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Als Isabel Langley von Piraten entführt wird, glaubt sie, alles verloren zu haben: ihre Freiheit, ihre Zukunft – und jede Gewissheit darüber, wer sie ist. Doch an Bord des Schiffes begegnet sie einem Mann, der anders ist als alles, was sie kennt. Elias Drake ist kein gewöhnlicher Piratenkapitän. Hinter seiner rauen Fassade verbirgt sich ein scharfer Verstand, eine unerwartete Ehre – und eine Welt, in der Regeln neu geschrieben werden. Zwischen Wind und Wellen, fernab von gesellschaftlichen Zwängen, wächst eine Nähe, die Isabels bisheriges Leben infrage stellt. Was als Gefangenschaft beginnt, wird zu einer Reise, die sie verändert – und zu einer Liebe, die Freiheit verspricht, aber einen hohen Preis fordert. Denn das Meer vergisst nichts. Und manche Entscheidungen lassen sich nicht zurücknehmen. Eine leidenschaftliche historische Romance über Mut, Sehnsucht und die Frage, wohin man gehört – wenn das Herz seinen eigenen Kurs wählt.
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Seitenzahl: 302
Veröffentlichungsjahr: 2026
Kapitel 1
Das Licht der Schiffslaterne schwankte sacht über die Seiten des Tagebuchs, das Isabel Langley in ihrem Schoß hielt. Der Federkiel zitterte in ihrer Hand, nicht vor Angst, sondern vor der Unruhe, die sie seit Tagen begleitete. Unter ihr knarrte das Holz leise, und durch die Ritzen der Kajütentür drang das monotone Rauschen der See – beruhigend und doch unablässig wie ein pochender Gedanke.
„Noch drei Tage bis Portsmouth,“ schrieb sie. „Vater wird mich dort erwarten, und er hat zweifellos Pläne geschmiedet – wie immer, ohne mich zu befragen. Ich ahne, was mir bevorsteht: eine Heirat, passend, nützlich, politisch vorteilhaft. Aber niemals aus Liebe. Ich hoffe, das Schicksal zeigt mir Gnade – oder wenigstens ein Zeichen, dass mein Weg ein anderer sein darf.“
Sie hielt inne, blickte auf den Satz und lächelte matt. Ein Windstoß ließ das Schiff erzittern, und die Flamme der Laterne flackerte.
„Ein Zeichen…“, murmelte sie leise, fast spöttisch, und schloss das Buch.
In diesem Augenblick ertönte ein dumpfer Schlag, irgendwo tief im Rumpf – kein harmloses Knarren, kein Spiel der Wellen. Es folgte ein Schrei, dann ein zweiter, lauter, panischer. Die Feder glitt aus ihrer Hand, als sie aufsprang.
„Was in aller Welt…?“
Ein weiterer Knall ließ das Deck erbeben. Sie hörte das Klirren von Metall, das Poltern schwerer Schritte, Rufe, die sich zu einem einzigen, chaotischen Klang vermischten.
Isabel riss die Tür auf. Dicker Rauch drang ihr entgegen, der Geruch von Pulver und Teer brannte in der Luft. Männer rannten an ihr vorbei, der Bootsmann schrie Befehle, und irgendwo klang das Krachen einer Kanone, nah und furchtbar.
Sie stolperte an Deck. Der Himmel hatte seine Farbe verloren, graue Wolken zogen sich über das Meer, das Schiff neigte sich bedenklich. Flammen leckten an den Seilen des Großmasts, während die Matrosen verzweifelt versuchten, sie zu löschen.
Und dann sah sie es.
Neben ihnen lag, schwarz und bedrohlich wie ein Ungeheuer aus der Tiefe, ein anderes Schiff – schmaler, schneller, mit zerrissenen Segeln, an deren Masten eine schwarze Flagge flatterte.
Der Totenkopf grinste sie aus der Ferne an.
Piraten.
Ein Schauer fuhr ihr über den Rücken.
Die beiden Schiffe waren mit Enterhaken verbunden, Männer sprangen über die Reling, Stahl blitzte im Zwielicht. Schreie, Pulverdampf, das Dröhnen der See – alles vermischte sich zu einem Sturm aus Chaos.
Isabel presste sich an das Geländer, suchte Schutz, doch überall tobte der Kampf. Ein Matrose fiel neben ihr zu Boden, das Hemd blutdurchtränkt. Sie stolperte rückwärts, wollte fortlaufen – doch der Weg zur Treppe war versperrt.
Das Schiff erzitterte erneut. Ein Rauchschwall trieb über das Deck, ließ alles in milchigen Nebel tauchen. Nur Schemen waren zu erkennen – Männer, die kämpften, Schatten, die fielen.
Ein gellender Ruf durchschnitt den Lärm, und sie meinte, für einen Moment, eine tiefe Stimme zu hören, ruhig, befehlend, anders als all die anderen.
Aber sie sah ihn nicht. Noch nicht.
Instinkt trieb sie zur Reling, dorthin, wo einige Kisten gestapelt standen. Sie kroch dahinter, keuchend, und zog ihr Kleid enger an sich.
Ihr Herz pochte bis in den Hals.
„Ein Zeichen“, hatte sie geschrieben. „Ich hoffe, das Schicksal zeigt mir Gnade.“
Und nun – während der Himmel sich schwarz färbte und der Tod selbst an Deck trat – wusste Isabel Langley, dass das Schicksal zugehört hatte.
Nur vielleicht nicht auf jene Weise, die sie sich erhofft hatte.
Kapitel 2
Rauch legte sich wie ein grauer Schleier über das Deck. Das Getöse des Kampfes war zu einem dumpfen Grollen geworden, das in der Ferne nachhallte. Zwischen dem Zischen der brennenden Seile und dem Knarren des Holzes hörte Isabel nur ihren eigenen Atem – hastig, flach, unruhig.
Sie wagte es, über den Rand ihrer Kiste zu spähen. Nur wenige Schritte entfernt lagen zwei Männer reglos am Boden. Die Luft schmeckte nach Eisen und Pulver.
