Der kalte Glanz des Todes - J.D. Robb - E-Book

Der kalte Glanz des Todes E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Der Tod eines beliebten Kinderarztes lässt Eve Dallas rätseln – der neue Pageturner von Bestsellerautorin J.D. Robb!

Kinderarzt Kent Abner bekommt ungewöhnliche Post: ein goldenes Ei. Als er das billig wirkende Objekt öffnet, entweichen tödliche Gase, die ihn auf der Stelle umbringen. Eve Dallas und ihr Team nehmen umgehend die Ermittlungen auf. Die erweisen sich als kompliziert: Das Opfer war äußerst beliebt und wohl beleumundet, auch weil er sich so kompromisslos für seine jungen Patienten einsetzte. Dann stirbt ein zweiter Mensch durch ein tödliches Ei – und Eve Dallas muss sich fragen, ob sie es mit einem Verrückten zu tun hat oder ob die beiden Toten doch mehr verbindet, als es scheint …

Eve Dallas überzeugt in jedem Fall! Lesen Sie auch die spannenden Sammelbände »Mörderlied«, »Mörderstunde« und »Mörderspiele« aus der Feder von SPIEGEL-Bestsellerautorin J.D. Robb.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

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Seitenzahl: 615

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Buch

Kinderarzt Kent Abner bekommt ungewöhnliche Post: ein goldenes Ei. Als er das billig wirkende Objekt öffnet, entweichen tödliche Gase, die ihn auf der Stelle umbringen. Eve Dallas und ihr Team nehmen umgehend die Ermittlungen auf. Die erweisen sich als kompliziert: Das Opfer war äußerst beliebt und wohl beleumundet, auch weil er sich so kompromisslos für seine jungen Patienten einsetzte. Dann stirbt ein zweiter Mensch durch ein tödliches Ei – und Eve Dallas muss sich fragen, ob sie es mit einem Verrückten zu tun hat oder ob die beiden Toten doch mehr verbindet, als es scheint …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren und veröffentlichte 1981 ihren ersten Roman. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt: Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 500 Millionen Exemplaren überschritten. Auch in Deutschland erobern ihre Bücher und Hörbücher regelmäßig die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Maryland.

Von J. D. Robb bereits erschienen (Auswahl)

Der Kuss der schwarzen Witwe · So böse sein Ende · Teure Rache · Blutige Verehrung · Sein teuflisches Herz · Eiskalte Nähe · Im Licht des Todes · Der liebevolle Mörder · Geliebt von einem Feind · So tödlich wie die Liebe · Das Böse im Herzen · Zum Tod verführt · Aus süßer Berechnung · Verführerische Täuschung · Tödlicher Ruhm

J. D. Robb

Der kalte Glanz des Todes

Thriller

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Golden in Death« bei St. Martin’s Press, New York.

Das Zitat von William Shakespeare stammt aus »König Lear«, 1. Akt, 1. Szene, übersetzt von Wolf Graf Baudissin, zitiert nach www.projekt-gutenberg.org.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.Copyright der Originalausgabe © 2020 by Nora Roberts

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2026 by Blanvalet in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Redaktion: Catherine Beck

Umschlaggestaltung: © buerosued.de

Umschlagmotiv: Trevillion Images (Magdalena Wasiczek)

BSt · Herstellung: DiMo

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-33525-0V001

www.blanvalet.de

Was List verborgen, wird ans Licht gebracht:

Wer Fehler schminkt, wird einst mit Spott verlacht.

William Shakespeare

Erziehung formt den Geist;

So wie der Zweig gebogen wird, neigt sich der Baum.

Alexander Pope

Der letzte Tag in seinem Leben fing für Dr. Abner glücklich und zufrieden an.

So wie an jedem seiner freien Tage küsste er den Mann, den er inzwischen seit beinahe vierzig Jahren liebte, bevor der zur Arbeit ging, und nahm im Morgenrock mit einer Tasse Kaffee in der Hand, Mozarts Zauberflöte in den Ohren und einem Kreuzworträtsel auf dem Handcomputer auf dem Sofa Platz. Später würde er die milden Temperaturen des Apriltags 2061 nutzen, um im Hudson River Park zu joggen, anschließend im Gym ein paar Gewicht stemmen, duschen, irgendwo in einem netten Café einen kleinen Happen essen und dann auf dem Heimweg vom Markt noch frische Blumen, die Oliven, auf die Martin so versessen war, und etwas Käse kaufen. Dazu wollte er beim Bäcker knuspriges Baguette und was ihn sonst noch ansprach holen.

