Die Erbin der vergessenen Krone - Simone Lilly - E-Book

Die Erbin der vergessenen Krone E-Book

Simone Lilly

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Beschreibung

Was bleibt von einer Wahrheit, wenn sie nie erzählt werden durfte? Als der Historiker Leonard und die Archivarin Seraphina in der Toskana einer unscheinbaren Spur folgen, ahnen sie nicht, dass sie damit eine Grenze überschreiten. Was als wissenschaftliche Recherche beginnt, führt sie in ein abgelegenes Tal, an einen Ort, der auf keiner Karte vollständig verzeichnet ist – und der mehr erinnert, als er preisgibt. Zwischen vergessenen Kapellen, rätselhaften Symbolen und einer Geschichte, die nie offiziell geschrieben wurde, geraten sie in ein Netz aus Schweigen, Prüfungen und Entscheidungen. Bald wird klar: Manche Wahrheiten sind nicht verloren gegangen. Sie wurden bewacht. Je tiefer Leonard und Seraphina eintauchen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Forschung und persönlichem Einsatz. Und während sich zwischen ihnen eine leise, fragile Nähe entwickelt, wächst zugleich der Druck einer Frage, die alles verändern könnte: Was geschieht, wenn man eine Wahrheit findet, die nie gefunden werden sollte? Ein atmosphärischer Roman über Erinnerung und Verantwortung, Liebe und Loyalität – und darüber, dass Geschichte nicht nur in Archiven lebt, sondern in den Entscheidungen derer, die bereit sind, sich ihr zu stellen.

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Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Simone Lilly

Die Erbin der vergessenen Krone

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Impressum neobooks

Kapitel 1

Es war einer jener frühen Herbsttage, an denen die Luft bereits eine Spur von Kälte trug, obwohl die Sonne sich noch bemühte, ihre letzten goldenen Strahlen über die Dächer der Stadt zu legen. Wien lag unter einem feinen Schleier aus Dunst, und in den gepflasterten Gassen klang das Rattern der Straßenbahnen gedämpft wie eine ferne Erinnerung. Leonard Ardent liebte diese Tage. Sie erinnerten ihn an alte Bücher – an vergilbte Seiten, an den Duft von Pergament und an Geschichten, die so alt waren, dass sie längst niemand mehr erzählte.Er war neunundzwanzig, Historiker von Beruf und Überzeugung, und obwohl er in einer Stadt voller Leben lebte, verbrachte er seine Tage lieber zwischen Regalen und Dokumenten, als auf Empfängen oder in Cafés. In den stillen Sälen der Königlichen Bibliothek, hoch oben unter geschnitzten Holzbalken und zwischen staubigen Manuskripten, fühlte er sich zu Hause. Hier war er nicht nur Leonard – hier war er ein Suchender, ein Entdecker vergangener Welten.An diesem Nachmittag schloss er die schwere Flügeltür des Lesesaals hinter sich und atmete tief durch. Der Raum war leer bis auf das gedämpfte Ticken einer alten Standuhr und das leise Rascheln von Papier irgendwo in der Ferne. Die Bibliothekarin, eine Dame mit grauem Dutt und scharfem Blick, hatte ihm erlaubt, in einem Teil des Archivs zu stöbern, der sonst nicht zugänglich war – ein Raum voller Nachlässe, unbearbeiteter Kisten und vergessener Schriftstücke, die niemand mehr beachtet hatte.