Deichfeuer - Hannes Nygaard - E-Book

Deichfeuer E-Book

Hannes Nygaard

5,0

Beschreibung

Der neue Coup von Erfolgsautor Hannes Nygaard. Es soll die schönste Zeit des Jahres sein, doch die Urlaubsidylle in der traumhaft ruhigen Landschaft der Marsch findet ein jähes Ende: Auf einem Campingplatz geht ein Wohnmobil in Flammen auf, ein Mann kommt ums Leben. Und niemand will etwas bemerkt haben. KHK Große Jäger ermittelt undercover und stößt in der scheinbar heilen Campingwelt auf Mauern des Schweigens.

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Hannes Nygaard ist das Pseudonym von Rainer Dissars-Nygaard. 1949 in Hamburg geboren, hat er sein halbes Leben in Schleswig-Holstein verbracht. Er studierte Betriebswirtschaft und war viele Jahre als Unternehmensberater tätig. Hannes Nygaard lebt auf der Insel Nordstrand.

www.hannes-nygaard.de

Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind nicht gewollt und rein zufällig.

© 2022 Emons Verlag GmbH

Alle Rechte vorbehalten

Umschlagmotiv: Mike Dobel/Arcangel.com

Umschlaggestaltung: Nina Schäfer, nach einem Konzept von Leonardo Magrelli und Nina Schäfer

Umsetzung: Tobias Doetsch

Lektorat: Dr. Marion Heister

E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck

ISBN 978-3-96041-904-4

Hinterm Deich Krimi

Originalausgabe

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Dieser Roman wurde vermittelt durch die Agentur Editio Dialog, Dr. Michael Wenzel (www.editio-dialog.com).

Die Flöhe und die Wanzen gehören auch zum Ganzen.

Goethe

EINS

Mit einem lauten und schrillen »Quiéwiehp« machte der Austernfischer auf sich aufmerksam. Es folgte ein gellendes »Qui«, als sich ein Artgenosse zu nahe an das Brutrevier herantraute. Einer der Brutvögel ging dem Eindringling mit leicht geöffnetem Schnabel und gesenktem Kopf entgegen und trillerte und pfiff erregt in hohen Tönen. Der Watvogel gilt als einer der charakteristischen Vögel im Wattenmeer, das in seinen komplexen und dynamischen Lebensräumen mit mehr als zehntausend Pflanzen- und Tierarten eine außergewöhnliche Vielfalt aufweist. Das schwarz-weiße Gefieder des Austernfischers erinnerte ein wenig an eine Elster, die Beine und der lange rote Schnabel hingegen trugen ihm die scherzhafte Bezeichnung Halligstorch ein.

Er gehörte ebenso hierher wie der weite Himmel, der sich über das sattgrüne Land spannte. Zirruswolken, die wie zarte Federn dort oben hingen, wirkten wie kleine Tupfer, um dem Auge ein paar Anhaltspunkte zu liefern, damit es sich nicht in der Unendlichkeit verlor. Der Himmel, die offene Landschaft und jenseits des Deiches die Weite der See – alles schien unbegrenzt zu sein. Hierher kam, wer Ruhe und Entspannung suchte, mit sich eins sein und die Natur und Schöpfung umarmen wollte. Man sagt, in diese Einsamkeit zieht sich Gott zurück.

Sicher lag es nicht an Gottes Launenhaftigkeit, dass das Wetter oft wechselhaft, wenn auch insgesamt ausgeglichen war. Zu den Vorzügen des Landstrichs gehörte es, dass es im Sommer nicht zu warm und im Winter nie zu kalt war. Die unterschiedlichen Seiten der Witterung zeigten sich hinterm Deich kurzfristiger als der Rhythmus der Jahreszeiten. Mal schien die Sonne, dann war es bedeckt oder gar trübe.

Als er darüber sinnierte, kam es ihm wie ein Spiegelbild des Lebens vor. Auch im Dasein eines Menschen gab es diese Schwankungen. Immer nur Sonnenschein wie in Kalifornien? Dort lechzte man nach gelegentlichem Regen. Er seufzte. Gott hatte ihn an den richtigen Platz gestellt. Zumindest geografisch. Man durfte auch stille Dankbarkeit zeigen, dass man in einem Teil der Welt lebte, der von Naturkatastrophen verschont blieb. Hier gab es keine Erdbeben, keine Vulkanausbrüche, keine Wirbelstürme. Hunger und Elend, Krieg und Unfreiheit fanden in anderen Weltgegenden statt. Die Menschen genossen eine gute medizinische Versorgung, hatten Bildung erfahren und wurden durch ein stabiles soziales Netz aufgefangen. Dennoch gab es immer wieder Klagen zu hören.

Wie war sein Leben bisher verlaufen? Die allgemeine Feststellung, dass es den Leuten gut ging, traf auch auf ihn zu. Aber …

Er seufzte erneut. Wenn er zurückblickte, sah er Zickzackspuren, die seinen Lebensweg markierten. Er hatte Umwege gemacht, war nicht immer den bequemen Pfad gegangen. Er hatte Enttäuschungen erlebt. Menschen, die ihm begegnet waren, hatten sich Freunde genannt und wollten doch nur von ihm und seinem Werk profitieren. Hinter der lächelnden Fassade des Gesichts hatte das Gehirn des Gegenübers fieberhaft nach einer Möglichkeit gesucht, aus der Begegnung eigenen Profit zu schlagen. Oder es herrschte gähnende Leere in der Seele des anderen. Die Empathie betreffend. Gleichgültigkeit. Wenn er auf die leidenschaftslos klingende Frage des anderen, wie es ihm gehe, geantwortet hätte: »Die Kartoffelpreise in Manaus sind gestiegen«, hätte der andere zustimmend freundlich genickt und geantwortet: »Danke. Mir auch.« Worte kamen nicht an. Zu gering war häufig das Interesse am Mitmenschen.

Er hatte ihnen zugehört, sich für sie interessiert. Zunächst mit Herz und Seele. Im Laufe vieler Jahre waren Herz und Seele Richtung Ohr gewandert. Von dort war es nicht weit bis zur Zunge, die im Verlauf eines langen Lebens gelernt hatte, automatisch zu antworten, ohne den Umweg über Herz und Seele.

Wie gut, dass es nicht nur Sommer und Winter, sondern auch Tag und Nacht, Licht und Schatten gab. Jetzt, im Sommer, zumal in dieser von der Natur besonders begünstigten Umgebung, war alles licht und leicht. Alles schien zwischen Himmel und Erde zu schweben. So wie der Austernfischer, der seine Lebensfreude mit dem schrillen »Quiéwiehp« kundtat. Doch wenn es Nacht wurde, hüllte Stille die Welt ein. Fehl und Sünde wurden von der Dunkelheit verschlungen, blieben verborgen. So auch seine Sünden. War es gut so? Er wusste es nicht. Er war in diesem Punkt allein. Einsam. War er mit sich im Reinen? Nein. Gewiss nicht. Er hatte gesündigt.

Hier, so sagte man, war Gott zu Hause. Er lachte bitter. Homeoffice! Dann war er hier dem Herrn nahe. Wenn er vor dessen Angesicht treten würde, würde er ihm noch näher sein. Dann müsste er Rechenschaft ablegen für sein Tun. Oder das Unterlassen. Gott würde ihn fragen, wie er das Kapital der Möglichkeiten, das er ihm seit der Geburt geschenkt hatte, genutzt hatte. Gott würde die Zinsen einfordern.

Manchmal stand er auf dem Deich, den Rücken der See zugewandt, und sah über das von der Sonne in ein leuchtendes Farbenmeer verwandelte Land, während sich in seinem Rücken über dem Wasser ein dunkles Grau zusammenbraute. So war es auch in seinem Leben. Hell und Dunkel waren Brüder.

