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Prinzessin Alinor von Ainsleigh hat längst verstanden, welchen Platz die Welt ihr zugedacht hat: den der Prinzessin, die niemand wirklich will. Zu still, zu klug, zu unscheinbar für die ehrgeizigen Prinzen der umliegenden Reiche, bleibt sie Jahr für Jahr unverheiratet – bis ihr Vater schließlich doch ein Bündnis arrangiert. Der Prinz von Rhiannon soll sie heiraten. Doch auch er will sie nicht. Statt selbst zu erscheinen, schickt er einen seiner Ritter, der seinen Namen tragen und die Hochzeit für ihn vollziehen soll. Gareth von Dunwyth nimmt den Auftrag an. Es sollte ein einfaches Spiel sein: eine Rolle, eine Lüge, ein paar Wochen am Hof – und danach würde jeder seines Weges gehen. Doch nichts verläuft wie geplant. Denn hinter den Mauern von Ainsleigh entdeckt Gareth eine Frau, die stärker ist als jedes Gerücht über sie. Und Alinor begegnet zum ersten Mal einem Mann, der sie nicht aus Pflicht oder Mitleid ansieht. Was als Täuschung begann, wird zu etwas, das keiner von beiden erwartet hat. Doch Lügen haben Folgen. Und als die Wahrheit ans Licht zu kommen droht, steht plötzlich nicht nur ihr Glück auf dem Spiel – sondern ein ganzes Königreich. Eine gefühlvolle Geschichte über Mut, Liebe und die Frage, ob zwei Menschen ihr Schicksal selbst wählen dürfen – selbst wenn die Welt dagegensteht.
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Seitenzahl: 241
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kapitel 1Der Morgen begann grau. Ein dünner Schleier aus Nebel hing über den Türmen von Ainsleigh, und selbst die Krähen auf dem Wehrgang schwiegen, als wollten sie das Unvermeidliche nicht stören.Prinzessin Alinor von Ainsleigh saß vor dem Spiegel ihres Gemachs. Das Glas war alt, in der Mitte leicht gewölbt, und das Gesicht, das ihr daraus entgegenblickte, war ihr vertraut wie ein Lied, das man zu oft gehört hat, um es noch schön zu finden.Hinter ihr stand eine Kammerfrau, zog mit vorsichtigen Fingern durch das widerspenstige Haar. Kupferfarben war es, schwer und glanzlos an diesem feuchten Morgen.„Etwas mehr Band, Mylady?“ fragte die Frau leise.„Warum nicht alles, was Ihr finden könnt?“ erwiderte Alinor mit einem müden Lächeln. „Vielleicht lenkt der Glanz ab von dem, was darunter ist.“Die Frau senkte den Blick. Alinor sah ihr Spiegelbild wieder an. Die Nase war zu schmal geraten, der Mund zu ernst, und die graugrünen Augen – so sagte man – erinnerten an den Sturm über der See. Kein Gesicht, das Sänger besingen würden.„Niemand wird Minnelieder über mich dichten“, sagte sie tonlos. „Also singe ich sie lieber selbst – schief und kurz –, bevor andere beginnen, Spottverse zu schreiben.“Die Kammerfrau schwieg, wie es ihr Amt verlangte. Nur der Kamm glitt weiter durch das Haar, Strähne um Strähne.Alinor hob den Blick und musterte die goldene Brosche, die man ihr anlegte, als wäre sie ein Talisman gegen Enttäuschung. Sie wusste, was heute bevorstand: der nächste Freier, der vierte in zwei Sommern.Der erste hatte ihr Komplimente gemacht, als wollte er sich selbst davon überzeugen; der zweite hatte sie höflich „gelehrt“ genannt – und noch am selben Abend die Heimreise angetreten; der dritte hatte, kaum dass der Wein serviert war, eine dringende Nachricht von seiner Mutter erhalten.Alinor hatte gelernt, mit Anstand zu lächeln, wenn Männer gingen.Ein Klopfen an der Tür unterbrach das Schweigen.Ihr Bruder Anselm trat ein, in der Hand eine Pergamentrolle, die er sogleich vergaß, als er sie sah.„Du bist schon bereit?“ fragte er.„Bereit ist vielleicht zu viel gesagt.“ Sie stand auf und glättete den Stoff ihres Kleides. „Ich bin… hergerichtet.