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Rom. Macht. Pflicht. Und eine Liebe, die nicht sein darf. Lucius Aemilius hat alles, was ein Mann seines Standes besitzen kann: Einfluss, Ansehen und eine arrangierte Ehe, die seine Stellung festigen soll. Als seine zukünftige Frau Livia in sein Haus kommt, scheint sein Weg bereits vorgezeichnet. Doch mit ihr reist auch Cassian – ein schweigsamer Gladiator im Dienst ihres Vaters. Zwischen Lucius und Cassian entsteht etwas, das keiner von beiden geplant hat und das keiner aussprechen darf. Ein Blick zu lange, ein Gespräch zu ehrlich, eine Nähe, die gefährlich wird in einer Welt, in der Pflicht mehr zählt als Wahrheit. Während die Hochzeit näher rückt, wächst zwischen ihnen eine Verbindung, die stärker ist als Vernunft – und die alles zerstören könnte, was sie zu schützen versuchen. Doch manchmal beginnt Freiheit genau dort, wo man aufhört, vor sich selbst davonzulaufen. Eine ruhige, intensive Geschichte über Entscheidungen, Loyalität und die Frage, was es wirklich bedeutet, frei zu sein.
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Seitenzahl: 215
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kapitel 1Der Staub der Arena klebte noch an seiner Haut wie eine zweite, fremde Schicht.Cassian zog das stumpfe Klingenstück aus dem Gürtel, legte es neben den steinernen Trog und beugte sich hinunter. Das Wasser war lauwarm und roch nach Eisen. Er tauchte beide Hände hinein, wusch das Blut von den Handflächen, das nicht sein eigenes war, und beobachtete, wie sich das Rot in der trüben Flüssigkeit verlor.Er hatte gewonnen. Wieder einmal.Und doch fühlte es sich nicht an wie Sieg.Von draußen drang das gedämpfte Tosen der Menge herüber – ein fernes Rauschen, das allmählich verklang, wie eine Welle, die sich an der Küste bricht. Bald würde das Tor schließen, die Sonne über dem Amphitheater versinken, und der Sand, getränkt von Schweiß und Blut, würde bis zum Morgen trocknen.Cassian atmete tief ein.Der Geruch von Öl, Rauch und Metall hing in der Luft, vertraut wie der Klang seiner eigenen Schritte. Sein Körper schmerzte nicht. Er kannte Schmerz so gut, dass er ihn nur noch bemerkte, wenn er fehlte.Er griff nach einem Tuch, wischte über Schultern und Brust.Unter der Schicht aus Staub und getrocknetem Blut kam helle, vernarbte Haut zum Vorschein – eine Landkarte vergangener Kämpfe. Eine dünne, blasse Narbe zog sich über die linke Wange hinab bis zum Hals, blassrosa wie ein verblasster Blitz. Manche sagten, sie stünde ihm gut. Andere mieden seinen Blick.Er sah kurz in das Wasser, das sein Spiegel war. Ein Mann blickte zurück, dessen Augen so hell waren, dass sie in der Dämmerung beinahe silbern wirkten. Fremd, dachte Cassian. Immer wieder fremd.Er kannte das Gesicht, aber es gehörte ihm nicht mehr. Es gehörte der Arena, den Schreien, dem Jubel, den Befehlen.„Cassian!“Die Stimme kam vom Torbogen her. Ein junger Sklave, kaum sechzehn, atemlos, mit rußverschmierten Händen. „Der Lanista will dich sehen. Jetzt gleich.“Cassian nickte nur. Er zog sich den groben Mantel über, der nach Leder und Staub roch, und trat hinaus in den Gang, wo die Fackeln rußige Schatten an die Wände warfen.Der Lanista, ein kleiner, rundlicher Mann mit der Stimme eines Bellhundes, erwartete ihn in der Schreibstube. Doch diesmal grinste er nicht.