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Sie ist die letzte Erbin eines gefallenen Reiches. Er ist der Ritter des Mannes, der ihr alles genommen hat. Elowen lebt als Gefangene im eigenen Schloss – bewacht von jenen, die ihr einstiges Zuhause erobert haben. Ihre Zukunft ist bereits entschieden: eine politische Ehe, ein fremder König, ein Leben ohne Wahl. Edric ist ihr Wächter. Loyal. Pflichterfüllt. Unerschütterlich. Er soll sie beschützen – und genau darin liegt die Gefahr. Zwischen kalten Steinmauern, unausgesprochenen Blicken und der ständigen Bedrohung durch Macht und Besitz wächst etwas, das nicht existieren darf: Vertrauen. Nähe. Gefühl. Und je näher der Tag rückt, an dem Elowen endgültig ihr Leben verlieren soll, desto klarer wird, dass manche Schwüre schwerer wiegen als Königstreue. Als Gewalt, Verrat und ein einziger Augenblick alles verändern, steht Elowen vor einer Entscheidung, die nicht nur ihr Schicksal betrifft – sondern das eines ganzen Reiches. Eine Geschichte über verbotene Liebe, Loyalität und den Mut, sich sein Leben zurückzuholen. Für alle, die Romantasy mit Tiefe, Spannung und einem unvergesslichen Slow Burn lieben.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Im Schatten der Krone
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Impressum neobooks
Der Duft von Blut und Rauch hing schwer in der Luft, als hätte sich der Tod selbst in den Mauern des Thronsaales eingenistet. Das Licht der tief stehenden Sonne fiel durch die hohen, zerbrochenen Fenster und brach sich an Staubpartikeln, die in der Luft tanzten wie gespenstische Funken nach einer Schlacht. Elowen stand zitternd in der schattigen Ecke hinter dem Thron ihres Vaters, die Hände fest an die Seiten ihres zerknitterten Kleides gepresst, und versuchte, nicht zu atmen – als könnte jede Bewegung sie verraten, als könnte jeder Laut ihre Anwesenheit preisgeben.Ihre Knie fühlten sich schwach an, und doch hielt sie sich aufrecht. Eine Prinzessin fiel nicht auf die Knie, nicht einmal dann, wenn ihr Reich in Flammen stand. Nicht einmal dann, wenn der Mann, der sie großgezogen hatte, tot zu ihren Füßen lag. Ihr Blick glitt über die leblosen Körper der königlichen Wachen, die sie seit ihrer Kindheit gekannt hatte – brave Männer, die bis zum letzten Atemzug für sie gekämpft hatten. Und dort, vor den Stufen des Throns, lag ihr Vater. König Aldred von Caerleon. Der Löwe, der nie gekniet hatte, gestürzt von einer Hand, die nicht seine eigene war.Elowen presste die Lippen aufeinander, um nicht zu schreien. Sie wollte weinen, ja – sie wollte die Welt verfluchen, die ihr alles genommen hatte. Doch Tränen waren ein Luxus, den sie sich nicht leisten konnte. Nicht jetzt. Nicht vor ihnen.Die Männer, die den Saal erobert hatten, waren noch außer Atem, ihre Rüstungen verbeult und blutverschmiert. Doch in ihren Augen glomm der unmissverständliche Glanz des Sieges. Einer nach dem anderen hoben sie ihre Schwerter und stießen den Ruf aus, der sich wie ein unheilvolles Echo von den Steinwänden brach.„Dunmar! Dunmar! Dunmar!“Das feindliche Königreich hatte gesiegt. Und sie, Elowen von Caerleon, war die letzte lebende Erinnerung an ein Reich, das nicht mehr existierte.Da trat er hervor.Der Mann, der den Sturm angeführt hatte.Er war größer als die meisten Ritter um ihn herum, seine Schritte ruhig und sicher trotz der Spuren der Schlacht, die er an sich trug. Das dunkle Haar war von Schweiß und Staub verklebt, der Brustpanzer zerkratzt, und doch hatte er eine Ausstrahlung, die unerschütterlich wirkte. Seine graugrünen Augen glitten über die Leichen, über die geborstenen Banner, und blieben schließlich an ihr hängen.Sir Edric Draydon.Elowen hatte seinen Namen schon gehört, lange bevor sie ihn sah – ein Mann aus einfachen Verhältnissen, der sich