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Ein Sturm. Eine Insel. Zwei Leben, die nie füreinander bestimmt waren. Als Elian Whitmore und Evelyne de Clermont nach einem Schiffsunglück an einem fremden Strand erwachen, bleibt ihnen nichts außer dem nackten Überleben – und einander. Fernab von Gesellschaft, Erwartungen und vorgezeichneten Wegen müssen sie lernen, was es heißt, wirklich zu leben. Zwischen brennender Sonne, endlosem Meer und stillen Nächten wächst etwas, das stärker ist als Angst, Pflicht und Vernunft. Doch wie frei ist eine Liebe, wenn die Welt draußen noch existiert? Und was geschieht, wenn man vor die Wahl gestellt wird zwischen Sicherheit und dem eigenen Herzen? Ein emotionaler Inselroman über Nähe und Distanz, Mut und Zweifel – und über die eine Entscheidung, die alles verändert.
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Seitenzahl: 75
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Verloren, um gefunden zu werden
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Impressum neobooks
Der Sturm kam schneller, als irgendjemand es hätte erwarten können.Am Nachmittag war das Meer noch ruhig gewesen, ein endloses Blau, das in der Sonne glitzerte. Die „Celestine“ hatte sich sanft durch die Wellen geschoben, und selbst die erfahrensten Matrosen hatten keinen Grund zur Sorge gehabt. Doch bei Sonnenuntergang änderte sich alles.Zuerst kam der Wind – ein leises Rauschen, das bald zu einem Heulen anwuchs. Dann die Wellen, die höher und wilder wurden, bis sie wie graugrüne Berge gegen das Holz des Schiffes donnerten. Befehle wurden gebrüllt, Taue gespannt, Segel eingeholt, aber es war zu spät.Elian Whitmore klammerte sich an die Reling und versuchte, nicht an das zu denken, was sein Vater sagen würde, wenn er erfahren sollte, dass sein Sohn auf einer Handelsreise untergegangen war. Nicht jetzt. Konzentriere dich. Er hatte gelernt, ruhig zu bleiben, auch in Gefahr – doch die Natur lachte über seine Selbstbeherrschung.„Haltet euch fest!“, schrie jemand, kurz bevor ein Brecher über Deck rollte und ihn von den Füßen riss. Kaltes Wasser füllte seine Lungen, Panik durchzuckte seinen Körper. Dann nur noch Dunkelheit.Als er wieder zu sich kam, war alles still. Kein Donnern der Wellen, kein Splittern von Holz, nur das gleichmäßige Rauschen des Meeres. Elian hustete Salzwasser aus, sein Körper zitterte vor Kälte. Unter sich spürte er feinen Sand. Über sich – Sonne.Er lebte.Mit Mühe setzte er sich auf und sah sich um. Eine Insel. Grün und wild, mit dichten Palmenhainen und einem schmalen Strand. Kein Schiff, keine Überlebenden – nur vereinzelte Wrackteile, die an Land gespült wurden.Er war allein. Zumindest glaubte er das – bis er ein leises Geräusch hörte. Ein Husten. Dann ein Stöhnen.Nur wenige Meter entfernt lag eine Frau im Sand. Ihr Kleid war zerfetzt, das dunkle Haar klebte nass an ihrer Stirn, und sie atmete flach. Elian zögerte einen Moment. Eine Passagierin? Er hatte sie vielleicht flüchtig gesehen, mehr nicht.Er kroch zu ihr, legte vorsichtig eine Hand auf ihre Schulter. „He, können Sie mich hören?“Sie zuckte zusammen, ihre Augen öffneten sich mühsam. Blaugrau, klar und ängstlich zugleich. „Wo… wo sind wir?“„Gestrandet“, sagte er ruhig, obwohl sein Herz raste. „Ich glaube, wir sind die Einzigen, die überlebt haben.“Die Frau versuchte sich aufzurichten, doch ihre Beine gaben nach. Elian fing sie auf, ohne darüber nachzudenken.