Wenn Martin von der Arbeit käme, würden sie sich mit dem Brot, dem Käse und einer Flasche Wein zusammensetzen und den Tag Revue passieren lassen. Je nachdem, was Martin wollte, würden sie kochen oder auswärts essen und den Abend dann romantisch ausklingen lassen, falls der Ärmste nicht mal wieder vollkommen erledigt war.

Kent sagte oft im Scherz, er würde nie mit Martin tauschen wollen, denn schließlich hatte er es als Kinderarzt vor allem mit süßen Babys und zauberhaften Kleinkindern zu tun und keine Ahnung, wie er mit den Launen der hormongeplagten Teenager an der privaten Schule, an der sein Liebster Rektor war, hätte umgehen sollen.

Doch Martin liebte seinen Job, und lächelnd füllte Kent die ersten Kästchen seines Kreuzworträtsels aus.

Toxisch.

Er brachte noch fast eine Stunde mit dem Rätsel zu und räumte zu den Klängen von Mozarts Oper noch die Küche ihres Hauses im West Village auf.

Im Anschluss zog er seine Laufsachen und einen leichten Hoodie an und packte seine Tasche für das Gym, um sie dort abzustellen, bevor er laufen ging.

Er zog die Tasche zu, und als es klingelte, ließ er sie auf das rote Sofa, das sie sich vor einem halben Jahr geleistet hatten, fallen.

Gewohnheitsmäßig sah er auf den kleinen Bildschirm an der Tür und stellte fest, dass es das junge Mädchen vom Paketdienst war.

Sie hielt ein kleines Päckchen in der Hand, und lächelnd machte er ihr auf.

»Guten Morgen!«

»Morgen, Dr. Abner. Hier, das Päckchen ist für Sie.«

»Sie haben mich gerade noch erwischt.« Zur rachsüchtigen Arie der Königin der Nacht nahm er der jungen Frau das Päckchen ab. »Ein wunderschöner Tag, nicht wahr?«

»Auf jeden Fall. Sie sollten ihn genießen«, antwortete sie und wandte sich zum Gehen.

»Sie auch.«

Kent schloss die Tür und schaute sich das Päckchen auf dem Weg zurück in die Küche an. Es war für ihn, und auch wenn ihm der Absender – ein Laden mit dem Namen Jede Menge Glitzer irgendwo in Midtown – nicht bekannt war, schnitt er vorsichtig das Klebeband am Karton mit einem Messer auf.

Anscheinend war es ein Geschenk.

Im Innern des Kartons befand sich eine zweite, kleine Schachtel, dieses Mal aus glattem, allerdings nicht echtem Holz mit einem kleinen Schloss und einem Schlüssel an einer dünnen Kette.

Verwundert setzte er sich und schloss das Kästchen auf, in dem auf einem dicken schwarzen Samtkissen ein kleines, aufklappbares goldenes Ei aus Plastik lag.

»Anscheinend ist der Name des Geschäfts Programm«, murmelte Kent und musste etwas zerren, bis sich das Ei öffnen ließ.

Obwohl der unsichtbare Dampf, der aus dem Kästchen stieg, geschmacksneutral und vollkommen geruchlos war, zog sich Kents Hals zusammen, seine Augen fingen an zu brennen, und wildes Zittern erfasste ihn.

Er ließ das Plastik-Ei zu Boden fallen und taumelte in Richtung Fenster. Luft, er brauchte Luft. Er stolperte, fiel auf die Knie und wollte weiterkriechen, doch sein Magen rebellierte, und das leichte Frühstück, das er noch mit seinem Mann genossen hatte, kam ihm hoch. Er rappelte sich noch mal auf, inzwischen aber drohten ihn die Schmerzen zu zerreißen, und als Mozarts Königin der Nacht das hohe F erreichte, brach er endgültig zusammen, zuckte noch mal kurz, und dann war es vorbei.