Sie wollte glauben, dass die Schlacht sich entfernte, dass sie vielleicht schon gerettet war.
Doch dann – Schritte.
Schwer, ruhig, nicht hastig wie die eines Fliehenden, sondern gleichmäßig, sicher.
Jemand ging über das Deck, als gehöre es ihm.
Isabel duckte sich tiefer, das Herz schlug ihr bis in die Fingerspitzen.
Die Schritte kamen näher – ein Schatten glitt durch den Rauch, ein Umriss, hochgewachsen, mit einem langen Mantel, der im Wind flatterte.
Er hielt ein Entermesser in der Hand, doch er schien es kaum zu brauchen.
„Ich weiß, dass jemand hier ist,“ sagte eine Stimme – ruhig, rau, von einer Gelassenheit, die ihr Blut gefrieren ließ. „Und ich fürchte, Sie sind kein Matrose.“
Sein Tonfall war kein Gebrüll, keine Drohung. Eher die amüsierte Feststellung eines Mannes, der selten irrt.
Isabel presste sich gegen das Holz. Vielleicht geht er vorüber. Vielleicht…
Ein Schatten fiel auf sie.
„Da sind Sie ja,“ murmelte er.
Sie fuhr herum.
Vor ihr stand ein Mann, dessen Erscheinung sie einen Moment lang vergessen ließ zu atmen.
Sein Hemd war am Kragen offen, das Gesicht von Sonne und Meer gezeichnet, dunkle Strähnen fielen ihm in die Stirn. In den Augen – grau wie Sturmwasser – lag ein Ausdruck, der zugleich gefährlich und ruhig war.
„Wer sind Sie?“ fragte sie mit so viel Würde, wie man auf Knien am Boden aufbringen konnte.
Er lächelte kaum merklich. „Captain Drake.“
Der Name schien über ihr zu verhallen, wie ein fernes Donnern.
Der Drake? Der Pirat, über den Seeleute flüsterten, wenn sie beteten?
„Ich habe keine Furcht vor Ihnen,“ sagte sie schnell, vielleicht zu schnell.
„Das glaube ich Ihnen beinahe.“
Er streckte die Hand aus. „Kommen Sie. Dieses Schiff ist verloren.“
„Ich bleibe hier,“ entgegnete sie und wich zurück.
Er seufzte, als sei er es gewohnt, dass die Welt sich seinem Willen widersetzte. „Dann fürchte ich, ich muss ein wenig… Nachdruck verleihen.“
Sie sprang auf, riss ihr Kleid an einer losen Planke und lief los.
Er rief ihr etwas hinterher – ein Lachen, ein halber Befehl – sie verstand es nicht. Das Deck schwankte unter ihren Füßen, Rauch trieb ihr in die Augen, sie stolperte über ein Seil und klammerte sich an den Mast.
Hinter ihr hallten seine Schritte – ruhig, gleichmäßig, immer näher.
„Bleiben Sie stehen!“
„Gewiss nicht!“ rief sie über die Schulter, und ihre Stimme klang erstaunlich fest.
Sie erreichte die Reling, blickte hinab in die tosende See – zu hoch, zu gefährlich. Kein Ausweg.
Als sie sich umwandte, stand er schon vor ihr, kaum zwei Armlängen entfernt, die Hände an den Seiten, ein spöttisches Lächeln im Gesicht.
„Ich bewundere Ihren Mut, Miss Langley.“
„Wie wissen Sie meinen Namen?“
„Ich weiß vieles über die Schiffe, die ich aufbringe.“
Er trat einen Schritt näher. „Und selten habe ich einen Offizier gesehen, der so um eine junge Dame besorgt war. Ihre Sicherheit war offenkundig… Priorität.“
Sein Blick glitt über sie – nicht unverschämt, aber prüfend, wie ein Mann, der den Wert einer Seltenheit erkennt.
„Ich bin kein Schatz,“ fauchte sie, und bevor er etwas erwidern konnte, zog sie ihren rechten Schuh aus und warf ihn ihm mit erstaunlicher Treffsicherheit gegen die Brust.
Das dumpfe Klatschen hallte über das Deck.
Einen Augenblick lang war Stille. Dann lachte er – leise, warm, unerwartet echt.
„Bei allen Stürmen,“ murmelte er, und hob den Schuh auf, als hätte sie ihm eine Blume zugeworfen. „Sie sind zweifellos das widerspenstigste Geschöpf, das mir je begegnet ist.“
„Und Sie das unverschämteste!“
„Wahrscheinlich.“
Er trat wieder näher, diesmal langsam, den Blick noch immer amüsiert.
„Aber ich fürchte, Miss Langley, das Meer ist kein Ort für Heldinnen. Und mein Schiff legt gleich ab.“
Er streckte ihr die Hand hin – nicht befehlend, sondern wie jemand, der ein Angebot macht, das ohnehin nicht ausgeschlagen werden kann.
Isabel sah auf die Wogen unter sich, dann auf ihn.
Der Rauch, das Feuer, das Chaos – alles verschwamm. Nur seine Augen blieben klar, wie das Meer nach einem Sturm.
Zögernd, widerwillig, legte sie ihre Hand in seine.
„Dann nehmen Sie Ihre Beute, Captain Drake,“ sagte sie mit leiser Verachtung. „Aber vergessen Sie nicht – ich bin kein Teil Ihrer Beute.“
„Das,“ erwiderte er mit einem kaum sichtbaren Lächeln, „wird sich zeigen.“
Er führte sie über das schwankende Deck, während hinter ihnen das Handelsschiff in Flammen stand und der Himmel über dem Atlantik sich langsam in blutrotes Abendlicht tauchte.
Sie waren fast an der Reling, dort, wo die Schiffe durch die Enterhaken miteinander verbunden waren. Der Rauch hing schwer über der See, und in der Tiefe brandeten die Wellen gegeneinander, als kämpften auch sie.
