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Als Rosalind Elbury nach London kommt, erwartet sie nichts weiter als eine Saison voller höflicher Begegnungen, gesellschaftlicher Verpflichtungen und vielleicht ein wenig Abenteuer. Doch gleich bei ihrer Ankunft begegnet sie einem Mann, der so ganz anders ist als die selbstsicheren Gentlemen der Stadt. Frederick Faraday ist wohlhabend, angesehen – und hoffnungslos ungeschickt. Wo andere mit makelloser Eleganz auftreten, stolpert er über Teppichkanten, stößt Vasen um und bringt mit seiner ehrlichen, warmherzigen Art mehr Herzen zum Schlagen, als ihm selbst bewusst ist. Zwischen schüchternen Blicken, unerwarteten Begegnungen und zarten Momenten beginnt sich etwas zu entwickeln, das keiner von beiden geplant hat. Doch in einer Gesellschaft, in der Gerüchte schneller wachsen als Gefühle und ein einziger falscher Augenblick einen Ruf zerstören kann, ist wahre Zuneigung ein gefährliches Spiel. Als ein Missverständnis droht, alles zu zerstören, müssen Rosalind und Frederick entscheiden, ob sie den Erwartungen der Gesellschaft folgen – oder ihrem Herzen vertrauen. Eine charmante, humorvolle Liebesgeschichte über Mut, Missgeschicke und die wunderbare Erkenntnis, dass manchmal gerade die unvollkommenen Menschen perfekt füreinander sind.
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Seitenzahl: 252
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kapitel 1Das Stadthaus der Elburys lag unscheinbar in einer ruhigen Straße nahe Bloomsbury, weit genug vom Trubel der Londoner Gesellschaft entfernt, um keine unnötige Aufmerksamkeit zu erregen, und doch nah genug, um den gesellschaftlichen Verpflichtungen der Saison nicht entfliehen zu können. Es war ein schmales, dreistöckiges Gebäude, dessen Fassade schon bessere Tage gesehen hatte; die Fensterläden waren frisch gestrichen, aber man vermochte die Mühe dahinter zu erkennen. Als die Droschke, die Mutter und Tochter aus Cambridge hergebracht hatte, vor der Haustür hielt, war es später Nachmittag, und ein milder goldener Schein lag über den Backsteinmauern.„Nun, meine Liebe“, sagte Mrs. Elbury mit jener Mischung aus Pragmatismus und leiser Aufregung, die Rosalind so gut kannte, „es ist kleiner als in Erinnerung. Aber das liegt bestimmt nur daran, dass ich älter geworden bin und die Häuser kleiner wirken, je mehr man in ihnen zu tun hat.“„Oder daran, dass der Vermieter seit fünf Jahren nichts renoviert hat“, entgegnete Rosalind mit einem sanften, belustigten Lächeln. Sie stieg aus, glättete ihr Reisekleid und betrachtete das Haus mit der nüchternen, aber nicht unfreundlichen Gelassenheit, die für sie typisch war. „Aber für unsere Zwecke wird es genügen.“Ein Fußmann der Nachbarn – offenkundig in bester Verfassung und deutlich zu fein für dieses bescheidene Haus – eilte herüber, um beim Entladen der Koffer zu helfen. Mrs. Elbury bedankte sich überschwänglich; Rosalind hingegen fand das Ganze leicht peinlich, denn der junge Mann machte den Eindruck, als hätte er nicht gewusst, dass sein Dienstherr ihm hierfür später Vorwürfe machen würde.„Setzen wir uns erst einmal“, schlug Mrs. Elbury vor, nachdem sie das schmale Entrée betreten hatten. Die Möbel schienen in Eile aus einem Lager zusammengetragen worden zu sein, wirkten aber sauber und ordentlich. Ein Teppich mit verblasstem Muster lag auf dem Boden, und der Kamin im kleinen Salon roch nach frischer Kohle. „Du siehst müde aus.“„Ich bin nicht müde“, widersprach Rosalind, obwohl sie es sehr wohl war. „Nur neugierig.“„Neugierig auf London?“„Eher darauf, wie lange es dauert, bis du mich auf einem Ball platziert hast, in der Hoffnung, ich würde einen reichen Mann treffen.“ Rosalind setzte sich auf ein kleines Sofa, das bei der ersten Berührung leise knarrte. „Ich verspreche dir, ich werde mich tapfer schlagen. Ich werde lächeln und tanzen und niemandem vor den Fuß treten. Auch wenn ich dabei vermutlich einschlafe.“Ihre Mutter warf ihr einen strengen, aber heiteren Blick zu. „Du weißt ganz genau, weshalb wir hier sind, Rosalind. Es ist nicht nur die Hoffnung auf…“ Sie zögerte.