“„Vater wartet in der großen Halle. Der Prinz von Calburn wird vor der Mittagsglocke eintreffen.“„Calburn,“ wiederholte sie. „Ein junger Mann mit glänzender Rüstung und leerem Blick, wenn die Musik verstummt.“Anselm lächelte gequält. „Du solltest hoffen, dass er dich mag.“„Ich habe aufgehört zu hoffen. Es schont das Herz.“Sie trat ans Fenster. Draußen zog der Nebel langsam von den Hügeln herab; Knechte polierten Rüstungen, Frauen streuten frische Kräuter auf den Boden des Hofes, damit es beim Einritt des Gastes duftete.„Schau sie dir an,“ murmelte sie. „Ganz Ainsleigh in Aufruhr – wegen einer Frau, die kein Mann will.“„Du bist zu streng mit dir.“„Nein, Bruder. Ich bin nur ehrlich. Das ist etwas, das am Hof selten ist.“Er trat neben sie. „Vielleicht sieht dieser Prinz, was andere übersehen.“„Vielleicht,“ sagte sie, doch in ihrer Stimme lag keine Überzeugung. „Vielleicht sieht er eine kluge Frau und denkt, das sei gefährlich. Oder eine traurige Frau und denkt, das sei anstrengend. Oder einfach nur – mich.“Ein Hornstoß hallte vom Tor herüber. Das Zeichen.Alinor atmete tief ein, dann wandte sie sich ab.„Nun denn. Auf in die nächste Runde höfischer Wahrheit.“Anselm lächelte leise. „Vater erwartet dich im Thronsaal. Ich begleite dich.“Sie nickte. Als sie den Saal verließen, war ihr Gang ruhig und aufrecht, obwohl ihr Herz schwer schlug. Auf den Fluren hingen Teppiche mit den Wappen der alten Könige, und das Licht der Fackeln flackerte über den Steinen, als wollten die Ahnen selbst sehen, wie die letzte Tochter des Hauses Ainsleigh sich ihrem Schicksal stellte.Vor der großen Tür zum Thronsaal stand König Osric, ihr Vater, in dunklem Purpur, das Gesicht von den Jahren gezeichnet, die Hände verschränkt auf dem Schwertknauf.Er sah sie an, ernst, prüfend, aber nicht ohne Zuneigung. „Du weißt, wie wichtig dieser Bund wäre, Kind.“„Ich weiß, Vater,“ antwortete sie ruhig. „Ich werde tun, was meine Pflicht verlangt.“Osric nickte, und für einen Augenblick glitt ein Ausdruck von Müdigkeit über seine Züge. Dann legte er ihr die Hand auf die Schulter.„Komm“, sagte er. „Die Gäste warten.“Und so schritt Alinor von Ainsleigh, Tochter des mächtigsten Königs der Insel, an der Seite ihres Vaters und ihres Bruders durch die schweren Tore des Thronsaals, hinein in den Glanz der Fackeln – dorthin, wo ein weiterer Prinz sie mustern würde, wie ein Juwel, das man prüft und vielleicht doch nicht kauft.
Kapitel 2Die Türen des Thronsaals schwangen auf, und ein kühler Wind zog durch den hohen Raum. Fackeln flackerten, als wollten sie sich ducken vor der Pracht des Augenblicks.Alinor trat ein, den Blick geradeaus gerichtet. Der Steinboden glänzte vom Öl der Diener, das Banner ihres Hauses hing unbeweglich über dem Thron. Neben ihr ging ihr Bruder Anselm, einen Schritt dahinter ihr Vater, der König. Die Geräusche der Menge verklangen, als sie den mittleren Gang hinabschritt.Am anderen Ende des Saales wartete der Prinz von Calburn. Er war jünger, als sie erwartet hatte – vielleicht kaum älter als sie –, mit einem makellosen Gesicht, das fast zu schön wirkte, als gehöre es zu einer Statue, nicht zu einem Mann aus Fleisch und Blut. Sein blondes Haar glänzte im Fackelschein, und als er sich verneigte, veränderte sich nichts in seinen Augen. Sie blieben wachsam, kalt, höfisch.„Euer Hoheit“, sagte er, „es ist mir eine große Freude, Euch zu begegnen. Das Haus Ainsleigh ist weithin bekannt für seine Tugend und Weisheit.“Und für seine unglückliche Tochter, dachte Alinor, während sie sich leicht verneigte.„Ihr seid gütig, Mylord. Man erzählt sich viel über Calburn – über seine Gärten, seine Falken, und seine Feste. Ich hoffe, Ihr bringt den Frühling mit Euch, der sich hier selten zeigt.