Drake stand schon am Rand, leichtfüßig, als hätte er auf bewegtem Holz das Gehen gelernt.
Er reichte ihr die Hand. „Nun denn, Miss Langley. Die Sea Serpent wartet.“
Doch Isabel blieb stehen. Der Blick hinunter auf die wogende Schwärze ließ ihr den Atem stocken. Zwischen den Planken der Reling und dem anderen Schiff gähnte ein Spalt, schmal, aber tief, und das Wasser darunter wirbelte weiß auf.
„Das ist ja Wahnsinn,“ flüsterte sie.
„Nur ein kleiner Schritt,“ erwiderte er.
„Ein Schritt in den Tod, wenn man so ungeschickt ist wie ich!“
Er zog eine Braue hoch. „Ich versichere Ihnen, meine Männer haben weit Schlimmeres überlebt.“
„Ihre Männer tragen keine Röcke!“
Ein paar Matrosen, die in der Nähe warteten, unterdrückten ein Grinsen.
Drake sah sie einen Moment an, dann lachte er leise. „Nun, das lässt sich schwer bestreiten.“
Er machte einen Schritt näher. „Miss Langley, glauben Sie mir, das Meer hat keine Geduld für langes Zögern.“
„Ich—ich kann das nicht,“ stammelte sie. Hinter ihr knisterte das Feuer, ein Balken brach mit lautem Krachen zusammen.
„Oh, bei allen Gezeiten …“ murmelte er schließlich und schüttelte den Kopf.
Bevor sie begriff, was geschah, hatte er einen Arm um ihre Taille gelegt, den anderen unter ihre Knie, und ehe sie protestieren konnte, hing sie kopfüber über seiner Schulter.
„Captain Drake!“ rief sie empört, während ihr Haar ihm über den Rücken fiel. „Setzen Sie mich sofort—!“
„Ich habe gewarnt, Sie mögen nicht zögern,“ erwiderte er trocken, und sein Ton verriet unverhohlenes Vergnügen.
Dann sprang er.
Für einen atemlosen Moment schien die Welt stillzustehen. Der Wind fuhr ihr ins Gesicht, das Meer brüllte unter ihnen, und dann landeten sie auf dem Deck der Sea Serpent, fest, sicher, während um sie herum Rufe laut wurden.
Er stellte sie wieder auf die Füße, als wäre nichts geschehen.
„Willkommen an Bord,“ sagte er mit einem kaum verhohlenen Lächeln.
Isabel rang nach Worten. Ihr Kleid war ruiniert, ihr Stolz ebenso.
„Das war… höchst unangebracht!“ brachte sie hervor.
„Aber erfolgreich,“ entgegnete er.
Sie funkelte ihn an, doch in seinen Augen blitzte nur ein spöttischer Glanz, warm und gefährlich zugleich.
Und während hinter ihnen das Handelsschiff in Flammen aufging, wusste Isabel, dass sie soeben eine Grenze überschritten hatte, die weit über die Reling hinausging.
Kapitel 3
Der Wind hatte nachgelassen. Nur das Knarren der Taue und das Schlagen der Wellen gegen den Rumpf füllten die Stille, die sich nach der Schlacht über das Meer gelegt hatte.
Isabel stand an der Reling der Sea Serpent und starrte zurück.
Hinter ihnen, fern und immer kleiner werdend, trieb das Wrack ihres Schiffes – kaum mehr als ein rauchender Schatten im Abendlicht. Einzelne Planken glühten noch wie letzte Sterne, bevor die See sie verschluckte.
Erst jetzt, da die Geräusche des Kampfes verklungen waren, begriff sie.
Sie war allein.
Allein unter Piraten.
Ihre Finger klammerten sich fester an das nasse Holz. Ein kühler Wind zog an ihrem Haar, das in wirren Strähnen über die Schultern fiel. Sie wusste nicht, ob ihre Knie zitterten vor Kälte oder vor der Erkenntnis, dass alles, was sie bisher kannte, jenseits dieses Horizonts geblieben war.
Hinter ihr herrschte rege Bewegung. Männer liefen über das Deck, manche mit Säcken, andere mit Truhen; die Beute des Überfalls verschwand in den dunklen Bauch des Schiffes.
Einer der Verletzten saß an der Bordwand, während ein anderer ihm, wenig zimperlich, den Arm mit einem Streifen Stoff verband.
Flüche, Gelächter, das Klirren von Metall – all das vermischte sich zu einer rauen, lebendigen Melodie.
Einige warfen ihr flüchtige Blicke zu.
In den Gesichtern lag Neugier, in manchen Misstrauen – doch niemand kam ihr nahe.
Die Gegenwart einer Frau schien sie zu beunruhigen, aber sie hatten Dringlicheres zu tun als sich um sie zu kümmern.
Isabel richtete sich etwas auf, zwang sich zu Haltung, so gut es ihr Zustand zuließ. Wenn sie schon unter Piraten war, dann wenigstens nicht als ängstliches Bündel.
Ihr Blick fand ihn.
Drake stand auf der anderen Seite des Decks, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, den Blick auf das Meer gerichtet. Das Licht der sinkenden Sonne legte einen goldenen Schimmer auf sein Profil.
Neben ihm sprach ein kräftiger Mann mit wettergegerbtem Gesicht – offenbar sein Erster Maat. Ihre Stimmen waren zu leise, um die Worte zu verstehen, doch an der Körpersprache erkannte sie den Streit.
Der Maat gestikulierte heftig, deutete mit einem Nicken in ihre Richtung.
Drake antwortete ruhig, fast beiläufig.
Dann fiel ein Satz, der den anderen Mann innehalten ließ.
Etwas in seiner Haltung änderte sich – vielleicht eine Warnung, vielleicht ein Befehl, dem man besser gehorchte. Der Maat spuckte aus, drehte sich brummend um und verschwand unter Deck.
Drake blieb noch einen Augenblick am Geländer stehen, dann wandte er sich dem Steuer zu.
Er gab Befehle mit jener Mischung aus Ruhe und Autorität, die selbst die lautesten Männer verstummen ließ.