„Eine gute Partie“, ergänzte Rosalind trocken.„Eine stabile Zukunft“, korrigierte Mrs. Elbury, wobei die beiden Begriffe sich kaum unterschieden, dies aber in Eleanors Augen offenbar wichtig war. „Dein Vater hat uns ein wunderbares Leben ermöglicht, doch ein Universitätsgehalt… nun, es lässt wenig übrig für Mitgift oder mondäne Zukunftspläne.“Rosalind lächelte nachsichtig. „Ich weiß, Mama. Ich mache nur Spaß. Du bist nicht die Erste, die mich verheiraten möchte.“„Ich bin aber hoffentlich die Erste, die es gut mit dir meint“, erwiderte Mrs. Elbury liebevoll und glättete den Rock ihrer Tochter. „Du bist klug, sanft, hübsch – wundervoll auf deine eigene, sehr natürliche Weise. Wenn ein Mann das nicht erkennt, hat er es nicht verdient, dich anzusehen.“Rosalind spürte eine leichte Wärme in ihrem Gesicht. Komplimente ihrer Mutter trafen sie immer seltsam unvorbereitet. „Ich bin nicht sicher, ob natürliche Schönheit in London denselben Wert hat wie übertriebene Schminke und Aristokratie.“„Dann wird London eben lernen müssen, dich zu würdigen“, sagte Mrs. Elbury mit einer Entschlossenheit, die Rosalind zum Lachen brachte.Ein Moment stiller Vertrautheit trat ein, bevor ihre Mutter fortfuhr:„Du weißt, dass ich mir keine großen Hoffnungen mache. Aber vielleicht… vielleicht begegnen wir jemandem, der mit einem offenen Herzen durchs Leben geht.“„Und mit einem gefüllten Portemonnaie“, murmelte Rosalind, woraufhin ihre Mutter sie leicht gegen die Schulter stupste.„Rosalind.“„Verzeihung. Ich werde mich benehmen. Ich verspreche es.“ Sie seufzte leise. „Aber ich hoffe dennoch, dass es wenigstens ein wenig… interessant wird.“„Interessant wird es sicherlich“, sagte Mrs. Elbury und stand auf, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen. „Die Londoner Gesellschaft ist selten langweilig, und noch seltener vernünftig. Vielleicht begegnen wir jemandem, der dir zusagt.“„Mir wird niemand zusagen, der an unserem kleinen Haus vorbeigeht und sofort erkennt, dass ich keine reiche Mitgift habe“, erwiderte Rosalind mit einem gemischten Ausdruck aus Ironie und Resignation. „Und ich… nun, ich würde gern jemanden mögen, den ich auch mögen darf.“„Das wirst du“, sagte ihre Mutter sanft. „Und vielleicht geschieht es schneller, als du denkst.“Rosalind wandte den Kopf zur Tür – ein Windstoß hatte sie leicht bewegt, und für einen flüchtigen Moment meinte sie, Schritte vor dem Haus zu hören.Sie dachte natürlich nicht daran, dass sie schon sehr bald einem Mann begegnen würde, der alles in ihr aufrütteln würde – im Guten wie im chaotisch Komischen.
Kapitel 2Die Elburys hatten sich kaum zwei Tage im Stadthaus eingerichtet, als sich das Schicksal in Form eines klopfenden Boten meldete. Rosalind saß gerade am kleinen Schreibtisch nahe des Fensters und versuchte, einen Brief an ihren Vater zu verfassen – sie geriet nach dem dritten Satz ins Stocken, weil sie sich fragte, wie man „Es ist alles ein wenig verstaubt, aber charmant“ elegant ausdrückte –, als ihre Mutter die Treppe heraufstürmte.„Meine Liebe!“ rief Mrs. Elbury mit einer Begeisterung, die nur Gutes oder Schreckliches bedeuten konnte. Ihre Wangen glühten, ihr Mieder verrutschte ein wenig, und der Bote im Flur sah aus, als wäre er von einem leisen Orkan erfasst worden. „Rate, wer sich erinnert hat, uns einzuladen!“„Ich hoffe, jemand, der uns kennt“, murmelt Rosalind und legte die Feder ab.„Mrs. Pennington!“, verkündete ihre Mutter triumphierend und hielt einen sorgfältig versiegelten Brief hoch. „Wir sind heute Abend auf einen kleinen Gesellschaftsabend eingeladen. Nichts Großes, etwas für Freunde… und solche, die es noch werden sollen.“Rosalind fühlte, wie ein warmes, prickelndes Etwas in ihrem Bauch hochstieg – eine Mischung aus Freude, Nervosität und jener aufmerksamen Hoffnung, die sich nur dann einstellte, wenn das Leben im Begriff war, eine unerwartete Richtung einzuschlagen.„Heute Abend schon?“, fragte sie, und obwohl sie überrascht wirken wollte, schlich sich ein Lächeln in ihre Stimme.