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Simone Lilly

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Beschreibung

Ein Ritter. Ein Gefangener. Ein Weg, der nur einen von ihnen lebend ans Ziel lassen wird. Nach der Schlacht nimmt Corin of Wynthorpe den schottischen Krieger Ewan Mac Darragh gefangen. Der Auftrag ist simpel: zum König bringen, abliefern, vergessen. Doch als Plünderer angreifen und sie getrennt werden, zählt plötzlich nur noch eines: überleben. Seite an Seite — obwohl jeder Schritt sie näher an das bringt, wovor beide sich fürchten. Denn inmitten von Feuer, Angst und schmutzigem Humor entsteht etwas, das nicht entstehen darf: Vertrauen. Und mehr. Als die Burg endlich vor ihnen liegt, bleibt nur eine Frage: Was ist ein Leben wert, wenn es nur aus Pflicht besteht — und was ist Freiheit, wenn sie jemanden das Herz kostet?

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Seitenzahl: 151

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Simone Lilly

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Impressum neobooks

Kapitel I

Der Regen hatte in der Nacht aufgehört, doch der Boden war schwer vom Blut der Schlacht.Dampf stieg auf aus den Mulden, in denen das Gras niedergetreten lag. Krähen stritten sich um das, was die Menschen zurückgelassen hatten.Sir Corin of Wynthorpe lenkte sein Pferd schweigend den Hang hinauf. Jeder Schritt des Tieres löste einen dumpfen Laut im Morast, als würde selbst die Erde seufzen.Hinter ihm folgte eine kleine Schar – sechs Männer, erschöpft, von Wunden gezeichnet, das Banner halb eingerollt, vom Rauch geschwärzt.Niemand sprach. Das Klirren der Rüstungen, das Schnauben der Pferde und das ferne Heulen des Windes über die Hügel waren die einzigen Stimmen, die sie begleiteten.Die Sonne kämpfte sich mühsam durch den Nebel. Ihr Licht fiel fahl über das weite Tal, das gestern noch ein Schlachtfeld gewesen war – jetzt ein Friedhof ohne Kreuze. Zwischen den zerbrochenen Speeren glitzerten Pfützen wie stumpfes Metall.Corin sah nicht zurück.Er kannte das Bild – zu oft schon hatte er solche Orte verlassen, die im Sieg und Verlust zugleich endeten.Doch heute lastete der Sieg schwerer. Vielleicht, weil er wusste, dass nichts, was sie gewonnen hatten, wirklich von Dauer war.Das Pferd unter ihm, ein alter Schimmel namens Lothar, ging gleichmäßig, aber müde. Corin beugte sich leicht vor, strich ihm über den Hals. Das Tier war sein stillster Gefährte – unerschütterlich, auch dann, wenn Menschen längst gebrochen waren.Ein leises Husten aus der Reihe der Männer ließ ihn den Kopf drehen. Dort, etwas abseits, ritt der Gefangene.Seine Hände waren vor dem Sattel gebunden, doch er hielt sich aufrecht, als trüge er keine Fesseln.Das Gesicht war verschmutzt, das Kupfer seines Haars schimmerte matt im Nebellicht.Er sprach kein Wort. Auch er sah nicht zurück.Für einen Augenblick fiel Corin auf, wie still der Mann war. Kein Fluch, kein Trotz. Nur dieses Schweigen, das nicht aus Furcht kam, sondern aus einer anderen, härteren Art von Würde.Er wandte sich ab, noch bevor sich Gedanken formten konnten, die er lieber nicht zuließ.Der Weg führte sie hinaus aus der Senke, über steinige Höhen. Auf den Kämmen standen verkohlte Baumstämme, schwarze Finger gegen den grauen Himmel.Einmal hörten sie in der Ferne das dumpfe Krachen einer einstürzenden Mauer – irgendeine Burg, die dem Feuer nachgegeben hatte.Niemand hielt an.Der Wind nahm zu, brachte den Geruch von Regen und Asche mit sich. Corin zog den Mantel enger um sich.Die Kälte kroch nicht nur in seine Glieder, sondern auch in den Gedanken – jene Kälte, die nach dem Kampf kommt, wenn das Blut nicht mehr rauscht und die Stimmen der Toten zu flüstern beginnen.Als sie den höchsten Punkt erreichten, hielt er kurz an.Vor ihnen lag das Land, das sich bis zum Horizont erstreckte – Hügel, Moore, dunkle Wälder, das ferne Band eines Flusses, der sich silbern durch das Tal zog. Dort unten, irgendwo jenseits der nächsten zwei Tage, lag Wynthorpe.Sein Heim.Seine Pflicht.Sein Gefangener.Corin atmete tief durch.Hinter ihm warteten die Männer, erschöpft, stumm. Ein paar Blicke wanderten zu ihm, als erwarteten sie, dass er etwas sagte – einen Segen vielleicht, oder nur das Zeichen, dass es weiterging.Er nickte.„Vorwärts“, murmelte er.Sie setzten sich wieder in Bewegung.Langsam verblasste hinter ihnen der Rauch der Schlucht, bis nur noch die Kälte blieb und das ferne Rufen der Krähen.Vor ihnen öffnete sich der Weg – ein Band aus Erde, das sich durch das Land schlängelte wie ein Versprechen und eine Drohung zugleich.Und der Himmel über ihnen spannte sich weit und bleigrau, als wüsste er schon, dass dies kein einfacher Rückweg werden würde.

