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Zwischen zwei Welten kann ein einziger Schritt alles verändern. Caelan von Arvenhold ist ein Prinz wider Willen – müde von Pflicht, müde vom Schweigen seines Bruders, müde von einem Reich, das ihn formte, ohne ihn zu sehen. Als eine scheinbar harmlose Mission ihn in den Grenzwald führt, ahnt er nicht, dass er dort alles verlieren wird, was er zu kennen glaubt – und vielleicht zum ersten Mal finden wird, wer er wirklich ist. Der Wald birgt mehr als Schatten und alte Legenden. Er bewahrt Erinnerungen, Schuld und ein Volk, das seit Generationen im Verborgenen lebt. An ihrer Spitze steht Eryndor: ruhig, unnachgiebig, geprägt von Verantwortung – und der letzte Mensch, dem Caelan trauen sollte. Was als Feindschaft beginnt, wird zu Nähe. Was Nähe wird, verwandelt sich in etwas Gefährliches. Denn zwischen Blut und Herz, Herkunft und Wahrheit, steht eine Vergangenheit, die nicht ruhen will. Als alte Wunden aufbrechen und ein drohender Krieg näher rückt, muss Caelan eine Entscheidung treffen, die mehr fordert als Mut: den Willen, zu lieben, wo Hass erwartet wird. Eine epische Fantasy über Schuld und Versöhnung, über Identität und Opfer – und über eine Liebe, die den Mut hat, gegen die Welt zu bestehen.
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Seitenzahl: 81
Veröffentlichungsjahr: 2026
Simone Lilly
Von Blut und Sternen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Impressum neobooks
Der Morgen, an dem Caelan von Arvenhold sein Leben verlor und ein neues begann, war stiller als alle zuvor.Die Sonne hing noch tief über dem fahlen Himmel, und ein milchiger Nebel legte sich wie ein Schleier über den Grenzwald, der das Reich der Menschen von den Schatten jenseits der alten Pfade trennte. Selbst die Vögel schwiegen, als hielten sie den Atem an vor etwas, das noch nicht geschehen war.Seit Wochen war Caelan fortgewesen – fern seines Hauses, fern der vertrauten Hallen von Arvenhold. Sein Bruder Erik hatte ihn auf eine Mission geschickt, die weder Sinn noch Ziel zu haben schien: ein Auftrag, die Grenzposten im Osten zu inspizieren, als ob deren Anwesenheit allein schon den Frieden sichern könnte. Es war eine Aufgabe für einen Befehlshaber, nicht für einen Prinzen – und vielleicht war genau das der Grund gewesen, warum Erik sie ihm auferlegt hatte.Nun war sie erfüllt, und Caelan befand sich auf dem Rückweg. Doch in Wahrheit war er nicht auf dem Heimweg – nicht wirklich. Denn mit jedem Schritt, den sein Pferd tat, wuchs in ihm das dumpfe Gefühl, dass er nicht mehr dorthin gehörte. Zu lange war er fort gewesen, zu lange hatte er über seine Rolle, seine Pflicht und die schleichende Kälte zwischen ihm und seinem Bruder nachgedacht.Und nun, da sich der Nebel verdichtete und der Wald wie ein schweigendes Tor vor ihm lag, verspürte er nicht die Freude der Heimkehr – sondern nur eine bleierne Müdigkeit.Er ritt an der Spitze eines kleinen Konvois, ein Dutzend Männer seines Hauses hinter sich. Kein Heer, keine Banner – nur eine schmale Eskorte, wie es sich für einen Routineaufmarsch ziemte. Routine. Ein Wort, das seinen Ekel weckte.Sie hatten nichts zu fürchten, hieß es. Und doch pochte ein leises Unbehagen unter seiner Brustplatte, wie ein Finger, der unaufhörlich an sein Herz klopfte.„Wir hätten mehr Männer mitnehmen sollen,“ murmelte Ser Arwin, sein Hauptmann und ältester Vertrauter.„Eine größere Truppe würde mehr Aufsehen erregen,“ entgegnete Caelan mit einer Müdigkeit, die tiefer ging als bloße Erschöpfung. „Wir wollen keine Furcht verbreiten – nur Präsenz zeigen.“„In diesen Wäldern ist schon die bloße Anwesenheit eines Menschen eine Provokation.“„Dann sollen sie wissen, dass wir keine Feinde suchen.