„Cassian“, sagte er, und seine Finger trommelten nervös auf das Wachstäbchen. „Du wirst verkauft.“Cassian blinzelte. „Verkauft?“„An einen Senator“, sagte der Mann. „Marcus Aemilius Scaurus. Du wirst nicht mehr kämpfen. Er will dich… als Leibwächter. Für seine Tochter.“Einen Augenblick lang hörte Cassian nichts als das eigene Blut in den Ohren.Leibwächter. Ein neues Wort. Nicht Kämpfer. Nicht Gladiator. Nicht Tier.„Warum ich?“ fragte er ruhig.Der Lanista zuckte mit den Schultern. „Vielleicht, weil du noch lebst. Und weil du nie redest, wenn man dich nicht fragt. Das mögen die feinen Leute.“Ein flüchtiges Lächeln huschte über Cassians Gesicht – kaum sichtbar, aber echt.Er dachte an die Villa, von der der Mann sprach, an die Säulen, an die Blicke derer, die ihn dort sehen würden. Er sah keinen Sieg darin, aber vielleicht – für den Bruchteil eines Gedankens – etwas anderes.Ruhe.Als er sich später in der Dämmerung zum Schlafen legte, hörte er noch einmal das Rufen der Menge, fern, fast wie Wind in den Bäumen.Er wusste nicht, was ihn erwartete.Nur, dass er nicht länger dort bleiben würde, wo der Sand den Geruch von Blut trug.Und vielleicht war das schon mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.Die Nacht lag schwer über Capua.In den Baracken der Gladiatorenschule war es still geworden, nur das leise Rascheln von Ratten und das ferne Klirren einer Kette waren zu hören. Cassian lag auf der schmalen Pritsche, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, und starrte auf die dunklen Balken über ihm.Schlaf kam keiner. Sein Körper war erschöpft, doch sein Geist blieb wach – wie immer, wenn etwas enden sollte.Er hörte das Atmen der anderen Männer um sich, unregelmäßig, manchmal unterbrochen von einem kurzen Laut, einem Traum, einer Erinnerung. Jeder hier hatte seine eigene Geschichte – und die meisten endeten gleich. Auf dem Sand.Cassian wusste, dass er Glück hatte. Oder was man in dieser Welt dafür hielt.Ein Senator also. Eine Tochter, die beschützt werden musste. Er schnaubte leise in die Dunkelheit. „Eine Tochter.“Das Wort schmeckte fremd.Er hatte viele Gesichter gesehen – schreiende Männer, jubelnde Frauen, Masken des Schreckens und der Lust. Doch eine Senatorentochter war etwas anderes. Ein Wesen aus einer Welt, die mit seiner nichts zu tun hatte.Er sah sie vor sich, ohne sie zu kennen: bleich, stolz, geschmückt mit Gold, von Dienern umgeben, gelangweilt vom Leben. Und nun sollte er sie bewachen – wie ein Hund mit Kette, nur dass die Kette diesmal höflich aus Gold war.Er drehte sich auf die Seite. Der Gedanke, nie wieder in der Arena zu stehen, war wie ein warmer Windstoß in der Kälte. Kein Staub mehr in den Zähnen, kein Blut in der Kehle, kein Gebrüll, das einem die Stille raubte.Aber auch keine Gewissheit mehr, wer er war.Er war gut im Kämpfen. Er hatte überlebt, weil er nichts anderes konnte.Und morgen – morgen sollte er leben. Was immer das hieß.Cassian schloss die Augen. Die Müdigkeit kam langsam, zog wie eine Welle über ihn, träge und grau.Bevor er einschlief, dachte er, halb spöttisch, halb ernst:Vielleicht war es gar kein neues Leben, das ihn erwartete.Vielleicht nur ein anderer Käfig.Aber wenigstens einer ohne Sand.
