auf einen Nachmittag draußen vor der Stadt gab ihr neuen Aufschwung. Sie wusste zwar noch nicht, wovon sie die Fahrt und die Eintrittskarten bezahlen sollte. Eine solch unvorhergesehene Ausgabe hätte ein zu großes Loch in ihre Wirtschaftskasse gerissen. Aber wenn Nils den Vater fragte, oder Senta – Senta war ja seit jeher sein Liebling –, dann würde er den Kindern sicher das nötige Geld geben.

Stefanie knipste die Lampe über dem Spiegel an. Beim Anblick ihres Gesichtes erschrak sie. Es war weiß wie eine Maske, in der die dunklen Augen wie stumpfe Löcher wirkten.

Sie bückte sich, zog die Schublade, in der sie ihre ehemals eleganten, jetzt an den Nähten zusammengezogenen, an den Spitzen sorgfältig gestopften Handschuhe bewahrte, ganz weit heraus und holte ein rundes Döschen heraus. Sie öffnete es, fuhr mit dem Läppchen über das Rouge und tupfte es dann behutsam auf ihre Wangen. Verstohlen, als wenn sie etwas Unrechtes täte, schob sie das Döschen dann wieder in sein Versteck zurück, noch bevor sie das Rouge über ihre Wangen verteilte.

Mit einem Schildpattkamm fuhr sie vom Nacken her über ihr braunes, hoch auf dem Kopf zusammengestecktes Haar und befestigte ein paar Strähnen, die sich im Liegen gelöst hatten, zog einige ihrer hübschen weichen Naturlocken tiefer in die Stirn. Sie befeuchtete ihren Zeigefinger mit der Zunge, glättete damit die Brauen und bog die Wimpern hoch. Sie biss sich auf die Lippen, bis sie Farbe bekamen.

Danach war sie mit ihrem Aussehen einigermaßen zufrieden. Sie stand auf, band sich die knöchellange, mit Rüschen besetzte Schürze enger um die Taille und wagte sich endlich aus dem bergenden Dunkel des Schlafzimmers hinaus.

Auf dem Flur lief ihr der kleine Karl-Friedrich entgegen, umschlang mit beiden Armen ihre Hüften und presste seinen Kopf an ihren Leib. Sie fuhr ihm zärtlich über die braunen Locken. Karl-Friedrich, das jüngste ihrer Kinder, schien ihr, schon rein äußerlich gesehen, am innigsten verwandt. Er hatte ihr Haar geerbt und sogar ihre braunen Augen, in denen, wie bei ihr, kleine goldene Funken leuchteten. Sein Wesen war sanft und ausgeglichen, und niemals dachte er daran, auch nur aufzumucken, wenn er von dem älteren, kräftigeren und raueren Nils, den er aufrichtig bewunderte, gedankenlos tyrannisiert wurde.

»O Mama, mir ist heiß!«, rief er jetzt.

Stefanie bog seinen Kopf zurück und legte ihre Hand auf seine glühende Stirn. »Du wirst mir doch nicht krank werden, Karli?«

»Nein, bestimmt nicht, Mama! Bloß heiß ist mir!«

»Ich werde auf alle Fälle Fieber messen!«

»Aber nein, Mama, das kommt nur, weil ich so getobt habe! Gibt es bald etwas zu essen?«

Nichts hätte Stefanie mehr beruhigen können als diese Frage. »Ja, ganz bald«, sagte sie, »wir müssen nur darauf warten, dass Papa und Senta nach Hause kommen!«

Nils kam, ein Stück trockenes Brot in der Hand, aus der Küche. »Die Lange müsste längst da sein«, sagte er mit vollem Mund, »die Mädchen haben schon vor zwei Stunden hitzefrei bekommen. Das weiß ich ganz genau, ich habe vorhin Susanne getroffen.«

»Das sollte trotzdem kein Grund sein, deine Schwester anzuschwärzen!«

»Aber du sagst doch dauernd, dass wir immer die Wahrheit sagen müssen!«, rief Nils empört.

Stefanie fühlte sich nicht stark genug, ihm klarzumachen, was sie meinte. »Hoffentlich ist ihr nichts passiert!«

»Ach wo«, behauptete Nils, »die streunt nur rum!«

In diesem Augenblick läutete die Flurglocke.

»Da ist sie!«, schrie Karl-Friedrich und rannte zur Tür.

Er riss sie so ruckartig auf, dass Senta, die erschöpft für Sekunden ihre Stirn gegen die bunte Verglasung gelehnt hatte, fast über die Schwelle fiel. Nils brüllte vor Lachen, während Karl-Friedrich, der den Jähzorn seiner Schwester fürchtete, sich mit einem Sprung in Sicherheit brachte und sich hinter seiner Mutter versteckte.

Wie blind taumelte Senta über die Schwelle. Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepresst, und die weit aufgerissenen Augen starrten blicklos ins Leere; ihr hageres Gesicht war von feinen Schweißtröpfchen überzogen.

Stefanie merkte sofort, dass das Mädchen tief verstört war. »Senta, was ist passiert?!«, rief sie erschrocken.

»Nichts, gar nichts, Mama«, murmelte Senta und wollte an ihr und den Brüdern vorbei.