„Ja, heute Abend. Und du wirst dein blaues Kleid tragen.“Rosalind erstarrte. „Das Seidenkleid? Das… Mama, das ist doch zu—“„Es ist perfekt“, unterbrach Mrs. Elbury energisch. „Nicht zu schlicht, nicht zu auffällig, es umschmeichelt deine Augen, und es hat diese wunderbare Eleganz, die…“Sie wedelte mit der Hand, als würde sie ein unsichtbares Kunstwerk beschreiben.„…die dir praktisch ins Gesicht geschrieben ist.“Rosalind seufzte, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, zu widersprechen. Und heimlich mochte sie das Kleid ja – es war das einzige, das ihr das Gefühl gab, vielleicht doch ein wenig strahlen zu können.Der Abend kam schneller, als Rosalind es für möglich gehalten hätte. Gegen acht Uhr war das Haus erfüllt von dem Geräusch kleiner Vorbereitungen: das Rascheln von Stoff, das Zurechtrücken eines Huts, das leise Knacken des alten Treppengeländers, als beide Frauen hinabstiegen.Rosalind betrachtete sich im Spiegel des Flurs. Das blaue Kleid fiel in weichen Falten bis zum Boden, und ihr dunkles Haar war halb aufgesteckt, halb in sanften Wellen über ihre Schultern gelegt. Mrs. Elbury trat hinter sie und legte ihr eine Hand auf die Schulter.„Du siehst schön aus“, sagte sie, und Rosalind spürte, wie ihre Finger für einen Moment zitterten – vor Stolz, vor Sorge, vielleicht vor beidem.„Ich bin nervös“, gab Rosalind zu.„Natürlich bist du das“, entgegnete ihre Mutter. „Das gehört dazu. Aber du wirst dich charmant benehmen, du wirst lächeln, und du wirst tanzen, wenn man dich darum bittet. Und nicht einschlafen mitten im Gespräch mit einem Gentleman.“„Das ist einmal passiert“, protestierte Rosalind.„Es war ein sehr langer Besuch“, gab ihre Mutter zu, „aber dennoch – bemühe dich.“Mit einem leichten Lachen gingen sie hinaus zur wartenden Kutsche.Der Abendhimmel über London war ein zarter Purpurton, und die Laternen entlang der Straße brannten bereits. Als die Kutsche sich in Bewegung setzte, spürte Rosalind, wie ihre Aufregung erneut aufstieg. Sie war es nicht gewohnt, so viel gesellschaftliche Spannung in der Luft zu spüren. In Cambridge war jeder Abend vorhersehbar gewesen, ein Zusammenspiel aus Büchern, Gesprächen und gelegentlichen Besuchen von Freunden ihres Vaters. Schön, aber ruhig.London hingegen schien vor Möglichkeiten zu knistern.„Mama“, begann Rosalind und nestelte an dem kleinen Handschuhknopf. „Was, wenn es enttäuschend wird? Oder was, wenn ich mich unwohl fühle? Oder—“„Was, wenn es wundervoll wird?“, unterbrach Mrs. Elbury und legte eine Hand auf den Arm ihrer Tochter. „Was, wenn du Freude hast, tanzt, jemanden triffst, der nett zu dir ist? Manchmal, meine Liebe, lohnt es sich, mutig zu sein.“Rosalind nickte, doch ihr Herz klopfte schneller, je näher die Kutsche dem Haus der Penningtons kam.„Du wirkst wie ein aufgeregter Vogel“, bemerkte ihre Mutter und lächelte.„Ich fühle mich auch so“, gab Rosalind zu. „Vielleicht ein Spatz. Oder ein nervöser Stieglitz.“„Dann reiß dich zusammen und sei eine Nachtigall.“„Ich gebe mein Bestes.“Die Kutsche holperte über ein Kopfsteinpflaster und kam schließlich vor einem warm erleuchteten Stadthaus zum Stehen. Musik drang gedämpft nach draußen. Lachen. Stimmen. Das Leben der Londoner Saison lag hinter jener Tür – glitzernd, laut, aufregend.Rosalind atmete tief ein.Heute Abend würde sie eintreten.Und irgendwo in dieser Stadt – vielleicht hinter dieser Tür, vielleicht ganz woanders – stand ein Mann, der ihr Leben völlig unbeabsichtigt durcheinanderwirbeln würde.
