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Ein König erhält eine Warnung. Kein Datum. Keine Klinge. Nur die Gewissheit, dass seine Zeit begrenzt ist. Aurelian herrscht über ein Reich am Rand des Umbruchs. Alte Gesetze bröckeln, neue Feinde wachsen im Verborgenen – und dann tritt ein Fremder in sein Leben, der mehr sieht, als er sollte. Ein Mann ohne Titel, ohne Herkunft, ohne Angst. Einer, der nicht gehorcht, sondern fragt. Während sich Machtkämpfe im Palast zuspitzen und Loyalitäten brüchig werden, beginnt Aurelian zu begreifen, dass die größte Gefahr nicht von außen kommt. Sondern von der Wahrheit, die er lange vermieden hat. Und von der Verbindung, die ihn stärker bindet als jede Krone. Wie weit darf man gehen, um ein Reich zu retten? Was ist man bereit zu verlieren, um sich selbst treu zu bleiben? Und was geschieht, wenn das Schicksal nicht besiegt werden kann – sondern nur anders erfüllt? Ein atmosphärischer Fantasyroman voller politischer Intrigen, leiser Intensität und einer Beziehung, die alles verändert.
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Seitenzahl: 88
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Aurelian - Das Lied des letzten Königs
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Impressum neobooks
Der Morgen kam wie ein kühler Atemzug, der die Stadt unter dem Palast wachküsste. Nebel hing in dünnen Schleiern über den Ziegeldächern, ließ Dächer und Gassen für einen Augenblick so aussehen, als wären sie aus einem einzigen Atem geschaffen. Von fern trug der Wind das metallische Klopfen der Schmiede und das scheue Bellen eines Hundes herauf. Es war die Stunde, in der die Welt noch nichts verlangte; eine Stunde, die einem König Gelegenheit gab, so zu tun, als wäre die Last seines Amtes nur ein Mantel, den man für ein paar Atemzüge ablegen konnte.Aurelian stand auf der oberen Terrasse und stützte die Hände auf das kalte Steinbrüstungswerk. Die Feuchtigkeit kroch durch den Stoff seiner Ärmel und setzte sich an seiner Haut fest, doch die Kälte tat ihm gut. Sie hielt den inneren Lärm in Schach, den er seit Monaten nicht mehr losgeworden war. Unten wölbte sich die Hauptstadt wie eine Schale, von Mauern eingefasst, von Straßen durchzogen, die sich um Tempel und Märkte wanden. Dies sollte sein Reich sein, dachte er, sein Erbe – und manchmal kam es ihm vor wie ein Tier, das er zu streicheln suchte und das ihn doch nicht an sich heranließ.„Meine Hände sind sauber,“ dachte er, „und doch riechen sie nach Blut, das nicht das meine ist.“ Er wusste, wessen. Er kannte die Namen derer, die an den Rändern seiner Entscheidungen verschwunden waren – nicht durch sein Schwert, sondern durch die Trägheit alter Gesetze, die er noch nicht zu brechen gewagt hatte. Die Gesetze seines Vaters.Hinter ihm knarrte eine Tür. Schritte näherten sich über den Stein. „Majestät.“ Decimus, der älteste seiner Räte, erschien an seiner Seite, den Mantel sorgfältig geschlossen, als könne seine Art, den Stoff zu ordnen, die Welt gleich mit ordnen. In seinem Bart blitzte Feuchtigkeit wie Reif.„Ihr seid früh,“ sagte Aurelian, ohne den Blick von der Stadt zu lösen.„Die Sorgen schlafen selten, bevor ein König es tut. Die achte Stunde steht bevor; der Rat ist ungeduldig.“„Der Rat ist immer ungeduldig.“ Aurelian richtete sich auf. Von hier aus wirkte die Stadt friedlich, „doch Frieden“, dachte er, „ist oft nur Stille, in die niemand hinein schreit.“ Er wandte sich zu Decimus. „Sagt mir, alter Freund: Glaubt Ihr, dass ein Reich sich ändern lässt, ohne zu bluten?“Decimus zog das Grau seiner Brauen zusammen. „Es lässt sich verschieben wie ein schwerer Stein. Man muss Hebel finden, die halten. Menschen sind schlechte Hebel; sie brechen.“„So sprach mein Vater.“ Aurelian lächelte dünn. Er erinnerte sich an die Stimme des Toten – ein dunkler Ton, der selten fragte und noch seltener zweifelte. „Er nannte es Stärke. Mir erscheint es heute wie Furcht.