„Viel Vergnügen, Herr Ardent,“ hatte sie mit einem kaum merklichen Lächeln gesagt. „Aber wundern Sie sich nicht, wenn Sie hier mehr Fragen als Antworten finden.“Er hatte nur genickt. Mehr Fragen waren ihm ohnehin lieber als Antworten.Die Kiste, die er heute untersuchen wollte, war unscheinbar – ein verstaubter Holzkasten ohne Beschriftung, tief in einer Ecke unter mehreren Lagen vergessener Korrespondenzen. Er öffnete sie vorsichtig, als könne ein unbedachter Griff die Vergangenheit zerreißen. Zunächst fand er Briefe, Rechnungen, ein paar Hofdokumente – gewöhnliches Material, das kaum Aufmerksamkeit wert war. Doch ganz unten, zwischen zwei Bündeln verwitterter Pergamente, lag ein kleines, in dunkelgrünes Leder gebundenes Buch. Es war unscheinbar, doch als Leonard es in die Hand nahm, spürte er sofort: Dies hier war anders.Das Leder fühlte sich eigenartig glatt an, fast weich, obwohl es eindeutig Jahrhunderte alt war. Kein Titel, keine Initialen. Nur ein kaum sichtbares Wappen auf der Rückseite – ein Löwe und eine Lilie, ineinander verschlungen. Leonard kannte es. Es gehörte dem Haus Ventimiglia, einer längst ausgestorbenen Dynastie, deren Name nur noch in Fußnoten auftauchte. Und mit diesem Wappen verband sich eine Geschichte, die ihn schon lange faszinierte: das Rätsel um Königin Isabella, die im Jahr 1562 spurlos verschwand.Er schlug das Buch auf. Die Schrift war fein, fast zierlich, in Tinte, die an manchen Stellen verblasst war. Die ersten Worte ließen ihn den Atem anhalten:„Für den, der eines Tages meine Geschichte verstehen will – und für den, der vielleicht sucht, was ich zurückließ.“Es war ein Tagebuch. Ihr Tagebuch.Leonard lehnte sich zurück, unfähig, den Blick von der Seite zu lösen. Sein Herz schlug schneller, während er die ersten Einträge las: sie erzählten von höfischen Festen, diplomatischen Intrigen, aber auch von Einsamkeit, Sehnsucht, von einer Frau, die mehr war als nur eine Herrscherin. Zwischen den Zeilen schimmerte etwas durch, das er nicht erwartet hatte – ein Ton von Intimität, fast so, als spräche sie zu ihm persönlich.Er wusste nicht, wie viel Zeit verging, bis er sich endlich aus den Seiten löste. Draußen war die Sonne längst untergegangen, und der Lesesaal lag in tiefem Halbdunkel. Doch Leonard spürte keinen Hunger, keine Müdigkeit. Nur einen Gedanken, der sich in ihm festsetzte wie ein leises Echo: Dieses Tagebuch war nicht nur eine historische Entdeckung – es war eine Botschaft. Und vielleicht, so ahnte er vage, war sie nicht zufällig in seine Hände geraten.Als er die Bibliothek verließ, hüllte ihn die kalte Abendluft ein, und irgendwo zwischen den Gaslaternen und den fernen Glockenschlägen der Stadt schien ein neues Kapitel seines Lebens begonnen zu haben.