durch Mut und Loyalität bis an die Seite des Königs von Dunmar gekämpft hatte. Der eiserne Arm der Eroberung. Und nun stand er hier, im Herzen ihres Palastes, mit dem Blick eines Mannes, der wusste, dass ihm niemand mehr gefährlich werden konnte.Er bückte sich, hob langsam und feierlich die goldene Krone ihres Vaters vom Boden auf. Für einen Augenblick betrachtete er sie – ein Relikt eines Reiches, das nicht mehr war – dann hielt er sie hoch in die Luft, und ein donnerndes Johlen erfüllte den Saal.Elowen spürte, wie ihr Magen sich verkrampfte. Es war nicht nur Zorn. Es war etwas Tieferes – eine schmerzhafte Erkenntnis, dass ihr ganzes Leben sich in diesem Augenblick unwiderruflich verändert hatte.Edric senkte die Krone wieder und ging langsam auf sie zu. Jeder seiner Schritte hallte wie ein Hammerschlag durch die Stille nach dem Jubel. Sie wich nicht zurück, auch wenn sie es am liebsten getan hätte. Ihre Finger gruben sich in den Stoff ihres Kleides, ihre Lippen bebten – nicht vor Furcht, sagte sie sich, sondern vor Hass.Als er schließlich vor ihr stand, legte sich ein unerwartet stiller Ausdruck auf sein Gesicht. Kein Hohn, kein Lächeln, nicht einmal Genugtuung – nur eine müde, ernste Ruhe.„Prinzessin Elowen,“ sagte er mit einer Stimme, die tief und fest klang, „im Namen Seiner Majestät, König Rowan von Dunmar, erkläre ich das Königreich Caerleon für gefallen.“Die Worte stachen wie ein Dolch. Sie wollte ihm ins Gesicht schreien, dass er ein Verräter, ein Mörder, ein barbarischer Eindringling sei – doch ihr Hals fühlte sich trocken an, als hätte der Schock ihr jede Sprache geraubt.Edric ließ seinen Blick nicht von ihr ab. „Ihr werdet bis auf Weiteres in euren Gemächern bleiben. Ihr steht unter meinem Schutz.“Er machte eine kurze Pause, bevor er mit Nachdruck hinzufügte: „Und unter meiner Aufsicht.“Mit einer leichten Geste deutete er zwei seiner Männer an, sie zu begleiten. Elowen hob das Kinn, so stolz sie konnte, und ging an ihm vorbei, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Doch sie spürte seinen Blick im Rücken – wie ein Schatten, der sie nie wieder verlassen würde.Und tief in ihrem Inneren, hinter all dem Hass, der sie zu verschlingen drohte, keimte eine erste, kaum merkliche Frage:Wer war dieser Mann, der ihre Welt zerstört hatte – und warum sah er sie nicht an wie eine Besiegte, sondern wie jemand, den er selbst nicht ganz zu begreifen vermochte?
Kapitel 2Die schweren Türen zu ihren Gemächern fielen hinter ihr ins Schloss, und für einen Moment herrschte eine Stille, die so dicht und beklemmend war, dass Elowen kaum zu atmen wagte. Der Weg hierher war ein Spießrutenlauf gewesen – durch Gänge, die nach Eisen und Blut rochen, vorbei an Gesichtern, die sie nie zuvor gesehen hatte. Fremde Soldaten standen an den Wänden, ihre Blicke bohrten sich wie Messer in sie, doch keiner wagte, sie zu berühren.Jetzt stand sie wieder hier – in den Räumen, die einst ihr Rückzugsort gewesen waren, nun jedoch wie ein goldener Käfig wirkten. Die schweren Vorhänge waren zugezogen, das Kaminfeuer längst erloschen, und der süße Duft von Rosenöl, der sonst immer in der Luft lag, war verschwunden. Stattdessen roch es nach Staub und kaltem Stein.Sie lehnte sich gegen die Tür, atmete tief durch – und zuckte erschrocken zusammen, als sie aus der hintersten Ecke des Raumes ein leises Geräusch vernahm. Ein kaum hörbares Zittern, wie das Rascheln eines Kleides.„…Isolde?“Aus dem Schatten löste sich eine Gestalt, und Elowens Herz schlug schneller. Ihre Zofe kroch vorsichtig hinter einem Schrank hervor, das Gesicht aschfahl, die Hände zitternd.„Euer Gnaden…“ flüsterte sie kaum hörbar. „Ich… ich wusste nicht, ob sie mich töten würden. Ich… wollte nur bei Euch sein.