Kapitel 2Der Morgen kam früh, wie ein kalter Schlag.Noch ehe die Sonne über die Mauern der Gladiatorenschule stieg, hatte Cassian bereits seinen Sack geschultert – nicht mehr als ein Stück Brot, ein Messer, ein Mantel.Der Lanista gab ihm keine Worte des Abschieds. Nur ein Nicken, das man auch einem Pferd schenkte, das man gut verkauft hatte.Am Tor wartete ein Wagen. Kein Prunk, aber auch kein Lastkarren; zwei Maultiere, ein junger Fahrer, der mit halber Neugier, halber Angst zu ihm aufsah.„Nach Rom“, sagte der Junge knapp.Cassian nickte. Er stieg auf, der Wagen ruckte an, der Boden unter den Rädern war trocken und hart. Als die Arena hinter ihm kleiner wurde, spürte er, wie sich etwas in ihm löste – nicht wie Freude, eher wie ein Muskel, der zu lange angespannt war.Der Weg führte durch staubige Hügel, Olivenhaine, Dörfer, in denen Kinder den Wagen neugierig musterten. Manchmal blieben ihre Blicke an ihm hängen – an dem groben Mantel, den breiten Schultern, dem leisen Schweigen.Man erkannte einen Gladiator, selbst wenn er keine Rüstung trug.Die Sonne stand hoch, als sie an einer Quelle Rast machten.Cassian wusch sich den Staub vom Gesicht und sah, wie das Wasser zwischen seinen Fingern glitt – hell, klar, ohne den metallischen Geruch, den er kannte.Er dachte an die Arena, an die stickige Luft, an den Sand, der nach Blut schmeckte. Und für einen Moment fühlte er eine Art Leichtigkeit.Freiheit, dachte er. Oder wenigstens der Schatten davon.Der Junge, der den Wagen führte, musterte ihn schüchtern. „Du bist… ein Kämpfer?“„War ich“, antwortete Cassian.„Hast du viele getötet?“Cassian sah ihn an. „Genug, um jetzt etwas anderes zu versuchen.“Der Junge schwieg eine Weile, dann grinste er – jugendlich, sorglos. „Vielleicht hast du Glück. Rom ist groß. Da verlieren sich selbst die Götter.“Cassian lachte leise. Ein seltener Laut, rau und warm. „Dann werden sie mich dort vielleicht vergessen.“Als die Sonne sank, leuchteten die Hügel golden. Das Land wurde fruchtbarer, reicher. Immer öfter begegneten ihnen Reisende in feinen Tuniken, Reiter mit Dienern, Sklaven, die Körbe trugen.Rom war nicht mehr weit.In der Ferne lag ein Dunst über der Stadt, hell im Abendlicht, wie ein Meer aus Stein und Rauch.Cassian stützte die Unterarme auf die Knie, als der Wagen in eine Senke rollte, und betrachtete die Silhouette der Hauptstadt – die Tempel, die Aquädukte, die Kuppeln.Er fühlte nichts. Kein Staunen, kein Stolz. Nur den vorsichtigen Gedanken, dass dies der Ort war, an dem sich sein Leben ändern sollte.Vielleicht zum Besseren.Vielleicht nur anders.Als die Nacht hereinbrach, schlief der Junge auf dem Kutschbock ein. Cassian blieb wach und sah in den Himmel. Kein Jubel, kein Lärm – nur Grillen und das ferne Rufen eines Nachtvogels.Er dachte an das Mädchen, das er bewachen sollte. Ein Name, der ihm nichts sagte.Livia.Er sprach ihn leise aus, als wolle er prüfen, wie er sich anfühlte.Der Klang war weich, beinahe freundlich. Er hoffte, dass sie es nicht sein würde.Eine, die redete, wenn Schweigen besser wäre.Eine, die ihn ansah, als wäre er etwas, das man betrachten konnte.Dann schloss er die Augen und ließ den Wagen weiterrollen, hinein in die Nacht, die nach Salz und fernen Lichtern roch.