Nein! Das Leben war endlich. Und die verbleibende Zeit musste er – wollte er – nutzen, um auf der Zielgeraden des Lebens die Vergangenheit mit Feuer und Schwert auszumerzen.

Doch zuvor, bei dem Gedanken lächelte er, würde er sich einen Schluck gönnen. Jesus hatte mit seinen Jüngern schließlich auch bei Wein am Vorabend seines Todes Abschied vom Erdendasein gefeiert.

ZWEI

Es war eine sternenklare Nacht. Kein Lichtsmog größerer Agglomerationen beeinflusste den Blick auf den Sternenhimmel. Hier gab es kein künstliches Licht. Wie eine Funzel leuchtete entfernt eine Glühbirne, ohne wirklich Helligkeit zu verströmen. Bald würde der schwache Streifen am Horizont wieder heller werden. Um diese Jahreszeit dauerte die Nacht nur wenige Stunden, und bei klarem Himmel konnte man das hellere Blau im Norden wahrnehmen, dort, wo um diese Jahreszeit der Tag noch kein Ende fand.

Die erholsame Dunkelheit wirkte im Einklang mit der Ruhe. Die Stille war so beeindruckend, dass man sie hören konnte. Lärmgeplagten Menschen schien es manchmal unwirklich, dass es nichts zu hören gab, bis man sich daran gewöhnt hatte, auch auf feinste Nuancen zu achten. Es war wie beim Geschmack. Wenn die Knospen auf der Zunge an ein kräftiges und künstliches Aroma gewöhnt waren, schwand die Fähigkeit zur feinen Nuancierung edler Genüsse.

Die Fauna blieb zu dieser Nachtzeit leise. Jäger und Gejagte bemühten sich, geräuschlos durch das Dunkel zu huschen. Jedes verräterische Rascheln konnte tödlich sein. Auch für den Jäger, der zum Lebenserhalt die Beute benötigt.

Angeblich sind Nacht und Finsternis nichts, was den Menschen Freude bereitet. Sie fürchten sich davor und sehnen das Licht herbei. Die Lichter auf den Gräbern, die Laternenumzüge zum Martinsfest und die Adventskerzen geben Zeugnis davon. Das Leben der Schöpfung ist mit dem Licht verbunden. Und der Tod wird umschrieben mit dem Auslöschen des Lebenslichtes. Dunkelheit und Nacht stehen dem Leben entgegen.

Ob das kleine flackernde Licht, das kaum wahrnehmbar war, auch Hoffnungen für das Leben nährte? Diese Frage berührte den Disponenten in der Kooperativen Regionalleitstelle Nord mit Sitz in Harrislee bei Flensburg nicht, als der Notruf einging. Eine aufgeregte Frauenstimme hatte gemeldet, dass auf dem Campingplatz Heverstrom ein Feuer ausgebrochen sei. Die Angaben, die die Anruferin machen konnte, waren dürftig. Sie konnte weder die Frage nach dem Umfang des Brandes noch nach Menschen, die in Gefahr waren, beantworten.

»Ich bin nicht vor Ort«, sagte die Frau aufgeregt, beantwortete aber die Frage nach ihrem Namen mit »Hansen aus Tetenbüll«.

Präziser waren die Angaben des nächsten Anrufers. Er rief über Mobiltelefon an und meldete, dass auf dem Campingplatz ein Wohnmobil lichterloh brenne. Das Fahrzeug stehe etwas abseits, und es sehe so aus, sagte der Mann, als ob keine weiteren Einrichtungen betroffen wären. Ob Menschen unmittelbar in Gefahr seien? Das könne er nicht beantworten, aber es sei nicht auszuschließen. Nach seinem Wissensstand werde das Fahrzeug von einer einzelnen Person bewohnt.

Nach sechzehn Minuten traf das Fahrzeug der Freiwilligen Feuerwehr Osterhever ein, kurz zuvor hatte der Rettungswagen aus Garding den Ort erreicht. Die Notfallsanitäter waren in Bereitschaft, konnten sich dem in hellen Flammen stehenden Fahrzeug aber nicht nähern.

Der Wehrführer wies seine Leute ein. Routiniert machten sich die Männer an die Arbeit. Jeder Handgriff saß. Kurz darauf fuhr der Wasserstrahl in das flammende Inferno. Das LF 10/6 hatte eintausendzweihundert Liter an Bord. Der Iveco Magirus schleppte diese Last mit sich herum, weil es in dieser abgeschiedenen Region nicht immer möglich war, schnell eine Wasserversorgung aufzubauen.

Das Wohnmobil stand im Vollbrand. Die Männer richteten unter Atemschutz das C-Rohr auf die lodernden Flammen. Der zuvor schwarze Rauch, bedingt durch den Kunststoff, wich zunehmend weißen Wolken, die in den Nachthimmel emporstiegen. Das Löschen wurde von einem Fauchen begleitet, als das Wasser auf die Hitze traf. Eine gewaltige Wolke breitete sich aus.

Inzwischen war auch die Präsenzstreife der Polizei eingetroffen.

»Auch schon da?«, lästerte ein Feuerwehrmann.

»Wir hatten einen Einsatz in Oldenswort«, entschuldigte sich der ältere Polizeihauptmeister und zeigte auf das Feuer. »Menschen?«

Der Feuerwehrmann nickte in Richtung der Zuschauer, dann zuckte er mit den Schultern. »Die da drüben sind vom Campingplatz. Sie sagen, in der Kiste würde ein älterer Mann hausen. Er ist nicht hier. Um diese Zeit«, er sah auf seine Armbanduhr, »pennen doch alle.« Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. »Schöner Scheiß. Das bleibt in den Knochen stecken, wenn einer draufgeht.«

»Vielleicht war er nicht anwesend. Ich sehe mich mal um.« Der ältere Polizist ging zu den Zuschauern hinüber und tippte sich an den Mützenschirm. »Moin. Johannsen. Hat jemand von Ihnen etwas gesehen?«

Es herrschte betretenes Schweigen.

»Wer hat die Feuerwehr alarmiert?«

Ein älterer gebeugter Mann trat einen haben Schritt vor. »Silke«, sagte er.

»Wer ist Silke?«, fragte der Polizist geduldig.

»Silke Hansen von Tetenbüll. Der Platz gehört ihr und Peter. Ich habe sie angerufen.«

»Sie haben nicht die 112 angerufen?«

»Nee. Ich bin hier der Platzwart. Silke hat gesagt, wenn was ist, soll ich es ihr sagen. Immer und grundsätzlich.«

»Aber doch nicht in einer solchen Situation«, sagte Johannsen.

»So was hatten wir ja noch nicht. Hat noch nie gebrannt bei uns.«

Sie wurden abgelenkt, als es explosionsartig knallte. Ein Aufschrei ging durch die Zuschauerreihen.

»Das war nur ein Reifen«, rief der Feuerwehrmann herüber.

»Und Sie haben das Feuer als Erster bemerkt?«

Der Platzwart schüttelte den Kopf.