“Elowen trat zwei Schritte auf sie zu und zog sie wortlos in die Arme. Für einen kurzen Augenblick ließ sie ihre Fassade fallen und hielt die Frau, die ihr seit Kindertagen vertrauter war als jeder andere Mensch.„Still“, murmelte sie. „Sag nichts. Noch nicht.“Kaum hatte sie das gesagt, klopfte es an der Tür. Isolde sprang wieder in ihr Versteck. Noch ehe sie reagieren konnte, öffnete sie sich – und Sir Edric trat ein.Er hatte den Helm abgelegt, und sein dunkles Haar klebte noch feucht von Schweiß an der Stirn. Seine Rüstung war beschädigt, aber nicht achtlos – jeder Handgriff an ihm wirkte kontrolliert, als hätte er auch im Chaos nichts dem Zufall überlassen. Und doch war da etwas an seiner Haltung, das sie überraschte: Er betrat den Raum nicht wie ein Sieger, nicht wie ein Mann, der Anspruch auf alles darin erhob, sondern fast… respektvoll.„Verzeiht den Überfall, Hoheit“, sagte er ruhig und ließ seinen Blick durch den Raum schweifen.„Was sucht Ihr?“ fragte sie, mit mehr Trotz in der Stimme, als sie beabsichtigt hatte.Er sah kurz zu ihr, eine Braue leicht erhoben, als erkenne er den Widerstand hinter ihren Worten – und als wäre er ihm nicht nur gewohnt, sondern würde ihn beinahe erwarten.„Etwas, womit Ihr mir oder Euch selbst schaden könntet“, antwortete er nüchtern. „Ein Messer. Eine verborgene Klinge. Irgendetwas, das Ihr für eine Flucht nutzen könntet.“„Wie ehrenhaft von Euch,“ fauchte sie, „mich lebend zu behalten, damit Euer König mich verheiraten kann.“Für einen flüchtigen Moment blitzte etwas in seinen Augen auf – kein Zorn, sondern ein Schatten von Verständnis. Vielleicht sogar Bedauern. Doch er sagte nichts. Wortlos ging er durch den Raum, öffnete Kisten, hob Teppiche an, sah hinter Vorhänge und unter Polster. Es war eine gründliche, aber keine entwürdigende Suche. Und genau das machte sie rasender, als jede offene Demütigung es vermocht hätte.Als er schließlich fertig war, trat er zur Tür zurück und legte die Hand auf den Türgriff. „Ich lasse Euch jetzt allein“, sagte er ruhig.Schon wollte er gehen, da blieb er stehen. Sein Blick glitt nicht zu ihr, sondern in die dunkle Ecke, aus der Isolde zuvor hervorgekommen war.„Und Eure Zofe“, sagte er, als spräche er von einer Nebensächlichkeit, „hat nichts zu befürchten. Sie kann herauskommen und bei Euch bleiben.“Elowen erstarrte. Sie hatte keinen Laut von Isolde gehört, keine Bewegung – und doch hatte er es bemerkt.Langsam wandte er sich wieder zu ihr, und für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Da war kein Spott in seinem Gesicht, keine Überheblichkeit. Nur eine stille Feststellung, als sei es selbstverständlich, dass er selbst im Sieg nicht grausam sein wollte.„Niemand hier hat den Befehl, Unschuldige zu töten“, sagte er leise, fast so, als wollte er nur sie es hören lassen.Dann drehte er sich um und verließ das Zimmer. Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem dumpfen Laut, der in Elowens Brust nachhallte wie ein Herzschlag.Isolde trat vorsichtig aus ihrem Versteck, und Elowen sah sie lange an.„Er wusste es“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst als zu der anderen. „Er wusste, dass du hier bist.“„Er wirkt nicht wie ein Ungeheuer“, sagte Isolde zögerlich.Elowen wandte sich zum Fenster, wo die Abendsonne die Zinnen der Burg in ein blutrotes Licht tauchte. Ihre Finger ballten sich zu Fäusten.„Das macht ihn nur gefährlicher.“