“Er lächelte, ein höfliches, leeres Lächeln. „Vielleicht lässt sich der Frühling erbitten, wenn man lange genug wartet.“„Oder wenn man etwas findet, wofür es sich lohnt, zu bleiben,“ entgegnete sie.Er schwieg einen Herzschlag zu lang, dann wandte er sich zum König. „Majestät, Eure Tochter besitzt zweifellos Geist.“„Das ist ihr Lohn für fehlenden Glanz,“ sagte Alinor trocken.Ein Raunen ging durch den Saal, kaum hörbar, doch Osric zog die Brauen zusammen. Calburn lachte leise, nicht unfreundlich, aber mit dem Ton eines Mannes, der sich auf sicherem Boden wähnt.„Euer Witz ist scharf wie ein Schwert, Prinzessin. Ich hoffe, Ihr führt ihn nicht gegen Freunde.“„Nur gegen Feiglinge,“ erwiderte sie, und in ihrem Inneren flackerte für einen Moment Stolz.Das Mahl begann. Auf den Tafeln dampften Schüsseln mit Wild und Brot, die Kelche glänzten. Alinor saß zwischen ihrem Bruder und dem Gast, hörte seine Erzählungen von Turnieren, von Pferden, von Siegen. Seine Worte prallten an ihr ab wie Regen an Stein.Hin und wieder nickte sie, stellte eine höfliche Frage, lächelte, wenn er es erwartete. Doch hinter dem Lächeln lag Gewissheit. Sie kannte den Ton, mit dem Männer zu ihr sprachen, wenn sie sich innerlich schon verabschiedeten.Als der Wein gereicht wurde, wagte sie eine letzte Frage.„Und was sucht Ihr in einer Gemahlin, Mylord?“Er dachte einen Moment nach – oder tat so, als täte er es.„Sanftmut, denke ich. Und… Harmonie des Geistes.“Und ein Gesicht, das Ihr in den Spiegeln Eurer Hallen ertragen könnt, dachte sie bitter.„Dann wünsche ich Euch, dass Ihr sie findet,“ sagte sie laut.Sein Blick blieb höflich, doch sein Lächeln verriet, dass er verstand.Später, als der Hofstaat sich zerstreute und der Prinz vom König verabschiedet wurde, trat Alinor an eines der hohen Fenster. Der Wind trug die Klänge der Hufe hinauf, das Schnauben der Pferde. Wieder ein Banner, das verschwand.Anselm trat zu ihr, blieb schweigend neben ihr stehen.„Er wird gehen,“ sagte sie.„Ja.“„Vielleicht schon morgen.“„Vielleicht.“Sie nickte, als wäre das eine Verabredung.Dann wandte sie sich ab, sah über den Saal, der nun leer war, bis auf Diener, die die Tische abräumten. Der Duft von Wein und Wachs lag schwer in der Luft.„Es ist seltsam,“ sagte sie leise. „Ich kannte seinen Namen kaum, und doch weiß ich jetzt schon, dass ich mich in ein paar Tagen nicht einmal mehr an sein Gesicht erinnern werde.“Anselm sah sie an, doch sie wandte sich dem Fenster zu. Draußen brach der Nebel auf, und die Sonne tastete sich zögernd über die Hügel.„Man sagt, Geduld sei eine Tugend,“ murmelte sie. „Aber wie viele Männer muss man geduldig verlieren, um sie zu lernen?“Niemand antwortete.Und als unten im Hof die Glocken erklangen, wusste Alinor, dass wieder ein Versuch zu Ende gegangen war – und ein weiterer bald beginnen würde.
Kapitel 3Der Tag nach dem Fest war still. Kein Laut von Musik, kein Ruf der Falkner, keine Stimmen im Hof. Nur der Wind, der an den Zinnen rieb und den Geruch von feuchtem Stein durch die Flure trug.König Osric saß im Ratssaal, die Hände auf den Tisch gestützt, während seine Berater im Halbkreis standen. Die Banner des Hauses Ainsleigh hingen unbewegt an den Wänden, schwer vom Staub vergangener Jahre.„Er hat das Schloss bei Morgengrauen verlassen,“ sagte einer der Räte. „Seine Botschaft war höflich, Majestät. Er dankt für Gastfreundschaft – und wünscht Eurer Tochter das Glück, das sie verdient.“Osric schloss die Augen. „Ein schöner Satz für eine Ablehnung.