Doch Stefanie packte sie beim Handgelenk. »Komm mit mir, Liebes!«, befahl sie mit aller Energie, die sie aufbringen konnte, und zu den Jungen gewandt, fügte sie hinzu: »Und ihr kämmt euch die Haare! Und wascht euch die Hände! Wer nicht sauber zu Tisch kommt, kriegt nichts.«

Sie zog Senta in den Salon hinein, einen Raum, den sie als junge Ehefrau mit viel Liebe und Geschmack ganz im damals hochmodernen Jugendstil eingerichtet und jahrelang sehr geliebt hatte. Aber inzwischen waren die leuchtendgrünen Vorhänge verblichen, die Polster abgewetzt und die Teppiche schäbig geworden. Die Glasplättchen der Tischlampe klirrten, und der Topf mit Farnkraut auf dem hochbeinigen Blumentischchen wackelte jedes Mal bedrohlich, wenn die Straßenbahn an der Ecke Barnimstraße vorbeifuhr.

Stefanie zog ein sauberes, noch zusammengefaltetes Taschentuch aus feinem Leinen aus ihrer Schürze und tupfte damit den Schweiß von Sentas Gesicht. Sie standen sich dabei beinahe Auge in Auge gegenüber, denn es fehlten der hochgeschossenen Senta nur noch wenige Zentimeter, bis sie die Größe der Mutter erreicht hatte.

»Du weißt doch, dass du mir alles erzählen kannst, Liebes«, sagte Stefanie freundlich.

Plötzlich zerbrach der Panzer. Senta öffnete die Lippen, das Blut schoss ihr in die Stirn. Mit einem Laut, der halb ein Schrei, halb ein Schluchzen war, warf sie sich an Stefanies Brust.

»O Mama, Mama, sie waren so gemein zu mir!«

Stefanie spürte die Kraft in dem hageren jungen Körper, dessen Ansturm sie nicht mehr gewachsen war. Sie wich, ohne Senta loszulassen, zurück und ließ sich in einen Sessel sinken. Senta barg den Kopf wild schluchzend in ihrem Schoß.

»Wer?«, fragte Stefanie behutsam, und hellsichtig fügte sie hinzu: »Deine Freundinnen?«

Senta gab keine Antwort, und Stefanie verzichtete vorläufig darauf, tiefer in sie zu dringen. Zart strich sie ihr durch das Haar. Es kostete sie Mühe, sich nicht anmerken zu lassen, wie erregt sie nun selber war.

»Was haben sie dir getan?«, fragte sie, als das Schluchzen nachließ. Senta umklammerte ihre Knie. »Es ist nicht wahr, Mama! Sag, dass es nicht wahr ist!«

»Was denn, mein Liebes, ich weiß ja nicht, wovon du sprichst?« Stefanie hatte jetzt Angst.

Senta hob den Kopf und blickte zu ihr auf. »Dass Onkel Egon aus der Armee geschasst worden ist!«

Als sie es ausgesprochen hatte, schien es beiden sekundenlang, als ob dieser Satz sich körperlich verdichtet hätte zu einem gefährlichen, bösen Tier, das zum Sprung ansetzt.

»Nicht ganz. Egon musste seinen Abschied nehmen. Das stimmt. Aber man hat ihn nicht geschasst, sondern er hat die Konsequenzen freiwillig gezogen.«

»Aber warum, Mama? Warum?«

»Er hat gespielt.«

»Um Geld?«

»Natürlich. Daran ist nichts Besonderes. Fast alle Offiziere taten es damals und tun es auch heute noch. Nur … er hat verloren. Zu viel verloren. Er ist einer Clique von Berufsspielern in die Hände gefallen, die ihn restlos ruiniert haben. Er hat Schuldscheine unterschrieben, die dann unserem Papa präsentiert wurden. Sie sind alle eingelöst worden.«

Senta richtete den Oberkörper auf, trocknete das tränennasse Gesicht mit dem Tuch ihrer Mutter und putzte sich die Nase. »Aber dann«, sagte sie mit kindlicher Logik, »hätte er doch eigentlich weiter Offizier bleiben können?«

Stefanie schüttelte sacht den Kopf. »Nein, das war unmöglich. Die Sache blieb nicht geheim. Unsere Familie war finanziell am Ende.«

Mit einem Satz war Senta auf den Füßen.

»Das hat er euch angetan?!«, rief sie empört. »Und sich keine Kugel in den Kopf geschossen?«

»Senta, bitte!« Stefanie nahm dem Mädchen das feuchte, zerknautschte Tuch aus der Hand. Sie spürte das feine Ziehen in der Brust, das einen neuen Hustenanfall ankündigte.

»Aber wenn er doch …«

»Senta! Ich habe meinen Bruder sehr liebgehabt, und ich habe ihn immer noch lieb. Würdest du denn einen deiner Brüder tot wünschen, wenn er eine Dummheit gemacht hätte?«

»Es ist doch bloß … wegen der Ehre!«, beharrte Senta, jetzt schon kleinlauter. »Wenn er sich getötet hätte …« Sie stockte.

»Könnten Lilly und Louise dich nicht seinetwegen ärgern«, ergänzte Stefanie. »Wäre dir das wirklich ein Menschenleben wert?«

»Mir nicht.« Senta drehte eine ihrer langen Locken um den Finger. »Ich bin auch ganz froh, dass Onkel Egon noch lebt. Bloß … eine Schande ist es doch.« Sie zögerte, dann fügte sie hinzu: »Wenn Louise und Lilly es den anderen erzählen, dann wird keines der Mädchen mehr mit mir zusammen sein wollen.« Sie schwieg.

