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Rowan ist ein Auftragsmörder. William ist der Thronfolger von Ashcombe. Rowan soll ihn töten – doch im entscheidenden Moment zögert er. Statt den Verräter zu entlarven, zieht der Prinz ihn näher an sich heran. Zwischen höfischen Intrigen, einer tödlichen Frist und der unerbittlichen Gilde der Schatten wächst ein gefährliches Vertrauen. Als ein zweiter Attentäter die Jagd eröffnet, bleibt ihnen nur die Flucht – und Entscheidungen, die keiner von beiden überleben könnte, ohne sich selbst zu verlieren. Ein Roman über Schuld und Verantwortung, über Freundschaft an der falschen Stelle – und über die Frage, was von einem Menschen bleibt, wenn er sich weigert, das zu tun, wofür er geschaffen wurde.
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Seitenzahl: 155
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Ein König und sein Mörder
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Impressum neobooks
Der Morgen roch nach Regen. Ein feiner Nebel hing über den schmalen Gassen der Stadt, und in der Ferne läuteten die Glocken von Ashcombe Castle zur Frühmesse. Der Herbst hatte das Königreich fest im Griff: graue Wolken über dem Hof, welke Blätter auf den Pflastersteinen und ein Wind, der wie ein Flüstern durch die Zinnen der Burg zog.Prinz William of Ashcombe, einziger Sohn von König Aldred, stand am Fenster seines Gemachs und blickte hinaus auf den Burghof. Dort unten waren die Stallknechte bereits bei der Arbeit, Hufschmiede hoben die schweren Hufe der Pferde, und irgendwo erklang das Lachen eines Küchenjungen. William aber empfand keinen Anlass zum Lächeln.Er war zweiundzwanzig Jahre alt, zu jung, um das Gewicht einer Krone auf seinen Schultern zu tragen, und doch zu alt, um weiter der Welt entrückt zu leben, wie es von ihm erwartet wurde. Sein Leben war ein streng geregeltes Uhrwerk: Lektionen in Diplomatie, Sitzungen mit dem Rat, Empfänge, bei denen er höflich lächeln und leere Worte sprechen musste. Nur in den stillen Stunden des Morgens, wenn der Nebel die Burg wie ein Schleier umhüllte, konnte er für einen Augenblick vergessen, was auf ihn wartete.„Euer Hoheit?“ Eine Stimme riss ihn aus den Gedanken. Es war Sir Emrick, sein ältester Berater. „Der König erwartet Euch zur Ratsversammlung.“William nickte, ließ den Vorhang fallen und wandte sich um.„Ich komme gleich“, murmelte er und griff nach dem Mantel mit dem Wappen der königlichen Familie.Er wusste nicht, dass an diesem Morgen, irgendwo im Schatten der Stadt, ein Mann denselben Nebel durchquerte – doch mit einem ganz anderen Ziel.Rowan Hale war kein Mörder aus Überzeugung. Er war ein Mann, der gelernt hatte zu überleben.Geboren in den Gassen von Brixford, großgeworden zwischen Hunger und Diebstahl, hatte er früh begriffen, dass das Leben selten eine zweite Chance bot. Die Gilde, die ihn ausgebildet hatte, nannte sich „die Grauen Hände“ – eine Bruderschaft aus Spionen, Meuchelmördern und Söldnern, die ihre Dienste an den Höchstbietenden verkaufte.Und der Auftrag, den man ihm anvertraut hatte, war der wertvollste seines Lebens: Töte den Prinzen von Ashcombe.Rowan zog sich die Kapuze tiefer ins Gesicht, während er die Brücke über den Burggraben passierte. In seiner Tasche lag eine falsche Empfehlungsschrift – sorgfältig gefälscht, um ihn als einfachen Stallknecht auszuweisen. Sein Plan war simpel: sich Zutritt verschaffen, Vertrauen erschleichen, und dann zuschlagen.Zumindest war es so geplant gewesen.Doch nichts verlief so, wie er es sich vorgestellt hatte.