“„Es gibt Gründe,“ meinte ein anderer. „Man sagt, der Prinz von Calburn sei an eine südliche Herzogstochter gebunden, durch alte Absprachen—“„Spart mir Eure Ausreden,“ fiel der König ihm ins Wort. Seine Stimme war nicht laut, aber scharf genug, dass niemand wagte, weiterzureden.Er stand auf, ging zum Fenster. Draußen dehnte sich das Land, feucht und grau, bis an die fernen Wälder.„Vier Männer,“ sagte er nach einer Weile. „Vier Männer mit Land, Titel und Versprechen. Und keiner will sie. Nicht eine meiner Töchter – meine einzige Tochter – will jemand an seiner Seite wissen.“Anselm, der schweigend an der Tür gestanden hatte, trat vor.„Vater,“ begann er leise, „vielleicht sollte man sie selbst fragen, ob sie überhaupt—“Osric hob die Hand. „Sie ist eine Prinzessin, Anselm. Sie gehört nicht sich selbst, sie gehört dem Reich. Ich brauche ein Bündnis. Und wenn Stolz sie daran hindert, einen Mann zu gewinnen, so muss Pflicht sie führen.“„Pflicht,“ wiederholte Anselm, und in seinem Ton lag etwas Bitteres. „Pflicht hat Mutter ins Grab gebracht.“Der König wandte sich zu ihm um. Einen Moment lang schien es, als wolle er ihm widersprechen, dann sank sein Blick. „Vielleicht. Aber ohne sie hätten wir kein Reich mehr, das zu verteidigen wäre.“Ein Schweigen folgte, in dem nur das Knistern des Kaminfeuers zu hören war. Schließlich sprach Osric:„Ich werde einen letzten Versuch wagen. Es gibt da noch einen Prinzen, Edwyn von Rhiannon – ein jüngerer Sohn, ehrgeizig, doch ohne Thron. Man sagt, er sei gebildet, geschickt, nicht ohne Charme. Wenn er Verstand hat, erkennt er, was ihm diese Verbindung bringt.“Einer der Räte neigte sich vor. „Rhiannon, Majestät? Ihr Reich ist stark, und Edwyns Familie einflussreich. Es wäre ein gutes Bündnis.“„Dann soll der Bote noch vor Mittag aufbrechen,“ befahl Osric. „Er soll ihm die Hand meiner Tochter bieten – mit Land, mit Sicherheit, mit Frieden.“Anselm sah auf. „Und wenn er nicht will?“Osric blickte ihn an, müde, aber fest. „Dann ist es nicht Gottes Wille, dass meine Tochter vermählt wird. Aber ich werde wenigstens sagen können, ich habe alles getan.“Er wandte sich ab, und die Männer verneigten sich, einer nach dem anderen. Nur Anselm blieb, den Blick auf den Boden gerichtet.Im oberen Turmzimmer saß Alinor am Fenster. Die Sonne stand tief, das Licht fiel golden über den grauen Stein. Sie hatte das Gespräch ihres Vaters nicht gehört, aber die Botschaft war zu ihr gedrungen wie kalter Wind: ein neuer Prinz, ein neues Spiel.Draußen im Hof sammelten sich die Reiter, der Bote führte sein Pferd, während ein Diener ihm das Siegel des Königs überreichte. Sie sah das rote Wachs glänzen, das Band aus grünem Samt – das Zeichen Ainsleighs.Anselm trat leise ein. „Er reitet nach Rhiannon,“ sagte er.Sie nickte. „Ich weiß.“„Vater glaubt, dieser Prinz sei anders.“„Anders,“ wiederholte sie tonlos. „Anders als was? Anders enttäuschend? Anders gleichgültig?“„Vielleicht wenigstens ehrlich.“Alinor schwieg. Der Wind spielte mit den Spitzen ihres Schleiers, und für einen Augenblick sah sie den Reiter unten im Hof. Er stieg auf, gab das Zeichen. Die Hufe hallten über die Brücke, und das Tor schloss sich hinter ihm mit dumpfem Klang.Ein letzter, schmaler Streifen Sonne glitt über den Hügel, und dann verschwand er in der Ferne – nur das flatternde Banner Rhiannons auf seiner Satteltasche blieb, bis es klein wurde im Dunst.Alinor legte die Stirn an das kalte Glas.„Vielleicht ist dies mein Schicksal,“ flüsterte sie. „Immer zu warten auf jemanden, der niemals bleiben wird.“Anselm trat neben sie, wollte etwas sagen, doch sie hob die Hand. „Sag nichts. Es ist leichter, wenn man nicht hofft.“Er sah sie an, lange, und erkannte, dass sie recht hatte.Draußen verschluckte der Nebel den Reiter, bis nichts mehr von ihm zu sehen war. Nur das Echo der Hufe blieb, wie ein Herzschlag, der langsam verklang.