An einem sonnenhellen Frühlingsnachmittag betrat Eve Dallas, Lieutnant der New Yorker Polizei, das Haus, in dem das Sonnenlicht durch die Fenster fiel, die Kent Abner nicht mehr hatte öffnen können. Es beschien die Leiche, Körperflüssigkeiten und verstreute Plastikscherben.

Obwohl das Opfer seiner aufgeschürften Stirn und Schläfe nach mit dem Gesicht nach vorn gefallen war, lag es jetzt auf dem Rücken und starrte mit rot verquollenen, toten Augen zu ihr auf.

Erbrochenes, Blut und andere Körperflüssigkeiten auf dem Boden waren verschmiert, weil bereits jede Menge Leute in der Küche herumgelaufen waren, und bei der Leiche hatte sich offensichtlich irgendwer hingekniet und mit den Händen abgestützt.

Das hieß, die Spuren, die sie noch am Tatort hätte sichern wollen, waren im Arsch.

»Officer Ponce?«, wandte sie sich an den Kollegen, der zuerst vor Ort gewesen war.

»Das Opfer heißt Kent Abner und hat hier mit seinem Ehemann gelebt. Abner war Arzt und hatte heute frei. Sein Mann heißt Martin Rufty, aber er hat einen Doktor Ph. D. und keinen Doktor med und ist Schulleiter an der Theresa-Gold-Akademie. Als er um kurz nach vier nach Hause kam und seinen Mann hier liegen sah, hat er ihn umgedreht und noch versucht, ihn wiederzubeleben, bevor er den Krankenwagen gerufen hat.«

Der Streifenpolizist, ein Veteran, den so leicht nichts erschüttern konnte, schüttelte den Kopf. »Und als die Sanitäter kamen, sind sie genau wie Rufty überall herumgetrampelt, bevor er die Polizei gerufen hat. Wir haben unser Möglichstes getan, um die paar Spuren, die es vielleicht noch gab, zu sichern, aber Abner war bereits seit Stunden tot. Der Notarzt sagt, die Leichenstarre hätte schon vor ihrer Ankunft eingesetzt. Und dass er seiner Meinung nach an irgendeinem Gift gestorben ist.«

»Wo ist der Ehemann?«

»Den hat mein Partner raufgebracht. Er ist vollkommen durch den Wind.«

»Okay. Sie halten weiter hier die Stellung«, wies sie den Kollegen von der Streife an und wandte sich an ihre Partnerin.

»Ich sehe mir den Leichnam an, und Sie besorgen sich die Aufnahmen der Überwachungskamera und gehen die durch.«

»Okay.«

Während sich Peabody in ihren rosa Cowgirlstiefeln vorsichtig den Weg durch die diversen Flüssigkeiten auf dem Boden bahnte, hockte Eve sich neben den Verstorbenen und packte ihre Instrumente aus.

Sie hatte sich die Hände und Stiefel bereits eingesprüht, deswegen schaltete sie nur noch den Rekorder an und schnappte sich den Identifizierungspad.

»Bei dem Verstorbenen handelt es sich um Kent Abner, wohnhaft unter dieser Anschrift, siebenundsechzig Jahre alt. Die Abschürfungen und Hämatome an der Stirn, der linken Schläfe und dem linken Knie dürften die Folge eines Sturzes sein. Dazu weist er Verbrennungen an beiden Daumen auf. Die Augen sind gerötet und geschwollen, und die Leichenstarre hat schon eingesetzt.«

Behutsam öffnete sie Abners Mund. »Auch die Zunge ist gerötet und geschwollen, in der Mundhöhle befinden sich Erbrochenes, Speichel, Schaum und unterhalb der Nase kleben trockenes Blut und trockener Schleim. Todeszeitpunkt neun Uhr dreiundvierzig. Peabody! Schauen Sie sich die Aufnahmen von heute Morgen an und sehen nach, wann der Ehemann gegangen und ob danach noch irgendwer ins Haus gekommen ist. Ich habe einen Mann in Tweedjacke, Mitte sechzig, circa 1,90 groß, gut achtzig kg schwer, der kurz nach vier mit der Aktentasche, die da vorne auf dem Boden liegt, das Haus betritt. Er macht die Tür mit einer Schlüsselkarte auf und lässt um zehn nach vier die Sanitäter rein. Die zwei Kollegen von der Streife kommen sechs Minuten später an.«