„Ich heiße Elian Whitmore“, sagte er schließlich.Sie schluckte, ihre Stimme zitterte. „Evelyne. Evelyne de Clermont.“Er nickte. Ein Name aus gutem Hause, wie er vermutet hatte. Und nun waren sie zwei Fremde, gestrandet am Ende der Welt.Die Sonne stieg höher, brannte auf ihre nassen Kleider, während sie schweigend nebeneinander saßen und versuchten zu begreifen, was geschehen war.Elian war nie ein Mann gewesen, der an Schicksal glaubte. Sein Leben war geplant gewesen, geordnet, jeder Schritt festgelegt von Erwartungen und Verpflichtungen. Doch hier, auf dieser unbekannten Insel, zählte keiner dieser Pläne. Hier war nur das Jetzt – und eine Frau, die er kaum kannte, deren Leben nun mit seinem verknüpft war.Evelyne starrte aufs Meer hinaus. Ihr Kopf war schwer, ihre Gedanken chaotisch. Das kann nicht wahr sein. Irgendjemand wird kommen. Irgendjemand wird uns finden. Und doch wusste sie, tief in ihrem Inneren, dass niemand kommen würde – nicht heute, nicht morgen.Sie schlang die Arme um sich, als könnte sie sich so gegen die Angst schützen.„Wir müssen hier weg“, flüsterte sie schließlich.„Wohin?“ fragte Elian leise. „Hier gibt es nur Strand und Dschungel.“Sie schwieg. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie keine Antwort. Keine Gouvernante, die ihr sagte, was sie zu tun habe. Kein Vater, der Entscheidungen für sie traf. Nur sie – und dieser fremde Mann.Und irgendwo tief in ihr wuchs eine Erkenntnis:Dies war kein Albtraum, aus dem sie aufwachen konnte.Dies war der Anfang von etwas Neuem. Etwas, das sie beide noch nicht begreifen konnten.
Kapitel 2Die Sonne stand hoch, als sie sich endlich aufrafften.Die erste Schockstarre nach dem Unglück hatte sie wie Lähmung gefangen gehalten, doch nun spürten beide, dass sie nicht länger einfach sitzen und warten konnten.„Wir müssen Wasser finden“, sagte Elian nach einer Weile, während er sich die nassen Haare aus der Stirn strich. „Ohne Trinkwasser überleben wir höchstens drei Tage.“Evelyne nickte stumm. Ihre Lippen waren trocken, ihre Kehle rau. Doch der Gedanke, sich allein in diesen wilden, unbekannten Wald zu wagen, ließ sie frösteln.„Wasser“, wiederholte sie leise, mehr zu sich selbst als zu ihm. „Ja… ja, natürlich.“Sie gingen los – zuerst zögerlich, dann entschlossener. Der Sand unter ihren Füßen wurde weicher, ging bald in ein Geflecht aus Gras und Wurzeln über, und der dichte Schatten der Bäume nahm sie auf wie ein verschluckendes Maul.Evelyne blieb immer dicht hinter Elian, ihr Blick huschte nervös zwischen den Bäumen hin und her. Jeder Laut ließ sie zusammenzucken: das Rascheln eines Vogels im Geäst, das Knacken eines Zweigs unter ihrem eigenen Fuß.„Es ist nur ein Tier“, sagte Elian irgendwann, ohne sich umzudrehen. „Wahrscheinlich nichts Gefährliches.“„Nichts Gefährliches?“ Sie blieb stehen, ihr Herz raste. „Wie können Sie das wissen? Sie wissen überhaupt nicht, was hier lebt!“Er drehte sich zu ihr um, und obwohl seine Worte sachlich waren, lag ein Anflug von Sanftmut in seiner Stimme. „Wenn hier Raubtiere wären, hätten wir sie längst gehört. Großwild bewegt sich nicht leise. Außerdem…“ Er deutete auf den Boden. „Keine Spuren. Keine Krallen, keine Pfoten. Nur Vögel und kleine Tiere.“„Sie sprechen darüber, als wären Sie ein Naturkundler.