Kapitel 4Das Schloss von Rhiannon thronte über einem Fluss, der im Abendlicht wie geschmolzenes Erz glitzerte. Unter den Zinnen dröhnten Hämmer und Stimmen, Soldaten übten im Hof, und Falken kreisten über den Dächern. Es war ein Ort des Stolzes – und der Unrast.Im oberen Saal, zwischen schweren Tapisserien, saß Prinz Edwyn von Rhiannon in einem hohen Lehnstuhl und drehte das Siegel eines Briefes zwischen den Fingern. Das rote Wachs trug den Abdruck eines Lerchvogels – das Wappen des Hauses Ainsleigh.Er las die Worte des Königs noch einmal, langsam, mit einem kaum sichtbaren Lächeln:„…biete Euch die Hand meiner Tochter, Prinzessin Alinor von Ainsleigh, mit Land und Frieden als Mitgift. Das Bündnis würde unsere Reiche für kommende Zeiten einen.“„Eine Tochter,“ sagte Edwyn leise. „Und eine Mitgift aus Frieden. Wie rührend.“Er ließ das Pergament sinken und sah zum Fenster hinaus, wo die Sonne im Westen unterging.„Ainsleigh,“ murmelte er. „Das mächtigste Reich auf dieser Insel, und sie schicken mir eine Frau, die keiner will. Der alte Osric muss verzweifelt sein.“Hinter ihm bewegte sich jemand. Sir Gareth von Dunwyth stand im Schatten der Tür, den Helm unter dem Arm, den Mantel staubig von der Reise. Er war ein Mann mit ernsten Augen, breit gebaut, die Haltung eines Kriegers, der Befehlen gehorcht – und sie doch hinterfragt.„Ihr habt gerufen, Hoheit,“ sagte er.„Ja.“ Edwyn wandte sich um. „Ihr seid rechtzeitig. Ich brauche Euch.“„Was befiehlt Ihr?“Edwyn ging zum Tisch, goss sich Wein ein. „Ein Angebot ist eingetroffen. König Osric von Ainsleigh will Frieden durch Heirat. Seine Tochter soll meine Gemahlin werden.“Gareth nickte nur, abwartend.„Man sagt,“ fuhr Edwyn fort, „sie sei klug. Aber klug ist das Wort, das man wählt, wenn man hässlich nicht aussprechen will.“Gareth zog die Brauen zusammen. „Ihr habt sie nie gesehen.“„Ich habe genug gehört,“ erwiderte Edwyn trocken. „Und ich weiß, was mir nützt. Eine Frau ohne Schönheit, ohne Krone, ohne Macht – was soll ich mit ihr?“Er nahm einen Schluck Wein, stellte den Becher ab. „Und doch – ablehnen kann ich sie nicht. Osric ist stolz. Eine offene Zurückweisung könnte Krieg bedeuten. Ich brauche eine Lösung, die… stiller ist.“Er trat näher, seine Stimme wurde leiser, gefährlich leise. „Ihr werdet an meiner Stelle gehen, Gareth.“Gareth hob den Kopf. „Ich?“„Ja. Ihr reitet nach Ainsleigh, gebt Euch als mich aus, heiratet die Prinzessin und lebt dort mit ihr. Das Reich bleibt befriedet, Osric wird glauben, sein Bündnis sei geschlossen – und ich bin frei von dieser Last.“Ein Moment des Schweigens. Nur das Knistern des Feuers.„Ihr wollt,“ sagte Gareth langsam, „dass ich Euer Gesicht trage – in einer Ehe?“„Für eine Zeit, ja.“„Eine Zeit?“ Er trat vor, die Hände zu Fäusten geballt. „Eine Ehe ist kein Mantel, den man ablegt, wenn er unbequem wird, Hoheit. Ihr verlangt, dass ich eine Frau täusche, einen König belüge, und vor Gott selbst ein Gelübde breche.“Edwyns Blick verengte sich. „Ihr habt mir Euer Leben zu verdanken, Gareth. Vergesst das nicht.“Die Worte trafen wie ein Schlag. Gareth antwortete nicht sofort. Er erinnerte sich an den Morgen vor drei Jahren, an den Pfeil, der ihm fast das Herz durchbohrt hätte – und an Edwyn, der ihn damals vom Schlachtfeld getragen hatte.„Ich habe Euch meine Treue geschworen,“ sagte er leise. „Aber nicht meine Ehre.“„Ehre,“ wiederholte Edwyn spöttisch. „Was hat Ehre euch Rittern je eingebracht? Blut, Narben, ein Grab ohne Namen. Ich biete euch Land, Sicherheit, ein Leben in Wohlstand – wenn Ihr gehorcht.“„Und wenn ich mich weigere?“Edwyn trat dicht an ihn heran. „Dann erinnere ich mich vielleicht an gewisse Ereignisse aus der Schlacht bei Drunmore. An gewisse… Befehle, die Ihr gegeben habt, als Ihr noch nicht befugt wart, sie zu geben. Ich könnte sie erwähnen. Laut.“Gareth atmete tief durch. „Ihr würdet mich verraten?“„Ich nenne es, die Wahrheit ans Licht bringen.“ Edwyn lächelte dünn. „Ihr habt keine Wahl, mein Freund. Fahrt nach Ainsleigh, nehmt meine Farben, meine Siegel, meine Worte. Heiratet sie. Haltet sie mir vom Leib – und vom Thron.“Er wandte sich ab, als sei die Sache entschieden.Gareth blieb noch einen Moment stehen, unbewegt. In ihm rangen Pflicht und Scham miteinander. Dann sagte er tonlos:„Ich werde gehorchen.“„Gut,“ erwiderte Edwyn. „Ihr brecht im Morgengrauen auf. Und noch eins – behandelt sie mit Respekt. Ich will keinen Krieg mit Ainsleigh. Nur… Abstand.“Gareth verneigte sich, verließ den Saal.Draußen war die Luft kühl und roch nach Regen. Am Himmel hing ein fahler Mond über den Zinnen. Er blieb einen Augenblick stehen, legte die Hand auf den Knauf seines Schwertes, als suche er dort Halt.„Eine Lüge,“ murmelte er. „Eine Lüge, die ich im Namen der Ehre begehe.“Dann wandte er sich dem Stall zu, wo die Pferde schon bereitstanden. Der Wind griff in seinen Mantel, und in seinem Inneren begann ein stilles Gewicht zu wachsen – das Wissen, dass der Weg, den er morgen antreten würde, kein Weg zurück sein würde.