Stefanie presste das Taschentuch vor ihre Lippen. Es gelang ihr, den tief aus der Brust aufsteigenden Husten zu unterdrücken. Sie blickte Senta fest in die Augen, und es war ihr, als wenn sie die Gedanken des Mädchens lesen könnte.

»Und einen guten Mann, meinst du, kriegst du später auch nicht?«

Senta nickte stumm und senkte den Blick.

Stefanie seufzte. »Was soll ich dir dazu sagen? Nein, ein Offizier wird dich wohl kaum heiraten. Schon deshalb nicht, weil Vater das Geld für eine nötige Kaution gar nicht zusammenbringen würde. Ich will dich nicht anlügen, Senta. Jeder Mensch hat sein Schicksal. Jeder ist an einen bestimmten Platz gestellt, sein Weg ist ihm durch die Zeit, in der er lebt, die Umwelt, die Familie vorgezeichnet, nicht nur durch den eigenen Charakter.« Ihre letzten Worte waren kaum noch zu verstehen, denn plötzlich war der Husten da, ein würgender Husten, der sie zu ersticken drohte. Ihr Mund füllte sich mit dem widerlich süßen Geschmack von Blut.

»Mama! Mama!«, rief Senta entsetzt. »Was ist mir dir?!«

Sie legte den Arm um Stefanies Schulter und umklammerte sie, als wolle sie ihr von der eigenen jungen Kraft abgeben.

Es dauerte geraume Zeit, bis Stefanie sich von ihrem Anfall so weit erholt hatte, dass sie wieder sprechen konnte.

»Nichts, Liebes«, sagte sie undeutlich, »eine kleine Verkühlung, nichts weiter!« Sie wandte den Kopf zur Seite, tupfte sich rasch die Lippen ab und verbarg das Tuch in ihrer geschlossenen Faust.

Sie hatte die dunklen Flecken entdeckt.

Senta schmiegte die Wange an ihre Stirn. »Habe ich dich gequält, Mama? Verzeih mir, bitte, verzeih! Ich habe wieder mal bloß an mich gedacht. Für dich muss das alles doch viel schlimmer sein.«

»Ich denke nicht mehr daran«, murmelte Stefanie mit abgewandtem Gesicht.

»Aber damals?«

»Das Schlimmste war für mich der Tod meines Vaters. Er hat sich erschossen. Wegen der Ehre, die er verloren glaubte. Er ließ uns allein, als wir ihn am dringendsten brauchten. Dabei war sein Tod ganz sinnlos. Das hat uns später unser Rechtsanwalt klargemacht. Die Bank wäre zu retten gewesen.«

»Das ist grausam«, sagte Senta erschüttert.

Stefanie schenkte ihr ein blasses Lächeln.

»Wer weiß«, sagte sie, »jedenfalls hätten dein Vater und ich niemals heiraten dürfen, wenn das damals nicht passiert wäre. Er hatte kein Geld, und seine Ansichten passten meinem Papa ganz und gar nicht!«

»Da hast du es!« Senta umarmte ihre Mutter stürmisch. »So hatte es also doch sein Gutes! Wenn Onkel Egon nicht gewesen wäre, würden ich und Nils und Karl-Friedrich also gar nicht auf der Welt sein?«

Stefanie zuckte zusammen. Musste sie jetzt sprechen? Aber dann sah sie das eifrige, glückliche, jetzt wieder ganz kindliche Gesicht vor sich. Und schwieg.

»So müssen wir also Onkel Egon dankbar sein, dass er das ganze Geld verspielt hat!«, rief Senta. »Weißt du was? Ich werde ihm bald mal wieder schreiben!«

»Ja, tu das! Und jetzt, bitte, lauf zur Praxis hinüber und sieh zu, ob du Papa zum Essen holen kannst! Die Jungen sterben sonst noch vor Hunger!«

Justus Weigand fühlte sich deprimiert, als er sich zu seiner Familie an den Tisch setzte. Aber nur seine Frau merkte es, doch sie wagte es nicht, ihm eine Frage zu stellen oder nach einem Trost zu suchen. Sie hatte längst gelernt, dass er, gerade wenn er Enttäuschungen oder Rückschläge erlebte, sich innerlich abzukapseln pflegte.

Und sie hatte sich damit abgefunden, keinen Zugang mehr zu seinem Herzen zu haben.

Für die Kinder aber war und blieb der Vater der große Mann, der alles konnte und alles wusste, für Senta sogar der bestaussehende Mann, den sie kannte. Er war schlank und breitschultrig und, obwohl er auf die Mitte der Dreißiger zuging, ohne den leisesten Ansatz von Bauch, schmalhüftig und eher hager. Sein Haar war dicht und dunkel. Dass es an den Schläfen zurückwich, betonte nur die Intelligenz seiner grauen Augen. Die hohen Jochbogen ließen seine Wangen hohl erscheinen und gaben ihm einen lebenshungrigen Ausdruck, der durch den festen, gutgeschnittenen Mund freilich gemildert wurde.

Er aß die heiße Bouillon so rasch und achtlos, als hätte er eine unumgängliche Pflicht zu erfüllen, und ganz offensichtlich, ohne etwas zu schmecken.

Auch die Kinder aßen schnell. Aber sie ließen ihren Vater dabei nicht aus den Augen. Sie alle hofften und warteten darauf, dass er das Wort an sie richten würde.

Es dauerte eine ganze Weile – Anna hatte schon die Suppenteller abserviert und Gemüse, Kartoffeln und Fleisch auf den Tisch gestellt –, ehe Justus Weigand sich des gespannten Schweigens bewusst wurde. Er hob den Kopf und sah in die hellen, wachsamen Augen seines großen Jungen.