Kapitel II

Die Sonne stand schon tief, als sie das Ende des Waldes erreichten. Das Licht fiel in langen, goldenen Streifen durch die Stämme, doch es war ein trügerisches Gold — eins, das nichts wärmte.Der Tag hatte ihnen zugesetzt. Der Weg war unwegsam gewesen, die Pferde zögerlich, der Boden vom Regen aufgeweicht. Jeder Schritt schien schwerer als der vorige.Corin lenkte seinen Schimmel den Hang hinunter, wo zwischen Bäumen eine verlassene Hütte stand. Sie war klein, kaum mehr als ein Unterstand aus Stein und morschem Holz, aber das Dach schien intakt, und in der Nähe plätscherte Wasser über rundgeschliffene Steine.„Wir rasten hier“, sagte er ruhig.Seine Stimme klang müder, als er wollte.Ein leises Aufatmen ging durch die Männer. Sie lösten die Gurte, zogen den Pferden die Sättel ab. Einer suchte trockenes Holz, ein anderer überprüfte die Wunden der Tiere. Die Bewegungen waren routiniert, langsam, fast feierlich in ihrer Erschöpfung.Nur der Gefangene blieb sitzen.Ewan Mac Darragh hielt den Kopf leicht geneigt, als prüfe er, ob dieser Ort sicher war. Seine Hände waren noch immer gefesselt, und das Tau hatte Spuren in die Haut geschnitten. Der Schmutz machte sie dunkler, als wäre die Erde selbst ein Teil von ihm geworden.Corin sah kurz zu ihm hinüber, dann trat er näher.„Absteigen.“Ewan blickte auf. Kein Trotz diesmal, nur ein prüfender Blick.Dann schwang er sich unbeholfen aus dem Sattel. Seine Bewegungen waren steif, aber ruhig, von jener kontrollierten Würde, die sich selbst in Fesseln nicht ablegen lässt.Corin nahm ihm das Pferd ab, band es an einen Ast.Er sagte nichts weiter, doch als er sich abwandte, blieb Ewan einen Moment stehen. Sein Blick glitt durch die Bäume, über die Felder, hin zum Horizont. Ein schmaler Rauchfaden stieg dort auf – vielleicht ein Bauernhof, vielleicht ein Brand.„Schönes Land“, murmelte er schließlich leise, fast unhörbar.Corin drehte sich um, das Gesicht unleserlich.„Für den, der es kennt.“Ewan verzog die Lippen, als wollte er etwas erwidern, tat es aber nicht.Ein Feuer wurde entzündet. Der Rauch roch nach feuchtem Holz und nassem Leder. Die Männer setzten sich darum, schweigend, jeder in seine eigene Müdigkeit versunken. Einer begann Brot zu schneiden, ein anderer wärmte die Hände. Das Knistern der Flammen übertönte für eine Weile das Schweigen.Corin stand etwas abseits, den Blick auf die dunkler werdende Landschaft gerichtet. Sein Helm lag neben ihm im Gras. Das Haar klebte ihm an der Stirn, und der Schatten seiner Wimpern schnitt ihm Linien übers Gesicht.In seinen Zügen lag etwas Unruhiges, das nicht vom Marsch kam.Als die Nacht vollständig hereinfiel, schob er dem Gefangenen einen Wasserschlauch zu.„Trinkt.“Ewan zögerte. Dann nahm er den Schlauch, trank, reichte ihn stumm zurück.Ein Tropfen rann über seine Lippe, und er wischte ihn mit dem Handrücken fort, ohne den Blick von Corin zu lösen.Für einen Moment stand zwischen ihnen nichts als das Rascheln des Windes in den Bäumen. Kein Wort, keine Bewegung – nur dieses seltsame, tastende Schweigen.Dann wandte Corin sich ab, ging zum Feuer zurück.Ewan setzte sich gegen die Wand der Hütte, die Hände noch gefesselt, den Blick in die Dunkelheit gerichtet.Die Schatten der Männer zogen sich über das Gras, während der Mond über dem Wald aufstieg.Niemand sprach mehr in dieser Nacht.Aber Corin, der das Schwert neben sich gelegt hatte, fand keinen Schlaf.Er hörte das leise Atmen der Männer, das ferne Rufen einer Eule – und jenseits des Feuers das gleichmäßige, unruhige Rascheln des Gefangenen.Es war ein Geräusch, das ihn seltsam wach hielt.Und irgendwo tief in ihm regte sich das Gefühl, dass dies nicht der letzte Abend sein würde, an dem dieser Klang ihn wach hielt.