Isabel konnte nicht sagen, was sie mehr beunruhigte – die Männer, die sie umgaben, oder der Mann, der sie befehligte.
Langsam begann das Schiff Fahrt aufzunehmen.
Das Segel blähte sich, die Taue ächzten, und die Sea Serpent wand sich durch die aufgewühlte See wie ein schwarzer Pfeil.
Isabel blickte ein letztes Mal zurück.
Das Meer hatte ihr altes Leben verschluckt.
Und vor ihr lag ein neues, das sie nicht wollte – und das sie doch bestehen musste.
Kapitel 4
Das Meer war inzwischen dunkel geworden. Die Sonne hatte sich hinter den Horizont gesenkt, und nur das fahle Licht des Mondes legte einen silbrigen Schimmer über das Deck.
Isabel stand noch immer dort, wo Drake sie zurückgelassen hatte.
Niemand hatte ihr gesagt, wohin sie gehen sollte. Niemand beachtete sie wirklich. Doch gerade das machte ihr Herz umso unruhiger schlagen.
Überall um sie herum war Bewegung. Männer liefen hin und her, räumten Waffen beiseite, verstauten Kisten, sicherten Taue. Einer fluchte, weil ein Fass über Bord ging, ein anderer lachte rau über einen Scherz, den sie nicht verstand.
Die Luft war erfüllt von Stimmen, Seesalz und Rauch.
Und doch stand sie da, ein stiller, fremder Punkt inmitten dieser lauten Welt.
Ein Matrose, kaum älter als sie selbst, ging an ihr vorbei, warf ihr einen kurzen Blick zu und wandte sich rasch ab, als hätte er etwas Ungehöriges gesehen.
Ein anderer blieb kurz stehen, musterte sie offen, grinste, doch als sie den Kopf hob und ihn mit kühler Entschlossenheit ansah, senkte er die Augen und ging weiter.
Isabel spürte, wie ihr Herz raste.
Sie wusste nicht, was schlimmer war: beachtet zu werden – oder vergessen.
Weiter vorne, am Steuer, stand Drake. Er sprach mit einem der Männer, der breit wie ein Bär gebaut war und eine Narbe über die linke Wange trug. Daniel, so hatte sie ihn nennen hören – oder Danny, wie die anderen sagten.
Er war offenbar der Erste Maat; seine Stimme war laut, seine Bewegungen ungeduldig.
„Das war ein Fehler, Captain,“ hörte sie ihn sagen, seine Worte vom Wind herübergetragen. „Eine Frau an Bord bringt Unheil. Das wissen Sie so gut wie ich.“
Drake antwortete ruhig, ohne sich umzuwenden.
„Das Meer bringt genug Unheil für uns alle. Eine Frau wird daran wenig ändern.“
„Sie ist keine gewöhnliche Frau,“ knurrte Danny. „Eine Admiralstochter! Wenn die Navy Wind davon bekommt—“
„Dann werden wir ohnehin schon längst jenseits ihrer Reichweite sein,“ unterbrach ihn Drake, fast beiläufig.
Danny schnaubte, murmelte etwas Unverständliches und ging schließlich davon, während Drake noch einen Moment lang über das Meer blickte.
Isabel hatte unwillkürlich jedes Wort gehört.
Sie wusste nun, dass sie kein Geheimnis war – dass alle an Bord wussten, wer sie war.
Und dass ihre Anwesenheit ihnen missfiel.
Langsam atmete sie aus, versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr Magen sich zusammenzog.
Das Holz unter ihren Füßen war nass, der Wind roch nach Teer und Salz. Irgendwo lachte jemand, laut und ungehobelt. Sie fühlte sich, als stünde sie in einer anderen Welt – einer, in der die Regeln, die sie kannte, keine Bedeutung mehr hatten.
Plötzlich rutschte sie ein Stück zur Seite, als das Schiff in einer höheren Welle schwankte. Sie griff instinktiv nach der Reling, fing sich gerade noch ab. Niemand kam ihr zu Hilfe.
Ein paar Blicke streiften sie – nicht spöttisch, eher neugierig, wie man ein Tier aus einem fremden Land betrachtet.
Sie wollte sich bewegen, aber sie wusste nicht wohin.
Jeder Schritt konnte falsch sein.
Also blieb sie stehen, die Hände um das kalte Holz geschlossen, während der Wind ihr Haar zerzauste und ihr Kleid an den Beinen klebte.
Dann, endlich, wandte sich Drake zu ihr um.
Sein Blick traf sie über die Länge des Decks hinweg – ruhig, und doch durchdringend.
Er sagte kein Wort.
Aber in seinem Ausdruck lag ein unausgesprochener Befehl: Bleiben Sie, wo Sie sind.
Sie tat es.
Und als das Schiff in die Nacht hinaussegelte, verstand Isabel, dass sie hier keinen Platz hatte – und doch, ob sie wollte oder nicht, diesen Platz würde finden müssen.
Kapitel 5
Die Stunden nach dem Überfall vergingen in einer unwirklichen Stille. Das Meer hatte sich beruhigt, die Sterne standen klar über dem schwarzen Wasser, und das leise Rauschen der Wellen klang beinahe friedlich.
Doch Isabel wusste, dass in dieser Ruhe nichts Friedliches lag.
Sie stand noch immer an Deck, als plötzlich hinter ihr Schritte ertönten.
„Miss Langley,“ sagte eine tiefe Stimme, „der Captain wünscht, Sie zu sprechen.“
Danny.
Er klang nicht unhöflich, aber auch nicht freundlich – eher wie jemand, der eine unangenehme Pflicht erfüllt.
Isabel nickte nur und folgte ihm, bemüht, Haltung zu bewahren, während das Schiff unter ihren Füßen sanft schwankte.
Sie stiegen die Stufen zur Kajüte des Captains hinab.
Der Gang war schmal, schwach beleuchtet, die Luft schwer von Salz und Teer. Hinter einer Tür drang gedämpftes Stimmengewirr hervor – Lachen, Flüche, das Scheppern von Metall.