»Nö. Ich hab fest geschlafen. Da hat einer an mein Fenster gedonnert und gebrüllt: ›Heinzi – mach hinne. Das brennt.‹«

»Und dann?«

»Tja.« Heinzi strich sich mit Daumen und Zeigefinger über die Mundwinkel. »Ich hab gedacht, dass da wieder jemand den Grill nicht ordentlich ausgemacht hat. Kommt manchmal vor, wenn die einen intus haben. Als Berend aber weiter wie ein Irrer gebrüllt hat, bin ich auf. Da hab ich es auch gesehen. Meine Fresse. Das war vielleicht ’nen Ding.«

»Haben Sie versucht zu löschen? Oder den Insassen des Wohnmobils zu retten?«

»Ich?« Heinzi sah Johannsen irritiert an. »Nö. Ich hab doch Silke angerufen. Wie sie mir gesagt hat.«

Der Polizist seufzte. »Wie heißen Sie vollständig?«

»Ich?«

»Herrje. Wer sonst?«

»Heinzi Dettmers.«

»Also Heinz Dettmers.«

»Nö. Alle sagen immer Heinzi.«

»Sie wohnen hier auf dem Platz?«

»Jo.«

»Gibt es sonst noch Beschäftigte?«

»Nö.«

Johannsen winkte ärgerlich ab. »Wem gehört das Wohnmobil?«

»Marquardt.«

»Der war allein hier?«

»Jo.«

»Wer ist Marquardt?«

Heinzi musterte den Polizisten. »Na – der von der Kiste, die da brennt.«

Johannsen wandte sich ab. »Wir müssen noch ein Protokoll aufnehmen«, sagte er.

Heinzi grinste. »Wir? Du!«

Johannsen warf einen Blick auf das brennende Wohnmobil. Der Strahl aus dem C-Rohr fuhr zischend in das Gerippe. Inzwischen war der Aufbau weggebrannt. Nur dessen minimale Reste und das Fahrgestell waren noch erkennbar. Die Struktur des Fahrzeugs war zerstört. Die Brandlast lag auf dem Boden des Wohnteils und brannte lichterloh.

Johannsen fragte in die Runde nach »Herrn Berend«. Ein Mann mit Halbglatze und grauem Bart löste sich aus dem Pulk.

»Ich bin …« Er räusperte sich und setzte erneut an: »Ich bin Feddersen.«

»Ich suche Herrn Berend«, sagte Johannsen und ließ seinen Blick an der Menschengruppe entlangwandern.

»Berend Feddersen. Berend ist mein Vorname. Wir duzen uns hier alle. Also …« Er suchte erkennbar nach den richtigen Worten. »Ich bin aufgewacht. Irgendwie. Weiß auch nicht, warum. Ich habe einen hellen Schein gesehen. Komisch, habe ich gedacht.« Feddersen schwenkte den Zeigefinger hin und her. »Zu hören war nämlich nix. An der Wand von unserem Schrank flackerte es so komisch. Ich habe mir die Augen gerieben. Aber das ging nicht weg. Ich bin dann zum Fenster und habe die Gardine zur Seite gemacht. Und da habe ich es gesehen. Das Wohnmobil vom alten Marquardt brannte. Ich hab mir fix die Hose angezogen und bin dann zu Heinzi rüber. Hat ’ne Weile gedauert, bis Heinzi wach wurde. Der hatte wohl noch seinen Feierabendschluck im Kopf.«

»Weshalb haben Sie nicht die Feuerwehr alarmiert?«, fragte Johannsen.

»Ja – warum nicht?« Feddersen wich dem Blick des Polizisten aus. »Das kann ich auch nicht sagen. Ich habe da gar nicht drüber nachgedacht.« Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich dachte nur … Heinzi muss doch etwas haben, wenn ein Feuer ausbricht. Er muss doch wissen, was dann zu tun ist.«

»Haben Sie Marquardt gesehen?«

»Nein. Ich bin ja auch gleich zu Heinzi hin.«

»Nicht zu Marquardts Wohnmobil, um nach ihm zu sehen?«

»Ach nein. Ja. Aber! Da brannte es doch schon lichterloh.«

»Weshalb haben Sie nicht andere Nachbarn zu Hilfe geholt?«

»Habe ich doch. Ich bin doch zu Heinzi. Der ist doch für so was zuständig.«

»Wir benötigen noch Ihre Aussage für das Protokoll«, sagte Johannsen.

»Geht in Ordnung. Wir haben ja noch eine Weile Urlaub. Den haben wir uns redlich verdient«, brummte Feddersen.

Sie wurden abgelenkt durch eine dralle Frau mit kurzen blonden Haaren und Sommersprossen.

»Ich bin Silke Hansen«, sagte sie kurzatmig. »Das ist ja unfassbar.« Dabei sah sie auf das brennende Wohnmobil. »Hoffentlich ist da nichts weiter passiert. Oder?« Ihr fragender Blick streifte Johannsen.

»Das wissen wir noch nicht. Der Bewohner wird noch vermisst.«

Die Frau schüttelte sich. »Um Himmels willen. Das darf nicht wahr sein. Wenn das tatsächlich der Fall ist … Das ist nicht gut für das Geschäft. Die Zeiten sind nicht sehr rosig.« Sie sah mit zusammengekniffenen Augen zum Brandherd. »Da kann doch nichts passiert sein, ich meine, mit den … äh … Leuten dadrin. Die Feuerwehr … Die tut ihr Bestes. Ich kenne die ganzen Jungs. Die sind echt gut.«

»Ich frage mich«, sagte Johannsen, »weshalb Ihr Mitarbeiter nicht sofort die Feuerwehr angerufen hat. Da ist wertvolle Zeit verloren gegangen.«

Silke Hansen senkte die Stimme und zog den Polizisten am Ärmel ein wenig abseits. »Heinzi ist ein guter Kerl. Als Platzwart klasse. Aber«, dabei tippte sie sich an die Stirn, »aber hier oben ist nicht viel.«

»Darüber wird noch zu sprechen sein.«

»Was denn? Da gibt’s nichts weiter anzumerken.«

Johannsen sah sich um. »Da hat noch jemand die Feuerwehr alarmiert«, fragte er in die Menge.

Ein Mann, Johannsen schätzte ihn um die vierzig, trat heran. »Ich war das«, sagte er, rückte seine schwarze Brille ein wenig zurecht und zeigte auf einen großen Wohnwagen mit einem üppigen Vorzelt, der im Hintergrund stand. »Das ist unserer. Ich mache hier Urlaub mit meiner Frau, dem Schwiegervater und unserem Sohn. Mein Name ist Hermann Brietling aus Lüneburg. Ich bin wach geworden, weil Räuber gebellt hat. Ich weiß nicht, wie lange. Ich habe einen gesunden Schlaf, besonders hier an der Nordsee.«

»Wer ist Räuber?«, unterbrach Johannsen.

»Der Hund unserer Nachbarn. Familie Goerges. Ich bin durch das Hundegebell geweckt worden und habe den Feuerschein entdeckt. Daraufhin habe ich die Feuerwehr angerufen. Das war ein bisschen kompliziert. Hier draußen ist der Handyempfang mäßig. Ich weiß aber aus Erfahrung, dass man ein Stück weiter oben auf dem Deich mit Glück eine Verbindung herstellen kann. Manchmal klappt es auch bei der Rezeption.«

»Sind das alle derzeitigen Gäste?«, wollte Johannsen wissen und sah sich um.

Heinzi drehte sich nicht um. »Jo«, sagte er knapp.

»Wirklich?« Johannsen war skeptisch.

»Nur Marquardt fehlt«, antwortete der Platzwart in stoischem Gleichmut.

»Und die Goerges«, warf Brietling ein, der in der Nähe stehen geblieben war. »Das ist der Wohnwagen da drüben.«

Johannsen bat den Beamten eines weiteren Streifenwagens, der inzwischen eingetroffen war, nach den Leuten zu sehen.

Er griente, als er zurückkam. »Da ist kräftiges Schnarchen zu hören.«

»Dann wecke die Leute«, erwiderte Johannsen genervt. Er unterdrückte einen Fluch und sah dann wieder Brietling an. »Und von Ihren Familienmitgliedern hat niemand etwas mitbekommen?«

Brietling bejahte es.

»Es müssen doch noch mehr das Feuer bemerkt haben«, fragte Johannsen laut in die Runde. Leises Gemurmel war die Antwort. Der Polizist hatte den Eindruck, dass die Menschen, deren Blick er suchte, seinem auswichen.