Kapitel 3Die Villa des Senators lag am Rand des Palatin, dort, wo die Luft noch nach Pinien roch und die Dächer der Stadt wie Bronze im Licht glänzten.Cassian war früh am Morgen angekommen, begleitet von einem stummen Diener, der ihn durch Innenhöfe und schmale Gänge führte.Überall glitzerten Wasserbecken, Marmor, Bronze, farbige Mosaike, die mythologische Szenen zeigten — Götter, die lachten, Krieger, die kämpften.Cassian dachte, dass diese Männer hier schönere Helme trugen als jene, die er in der Arena gesehen hatte.Und dass ihre Wunden aus Gold waren.Er blieb im Atrium stehen. Sein Mantel, staubig von der Reise, passte nicht in dieses Licht.Er fühlte den Blick der Diener, der Wachen, sogar der Statuen, die ihn zu mustern schienen.Dann erschien der Senator.Marcus Aemilius Scaurus war ein Mann, der mit jedem Schritt Besitz beanspruchte.Er trug eine schlichte, aber makellose Toga, und seine Stimme war ruhig auf jene Art, die keine Antwort zuließ.„Du bist Cassian.“Cassian neigte leicht den Kopf. „Ja, Herr.“„Ich habe dich nicht gekauft, um dich wieder in der Arena zu verlieren“, sagte Scaurus. „Du wirst ab heute meiner Tochter dienen. Sie ist jung, unbedarft und wertvoll. Du wirst ihr Leibwächter sein — und nichts anderes.“Ein kurzer, prüfender Blick. Dann trat der Senator näher, so dass Cassian seinen Atem spürte.„Ich will mich deutlich ausdrücken. Du redest nicht mit ihr, wenn sie dich nicht anspricht. Du blickst sie nicht an, wenn du es vermeiden kannst. Und du wirst ihr nie allein begegnen. Verstanden?“Cassian nickte. „Verstanden.“„Gut.“Scaurus wandte sich ab, dann blieb er stehen.„Ich weiß, was Männer deiner Art sind. Du bist diszipliniert, das sieht man. Aber Disziplin ist eine dünne Decke über dem, was ihr wirklich seid. Ich rate dir: halte dich warm darunter.“Cassian antwortete nicht. Er hätte auch nichts sagen können, was den Mann zufriedengestellt hätte.Er stand still, wie er es in der Arena gelernt hatte — nicht als Trotz, sondern als Ruhe.Scaurus wandte sich einem Diener zu, murmelte etwas über Zeitpläne, Wagen, Begleiter.Cassian nutzte den Moment, um den Raum unauffällig zu mustern.Und da sah er sie.Hinter einer geöffneten Säulentür, halb verborgen von einem Vorhang, stand eine junge Frau. Sie lehnte leicht an der Wand, das Gesicht dem Licht zugewandt, sodass ihre Haut fast schimmerte.Ihr Haar war zu einer einfachen, goldenen Knotenfrisur gefasst, und doch wirkte sie nicht einfach — eher wie jemand, der weiß, dass er angesehen wird, selbst wenn er es nicht beabsichtigt.Sie dachte, er sehe sie nicht. Cassian sah sie sehr wohl, aber er ließ den Blick nicht zu lange ruhen.Ein Atemzug, ein Schatten von Bewegung — mehr nicht.Scaurus bemerkte nichts.„Du wirst deine Unterkunft im westlichen Trakt beziehen“, sagte er und wandte sich wieder ihm zu. „Dort sind auch die Wachräume. Meine Tochter verlässt das Haus selten, aber wenn, dann begleitest du sie. Halte dich bereit.“„Jawohl, Herr.“„Und noch eines.“Der Senator legte ihm eine Hand auf die Schulter, nicht freundlich, eher prüfend. „Vergiss, was du warst. Gladiatoren haben ihren Platz in der Arena, nicht im Haus eines Senators. Versteh das, Cassian — du bist jetzt Werkzeug, nicht Mann.“Cassian hielt seinen Blick auf die Säule hinter dem Senator gerichtet.„Ich verstehe, Herr.“Scaurus nickte zufrieden, drehte sich um und verschwand mit raschen Schritten in Richtung Peristyl.Cassian blieb zurück.Für einen Moment war der Raum still. Dann, kaum hörbar, ein Rascheln.Der Vorhang an der Tür bewegte sich.Cassian wandte sich langsam um. Doch als er hinsah, war der Platz leer. Nur das Licht fiel noch auf die Mosaiksteine, als hätte jemand eben noch dort gestanden.Er blieb stehen, schob die Hände hinter den Rücken und atmete tief durch. Er wusste, dass es klüger war, nicht nachzusehen.Aber er dachte, fast belustigt:So sah also eine Senatorentochter aus.Und er ahnte, dass sie nicht die leiseste Absicht hatte, sich an die Regeln ihres Vaters zu halten.