Kapitel 3Die Nacht legte sich schwer über das Schloss – schwerer, als Elowen es je gekannt hatte. Früher war die Dunkelheit hier ein Mantel der Ruhe gewesen, eine vertraute Stille, die sie in den Schlaf gewiegt hatte. Heute war sie ein kaltes, atemloses Etwas, das sich in jede Ritze ihres Zimmers schob und dort lauerte, wie ein stummer Zeuge des Untergangs.Schlaf wollte nicht kommen. Nicht in dieser Nacht. Nicht mit dem Geräusch von Stimmen und Gelächter, das durch die Gänge drang.Von irgendwo tief unten im Schloss hallte Musik herauf – dumpfe Trommeln, das scharfe Scheppern von Bechern, Gelächter, das zu laut und zu sorglos klang. Die fremden Männer feierten ihren Sieg. Sie tranken auf das Blut, das sie vergossen hatten, auf die Männer, die sie erschlagen, auf die Mauern, die sie durchbrochen hatten. Und jeder Ton dieser Feierlichkeiten schnitt tiefer in Elowens Brust, als es ein Schwert je vermocht hätte.Isolde hatte ein kleines Feuer im Kamin entzündet, ein kümmerliches Flackern, das kaum Wärme spendete. Sie selbst saß in einem Stuhl in der Nähe, den Blick unablässig auf ihre Herrin gerichtet, als fürchte sie, Elowen könne in einem unbedachten Moment zerbrechen.Doch Elowen hatte nicht die Kraft zu sprechen. Sie saß auf dem Fenstersims, die Stirn an das kühle Glas gelehnt, und starrte hinaus in die Nacht. Der Hof lag im bleichen Licht des Mondes, gesprenkelt mit Fackeln und Schatten. Männer zogen singend und taumelnd durch die Gänge, und dort, wo einst königliche Banner gehangen hatten, flatterten nun die schwarzsilbernen Farben Dumnars.Ein dumpfes Knurren riss sie aus ihren Gedanken. Ihr Magen.Sie hatte seit dem Morgen nichts mehr gegessen. Nicht aus Stolz – oder nicht nur aus Stolz –, sondern weil sie es nicht über sich brachte, Speisen anzunehmen, die ihre Feinde ihr schickten. Doch jetzt, in der endlosen Nacht, wurde der Hunger zu einem unbarmherzigen Schmerz, der sie beinahe schwächte.Ihr Blick glitt zur Tür. Dahinter, so glaubte sie, hörte sie Schritte. Zwei Männerstimmen, tief und gedämpft, unterhielten sich seit Stunden dort draußen. Sie konnte keine Worte unterscheiden, doch ihre Anwesenheit war deutlich. Wächter. Natürlich.Sie presste die Lippen zusammen. Sollte sie zur Tür gehen und nach Wasser fragen? Nach Brot? Der Gedanke allein ließ sie schaudern. Sie würde sich nicht erniedrigen. Nicht vor ihnen.Also blieb sie sitzen.Still. Stolz.Wie eine Königin ohne Reich.Ihr Blick senkte sich auf ihre Hände, die bleich im schwachen Feuerschein lagen. Wie klein sie aussahen. Wie hilflos. Und da, in dieser Stille, brachen die Gedanken über sie herein wie eine Flut, der sie nicht entkommen konnte.Sie dachte an ihren Vater. An König Aldred, dessen Stimme einst den ganzen Thronsaal erfüllt hatte. Sie sah ihn vor sich, wie er sich in den letzten Stunden gegen das Unausweichliche gestemmt hatte – ohne Furcht, ohne Zögern, mit der unerschütterlichen Würde eines Mannes, der wusste, dass er sterben würde und dennoch aufrecht blieb.„Ich werde sie nicht knien lassen“, hatte er gesagt, kurz bevor die Tore fielen. „Nicht dich, nicht dein Volk. Und wenn ich allein stehe, so soll man wissen: Ich bin als König gestorben.“Und nun war er tot.Elowen schloss die Augen, und zum ersten Mal seit dem Morgen spürte sie, wie sich eine einzelne Träne aus dem Winkel ihrer Lider löste und ihre Wange hinabglitt. Nicht laut, nicht dramatisch – nur stumm, wie ein letzter Gruß an all das, was gewesen war.Zwei Tage.Zwei Tage nur waren vergangen, seit ihre Welt noch heil gewesen war.Zwei Tage seit sie durch die Gärten gegangen war und mit ihrem Vater über die bevorstehende Ernte gesprochen hatte. Zwei Tage seit sie gelacht hatte, als Isolde ihr ein neues Kleid vorgeführt hatte. Zwei Tage seit sie glaubte, dass nichts diesen Ort je erschüttern könnte.Und nun war alles fort.Die Mauern standen noch, ja – Stein für Stein. Doch das Herz, das sie belebt hatte, war ausgelöscht.Elowen zog die Beine an sich, legte die Stirn auf die Knie und atmete tief ein. Der Hunger schmerzte, die Müdigkeit zerrte an ihren Gliedern, doch sie blieb wach. Denn sie wusste: Wenn sie jetzt einschlief, würde sie davon träumen, wie alles einmal war. Und das war ein Schmerz, den sie heute Nacht nicht ertragen konnte.
