Im Schatten des Königs - Simone Lilly - E-Book

Im Schatten des Königs E-Book

Simone Lilly

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Beschreibung

Der Krieg ist gewonnen. Doch für manche Männer endet er nie. Ritter Corwin d'Arden hat sein Leben im Dienst des Königs verbracht. Pflicht, Ehre und Gehorsam sind die einzigen Wahrheiten, die er kennt. Als ein junger Soldat aus dem Heer desertiert, erhält Corwin den Auftrag, ihn aufzuspüren und zurückzubringen – lebend oder tot. Der Deserteur heißt Kieran Marlowe. Was als einfache Jagd beginnt, wird bald zu einer Reise durch ein Land, das der Krieg verwundet hat: verlassene Höfe, misstrauische Dörfer und Wege, auf denen Loyalität oft weniger zählt als das nackte Überleben. Doch je näher Corwin seinem Ziel kommt, desto mehr beginnt sich etwas zu verändern – in dem Mann, den er verfolgt, und in sich selbst. Zwischen Pflicht und Gewissen, zwischen Vergangenheit und der Möglichkeit eines anderen Lebens, muss Corwin eine Entscheidung treffen. Denn manchmal besteht der größte Verrat nicht darin, einen Eid zu brechen – sondern darin, sich selbst treu zu bleiben. Eine ruhige, atmosphärische Geschichte über Krieg und Freiheit, über Schuld und Hoffnung – und über zwei Männer, die auf der Suche nach einem Weg sind, der ihnen nie erlaubt war.

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Kapitel 1Der Wind roch nach Eisen.Seit Tagen schon marschierten sie südwärts, über graue Hügel, durch vom Frost zerfressene Täler, an verbrannten Dörfern vorbei, in denen selbst die Krähen nichts mehr fanden. Die Banner des Königs flatterten über der endlosen Kolonne, blass und schmutzig vom Regen, und unter ihnen zog das Heer dahin wie ein einziger, müder Organismus. Tausende Männer, Pferde, Karren, ein dumpfes, gleichmäßiges Geräusch von Schritten und Hufen, das sich mit dem Tosen des Windes mischte.Sir Corwin D’Arden ritt in der vorderen Reihe der Fußkompanie, den Helm an den Sattel gehängt, das Kettenhemd offen. Er hatte die Kälte lieber als das Gewicht, das ihm die Luft abschnitt. Der Himmel über ihm war schwer und farblos, und manchmal, wenn er aufsah, glaubte er, die Wolken bewegten sich langsamer als sie selbst.Er wusste, wohin sie zogen.Zur Schlacht bei Caerwyn, hieß es – ein weiterer Feldzug des Königs gegen die südlichen Fürstentümer. Angeblich ein „notwendiger Schlag zur Sicherung des Friedens“. In Wahrheit aber war es Machtgier, nichts als das. Jeder im Heer wusste es, doch keiner sprach es laut aus.Corwin hatte einmal geglaubt, Ehre sei ein Schild gegen die Sinnlosigkeit der Welt. Jetzt war sie ihm nur noch eine Last. Er trug sie aus Gewohnheit, wie eine Rüstung, die man nicht mehr ablegen kann, weil man sich nackt darunter fühlte.Er dachte an sein Elternhaus im Norden – an den kalten Stein des Herrenhauses, an den Geruch von feuchtem Holz und Talgkerzen. Sein Vater hatte immer gesagt: „Ein D’Arden beugt sich, aber er bricht nicht.“Corwin hatte genickt. Damals hatte er geglaubt, das sei Stärke. Jetzt klang es nach Gefangenschaft.Ein dumpfes Husten hinter ihm riss ihn aus den Gedanken.Er wandte sich halb um. Ein junger Ritter, kaum älter als vierundzwanzig, ritt ein Stück hinter ihm. Das Pferd war schlammverkrustet, der Reiter trug den Helm schief am Gürtel, als wäre er nie dazu gekommen, ihn richtig zu befestigen.