„He, du da!“ Eine Wache hielt ihn an, musterte ihn misstrauisch. Rowan zwang sich zu einem freundlichen Lächeln, verbeugte sich unbeholfen.„Rowan Hale, Herr. Bin geschickt worden, um im Stall zu helfen. Aus Brixford.“Die Wache warf einen Blick auf das Schreiben, runzelte die Stirn und nickte schließlich. „Gut. Folge mir.“Rowans Herz klopfte. Er war in der Burg. Er war dort, wo er sein musste.Nur eines hatte er nicht bedacht: dass er seinem Ziel so viel früher begegnen würde, als geplant.Der Burghof war belebt, als William die Treppen hinabstieg. Seine Schritte hallten auf den Steinplatten wider, und mehrere Bedienstete blieben stehen, um sich zu verbeugen. Er erwiderte ihre Grüße höflich, wenn auch distanziert – bis er plötzlich jemanden sah, der nicht hierher gehörte.Ein junger Mann stolperte gerade über einen Eimer Wasser, der überlief und ihm das halbe Bein durchnässte. Ein Stallknecht schüttelte den Kopf, und ein paar Mädchen kicherten hinter vorgehaltener Hand.„Wahrlich eine eindrucksvolle Vorstellung am ersten Tag“, meinte William trocken, ehe er sich selbst dafür tadelte, überhaupt etwas gesagt zu haben.Der Fremde blickte auf – und ihre Augen begegneten sich.Er hatte warmes, braunes Haar, das ihm wirr in die Stirn fiel, und grüne Augen, die mehr Schalk als Bosheit verrieten.„Verzeiht, Mylord“, stammelte der Mann und verneigte sich so tief, dass er beinahe wieder stolperte. „Es scheint, meine Beine gehorchen mir heute weniger als mein Verstand.“William musste lächeln – ganz gegen seine Gewohnheit. „Dann hoffe ich, sie lernen es bald. Sonst wird der Stall euch nicht lange sehen wollen.“„Ich gebe mein Bestes, Hoheit.“ Rowan spürte, wie ihm heiß wurde. Verdammt, das war nicht Teil des Plans. Er wollte unauffällig bleiben, doch jetzt hatte er direkt die Aufmerksamkeit seines Ziels geweckt.William ging weiter, doch er drehte sich noch einmal um. Der seltsame Knecht sah ihm nach, und für einen winzigen Moment – kaum länger als ein Atemzug – fragte sich der Prinz, warum ihm dieser Blick nicht aus dem Kopf ging.Und Rowan? Er dachte zum ersten Mal in seinem Leben, dass Töten vielleicht nicht so einfach sein würde, wie man es ihm beigebracht hatte.
Der Morgen brach mit einem matten Licht über Ashcombe Castle herein. Nebelschwaden krochen wie Geisterfinger über die Felder, und die ersten Sonnenstrahlen tasteten sich zögerlich über die hohen Türme und steinernen Mauern. Der Klang der Glocke aus der Schlosskapelle zerschnitt die Stille und kündete vom Beginn eines neuen Tages – ein Tag wie viele andere und doch voller ungesagter Dinge.William war nie ein Freund der frühen Stunden gewesen, und doch begann sein Tag stets lange vor dem Aufgang der Sonne. Noch bevor die Dienerschaft die Feuer in den Hallen entzündete, standen die Kammerdiener bereit, um ihn zu wecken.„Guten Morgen, Eure Hoheit“, murmelte der alte Edmund, der ihn schon als Kind betreut hatte. William setzte sich verschlafen auf und ließ sich in die Kleidung des Tages hüllen – ein dunkelblauer Wams mit goldenen Knöpfen, bestickt mit dem Familienwappen: ein silberner Löwe auf schwarzem Grund.Der erste Teil des Tages war stets gleich: ein Gebet in der Kapelle, begleitet vom Hofgeistlichen, dann eine Stunde Fechttraining im Innenhof. William mochte den Kampf mit der Klinge. Er war eine der wenigen Tätigkeiten, bei der er nicht nachdenken musste. Der Schwertgriff in seiner Hand, das rhythmische Klirren von Stahl, der dumpfe Aufprall der Schritte auf dem Sandboden – all das ließ ihn für einen Moment vergessen, dass sein Leben aus Pflichten bestand.