»Na, wie war es in der Schule?«, fragte er gezwungen.

»Wir hatten hitzefrei, Papa!«, erklärte Nils wie aus der Pistole geschossen.

»Hitzefrei, so, so«, sagte Justus Weigand, und er verfluchte innerlich diese ungewöhnliche Sommerhitze, bei der die Säuglinge starben wie die Fliegen. Noch nie in all den Jahren seiner Praxis hatte er sich so hilflos gefühlt.

Nils wartete auf eine weitere Frage, aber er wusste, dass er bei Tisch nur reden durfte, wenn er gefragt wurde.

Auch Karl-Friedrich hätte gern etwas erzählt. Er rutschte unruhig auf seinem Sitz, der mit zwei dicken Lexikonbänden erhöht worden war, hin und her und ließ die Gabel gegen den Tellerrand klirren, um die Aufmerksamkeit des Vaters zu erregen.

Aber es nutzte nichts.

Stefanie legte ihrem Mann und den Kindern reichlich Kartoffeln und Gemüse auf, nahm sich selber jedoch nur wenig. Schon der Geruch des Essens bereitete ihr Übelkeit.

»Papa!«, platzte Senta heraus.

Justus Weigand, mitten aus seinen Gedanken über einen hoffnungslosen Fall von Meningitis gerissen, hob mechanisch den Kopf.

»Wird es Krieg geben, Papa?«

»Niemals«, erklärte Justus Weigand und lächelte ihr über den Tisch hinweg zu.

»Aber wenn unser Kaiser es will?«, ließ Nils sich vernehmen.

»Zum Glück kann unser Kaiser nicht mehr allein solche schwerwiegenden Entscheidungen treffen. Ein Krieg lässt sich heutzutage nicht mehr nur mit Berufssoldaten führen. Und ihr glaubt doch nicht im Ernst, dass unsere Arbeiter, die breite Masse des Volkes, denen man immerhin die wichtigsten Rechte vorenthält, sich für irgendeinen Krieg des Kaisers mobilisieren lassen würden?« Justus Weigand hatte seinen Teller geleert und schob ihn unwillig mit einem Ruck von sich.

»Justus«, sagte Stefanie, »kann ich dich fünf Minuten sprechen?«

»Wie viel brauchst du?«

Sie zuckte zusammen.

»Du verstehst mich nicht! Es ist … es handelt sich um etwas ganz anderes … etwas sehr Wichtiges …«

»Tut mir leid. Ich habe keine Zeit.« Er zog seine Uhr aus der Westentasche, ließ sie aufspringen und warf einen Blick auf das Zifferblatt. »Wenn ich nicht jetzt sofort mit meinen Krankenbesuchen beginne, bin ich um Mitternacht noch nicht zu Hause!« Er schob den Stuhl zurück und stand auf.

»Papa!«, rief Karl-Friedrich. »Wir möchten gern nach Wannsee ins Schwimmbad fahren!«

»Von mir aus.«

»Aber Mama hat kein Geld.«

Justus Weigand ließ den Blick über die Köpfe seiner Familie schweifen, seine Frau und die Kinder wirkten auf ihn, im Gegensatz zu den Patienten, mit denen er täglich zu tun hatte, sehr gepflegt, gut gekleidet und sorglos. »Also doch!«, sagte er und ließ einen Reichstaler auf den Tisch springen. »Genügt das?«

Er wartete den Dank seiner Kinder nicht ab, sondern verließ mit schnellen Schritten das Zimmer.

»Papa ist schrecklich überarbeitet«, sagte Stefanie.

Aber dann begriff sie, dass sie ihn gar nicht vor den Kindern zu entschuldigen brauchte. Die nahmen seine schlechte Laune sowieso hin wie ein unvermeidliches Gewitter und freuten sich ganz einfach auf den Nachmittag am See.

Als Justus Weigand die Wohnungstür schon in der Hand hatte, wäre er beinahe noch auf der Schwelle umgekehrt, um seine Frau in die Arme zu nehmen und sie mit dieser Geste um Verzeihung zu bitten. Er glaubte, ihr schmales weißes Gesicht mit den übergroß gewordenen braunen Augen vor sich zu sehen, aus deren Blick nicht der Schatten eines Vorwurfs sprach. Nur Verlassenheit und Trauer.

Er fühlte sich elend, weil er sie wieder einmal verletzt hatte, und er war sich durchaus bewusst, wie ungerecht sein Verhalten gewesen war. Aber etwas zwang ihn geradezu, sie zu quälen. Als müsste er die Nackenschläge, die das Schicksal ihm zufügte, weitergeben, dachte er manchmal. Vielleicht hätte es ihm Erleichterung verschafft, gelegentlich über seine Sorgen zu reden. Aber das konnte er nicht!

Alle Hoffnungen, mit denen er seine Laufbahn als Mediziner begonnen hatte, waren zerronnen. Längst hatte er den Wunsch nach einem Lehrstuhl begraben. Derlei lag so weit zurück, dass es jede Wirklichkeit für ihn verloren hatte. Ein Traum, weiter nichts mehr.

Nein, es quälte ihn nicht, dass er nur Arzt, praktischer Arzt geworden war. Eine richtige Karriere, das wusste er jetzt, war nie mehr als eine jugendliche Schwärmerei, war niemals wirklich Teil seines Charakters gewesen. Justus Weigand liebte seinen Beruf. Aber er zerbrach fast daran, dass er Krankheit und Tod gegenüber so hilflos war.