Kapitel 3Die Penningtons empfingen ihre Gäste mit einer Wärme, die für London beinahe untypisch war. Schon beim Betreten des Hauses legte sich ein weiches Leuchten um Rosalind, als hätte jemand einen Vorhang geöffnet, hinter dem das gesellschaftliche Leben in voller Blüte stand. Stimmengewirr, das feine Klirren von Gläsern, Musik, die durch die hohen Räume tanzte – all das wirkte auf sie wie ein Versprechen.Mrs. Pennington selbst – eine rundliche Dame mit einem leuchtenden Lächeln und einer bemerkenswert festen Umarmung – eilte freudestrahlend auf die Elburys zu.„Meine lieben Elburys! Welch Freude, Sie wiederzusehen! Mrs. Elbury, Ihre Tochter… meine Güte, sie ist ja ganz erwachsen geworden!“Rosalind verbeugte sich leicht, gerührt und ein wenig verlegen. Die Gastgeberin fuhr fort, sie strahlte, gestikulierte und redete so schnell, dass Rosalind Mühe hatte, ihre ganzen Fragen zu erfassen. Es ging um Cambridge, um das Stadthaus, um die lange Reise – und genau in diesem Moment, als Rosalind höflich und artig antwortete, geschah es.Aus den Augenwinkeln bemerkte sie eine Bewegung – eine ruckartige, zu hastige Bewegung, wie von jemandem, der sich äußerst bemühte, nicht aufzufallen… und es dadurch nur noch mehr tat.Ein junger Mann stand etwas abseits, halb verdeckt von einer Gruppe plaudernder Gäste. Groß, elegant gekleidet, mit einem leicht verzweifelten Ausdruck. Eine imposante Blumenvase – mit weißen Rosen – schwankte gefährlich auf dem kleinen Beistelltisch vor ihm.Er streckte die Hand aus, ganz behutsam, als versuche er, ein scheues Tier zu beruhigen.Steh. Bitte bleib stehen. Das schien sein Blick zu sagen.Die Vase neigte sich nach rechts.Er korrigierte nach links.Sie neigte sich nach links.Er ebenfalls – viel zu weit.Ein kurzer, entsetzlich klarer Moment vollkommener Stille. Dann fiel die Vase, wie von einem unsichtbaren Schicksalsschubser geschubst.Mit einem gedämpften Poltern landete sie im Schoß eines sehr überraschten älteren Herren, der daraufhin ein empörtes „Um Himmels willen!“ ausstieß und versuchte, die Rosen von seinem Frack zu zupfen.Rosalind schluckte ein Lachen herunter, das dringend hinauswollte. Ihre Lippen bebten, doch sie hielt tapfer Haltung.„…und natürlich wird es eine herrliche Saison werden“, plapperte Mrs. Pennington gerade weiter, ohne die Katastrophe hinter sich bemerkt zu haben. „So viele neue Gesichter! Haben Sie schon von—“Doch Rosalind hörte kaum zu. Sie konnte den Blick nicht von dem jungen Mann abwenden.Er stand nun vornübergebeugt, bemüht, dem älteren Herrn zu helfen, entschuldigte sich wiederholt und sammelte Rosenblätter auf, als wären sie zerbrochene Juwelen, die man auf keinen Fall verlieren durfte.Und dann – ausgerechnet dann – hob er den Kopf.Ihre Blicke trafen sich.Seine Augen waren warm, haselnussbraun, voller höflicher Verzweiflung. Ein Mann, der wusste, dass er gerade eine kleine Katastrophe verursacht hatte, und der sich dennoch mit Würde zu retten suchte.Und Rosalind… lächelte. Ganz leicht, unwillkürlich, weich.Er sah dieses Lächeln. Sein Gesicht verfärbte sich, erst rosa, dann rot. Er richtete sich hastig auf, verbeugte sich – eine flüchtige, charmant-ungeschickte Geste, so schuldbewusst wie höflich. Eine stumme Entschuldigung, eine Art „Sie haben das hoffentlich nicht gesehen – oder wenn doch, dann verzeihen Sie mir.“Und dann verschwand er. Einfach so. Drehte sich um und tauchte in die Menschenmenge ab, als wäre er auf der Flucht vor seiner eigenen Scham.Mrs. Pennington bemerkte schließlich Rosalinds abgelenkten Gesichtsausdruck und drehte sich halb um.„Ach, Herr Faraday!“, rief sie, doch zu spät – Frederick war bereits in der Menge verschwunden. „Dieser junge Mann ist ein zuvorkommender Schatz, aber ein wenig… ach, wie sagt man? Unaufmerksam.“ Sie winkte ab. „Ich stelle ihn Ihnen später vor. Wenn er wieder auftaucht.“Rosalind spürte ein eigenartiges Kribbeln unter ihrer Haut, einen Impuls, der zwischen Belustigung und Wärme hin- und herpendelte. Frederick Faraday. Der Name sagte ihr nichts – und doch hatte sie das Gefühl, dass sie ihn sich merken würde.Ihre Mutter beugte sich zu ihr.„Du hast ihn gesehen, nicht wahr?“„Wen?“„Den jungen Mann, der versucht hat, diese arme Vase vor ihrem Schicksal zu bewahren.“Rosalind hob die Schultern. „Ich habe vielleicht… einen flüchtigen Blick erhascht.“Mrs. Elbury lachte leise. „Meine Liebe, du hast geblickt wie eine Nachtigall, die zum ersten Mal eine Melodie hört.“Rosalind wurde warm ums Herz. Und ein klein wenig nervös.Denn tief in ihrem Inneren ahnte sie bereits, dass dies nicht die letzte Missgeschick-Szene war, bei der sie Zeugin sein würde.