Kapitel 4Das erste Licht des Morgens drang matt und blass durch die hohen Fenster, als Elowen die Augen öffnete. Sie hatte kaum geschlafen. Der Hunger war ein ständiger Begleiter durch die lange, fiebrige Nacht gewesen, und nun brannte er dumpf und nagend in ihrem Magen. Doch sie schwor sich, es sich nicht anmerken zu lassen. Sie schwor sich, ihm nicht die Genugtuung zu geben.Ein leises Klopfen an der Tür ließ sie zusammenzucken. Isolde war sofort bei ihr, doch ehe sie reagieren konnte, öffnete sich die Tür bereits.Sir Edric trat ein.Er wirkte ausgeruhter als am Vortag, hatte sich von der Schlacht gewaschen und trug nun einen dunklen Wappenrock über der Rüstung. Sein Blick glitt kurz durch den Raum, dann blieb er an ihr hängen. Keine Spur von Arroganz lag in seiner Haltung – aber eine unerschütterliche Ruhe, wie sie nur Menschen eigen ist, die an Gehorsam und Pflicht gewöhnt sind.In seinen Händen hielt er ein Tablett. Der Duft von frischem Brot, warmer Brühe und gebratenem Fleisch erfüllte den Raum, und Elowen spürte, wie ihr Magen schmerzhaft auf die Versuchung reagierte. Doch sie rührte sich nicht.„Guten Morgen, Hoheit“, sagte Edric, seine Stimme ruhig, beinahe höflich. „Ihr habt seit gestern nichts gegessen. Ich dachte, Ihr würdet vielleicht etwas zu Euch nehmen.“„Ich habe keinen Hunger.“ Ihre Worte kamen schärfer heraus, als sie es beabsichtigt hatte.Er trat näher, stellte das Tablett auf den kleinen Tisch am Fenster und ließ sich Zeit, es ordentlich zu platzieren. „Trotzdem. Ihr solltet essen. Ihr braucht Kraft.“Elowen verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich werde mich nicht an dem Mahl meiner Feinde laben.“Für einen Moment herrschte Schweigen. Edric sah sie an, und irgendetwas in seinem Blick veränderte sich – eine Härte, die nicht aus Zorn, sondern aus Entschlossenheit erwuchs.„Ihr werdet essen“, sagte er schließlich, diesmal ohne den höflichen Tonfall. „Nicht, weil ich es Euch befehle. Sondern weil ich nicht zulassen kann, dass Ihr hier verhungert.“„Könnt nicht?“ Sie lachte leise, bitter. „Oder wollt nicht, weil Ihr sonst Rechenschaft ablegen müsstet?“Etwas blitzte in seinen Augen auf – ein Funke von Zorn vielleicht, oder von Verletzung. Er trat einen Schritt näher, und seine Stimme wurde fester.„Es ist meine Pflicht, Euch unversehrt zu halten, Prinzessin. Lebendig. Bei Bewusstsein. Und wenn ich Euch jeden Bissen einzeln einflößen muss, dann werde ich das tun.“Elowen wich seinem Blick nicht aus. „Dann werdet Ihr mich zwingen müssen.“Die Spannung im Raum war greifbar. Für einen Atemzug standen sie nur da, die Augen fest ineinander verhakt – sie, stur und trotzig wie eine in die Enge getriebene Katze, er, entschlossen und innerlich zerrissen zwischen Pflicht und Geduld.Dann atmete Edric hörbar aus und schüttelte langsam den Kopf. „Wie Ihr wünscht.“Er wandte sich ab und ging zur Tür. Dort blieb er jedoch stehen und sah noch einmal über die Schulter zurück. „Das Essen bleibt hier. Für Eure Zofe – falls sie Hunger hat.