Dann öffnete Danny eine andere Tür, klopfte einmal kurz dagegen und bedeutete ihr, einzutreten.
Drake stand mit dem Rücken zu ihr, die Hände auf eine Seekarte gestützt, die auf einem breiten Tisch lag. Eine Öllampe warf flackerndes Licht über Karten, Kompasse, und eine halbvolle Flasche Rum.
Er hob den Kopf, als sie eintrat.
„Miss Langley,“ sagte er, ohne sich umzudrehen, „schön, dass Sie sich die Zeit nehmen konnten.“
Sie antwortete nicht sofort. Der Tonfall war spöttisch, aber nicht grausam – wie einer, der sich an seiner eigenen Ironie erfreut.
„Ich hatte wenig Wahl,“ erwiderte sie schließlich, so ruhig sie konnte.
Nun wandte er sich um.
Das Licht fiel auf sein Gesicht, auf die harten Linien, die Sonne und Meer in seine Züge gegraben hatten. Doch in den grauen Augen lag ein Glanz, der nicht nur Härte verriet.
„Setzen Sie sich,“ sagte er, und deutete auf einen Schemel gegenüber.
Isabel blieb stehen. „Ich stehe lieber.“
Er lächelte leicht. „Wie Sie wünschen.“
Einen Moment lang war nur das Knarren des Schiffes zu hören.
Dann trat er näher, verschränkte die Arme.
„Sie sind also Isabel Langley. Tochter des Admirals Edward Langley.“
Es klang nicht wie eine Frage.
„Das bin ich.“
„Und Sie waren auf dem Weg nach Portsmouth.“
„Ja.“
„Um Ihren Vater zu treffen.“
„Offenbar wissen Sie bereits alles.“
Er nickte, noch immer mit diesem leisen Schmunzeln, das sie gleichzeitig irritierte und beunruhigte.
„Ich neige dazu, mich über jene zu informieren, die auf meinen Schiffen reisen. Selbst über jene, die es unabsichtlich tun.“
Sie hob das Kinn. „Dann wissen Sie auch, dass mein Vater Sie jagen wird.“
„Oh, das tut er schon seit Jahren.“
Er ging langsam um sie herum, sein Blick wanderte prüfend über sie – nicht unverschämt, eher neugierig, als versuche er, sie zu lesen wie ein Buch.
„Doch er hat mich noch nie gefunden. Ich bezweifle, dass sich das ändern wird.“
„Vielleicht diesmal.“
„Vielleicht,“ gab er zurück, und sein Lächeln vertiefte sich. „Aber bis dahin, Miss Langley, müssen Sie sich wohl mit unserer bescheidenen Gesellschaft begnügen.“
Sie schwieg, kämpfte innerlich darum, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr ihr Herz raste.
Er schien das zu bemerken.
„Sie haben Mut,“ sagte er schließlich leise. „Die meisten Menschen zittern, wenn sie mir gegenüberstehen.“
„Vielleicht bin ich zu klug, um zu zittern,“ erwiderte sie, „oder zu dumm, um zu begreifen, dass ich sollte.“
Er lachte leise, ehrlich, und trat an den Tisch zurück.
„Beides gefällt mir gleichermaßen.“
Ein Moment der Stille. Nur das Knacken der Lampe.
„Was gedenken Sie mit mir zu tun?“ fragte sie schließlich.
Drake sah auf die Karte, als überlege er, wie viel Wahrheit sie verdiene.
„Ich weiß es noch nicht. Aber Sie werden an Bord bleiben, bis ich entschieden habe, was Ihre Gegenwart mir nützt.“
„Ich bin kein Pfand.“
„Alles ist ein Pfand, wenn man den richtigen Preis kennt.“
Sie wollte etwas erwidern, doch er hob die Hand.
„Genug für heute. Ich bin müde von der Schlacht, und Sie sehen ebenfalls nicht danach aus, als hätten Sie großen Nutzen von weiteren Belehrungen.“
Der plötzliche Tonwechsel – diese Mischung aus Ungeduld und kühler Autorität – ließ sie verstummen.
Drake wandte sich zur Tür. „Danny!“
Der Maat trat herein, noch immer mit jener abwartenden Skepsis in den Augen.
„Zeig Miss Langley, wo sie schlafen kann,“ befahl Drake.
Dann, mit einem halben Lächeln, fügte er hinzu: „Und sorge dafür, dass es nicht zu nah bei den Männern ist. Ich möchte meinen Magen nicht mit toten Matrosen verderben, falls jemand töricht wird.“
Einige Worte, beiläufig gesprochen – doch sie ließen Isabels Nacken kalt werden.
„Aye, Captain,“ brummte Danny.
Drake blickte sie noch einmal an, als sie sich zur Tür wandte.
„Schlafen Sie gut, Miss Langley,“ sagte er mit leiser Ironie. „Morgen wird ein langer Tag.“
Sie erwiderte nichts.
Aber als sie hinausging, spürte sie, dass sein Blick ihr folgte – ruhig, prüfend, wie jemand, der ein Rätsel zu lösen gedenkt.
Und sie wusste, dass er ihr nicht traute.
Doch schlimmer noch: Sie begann zu fürchten, dass sie ihm – trotz allem – nicht ganz gleichgültig war.
Kapitel 6
Danny führte sie wortlos über das Deck und hinab in die Dunkelheit unter der Luke.
Der Luftzug veränderte sich sofort: von der kühlen, salzigen Weite des Nachthimmels zu der dichten, schweren Wärme des Schiffsinneren.
Ein beißender Geruch aus Teer, Schweiß, nassem Holz und altem Rum schlug ihr entgegen.
Isabel hielt unwillkürlich den Atem an.
Der Gang war eng, das Licht spärlich – ein paar schwankende Laternen warfen gelbliches Schimmern über die Planken, an denen das Meer von außen dumpf pochte.