„Sir D’Arden?“ rief der Mann über den Wind hinweg. „Ist das hier noch der Weg nach Süden oder schon die Hölle selbst?“Corwin zog die Brauen hoch, ein kaum merkliches Lächeln.„Unterscheidet Ihr die beiden?“Der andere lachte leise, ein Ton, der zwischen Spott und Müdigkeit schwankte. „Nur am Geruch, mein Herr. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der Unterschied groß ist.“„Wie heißt Ihr?“ fragte Corwin.„Kieran Marlowe, Sir. Schmiedesohn aus den Hügeln bei Norwood, seit drei Wintern im Dienst des Königs. Und Ihr?“„Corwin D’Arden. Seit zu vielen Wintern im selben Dienst.“„Ah“, sagte Kieran. „Dann wisst Ihr wenigstens, worauf Ihr Euch eingelassen habt. Ich dagegen dachte, Krieg wäre eine Abfolge glorreicher Taten.“„Und jetzt?“Kieran sah nach vorn, wo die Banner im Wind flatterten. „Jetzt denke ich, es ist eher eine Abfolge nasser Stiefel.“Corwin musste unwillkürlich lächeln. Der Mann sprach mit einer Leichtigkeit, die in dieser trostlosen Welt fast unverschämt wirkte. Und doch klang in seiner Stimme etwas, das Corwin verstand: eine Müdigkeit, die sich hinter Worten versteckte wie ein Tier im Schatten.Am Abend schlugen sie Lager am Rand eines toten Waldes auf. Die Bäume dort waren schwarz von altem Brand, knorrig, ohne Blätter. Das Lagerfeuer zischte, als die ersten Tropfen des Regens darauf fielen. Männer hockten im Kreis, wickelten sich in Decken, murmelten Gebete oder fluchten leise in die Dunkelheit hinein.Corwin saß etwas abseits, die Hände um die Schwertscheide gelegt.Er hatte seit Tagen kaum geschlafen. Wenn er die Augen schloss, sah er Gesichter – nicht Feinde, nicht Freunde, nur die namenlosen, die zwischen beiden geblieben waren.Er hörte Schritte im Matsch. Kieran kam, die Schultern gegen den Wind hochgezogen, ein Stück Brot und eine Feldflasche in der Hand.„Darf ich?“ fragte er, ohne zu warten, und ließ sich neben Corwin nieder.„Ihr habt keine Angst vor Kälte?“„Ich hab als Kind in einer Schmiede geschlafen“, sagte Kieran, kaute langsam. „Nach dem ersten Winter fürchtet man kein Feuer mehr, und nach dem zweiten keinen Frost.“Ein Windstoß trieb Funken aus dem Feuer. Sie tanzten kurz auf, glühten, erloschen.Corwin sagte nach einer Weile: „Ihr sprecht mit einer Leichtigkeit, die hier kaum jemand wagt.“„Ich denke, wenn man schon zum Sterben marschiert, sollte man wenigstens sprechen dürfen, wie man will.“Corwin blickte in die Dunkelheit. Der Regen wurde stärker, das Lager versank in dumpfem Murmeln.Er wollte etwas erwidern, aber die Worte kamen nicht. In Kieran war etwas, das ihn beunruhigte – eine Art Freiheit, die gefährlich war.Die Nacht zog sich hin, und irgendwo in der Ferne begann eine Trommel zu schlagen, das Signal für den Aufbruch bei Morgengrauen.Corwin stand schließlich auf, sah in den Himmel, der kaum mehr als ein graues Tuch war.Er dachte: Ein weiterer Tag, ein weiterer Befehl.Doch als er sich abwandte, fiel sein Blick noch einmal auf Kieran, der am Feuer saß, den Kopf leicht geneigt, das Licht spielte auf seinem Gesicht.Und in einem flüchtigen Moment dachte Corwin, dass es vielleicht Dinge gab, für die es sich lohnte, die Befehle zu vergessen.