“Seine Stimme war nun wieder beherrscht, doch unter der Oberfläche schwang etwas mit – Frustration vielleicht, oder ein Anflug von Sorge, den er nicht zeigen wollte.Ohne ein weiteres Wort verließ er das Zimmer. Die Tür fiel mit einem dumpfen Laut ins Schloss, und seine Schritte verklangen auf dem Gang.Elowen starrte lange auf das Tablett, ohne sich zu bewegen. Der Duft schien den Raum zu füllen, drang in jede Ecke, verlockend und grausam zugleich. Sie hasste sich selbst für das Zittern in ihren Fingern, hasste ihren Körper für das gierige Ziehen in der Magengegend.„Ihr solltet etwas essen, Hoheit“, flüsterte Isolde schließlich leise. „Wenn nicht für Euch, dann für ihn. Damit er nicht gewinnt.“Elowen schloss die Augen.Vielleicht, dachte sie, war das der erste Kampf, den sie tatsächlich verlieren würde.Nicht gegen ein Schwert.Sondern gegen ein Stück Brot.
Kapitel 5Die Sonne hatte inzwischen ihren müden Lauf über den Himmel begonnen und ließ ein trübes, spätherbstliches Licht durch die hohen Fenster fallen. Der Raum war still, nur das leise Knistern des Feuers durchbrach die Stille. Der Duft des Essens hing noch immer in der Luft – eine demütigende Erinnerung an ihre Sturheit und an seine Entschlossenheit.Elowen saß auf der Fensterbank, die Stirn an das kühle Glas gelehnt. Ihre Finger spielten mit einem Faden ihres Kleides, und der Hunger nagte weiterhin unerbittlich in ihrem Leib. Doch sie rührte sich nicht. Jede Bewegung, jeder Schritt auf das Tablett zu, hätte sich wie eine Niederlage angefühlt.Isolde jedoch hatte diese Entscheidung nicht getroffen. Sie saß nun an dem kleinen Tisch, der zwischen den Sesseln stand, und aß schweigend ein Stück Brot. Ihre Bewegungen waren ruhig, fast ehrfürchtig, als wolle sie sich für jedes Bissen entschuldigen. Elowen beobachtete sie aus den Augenwinkeln, ohne etwas zu sagen.„Es ist töricht, hungrig zu bleiben“, sagte Isolde schließlich leise, ohne aufzusehen. „Euer Körper braucht Kraft.“Elowen antwortete nicht. Ihre Lippen waren trocken, ihre Kehle schmerzte, und doch zwang sie sich, stumm zu bleiben.„Wenn Ihr nicht essen wollt…“ – Isolde stand auf und reichte ihr einen Becher Wasser – „…dann trinkt wenigstens das. Für mich.“Elowen wollte den Becher nicht nehmen. Ihr Stolz rebellierte, und doch war da etwas in Isoldes Augen – eine Mischung aus Sorge und stillem Flehen –, dem sie nicht widerstehen konnte. Zögerlich griff sie danach und führte ihn an ihre Lippen. Das Wasser war kühl und klar, und schon der erste Schluck ließ ihre Kehle aufatmen. Sie trank mehr, als sie beabsichtigt hatte, und stellte den Becher schließlich seufzend ab.„So ist es besser“, murmelte Isolde und setzte sich wieder. Einen Moment lang herrschte Schweigen, nur das leise Knistern des Feuers begleitete ihre Gedanken.Dann hob die Zofe vorsichtig die Stimme. „Ihr müsst vorsichtiger sein, Hoheit.“Elowen wandte langsam den Kopf zu ihr. „Womit?“„Mit Eurem Trotz.“Isolde sah sie jetzt direkt an, und in ihrem Blick lag eine Ernsthaftigkeit, die Elowen selten bei ihr gesehen hatte. „Diese Männer… sie haben unser Reich besiegt. Sie sind nicht nur Soldaten. Sie sind Sieger. Und Sieger… tun Dinge, die wir uns nicht einmal vorstellen können.“Elowen schnaubte leise. „Also soll ich mich beugen? Soll ich mich verneigen vor denen, die mein Volk abgeschlachtet haben?“„Ich sage nicht, dass Ihr Euch verneigen sollt“, entgegnete Isolde ruhig. „Aber vielleicht solltet Ihr lernen, zu überleben.