Überall saßen Männer. Einige schliefen bereits, zusammengerollt in Hängematten, andere fluchten leise oder stritten halblaut um Münzen, die über ein umgedrehtes Fass rollten. Einer lachte kurz, dann verstummte er, als er sie bemerkte.
Die Gespräche erstarben.
Ein Dutzend Augen richtete sich auf sie – neugierig, misstrauisch, hungrig nach Abwechslung.
Isabel fühlte, wie ihr Herz zu klopfen begann, als wäre es zu laut in der Stille.
Danny ging unbeirrt voran, seine Schritte schwer auf dem Holz.
„Weg da,“ brummte er, und die Männer wichen widerwillig zur Seite.
Am Ende des schmalen Ganges, hinter einigen Kisten und Seilen, blieb er stehen.
„Hier,“ sagte er und zog ein Stück groben Stoff beiseite, das als improvisierter Vorhang diente. Dahinter befand sich eine kleine Nische – kaum groß genug für eine schmale Pritsche und eine Kiste.
„Das ist… mein Platz?“ fragte sie zögernd.
„So gut wie’s wird,“ erwiderte Danny. „Kein Schloss an der Tür, kein Fenster, aber trocken. Und keiner kommt so leicht her.“
Sie nickte langsam. Der Gedanke, dass „keiner so leicht her“ kam, ließ ihr den Atem nicht leichter werden.
Danny schien zu zögern, dann fuhr er sich über den Nacken. „Hören Sie… die Männer sind rau. Viele von ihnen haben seit Monaten kein Land gesehen. Also bleiben Sie hier unten, bis man Sie ruft. Und reden Sie mit niemandem, wenn Sie’s vermeiden können.“
„Und wenn jemand—“ begann sie.
Er unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. „Das regelt der Captain.“
Er wollte schon gehen, blieb dann aber kurz stehen. „Er mag’s nicht, wenn man seine Befehle in Frage stellt. Und er hat ziemlich deutlich gemacht, dass Ihnen kein Haar zu krümmen ist.“
Bevor sie fragen konnte, was er damit meinte, war Danny schon verschwunden.
Isabel blieb allein.
Sie ließ sich auf die schmale Pritsche sinken, die unter ihrem Gewicht leise knarrte. Der Stoffvorhang bewegte sich kaum, und dennoch fühlte sie sich beobachtet – von der Dunkelheit, vom Schiff selbst, das atmete und ächzte um sie herum.
Dann hörte sie es.
Oben, durch das Holz gedämpft, klang Drakes Stimme.
Er sprach laut, befehlend, das Rollen des Schiffes ließ seine Worte schwanken, doch die Wut darin war unverkennbar.
„Ich will’s kein zweites Mal sagen,“ rief er. „Wer auch nur denkt, ihr zu nahe zu kommen, geht über Bord – gleichgültig, wie gut er rudern kann!“
Ein Murmeln folgte, halblaute Zustimmung, vielleicht auch Furcht. Dann das Knallen einer Luke, und Stille.
Isabel saß da, die Hände im Schoß verschränkt.
Ein Teil von ihr atmete auf.
Er hatte sie in Schutz genommen, vor all den Männern, vor dem Unaussprechlichen, das geschehen könnte.
Und doch …Was war das für eine Sicherheit, die in den Händen eines Piraten lag?
Eines Mannes, der sie entführt hatte, und der nun über ihr Leben entschied, als wäre sie Teil seiner Beute?
Sie lehnte sich zurück, lauschte dem dumpfen Rauschen des Meeres gegen den Rumpf, und versuchte, den Drang zu unterdrücken, zu weinen. Aber Tränen hätten nur die Dunkelheit klarer gemacht.
Und so blieb sie still, in ihrem kleinen, abgetrennten Winkel, während das Schiff sich in den Schlaf des Ozeans wiegte.
Zum ersten Mal in ihrem Leben war Isabel Langley wahrhaft gefangen.
Und irgendwo über ihr, zwischen den knarrenden Masten und dem Heulen des Windes, ging ein Mann umher, dessen Stimme sie noch immer hörte – in ihrem Kopf, warm und gefährlich zugleich.
Kapitel 7
Es war längst Nacht.
Die Stimmen der Männer hatten endlich aufgehört, und doch war die Stille nicht leichter zu ertragen.
Zuerst war es das Lachen gewesen – rau, kehlig, ungezähmt –, das durch die dünne Wand ihres kleinen Verschlags drang. Sie hatte jedes Wort gehört, das Fluchen, das Scheppern von Bechern, das Scharren von Stiefeln über Holz.
Nun schliefen sie, die meisten jedenfalls.
Aber mit der Ruhe kam etwas anderes. Die Kälte.
Sie zog die Knie an sich, schlang die Arme darum. Der dünne Stoff ihres Kleides war längst nicht für Nächte auf offener See gemacht. Es gab keine Decke, kein Kissen – nur die grobe Pritsche und das Tuch, das ihren kleinen Raum vom Rest des Zwischendecks trennte.
Das Holz unter ihr war hart und feucht, die Luft klamm.
Ab und zu hörte sie das dumpfe Knarren des Schiffes, das Ächzen der Planken unter dem Druck der Wellen, und über all dem das ferne, unablässige Rauschen des Meeres.
Isabel schloss die Augen, doch sie fand keinen Schlaf.
Sie dachte an ihr Zimmer in London, an das Feuer im Kamin, an das Rascheln der seidigen Decke, die ihre Zofe abends über sie gelegt hatte. An den Geruch von Lavendel, an die Stimmen der Bediensteten, gedämpft und freundlich.
Und sie dachte an ihr Tagebuch, das irgendwo in den Flammen ihres alten Schiffes geblieben war – ihre letzten Worte darin ein Wunsch an das Schicksal.
„Ich hoffe, das Schicksal zeigt mir Gnade.“
Sie lachte leise, bitter. „Nun, das hast du dir selbst zuzuschreiben, Isabel.“
Ein kalter Windzug strich durch eine schmale Ritze in der Plankenwand und ließ sie frösteln. Sie zog die Beine enger an den Körper.