„Bessere Haltung, Hoheit“, mahnte sein Lehrer Sir Emrick, während William den letzten Schlag führte. „Euer Gegner wird nicht warten, bis Ihr bequem steht.“„Mein Gegner wird hoffentlich nie die Gelegenheit bekommen“, erwiderte William, den Blick starr auf den Übungspartner gerichtet. Doch innerlich wusste er, dass er sich nicht auf ein Leben ohne Gegner verlassen konnte – nicht in dieser Welt, nicht als Erbe eines Reiches, das von Intrigen durchzogen war.Nach dem Training folgte das Ratsgespräch. Langatmige Diskussionen über Steuern, Handelsrouten und diplomatische Beziehungen – alles Themen, die ihn kaum interessierten, aber auf die er Antworten haben musste. Er hörte höflich zu, stellte gelegentlich Fragen, nickte an den richtigen Stellen. Und während sich die alten Männer im Rat über Details stritten, schweiften Williams Gedanken ab.Er dachte an das Leben jenseits dieser Mauern. An Menschen, die lachen konnten, ohne dabei an politische Konsequenzen zu denken. An Gespräche, die mehr bedeuteten als höfische Floskeln.Mittags nahm er das Mahl mit seinem Vater ein. König Aldred war ein ernster, schweigsamer Mann geworden, seit der Tod seiner Frau die Burg in eine ständige, leise Trauer gehüllt hatte.„Die Gesandten aus Valeshire treffen nächste Woche ein“, sagte der König beiläufig, ohne aufzusehen.„Ja, Vater.“„Du wirst sie empfangen.“„Natürlich.“Mehr fiel nicht zwischen ihnen. Gespräche zwischen Vater und Sohn waren selten geworden, und wenn sie stattfanden, dann waren sie nüchtern wie eine Ratsdebatte.Am Nachmittag folgten Reitstunden, Studien historischer Kriege und das Erlernen der alten Sprachen. Erst am Abend, wenn die Sonne hinter den Mauern versank und die Schatten länger wurden, durfte William allein in den Gärten wandeln – sein einziger wahrer Moment der Freiheit.Dort saß er manchmal auf einer steinernen Bank unter der großen Eiche und fragte sich, ob er jemals mehr sein würde als das, was andere in ihm sahen: ein Thronfolger. Ein Name. Ein Werkzeug der Krone.Rowans Tag begann zur selben Stunde, aber aus völlig anderen Gründen. Nicht der Klang der Glocke weckte ihn, sondern die raue Stimme des Stallmeisters, der ihn ohne große Höflichkeit aus dem Strohlager scheuchte.„Aufstehen, Bursche! Die Pferde füttern sich nicht von allein!“Noch halb schlaftrunken stolperte Rowan hinaus in den Hof, wo der kalte Wind ihm sofort das Bewusstsein zurückgab. Er hatte kaum geschlafen – zu viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Die letzten Tage hatte er damit verbracht, sich unauffällig zu verhalten, die Burg kennenzulernen, Flure und Wachen zu beobachten. Und doch hatte er immer das Gefühl, beobachtet zu werden. Vielleicht war es nur sein Gewissen.Er begann seine Arbeit: Heu verteilen, Wasser auffüllen, die Ställe ausmisten. Es war harte, stinkende Arbeit, die ihm den Rücken schmerzen ließ, aber sie verschaffte ihm Zugang zu Orten, an die er sonst nie gelangt wäre.„Rowan! Das ist das falsche Futter!“ rief der Stallmeister, und Rowan fluchte leise. Wieder einmal hatte er einen Fehler gemacht – zu viele Gedanken, zu wenig Aufmerksamkeit.Nach der Arbeit folgte das Hufschmieden, dann das Satteln der königlichen Reitpferde. Dabei sah er William oft aus der Ferne – elegant und aufrecht auf dem Rücken eines schneeweißen Hengstes. Rowan spürte jedes Mal ein eigenartiges Ziehen in der Brust.Er sieht nicht aus wie ein Tyrann, dachte er dann. Er sieht aus wie jemand, der nicht hier sein will.Am Nachmittag mischte er sich unter die Küchenjungen, um