Was konnte er schon tun? Fieber messen, kalte oder warme Umschläge verordnen, Rizinusöl, Baldriantee. Aber tatsächliche Hilfe war stets mehr oder weniger Zufall. Oft nutzten alle Pflege und Sorgfalt nichts, und ebenso häufig hatte er den Eindruck, dass der Patient auch ohne sein Eingreifen einfach dank seiner besonderen Zähigkeit oder aus starker Natur wieder gesund geworden wäre.

Er wusste, wie alle anderen Mediziner seiner Zeit, dass es Bakterien waren, die ein Großteil der herrschenden Krankheiten verursachten; aber es gab keine Waffen, mit denen er sie hätte wirklich bekämpfen können. Seine tägliche Arbeit bestand aus einem nicht endenden Kampf, in dem er hie und da wohl einen kleinen Sieg errang, letztlich jedoch immer der Unterlegene blieb.

Seine Patienten hatten Vertrauen zu ihm, ein Vertrauen, das ihn mehr beschämte als beglückte; jeder hätte ihn ohne zu zögern für einen guten Arzt erklärt. Nur er selber war sich jede Sekunde seiner Hilflosigkeit bewusst. Oft schien ihm das Suchen nach der richtigen Diagnose wie ein Tappen im Dunkeln. Und wenn er dann seiner Sache hundertprozentig sicher wie heute früh bei der tuberkulösen Hirnhautentzündung war, dann kam das doch nur einem Todesurteil für den Patienten gleich. Es gab nichts, gar nichts, kein einziges Heilmittel, mit dem er diese heimtückische Krankheit hätte bekämpfen können.

Und selbst in einfachen Fällen waren ihm die Hände durch die erbärmlichen Lebensumstände seiner Arbeiterpatienten gebunden. Er konnte zwar zu einem Aufenthalt in den Bergen und zu gesunder Ernährung raten, zu ausreichendem Schlaf und Sauberkeit. Aber seit Langem schon verzichtete er auf solche Anweisungen bei Menschen, die froh waren, wenn sie überhaupt etwas zu brechen und zu beißen hatten, schon zufrieden, wenn sie sich ein paar Stunden Schlaf gönnen und sonntags mal ins Grüne fahren konnten.

Justus Weigand versuchte, sachlich zu sein. Und eben das steigerte nur sein Missbehagen.

Er erinnerte sich noch gut, wie optimistisch er gewesen war, als er vor zehn Jahren geheiratet und seine Praxis gegründet hatte. Damals hatte er nicht nur das private Glück greifbar nahe gesehen, er war auch überzeugt gewesen, dass der Fortschritt der Menschheit nun unaufhaltsam wäre.

Tatsächlich war ihm Stefanie eine gute Frau geworden und hatte ihm zwei gesunde Söhne geschenkt. Senta hatte sich mehr und mehr zu einer echten Tochter entwickelt, das allein hätte schon Grund zu einer gewissen Hochstimmung sein sollen. Warum konnte er sich nicht darüber freuen?

Das Jahrhundert, das einen so großartigen Aufschwung genommen hatte, hatte ihn, den Zukunftsgläubigen, enttäuscht. Er war aber zu gerecht, die vielen Fortschritte, die, auch auf sozialem Gebiet, gemacht worden waren, zu übersehen. So suchte er den Grund für seine Niedergeschlagenheit in sich selber. Weil er nicht glauben konnte, dass die Zeit tatsächlich stehen geblieben war, fühlte er sich mit seinen fünfunddreißig Jahren einfach alt.

Auch jetzt litt er wieder unter diesem Druck tiefer Hoffnungslosigkeit.

Kaum dass er das Haus verlassen hatte, traf ihn die Hitze wie ein Schlag. Fast augenblicklich brach ihm Schweiß aus der Haut. Innerhalb weniger Sekunden klebte das Hemd am Leib, und er lockerte mit zwei Fingern den hohen, gestärkten Kragen. Er hatte es nicht weit. Hier im Berliner Osten lebten in fast jedem Haus ein oder zwei Patienten. Er bog in einen Torweg, überquerte einen Hinterhof. Die Sonne stand noch fast senkrecht am Himmel, und die Häuserwände warfen die Glut zurück. Selbst die Kinder hatten die Lust am Spielen verloren und sich in eine schattige Ecke verkrochen.

Er stieg in den fünften Stock hinauf, wo die Tür, von der die braune Farbe wie Ausschlag abblätterte, vor ihm aufgerissen wurde, kaum dass er geläutet hatte.

»Gut, dass Sie da sind, Herr Doktor!«, begrüßte ihn Frau Palle, eine blasse, ausgemergelte Person mit fettigem dunkelblondem Haar, deren schlaffe Brüste sich deutlich unter dem fleckigen grauen Kattunkleid abzeichneten. Mit ihren achtundzwanzig Jahren glich die Mutter von sieben Kindern, verheiratet mit einem arbeitsunfähigen Mann, einer alten Frau. Dennoch, stellte Justus Weigand auf den ersten Blick fest, begann sich ihr Leib schon wieder zu runden; sie war in anderen Umständen.

Unwillkürlich runzelte er die Stirn.