Für einen Augenblick überlegte sie, ob sie hinaufgehen sollte, um wenigstens Luft zu bekommen, doch der Gedanke, den Männern zu begegnen, ließ sie bleiben.
Sie lauschte stattdessen.
Von irgendwo oben drang ein fernes Poltern herab, gedämpft von Holz und Wind. Schritte. Dann Stille. Dann wieder Schritte, langsamer diesmal – als ginge jemand das Deck ab.
Der Captain vielleicht.
Sie wusste nicht, weshalb sie das annahm, aber sie wusste es einfach.
Sie stellte sich vor, wie er dort oben stand, das Meer vor Augen, wie er vielleicht die Sterne betrachtete – die gleichen Sterne, die sie durch die Ritze über sich sehen konnte.
Und sie fragte sich, was in einem Mann vorging, der solche Macht über andere hatte. Über Leben. Über sie.
Ein Schauer durchfuhr sie, nicht nur wegen der Kälte.
Sie seufzte leise, legte sich wieder hin, doch der Schlaf kam nicht. Nur das beständige Wiegen des Schiffes, das Knarren der Balken, das leise Atmen der Männer hinter der Stoffwand.
Und so lag Isabel Langley in der Dunkelheit und zählte die Wellen, die gegen den Rumpf schlugen – bis ihre Gedanken sich schließlich verirrten zwischen Furcht, Müdigkeit und der seltsamen, ungewollten Frage, ob Drake noch wach war.
Kapitel 8
Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war.
Vielleicht Minuten, vielleicht Stunden.
Die Nacht schien endlos, und der Wind hatte sich gelegt, sodass jedes Geräusch überdeutlich durch die Dunkelheit drang.
Isabel lag zusammengerollt auf der Pritsche, die Stirn an die Knie gedrückt. Ihre Zähne klapperten unwillkürlich, leise, aber in der Stille klang es ihr selbst wie ein Hämmern.
Sie biss die Lippen zusammen, um das Geräusch zu unterdrücken, doch die Kälte kroch weiter durch ihre Kleider, schneidend und unerbittlich.
Dann – Schritte.
Langsame, gleichmäßige Schritte auf den Planken.
Sie hielten kurz an, dann ein gedämpftes Knarren, als jemand die Luke öffnete.
Isabel spannte sich an.
Ihre Finger krallten sich in das grobe Tuch, das als Abtrennung diente.
Ein Schatten bewegte sich im matten Schein einer Laterne, dann eine Stimme – tief, ruhig, und unverkennbar.
„Wenn Sie noch lauter mit den Zähnen klappern, Miss Langley,“ sagte er trocken, „wird die ganze Mannschaft glauben, hier spukt’s.“
Sie erstarrte.
Bevor sie eine Antwort fand, wurde der Stoff zur Seite geschoben, und Drake stand da.
Sein Hemd war offen, das Haar zerzaust, der Ausdruck – wie immer – unbeteiligt, fast amüsiert.
In der Hand hielt er etwas Dunkles, zusammengeknäultes.
Er warf es ihr zu, ohne näherzutreten.
„Hier. Die riecht nach allem außer Rosen, aber sie wärmt.“
Eine Decke. Grob, fleckig, und tatsächlich leicht feucht – aber sie spürte sofort, wie dankbar ihr Körper allein beim Anblick reagierte.
„Ich—“ begann sie, doch als sie den Kopf hob, war er schon wieder gegangen.
Nur das Geräusch seiner Schritte blieb, gedämpft, bis sie irgendwo oben verklangen.
Isabel starrte auf die Decke, unschlüssig, dann zog sie sie fest um sich.
Der Stoff roch nach Salz, Rauch und vielleicht ein wenig nach Rum – und trotzdem war er das Angenehmste, das sie seit ihrer Gefangennahme gespürt hatte.
Sie schloss die Augen.
„Unmöglicher Mann,“ murmelte sie leise.
Aber sie lächelte, ganz leicht, als sie das sagte.
Und zum ersten Mal auf der Sea Serpent schlief Isabel Langley ein – eingehüllt in die Wärme einer Decke, die nach Meer und Gefahr roch.
Kapitel 9
Das Licht des Morgens fiel fahl durch die Ritzen der Planken, als Isabel von Stimmen geweckt wurde.
Männer lachten, riefen einander etwas zu, irgendwo klapperte Metall, und der Geruch nach Salz und Rauch war stärker als je zuvor.
Sie blinzelte gegen das grelle Licht, das durch eine offene Luke fiel, und versuchte, sich zu orientieren.
Noch ehe sie sich aufrichten konnte, wurde der Stoff, der ihre kleine Ecke abschirmte, beiseitegezogen.
Danny stand davor.
„Der Captain will Sie sprechen,“ sagte er knapp.
Isabel richtete sich auf, glättete instinktiv ihr zerknittertes Kleid und folgte ihm, während ihre Beine sich noch unsicher anfühlten.
Der Gang war erfüllt vom Lärm des erwachenden Schiffes. Männer trugen Fässer, kletterten an Seilen empor, schrien sich Befehle zu, und überall war Bewegung.
Als sie an Deck trat, blendete sie die Sonne. Das Meer lag ruhig und endlos da, die Segel prall im Wind.
Drake stand am Steuer, die Hände locker auf der Reling, die Augen auf den Horizont gerichtet.
Er drehte sich erst um, als sie näher kam.
„Ah, Miss Langley,“ sagte er, „unsere vornehme Passagierin erwacht endlich.“
„Ich war nie Ihre Passagierin,“ erwiderte sie scharf.
Ein leichtes Lächeln glitt über seine Lippen. „Das stimmt. Aber Sie sind auch keine Gefangene im eigentlichen Sinne. Nennen wir es… einen Aufenthalt auf unbestimmte Zeit.“
Sie verschränkte die Arme. „Und wozu dieser Aufenthalt?“
„Zu meinem Vergnügen, vielleicht. Oder um Ihren Vater zum Nachdenken zu bringen.“
Er zuckte mit den Schultern. „Manchmal ist der Zweck eines Ereignisses erst später zu erkennen.“
„Das klingt, als hätten Sie selbst keine Ahnung,“ gab sie zurück.