Gespräche aufzuschnappen. Abends studierte er heimlich die Wachpläne, die er bei einem unbeobachteten Moment an sich genommen hatte. Der Plan für den Mord stand noch nicht fest – er suchte nach einer Lücke, einem unauffälligen Moment. Aber jeder Tag, der verging, machte es schwieriger.Denn je länger er dort war, desto schwerer fiel es ihm, William nur als Ziel zu sehen.In den stillen Stunden der Nacht, wenn der Hof schlief und er allein in der Heuscheune saß, dachte Rowan an den Blick, den der Prinz ihm an ihrem ersten Tag zugeworfen hatte. Kein verächtlicher Blick von oben herab – sondern ein stilles Interesse. Vielleicht sogar Verständnis.Und Rowan fragte sich zum ersten Mal, ob er einen Weg finden könnte, der nicht in Blut endete.So verliefen ihre Tage – jeder gefangen in seiner eigenen Welt, jeder mit Gedanken, die nicht ausgesprochen werden durften.Und doch schienen ihre Leben wie zwei Fäden, die sich mit jedem neuen Sonnenaufgang leise ineinander webten, ohne dass sie es bemerkten.
Es war einer jener Tage, an denen der Himmel aussah, als wolle er die Welt verschlingen. Dunkle Wolken türmten sich über den Türmen von Ashcombe Castle, und ein kalter Wind fegte durch die Höfe, ließ die Fahnen an den Zinnen peitschen.William stand am Fenster des großen Saales und beobachtete, wie die Diener eilig Körbe und Kisten ins Innere trugen. Der Herbststurm würde stärker werden, und niemand wollte draußen sein, wenn er hereinbrach.„Euer Hoheit, die Ratsversammlung ist vorbereitet“, meldete Sir Emrick.William nickte, doch seine Gedanken waren woanders. Seit einigen Tagen sah er diesen Stallknecht – Rowan – immer wieder. Mal beim Wasserholen, mal bei den Pferden, mal einfach nur im Vorübergehen. Er schien immer irgendwo hineinzustolpern, manchmal im wahrsten Sinne des Wortes. Und obwohl William sich einreden wollte, es sei ihm gleichgültig, spürte er ein leises, seltsames Interesse an diesem Mann, das er nicht ganz erklären konnte.Rowan hingegen hatte an diesem Morgen kaum einen klaren Gedanken fassen können.Er war müde, weil er die halbe Nacht damit verbracht hatte, über einen möglichen Angriff nachzudenken – und dabei zu keiner Entscheidung gekommen war. Alles an diesem Auftrag fühlte sich falsch an. Und jedes Mal, wenn er Williams Gesicht sah, schwand seine Entschlossenheit ein Stück mehr.„Hale! Beweg dich endlich!“, brüllte der Stallmeister. „Die Gäste aus Thornbridge sind eingetroffen! Die Pferde müssen bereit sein!“Rowan murmelte ein „Ja, Herr“ und schleppte zwei Sättel quer über den Hof. Der Sturm hatte bereits eingesetzt, und der Wind zerrte an seiner Kleidung. Er wollte sich beeilen, doch der Boden war nass, glitschig – und in dem Moment, als er die Treppe zum Innenhof überquerte, geschah es.Sein Fuß rutschte aus.Er taumelte, versuchte sich zu fangen, riss dabei ein halbes Fass Wasser mit um, stolperte weiter – und krachte mit einem lauten Scheppern direkt in einen der Wägen, die zum Transport des königlichen Weines dienten.Der Wagen schwankte gefährlich, dann löste sich eine der Achsen, und ehe jemand eingreifen konnte, rollte er – beladen mit vier Fässern – langsam, dann immer schneller über den Hof. Geradewegs auf die steinernen Stufen des großen Saales zu.„Bei allen Göttern! HALTET IHN AUF!