Kapitel 4Der Diener führte Cassian durch einen langen, kühlen Korridor. Das Licht fiel in schmalen Streifen durch offene Fenster, in denen dünne Vorhänge sich leicht bewegten. Überall duftete es nach Olivenöl, Seife und etwas Blumigem, das er nicht benennen konnte.„Hier“, sagte der Diener und öffnete eine Tür.Cassian trat ein – und blieb einen Augenblick stehen. Das Zimmer war einfach, aber groß. Die Wände glatt verputzt, ein kleiner Tisch, ein hölzerner Schrank, ein Bett, dessen Decke frisch duftete. Durch das Fenster fiel der Schein der Morgensonne auf den Boden, auf dem sich die Maserung des Marmors wie Wasserlinien abzeichnete.Er stellte seinen Mantel ab. Es war das erste Mal seit Jahren, dass er einen Raum betrat, der ihm nicht feindlich vorkam.„Man wird dir Kleidung bringen“, sagte der Diener, und sein Tonfall deutete an, dass das eher Pflicht als Freundlichkeit war. „Und etwas zu essen. Der Senator lässt ausrichten, du sollst dich heute Vormittag der jungen Herrin vorstellen. Sie erwartet dich im Gartenhaus.“Cassian nickte. „Danke.“Der Junge ging, die Tür schloss sich leise.Cassian blieb allein zurück.Er legte die Hände auf den Tisch, spürte das glatte Holz unter den Fingern.Kein Staub. Keine Risse. Kein Blut.Als man ihm die Kleidung brachte – einfache, hellgraue Tunika, sauber und weich – betrachtete er sie kurz, dann zog er sie an. Sie saß etwas zu weit, aber das war ihm lieber als zu eng.Im Spiegel aus poliertem Metall sah er kurz sein Gesicht, die Narbe, das unwillige Grau seiner Augen.Ein anderer Mann, dachte er. Oder einer, der noch keiner ist.Als man ihn schließlich in den Garten führte, lag die Sonne schon hoch über dem Hof.Zypressen warfen schmale Schatten, irgendwo plätscherte Wasser. Das Gartenhaus stand halb im Licht, halb im Grün.Eine Zofe wartete dort, eine kleine, rundliche Frau mit einem Gesicht, das von Erfahrung sprach.„Ihr Name ist Cassian, richtig?“„Ja.“„Die junge Herrin kommt gleich.“„Gleich“ stellte sich als ein dehnbarer Begriff heraus.Cassian blieb stehen, die Hände locker hinter dem Rücken.Er beobachtete den Garten, die Hecken, die Statuen. Es war still. Nur das Summen von Insekten, das entfernte Klirren von Geschirr irgendwo in der Küche.Minuten vergingen. Er spürte ihren Blick, bevor er sie sah.Eine dieser unauffälligen Bewegungen im Augenwinkel, ein Schatten, der länger blieb, als er sollte.Cassian ließ sich nichts anmerken.Er blieb einfach dort stehen, wie ein Mann, der auf Befehl wartet, aber innerlich ruhig ist.Hinter einem Rankengitter aus Weinblättern trat Livia hervor.Sie tat es, als wäre es Zufall, als wäre sie gerade zufällig auf dem Weg nach draußen gewesen.Doch an der Art, wie sie ihn ansah – zu lange, zu direkt –, erkannte er sofort: das war kein Zufall.„Du bist also der Leibwächter,“ sagte sie schließlich, als wäre sie unsicher, ob sie das Wort richtig aussprach.Cassian neigte leicht den Kopf. „So hat man mir gesagt.“Sie trat einen Schritt näher, die Sonne spielte in ihren Haaren.„Mein Vater meint, du seist gefährlich.“„Dann wird er seine Gründe haben,“ erwiderte er ruhig.Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, aber nur kurz.„Du redest wenig.“„Nur, wenn man mich fragt.“„Das war eine Frage.“Cassian hob leicht eine Augenbraue. „Dann habe ich wohl schon geantwortet.“Die Zofe hinter ihr schnaubte kaum hörbar, als müsste sie ein Lachen unterdrücken. Livia aber verschränkte die Arme, sah ihn prüfend an – nicht böse, eher interessiert, wie jemand, der ein Rätsel lösen will.„Du siehst nicht aus wie ein Leibwächter,“ sagte sie dann.„Wie sehe ich denn aus?“„Wie jemand, der lieber woanders wäre.“Cassian antwortete nicht.Er hielt ihren Blick, ruhig, unbewegt.Sie hatte erwartet, dass er wegsah. Er tat es nicht.Nach einem Moment wandte sie sich um.„Gut. Dann wirst du mich also begleiten, wenn ich das Haus verlasse. Heute nicht. Vielleicht morgen. Ich entscheide das.“„Wie Ihr wünscht, Herrin.“Sie blieb kurz stehen, der Rücken zu ihm, und warf über die Schulter einen letzten Blick.„Und noch etwas, Cassian.“„Ja?“„Ich mag es nicht, wenn man mich anstarrt.“Dann ging sie, und Cassian sah ihr nach – nicht wegen ihrer Worte, sondern weil sie das Gegenteil von dem tat, was sie gesagt hatte.