Vom Feuer waren vereinzelte Brandnester geblieben. Kunststoffklumpen hatten sich gebildet, die geschmolzener schwarzer Lava ähnelten.

Der Beamte, den er erneut zum Wohnwagen der Goerges geschickt hatte, kehrte in gemächlichem Tempo zurück. »Das war ein schwieriges Unterfangen«, erklärte er. »Ich habe eine Frau geweckt. Sie kommt gleich rüber.«

Berend Feddersen sah sich um. »Wo sind die jungen Leute?«, fragte er in Richtung des Platzwarts.

Heinzi zuckte gleichmütig mit den Schultern.

»Sie sagten doch, es sind alle Gäste des Platzes anwesend.« Johannsen war ungehalten.

Jetzt nickte der Platzwart.

»Was denn nun?«, wollte der Polizist wissen.

»Jo.«

»Etwas abseits hat ein junges Paar gezeltet«, erklärte Feddersen. »In einem Igluzelt. Die sind vorgestern mit dem Fahrrad gekommen.«

»Wo sind die?«, fragte Johannsen.

Feddersen sagte, er wolle nachsehen. »Die sind hinten in der Ecke.« Er grinste. »Da hätte ich auch meinen Lagerplatz aufgeschlagen in dem Alter.« Dann machte er sich auf den Weg. Als er zurückkehrte, sah er ratlos aus. »Die sind weg. Zelt. Fahrräder. Die beiden.«

»Haben die sich abgemeldet?«, wollte Johannsen von Heinzi wissen.

»Nö.«

»Für welchen Zeitraum haben die gebucht und bezahlt?«

Heinzi wich Johannsens Blick aus und sah sich um. Dann kam er dicht an den Polizisten heran. »Die habe ich nicht offiziell eingebucht.«

»Die Platzgebühr haben Sie schwarz eingesteckt«, vermutete Johannsen.

Als Antwort bekam er einen nichtssagenden Blick.

Eine Frau mit ungekämmten Haaren trat in ihre Runde. Sie hielt den rosafarbenen Morgenmantel am Hals zusammen. Unter dem Kleidungsstück zeichnete sich eine üppige Figur ab. Das Gesicht war aufgeschwemmt. Letzte Spuren eines Make-ups lagen noch auf dem Antlitz.

»Hallo, Antje«, begrüßte sie Feddersen. Brietling ließ ein »Moin« folgen.

Die Frau ignorierte die Grüße und sah sich um. Als Johannsen sie mit dem Finger zu sich heranwinkte, trat sie näher. Von ihr ging eine Mischung aus Zigarettenqualm und Alkohol aus.

»Sie sind …?«, fragte der Polizist.

Die Frau gähnte herzhaft, bevor sie antwortete: »Antje Goerges.«

»Sie haben mitbekommen, was passiert ist?«

»Nicht so wirklich. Ich habe geschlafen.«

»Ihr Hund hat doch gebellt?«

»Ach.« Sie bewegte die Hand. »Das höre ich schon gar nicht mehr. Räuber passt auf. Lass ihn doch. Er hat auch Urlaub.«

»Haben Sie etwas vom Brand mitbekommen?«

»Brand?« Sie versuchte, in Johannsens Miene zu lesen. »Welcher Brand?«

»Das Wohnmobil von Marquardt ist abgefackelt«, mischte sich Feddersen ein und wies in Richtung des Feuers. Dort stand nur noch das trostlos wirkende Gerippe des Fahrgestells. Innen war alles verbrannt. Die Stoffe der Sitze waren dem Feuer zum Opfer gefallen. Von ihnen waren nur die Drahtgeflechte übrig geblieben. Sie sahen wie gerupfte Federkernmatratzen aus.

»Oh«, sagte Antje Goerges nach einem flüchtigen Blick in die Richtung. Sie wirkte desinteressiert. Dann schaute sie in die Runde. »Hat mal wer eine Lulle für mich?«

Feddersen bot ihr eine Zigarette an. Als er sich mit dem Feuerzeug dem Glimmstängel näherte, hob sie beide Hände, umschloss seine und hielt sie eine Weile fest. Dann inhalierte sie tief.

»Wo ist Ihr Mann?«, fragte Johannsen.

»Jürgen? Keine Ahnung.«

»Sie müssen doch wissen, wo Ihr Mann ist.«

»Wir hatten gestern Stress. Da ist er aus unserem Wohnwagen raus.« Sie sah in die Runde. »Mit wem von euch hat er gesoffen?«

Die Anwesenden sahen sich gegenseitig an. Niemand rührte sich.

Johannsen wandte sich jetzt an die Leute. »Wer hat Jürgen Goerges gesehen?«

Erneut leises Gemurmel.

»Ich war gegen zehn noch einmal draußen«, meldete sich Brietling zu Wort und trat einen Schritt vor. »Da habe ich Jürgen mit dem Hund gesehen. Er ist Richtung Deich gegangen.«

»Der hat die Kackwurst noch mal rausgelassen«, mischte sich Feddersen ein.

»Kackwurst?« Antje Goerges funkelte Feddersen böse an. Vergessen war die vertrauliche Geste, als sie beim Zigarettenanzünden seine Hand gehalten hatte.

»Ist doch wahr. Überall macht das Vieh hin. Und? Räumt ihr das zur Seite?«

»Bist du verrückt?«, giftete Antje Goerges zurück. »Hier ist doch überall Natur. Meinst du, die Bauern auf den Feldern …«

»›Wiesen‹ heißt das«, fiel ihr Feddersen ins Wort.

»Ist doch scheißegal. Der ist doch auch nicht hinter seinem Vieh her. Und wenn du oben auf dem Deich oder davor längsgehst, kannst du vor lauter Schafskötteln nirgends hintreten.«

Brietling, der zwischen den beiden stand, wedelte demonstrativ mit der Hand und hüstelte.

»Nun sag nicht, wir sollen nicht rauchen«, keifte sie in seine Richtung. »Hier ist genügend Platz. Kannst dich ja woanders hinstellen.« Sie blies ihm eine Rauchwolke entgegen. »Was soll ich hier überhaupt? Ich habe Urlaub.«

»Wir müssen alle Zeugen befragen«, erklärte Johannsen.

»Zeuge? Ich hab nix gesehen. Ich habe gepennt. Und dann hat irgend so ein Idiot wie bekloppt bei uns an den Wohnwagen getrommelt.« Sie wollte sich umdrehen, aber Johannsen beschied ihr in barschem Ton, dass sie bleiben solle.

»Wegen dem Dingsda da? Das macht doch die Feuerwehr.«

»Sie bleiben.«

Johannsen duldete keinen Widerspruch, war aber froh, als ein hochgewachsener schlaksiger Mann an sie herantrat. Am linken Ohrläppchen baumelte ein Ein-Euro-Stück-großer goldener Ring. Die blonden Haare wiesen einen leichten Rotschimmer auf.

»Moin«, sagte er und wandte sich an Johannsen. »Cornilsen. Kripo Husum.«

Johannsen tippte sich an den Mützenschirm. »Sind Sie die Vorhut?« Die beiden Beamten kannten sich vom Sehen. »Wo ist der dicke Jäger?«

»Der Kollege Große Jäger hat Urlaub. Seine Vertretung ist informiert«, erklärte Cornilsen.

»Wer?«

»Hauptkommissar Hundt.«

»Oje«, kommentierte Johannsen. »Wollen Sie übernehmen?«

Sie stellten sich ein wenig abseits der Schaulustigen, und Johannsen setzte Cornilsen ins Bild. Cornilsen zeigte in Richtung des brennenden Wohnmobils.

»Der Bewohner heißt Marquardt?«

»Ein älterer Herr. Er ist nicht unter den Schaulustigen. Ich habe ein ungutes Gefühl«, sagte Johannsen.