Peabody streckte ihren Kopf mit dem zu einem kurzen Pferdeschwanz gebundenen Haar zur Tür herein. »Dann gucke ich mir jetzt die Aufnahmen vom Morgen an.«

Eve wandte sich erneut der Leiche zu. »Abwehr- oder Angriffsverletzungen sind nicht zu sehen. Die Abschürfungen an Kopf und Knie könnten von Schlägen herrühren, aber aus meiner Sicht passen sie eher zu einem Sturz. Er ist ein gut gebauter, muskulöser Mann und hätte sich, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, bestimmt gewehrt. Hat er etwas gegessen oder getrunken, das …«

»Derselbe Mann – bestimmt der Ehemann – geht um sieben Uhr zwanzig aus dem Haus. Davor ist nichts passiert. Aber um neun Uhr sechsunddreißig klingelt eine Frau in einer Uniform von Global Post and Packages. Das Opfer macht ihr auf und grüßt sie freundlich, so, als hätten sie sich schon des Öfteren gesehen. Dann nimmt er ihr ein Päckchen ab, und sie sagt ihm auf Wiedersehen und geht.«

Eve richtete sich auf und ging zum Küchentisch. »Ein Standardpäckchen zehn mal sechs?«

»Genau. Inzwischen habe ich den Rest im Schnelldurchlauf durchgesehen. Nach dieser Lieferung und bis der Ehemann nach Hause kommt, passiert nichts mehr.«

»Das Messer, mit dem Abner dieses Päckchen aufgemacht hat, liegt noch hier. Das heißt, er hat es geöffnet, und nur ein paar Minuten später war er tot. Er hat es aufgemacht, die zweite Schachtel aus unechtem Holz herausgeholt, den Schlüssel in das kleine Schloss gesteckt, den Deckel aufgeklappt. Und auf dem Boden liegen Plastikscherben, auf der einen Seite golden und auf der anderen weiß. Wahrscheinlich von dem Ding, das in dem Kästchen lag. Er hat es aufgemacht und …«

»Fuck.« Eve machte eilig einen Schritt zurück. »Rufen Sie das Hazmat-Team.«

»Scheiße.«

»Dem Ehemann, den Sanitätern und den zwei Kollegen von der Streife geht es gut. Was auch immer in der Schachtel war, hat sich anscheinend in so kurzer Zeit verflüchtigt, dass es nicht mehr gefährlich war, als der Mann nach Hause kam. Trotzdem sollten wir das Team bestellen und ihnen sagen, dass wir es mit einer unbekannten toxischen Substanz zu tun haben.«

Eve schaute auf dem Päckchen nach dem Absender.

»Jede Menge Glitzer«, las sie vor und gab den Namen in ihren Handcomputer ein. »Den Namen und die Adresse gibt es nicht.«

»Das Hazmat-Team ist unterwegs«, erklärte Peabody. »Sie haben gesagt, dass wir das Haus evakuieren sollen.«

»Zu spät. Sieben Minuten, Peabody. Wenn man die zwei Minuten abzieht, um das Messer aus der Schublade zu nehmen und das Päckchen aufzumachen, hat der Inhalt ihn anscheinend auf der Stelle umgebracht.« Und trotzdem, dachte sie. »Schicken Sie Shelby und Carmichael von der Trachtengruppe zu diesem Paketdienst, um zu fragen, wo das Päckchen aufgegeben wurde und ob’s Aufnahmen der Person gibt, die das gemacht hat. Und informieren Sie das Leichenschauhaus, dass das Opfer vermutlich mit einem chemischen Kampfstoff oder so etwas in Kontakt gekommen ist.«

»Dallas, Sie haben ihn angefasst …«

»Ich hatte mir vorher die Hände eingesprüht«, rief Eve Peabody in Erinnerung. »Und nicht einmal der Partner und die Sanitäter haben etwas abbekommen, obwohl sie ungeschützt waren. Das heißt, was auch immer ihn getötet hat, hat nur kurzfristig gewirkt, sich dann aber sofort verflüchtigt.«

Tatsächlich stand der Lieutnant, eine große, schlanke Frau mit wirrem braunem Haar und braunen Cop-Augen in ihrer bronzefarbenen Lederjacke und in ihren anständigen braunen Stiefeln da und sah nicht einmal ansatzweise angeschlagen aus.