Kapitel 2Am Morgen lag der Nebel tief über den Feldern. Ein fahles, gleichgültiges Licht breitete sich aus, als würde die Sonne selbst nicht mehr recht wissen, warum sie noch aufging.Das Lager erwachte träge. Pferde schnaubten, Kessel klapperten, Metall klirrte gedämpft durch die feuchte Luft. Männer fluchten leise, als sie ihre durchnässten Riemen und Rüstungen anlegten.Corwin zog den Mantel enger um die Schultern. Das Kettenhemd fühlte sich an, als sei es über Nacht zu Eis geworden. Seine Finger waren steif vom Schlafmangel und vom kalten Tau, der auf allem lag.Neben ihm stampfte sein Pferd unruhig im Matsch, als wüsste es, was der Tag bringen würde.Er schwang sich in den Sattel, der ihm plötzlich schwer vorkam wie Stein. Die Bewegung zog in den Schultern, in den Lenden. Alt bist du geworden, dachte er, obwohl du es noch nicht sein dürftest.Kieran tauchte wenige Augenblicke später aus dem Nebel auf. Der Regen hatte sein Haar dunkler gemacht, und Tropfen liefen über seine Wangen, als hätte er sie mit Absicht dort gelassen.Er stieg auf, rutschte fast ab, fing sich gerade noch – und lachte.„Bei den Göttern,“ murmelte er, als er sich im Sattel zurechtrückte, „wenn dieser Marsch noch einen Tag dauert, kann man mich in der Mitte durchbrechen wie ein Stück Brot.“Corwin sah ihn von der Seite an, den Anflug eines Lächelns kaum verbergend. „Dann habt Ihr das falsche Handwerk gelernt. Ein Schmied sollte härter im Rücken sein.“„Ha!“ Kieran verzog das Gesicht, als er sich zurechtrückte. „Harte Hände, weicher Rücken, so hat mein Vater immer gesagt. Er lag selten falsch. Ich schwör Euch, Sir D’Arden, ich spür die Hälfte meines Leibes nicht mehr. Wenn mich einer jetzt vom Pferd holt, merk ich’s vermutlich erst morgen.“„Dann hofft, dass Ihr bis dahin wieder Gefühl in den Beinen habt.“Kieran lachte, und sein Pferd warf kurz den Kopf. „Ihr klingt fast heiter, Corwin. Fast.“„Fast,“ gab Corwin zurück. „Aber ich gebe zu – das Reiten ist anstrengender als jedes Gefecht, das ich geführt habe. Wenigstens im Kampf weiß man, wann es endet.“„Ich bin nicht sicher, ob das stimmt,“ sagte Kieran nach einer Weile leiser. „Ich habe Männer kämpfen sehen, die noch weitergeritten wären, wenn man sie gelassen hätte. Geradeaus, bis ans Ende der Welt, bloß, um nicht mehr nachdenken zu müssen.“Corwin sah ihn kurz an.Da war etwas in Kierans Stimme, das ihm gefiel – ein rauer Ernst, der aus Erfahrung kam, nicht aus Pose.„Vielleicht marschieren wir alle deshalb,“ sagte Corwin schließlich. „Damit uns keiner fragt, wohin wir wollen.“Kieran grinste schief. „Dann seid Ihr der erste Ritter, den ich kenne, der das zugibt.“Corwin antwortete nicht sofort. Der Regen hatte wieder eingesetzt, feiner jetzt, wie kalter Atem auf der Haut. Die Geräusche des Heeres wurden gedämpft – das Schnauben der Pferde, das Quietschen der Wagenräder, das gedämpfte Klirren der Waffen.Sie ritten eine Weile schweigend nebeneinander her, während der Nebel sich langsam hob und die kahlen Hügel sichtbar wurden. Die Welt war grau und nass, aber nicht ganz leblos – ein einsamer Falke zog über ihnen seine Kreise, verloren im Wind.Corwin spürte, wie der Schmerz in seinem Rücken den Rhythmus der Bewegung annahm. Es war fast beruhigend, wie das stete Schlagen des eigenen Herzens.Dann sagte Kieran, halb im Scherz, halb im Ernst: „Wenn wir je am Ziel ankommen, schwör ich, ich schmeiß mich in den erstbesten Fluss. Nur um zu prüfen, ob ich überhaupt noch Knochen hab.“Corwin schnaubte leise. „Und wenn Ihr feststellt, dass Ihr keine mehr habt?“„Dann bleib ich einfach liegen. Vielleicht merkt’s keiner.