Sie wurden durch Unruhe am Brandherd abgelenkt. Feuerwehrleute waren damit beschäftigt, die Überreste mit Schutthaken auseinanderzureißen, um unter den Kunststoffklumpen oder verkohlten Holzteilen Glutnester zu entdecken, die es zu löschen galt.

Die beiden Beamten machten sich auf den Weg dorthin, gefolgt von den weiteren Anwesenden, zu denen jetzt auch ein paar durch den Feuerschein angelockte Bewohner der Marsch gestoßen waren.

Ein verschwitzt aussehender Feuerwehrmann in Einsatzkleidung kam ihnen entgegen und breitete die Arme aus. »Da können Sie nicht hin«, sagte er kurzatmig. Er wollte auch Cornilsen aufhalten, aber Johannsen erklärte, dass es ein Kollege von der Kripo sei. »Es sieht so aus, als würde dort einer im Wohnwagen liegen«, sagte der Feuerwehrmann. »Als die Kameraden so weit herankonnten und in den Resten mit dem Schutthaken herumstocherten, haben sie es zunächst gar nicht bemerkt.«

Es war ein bekanntes Phänomen, dass Brandopfer sich manchmal nicht auf den ersten Bick von ihrer Umgebung unterschieden.

»So etwas sieht man zum Glück nicht oft«, stellte Johannsen fest. »Haben Sie schon oft Tote gesehen?«

Cornilsen blieb die Antwort schuldig. Dieses war seine erste Brandleiche. Reflexartig sah er sich um. Bisher war immer Große Jäger als erfahrener Kollege vor Ort gewesen. Ihn sollte Hauptkommissar Hundt vertreten. Der war aber trotz Alarmierung nicht erreichbar gewesen.

Johannsen sah ihn an. »Und nun?«

»Wir müssen Flensburg informieren«, erklärte Cornilsen. »Die Bezirkskriminalinspektion. Das K1 und die Spurensicherung müssen herkommen. Außerdem muss das Areal rund um die Brandstelle abgesperrt werden. Niemand darf sich dem nähern.«

»Ich verstehe«, sagte Johannsen betreten. »Herr …?« Er sah Cornilsen an.

»Mats Skov Cornilsen.«

»Oberkommissar?«

»Einfach Mats.« Weshalb sollte er dem Schutzpolizisten erklären, dass er Kommissar war.

Johannsen sagte, er wolle sich um die Benachrichtigung kümmern, und instruierte die Kollegen.

Cornilsen trat dicht an das Gerippe des Wohnmobils heran. Auf dem Chassis eines Fiat Ducato war ein Wohnmobil Sunlight V 60 montiert gewesen. Neben ihm stand der Wehrführer und streckte den Arm aus.

»Da«, sagte er mit belegter Stimme.

Es bedurfte einiger Erfahrung, um die verkohlten Überreste eines Menschen zu erkennen. Die Inaugenscheinnahme wurde dadurch erschwert, dass die Feuerwehrleute mit ihren Schutthaken die zusammengefallene Glut auseinandergezogen hatten, ohne zu wissen, dass sich darunter eine Brandleiche befand. Sie waren erst auf den Fund aufmerksam geworden, als sie den Schädel freilegten.

»Dem hat jemand den Kopf eingeschlagen«, sagte der Wehrführer. »Aber kräftig. Da ist ein Loch drin.« Er starrte wie gebannt auf die sterblichen Überreste.

»Nein«, erklärte Cornilsen. »Der Mensch besteht zu einem überwiegenden Teil aus Wasser. Bei der Hitzeentwicklung verdampft es. Das führt zu einer hitzebedingten Kontraktion der Muskulatur. Man nennt es Fechterstellung. Es liegt daran, dass die Masse der Beugemuskeln größer ist als die der Streckmuskeln. Es ist eine typische Arm- und Beinhaltung bei Brandleichen. Wenn Sie ein nicht gut abgehangenes Stück Fleisch in die Pfanne legen, wird es auch kleiner, weil die Flüssigkeit entzogen wird.«

»Ein merkwürdiger Vergleich«, sagte der Feuerwehrmann leise.

»Und das Gehirn schwimmt auch. Da ist viel Flüssigkeit im Kopf. Bei manchen sogar ausschließlich. Bei der hier herrschenden Hitze fängt sie an zu kochen. Das können Sie wörtlich nehmen. Wenn Sie einen Topf mit Wasser aufsetzen und einen Deckel drauflegen, beginnt er zu klappern. Wir haben gelernt, dass Wasser sich beim Kochen ausdehnt. Da steckt eine enorme Kraft dahinter. So funktioniert das Prinzip der Dampfmaschine. Eine Dampflokomotive kann ganze Züge ziehen. Da ist es ein Leichtes, einen knöchernen Schädel aufzusprengen. Was man hier nicht mehr erkennen kann, sind die gebeugten Hand- und Ellbogengelenke. Die Hüftgelenke sind ebenfalls gebeugt und nach außen rotiert, und die Füße befinden sind in Klumpfußstellung.«

Der Feuerwehrmann schüttelte sich. »Ich glaube, das muss ich alles gar nicht wissen«, sagte er und drehte sich um. Cornilsen folgte ihm.

Aus der Front der Zuschauer löste sich ein großer Mann mit einer massigen Gestalt. Er schob einen mächtigen Bauch vor sich her. Die grauen Haare waren bereits ausgedünnt. Auf den Wangen sprossen ein paar Stoppeln im Stil eines Dreitagebarts, während rund um den Mund ein grauer Henriquatre prangte, der nach dem französischen König Heinrich IV. benannt und auch als »Rund-um-den-Mund-Bart« bekannt ist.

»Tach«, sagte er. »Ich bin der Sprecher des Platzbeirats und trage die Verantwortung. Was ist hier passiert?« Er nickte in Richtung des Wracks. »Was ist mit dem alten Marquardt?« Der Mann reckte sich und versuchte an Cornilsen vorbei Einzelheiten zu erkennen.

Cornilsen packte ihn am Ärmel und zog ihn zurück. »Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Hubert. Äh … Hubert Grohwitsch.« Immer wieder wanderte Grohwitschs Blick zurück zur Brandstelle. »Was ist denn nun mit Marquardt? Ist der Kerl abgehauen, nachdem er seine Kiste in Brand gesteckt hatte? Er war ja immer schon ein Sonderling.«

»Kennen Sie ihn gut?«, wollte Cornilsen wissen.

»Was heißt hier ›gut‹? Der Alte ist Dauercamper. Wie die meisten hier. Er kam auch ziemlich bald nach Saisonbeginn. Das müssen Sie doch selbst bemerkt haben, dass er seinen Wagen abseitsgestellt hat. Die anderen haben nicht so einen großen Abstand. Das ist aber nicht das einzige Merkwürdige.«

»Was ist Ihnen noch aufgefallen?«

»Na ja. Wenn man länger bleibt, nimmt man einen Wohnwagen, kein Wohnmobil. Es gibt einen Spruch unter uns Campern: Wohnwagen haben ihren Kiez, Wohnmobile sind Flüchtige.«

»Können Sie mir das erklären?«

»Ich merke, Sie haben keine Ahnung. Im Wohnmobil sind Sie mal hier, mal da. Als Dauercamper schafft man sich einen Wohnwagen an. Sie brauchen doch ein Vorzelt. Das geht nicht bei einem Wohnmobil. Aber ohne Vorzelt … Da läuft nichts.«

»Das verstehe ich nicht.«

Grohwitsch reckte sich. Ihm fehlten nur zehn Zentimeter zu Cornilsens einem Meter sechsundneunzig Körpergröße. »Ist doch klar. Wenn Sie den Sommer über an einem Platz sind, und das fest, nicht nur am Wochenende wie die Lühnings da drüben.« Er zeigte auf ein schwarzes Wohnmobil. »Die kommen nur am Wochenende.«

»Was wollten Sie mir erklären?«

»Also. Wenn Sie hier quasi leben, brauchen Sie eine Küche. Sie müssen doch kochen und so. Grillen ist zwar klasse, aber nicht jeden Tag.«

»Sie haben doch eine Küche im Wohnmobil beziehungsweise im Wohnwagen.«

»Schon, aber die ist zu klein. Wollen Sie außerdem die ganzen Gerüche auf engstem Raum? Nee. Da muss ein Vorzelt her, ein Küchenschrank aus Nylon. Da werden die Vorräte gelagert, und es wird gekocht. Und wer Ahnung hat, stellt dort auch seinen Gaskühlschrank auf. Im Vorzelt wird gekocht und gelebt. Geselligkeit wird unter Campern großgeschrieben. Aber Sie können doch nicht jeden Abend mit der ganzen Truppe im Wohnwagen hocken. Allein der Zigarettenrauch. Sehen Sie sich um. Die Dauercamper haben alle einen Wohnwagen.« Grohwitsch trug es vor, als sei es Gesetz.