Kapitel 2

Die Nächte danach gehörten nicht mehr ihm. Sie gehörten ihr.Seit jenem Nachmittag in der Bibliothek war Leonard Ardent kaum wiederzuerkennen. Wo er früher seine Abende mit Artikeln, Quellenvergleichen oder halbherzigen Gesprächen mit Kollegen verbracht hatte, saß er nun Nacht für Nacht in seiner kleinen Altbauwohnung und beugte sich über vergilbte Seiten. Das grüne Leder des Tagebuchs lag fast immer offen auf seinem Schreibtisch, mitten in einem Meer aus Notizzetteln, alten Landkarten, Fachbüchern und leerer Kaffeetassen.Leonard lebte allein in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock eines alten Hauses in der Josefstadt. Die Wohnung hatte etwas Vergangenes an sich – hohe Decken, knarzende Dielen, Fenster mit schweren Holzrahmen –, aber sie war weit davon entfernt, gemütlich zu sein. Überall stapelten sich Bücher, lose Blätter, halb ausgedruckte Dissertationen und vergessene Zeitschriften. Auf dem Boden lag eine Schicht aus Papier, die man fast für einen Teppich halten konnte.In der Küche herrschte Chaos: leere Nudelpackungen, Pizzakartons, Plastiklöffel, Dosenöffner. Die Herdplatten waren seit Wochen nicht mehr benutzt worden. Leonard kochte nicht. Er bestellte, wenn er daran dachte, oder warf eine Tiefkühlpizza in den Ofen, während er weiterlas. Essen war Nebensache geworden – ein notwendiges Übel, das ihn nur davon abhielt, in Isabellas Welt einzutauchen.Heute Abend war es wieder so. Der Wind rüttelte an den Fensterläden, und eine Straßenlaterne warf flackerndes Licht in den Raum. Leonard hatte sich eine alte Wolldecke um die Schultern gelegt, eine Hand lag gedankenverloren um eine kalte Tasse Kaffee, die andere glitt Seite um Seite über Isabellas Schrift.„Ich bin Königin und doch nicht frei. Man nennt mich mächtig, und doch gehöre ich mir selbst nicht. Mein Herz schlägt für ein Leben, das nicht das meine sein darf…“Die Worte wirkten wie eine Beschwörung. Leonard las sie wieder und wieder, bis er sie auswendig konnte. Er stellte sich ihre Stimme vor – leise, fest, vielleicht mit jenem weichen Akzent, den die Höfe Südeuropas im 16. Jahrhundert kannten. Er versuchte, ihr Gesicht zu sehen, nicht das auf den Gemälden, sondern jenes, das zwischen diesen Zeilen lebte: jung, verletzlich, zerrissen zwischen Krone und Sehnsucht.Mit jedem Absatz, den er las, wurde ihm klarer, dass dies kein gewöhnliches Dokument war. Es war nicht nur eine Quelle, nicht nur ein Stück Geschichte. Es war ein Mensch. Und dieser Mensch begann, Raum in seinem Kopf einzunehmen, so selbstverständlich, dass es ihn beunruhigte.Er vergaß Termine. Eine Einladung zu einer Vortragsreihe blieb ungelesen auf dem Schreibtisch liegen. Die E-Mails seines Betreuers häuften sich, unbeantwortet. Draußen wurde es Herbst, dann früher Winter, ohne dass er es wirklich bemerkte.Manchmal legte er das Buch zur Seite, schloss die Augen und versuchte, nicht an sie zu denken. Doch immer wieder zog es ihn zurück. Er las weiter, tiefer hinein in ihre Welt: von Hofritualen, von Intrigen, von einer namenlosen Liebe, die zwischen den Zeilen nur angedeutet wurde.Er begann zu träumen. Nächte, in denen er nicht mehr in seiner unaufgeräumten Wohnung war, sondern durch die langen Gänge eines Palastes schlich, den er nie betreten hatte. Nächte, in denen er dachte, eine Frauenstimme zu hören, ganz nah, als würde sie direkt in sein Ohr flüstern.„Wenn eines Tages jemand meine Worte liest, dann möge er verstehen, was Pflicht bedeutet. Und was sie zerstört.“Leonard öffnete die Augen, blinzelte in das matte Licht der Schreibtischlampe und schob die leere Pizzaschachtel von der Tischkante. Er wusste nicht, wie spät es war. Vielleicht zwei Uhr morgens. Vielleicht drei. Doch er fühlte keinen Schlaf, keinen Hunger, keine Müdigkeit – nur diese seltsame, stille Gewissheit, dass sich sein Leben verändert hatte.Und tief in ihm wuchs eine leise, unheimliche Frage: Warum hatte sie dieses Tagebuch geschrieben, als ob es für ihn bestimmt wäre?