“Corwin lachte, leise, ehrlich diesmal. Ein kurzer Laut, der ihm selbst fremd vorkam.Kieran drehte sich halb im Sattel zu ihm. „Da ist es ja,“ sagte er, „ein echtes Lachen. Ich dachte schon, Ihr hättet das verlernt.“„Ich lache nicht oft.“„Dann fangt an.“Corwin sah ihn prüfend an, wollte etwas erwidern, doch der Nebel hatte sie beide fast verschluckt, und das Heer zog weiter, eine graue Linie aus Männern, Pferden, Geräusch und Atem.So ritten sie, Stunde um Stunde, Seite an Seite – zwei Schatten unter einem grauen Himmel, jeder mit seinen Gedanken, und doch nicht mehr ganz allein.Der Regen kam zuerst wie feiner Staub, kaum spürbar – dann dichter, schwerer, bis er ihnen schräg ins Gesicht schlug. Der Wind peitschte vom Westen her über die Felder, trieb die Tropfen wie Splitter gegen Haut und Metall. Die Welt verwischte, verschwamm zu grauen Linien aus Wasser und Erde.Die Pferde senkten die Köpfe, kämpften sich Schritt um Schritt durch den aufgeweichten Boden. Hinter ihnen dröhnten die Rufe der Offiziere, dumpf und nutzlos im Sturm.Corwin zog die Kapuze tiefer ins Gesicht, verfluchte leise die Götter, den Himmel und den König in einem Atemzug.„Wenn das kein göttlicher Spott ist,“ rief er über den Wind hinweg, „dann weiß ich nicht, was! Wir marschieren für den Ruhm Seiner Majestät – und Er lässt uns in einer Suppe aus Schlamm und Regen ertrinken!“Kieran, kaum zwei Pferdelängen neben ihm, musste lachen. Sein Mantel klebte schwer an den Schultern, das Haar tropfte ihm in die Stirn.„Vielleicht ist es gar kein Spott,“ rief er zurück. „Vielleicht will Gott uns nur sagen, dass er genug hat von diesem Krieg. Dass er uns alle aufhalten will, bevor wir noch mehr Elend bringen!“Corwin wandte sich zu ihm, halb zornig, halb erstaunt. „Hütet Eure Zunge, Kieran. Solche Worte bringen Euch den Strick, wenn sie die Falschen hören.“„Die Falschen hören ohnehin, was sie wollen,“ entgegnete Kieran ungerührt. „Und die Richtigen sagen nichts. Ihr glaubt doch nicht, Sir D’Arden, dass hier irgendwer noch an den Ruhm des Königs glaubt?“Corwin schwieg. Der Wind riss ihm die Worte fort, ehe er sie finden konnte.Er wollte widersprechen – aus Pflicht, aus Gewohnheit – doch in seinem Inneren regte sich nichts, was nach Überzeugung klang.„Ihr seid zu kühn,“ sagte er schließlich, leiser. „Und töricht dazu. Redet Ihr so weiter, dann bringt Ihr Euch selbst ins Grab, noch bevor der Feind es tut.“Kieran lachte wieder, rau, fast fröhlich trotz des Regens. „Dann sterbe ich wenigstens, während ich etwas Wahres gesagt habe.“Corwin sah ihn an. Wasser rann Kierans Wangen hinab, sammelte sich an seinem Kinn, tropfte auf die dunkle Rüstung. Trotz des Sturms lag etwas Leichtes in seinem Blick – ein trotziges, unzerstörbares Licht, das der Himmel nicht löschen konnte.„Ihr seid ein Narr,“ murmelte Corwin.„Mag sein,“ erwiderte Kieran. „Aber ein ehrlicher.“Der Wind antwortete mit einem langen, heulenden Laut. Die Kolonne bewegte sich nur noch mühsam vorwärts. Männer fluchten, Pferde scheuten, ein Wagen kippte im Morast.Über all dem lag ein dumpfes Grollen, fern und tief – kein Donner, sondern das entfernte Rollen der Trommeln des Heeres, das vor ihnen zog.Corwin beugte sich im Sattel vor, sprach halblaut, mehr zu sich selbst als zu Kieran:„Wenn der Himmel wirklich Zeichen sendet, dann sind wir zu blind, sie zu deuten.“Kieran hörte es, nickte kaum merklich, und schwieg zum ersten Mal seit Stunden.Der Regen fiel weiter, unaufhörlich, als wollte er alles fortwaschen, was noch an Glanz und Ehre geblieben war. Und doch – irgendwo zwischen Donner und Atem, zwischen Reue und Trotz – wuchs ein stilles Band, das keine der beiden Männer benennen konnte.