»Und Marquardt hat es anders gehandhabt?«

Grohwitsch atmete hörbar aus. »Ich habe das nicht verstanden. Der ist schließlich auch hier. Den ganzen Sommer über. Der muss doch auch essen. Und das alles in der kleinen Kiste? Ohne Vorzelt? Wo bewahrt der seine Vorräte auf? Einen Grill hat er auch nicht. Und an schönen Tagen sitzt er in einem billigen Campingstuhl allein vor seinem Wagen und liest. Glauben Sie ja nicht, dass er mal zu uns anderen kommt. Ich habe ihn ein paarmal zum Grillen eingeladen. Aber er hat immer abgelehnt. Ein merkwürdiger Vogel. Aber wie heißt es so schön: Wer nicht will, der hat schon. Nun ist seine Sommersaison vorbei. Da ist ja alles hin. Dann muss er sich nicht mit etwas abschleppen, wenn er nach Schleswig nach Hause fährt.« Grohwitsch rückte näher an Cornilsen heran. »Oder ist er etwa in seinem Wagen verbrannt?« Er stieß Cornilsen mit dem Ellbogen an. »Sach mal.«

»Wir benötigen noch Ihre Aussage«, erwiderte Cornilsen und sah Johannsen an, der zu ihnen trat.

»Ist gut, Herr Grohwitsch«, sagte Cornilsen, als der Mann bei ihnen stehen blieb. »Sie können gehen.«

»Aber«, begehrte Grohwitsch auf, entfernte sich dann aber doch sichtbar widerwillig ein paar Schritte.

»Ich habe eine Halteranfrage gestartet«, erklärte der Uniformierte. »Das Wohnmobil ist auf Albert Marquardt zugelassen. Den Namen hat auch der Platzwart genannt.«

»Dann war er Eigentümer des Fahrzeugs«, warf Cornilsen ein. »Es war nicht für eine Reise gemietet.«

»Marquardt ist in Maasholm gemeldet. Er ist ledig. Also weder geschieden noch verwitwet. Der Mann ist … war einundsiebzig Jahre alt.«

Cornilsen sah zu Grohwitsch hinüber, der sie aufmerksam beäugte. »Der Zeuge hat gesagt, Marquardt komme aus Schleswig. Er hat das aus dem Kennzeichen abgeleitet. Maasholm. Das ist der Landkreis Schleswig-Flensburg. Dann war Marquardt wirklich sehr verschlossen. Grohwitsch hat berichtet, dass Marquardt keinen Kontakt zu den anderen Bewohnern unterhielt.«

»Wer informiert die Angehörigen?«, fragte Johannsen.

»Die müssen wir zunächst ausfindig machen. Ist inzwischen Herr Goerges aufgetaucht?«

Johannsen wirkte genervt. »Bei mir hat er sich nicht gemeldet.« Er ging ein paar Schritte auf Grohwitsch zu und kehrte dann zurück. »Nein. Der ist noch nicht wieder da. Ich frage mich auch, was mit den Jugendlichen ist, die plötzlich verschwunden sind. Sollen wir sie suchen?«

»Es wird schon hell«, entschied Cornilsen. »Nach Auskunft der Zeugen sind sie mit dem Fahrrad unterwegs. Das Feuer ist vor etwa zwei Stunden ausgebrochen. Wenn die beiden zu diesem Zeitpunkt aufgebrochen sind, können sie jetzt zwischen dreißig und vierzig Kilometer entfernt sein. Wir haben keine Anhaltspunkte, in welche Richtung sie gefahren sind.«

Johannsen lachte laut auf. »Das ist gut. Eiderstedt ist eine Halbinsel. Hier geht es nur Richtung Osten.«

»Sie könnten auch schon im Ausland sein«, gab Cornilsen zu bedenken.

Der Polizeihauptmeister sah ihn mit großen Augen an.

»Über das Sperrwerk hinüber nach Dithmarschen«, sagte Cornilsen und lächelte.

»Oje«, stimmte Johannsen zu. »Das ist schlimmer als das Ausland.« Dann suchte er den Platzwart auf. »Können wir Ihr Büro nutzen, um die Personalien aufzunehmen?«

»Büro?« Der Platzwart runzelte die Stirn. »Ham wir nicht. Nicht so richtig. Drüben, inne Bude, da sind zwei Tische. Da könnt ihr euch hinsetzen.«

Cornilsen folgte dem Schutzpolizisten. Am Eingang des Campingplatzes stand eine Holzhütte in verblichener roter Farbe. An den Fensterrahmen schimmerte das schiere Holz durch. Die Einheimischen wussten, dass ihre Häuser ständiger Pflege bedurften. Die salzhaltige Luft nagte an den Fassaden. Deshalb fand man hier auch überwiegend Häuser in Ziegelbauweise.

Ein wenig abseits stand ein Haus, bei dessen Errichtung man keine Ziegel verwandt hatte. An vielen Stellen blätterte der Putz ab. Vom ursprünglichen Weiß war nicht mehr viel zu erkennen. Auf dem gewellten Eternitdach hatte sich dickes Moos breitgemacht, auch die Teerpappe auf der Holzhütte erschien renovierungsbedürftig. Alles wirkte ein wenig heruntergekommen.

Der Platz in der Hütte war beengt. Zwei kleine Tische standen dort, auf denen Wachstuchdecken lagen. Der Platzwart, sofern er dafür zuständig war, hatte sich offenbar nicht der Mühe unterzogen, sie zum Feierabend abzuwischen. Ein kleiner Tresen diente dem Verkauf und der Gastronomie, wenn man das dürftige Angebot so umschreiben wollte. Er war auch gleichzeitig die Rezeption für den Campingplatz.

Obwohl die Tür offen stand, roch es nach abgestandenem Fett, schalem Bier und Zigarettenrauch.

Der Platzwart war ihnen gefolgt. Er zwängte sich hinter den Tresen und verschwand in einem Durchlass. Im Hintergrund konnte man eine kleine Küche erahnen. Cornilsen war nicht daran interessiert zu wissen, wie es dort aussah. Dann steckte der Platzwart noch einmal seinen Kopf in den Raum. »Kaffee?«, fragte er.

Johannsen bejahte es. »Für mich bitte eine Cola«, bat Cornilsen. Sie hörten es im Hintergrund rumoren. Dann brachte der Platzwart eine kleine Flasche Cola, mehrere Becher, die zum Teil angeschlagen waren, und eine Thermoskanne, an deren Äußerem angetrockneter Kaffee zu erkennen war. Die Kanne erinnerte Cornilsen an Große Jägers Trinkgefäß.

Er blieb bei den Beamten stehen und sah sie der Reihe nach an.