“ brüllte jemand.Rowan stürzte hinterher, doch der Wagen war schneller. Er krachte mit voller Wucht gegen die Stufen, ein Fass löste sich, zerschellte – und ergoss seinen Inhalt als rötlichen Strom über das Kopfsteinpflaster.Die Szene war ein einziges Chaos. Diener schrien durcheinander, der Stallmeister lief puterrot im Gesicht auf Rowan zu, und der Hauptmann der Wache verlangte lautstark, dass dieser „idiotische Taugenichts“ sofort entlassen werden solle.Rowan stand atemlos da, die Hände erhoben, als könne er so den Zorn aufhalten, der ihm entgegenschlug. Verdammt. Jetzt ist es vorbei.„Was ist hier los?“Die Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch das Tumult wie ein Messer. William war aus dem Saal getreten, die Stirn leicht gerunzelt. Seine grauen Augen glitten über die Szene – über den zerstörten Wagen, den Wein auf dem Boden, und schließlich über Rowan, der völlig verloren zwischen Fässern und Geschrei stand.„Euer Hoheit“, begann der Hauptmann, „dieser Mann hat grob fahrlässig—“„Das sehe ich“, unterbrach William gelassen. Dann wandte er sich an Rowan. „Wie heißt Ihr?“„Rowan Hale, Mylord“, brachte er hervor. „Und… es tut mir leid. Es war ein Unfall.“„Ein teurer Unfall“, murmelte Sir Emrick hinter ihm. Doch William hob die Hand.„Entlasst ihn nicht.“„Was?“, entfuhr es dem Stallmeister. „Er hat—“„Ich habe gesagt, entlasst ihn nicht.“ Williams Stimme war ruhig, aber unmissverständlich. „Wenn er einen Fehler gemacht hat, soll er dafür geradestehen. Er wird helfen, den Schaden zu beseitigen. Und dann…“, er sah Rowan direkt an, „…wird er mich heute Nachmittag zu meinem Ausritt begleiten. Wenn er schon für Chaos sorgt, kann er ebenso gut dabei helfen, Ordnung zu schaffen.“Rowan blinzelte überrascht. „Euer Hoheit, das ist nicht nötig—“„Es ist nicht verhandelbar“, entgegnete William, und ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lippen.Drei Stunden später ritt der Prinz durch den herbstlichen Park jenseits der Burgmauern. Der Regen hatte nachgelassen, aber die Luft war kühl und frisch. Neben ihm, auf einem etwas zu großen Pferd und mit deutlich weniger Eleganz, saß Rowan – nervös, aber bemüht, Haltung zu bewahren.„Also“, begann William schließlich und sah nicht zu ihm hin, „seid Ihr immer so… geschickt in Eurer Arbeit?“Rowan lachte kurz, trocken. „Nur an Tagen, die auf -tag enden, Hoheit.“William musste gegen seinen Willen schmunzeln. „Dann habt Ihr viele solcher Tage.“„Zu viele.“Es entstand eine kurze, angenehme Stille, unterbrochen nur vom Schnauben der Pferde und dem Rascheln der Blätter im Wind. William merkte, dass er ihn musterte – diesen seltsamen Stallknecht, der mit jedem Wort weniger wie ein einfacher Diener wirkte. Da war etwas Unausgesprochenes an ihm. Etwas, das er nicht benennen konnte.„Ihr habt Glück gehabt, wisst Ihr das?“ sagte er schließlich. „Die meisten wären für einen solchen Vorfall sofort entlassen worden.“Rowan sah ihn an, und zum ersten Mal begegneten sich ihre Blicke länger als nur einen Atemzug. „Vielleicht war es kein Glück, sondern… Gnade.“William schwieg einen Moment. „Oder vielleicht“, sagte er leise, „hatte ich das Gefühl, dass Ihr mehr seid als das, was Ihr zu sein scheint.“Rowans Herz schlug schneller. Er weiß nichts. Er kann nichts wissen. Und doch fühlte es sich an, als hätte William gerade in eine Wahrheit geblickt, die er selbst kaum zugeben konnte.Als sie zurückkehrten, stand der Himmel bereits im Abendlicht. Der Tag war nicht so verlaufen, wie Rowan es geplant hatte – nichts war das in letzter Zeit. Und während er William nachsah, wie dieser die Treppe zu seinen Gemächern hinaufstieg, wusste er: Der Moment, an dem er seine Mission erfüllen würde, war in weite Ferne gerückt.Denn aus einem Ziel war ein Mensch geworden.Und das war gefährlicher, als jede Klinge, die er je geführt hatte.