Kapitel 5Der Rest des Tages verging, ohne dass jemand nach ihm fragte.Kein Befehl, kein Ruf, kein Auftrag. Nur Sonne, Wind und das gedämpfte Summen des Gartens.Cassian stand im Schatten einer Zypresse und sah auf das Wasserbecken, das von Libellen überflogen wurde. Der Stein war warm unter seinen Händen.Niemand beachtete ihn – und das war ihm recht.Er hatte noch nie zuvor einen Ort gehabt, an dem er stehen durfte, ohne dass jemand etwas von ihm wollte. Kein Gegner, kein Trainer, kein Ruf aus der Menge. Nur dieser Garten, in dem es nach Zitrus und Erde roch, nach etwas, das nicht nach Blut schmeckte.Er beobachtete, wie das Licht sich über die Blätter bewegte, und dachte, dass Stille etwas war, das man verlernen konnte.Und dass er es vielleicht wieder lernen würde.Am Abend brachte man ihm Essen – Brot, Oliven, eine kleine Schale mit Wein. Einfach, aber gut. Er aß schweigend, dann legte er sich auf das Bett, das immer noch nach sauberem Leinen roch.Zum ersten Mal seit Jahren schlief er ohne das Geräusch von Rufen, Ketten oder Metall.Am nächsten Morgen kam die Zofe mit eiligen Schritten.„Die junge Herrin möchte den Markt besuchen,“ sagte sie mit einem Blick, der andeutete, dass sie das für keine gute Idee hielt.Cassian stand bereits, zog den Gürtel seiner Tunika fester. „Wann?“„Jetzt.“Livia wartete schon im Innenhof, elegant, aber mit dem Ausdruck einer, die einen Plan hatte.Sie trug ein helles Kleid, das den Staub der Straße zu fürchten schien, und einen Schleier, der ihr Gesicht nur halb verdeckte.„Cassian,“ sagte sie beiläufig, als wäre es Zufall, dass sie ihn ansah. „Heute wirst du sehen, wie man sich unter Menschen bewegt.“„Wie Ihr wünscht, Herrin.“„Und du darfst reden, wenn es nötig ist.“„Das wird es wohl nicht sein.“Sie lächelte kurz – und genau das war die Antwort, die sie provozieren wollte.Der Markt war laut, voll und riechend nach allem zugleich: Fisch, Brot, Olivenöl, Tierhaut, Rauch.Cassian ging einen Schritt hinter ihr, aufmerksam, aber unauffällig.Livia blieb häufig stehen, betrachtete Stoffe, Schmuck, Früchte. Manchmal wandte sie sich scheinbar beiläufig zu ihm um, als wolle sie prüfen, ob er noch da war.„Sag mir, Cassian,“ fragte sie, während sie eine Granatapfelhälfte begutachtete, „ist das nicht aufregender als dein… Kampfsand?“„Hier schreien die Leute auch,“ sagte er. „Nur aus anderen Gründen.“Sie lachte leise. „Du bist erstaunlich trocken.“„Ich bin nur ehrlich.“Sie hob die Augenbrauen. „Das ist nicht immer dasselbe.“Cassian erwiderte nichts. Er ließ sie weiterreden, weiter prüfen, weiter spielen. Sie schien die Aufmerksamkeit der Händler zu genießen – und das Gefühl, dass er sie sah, auch wenn er schwieg. Ein Windstoß wehte durch die Gasse. Ihr Schleier löste sich, flatterte davon und blieb an einer Kiste hängen.Sie wollte ihm nachlaufen, doch der Weg war uneben, übersät mit Spuren der Tiere und Schlamm vom letzten Regen.