Kapitel 3

Das Telefon klingelte zum dritten Mal, bevor Leonard es überhaupt bemerkte. Es lag halb unter einem Stapel Bücher, der sich über den Rand seines Schreibtischs ergossen hatte, und vibrierte dort ungeduldig wie ein kleines Tier, das herauswollte. Er riss sich widerwillig von den Zeilen des Tagebuchs los, die er gerade zum wiederholten Mal las, und fischte das Gerät unter den Papieren hervor.Auf dem Display stand ein Name, den er in den letzten Tagen konsequent ignoriert hatte: Prof. Dr. Matthias Herzig.Er seufzte. Dann nahm er ab.„Leonard! Endlich!“ Die Stimme am anderen Ende war zugleich erleichtert und vorwurfsvoll. „Ich habe dich seit einer Woche nicht erreicht. Keine E-Mails, keine Rückrufe. Ist bei dir alles in Ordnung?“„Ja… ja, natürlich“, murmelte Leonard und rieb sich mit der freien Hand über die Stirn. „Es tut mir leid, ich war einfach beschäftigt.“„Beschäftigt?“, wiederholte Herzig mit einer Mischung aus Skepsis und Sorge. „Leonard, wir haben in zehn Tagen unser Kolloquium. Ich erwarte, dass du dort wenigstens einen Zwischenstand deiner Arbeit präsentierst. Aber im Moment weiß ich nicht einmal, ob du noch daran arbeitest.“Leonard trat ans Fenster, starrte hinaus auf die dunkle Straße. Eine Straßenbahn quietschte in der Ferne um die Kurve, eine Frau führte ihren Hund über das Kopfsteinpflaster. Alles wirkte plötzlich seltsam fern, unwirklich – als gehörte es zu einem Leben, das nicht mehr seines war.„Ich arbeite daran“, sagte er schließlich. Es war nicht gelogen, nicht ganz. Er arbeitete – nur eben nicht an dem, was Herzig erwartete.„Verzeih mir, wenn ich ehrlich bin“, fuhr sein Betreuer fort, „aber das klingt nicht überzeugend. Du warst bisher einer der gewissenhaftesten meiner Doktoranden. Und jetzt – nichts. Kein Kapitel, keine Notizen, nicht einmal eine Rückmeldung. Ich mache mir Sorgen, Leonard. Wirklich.“Leonard presste die Lippen aufeinander. Die Sorge in Herzigs Stimme war echt, und sie traf ihn dort, wo er sich am verletzlichsten fühlte: bei seinem Pflichtgefühl. Er mochte sein Fach. Er mochte die Forschung. Aber all das schien plötzlich so bedeutungslos gegenüber dem, was ihn jede Nacht an den Schreibtisch zog.„Ich weiß“, sagte er leise. „Ich weiß, ich war nachlässig. Es ist nur… ich habe etwas gefunden, das mich sehr beschäftigt. Eine Quelle, ein Dokument. Es könnte wichtig sein.“„Wichtiger als deine Dissertation?“ Herzigs Ton war jetzt schärfer.„Vielleicht nicht wichtiger“, wich Leonard aus, „aber… anders. Es könnte eine neue Perspektive eröffnen. Ich muss das erst zu Ende denken.“Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Moment Schweigen. Dann seufzte Herzig.„Leonard, ich will nicht der Spielverderber sein, aber du bist kein Student mehr. Du bist ein Forscher, und Forscher haben Verpflichtungen. Begeisterung ist gut, sie ist sogar notwendig – aber sie darf dich nicht auffressen.“Die Worte hallten in Leonard nach, lange nachdem er sich verabschiedet und aufgelegt hatte. „Sie darf dich nicht auffressen.“ Aber genau das geschah. Das Tagebuch fraß ihn auf, Seite für Seite, Gedanke für Gedanke.Er ließ sich wieder auf seinen Stuhl fallen, starrte auf das grüne Leder vor sich. Es lag da wie ein stummer Vorwurf – oder wie eine Einladung. Vielleicht beides.Herzig hatte recht. Er musste sich zusammenreißen, zurückfinden, seine Arbeit fertigstellen. Doch kaum hatte er den Gedanken zu Ende gedacht, griff er schon wieder nach dem Buch und schlug es auf.Die Nacht war noch jung. Und Isabella wartete.