“ Sie legte die Hände in den Schoß. „Wir alle versuchen es. Die Diener, die noch hier sind, die Wachen, die nicht gefallen sind – selbst ich. Wir sprechen mit leiser Stimme, wir halten unsere Augen gesenkt. Nicht aus Loyalität. Aus Furcht.“Elowen spürte, wie sich ihre Brust zusammenzog. Furcht. Ja, sie hatte sie gesehen – in den Gesichtern der wenigen, die den Sturm überlebt hatten. In den Augen der Mägde, die sich wortlos verbeugten, sobald ein fremder Soldat an ihnen vorbeiging. In der Art, wie niemand mehr laut lachte, wie niemand sich traute, über Pläne oder Hoffnung zu sprechen.„Ich kann sie nicht fürchten“, sagte sie schließlich leise, mehr zu sich selbst als zu Isolde. „Wenn ich sie fürchte, dann… dann haben sie schon gewonnen.“Isolde seufzte. „Vielleicht haben sie längst gewonnen, Hoheit.“Diese Worte trafen sie härter, als sie erwartet hatte. Sie hatte immer geglaubt, dass Stolz ihre letzte Waffe war – ein unbeugsames Feuer, das sie sich nicht nehmen ließ. Aber was war Stolz wert, wenn er sie nur schwächte? Was war Würde, wenn sie verhungerte, während die Sieger sich in ihren Hallen satt aßen?Sie zog die Beine an sich und legte das Kinn auf die Knie. Lange sagte keine von beiden etwas. Die Stille zwischen ihnen war nicht feindselig, aber schwer – voll unausgesprochener Wahrheiten, die weh taten.Draußen begann das Schloss zu erwachen. Schritte hallten durch die Gänge, Befehle wurden gerufen, metallisches Klirren kündete von neuer Ordnung. Es war nicht mehr ihr Schloss. Nicht mehr ihre Welt.Und irgendwo da draußen war er – der Mann, der all dies verursacht hatte.Sir Edric Draydon.Der Ritter, der ihr Leben zerstört hatte und doch, ohne es zu wollen, die Verantwortung für sie trug.Elowen schloss die Augen.Sie schwor sich, ihn niemals zu fürchten.Aber sie wusste auch, dass sie von nun an vorsichtiger sein musste.
Kapitel 6Zwei Tage waren vergangen – zwei Tage, die sich wie eine Ewigkeit angefühlt hatten.Morgens kam er mit dem Essen. Immer zur gleichen Stunde, immer mit dem gleichen Gesichtsausdruck, dem gleichen Tonfall, als sei all dies nur ein weiterer Auftrag auf einer langen Liste. Er stellte das Tablett ab, sagte ein paar höfliche Worte – und sie lehnte ab. Immer wieder. Immer gleich.Das einzige Zugeständnis, das sie machte, war ein Becher Wasser. Mehr nicht.Isolde versuchte sie zu überreden, sie bat, sie flehte, manchmal sogar weinte sie leise, wenn sie glaubte, Elowen würde es nicht hören. Doch nichts vermochte den Knoten in Elowens Innerem zu lösen, der sie festhielt – eine Mischung aus Wut, Schmerz und unnachgiebigem Stolz, die stärker war als jede Vernunft.Doch der Preis für diesen Trotz war hoch.Mit jedem Tag fühlte sie sich schwächer. Ihre Glieder wurden schwer, ihre Gedanken träge. Manchmal verschwammen die Stimmen, die sie aus dem Gang hörte, zu einem fernen Rauschen. Selbst das Stehen am Fenster kostete sie nun Kraft.Von dort aus sah sie sie: die fremden Männer, die nun über ihren Hof marschierten. Sie trugen Säcke und Kisten, verschoben Vorräte, hissten neue Banner. Ihr Schloss, einst ein Ort von Geschichten, Festen und Gebeten, war nun ein logistisches Zentrum einer fremden Macht.