»Da sind acht Tassen drin«, sagte er und zeigte auf die Kanne. »Macht zwölf Euro.«

»Bitte?«, fragte Johannsen ungläubig.

»Zwölf«, wiederholte der Platzwart und sah Cornilsen an. »Die Cola twee föfftig.«

Cornilsen legte zwei Euro fünfzig auf den Tisch. Nachdem sich sonst niemand rührte, bezahlte er den Kaffee. »Eine Rechnung bitte.«

»Muss das sein?«

»Die Kollegen vom Finanzamt sind unsere Freunde«, erwiderte Cornilsen. »Die kommen morgen und prüfen Ihre Kasseneinnahmen.«

Der Platzwart knurrte irgendetwas, das nicht freundlich klang.

»Wir können mit Ihnen beginnen«, rief ihm Cornilsen hinterher. »Bringen Sie Ihren Ausweis mit.«

»Warum? Ich bin Heinzi.«

»Den Ausweis«, blieb Cornilsen hartnäckig.

»Versteh nicht«, brummte Heinzi, verschwand in der Küche und kehrte kurz darauf mit seinem Personalausweis zurück. Das Dokument war seit zwei Jahren abgelaufen. Cornilsen machte ihn darauf aufmerksam.

»Na und? Steht doch alles drin. Hat sich nix geändert. Muss sonst extra nach Garding. Und kostet Geld. Für nix.«

»Zwei Jahre – da ist ein Bußgeld fällig«, sagte Cornilsen.

»Wie das? Ist doch genau wie sonst. Ist doch bekloppt.«

»Sie sollten kurzfristig zur Amtsverwaltung und einen neuen Ausweis beantragen.«

Der Mann hieß Heinz Dettmers und war siebenundsechzig Jahre alt. Als Wohnsitz war eine Adresse in Tetenbüll angegeben.

»Wohnen Sie dort noch?«, fragte Cornilsen.

»Jo.«

»Sie haben aber heute hier übernachtet.«

»Jo.«

»Würden Sie bitte in ganzen Sätzen antworten.«

»Jo.« Heinzi griente breit und zeigte dabei seine Zahnstummel. »Im Sommer bin ich hier. Im Winter da.«

»In Tetenbüll?«

»Jo.« Dann bequemte er sich aber doch zu ergänzen: »Wohn bei Silke auf’n Hof.«

»Silke Hansen, das ist die Eigentümerin des Campingplatzes?«

»Jo.«

Johannsen hatte inzwischen Kaffee eingeschenkt und einen Schluck getrunken. Er verzog das Gesicht.

»Den Trick müssen Sie mir verraten«, sagte er Richtung Heinzi. »Stellt man die Kaffeedose neben das heiße Wasser? In der Brühe ist doch kein Kaffee drin.«

Heinzi ignorierte die Kritik.

In der Folge tauchten die Gäste des Campingplatzes auf. Cornilsen hatte Heinzi um eine Liste der Belegung gebeten und eine schmuddelige Kladde erhalten, in der in ungelenker Handschrift Namen und Ankunftszeiten eingetragen waren. Cornilsen hatte die Namen auf ein Blatt Papier geschrieben und strich jeden ab, dessen Personalien sie aufgenommen hatten.

In einer kurzen Pause, als sie auf die Nächsten warteten, sagte Johannsen, der am zweiten Tisch Platz genommen hatte: »Dieses ewige ›Jo‹ geht mir auf den Keks.«

Cornilsen lächelte. »Dieses Wort ist vielschichtig. Man muss es aus dem Kontext heraus interpretieren. Es kann heißen: ›Das Gespräch ist hiermit beendet‹, oder: ›Ich möchte nicht mehr darüber sprechen‹. Es bedeutet: ›Ich habe es verstanden.‹ Und wenn es von einem leichten Kopfnicken begleitet wird, heißt es: ›Stimmt.‹«

Ein Mann erschien in der Tür und rückte seine Brille zurecht. Als Cornilsen ihm zunickte, trat er an den Tisch und legte drei Ausweise vor.

»Meine Frau ist bei uns im Wagen geblieben«, erklärte er. »Unser Sohn Malte schläft sehr unruhig. Er ist vier. Wir wollten ihn nicht allein lassen.« Dann zuckte er die Schultern. »Für ihn habe ich keinen Ausweis. Der hier«, er schob ihn Cornilsen zu, »ist von meiner Frau.« Marion Brietling – auf dem Bild war eine aparte Erscheinung zu sehen – war einunddreißig Jahre alt, acht Jahre jünger als ihr Mann.

»Sie kommen aus Lüneburg?«, stellte Cornilsen fest.

»Ja. Ich bin dort Beamter im Rathaus. Wir haben noch den Opa dabei, also meinen Schwiegervater.«

Cornilsen warf einen Blick auf den dritten Ausweis. Heinrich Dünnebier war dreiundsechzig.

»Er ist vor vier Jahren verwitwet und Frührentner. Die Bronchien«, erklärte Brietling. »Wir nehmen ihn immer mit. Seinetwegen fahren wir an die See. Die Luft tut ihm gut.« Er sah Cornilsen an. »Reicht das? Oder müssen meine Frau und der Opa selbst kommen?«

»Nein«, erklärte Cornilsen.

Es nahm Zeit in Anspruch, die Personalien aufzunehmen. Es gab Leute, die sich über die nächtliche Unruhe beklagten. Ein Beinamputierter namens Josef Gerhard Rümpel drohte damit, sich zu beschweren.

»Dürfen Sie das überhaupt? Das ist so eine Art Körperverletzung. Jetzt, hier – mitten in der Nacht.«

Cornilsens Liste wurde immer kürzer. Die Lühnings mussten gesucht werden. Sie hatten sich zum Warten in ihr Wohnmobil zurückgezogen. Johannsen nahm ihre Personalien auf. Cornilsen staunte über den deutlich erkennbaren Altersunterscheid zwischen den beiden.

Die namenlosen Jugendlichen blieben verschwunden. Schließlich musste noch das Ehepaar Goerges befragt werden. Von den Gästen waren die meisten inzwischen wieder in ihren Unterkünften. Cornilsen bezweifelte, dass alle ihren Schlaf fanden. Die Ereignisse und das Kreisen der Gerüchte um das Schicksal Marquardts hatten für Aufregung gesorgt. Die Feuerwehr war noch mit Restarbeiten am Wohnmobil beschäftigt. Cornilsen hatte einen Streifenpolizisten gebeten, am Brandort dafür Sorge zu tragen, dass möglichst wenig Spuren verwischt wurden.

Antje Goerges war nicht mehr im Freien. Ein Polizist wurde beauftragt, nachzusehen, ob sie in ihrem Wohnwagen war.

»Die muss wieder tief geschlafen haben«, sagte der junge Beamte fröhlich. »Ich habe sie aber herausgeklopft. Die muss ein Seemann sein. So fluchen nur Seebären, sagt eine alte Überlieferung.«

Als sie im Platzbistro auftauchte, war ihr Zustand nicht besser geworden. Der Morgenrock war fleckig und halb geöffnet. Die Haare waren strubbelig, am Make-up hatte sich nichts getan. Den Hinweis, sie dürfe den Raum nur ohne Zigarette betreten, ignorierte sie.

»Seid ihr besoffen?«, blaffte sie. »Einen mitten in der Nacht aus dem Schlaf zu reißen? Und das schon das zweite Mal.«

Große Jäger, überlegte Cornilsen, hätte jetzt geantwortet, dass der Vorwurf der Trunkenheit eher auf sie zutreffen würde.

»Wir müssen Ihre Personalien aufnehmen«, erklärte Johannsen unbeirrt.

»Ist doch Schwachsinn.« Das Tippen an die Stirn war eher allgemein gehalten und konnte nicht als Beleidigung gewertet werden.

Johannsen bat um ihren Ausweis.