Trotzdem sollte sie zumindest ein paar grundlegende Vorsichtsmaßnahmen ergreifen, dachte sie und sah sich nach dem Badezimmer um.

»Am besten schrubbe ich mich trotzdem erst mal gründlich ab und sage auch dem Ehemann, dass wir die Kleider brauchen, die er anhatte, als er mit unserem Opfer in Berührung gekommen ist.«

Inzwischen hatte sie das Bad entdeckt und stapfte los. »Sie kontaktieren in der Zeit den Zustelldienst und fragen, wer das Päckchen hier bei Abner abgegeben hat.«

Sie würde später als geplant nach Hause kommen, überlegte sie, als sie sich in dem eleganten, dunkelbraun gehaltenen Badezimmer wusch.

Den – von ihr selbst aufgestellten – Regeln einer guten Ehe nach sollte Roarke das wissen, denn auch wenn er kein Problem mit ihren manchmal wirklich blöden Arbeitszeiten hatte, war es besser, wenn sie sich an diese Regeln hielt.

Dann streckte Peabody den Kopf zu ihr herein. »Shelby und Carmichael fahren jetzt zu dem Paketdienst, und ich selber habe dort schon angerufen und gefragt, wer heute hier ein Päckchen ausgeliefert hat. Die junge Frau heißt Lydia Merchant, und ich habe mir die Telefonnummer und Anschrift geben lassen, weil sie bereits Feierabend hat.«

»Überprüfen Sie sie schon einmal. Ich kann mir zwar nicht vorstellen, dass sie dieses Päckchen selbst ausgeliefert hätte, wenn sie einen ihrer Kunden hätte umbringen wollen, aber manchmal sind die Leute doch dümmer, als man denkt.«

Ein paar Minuten später kam das Hazmat-Team, und Eve ertrug den vorgeschriebenen Scan, mit dem sie sich vergewissern wollten, dass ihr Körper nicht mit irgendeinem Kampfstoff in Kontakt gekommen war. Sie ließ sich sogar Blut abnehmen, weil sie so auf der sicheren Seite wäre und man ihr danach nicht mehr verbieten konnte, weiter ihrer Arbeit nachzugehen.

Auf ihrem Weg nach oben, wo der Ehemann des Opfers saß, bemerkte Peabody: »Also die junge Frau vom dem Paketdienst, diese Lydia Merchant – sie ist siebenundzwanzig und seit gut sechs Jahren bei Global P&P. Die Personalakte ist sauber, und sie hat auch keine Vorstrafen.«

»Wir werden trotzdem mit ihr reden«, meinte Eve und öffnete die Tür des ganz in Dunkelrot und Gold gehaltenen Schlafzimmers, in dem der Witwer leicht benommen auf einem elegant geschwungenen Zweiersofa saß.

Statt seiner Arbeitskleidung, die inzwischen eingetütet worden war, trug er eine graue Jogginghose und ein dunkelblaues Sweatshirt mit dem goldenen Aufdruck TGA. Er war ein großer, schlanker Mann mit einem langen, schmalen Gesicht und augenblicklich feuchten braunen Augen. Am Ringfinger der linken Hand trug er den gleichen Weißgoldring, der Eve auch an der Hand des Opfers aufgefallen war.

Er hatte seine Hände fest im Schoß verschränkt, als gäbe er sich selbst so ein Minimum an Halt, und starrte reglos geradeaus.

Eve wandte sich an den Kollegen, der ein wenig abseits stand.

»Sie und Ihr Partner hören sich bitte bei den Nachbarn um. Falls irgendjemand was gesehen hat, bekomme ich sofort Bescheid. Falls Sie die Leiche oder sonst was angerührt haben, melden Sie sich vorher noch beim Hazmat-Team.«

»Zu Befehl, Ma’am.« Mit einem Blick auf Rufty fügte er hinzu: »Er hätte sofort ihre Kinder informieren wollen, aber ich habe ihm erklärt, dass er vorher mit Ihnen sprechen muss. Und er hat seinen toten Mann auf jeden Fall berührt.«

»Nehmen Sie schon mal die Tüte mit den Kleidern mit und geben Sie die dem Hazmat-Team. Und schicken Sie einen der Kollegen rauf, damit der Rufty scannt.«