“„Vielleicht ist es beides,“ sagte Decimus mild. „Und beides kann ein Reich retten. Oder verderben.“Aurelian schwieg einen Moment. Er hörte sein eigenes Blut rauschen, als wäre es das Meer hinter einer Mauer. „Ich werde heute hinausgehen,“ sagte er dann.„Allein?“„Unerkannt.“Decimus schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ihr sucht Gefahr.“„Ich suche Antworten.“Der Alte atmete aus – ein leises, resigniertes Geräusch. „Dann nehmt wenigstens den Verstand mit, wenn Ihr schon die Wachen zurücklasst.“„Ich nehme Euch mit,“ sagte Aurelian, „indem ich an Euch denke, wenn ich Torheiten tue.“Ein Schatten von Lächeln huschte über das Gesicht des Ratgebers. „Dann werdet Ihr heute vernünftiger sein als gewöhnlich.“Er verließ den Palast zur neunten Stunde durch das westliche Tor, den Kapuzenmantel eines Boten über den Schultern. Zwei Gassenwächter in unauffälligem Braun folgten ihm in Abstand; er tat, als wisse er nichts von ihnen. Die Luft roch nach nassem Holz und feuchter Asche; über den Märkten spannten Händler Leinwanddächer, an denen Tropfen hingen wie kleine Glasperlen.Der große Platz vor dem Brunnen der Löwen war bereits ein lebendiges Gewebe aus Stimmen. Ein Obstverkäufer pries bosnische Äpfel an, deren rote Schalen im grauen Licht leuchteten; ein Seilmacher rollte dicke Stränge ab, als wären es die Eingeweide eines Riesen; zwei Kinder stritten sich um eine hölzerne Puppe und lachten am Ende so herzlich, als hätten sie den Streit nur erfunden, um einander näher zu sein. Aurelian bewegte sich langsam durch diese Welt, die ihm gehörte und in der er niemand war.Er liebte diesen Zwiespalt – nicht weil er verborgen sein wollte, sondern weil er spüren musste, wem er diente. „Wenn ich nur Säle und Siegel kenne,“ dachte er, „werde ich Gesetze für Säle und Siegel machen. Nicht für das Brot eines Kindes, nicht für die Hände des Seilmachers, nicht für den Rücken der Frau, die sich bückt, um einen verschütteten Apfel aufzuheben.“Am Brunnen blieb er stehen. Das Wasser rann über die Mäuler aus Stein und sammelte sich in einem runden Becken, dessen Rand blank war vom Berühren unzähliger Hände. Er legte seine eigene darauf und spürte die Kühle, die durch den Mantel kroch, ein kleiner, wirklicher Schmerz, so anders als die glatten, schmerzlosen Worte im Rat.„Gerechter König,“ flüsterte ein Gedanke in ihm, „ein schönes Wort, eine schöne Lüge. Wie lange willst du sie dir noch erzählen?“„Sucht Ihr etwas, Fremder?“ Eine Stimme riss ihn aus dem inneren Sprechen. Eine alte Frau stand an einem Stand neben dem Brunnen und ordnete Kräuter, deren Duft die Luft schärfer machte. Ihre Augen waren hell unter einer Stirn, die man nicht täuschen konnte.„Jemanden,“ sagte Aurelian. „Einen Mann.“„Es gibt viele davon. Ihr müsst genauer sein.“Aurelian zögerte. Er hatte sich selbst überrascht mit der Antwort, wusste eben erst, dass er jemanden suchte. „Dunkles Haar,“ sagte er schließlich, „Augen wie…“ er stockte, „wie Eis im Schatten. Ein Mantel, als hätte er jedes Wetter gesehen. Er wird nicht kaufen. Er wird schauen.“Die Frau nickte langsam, als hätte er eine Geschichte begonnen, deren Ende sie ahnte. „Solche Männer stehen selten still.“ Sie deutete mit dem Kinn auf den gegenüberliegenden Säulengang. „Wenn er hier war, stand er dort. Wo der Wind nicht ganz hinkommt.“Aurelian blickte hinüber. Der Säulengang war leer, nur ein streunender Hund schnupperte an einem umgestürzten Korb. Er blieb stehen, wartete, tat so, als suchte er die Münze in seiner Tasche, die er doch nicht zu geben gedachte.Zeit verging. Er hörte die Stunden nicht schlagen, nur das Tropfen der Dächer, die Schritte der Menschen, das ungeduldige Scharren eines Esels, der keine Geduld mehr hatte mit dem Tag. Aurelian legte sich Worte zurecht, die er nicht brauchen würde, und verwarf sie wieder. „Wenn er nur ein Bettler ist,“ dachte er, „gebe ich ihm Brot. Wenn er ein Scharlatan ist, nehme ich ihm die Bühne.