Kapitel III

Die Nacht war still geworden.Nur das leise Knistern des Feuers und das ferne Zirpen der Grillen blieben, während die Männer einer nach dem anderen in unruhigen Schlaf fielen.Der Himmel spannte sich klar über dem Lager, mit Sternen, die schärfer funkelten, als dürften sie auf eine Welt herabsehen, die längst zu müde war, um sie zu bemerken.Sir Corin saß noch immer wach.Die Glut spiegelte sich in seinen Augen, und sein Blick war leer, als sehe er etwas, das niemand sonst erkennen konnte.Sein Körper war starr vor Erschöpfung, doch der Schmerz, der in ihm nagte, ließ ihn nicht ruhen. Er wusste, dass er sich bewegen musste, ehe die Glieder am Morgen zu Stein würden.Langsam stand er auf, löste die Schnallen an den Schultern, das metallische Klirren der Rüstung klang beinahe laut in der Stille.Die Brustplatte war verbeult, das Wappen darauf kaum mehr zu erkennen. Als er sie abnahm, entwich ihm ein leises, gequältes Atmen – der erste Laut, den er seit Stunden von sich gegeben hatte.Darunter kam die Tunika zum Vorschein, dunkel vom Schweiß und an mehreren Stellen aufgerissen.Er zog sie aus. Das Feuer flackerte auf, und sein Körper erschien im rötlichen Schein: Muskeln und Narben, Wunden und Schatten. Über Rippen und Schulter zogen sich frische Schnitte, von der Schlacht übrig geblieben.Blut war nur noch angetrocknet, aber die Haut darunter pochte.Corin tastete mit den Fingern über einen langen, blauen Streifen an seiner Seite, sog scharf die Luft ein.„Verdammter Hund von einem Reiter…“ knurrte er zwischen den Zähnen, als er sich hinsetzte, um den Schaden zu begutachten.Ein weiterer Stoß des Schmerzes fuhr durch ihn, und diesmal entwich ihm ein halblautes, raues Fluchen:„Beim Himmel — als wäre der Sieg nicht Strafe genug!“Er lachte kurz, leise und bitter. Das Lachen hallte seltsam in der Stille.Dann griff er nach seiner Tunika, tauchte sie in einen Eimer mit Wasser und rieb über die Wunden. Das Wasser brannte, und er biss die Zähne zusammen.Als er sich wieder anzog, geschah es mit jenen ruckartigen Bewegungen, die zeigen, dass ein Mann sich lieber mit Schmerz beschäftigt als mit Gedanken.Er merkte nicht, dass er beobachtet wurde.Aus der Dunkelheit neben der Hütte kam eine Stimme – ruhig, mit einem Hauch von Spott:„Ein Ritter, der mit sich selbst streitet. Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Engländer euch so gern verflucht, wenn niemand zuhört.“Corin fuhr herum.Im Schatten lehnte Ewan Mac Darragh an der Wand, die Hände noch gefesselt, die Augen wach und hell im Schimmer des Feuers.Er hatte sich kein Stück bewegt, doch der Ausdruck in seinem Gesicht war wachsam, fast… amüsiert.