Frau Palle deutete sein Unbehagen auf ihre Weise. »Tschuldigen Sie, dass ich noch nicht aufgeräumt habe, Herr Doktor«, sagte sie atemlos und fegte mit einer hastigen Bewegung einen Stapel zerrissener Kinderkleidung von der Flurgarderobe in die oberste Schublade, »aber mein Paul … ich weiß schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht! Ilschen hat Durchfall, und mein Paul … Sie wissen doch, er hat es dauernd mit dem Hals zu tun. Vorgestern kam er wieder damit an. Erst habe ich es ja nicht ernst genommen, weil doch Sommer ist, aber gestern Abend habe ich ihn dann doch ins Bett gesteckt, und heute Morgen … also es geht ihm wirklich sehr schlecht, Herr Doktor!« Mit dem Handrücken strich sie sich eine Haarsträhne zurück, die gleich wieder in die Stirn fiel.

»Haben Sie Fieber gemessen?«, fragte Justus Weigand und ging mit raschen Schritten voraus, denn er kannte sich hier aus wie in seiner eigenen Wohnung.

»Er ist sehr heiß«, erwiderte Frau Palle ausweichend.

Er blieb stehen und sah sie an.

»Ja, ich weiß, Sie haben mir erst letztlich ein neues Thermometer geschenkt, und ich habe es auch nicht verkramt, ganz gewiss nicht …«

»Aber?«

»Nicht, was Sie denken, Herr Doktor! Die Kinder wollten untersuchen, wie das Ding funktioniert, und dabei ist es ihnen kaputtgegangen!« Sie konnte seinem Blick nicht länger standhalten und huschte an ihm vorbei. »Man kann die Augen nicht überall haben«, murmelte sie, halb störrisch, halb verlegen.

Justus Weigand verkniff sich jeden Tadel; er wusste, jedes weitere Wort wäre hier verschwendet gewesen. Wortlos folgte er Frau Palle in das Kinderzimmer, einem großen Raum mit trüben, ungeputzten Fensterscheiben, in dem vier Betten längs der Wände standen; nur der Älteste, Paul, hatte ein eigenes Bett, die anderen schliefen zu zweien. Die Fenster waren fest geschlossen, und es roch nach ungelüfteten Betten, nach Schweiß, Krankheit, Staub und Urin.

Mit wenigen Schritten war Justus Weigand bei Pauls Bett. Er erschrak bei dem Anblick, der sich ihm bot. Der Junge starrte ihm verängstigt entgegen, und seine Hände fuhren unruhig hin und her über das zerknitterte Laken. Sein Hals war sichtbar geschwollen. Offensichtlich bereitete ihm das Atmen Schwierigkeiten. Er trug nur sein Taghemdchen, und als er Luft holte, sah Justus Weigand deutlich Einziehungen der Haut oberhalb des Brustbeins. Gleichzeitig kam aus der Kehle ein raues, rasselndes Geräusch.

»Na, hat es dich wieder mal erwischt, Paul?«, fragte Justus Weigand mit mühsam vorgetäuschter Unbefangenheit. Er ließ sich auf dem Bettrand nieder und umfasste das Handgelenk des Jungen; der Puls war nur schwach zu spüren und stark beschleunigt.

Paul wollte eine Antwort geben, aber alles, was er hervorbrachte, war ein lauter, bellender Hustenstoß.

»Du brauchst nichts zu sagen, Paul«, erklärte Justus Weigand rasch und legte ihm die Hand auf die Stirn, die sich feucht und heiß anfühlte.

Als der Husten verebbt war, hatte er seine Tasche geöffnet und ein Fieberthermometer hervorgeholt; jetzt steckte er es Paul in die Achselhöhle.

»So, nun mach mal den Mund auf!«

Während Paul sich bemühte, dieser Aufforderung nachzukommen, reichte Frau Palle dem Arzt einen Kaffeelöffel. Damit drückte er die Zunge des Jungen herunter. Ein leimiger, süßer Geruch stieg ihm in die Nase. Dicke weiße Beläge waren auf den Mandeln und zogen sich bis in den Gaumen hinauf.

»Brav gemacht«, sagte er, nahm den Löffel zurück und reichte ihn der Mutter. »Diphtherie«, erklärte er, »das ist ansteckend. Sie müssen den Löffel auskochen und Paul von den anderen Kindern isolieren.«

»Wie stellen Sie sich das vor? Die Wohnung ist viel zu klein und …«

»Dann muss er eben ins Krankenhaus!«

»Nein!« Frau Palle schrie es fast. »Von dort kommt keiner wieder!«

»Ich kann ihn nur hier lassen, wenn Sie mir versprechen, ihn von den anderen Kindern zu trennen. Legen Sie ihn in Ihr Schlafzimmer …«

»Das würde mein Mann nie zulassen!«

Justus Weigand hätte gern dies und jenes über Herrn Palle gesagt, dessen einziger Beitrag zum Familienleben darin bestand, dass er seiner Frau mit schöner Regelmäßigkeit ein Kind machte, ihr das Geld abnahm, das sie sich durch Putzen verdiente oder bei den Wohltätigkeitsorganisationen erbettelte, und ansonsten die meiste Zeit im Wirtshaus verbrachte.

Aber er verbiss sich jede Kritik und sagte nur: »Herrgott noch mal, dann räumen Sie eben die Kammer aus! Darin ist Platz genug für ein Bett. Ich werde Ihnen helfen!«

Er zog das Thermometer aus Pauls Achselhöhle. Die Quecksilbersäule stand nur wenig über 38 Grad. Das Fieber war, gemessen an dem raschen flatternden Puls, gering.