Kapitel 4Die Nacht war still über Ashcombe Castle herabgesunken. Nur der ferne Wind, der durch die schmalen Fenster ritze und das schwache Flackern der Öllampe auf dem Holztisch hielten Rowan Gesellschaft. Er saß auf dem schmalen Bett seiner Kammer, die kaum mehr war als ein fensterloser Verschlag über den Stallungen – eine schiefe Pritsche, ein kleiner Tisch, ein Eisenhaken an der Wand.Er starrte auf seine Hände.Rau, von Arbeit gezeichnet. Hände, die schon Menschen getötet hatten. Hände, die heute nichts getan hatten.Er schlug sie gegen die Tischkante. Nicht fest genug, um sich zu verletzen, aber fest genug, dass es wehtat.„Verdammt“, flüsterte er. „Verdammt, verdammt, verdammt…“Es wäre so einfach gewesen.So verflucht einfach.Beim Ausritt war niemand sonst in der Nähe gewesen – keine Wachen, keine neugierigen Augen. Nur William und er, allein auf dem Pfad durch die alten Wälder hinter der Burg. Eine kleine Bewegung, ein Messerstich, und der Auftrag wäre erfüllt gewesen. Der Prinz tot, die Krone geschwächt, der Lohn gesichert. Genau das, was man von ihm verlangte.Und doch war nichts geschehen.Nicht einmal der Gedanke an eine Bewegung war ihm gekommen. Nicht wirklich.„Es war zu riskant“, sagte er laut in die Stille hinein, als müsste er sich selbst überzeugen. „Alle wussten, dass ich mit ihm unterwegs war. Wenn ihm etwas passiert wäre… sie hätten mich sofort gehängt.“Aber tief in seinem Inneren wusste er, dass es nicht nur daran lag. Der Gedanke an Williams Gesicht – das ruhige Lächeln, als sie durch den Herbstwald ritten, die Art, wie seine Augen ein wenig heller wurden, wenn er über Dinge sprach, die ihm wirklich wichtig waren – er hatte ihn gelähmt.Er hatte gezögert. Und Rowan Hale zögerte nie.Er stand auf, begann unruhig durch den Raum zu gehen. Zwei Schritte hin, zwei zurück. Der Boden knarzte unter seinen Stiefeln.„Er ist nur ein Auftrag“, murmelte er. „Nur ein verdammter Auftrag. Nicht mehr.“Aber die Worte schmeckten nach Lüge. Sie brannten auf der Zunge wie bitterer Wein.Rowan hatte in seinem Leben viele Menschen gesehen, die auf Podesten standen – Adelige, Kaufleute, Fürsten. Sie waren alle gleich: arrogant, selbstgefällig, blind für die Welt unter ihnen. Doch William… war anders. Er hörte zu. Er sah die Menschen an, als wären sie mehr als Werkzeuge. Und irgendwo tief in Rowan hatte sich eine gefährliche Idee eingenistet:Vielleicht hat er es nicht verdient zu sterben.„Schluss damit“, knurrte er. „So fängt es an. Erst Zweifel, dann Gnade. Und am Ende bist du der Narr, der nichts erreicht hat.“