Sie wandte sich dem Witwer selbst zu und sagte: »Dr. Rufty, ich bin Lieutnant Dallas, und das hier ist meine Partnerin, Detective Peabody. Es tut uns wirklich leid.«

»Ich … Ich muss mit den Kindern reden. Unsren Kindern. Ich …«

»Das können Sie sofort. Ich weiß, das ist bestimmt nicht leicht für Sie, aber wir müssen Ihnen ein paar Fragen stellen.«

»Ich … Als ich nach Hause kam, habe ich gerufen: ›Himmel, Kent, was für ein Tag. Jetzt brauche ich erst mal einen möglichst großen Drink.‹« Er schlug die langen, dünnen Hände vor das hagere Gesicht. »Und als ich in die Küche gekommen bin, lag Kent – er lag dort auf dem Boden, und er war … Ich habe noch versucht, … aber ich konnte nicht, … er war …«

»Es tut uns wirklich leid, aber Sie hätten Ihrem Mann nicht helfen können, Dr. Rufty«, mischte Peabody sich ein und tätschelte ihm mitfühlend die Hand.

»Aber …« Er sah sie flehend an, als könnte sie ihm helfen, ihm erklären, was passiert war, und es ungeschehen machen, wenn sie nur die rechten Worte fand.

»Ich verstehe das nicht, denn Kent ist kerngesund und nörgelt ständig an mir rum, dass ich mich mehr bewegen und gesünder essen soll. Er ist unglaublich fit und wirklich stark. Wie kann es also sein, dass er … Er hätte heute Morgen laufen gehen wollen. An seinen freien Tagen läuft er immer durch den Park, und wenn er in der Praxis ist, versucht er, wenigstens in seiner Mittagspause an die frische Luft zu gehen. Er hätte heute Morgen noch sein Kreuzworträtsel gemacht und dann laufen gehen wollen.«

»Dr. Rufty«, sagte Eve und wartete, bis sie der unglückliche Blick seiner braunen Augen traf. »Haben Sie selber oder Dr. Abner irgendwas bestellt, das heute früh geliefert hätte werden sollen?«

»Ich … keine Ahnung. Nein.«

»Kennen Sie einen Laden namens Jede Menge Glitzer? Haben Sie dort jemals etwas bestellt?«

»Ich glaube nicht.«

»Aber Sie kriegen hin und wieder Lieferungen durch Global Post and Packages?«

»Ja, ja. Die junge Frau, die uns die Sachen bringt, heißt Lydia. Aber ich …« Er griff sich an den Kopf. »… ich glaube nicht, dass wir etwas bestellt hatten. Zumindest fällt mir nichts ein.«

»Schon gut. Sehen Sie mich an. Fällt Ihnen irgendjemand ein, der Dr. Abner hätte etwas antun wollen?«

»Was?« Er fuhr zusammen, als hätte Eve ihm einen Schlag versetzt. »Ob ich jemanden weiß, der hätte Kent was antun wollen? Auf keinen Fall. Die Menschen haben Kent geliebt. Sie haben ihn geliebt. Ich weiß nicht, was die Frage soll.«

Während sich seine Stimme überschlug, blieb die von Eve weiterhin vollkommen ruhig. »Jemand aus seiner Praxis oder vielleicht jemand hier aus Ihrer Nachbarschaft?«

»Nein, nein. Kents Praxis ist ein wunderbarer Ort. Mit all den Babys und den kleinen Kindern geht’s dort immer fröhlich zu. Vor allem hat er sich für seine Kinder, für seine Patienten, krummgelegt. Das können Sie jeden fragen, der dort arbeitet. Die Menschen lieben Kent!«

»Okay. Gab’s dann vielleicht Probleme zwischen Ihnen beiden? In so einer langen Ehe wie der Ihren kommt so etwas schließlich durchaus hin und wieder vor.«

»Oh nein. Wir lieben uns, und wir sind so glücklich, dass wir neben unseren Kindern jetzt noch unsere Enkelkinder haben. Ich muss die Kinder anrufen.«

Als er in Tränen ausbrach, setzte Peabody sich neben ihn. »Ich weiß, das ist nicht leicht für Sie. Hat Kent mal jemanden erwähnt, vor dem er Angst hatte? Gab’s irgendetwas, das ihm auf der Seele lag?«