Aber die Schwellung außen am Hals war bedrohlich, und bei jedem Atemzug zogen sich die Muskeln krampfhaft zusammen. Plötzlich verfärbte sich Pauls Gesicht rotblau. Er kämpfte gegen einen Erstickungsanfall an.

Kurz entschlossen holte Justus Weigand ein Glasröhrchen aus seiner Tasche, öffnete fast gewaltsam die Kiefer des Jungen, steckte ihm das Röhrchen in den Hals, nahm das andere Ende in den Mund und saugte die schleimige Masse ab, die Pauls Luftröhre verklebte.

Diese Maßnahme wirkte sofort. Der Junge nahm wieder eine normale Farbe an und bekam Luft.

Justus Weigand sprang auf und spie die dickliche Flüssigkeit in einen Nachttopf.

»Um Gottes willen, Herr Doktor, wie konnten Sie das tun?«, rief Frau Palle. »Wo Sie doch selbst gesagt haben … dass es gefährlich und ansteckend ist!?«

»Zum Teufel!«, schimpfte Justus Weigand. »Hätte ich ihn denn ersticken lassen sollen?!« Er hatte nichts von dem ekelhaften Schleim auf die Zunge bekommen, dennoch konnte er dem Drang nicht widerstehen, sich den Mund mit dem lauwarmen, abgestandenen Wasser auszuspülen, das er in einem Krug auf der Waschkommode fand.

Er warf einen Blick auf den Jungen und sah, dass sich schon wieder ein neuer Anfall vorbereitete. »Hilft nichts«, sagte er, »wir müssen eine Tracheotomie machen!«

»Eine … was?!«, kreischte Frau Palle.

»Sie werden schon sehen!« Justus Weigand wandte sich an Paul. »Bleib ganz ruhig, Junge; versuch, flach zu atmen. Ich werde dir gleich helfen!«

Pauls Augen zeigten, dass er verstanden hatte.

»Rasch, wir müssen den Küchentisch holen!«

Ohne Frau Palles Reaktion abzuwarten, rannte Justus Weigand aus dem Zimmer, den düsteren Gang entlang. In der Küche herrschte, da im Kohlenherd noch Feuer brannte, eine geradezu mörderische Hitze und gräuliche Unordnung. Aber der Tisch war zum Glück schon abgeräumt bis auf ein paar Löffel, die Justus mit einer ungeduldigen Handbewegung zu Boden fegte. Er hatte den Tisch schon zur Tür geschoben, als Frau Palle ihm nachkam. Gemeinsam trugen sie ihn in das Kinderzimmer und stellten ihn dicht an das Fenster.

»Holen Sie heißes Wasser!«, befahl Justus Weigand.

Als sie es ihm in einem zerbeulten Topf brachte, befahl er ihr, es in eine Schüssel zu gießen, und wusch sich dann die Hände gründlich wie vor einer großen Operation. Er hob den Jungen – sehr behutsam, um keinen neuen Hustenanfall auszulösen – aus dem Bett und legte ihn auf den Tisch. Ohne Frau Palle zu fragen, nahm er das ohnehin recht löchrige Laken und riss es in lange Streifen, mit denen er den Oberkörper und die Arme des kleinen Patienten fest an den Tisch band.

Dabei sprach er unentwegt beruhigend auf ihn ein: »Nur keine Angst, Paul! Du weißt doch, dass ich dir helfen will. Ich muss einen kleinen Eingriff machen, aber du wirst kaum etwas davon spüren, und nachher wirst du wieder frei atmen können …«

Paul lag jetzt so, dass sein Nacken über den Tischrand stark nach hinten gebeugt und die vordere Halspartie dadurch gestreckt wurde. Justus Weigand überpinselte seinen Kehlkopf mit Jod, legte sich sein chirurgisches Besteck zurecht und zog sich Gummihandschuhe über.

»So, jetzt nehmen Sie Pauls Kopf in beide Hände und halten ihn ganz fest, Frau Palle! Wenn Sie kein Blut sehen können, dann schließen Sie von mir aus die Augen, aber halten Sie den Kopf weiter eisern in der gleichen Stellung!«

Frau Palle tat, wie ihr geheißen. Ihr Gesicht war grau. Aber sie hatte die Lippen fest aufeinandergepresst und den Unterkiefer leicht vorgeschoben; Justus Weigand war sicher, dass er sich auf sie verlassen konnte.

Er beugte sich noch einmal zu dem Jungen. »Jetzt tut es ein bisschen weh, Paul, aber es ist gleich vorbei, das verspreche ich dir!«

Paul konnte nicht einmal mehr nicken, doch aus seinen weit geöffneten Augen sprach nicht nur Angst. Er kannte Justus Weigand seit seiner frühesten Kindheit und hatte Vertrauen zu ihm.

Der Arzt nahm das sterile Skalpell und schnitt die Haut des Patienten genau in der Mittellinie, dicht über der unteren Halsgrube, auf, weil bei Paul, wie bei allen Kindern, die Schilddrüse, die auf keinen Fall verletzt werden durfte, noch hoch stand. Er führte diesen Schnitt etwa vier Zentimeter lang durch; es blutete nur wenig. Beim nächsten Schnitt ging er tiefer und durchtrennte, genau auf der gleichen Mittellinie, das Muskelgewebe.

Durch den Körper des kleinen Patienten lief ein Zittern, aber umklammert von den starken Händen seiner Mutter, blieb sein Kopf starr und unbeweglich.