Kapitel 5Der Wind hatte sich gedreht. Er kam nun vom Meer her, salzig und kühl, und trug den Geruch von Sturm in die Täler von Ainsleigh. Über den Türmen flatterten neue Banner — glänzend gewaschen, von Dienern gespannt und ausgerichtet, als könnten sie allein durch ihren Anblick das Glück herbeizwingen, das so lange ausgeblieben war.Im großen Saal arbeiteten Frauen und Knappen nebeneinander. Silber wurde poliert, Teppiche ausgeschüttelt, neue Fackeln angezündet. Überall hörte man Stimmen, das Klirren von Geschirr, die hastigen Befehle der Haushofmeisterin.Nur Prinzessin Alinor saß still auf der steinernen Bank am Rand des Hofes und sah dem Treiben zu.„Der Prinz hat zugesagt,“ hatte ihr Vater am Morgen gesagt, als sie gemeinsam das Brot brachen. „Er hat den Boten freundlich empfangen, und sein Antwortschreiben zeugt von Ehre. In drei Wochen wird er hier sein.“Er hatte gelächelt, ein seltenes, fast erleichtertes Lächeln. Doch Alinor hatte den Glanz in seinen Augen nicht erwidert.Nun saß sie allein und sah den Dienern zu, die goldene Schalen trugen, während das Sonnenlicht über den Burghof glitt.„Zugesagt,“ flüsterte sie. Das Wort schmeckte hohl.Sie wusste, was das bedeutete. Alle sagten zu. Erst höflich, dann zögerlich, dann gar nicht mehr. Jeder versprach, jeder lächelte, jeder ging.Vielleicht würde auch dieser Prinz höflich sein. Vielleicht würde er sogar länger bleiben, weil sein Stolz es ihm befahl. Aber irgendwann, da war sie sicher, würde auch er eine Ausrede finden: ein plötzliches Fieber, ein Ruf des Vaters, ein Krieg irgendwo in den fernen Hügeln.Alinor zog das Tuch enger um die Schultern und blickte zu den Wolken. „Höflichkeit ist nur eine weichere Form der Lüge,“ sagte sie leise.Hinter ihr öffnete sich die Tür. Anselm trat hinaus, das Gesicht von Büchern und Sorgen gezeichnet.„Du solltest im Saal helfen,“ sagte er. „Vater will, dass alles vollkommen ist, wenn der Prinz kommt.“„Es war immer vollkommen,“ entgegnete sie. „Nur nie genug.“Er trat näher, setzte sich neben sie. „Ich verstehe dich. Aber vielleicht… diesmal ist es anders.“„Anders,“ wiederholte sie. „Alle sagen das. Bis sie mich sehen.“Ein Windstoß trieb eine Fahne über den Hof, und die goldene Stickerei glänzte kurz im Licht.„Was weißt du über ihn?“ fragte sie nach einer Weile.„Nicht viel. Er ist der dritte Sohn eines mächtigen Hauses. Ein Krieger, heißt es, klug, geachtet.“„Ein Krieger also.“ Sie lächelte schwach. „Dann wird er an mir wenig Gefallen finden. Ich bin kein Turnierpreis, Anselm.“„Vielleicht sucht er keinen Preis.“Sie sah ihn an, ernst und traurig zugleich. „Männer wie er suchen immer Preise. Und wenn sie keinen finden, suchen sie weiter.“Ein Moment des Schweigens folgte. Nur das Schlagen eines Hammers irgendwo in der Ferne war zu hören.„Vater glaubt, dies sei ein Zeichen des Himmels,“ sagte Anselm schließlich. „Er schläft wieder, seit die Antwort kam.“„Dann soll er schlafen,“ antwortete sie leise. „Wenn ich schon nicht glücklich sein kann, will ich wenigstens, dass er es ist.“Sie stand auf, wandte sich zum Turm. „Ich werde mich umziehen. Wenn der Prinz kommt, soll er sehen, dass Ainsleigh wenigstens noch seinen Stolz besitzt.“Als sie die Treppe hinaufstieg, blieb Anselm im Hof zurück. Er sah ihr nach, bis sie hinter den Mauern verschwand. Dann blickte er zum Horizont, wo die Sonne wie ein blasser Schild im Dunst hing.Dort draußen, irgendwo jenseits der Hügel, ritt ein Mann, der sich Edwyn von Rhiannon nannte — und trug in Wahrheit einen anderen Namen.