Kapitel 4Die Nacht nach dem Telefonat war kälter als gewöhnlich. Draußen fegte der Wind über die Dächer, ließ die Fenster zittern und sang leise in den Ritzen der alten Mauern. Leonard hatte den Mantel über seinen Stuhl gehängt, doch er merkte nicht, wie die Kälte langsam in den Raum kroch. Seine Gedanken waren längst woanders – auf den vergilbten Seiten des Tagebuchs, die er wieder und wieder durchlas, als könne er durch schieres Beharren mehr aus ihnen herausholen als geschrieben stand.Die ersten Einträge kannte er inzwischen auswendig. Doch an diesem Abend hatte er beschlossen, weiterzulesen – tiefer in Isabellas Leben vorzudringen, über die höfischen Feste und politischen Allianzen hinaus.„Heute erreichte uns eine Gesandtschaft aus Norden. Ihr Sprecher, ein gewisser Marchese di Maren, sprach mit Zunge aus Honig und Augen aus Glas. Ich traue ihm nicht, und doch hat er etwas versprochen, das ich nicht ablehnen kann.“Leonard blinzelte. Maren.Er las den Satz erneut, diesmal langsamer. Der Name war ihm aufgefallen, aber er konnte nicht sagen, warum. Er war weder berühmt noch ein geläufiger Bestandteil der bekannten Geschichte jener Zeit. Und doch klang er vertraut – als hätte er ihn erst kürzlich gehört oder gelesen.Er blätterte weiter. Der Marchese tauchte erneut auf, einige Seiten später, beiläufig erwähnt zwischen Berichten über Ratsversammlungen und Jagdausflüge.„Der Marchese di Maren riet mir zur Vorsicht, doch seine Warnungen waren wie Schatten – überall und nirgends zugleich.“Leonard lehnte sich zurück, starrte an die Decke und ließ den Namen in seinem Kopf kreisen. Maren.Woher kannte er ihn?Er stand auf, ging zum Regal, durchsuchte einige Fachbücher und Notizen, ohne genau zu wissen, wonach er suchte. Schließlich zog er eine Mappe hervor – alte Forschungsunterlagen zu Adelsgeschlechtern der Renaissance, die er im ersten Jahr seiner Promotion angelegt hatte. Er blätterte sie hastig durch.Da war es: Maren – ein kleines Adelsgeschlecht aus dem nördlichen Piemont, politisch unbedeutend, Anfang des 17. Jahrhunderts ausgestorben. Kaum zwei Zeilen widmeten sich diesem Haus in der Literatur. Und doch: Einige der Namen tauchten bis ins 19. Jahrhundert hinein wieder auf, verstreut in Briefwechseln, in Handelsregistern, in Kirchenbüchern.Leonards Herz schlug schneller. Wenn Isabella einen Marchese di Maren kannte – und er tatsächlich eine Rolle an ihrem Hof spielte –, dann war das ein Detail, das in keinem Geschichtsbuch erwähnt wurde. Und wenn dieses Haus bis in die Neuzeit Spuren hinterlassen hatte…Er ging zum Fenster, sah hinaus auf die Stadtlichter. In seinem Kopf fügte sich ein leises, aber hartnäckiges Puzzle zusammen. Vielleicht war der Name nicht nur ein Zufall. Vielleicht war er ein Faden, der nie ganz abgerissen war – ein Faden, der sich bis in die Gegenwart spannte.Er schloss das Tagebuch und legte die Hand auf den Einband, als könne er die Geschichte darunter fühlen. Plötzlich war er hellwach. Das Gefühl, dass die Vergangenheit mehr mit seiner Gegenwart zu tun hatte, als er sich je hätte vorstellen können, nagte an ihm.Marchese di Maren.Er sprach den Namen halblaut aus, als wolle er prüfen, wie er schmeckte. Und dann lächelte er, ein dünnes, fast nervöses Lächeln.Vielleicht sollte er herausfinden, ob dieses Haus wirklich ausgestorben war.

Kapitel 5Es war kurz nach Mitternacht, als Leonard zum ersten Mal den Namen Maren in eine Suchmaschine tippte. Er hatte sich eigentlich vorgenommen, früh schlafen zu gehen – ein Versuch, wieder Ordnung in sein Leben zu bringen, so wie es Professor Herzig geraten hatte. Doch kaum war der Gedanke aufgekommen, hatte er sich selbst belächelt. Schlaf schien ein Relikt aus einem früheren Leben zu sein, genauso wie geregelte Mahlzeiten oder feste Tagesabläufe.Die Dunkelheit lag schwer über seiner Wohnung, nur der flackernde Schein seines Laptops erhellte den Raum. Neben der Tastatur stand ein halb gegessener Instantnudel-Becher, längst kalt geworden, und auf dem Boden häuften sich weitere, leere Verpackungen. Draußen pfiff der Wind durch den Kaminschacht, doch Leonard hörte nichts davon. Sein gesamter Fokus lag auf dem Bildschirm.Er begann systematisch zu suchen. Alte Familienregister, digitale Kirchenbücher, genealogische Datenbanken. Seite um Seite, Dokument um Dokument. Maren. Überall stieß er auf Bruchstücke: eine Randnotiz hier, ein Erwähnung dort. Eine Handelsgesellschaft aus dem 18. Jahrhundert, gegründet von einem gewissen „Alessandro di Maren“. Ein Briefwechsel zwischen zwei kleineren Fürstenhäusern, in dem ein „Signore di Maren“ als Vermittler genannt wurde.Dann, gegen drei Uhr morgens, während seine Augen längst brannten und seine Finger steif von der Kälte waren, stieß er auf etwas, das ihn erstarren ließ.Ein Artikel aus einer universitären Publikationsreihe. Kaum beachtet, wenige Klicks. Doch der Titel ließ sein Herz schneller schlagen:„Über die Nachkommen vergessener Adelslinien im modernen Europa“ – verfasst von einer gewissen Dr. Seraphina Maren.Leonard starrte auf den Namen, als hätte sich der Bildschirm gegen ihn verschworen. Seraphina Maren. Nicht nur der Nachname, sondern auch der Kontext: eine Historikerin, die sich mit Familiengeschichte beschäftigte. Und – wie ein kurzer Blick ins Autorenprofil verriet – Dozentin an der Universität Florenz.