Justus Weigand schob eine Vene mit einem stumpfen Haken beiseite, eine andere, die wieder zurückschnellte, unterband er zweimal, bevor er sie zwischen den abgeschnürten Stellen durchtrennte. Er ging dabei mit äußerster Präzision vor.

Jetzt, da er in die Tiefe vorgedrungen war, führte er den noch gefährlicheren Längsschnitt aus, mit dem er die Luftröhre aufschlitzte, sorgsam darauf bedacht, den Ringknorpel des Kehlkopfskeletts nicht zu verletzen. Er erweiterte diesen Schlitz nach beiden Seiten zu einem kleinen Fenster.

Nachdem er einen dicken Schleimpfropf aus der Luftröhre entfernt hatte, atmete der Junge schon leichter, ohne das beängstigende Rasseln, das bis dahin aus seiner Kehle gedrungen war.

Justus Weigand führte die gebogene Trachealkanüle in die Luftröhre des Kindes ein und verknotete die Bänder, die an ihr befestigt waren, hinter seinem Nacken, so dass die Kanüle nicht bei einem Hustenstoß aus der Luftröhre hinausgeschleudert werden konnte.

Er verschloss den Hautschnitt mit Kopfnähten, deckte die Wunde mit Mull ab und legte zwischen Kanülenschild und Verband einen eingeschnittenen Streifen Billrothbatist.

»Das hätten wir«, sagte er erleichtert und lächelte Frau Palle ermutigend zu. »Eine Tracheotomie wie aus dem Bilderbuch. An der hätte selbst Professor von Bergmann seine Freude gehabt!«

Frau Palle hatte die Zähne so fest aufeinandergebissen, dass sie sie jetzt nur mühsam lösen konnte. »Ist … alles in Ordnung, Herr Doktor?«

»Ja, Gott sei Dank, es ist alles gut gegangen. Sie können den Jungen loslassen …« Er bückte sich und löste die Knoten der Lakenstreifen, mit denen er Paul festgebunden hatte. »So«, sagte er, »jetzt wollen wir dich aber mal schleunigst wieder in eine bequeme Lage befördern.« Er schob ihn so, dass der Kopf nicht mehr über die Tischkante herabhing. »Ich kann mir schon vorstellen, dass dir der Nacken steif geworden ist.«

Paul wollte etwas sagen, aber er brachte nur ein krächzendes Flüstern zustande.

»Sprich lieber nicht«, sagte Justus Weigand, »es strengt dich zu sehr an. Aber wenn du wirklich etwas sagen musst, brauchst du nur den Finger auf die Kanüle zu legen … hier auf die Öffnung!« Er führte die Hand des Jungen an die bezeichnete Stelle. »Dann geht es wieder!«

»Danke«, sagte Paul sehr deutlich, und er strahlte auf, weil er seine Stimme wiedergefunden hatte.

»Aber mach das nicht zu oft!«, mahnte Justus Weigand. »Ich habe dir die Luftröhre geöffnet, damit du atmen kannst. Wenn du die Öffnung zuhältst, ist der Zweck verfehlt.« Er strich ihm leicht über das Haar. »Nur keine Angst, sobald du wieder gesund bist, kommt die Kanüle fort, und dann kannst du wieder wie früher sprechen und lachen und essen und alles.«

Er hatte sich inzwischen überlegt, wie es weitergehen sollte. »Rufen Sie Lenchen herauf«, sagte er zu Frau Palle, »sie ist bei den anderen unten im Hof. Ich brauche sie.«

Während die Mutter in die Küche lief, deren Fenster in den Hof führte, prüfte Justus Weigand den Puls des Patienten, der schon wieder etwas fester geworden war. Auch die Herztöne klangen nicht mehr besorgniserregend.

Justus Weigand fühlte, wie seine Stimmung sich hob; dies heute war einer jener allzu seltenen Fälle gewesen, wo er wirklich hatte helfen und ein Menschenleben retten können. In solchen Momenten liebte er seinen Beruf mehr als alles andere auf der Welt.

Er hatte die Gummihandschuhe ausgezogen. Jetzt reinigte er sein Besteck mit Alkohol, bevor er es wegpackte. Später, in seiner Praxis, würde er es auskochen.

Helene kam herein, ein untersetztes, aber kräftiges elfjähriges Mädchen; sie war dreckig, barfuß und nur mit einer langen Baumwollschürze bekleidet.

»Juten Tach och, Herr Doktor«, sagte sie mit der Andeutung eines Knickses und einem scheuen Blick auf den Bruder.

»Guten Tag, Lenchen! Wie du siehst, habe ich Paul operiert. Jetzt wirst du ihn pflegen müssen. Traust du dir das zu?«

»Na klar doch!«, sagte Lenchen, die im Gegensatz zu ihren Eltern eine geborene Berlinerin war.

»Nun wasch dir erst mal die Hände und das Gesicht … aber gründlich! Und dann hilfst du deiner Mutter, die Betten im Elternschlafzimmer zu überziehen.« Er goss das heiße Wasser, das er selber gebraucht hatte, in den Eimer, schüttete sauberes in die Schüssel.

»Paul hat Diphtherie«, erklärte er, »das ist eine ansteckende Krankheit. Du musst deshalb sehr vorsichtig sein, darfst vor allem nicht von seinem Teller oder mit seinem Löffel essen …«

»Vasteh ick«, erwiderte Lenchen unerschüttert.

»… und musst aufpassen, dass deine jüngeren Geschwister überhaupt nicht mit ihm in Berührung kommen, auch deine Mutter nicht, du pflegst ihn ganz alleine.«