Kapitel 4Die Musik schwoll an, ein sanfter Walzer, der die Gäste in Bewegung setzte wie ein stetiger Strom. Rosalind und ihre Mutter standen zunächst am Rande des Salons, dort, wo man gut sehen, aber nicht zu sehr auffallen konnte. Mrs. Elbury hielt ein Glas Zitronenpunsch, Rosalind ein kleines Glas Orangenlikör – und obwohl sie sich Mühe gab, gelassen zu wirken, drang die Nervosität in ihre Finger, die den Rand des Glases ein wenig zu fest umklammerten.„Halt dich gut, meine Liebe“, murmelte ihre Mutter schmunzelnd. „Du siehst aus, als würdest du den Punsch aufspießen, wenn er sich bewegt.“„Ich versuche nur, ruhig zu bleiben“, flüsterte Rosalind zurück. „Ich bin… ein wenig überwältigt.“„Das ist ganz natürlich.“Doch Mrs. Elbury kam nicht dazu, mehr zu sagen – denn just in diesem Moment näherte sich ein Trio älterer Damen, deren Kleiderröcke und Federhüte die Luft um sie herum fast zum Schwirren brachten. Eine dieser Damen hob die Hände freudig.„Mrs. Elbury! Bei allen Heiligen, dass ich Sie hier sehe… ich dachte fast, Sie wären immer noch in Cambridge verschollen!“Es war Lady Montford – oder vielmehr Lady Agnes Montford, Mutter jener Beatrice, von der in London stets so viel und nie sehr Schmeichelhaftes gesprochen wurde. Man sagte, Lady Montford könne mit einem einzigen Blick sowohl jemanden begrüßen als auch herabwürdigen – eine seltene und beeindruckende menschliche Fähigkeit.Mrs. Elbury begrüßte sie mit höflichem Lächeln, und Rosalind neigte leicht den Kopf.„Lady Montford. Es ist schön, Sie wiederzusehen.“„Gewiss, gewiss“, antwortete die Dame, obwohl ihre Miene eher aussah, als hätte sie eine distanzierte Begegnung mit einem Möbelstück. „Und dies, vermute ich, ist Ihre Tochter?“„Ja, dies ist Rosalind“, stellte Mrs. Elbury vor.Lady Montford betrachtete Rosalind prüfend – nicht unfreundlich, aber auch keineswegs herzlich. Eher mit der Neugier eines Menschen, der ein Kunstwerk begutachtet, dessen Wert er noch nicht einschätzen kann.„Eine hübsche junge Dame“, sagte sie schließlich, und es klang, als wäre das Prädikat eine Art Gütesiegel, das sie nur widerwillig vergab.Zu Lady Montfords rechter Seite stand ihre Tochter Beatrice – eine elegante Erscheinung mit makelloser Figur, hellen, glänzenden Haaren und einem Lächeln, das zugleich anmutig und gefährlich wirkte. Rosalind spürte instinktiv, dass hierin eine Frau steckte, die an diesem Abend jedes Detail bemerkte – besonders mögliche Konkurrentinnen.„Wie schön, Sie kennenzulernen“, sagte Beatrice süßlich. „Ist dies Ihre erste Saison in London?“„Meine erste richtige“, antwortete Rosalind höflich.„Ach“, rief Lady Montford mit einer Art gespielter Überraschung. „Dann kennen Sie noch nicht die… besonderen Attraktionen unserer Gesellschaft.“Rosalind hob leicht eine Augenbraue. „Attraktionen?“„Natürlich“, mischte sich eine dritte Dame ein – Mrs. Harbury, eine enge Freundin der Montfords. „Allen voran Mr. Frederick Faraday.“Rosalinds Finger verkrampften sich noch ein kleines Stück um ihr Glas, doch sie hoffte, niemand merkte es.„Ah ja“, seufzte Lady Montford bedeutungsvoll. „Der begehrteste Junggeselle dieses Jahres. Unermesslich reich, unangemessen großzügig – und charmant auf jene unbeholfene Weise, die Frauenherzen merkwürdig weich werden lässt.“Sie beugte sich leicht vor. „Obwohl er, wie man hört, etwas weniger… wie soll ich sagen… gesellschaftsgewandt ist.“„Mama“, murmelte Beatrice mit einem fast unschuldigen Lächeln, „du meinst, er ist ein wenig… tollpatschig?“Lady Montford zog die Augenbrauen hoch. „Ich wollte höflich bleiben.“Rosalind zwang sich, ruhig zu bleiben. Ihr Herz jedoch schlug leiser, wärmer – und ein bisschen schneller –, denn sie wusste, wen die Damen meinten. Den Mann, der vor wenigen Minuten beinahe eine Vase ins Jenseits befördert hatte.Sie wollte nicht fragen. Sie wollte nicht neugierig erscheinen.Doch Beatrice nahm ihr die Entscheidung ab.„Er ist übrigens hier“, sagte die junge Dame mit einer Stimme voller selbstzufriedener Zuversicht. „Und ich habe mir fest vorgenommen, dass er mir heute Abend besondere Aufmerksamkeit schenken wird.“Lady Montford nickte zustimmend. „Wir planen, meine Tochter in dieser Saison gut zu verheiraten. Und Mr. Faraday ist die beste Partie, die London derzeit zu bieten hat.“Mrs. Harbury beugte sich näher.„Er wird sicher eine Frau brauchen, die ihn… führt.“„Ordnet“, korrigierte Beatrice mit einem selbstgefälligen Lächeln. „Und wir sind sicher, er wird in mir die perfekte Partnerin erkennen, sobald er merkt, wie gut sie in der Gesellschaft zurechtkommt.“Rosalind spürte, wie etwas Tiefes in ihr schmerzte – ein seltsamer, nicht ganz erklärbarer Stich.Sie kannte Mr. Faraday kaum, hatte noch kein Wort mit ihm gewechselt.Und dennoch… war da etwas in seinem Blick gewesen. Etwas Sanftes. Echtes.Beatrice bemerkte Rosalinds Stille wohlwollend – oder vielleicht triumphierend.„Ach, Mrs. Elbury“, sagte sie freundlich, doch ihr Ton triefte von Überlegenheit, „Sie und Ihre Tochter lassen sich doch sicher nicht von der Vorstellung einschüchtern, an diesem Abend auf große Namen zu treffen?“„Natürlich nicht“, antwortete Mrs. Elbury ruhig und mit einer Haltung, die Rosalind stolz machte. „Wir sind hier, um zu tanzen, zu plaudern – und eine angenehme Zeit zu haben.“Beatrice lächelte, neigte den Kopf und sagte:„Aber selbstverständlich.“Doch Rosalind spürte genau, dass Beatrice – oder vielmehr ihre ehrgeizigen Pläne – nicht eine Sekunde zögern würde, sie zur Rivalin zu machen.Wenn auch nur der leiseste Verdacht aufkäme, dass Frederick Faraday an Rosalind Gefallen finden könnte.