„Herrin—“Zu spät.Sie machte einen Schritt, sah nicht hin, und wäre mit dem nächsten Tritt mitten in eine tiefe, braune Pfütze gestürzt.Cassian war schneller. Ein Griff an ihrem Arm, fest, aber kontrolliert.Er zog sie zurück, nur einen halben Schritt, aber genug.Der Schleier flatterte davon.Ein paar Leute drehten sich um. Ein Händler grinste breit.Livia blickte auf die Stelle, an der ihr Fuß fast gestanden hätte, dann auf Cassians Hand, die noch immer ihren Arm hielt.„Ich hatte alles im Griff,“ sagte sie, etwas zu betont.„Natürlich,“ erwiderte er und ließ sie los.Ein Schatten von Verlegenheit huschte über ihr Gesicht, kaum sichtbar, aber echt.Dann hob sie das Kinn. „Nun, wenigstens taugst du als Leibwächter. Vielleicht behalte ich dich.“Cassian neigte leicht den Kopf. „Das ist großzügig von Euch.“Sie schritt weiter, ohne zu antworten.Doch er sah, dass sie ein Lächeln unterdrückte.Als sie zurückkehrten, stand die Sonne tief über den Dächern, und der Duft von gebackenem Brot hing in der Luft.Livia sprach kein Wort mehr auf dem Heimweg. Aber zweimal blickte sie über die Schulter, als wolle sie sich vergewissern, dass er noch da war.Er war da.Und er bemerkte, dass der Gedanke, weiter hinter ihr zu gehen, ihm nicht unangenehm war.
Kapitel 6Der Rückweg war still.Die Sonne hing tief über den Dächern, das Licht fiel golden durch das Gewirr aus Gassen und Torbögen.Cassian ging hinter Livia, wie es seine Aufgabe war. Ihr Schritt war eilig, ein wenig ungleichmäßig — vielleicht, weil sie sich über die Pfütze ärgerte, vielleicht, weil sie versuchte, so zu tun, als hätte sie sie nie bemerkt.Er sagte nichts. Aber er dachte viel.Sie war anders, als er erwartet hatte.Er hatte mit einer verwöhnten, launischen Tochter gerechnet, die mehr Schmuck besaß als Verstand. Stattdessen war sie lebendig, widersprüchlich, neugierig — und hatte den Mut, einem Gladiator direkt in die Augen zu sehen, ohne Furcht.Das mochte er.Oder besser gesagt: Er respektierte es.Und doch fragte er sich, weshalb man ihn geschickt hatte.Ein Mann wie er – trainiert, bewaffnet, gefährlich, wenn es sein musste – für eine Frau, deren größte Bedrohung bisher offenbar ein Stück Straße gewesen war.Er konnte sich keinen Feind vorstellen, der ihr nach dem Leben trachtete. Kein Grund, warum sie mehr Schutz brauchte als jede andere Tochter eines Senators.Vielleicht war es einfach der Stolz ihres Vaters. Oder Misstrauen.Oder, was wahrscheinlicher war: ein Versuch, Kontrolle zu wahren, selbst in seiner Abwesenheit.Cassian sah, wie Livia kurz den Kopf drehte, als wolle sie etwas sagen, sich dann aber anders besann.Er hielt den Abstand, den man von ihm erwartete.Er war nur der Schatten hinter ihr.Und doch spürte er, dass sie seine Anwesenheit bemerkte — so wie man Wärme bemerkt, ohne hinzusehen.Als sie die Villa erreichten, senkte sich die Dämmerung über den Hof.Livia verschwand wortlos in ihren Gemächern; Cassian zog sich in seine Kammer zurück, wo der Duft nach Zypressen und Abendluft hing.Er setzte sich ans Fenster, betrachtete den Himmel über Rom, der langsam von Gold zu Violett wechselte.Er war kein Mann, der sich Illusionen machte.Aber er fragte sich, ob dieses Haus – mit seinen stillen Gängen und leeren Stunden – vielleicht gefährlicher war als jede Arena.In Livias Gemächern war das Licht warm, die Luft duftete nach Myrte.Die Zofe, deren Name Octavia war, bürstete ihr Haar mit gleichmäßigem Rhythmus.