„Ihr solltet schlafen“, sagte Corin kurz.„Ich schlafe nicht gut in Feindeslagern“, entgegnete Ewan leise. „Aber ihr — ihr solltet ruhen. Eure Seite blutet.“„Das tut sie nicht.“Corin wandte sich ab, griff nach dem Kettenhemd, das halb im Gras lag.„Doch“, sagte Ewan, ohne die Stimme zu heben. „Ihr habt die Hand draufgelegt wie ein Mann, der’s kennt. So tut nur einer, der oft genug getroffen wurde.“Er machte eine kurze Pause, die fast nachsichtig klang.„Vielleicht gewöhnt ihr euch eines Tages dran. Ihr habt ja noch einige Kriege vor euch, nehme ich an.“Corin schnaubte.„Ihr habt eine merkwürdige Art, euer eigenes Schicksal zu versüßen. Ich könnte euch an den nächsten Baum binden, wenn ihr nach Spott verlangt.“Ewan zuckte kaum merklich mit den Schultern.„Dann würdet ihr wenigstens noch einmal zeigen, dass ihr leben könnt, anstatt nur zu marschieren. Ich glaube, ihr würdet euch wundern, wie sehr euch das steht – Zorn statt Schweigen.“Corin drehte sich um. Das Feuer warf rote Schatten über sein Gesicht.Einen Augenblick lang sagte keiner etwas.Dann hob er langsam die Brustplatte auf, legte sie an. Das Metall klirrte dumpf.„Ich habe kein Bedürfnis, mich vor euch zu zeigen“, sagte er schließlich. „Und ihr habt kein Recht, mich zu betrachten.“Ewan neigte den Kopf.„Dann seid ihr der erste Ritter, der sich schämt, ein Mensch zu sein.“Das saß.Corin hielt kurz inne, dann setzte er das Schwert neben sich in den Boden, als müsse er es daran hindern, gegen den Mann zu sprechen, der ihm gerade die Ruhe raubte.„Schweigt, Schotte“, murmelte er. „Ehe ich vergesse, dass ihr in Fesseln seid.“Doch Ewan schwieg nicht.„Ihr hättet es längst getan, wenn ihr’s wirklich vergessen wolltet.“Corin sah ihn an. Länger als er wollte.Dann wandte er sich ab, legte sich neben das Feuer und zog den Mantel über sich.Er wusste, dass der Schotte noch immer wachte – und dass seine Worte wie ein Splitter unter die Haut gedrungen waren.Das Feuer war fast niedergebrannt, als Corin sich wieder erhob.Ein Rest von Glut glomm im Dunkeln, warf rötliches Licht über den Boden, über Rüstung und Pferde, über die Schatten der schlafenden Männer.Ewan hatte den Kopf gegen die Wand gelehnt, die Augen halb geschlossen – doch Corin traute dem Frieden nicht.Er stand einen Moment still, lauschte dem Atem der anderen, dann ging er lautlos zu ihm hinüber.Der Schotte öffnete die Augen, kaum dass Corins Schatten ihn erreichte.„Habt Ihr mich vermisst, Sir?