Kapitel 5Die Unterhaltung zwischen Mrs. Elbury und den Montfords zog sich dahin wie warmer Sirup – höflich, glänzend, aber irgendwie schwer. Rosalind stand ein wenig dahinter, lächelte an den richtigen Stellen, nickte, wenn es verlangt wurde, und versuchte gleichzeitig, nicht allzu sehr wie ein Möbelstück zu wirken, das man zufällig in die Konversation hineingestellt hatte.Und dann sah sie ihn wieder.Am gegenüberliegenden Ende des Saales, halb verdeckt von einer Gruppe Herren, stand Frederick Faraday. Diesmal hielt er lediglich ein Glas in der Hand – etwas, das ihm keinerlei Gefahr zu bringen schien –, und sprach mit einem älteren Gentleman. Seine Haltung wirkte leicht angespannt, als würde er sich über jedes Wort, das er von sich gab, zu viele Gedanken machen.Rosalind beobachtete ihn einen Moment lang.Er wirkte… nett. Sanft.Ein Mann, der von Natur aus nicht dazu bestimmt war, der glänzende Mittelpunkt des Raumes zu sein – und gerade deswegen mehr Aufmerksamkeit auf sich zog als all die lauten, sich ständig wichtig machenden Herren um ihn herum.Und ehe sie darüber nachdenken konnte, was sich schickte oder nicht, hob Rosalind einfach die Hand – und winkte.Ein ganz ehrliches, spontanes kleines Winken.Die Montfords verstummten fast gleichzeitig.Beatrice blinzelte, als hätte sie soeben jemanden dabei erwischt, etwas Ungehöriges zu tun.Lady Montford hob eine Augenbraue, als gebe sie Rosalind eine Schulnote.Mrs. Harbury hielt kurz die Luft an.Frederick Faraday dagegen… reagierte, wie nur Frederick Faraday reagieren konnte.Er wirkte erst irritiert, dann überrascht – und dann… erfreut.Seine Augen wurden groß, ein wenig warm, fast strahlend. Er hob die Hand, als wolle er zurückwinken – schien sich aber im letzten Moment daran zu erinnern, dass ein Gentleman in London im Jahr 1815 sich nicht wie ein Junge auf dem Marktplatz verhalten sollte.Also hob er nur minimal die Finger, eine andeutungshafte, unsichere Bewegung, und verbeugte sich leicht. Eine Verbeugung aus der Ferne.Beatrice stieß einen erstickten Laut aus, der irgendwo zwischen Empörung und belustigtem Spott lag.„Wie… leger“, bemerkte sie mit einem zuckersüßen Lächeln, das ausschließlich Gift bedeutete.Mrs. Elbury stupste Rosalind sanft, aber bestimmt an.„Rosalind“, flüsterte sie. „Meine Liebe, man winkt nicht. Nicht so. Nicht einem Herrn.“Rosalind wurde warm im Gesicht. „Ich… es war ein Reflex.“„Ein Reflex?“, wiederholte Lady Montford spitz. „Wie entzückend unbedarft.“Rosalind errötete tiefer.Doch sie hatte keine Zeit, weiter verlegen zu sein.Denn Frederick Faraday stellte sein Glas auf das nächstbeste Tablett ab – und machte sich auf den Weg… genau zu ihnen.Lady Montford straffte die Schultern.Mrs. Harbury rückte unauffällig einen Schritt zur Seite, um besser zu sehen.Und Beatrice – oh, Beatrice – hob beide Hände an den Haaransatz, strich die Locken zurecht, hob das Kinn, ließ die Schultern sinken und setzte das geübteste Lächeln der gesamten Londoner Saison auf.Rosalind fühlte ihr Herz flattern wie ein Spatz im Käfig. Nicht wegen der Montfords.Nicht wegen der Etikette. Sondern weil Frederick Faraday – Frederick, der wenige Minuten zuvor eine Vase beinahe in den Ruin gestürzt hatte – jetzt mit einer Entschlossenheit auf sie zukam, die überraschend beeindruckend wirkte.Er war nervös, ja. Aber er wollte herkommen.Und das allein genügte, um Rosalinds Atem flach werden zu lassen.Frederick blieb vor der Gruppe stehen, verbeugte sich höflich, etwas zu tief, etwas zu hastig, sodass sein Jackett verrutschte – aber es war eine ehrliche, respektvolle Geste.„Guten Abend, meine Damen“, sagte er. Seine Stimme war sanft, angenehm. „Ich hoffe, ich störe nicht.“Beatrice trat einen Schritt vor, ihr Lächeln schillernd wie ein Pfau im Sonnenlicht.„Mr. Faraday! Welch entzückende Überraschung. Wir sprachen eben von Ihnen.“„Oh?“ Frederick wirkte alarmiert.„Selbstverständlich im höchsten Ton.“Das war gelogen, doch sie trug es mit einer Sicherheit vor, als wäre sie die Wahrheit selbst.Doch Frederick hörte kaum hin. Sein Blick glitt an Beatrice vorbei – an Lady Montford vorbei – bis er Rosalind fand.Und dort blieb er. Er lächelte. Ein echtes, leicht unsicheres, bezauberndes Lächeln, das ausschließlich ihr galt.Rosalinds Herz machte einen kleinen Sprung. Vielleicht zwei.