„Du bist still heute,“ sagte sie schließlich.Livia blickte in den Spiegel. „Ich denke nur nach.“„Über den Markt?“„Über vieles.“Octavia lächelte leicht. „Über deinen neuen Wächter, meinst du.“Livia wandte den Blick ab. „Er ist… seltsam.“„Männer sind oft seltsam. Aber du meinst das nicht so.“„Er redet kaum. Er schaut nicht. Er… reagiert nicht. Als wäre alles gleichgültig.“„Das gefällt dir.“Livia drehte sich um. „Nein! Natürlich nicht.“„Mhm.“ Octavia stellte die Bürste beiseite und legte den Kopf schief. „Wenn du ihn ärgerst, redet er nicht. Wenn du ihn neckst, lächelt er nicht. Und gerade das macht dich neugierig. Ich kenne diesen Blick, Herrin.“„Ich bin nur interessiert. Vater sagt, er war Gladiator. Ich habe noch nie mit einem Gladiator gesprochen.“„Du sprichst nicht mit ihm. Du beobachtest ihn. Und das tust du mit einer Hingabe, die mich an eine Katze erinnert, die einen Vogel ansieht.“Livia schwieg. Sie wollte protestieren, aber Octavia hatte recht.Es war keine Schwärmerei – zumindest sagte sie sich das. Es war Neugier...„Er ist nicht wie die Männer, die ich sonst kenne,“ murmelte sie.„Nein,“ sagte Octavia ruhig. „Er hat gelernt, zu überleben. Das lehrt einen mehr, als Höflichkeit oder Poesie es je könnten.“Livia zog das Tuch enger um die Schultern.„Vater sagt, er soll mich schützen.“„Vielleicht,“ meinte Octavia, „soll er dich vor dir selbst schützen.“Livia sah sie im Spiegel an, mit einem Ausdruck zwischen Spott und Nachdenken.Dann lachte sie leise. „Das wäre eine verlorene Aufgabe.“„Dafür hat man ihn ja ausgesucht,“ erwiderte Octavia trocken.Als die Zofe gegangen war, blieb Livia am Fenster stehen.Im Garten flackerte das Licht einer Fackel.Cassian, vermutete sie.Nur ein Schatten unter den Bäumen. Und doch dachte sie, dass kein Schatten je so gegenwärtig wirken konnte.
Kapitel 7Die Nacht lag weich über der Villa.Ein milder Wind strich durch die Zypressen, trug den Duft von Lorbeer und warmem Stein mit sich.Alles schlief. Nur im Garten regte sich Bewegung.Cassian stand im Schatten einer Säule, das Schwert in der Hand.Nicht die Waffe eines Gladiators – zu leicht, zu fein –, aber der Griff war vertraut. Er hatte sie vom Wachraum geliehen, um die Muskeln zu spüren, die sonst zu still lagen.Er bewegte sich langsam, mit der Ruhe eines Mannes, der keine Zuschauer braucht.Schritt, Drehung, Klingenstoß in die Leere, dann wieder Stille.Das Metall schimmerte matt im Mondlicht.Er kämpfte nicht, er erinnerte sich.An Gewicht, Geschwindigkeit, das Gleichgewicht zwischen Kontrolle und Instinkt.Das war sein Gebet, seine Art, den Kopf leer zu machen.Ein Laut, kaum hörbar – das leise Knarren eines Fensters über ihm.Er blieb nicht stehen, aber sein Blick glitt kurz nach oben.