“Er lächelte leicht. „Bin ich nicht. Aber ich habe als Junge viel Zeit im Wald verbracht. Mein Vater fand es unangebracht, doch ich…“ Er stockte. „Ich mochte es dort. Es war der einzige Ort, an dem niemand etwas von mir erwartete.“Evelyne sagte nichts, doch sie merkte sich den Satz. Es war das erste Mal, dass er etwas Persönliches preisgab. Und es war, als würde er damit eine kleine Brücke zwischen ihnen schlagen.Nach einer Stunde fanden sie, was sie suchten. Zwischen zwei bemoosten Felsen sprudelte ein dünner Wasserlauf hervor, klar und eiskalt. Elian kniete sich sofort hin, prüfte den Lauf und ließ ein wenig Wasser über seine Finger laufen.„Es ist frisch. Wir können es trinken, aber vorsichtig – erst ein paar Schlucke.“Evelyne zögerte. Sie starrte auf das Wasser, das friedlich vor sich hinplätscherte, doch in ihrem Kopf wuchsen düstere Bilder: Krankheiten, Fieber, Tod.„Was, wenn es verseucht ist?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Was, wenn wir daran sterben?“„Dann hätten wir es ohnehin getan“, sagte Elian ruhig. „Nur eben langsamer.“Er schöpfte eine Handvoll Wasser und trank. Es war kalt und rein, schmeckte nach Stein und Erde, nach Leben. Er nickte ihr zu. „Versuchen Sie es.“Langsam kniete sie sich neben ihn. Ihre Finger zitterten, als sie das Wasser aufnahm und an ihre Lippen führte. Der erste Schluck brannte fast in ihrer Kehle, so durstig war sie. Dann der zweite. Dann der dritte.Und plötzlich lachte sie – ein leises, nervöses Lachen, aber ein echtes. „Wir leben.“„Noch tun wir das“, sagte Elian und lächelte. „Und wenn wir weiterdenken, vielleicht auch morgen.“Sie fanden später am Nachmittag ein paar Früchte – klein, säuerlich, aber essbar – und sammelten Treibholz am Strand, um ein Feuer zu entzünden. Elian war überrascht, wie geschickt Evelyne mit ihren feinen Händen arbeitete, wenn sie sich erst einmal überwunden hatte. Sie war nicht so zerbrechlich, wie sie auf den ersten Blick gewirkt hatte.Und doch sah er auch ihre Angst. Sie lag wie ein Schatten in ihren Augen, machte sie still, hielt sie davon ab, in die Bäume zu gehen oder nachts allein am Feuer zu sitzen.Sie hat ihr Leben in Salons verbracht, dachte er, während sie schweigend nebeneinandersitzen. Nie gelernt, zu überleben. Und doch ist sie hier. Und sie versucht es.Evelyne hingegen konnte seinen Blick kaum ertragen. Er wirkt so sicher, so ruhig, dachte sie. Wie kann er in all dem Chaos so gefasst bleiben?Gleichzeitig war sie dankbar für seine Präsenz. So sehr sie sich auch dagegen wehrte – sie wusste, dass sie ohne ihn verloren wäre. Und diese Abhängigkeit, dieses Wissen, nicht allein bestehen zu können, brannte wie ein stiller Schmerz in ihrer Brust.Als die Sonne unterging und das Feuer in der Dämmerung knisterte, sagte Elian leise:„Wir werden es schaffen.“„Woher wollen Sie das wissen?“„Weil wir müssen.“Sie sah ihn an. Zum ersten Mal seit dem Sturm fühlte sie sich ein kleines bisschen sicher. Und während die Nacht über sie hereinbrach, dachte sie nicht mehr nur an Rettung. Sie dachte an Überleben. Und daran, dass sie es vielleicht… gemeinsam tun könnten.
Kapitel 3Die ersten Tage auf der Insel vergingen wie in einer dichten, trägen Wolke aus Erschöpfung und Notwendigkeit. Jeder Morgen begann mit derselben Routine: Wasser holen, Feuerholz sammeln, nach etwas Essbarem suchen. Und doch war in diesen Handgriffen etwas Neues – ein stiller Takt, der sie beide näher zueinander führte.