“ fragte er leise, die Stimme heiser vom langen Schweigen.Corin antwortete nicht sofort. Er beugte sich hinab, prüfte den Knoten, den einer der Männer am Pfosten gemacht hatte. Das Seil war alt, rissig.Mit einem leisen Zerren löste er es und zog ein neues aus seiner Satteltasche.„Ihr schlaft zu wach“, murmelte Corin, während er das Tau prüfte.„Ich habe gelernt, das zu tun“, erwiderte Ewan. „Diejenigen, die zu fest schlafen, wachen selten noch einmal auf.“Corin kniete nieder, begann, die neuen Fesseln anzulegen.Ewan bewegte sich nicht, beobachtete ihn nur. Das Licht der Glut schimmerte auf Corins Gesicht, ließ die Züge hart wirken.„Ich will nicht, dass Ihr fortlauft, wenn ich den Rücken kehre“, sagte Corin.„Und ich will nicht, dass Ihr glaubt, ich wäre töricht genug, es in dieser Nacht zu versuchen.“Ewan lächelte schmal. „Ich würde kaum drei Schritt weit kommen, ehe einer Eurer Männer mir ein Schwert in den Rücken stößt.“„Dann spart mir den Versuch“, entgegnete Corin kühl.„Oh, keine Sorge, Sir.“ Ewans Stimme klang beinahe amüsiert. „Ich bleibe. Ich genieße Eure Gastfreundschaft zu sehr, um sie zu riskieren.“Corin zog das Seil fester. Das Knirschen der Fasern durchbrach kurz die Stille.„Wenn Ihr so weiterredet, überlege ich, Euch den Mund gleich mit zu binden.“„Das würde Euch gewiss ruhiger schlafen lassen“, sagte Ewan, „aber es würde Euch auch den einzigen ehrlichen Gesprächspartner nehmen, den Ihr in Eurer Truppe habt.“Corin hielt inne.Er hob den Blick – nur einen Moment – und sah in Ewans Augen.Da war kein Trotz mehr, kein offener Spott, nur dieses scharfe, prüfende Funkeln, als wüsste der Schotte längst, dass Worte manchmal gefährlicher sind als Schwerter.„Ihr überschätzt Eure Bedeutung, Mac Darragh.“„Und Ihr unterschätzt, wie laut Schweigen werden kann, wenn man niemanden mehr hat, der spricht.“Das traf Corin unvorbereitet. Er richtete sich auf, das Tau in der Hand, aber er band es nicht mehr fester.Ein Windzug fuhr durch die Bäume, ließ das Feuer kurz auflodern. Für einen Atemzug standen sie beide im flackernden Licht – der Ritter und der Gefangene, jeder auf seine Art gebunden.Schließlich sagte Corin leise:„Ihr bleibt hier. Und Ihr schweigt jetzt.“Ewan lächelte, kaum merklich.„Ich schweige, Sir. Aber Ihr werdet trotzdem nicht schlafen.“Corin trat zurück, zog den Mantel enger um sich und wandte sich ab.Er setzte sich wieder ans Feuer, legte das Schwert quer über die Knie.Hinter ihm, in der Dunkelheit, hörte er das leise Rascheln der Seile, das Knacken des Holzes unter Ewans Schultern.Kein Fluchtversuch. Nur das unaufhörliche, wache Atmen eines Mannes, der sich nicht brechen ließ.Und Corin wusste, dass der Schotte recht hatte:Er würde in dieser Nacht keinen Schlaf finden.