»Das Ding ist irgendwo.«

»Dann holen Sie das Dokument. Bitte«, fügte Johannsen nachdrücklich an.

»Jetzt? Mitten in der Nacht?« Sie gähnte herzhaft und gewährte dabei Einblick in ihre Mundhöhle bis zu den Rachenmandeln.

Johannsen wiederholte die Frage nach dem Ausweis.

Sie beugte sich vor. Cornilsen saß am Nebentisch und beobachtete die Frau von der Seite. Der Uniformierte musste bei dieser Aktion einen tiefen Einblick in ihre weiblichen Reize bekommen haben.

»Das Ding ist irgendwo bei uns im Wagen. Du kannst mir ja suchen helfen, Süßer.«

»Sie müssen sich doch legitimieren können.«

»Legi…«, stotterte sie. »Klaro. Wenn ich in Form bin, mache ich das anders.« Dabei legte sie eine Hand auf die Brust und bewegte sie.

Johannsen holte tief Luft. »Wie heißen Sie?«

»Antje Goerges.«

Aus ihrem Geburtsjahr errechnete Cornilsen, dass die Frau neunundvierzig Jahre alt war. Ihre ungepflegte Erscheinung ließ keine genaue Einschätzung zu. Sie nannte ihre Anschrift und gab als Wohnort Neubrandenburg an.

»Und Ihr Beruf?«

»Ist das wichtig?« Sie zog an ihrer Zigarette, inhalierte den Rauch gefühlt bis in die tiefsten Lungenspitzen und blies Johannsen den Qualm direkt ins Gesicht. »Ich bin beim Staat beschäftigt.«

»Beamtin? Angestellte?«, wollte Johannsen wissen.

»Weder – noch.« Sie grinste. »Ich kriege die Knete so.«

»Sozialleistungen?«

»Horch mal. Wird das hier so ’ne Art Verhör? Als Jugendliche habe ich das noch mitbekommen, wie die Stasi hinter allem her war. Geht das jetzt wieder los? Was heißt ›los‹? Das ist doch nicht anders geworden, als ihr Wessis uns überfallen habt. Wenn du zu uns aufs Amt marschierst – meine Fresse. Was die alles wissen wollen.« Sie zeigte auf Johannsen. »Und nun machst du so weiter.«

»Zeigen Sie uns Ihren Ausweis bitte später«, mischte sich Cornilsen ein. »Jetzt würden wir gern noch Ihren Mann sprechen. Ist er im Wohnwagen?«

»Jürgen?« Sie bewegte lebhaft ihre Schultern, dass der Morgenrock ein Stück ins Rutschen kam. »Der ist weg.«

»War er zwischendurch zu Hause?«

»Zu Hause? In Neubrandenburg?«

»Nein«, präzisierte Cornilsen seine Frage. »In Ihrem Wohnwagen.«

»Ich habe ihn dort nicht gesehen. Ich glaube nicht, dass er sich in den Schrank verkrochen hat. Und auf dem Topf war er auch nicht. Da bin ich nämlich mal hin.«

»Sie wissen immer noch nicht, wo er sein könnte? Ist er mit dem Auto weg?«

»Nix da.«

»Haben Sie Fahrräder?«

Sie lachte spitz auf. Dabei verteilte sich ein feiner Sprühregen Speichel auf der Wachstuchdecke. »Sehen wir so aus, als würden wir uns abstrampeln wollen?«

»Suchen Sie Ihren Ausweis und zeigen Sie uns den«, forderte Cornilsen sie beim Hinausgehen auf. Als Antwort erhielt er ein herzhaftes Gähnen.

In der Tür stieß sie mit einer Frau zusammen. Beide standen sich gegenüber. Niemand wollte ausweichen.

»Erst raus«, sagte Antje Goerges unwirsch.

»Wo steht das geschrieben?«, erwiderte die andere ebenso unfreundlich, gab dann aber nach und ging zur Seite. Anschließend betrat sie das Bistro, sah sich um und steuerte auf Johannsen zu.

»Leiten Sie hier die Ermittlungen?«

Johannsen zeigte auf Cornilsen. »Das macht der Kollege.«

»Und wer sind Sie?«, fragte die Frau.

»Moin«, sagte Cornilsen und zog die Grußformel unendlich in die Länge. »Darf ich erst einmal um Ihren Namen bitten? Sie sind neu hinzugekommen.«

»Dobermann. Erste Kriminalhauptkommissarin. BKI Flensburg. Ich leite dort das K1.«

»Mats Cornilsen. KPSt Husum. Kommissar.« Er stand auf und streckte ihr die Hand entgegen. Sie übersah es. »Darf ich um Ihren Dienstausweis bitten?«, sagte Cornilsen freundlich.

Sie zögerte kurz, zeigte ihm aber das Dokument. Währenddessen musterte er sein Gegenüber. Die Gestalt der Brillenträgerin war mittelgroß. Die Nase war ein wenig zu spitz. Die rötlichen Haare nackenlang. Cornilsen hatte von der Kriminalistin gehört. Nach seinem Kenntnisstand war sie aber vor langer Zeit zum LKA nach Hannover gewechselt. Er überlegte, ob er nachfragen sollte, unterließ es aber. Er sah ihr über die Schulter.

Der Mann in ihrem Rücken hatte schütteres rotblondes Haar. Die randlose Brille und das glatt rasierte Kinn ließen ihn farblos aussehen. Das passte auch zu seiner dünnen, nahezu dürren Figur. Er war etwa gleich groß wie die Dobermann, die keine Anstalten unternahm, ihn vorzustellen. Als der Mann sich an ihr vorbeizwängen wollte, trat sie einen Schritt zur Seite und versperrte ihm den Durchgang.

»Ingwer Poulsen, Oberkommissar«, stellte sich der Mann über Dobermanns Schulter hinweg vor.

»Setzen Sie mich ins Bild«, forderte Frauke Dobermann Cornilsen auf und blickte sich suchend um. Als sie Heinzi im Durchgang zur Küche sah, fragte sie: »Sind Sie hier das Faktotum?«

Heinzi rührte sich nicht.

»Machen Sie mal einen Kaffee«, sagte Frauke Dobermann.

»Wollen Sie einen bestellen?« Heinzi lehnte sich gegen den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust.

»Können Sie uns bitte Kaffee bringen?«, bat Poulsen und erntete dafür einen giftigen Blick seiner Chefin.

Dann ließ sich Frauke Dobermann informieren. »Haben Sie schon alle Leute verhört?«

»Wir haben die Personalien aller Anwesenden aufgenommen«, sagte Cornilsen.

»Ich habe danach gefragt, ob Sie die Leute verhört haben«, belehrte sie ihn.

»Dazu hatten wir noch keine Gelegenheit.«

»Poulsen«, wandte sie sich an ihren Mitarbeiter. »Sprechen Sie mit dem Wehrführer, bevor der sich auch zurückzieht. Hier geht offenbar alles drunter und drüber. Wo ist eigentlich Große Jäger?«

»Der Kollege hat Urlaub.«

»Typisch für Husum. Die stecken ihre Nase überall ungefragt hinein. Und wenn es wirklich wichtig ist, versagen sie. Sind Sie allein hier?«

»Ja. Ein weiterer Kollege ist noch informiert worden, aber nicht erschienen.«

»Wer?«

»Hauptkommissar Hundt.«

Frauke Dobermann stöhnte laut auf. »Da wäre ja die ganze Elite der Landespolizei am Start.«

Heinzi brachte die neu aufgefüllte Thermoskanne und hielt Frauke Dobermann die Handfläche hin.

»Zwölf.«

»Was ›zwölf‹?«

»Euro.«

Sie holte tief Luft und wollte aufbegehren, aber Heinzi grinste breit. »Ist doch sonst Beamtenbestechung. Muss ich doch.«