Kapitel 6Der Morgen graute bleiern über den Hügeln von Rhiannon. Nebel hing zwischen den Bäumen wie träge Wellen, und das Hufschlagen seiner Pferde verlor sich im feuchten Moos. Sir Gareth von Dunwyth ritt allein, den Mantel tief ins Gesicht gezogen, während das Banner des Hauses Rhiannon schlaff an seiner Seite herabhing.Seit drei Tagen war er unterwegs. Drei Tage, in denen er kaum geschlafen hatte. Jede Nacht hatte er gehofft, ein Unglück möge ihn aufhalten – ein Sturm, ein umgestürzter Baum, ein gebrochener Steg. Doch der Himmel blieb gleichgültig.Die Straße nach Ainsleigh führte durch altes Land, Wälder, die noch die Runen der Druiden bargen, und Dörfer, deren Menschen bei seinem Anblick den Blick senkten, als ahnten sie, dass kein gutes Omen im Wind lag.Er hatte Zeit, nachzudenken – zu viel Zeit.Eine Ehe ist kein Mantel, den man ablegt, wenn er unbequem wird.Diese Worte, die er Edwyn entgegnet hatte, hallten in ihm nach wie das ferne Schlagen eines Hammers.Er wusste, dass der Prinz leichtfertig war, doch diesmal war es mehr als Leichtsinn. Dies war ein Betrug, der viele treffen würde: den König Osric, das Haus Ainsleigh – und vor allem eine Frau, die ihm noch nie begegnet war.Eine junge Frau, unschuldig in dieser Sache, und er sollte ihr das größte aller Gelübde mit einer Lüge geben.Er presste die Lippen zusammen. Der Regen begann leicht zu fallen, tanzte auf dem Leder seiner Handschuhe.„Edwyn hat das nicht zu Ende gedacht,“ murmelte er in den Wind.Was, wenn Jahre später die Wahrheit ans Licht käme? Wenn man in den Hallen von Rhiannon noch immer von einem Prinzen Edwyn spräche, der fröhlich Feste gab, während in Ainsleigh seine Gemahlin an seiner Seite lebte?Was, wenn eines Tages ein Bote kam, mit Nachrichten von Edwyns Hochzeit mit einer anderen Frau?Dann würde alles zerbrechen: das Bündnis, der Friede, vielleicht das Leben derer, die an seine Lüge geglaubt hatten.Er zügelte das Pferd. Es schnaubte unruhig, stampfte auf.„Ich täusche einen König,“ sagte er leise. „Eine Tochter, die mir nie etwas getan hat. Und einen Gott, den ich ehren wollte.“Er dachte an seine Mutter, die vor Jahren gestorben war, eine fromme Frau, die ihn gelehrt hatte, dass ein Schwur nur so viel wert war wie das Herz, das ihn sprach.Was hätte sie gesagt, wenn sie ihn jetzt gesehen hätte – einen Mann auf einem königlichen Ross, mit einem fremden Namen auf den Lippen und einer Lüge im Herzen?Er lenkte das Pferd weiter, hinab ins Tal. Der Regen war dichter geworden, der Wind biss in sein Gesicht.In der Ferne konnte er schon die Türme von Ainsleigh sehen, grau gegen den Horizont, von Nebel umwoben. Sie wirkten wie ein Traum aus Stein – unwirklich und unerreichbar.Sein Magen verkrampfte sich.Wie sollte er diese Frau ansehen, wenn sie ihn willkommen hieß – in der Überzeugung, dass er der Prinz sei, auf den sie gewartet hatte? Wie sollte er ihr Lächeln erwidern, wenn sie hoffte, er könnte bleiben?„Ich sollte umkehren,“ dachte er. „Ich sollte zurückreiten, Edwyn die Wahrheit sagen und den Zorn ertragen.“Doch er wusste, dass er es nicht tun würde.Zu viele Schulden banden ihn an den Prinzen. Schulden aus Blut und Treue. Und irgendwo tief in ihm regte sich der bittere Gedanke, dass vielleicht dies seine Strafe war – ein ehrloser Auftrag für einen Mann, der zu lange auf Ehre gebaut hatte.Am späten Abend erreichte er das Grenzgebiet von Ainsleigh. Ein Regenbogen spannte sich flüchtig über den grauen Himmel, brach dann in Tropfen auseinander.Gareth hielt an, blickte hinüber in das Land, das bald seines sein sollte – auf dem Papier, durch Lüge.Er stieg ab, kniete nieder, legte die Hand auf den feuchten Boden. „Ich schwöre,“ flüsterte er, „dass ich niemandem Schaden zufügen will. Möge Gott wissen, dass mein Herz wahr ist, wenn schon mein Name es nicht ist.“Dann stand er wieder auf, schwang sich in den Sattel und ritt weiter.Hinter ihm verlor sich der Weg im Nebel.Vor ihm wuchs das Schloss von Ainsleigh, still und wartend – wie eine Wahrheit, die noch nicht wusste, dass sie belogen werden sollte.