Kapitel 3Der Regen hörte nicht auf.Er fiel in langen, gleichmäßigen Bahnen vom Himmel, schlug auf Rüstung, Stoff und Erde, bis selbst der Klang des Sturms nur noch wie ein ferner Atem wirkte. Die Straße hatte sich in einen Fluss verwandelt, die Pferde setzten müde Hufe in schlammiges Wasser, das ihre Spuren sofort wieder verschluckte.Die Trommeln des Heeres waren längst verstummt. Zwischen Wind und Donner hörte man nur das Stöhnen der Tiere und das Klirren loser Ketten.Als die Dämmerung kam, befahl man Halt. Die Männer zerstreuten sich suchend über die Hügel, auf der Suche nach Schutz. Doch als einer von ihnen eine alte, halb eingestürzte Kapelle am Wegesrand entdeckte, murrte das Lager.„Nicht dort“, sagten sie. „Dort haust kein Mensch, nur der Tod selbst.“Aberglaube wog schwerer als Vernunft. Also ritten Corwin und Kieran allein hinüber.Das Gemäuer erhob sich schief zwischen den kahlen Bäumen. Das Dach war an einer Seite eingebrochen, doch ein Teil der Mauern stand noch – alt, moosbewachsen, undurchdringlich grau. Die Tür hing nur an einem Scharnier, vom Sturm halb herausgerissen.„Kein schöner Ort,“ murmelte Kieran, als sie abstiegen.„Aber trocken genug,“ erwiderte Corwin. „Ich nehme, was der Himmel uns lässt.“Im Inneren roch es nach nasser Asche und altem Holz. Das Licht fiel durch die zerbrochenen Fenster in blassen Streifen, und irgendwo tropfte Wasser von einem Balken herab. Ein verwittertes Steinkreuz stand noch hinter dem Altar, von Moos überwuchert.Corwin entzündete mit zitternden Händen ein kleines Feuer aus Resten trockenen Strohs und zerschlagenen Bänken. Das Feuer knisterte schwach, ein winziger, zäher Trost.Kieran hockte sich daneben, hielt die Hände dicht über die Flammen. Der Dampf stieg aus seinem Mantel wie Rauch.Er seufzte leise, und erst jetzt fiel Corwin auf, wie jung er wirkte.Kieran hatte ein Gesicht, das vom Wind geformt war – kantig, offen, mit einem unruhigen Zug um den Mund. Sein Haar, kupferbraun, klebte in Strähnen an der Stirn; seine grünen Augen wirkten im Feuerschein fast golden. Über der Lippe zog sich eine feine Narbe, die ihm etwas Spitzbübisches verlieh, auch wenn sein Blick müde war.Corwin saß ihm gegenüber.Der Schein der Flammen zeichnete Linien auf sein Gesicht – die Wangenknochen scharf, die Schatten tief. Sein Haar war dunkel, fast schwarz, und das Wasser ließ es wie Metall glänzen. Die grauen Augen wirkten kühler als sonst, aber darin lag ein seltsamer Ernst, der nichts mit Strenge zu tun hatte.Eine alte Narbe an der Schläfe trat im Licht deutlich hervor; sie wirkte nicht roh, sondern wie ein Stück Erinnerung, das sich nicht tilgen ließ.Eine Weile sagten sie nichts. Nur das Feuer sprach leise, knackend. Der Sturm heulte über das Dach hinweg, als wolle er die Mauern brechen.„Ihr habt recht gehabt,“ sagte Kieran schließlich, halb lächelnd. „Die Hölle selbst ist wohl ein nasser Ort. Ich dachte immer, sie wäre aus Feuer.“Corwin sah auf, erwiderte das Lächeln kaum merklich. „Vielleicht ist sie beides. Feuer innen, Regen außen.“Kieran streifte den nassen Mantel ab und legte ihn neben das Feuer. Darunter trug er eine einfache Tunika aus grobem Stoff, am Kragen aufgerissen, die Haut darunter hell vor Kälte.„Ich frage mich manchmal,“ sagte er, „ob dieser ganze Krieg je für irgendwen Feuer bedeutet hat. Oder ob er uns nur alle nass macht.“„Ihr sprecht wieder, als wärt Ihr Priester statt Ritter,“ murmelte Corwin, doch seine Stimme war nicht streng.