Kapitel 6Frederick Faraday stand nun in der kleinen Runde, und obwohl er sich alle Mühe gab, nicht aufgeregt zu wirken, verriet seine Haltung ihn vollständig: die leichte Spannung in seinen Schultern, die Finger, die nervös den Saum seines Jacketts streiften, und der Blick, der zwar höflich über die Montfords glitt, aber immer wieder an Rosalind hängen blieb.„Mr. Faraday“, begann Lady Montford, „darf ich Ihnen—“Doch Frederick ließ sie kaum aussprechen.„Miss Elbury“, sagte er – viel schneller, viel persönlicher, als es sich in dieser Gesellschaft schickte. Er räusperte sich, verbeugte sich erneut etwas zu eifrig und versuchte, seine Stimme auf einen ruhigen Ton zu bringen. „Es ist mir eine… große Freude, Ihre Bekanntschaft zu machen.“Rosalind errötete, neigte den Kopf und lächelte so warm, dass Frederick fast vergaß zu atmen.„Die Freude ist ganz meinerseits“, sagte sie sanft.Beatrice sah zwischen beiden hin und her, als suche sie nach einem Fehler in dem Ganzen.Um sich nichts anmerken zu lassen – und vielleicht um zu zeigen, wie souverän er die Situation im Griff hatte – trat Frederick einen halben Schritt vor und reichte Rosalind die Hand, um sie zu begrüßen. Eine vollkommen normale, höfliche Geste.Zumindest in der Theorie.Denn Frederick Faraday hatte ein Talent dafür, in genau dem Moment unglücklich zu handeln, in dem alles hätte reibungslos funktionieren können.Sein Ärmel – eine eleganter, aber reich verzierter Stoff – verfing sich im nächsten Augenblick an einer kleinen Seidenschleife an Rosalinds Kleid. Und nicht nur verfing – er begann sich regelrecht einzudrehen.Frederick erstarrte.Rosalind bemerkte es einen Sekundenbruchteil später und blinzelte überrascht auf den Stoff, der nun beide miteinander verband.Beatrice stieß ein leises, kaum verhohlenes „Oh… mein… Gott“ aus.Mrs. Elbury stockte der Atem.Lady Montford wirkte, als stünde sie kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren – aus reiner Empörung.Frederick, der Unglücksrabe, wurde blass.„Ich… das ist… ich wollte nur—“ Er zog leicht zurück, was dazu führte, dass die Schleife gefährlich straff gespannt wurde und Rosalind unfreiwillig einen halben Schritt nach vorne machte.„Bitte nicht ziehen“, sagte Rosalind schnell, und obwohl sie rot wurde, klang ihre Stimme sanft, fast belustigt.„Oh! Nein! Natürlich nicht! Ich würde nie… also, doch, ich habe gerade… aber nicht absichtlich—“Er war hoffnungslos.„Mr. Faraday“, sagte sie ruhig, „ich glaube, wir… stecken fest.“Fredericks Blick schoss zu ihr hoch, in seinen Augen ein Sturm aus Panik, Scham und irgendetwas Warmem, das sie nicht benennen konnte.„Ich bin so unendlich… unfassbar… entsetzlich… äh…“„Es ist wirklich nicht so schlimm“, flüsterte Rosalind, und ihr Lächeln wurde breiter, weicher. „Ich habe schon wesentlich unangenehmere Situationen erlebt.“„Unmöglich“, murmelte Frederick verzweifelt. „Ich glaube nicht, dass es Schlimmeres gibt, als—“Rosalind neigte unwillkürlich den Kopf näher zu ihm, damit sie beide die verhängnisvolle Schleife betrachten konnten. Ihre Gesichter waren nur wenige Zoll voneinander entfernt.Frederick hielt den Atem an. Ein hauchzarter Hauch von Orangenblüten – Rosalinds Duft – stieg ihm in die Nase.Ein kurzer, gleißender Moment, in dem die Welt sich verringerte auf ein Stück Seide, zwei ineinander verhakte Ärmel – und die Wärme ihres Atems auf seiner Wange.Die Montfords beobachteten die Szene wie ein gesellschaftliches Unglück in Zeitlupe.„Wenn Sie mir erlauben…“ Rosalind berührte mit den Fingerspitzen vorsichtig den Stoff. „Ich denke, man muss nur… hier… ein wenig…“Sie löste die Schleife mit müheloser Geduld, wie eine Person, die es gewohnt war, Probleme mit ruhiger Hand zu lösen. Frederick stand vollkommen still, als würde jede falsche Bewegung eine Katastrophe auslösen.Nach wenigen Sekunden war der Ärmel frei. Rosalind ließ den Stoff los und hob den Blick.„Da“, sagte sie lächelnd. „Gerettet.“Frederick atmete aus, als hätte er beinahe den Abend seines Lebens in Flammen gesetzt.„Ich… danke Ihnen. Sie sind äußerst geschickt.“„Ich bin nur furchtbar gut darin, Ärmel von Stoff zu trennen“, erwiderte Rosalind mit leiser Ironie.Er lächelte – ein echtes, warmes, ehrliches Lächeln, das Rosalind ein klein wenig den Atem nahm.Beatrice, die ihren Einsatz drohen sah, beugte sich nach vorne.„Mr. Faraday, Sie wollten doch sicher vorhin zu mir—“„Eigentlich“, sagte Frederick, ohne von Rosalind wegzusehen, „hoffte ich, Miss Elbury zu begrüßen.“Es war höflich formuliert. Aber es ließ die Temperatur in der kleinen Gruppe merklich absinken.Rosalinds Herz machte einen Satz, den sie kaum zu verbergen versuchte.