Kapitel 7Die Sonne war längst hinter den Hügeln versunken, als Sir Gareth von Dunwyth das Lager erreichte.Ein halbes Dutzend Männer saßen dort um ein Feuer, das träge vor sich hin brannte. Die Pferde standen angebunden zwischen Bäumen, der Rauch zog in dünnen Streifen in den dunkler werdenden Himmel.Er erkannte die Wappen an ihren Mänteln – der silberne Greif auf rotem Grund. Edwyns Farben.Sie waren das Gefolge, das der Prinz ihm mitgegeben hatte, um die Täuschung vollkommen zu machen.Als Gareth in den Schein des Feuers trat, erhoben sie sich. Der Älteste, ein Mann mit grauem Bart und scharfen Augen, verneigte sich.„Euer Hoheit,“ sagte er. „Wir haben das Lager vorbereitet. Das Schloss von Ainsleigh liegt eine Stunde westlich. Wir brechen bei Sonnenaufgang auf.“Gareth nickte knapp. Das Wort Hoheit traf ihn wie ein Schlag, so sanft es gesprochen war.„Nennt mich Gareth,“ sagte er.Die Männer tauschten einen Blick, verunsichert. „Wie Ihr wünscht, M—“ Der Alte brach ab, verbeugte sich tiefer. „Wie Ihr wünscht, Herr.“Sie setzten sich wieder, begannen das Fleisch über dem Feuer zu wenden, Brot zu teilen, Wein zu gießen. Gareth nahm keinen Becher.Er löste das Schwert von seiner Hüfte, legte es neben sich und ließ sich nieder. Das Holz knackte, Funken stoben in die Nacht.Keiner sprach ihn an. Vielleicht ahnten sie, dass dies kein gewöhnlicher Auftrag war.Er sah in die Flammen. In ihrem Tanz schien er Gesichter zu erkennen – Edwyns, mit diesem schönen, selbstgefälligen Lächeln; dann ein anderes, unbekanntes, das einer Frau gehören mochte, die er morgen zum ersten Mal sehen würde.Wie sieht sie wohl aus? fragte er sich. Und spielt es eine Rolle?Er hatte nie viel auf Schönheit gegeben. In den Lagern des Krieges hatte er gelernt, dass Güte mehr Licht schenkt als jedes Gesicht. Aber morgen würde er in die Augen einer Frau blicken, die ihn für einen anderen hielt – und das würde alles verändern.Er nahm einen kleinen Lederbeutel aus seiner Tasche, darin das Siegel, das Edwyn ihm übergeben hatte. Der Abdruck des Greifs glänzte schwach im Feuerschein.Ein Stück Wachs, ein Name, eine Lüge.„Ihr seid still, Herr,“ sagte der graubärtige Mann schließlich.„Weil ich zu viel denke.“„Das tut einem Ritter selten gut.“„Nein,“ sagte Gareth, „und einem Lügner noch weniger.“Der Alte sah ihn an, aber fragte nicht weiter.Die Nacht schritt voran. Einer nach dem anderen legten sich die Männer auf ihre Decken. Nur Gareth blieb wach. Der Himmel war klar geworden, übersät mit Sternen, die in der Kälte funkelten wie Splitter aus Glas.Er sah hinauf, lange, ohne zu blinzeln.„Wenn es morgen endet,“ dachte er, „dann wenigstens mit offenen Augen.“Vielleicht würde der König den Betrug erkennen, vielleicht die Prinzessin selbst – vielleicht würde er im Burghof fallen, ehe er ein Wort gesprochen hatte.Vielleicht würde man ihn hängen.Und doch, seltsam, fürchtete er das kaum. Nicht den Tod, sondern das Leben danach, falls die Lüge Bestand hätte.Wie sollte er an ihrer Seite leben, Tag für Tag, wissend, dass jeder Atemzug auf Betrug gründete?Er lehnte sich zurück, bis sein Blick nur noch Himmel sah.