Kapitel IVDer Morgen kam mit Regen.Er fiel leise, aber unnachgiebig, ein dünner Schleier aus Wasser, der Himmel und Erde in dasselbe Grau hüllte. Der Boden dampfte vom feuchten Holz des Feuers, das nur noch ein Häuflein schwarzer Asche war.Ein nachdrückliches Tropfen klang vom Dach der Hütte, und irgendwo in der Nähe schnaubte ein Pferd unruhig.Corin saß bereits aufrecht, noch bevor das erste Licht zwischen die Bäume fiel.Er hatte kaum geschlafen. Der Mantel, den er um sich gezogen hatte, war durchweicht, und der Schmerz in der Seite erinnerte ihn an jede Bewegung der Nacht.Das leise Ziehen an der Wunde, das Brennen der Haut — es war fast beruhigend. Etwas, worauf er sich konzentrieren konnte, statt auf Gedanken, die sich ungebeten in den Kopf drängten.Die Männer wachten einer nach dem anderen auf, mürrisch und wortkarg.Keiner sprach vom Regen, keiner vom Marsch. Sie wussten, dass der Tag lang werden würde.Hal, der jüngste von ihnen, fluchte, als er seine nassen Stiefel anzog.„Wir sind keine Ritter, Sir, sondern verdammte Fische.“Corin schenkte ihm keinen Blick.Er stand auf, prüfte den Himmel, die Richtung des Windes, und rief schließlich:„Sattelt. Wir brechen auf, bevor der Boden uns festhält.“Das Klirren von Metall mischte sich mit dem Schnaufen der Pferde.Der Regen zog feine Linien über die Rüstungen, ließ alles stumpf wirken — Schwert, Helm, selbst die Gesichter verloren ihren Glanz und wurden zu blassen Schatten im Morgengrau.Ewan war der letzte, der sich regte.Er hatte die Nacht kaum bewegt verbracht, aufrecht an die Wand gelehnt, die Haare feucht vom Tau.Als Corin zu ihm trat, sah der Schotte auf.Kein Trotz lag in seinem Blick heute, nur eine müde Klarheit.„Ich nehme an, ich gehe zu Fuß?“ fragte er ruhig.Corin nickte.„Euer Pferd braucht Ruhe. Es trägt genug Lasten ohne Euch.“Ein kaum sichtbares Zucken flog über Ewans Mundwinkel.„Wie rücksichtsvoll.“Corin beugte sich, löste den Knoten an dem Pfosten und prüfte die Fesseln.„Ich könnte Euch statt aufs Pferd zu setzen, fesseln und ziehen lassen“, sagte er tonlos.„Aber das wäre mir zu viel Aufwand.“„Ich schätze Euren Sinn für Gnade.“Corin antwortete nicht. Er zog das Seil straffer, gerade so, dass Ewan sich bewegen konnte, und gab Hal den anderen Strick in die Hand.„Nicht locker lassen“, wies er ihn an.Ewan ging schweigend los, barhäuptig, das Haar schwer vom Regen. Jeder Schritt sog sich in den schlammigen Boden.Er sagte nichts, kein Wort über die Kälte, den Schmerz in den Handgelenken oder die Müdigkeit.Corin beobachtete ihn kurz.Er hatte schon viele Gefangene gesehen, die an diesem Punkt längst gebrochen wären — doch Ewan schien ungebrochen, selbst in seiner Demütigung.Der Weg führte sie durch einen engen Pfad zwischen Farn und Haselsträuchern, deren Blätter vom Regen schwer herunterhingen. Das Geräusch ihrer Schritte war dumpf, gedämpft von nasser Erde.