„Dann wäre ich wohl der schlechteste Priester, den man je gesehen hat,“ entgegnete Kieran. „Ich kenne die Gebete, aber ich glaube nicht, dass sie jemand mehr hört.“Das Feuer warf Licht über seine Hände, die rau waren, voller alter Schmiedeschwielen. Corwin bemerkte sie unwillkürlich – ehrliche Hände, dachte er. Solche, die etwas erschaffen konnten, nicht nur zerstören.„Ihr seid ein merkwürdiger Mann,“ sagte er schließlich.„Ich weiß,“ antwortete Kieran schlicht. „Aber ich habe nie behauptet, ein guter zu sein.“Corwin wollte etwas erwidern, aber der Sturm dröhnte über ihnen auf, ließ die Mauern beben. Staub fiel von den Balken, das Feuer flackerte. Beide sahen zum Dach hinauf, wartend, ob es halten würde.Als der Wind sich wieder legte, saßen sie schweigend da. Nur das Tropfen des Wassers war zu hören – ein stetiger, leiser Takt, wie der Puls der Erde selbst.Kieran lehnte sich schließlich gegen die Wand, die Knie angewinkelt, die Hände ausgestreckt. „Wenn ich ehrlich bin,“ murmelte er, „bin ich einfach froh, nicht allein zu sein.“Corwin sah ihn lange an. Dann nickte er langsam.„Ich auch,“ sagte er.Und das war alles. Keine großen Worte, keine Geste – nur zwei Männer im Schein eines kleinen Feuers, die für einen kurzen Moment vergessen durften, wer sie waren und wofür sie kämpften.Draußen wütete der Sturm weiter, doch in der alten Kapelle blieb das Licht – klein, trotzig, lebendig.Ein fahles Licht schlich sich durch die Ritzen der zerbrochenen Fenster, kaum mehr als ein Schimmer, der den Rauch über dem erloschenen Feuer milchig färbte.Corwin öffnete die Augen. Einen Augenblick lang wusste er nicht, wo er war – nur das Dröhnen des Regens war geblieben, gedämpfter jetzt, wie das ferne Rauschen eines Meeres.Dann erinnerte er sich: die Kapelle, der Sturm, Kieran.Er richtete sich langsam auf. Sein Rücken schmerzte vom kalten Boden, und die Glieder fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Das Feuer war fast heruntergebrannt, nur wenige Glutnester glühten noch.Neben ihnen saß Kieran, die Knie angezogen, den Blick auf die Flammen gerichtet.Corwin bemerkte, dass er nicht geschlafen hatte. Sein Gesicht wirkte bleich im ersten Licht, die Augen gerötet vom Rauch.„Ihr wart die ganze Nacht wach,“ sagte Corwin leise.Kieran zuckte kaum mit der Schulter. „Einer musste das Feuer halten.“Corwin sah die Reste der verbrannten Balken, das rußgeschwärzte Holz. Es war nicht viel, aber es hatte gereicht, um sie trocken zu halten.„Ich danke Euch,“ sagte er.„Dankt mir nicht,“ entgegnete Kieran mit einem schwachen Lächeln. „Ich kann ohnehin nicht schlafen, wenn der Wind so heult. Er klingt, als würde jemand etwas sagen, das man nicht verstehen kann.“Corwin nickte langsam, verstand das mehr, als er zeigen wollte. Auch er hatte Nächte gekannt, in denen das eigene Herz lauter sprach als der Verstand.Draußen begann der Himmel aufzuhellen, ein blasses, fast farbloses Grau. Der Regen ließ nach, und das Heulen des Windes wich dem dumpfen Geräusch vieler Stimmen – das Heer wachte auf. Rufe, Hufschläge, das metallische Klirren von Rüstungen drangen aus der Ferne herauf.Corwin stand auf, trat an die Türöffnung. Über die Felder zogen bereits Gestalten, kleine dunkle Punkte in der grauen Weite. Rauch stieg auf, das Geräusch des Lebens kehrte zurück.Kieran trat neben ihn, rieb sich die Hände.„Wie lange noch, meint Ihr?“„Bis Caerwyn?“ Corwin überlegte. „Zwei, vielleicht drei Tage. Wenn der Boden hält. Dann werden wir auf das gegnerische Heer treffen.“