“ Und wenn er beides nicht ist? Wenn er nur ein Spiegel ist, vor den ich fliehe?„Ihr sucht mich.“Aurelian fuhr herum. Kein Geräusch hatte den Mann angekündigt. Er hing nicht am Schatten, nicht am Licht; er stand einfach da, an den Brunnen gelehnt, als wäre der Stein sein Rücken, als gehörte er hierher wie das Wasser.Das Gesicht war schmal, die Wangen leicht hohl, als habe die Reise ihm die Rundungen genommen, die die Stadt den Gesichtern schenkt. Das Haar fiel ihm locker bis zur Schulter, feucht vom Nebel, und in dem Bart, der eigentlich keiner war, glitzerten einzelne Tropfen. Seine Augen jedoch… Aurelian spürte, wie etwas in ihm zusammenfuhr, das er nicht kannte. Sie waren wirklich hell – nicht das helle Blau der Keramik in den Häusern der Reichen, sondern das der Wintertage, an denen der Himmel klar ist und man doch friert.„Ihr?“ fragte Aurelian. „Oder bin ich bereit, jeden Mann zu finden, der mich ansieht, als wüsste er meinen Namen?“Ein kaum merkliches Lächeln zuckte um die Lippen des Fremden. „Namen sind Torbögen. Man geht durch sie hindurch, aber man lebt nicht in ihnen.“„Ein schönes Rätsel,“ sagte Aurelian. „Ich bevorzuge klare Antworten.“„Ich bevorzuge klare Fragen.“Aurelian wollte etwas Scharfes erwidern, etwas, das sein Unbehagen übertünchte. Stattdessen hörte er seine eigene Stimme leiser werden. „Wer seid Ihr?“„Ein Wanderer.“„Das sagt nichts.“„Das sagt alles, was Ihr heute wissen müsst.“So sprach niemand mit einem König, dachte Aurelian, und ihm entfuhr fast ein bitteres Lachen über die Dreistigkeit. Aber es war kein Hochmut in dieser Stimme. Nur eine seltsame, ruhige Gewissheit – als hätte der Mann sich an einem Ort niedergelassen, den Aurelian in sich gemieden hatte.„Dann sagt mir wenigstens, was Ihr wollt.“Der Fremde neigte den Kopf, als hörte er ein fernes Geräusch. „Ich will Euch etwas nehmen, damit Ihr etwas ergreift.“„Und was wollt Ihr mir nehmen?“„Die Illusion, dass Ihr Zeit habt.“Wieder das leise Lachen, das keins war, nur eine Bewegung im Gesicht, wo sonst ein Lachen gewesen wäre. Aurelian spürte, wie sich ihm der Rücken sträubte – als wäre ein Winterwind unter seinen Mantel gefahren. „Ihr habt mich also gesucht. Warum?“„Weil es begonnen hat,“ sagte der Mann. „Und weil Ihr nicht glaubt, dass es begonnen hat, bevor Euch jemand die Stunde nennt.“„Nennt sie,“ sagte Aurelian, ehe er darüber nachgedacht hatte. „Wenn Ihr schon ein Glockenschläger sein wollt, dann schlagt.“Der Blick des Fremden blieb ruhig. „In einem Jahr von heute, bei Sonnenuntergang, werdet Ihr sterben.“Die Worte fielen nicht wie Steine. Sie fielen wie Schnee – lautlos, und doch veränderten sie die Landschaft. Eine Sekunde lang hörte Aurelian nichts mehr von dem Markt; es war, als habe jemand den Faden durchtrennt, an dem die Geräusche hingen.„Ihr seid ein Narr,“ dachte er. „Oder ich bin es, weil mein Herz schneller schlägt.“Er zog die Kapuze tiefer. „Ich habe Propheten gehört, die hungerten, und Priester, die tranken. Ich habe Aufständische sterben sehen für Worte, die weniger waren als Luft. Glaubt Ihr, ich erschrecke, weil ein Mann mit nassem Haar mir vom Tod spricht?“„Ich glaube,“ sagte der Fremde, „dass Ihr Euch seit Jahren vor allem erschreckt, was Euch nicht gehorcht.“„Und was gehorcht mir nicht?“„Die Zeit. Und Ihr selbst.“Aurelian trat näher. Er merkte, dass seine Wachen am Rand des Platzes standen, die Hände auf den Griffen ihrer kurzen Schwerter. Er hob kaum merklich die Hand, und sie blieben, wo sie waren. „Wenn Ihr recht habt,“ sagte er, leiser, als wollte er nicht, dass seine eigenen Ohren es hörten, „warum soll ich Euch glauben?“„Weil Ihr es bereits tut.“Der Fremde drehte sich gerade so weit, dass Aurelian das Profil sah – die Ruhe darin, die Müdigkeit, der Hauch von Schmerz, den nur Ankömmlinge tragen, die zu früh ankommen. „Und weil Ihr gestern Nacht wachgelegen habt und Euch gefragt habt, ob Gerechtigkeit eine Form der Feigheit sein kann.“