Kapitel 7Die Musik wechselte mit einem fließenden, hellen Aufschwung – ein Walzer, leichtfüßig und einladend. Die Paare des Saales taten sich zusammen, und die Bewegung im Raum änderte sich wie ein kollektives Atemholen.Frederick Faraday stand noch immer vor Rosalind, sichtlich bemüht, seine Fassung zurückzugewinnen. Seine Wangen hatten eine angenehme Röte angenommen, die mit jedem Satz der Montfords nur kräftiger geworden war. Hinter ihm begann bereits die Unruhe jener Damen, die nur darauf warteten, von ihm zum Tanz gebeten zu werden. Ein paar von ihnen rückten tatsächlich einen halben Schritt näher.Er bemerkte es – selbstverständlich – und straffte die Schultern. Ein Gentleman konnte nun nicht einfach stehen bleiben. Und noch weniger konnte er andere Damen einfach ignorieren.Er atmete ein. Und wandte sich an Rosalind.„Miss Elbury“, sagte er, diesmal ruhiger, fester, „darf ich… Sie zum Tanz bitten?“Rosalinds Herz machte einen kleinen Sprung, der sich wie ein warmes Glühen durch ihre Brust zog.Seine Stimme war so höflich, so ehrlich.„Sehr gerne, Mr. Faraday.“Beatrice erstarrte neben ihr wie eine Statue im Museum.Frederick bot Rosalind den Arm, und sie legte ihre Hand hinein. Ein zarter, kaum fühlbarer Kontakt – aber er ließ Frederick unwillkürlich die Luft anhalten.Sie gingen auf die Tanzfläche zu. Rosalind bewunderte unbewusst, wie bemüht er war, nicht über den Saum seines eigenen Mantels zu stolpern.Als sie einander gegenüberstanden und sich verbeugten, beugte Rosalind sich leicht vor und sagte leise – so leise, dass nur er es hören konnte:„Sie wirken… ein wenig nervös.“Frederick blinzelte. „Nervös? Ich?“ Dann senkte er den Blick. „Ja. Sehr.“Rosalind lächelte warm. „Aber weshalb?“„Weil Tanzen für mich… selten schicklich endet.“ Er räusperte sich. „Oder elegant. Oder aufrecht.“Rosalind unterdrückte ein Lachen. „Ich bin sicher, Sie übertreiben.“„Miss Elbury, ich wäre entzückt, wenn ich das täte.“Die Musik hob an. Frederick legte eine Hand an ihre Taille, vorsichtig, als berühre er etwas Kostbares, und nahm ihre rechte Hand. Und dann setzten sie sich in Bewegung.Es ging erstaunlich gut. Für etwa sieben Sekunden.Dann kam es. Sein rechter Fuß blieb an seinem eigenen linken Absatz hängen. Ein kleiner Ruck, kaum sichtbar, doch Rosalind spürte, wie er die Balance zu verlieren drohte.In purer Panik – oder instinktiver Höflichkeit – wollte Frederick verhindern, dass sie mit ihm fiel. Er machte einen zu weiten Schritt nach rechts, Rosalind musste sich mitdrehen, und während sie sich drehte, streifte sein Ärmel erneut eine Rosengirlande, die am Säulenbogen hing.Ein einzelner Rosenkopf löste sich, wirbelte wie in Zeitlupe durch die Luft – und landete genau auf Rosalinds Schulter.Frederick erstarrte. Rosalind blieb stehen.Die Musik schwoll um sie herum an wie ein ferner Traum.„Oh nein“, murmelte er fassungslos. „Ich habe schon wieder—“„Mr. Faraday“, sagte Rosalind sanft, „alles ist gut.“„Ich habe eine Blume auf Sie fallen lassen.“„Das kommt vor.“„Auf Sie. Zum zweiten Mal heute Abend.“Rosalind lachte nun wirklich, leise und glockenklar.Frederick sah sie an, dieses Lachen, dieses warme, echte Lachen – und für einen Moment vergaß er sämtliche Gäste, sämtliche Erwartungen, sämtliche Montfords.„Es ist nur eine Rose“, sagte sie. „Sie hat mich nicht verletzt.“„Sie könnten es aber schöner treffen als mich“, sagte Frederick hilflos. „Ich wollte Ihnen einen angenehmen Abend bereiten, und stattdessen…“Rosalind löste vorsichtig den Rosenkopf von ihrer Schulter und hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger.