“Arwin schwieg, schob aber die Hand fester an den Griff seines Schwertes. Caelan tat es ihm gleich. Er war jung, gewiss, doch nicht töricht. Und in dieser unheimlichen Stille lag etwas, das ihn an die Geschichten seiner Kindheit erinnerte – Geschichten von Schatten zwischen den Bäumen, von Wesen, die Mensch und Tier zugleich waren, von Augen, die in der Nacht glühten.Er hatte nie an sie geglaubt. Bis heute.Der Angriff kam ohne Vorwarnung.Zuerst ein Schatten, kaum mehr als eine Bewegung zwischen den Bäumen. Dann ein Pfeil, der lautlos durch den Nebel zischte und Arwin an der Kehle traf.Noch ehe der Hauptmann vom Pferd stürzte, brach der Wald los.Aus allen Richtungen lösten sich Gestalten – lautlos, geschmeidig, mit Augen wie schimmerndes Metall. Manche liefen auf zwei Beinen, andere auf vier, und doch waren sie alle gleich: furchtlos, schnell und tödlich.„Hinterhalt!“ schrie jemand, doch der Ruf ging unter im Chaos.Caelan zog sein Schwert, doch seine Arme fühlten sich schwer an, bleierner als Stahl. Wochen voller Märsche und Nächte ohne Schlaf forderten ihren Tribut, und sein Geist war zu erschöpft, um mit derselben Klarheit zu kämpfen, die ihn einst auszeichnete.Ein Schlag traf ihn von der Seite, entriss ihm das Schwert, ein weiterer riss ihn aus dem Sattel. Er stürzte zu Boden, der Aufprall raubte ihm den Atem – und in der Stille zwischen zwei Herzschlägen begriff er, dass er sich nicht wehrte, weil er es nicht konnte. Sondern weil er es nicht wollte.Denn ein Teil von ihm sehnte sich danach, nicht zurückkehren zu müssen.Hände packten ihn – kräftig, rau, nicht menschlich. Ein Tuch wurde ihm über Gesicht und Mund gedrückt, ein scharfer, bitterer Rauch brannte in seiner Kehle.Der Himmel verschwamm. Die Welt kippte ins Dunkel.Er wusste nicht, wie lange er bewusstlos war. Stunden vielleicht. Oder Tage. Nur, dass er erwachte – gefesselt, erschöpft, verletzt – in einer Hütte aus grobem Holz, irgendwo tief im Wald.Der Geruch von feuchtem Moos und Rauch hing schwer in der Luft, vermischt mit fremden Kräutern.„Er ist wach,“ sagte eine Stimme, tief und ruhig.Caelan blinzelte. Vor ihm stand ein Mann, groß und von stiller Präsenz, mit Augen von silbergrauem Glanz, die ihn musterten wie ein Jäger seine Beute. Er trug schlichte Kleidung aus Leder und Fell, doch in seiner Haltung lag eine Autorität, die keiner Rüstung bedurfte.„Ihr seid von Arvenhold,“ stellte der Mann fest, nicht als Frage, sondern als Urteil.„Wer seid Ihr?“ keuchte Caelan.„Derjenige, der beschlossen hat, Euch am Leben zu lassen.“Caelan sog scharf Luft ein. „Dann nennt mir wenigstens Euren Namen, ehe Ihr mich richtet.“Ein leises, kaum merkliches Lächeln zuckte über die Lippen des Fremden. „Eryndor.“Damit beginnt Caelans Geschichte – nicht als Prinz eines Hauses, sondern als Gefangener eines Volkes, von dem man ihm sein ganzes Leben lang erzählt hatte, es sei wild, grausam und ohne Ehre.Und während die Nacht über dem Grenzwald hereinbrach und der Wind wie ferne Stimmen durch die Äste flüsterte, ahnte er nicht, dass jener Mann mit den silbergrauen Augen sein Schicksal werden würde – und vielleicht sein Herz.Kapitel 2
Die ersten Tage nach seiner Gefangennahme vergingen wie in einem dichten, fiebrigen Nebel.Caelan erinnerte sich nur an Bruchstücke – an Hände, die ihn aus dem Schlamm zogen, an Wasser, das seine Lippen berührte, an Augen, die ihn prüfend musterten, wenn er kurz erwachte. Sein Körper war schwer, seine Glieder schmerzten bei jeder Bewegung, und doch blieb sein Geist wach – unruhig wie ein Tier in einem Käfig.Als er zum ersten Mal wieder bei Bewusstsein blieb, war der Tag grau und still. Durch eine schmale Öffnung in der Wand fiel fahles Licht in den Raum. Der Geruch von nasser Erde, Rauch und getrockneten Kräutern lag in der Luft.Er lag