Er lachte leise. „Vermutlich haben Sie recht.“
Dann wurde sein Ton ernster. „Aber bis wir das herausfinden, gelten hier einige Regeln.“
Er trat einen Schritt näher, und die Männer in der Umgebung verstummten allmählich, beobachteten neugierig die Szene.
„Erstens,“ sagte Drake, „Sie halten sich vom Steuer, vom Pulvermagazin und von allem fern, das Sie nicht kennen.
Zweitens: Sie reden mit niemandem, es sei denn, es ist notwendig.
Drittens: Wenn Sie an Deck sind, gehorchen Sie den Befehlen wie jeder andere.
Und viertens—“ er hielt inne, sein Blick leicht amüsiert „—Sie hören auf, mich mit diesem Blick zu töten, Miss Langley. Ich fürchte, er wird wenig Erfolg haben.“
Ein unterdrücktes Lachen ging durch einige der Männer.
Isabel hob das Kinn. „Wenn Sie erwarten, dass ich mich Ihren Regeln füge, dann irren Sie sich.“
„Ich erwarte gar nichts,“ erwiderte er ruhig. „Erwartungen sind im Leben eines Piraten meist der erste Fehler.“
Sie funkelte ihn an. „Sie könnten wenigstens versuchen, mir wie einer Dame zu begegnen.“
„Das tue ich,“ sagte er mit einem leichten Nicken. „Wären Sie keine Dame, hätte ich Sie längst über Bord geworfen.“
Er wandte sich wieder der Reling zu, als wäre das Gespräch damit beendet.
„Noch etwas, Miss Langley?“
Sie zögerte, dann – halb trotzig, halb wirklich verzweifelt – fragte sie:
„Ja. Wo genau…“ Sie senkte die Stimme ein wenig. „Wo kann ich mich erleichtern?“
Drake drehte sich zu ihr um. Ein Lächeln zuckte in seinen Mundwinkeln, ehe er antwortete:
„Das ist ein Ozean, Miss Langley,“ sagte er ruhig, die Stimme tief und rau. „Also – im Grunde: überall.“
Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen, bis einige Matrosen ihr Lachen kaum zurückhalten konnten.
Drake hob warnend die Hand, und augenblicklich verstummten sie wieder.
Isabels Wangen röteten sich, doch sie wich seinem Blick nicht.
„Unmöglich,“ sagte sie leise.
„Ich weiß,“ erwiderte er, „aber das Meer hält sich selten an die Etikette der Londoner Gesellschaft.“
Er wandte sich ab, gab dem Steuermann ein Zeichen und sah dann, ohne sie anzublicken, über die Schulter.
„Danny wird Ihnen zeigen, wo die Vorräte sind. Vielleicht findet sich dort ein Eimer, der Ihrer Würde angemessen ist.“
Sie wollte etwas erwidern – eine scharfe Bemerkung, ein Funken Stolz –, aber er war schon wieder ganz bei seinen Befehlen, als hätte das Gespräch nie stattgefunden.
Und so stand Isabel Langley, die Tochter eines Admirals, an Deck eines Piratenschiffes, umgeben von Männern, Salz und Wind – und fragte sich, ob sie jemals wieder warmes Wasser, Stille oder einen Hauch von Privatsphäre erleben würde.
Trotz allem, als sie den Blick zum Horizont hob, musste sie sich eingestehen:
Ein Teil von ihr war, gegen jede Vernunft, neugierig auf das, was kommen würde.
Kapitel 10
Der Tag brach grau und windig an.
Die See war unruhig, Wellen schlugen hart gegen den Bug, und jedes Mal, wenn die Sea Serpent sich neigte, fühlte Isabel, wie ihr Magen sich gefährlich regte.
Sie saß auf einer leeren Kiste nahe der Reling, fest umklammert, als hinge ihr Leben daran. Der Wind zerrte an ihrem Haar, und die Gischt wehte in feinen Tropfen über ihr Gesicht.
Um sie herum bewegte sich das Schiff in ständigem Rhythmus – Männer riefen einander Befehle zu, Taue wurden angezogen, Segel neu gesetzt.
Alles war laut, grob, lebendig.
Und sie … gehörte nicht hierher.
Sie hatte sich vorgenommen, Haltung zu bewahren, auch wenn sie sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte. Doch der Gedanke, schwach zu wirken, war schlimmer als das flaue Gefühl in ihrem Bauch.
Trotzdem musste sie mehrmals heftig schlucken.
Der Wellengang war erbarmungslos.
Das Meer hob und senkte sie wie eine Spielzeugfigur, und der salzige Geschmack der Gischt mischte sich mit dem metallischen Nachgeschmack ihrer eigenen Übelkeit.
„Reiß dich zusammen, Isabel,“ murmelte sie sich selbst zu, so leise, dass es niemand hören konnte.
Hin und wieder warf sie verstohlene Blicke in Richtung des Steuerrads.
Dort stand er.
Drake.
Er wirkte, als sei er eins mit dem Schiff – als läge das Meer selbst in seinen Händen.
Sein Mantel flatterte im Wind, das Haar war vom Salz verklebt, doch jede Bewegung war präzise, gelassen, kraftvoll.
Er rief kurze Befehle, und die Männer gehorchten ohne Zögern. Selbst die unruhige See schien auf ihn zu hören, als wäre er ihr Vertrauter.
Isabel konnte den Blick kaum abwenden.
Nicht, weil sie wollte, sondern weil sie sich fragte, wie ein Mensch so selbstverständlich wirken konnte, während alles um ihn schwankte.
Er war kein Mann der Etikette. Kein Gentleman, wie ihr Vater ihn ihr als Vorbild eingebläut hatte.
Und doch hatte er etwas – eine Art Selbstgewissheit, die man nicht erlernen konnte.