auf einer schlichten Lagerstatt, grob gezimmert, und spürte die Spannung der Seile um seine Handgelenke. Man hatte ihn gefesselt – nicht fest genug, um ihm Schmerzen zu bereiten, aber fest genug, um ihm seine Ohnmacht vor Augen zu führen.Er versuchte, die Knoten zu lösen – nicht mit wirklicher Hoffnung, sondern aus einem trotzigen Reflex heraus. Seine Finger zogen, drückten, suchten nach einer Schwachstelle, doch sein Körper war zu schwach und seine Gedanken zu schwer. Schließlich gab er auf und sank zurück auf das Lager.Ein bitteres Lächeln huschte über seine Lippen. Vielleicht war das alles ohnehin besser so. Er hatte nicht heimkehren wollen, nicht zu einem Bruder, der ihn längst wie einen Fremden behandelte, nicht zu einem Leben, das ihn erdrückte. Ob es Glück oder Unglück war, dass man ihn hierher verschleppt hatte, wusste er nicht.Die Tür öffnete sich lautlos.Ein Mann trat ein – hochgewachsen, mit breiten Schultern und einer Ruhe in der Haltung, die keine Waffe brauchte, um Respekt zu erzwingen. Seine Augen waren silbergrau und aufmerksam, und in seinem Gang lag die Sicherheit eines Mannes, an den sich andere hielten.„Also ist es wahr,“ sagte Caelan mit rauer Stimme. „Ihr seid es, der hier die Befehle gibt.“„Ja,“ antwortete der Mann ruhig. „Mein Name ist Eryndor. Ich führte den Trupp an, der Euch fand.“Er trug einfache Kleidung aus Leder und Fell, doch nichts an ihm wirkte einfach. Alles an ihm sprach von Autorität – und davon, dass er daran gewöhnt war, gehorcht zu werden.Er stellte eine Schale mit dampfendem Sud auf einen niedrigen Tisch neben das Lager. „Ihr solltet trinken. Es wird den Schmerz lindern.“Caelan starrte ihn an, der Trotz in seinen Augen loderte heller als seine Kraft. „Warum? Damit ich länger lebe und Ihr länger Spaß daran habt, mich hier verrotten zu lassen?“„Damit Ihr nicht sterbt,“ entgegnete Eryndor ruhig. „Noch nicht.“„Wie großzügig.“ Caelan wandte den Blick ab. „Was habt Ihr mit meinen Männern gemacht?“Eryndors Gesicht blieb unbewegt, doch seine Antwort war wie ein Schlag. „Sie sind tot.“Caelan blinzelte, als hätte ihn jemand geschlagen. „Alle?“„Jeder einzelne. Euer Zug wurde ausgelöscht. Nur Ihr lebt noch.“Ein lautloser Moment verging. Caelan schloss die Augen. Er hatte es geahnt, doch die Gewissheit traf ihn wie kaltes Eisen. Schuld und Erleichterung mischten sich in seiner Brust zu einem Gefühl, das er nicht benennen konnte.Vielleicht war es besser so. Vielleicht war es furchtbar. Vielleicht beides.„Dann habt Ihr also beschlossen, mich am Leben zu lassen,“ sagte er tonlos. „Warum?“„Weil ein toter Prinz nichts nützt,“ antwortete Eryndor. „Und weil ich wissen will, ob mehr in Euch steckt als ein Titel.“Caelan lachte bitter. „Dann habt Ihr Euch den Falschen ausgesucht.“„Das werden wir sehen.“Die Tage vergingen, und mit ihnen wuchs ein seltsamer Rhythmus zwischen Gefangenschaft und Gespräch.Eryndor kam täglich, brachte Wasser, Nahrung, einen Sud gegen das Fieber. Er sprach wenig, fragte viel – nach Caelans Namen, seiner Heimat, seiner Sicht auf den Krieg. Und immer wieder begegneten sich ihre Worte wie zwei Klingen, die aneinander Funken schlugen.„Ihr seid anders, als ich erwartet hatte,“ sagte Eryndor eines Abends, als er länger blieb als sonst.„Wie erwartetet Ihr mich?“ fragte Caelan spöttisch.„Arrogant. Laut. Jemand, der glaubt, ihm stünde die Welt zu Füßen.“„Vielleicht wäre ich das gewesen,“ erwiderte Caelan kühl, „wenn Ihr mich nicht gefesselt und halbtot hierhergeschleppt hättet.“Eryndor lächelte schwach. „Vielleicht.“Zwischen ihnen lag noch immer Feindseligkeit – zu alt, zu tief verwurzelt, um in wenigen Tagen zu vergehen. Doch zwischen dem Hass wuchs etwas anderes: eine leise, beharrliche Neugier, die keiner von beiden benennen konnte.