»Nicht, dass ich wüsste, nein. Was sollen alle diese Fragen? Was ist überhaupt mit Kent passiert? Hat ihm jemand was angetan?«

Eve hatte keine andere Wahl, als Rufty zu erklären, was geschehen war. »In dem Päckchen, das er heute früh bekommen hat, war wohl ein hochgiftiges Gas enthalten, das ihn getötet hat.«

Obwohl ihm die Tränen weiter über die Wangen strömten, richtete sich Rufty kerzengerade auf. »Wie bitte? Was? Wollen Sie damit sagen, dass mein Mann ermordet worden ist? Dass jemand ihm etwas hierher, zu uns nach Hause, hat liefern lassen, woran er dann gestorben ist?«

Es klopfte an der Tür. Eve stand auf und ließ den Hazmat-Mann in seinem weißen Schutzanzug herein. »Es ist nicht auszuschließen, dass das Päckchen eine giftige Substanz enthalten hat, und da Sie Dr. Abner noch berührt haben, müssen wir auf Nummer sicher gehen und eine Blutprobe von Ihnen nehmen, Dr. Rufty«, klärte sie den Witwer auf.

»Aber das kann nicht sein. So etwas würde niemand tun. So etwas würde niemand tun, der Kent kannte.«

»Trotzdem werden wir auf Nummer sicher gehen«, wiederholte Eve und fügte noch hinzu: »Wir werden alles daransetzen, um rauszufinden, was genau geschehen ist.«

»Sie haben Ihren Mann geliebt«, mischte sich Peabody mit sanfter Stimme ein. »Und wollen doch sicher alles tun, um rauszufinden, was ihm zugestoßen ist.«

»Natürlich. Also tun auch Sie alles, und bitte, Gott, erlauben Sie mir danach endlich, unsere Kinder anzurufen. Unsere Kinder müssen wissen, was geschehen ist.«

Auch Ruftys Scan und Blutprobe ergaben nichts, denn was auch immer seinen Mann getötet hatte, hatte sich verflüchtigt, ehe jemand mit dem Toten in Kontakt gekommen war.

»Jetzt können Sie Ihre Kinder kontaktieren«, sagte Eve. »Und vielleicht finden Sie ja für die nächsten Tage eine andere Unterkunft. Es wäre für Sie besser, erst einmal nicht hier zu sein.«

»Ich kann zu unserer Tochter ziehen. Unser Sohn lebt in Connecticut, aber Tori und ihre Familie wohnen nur ein paar Blocks von hier entfernt. Das heißt, ich kann zu Tori ziehen.«

»Dann lassen wir Sie hinbringen, wenn Sie so weit sind.«

Er schloss die Augen, und als er sie wieder aufschlug, merkte Eve, dass seine Tränen einem Ausdruck stählerner Entschlossenheit gewichen waren. »Ich muss wissen, was mit meinem Mann, dem Vater unserer Kinder und dem Menschen, den ich über vierzig Jahre lang geliebt habe, passiert ist. Und falls jemand schuld an seinem Tod ist, muss ich wissen, wer und was der Grund für diese grauenhafte Tat gewesen ist.«

»Es ist unser Job, das rauszufinden, Dr. Rufty, und falls Ihnen noch irgendetwas einfällt, rufen Sie mich bitte an«, bat Eve.

»Er war ein guter Mensch, das müssen Sie verstehen. Er war ein herzensguter Mensch und hat in seinem ganzen Leben niemals jemandem wehgetan. Jeder hat Kent geliebt. Wir alle haben ihn geliebt.«

Anscheinend doch nicht alle, dachte Eve.

»Ich glaube ihm«, bemerkte Peabody, als sie mit Eve das Haus verließ. »Der arme Kerl war völlig fertig und wusste wirklich nicht, weshalb es jemand auf Abner abgesehen haben sollte.«

»So sehe ich das auch, nur hat er ja vielleicht nicht alles über seinen Ehemann gewusst. Am besten sehen wir uns Abner, seine Arbeit, seine Hobbys und Gewohnheiten genauer an. Vielleicht gab es in seinem Leben ja noch jemand anderen außer seinem Mann.«

Peabody blickte auf das hübsche Sandsteinhaus und das bunte Tulpenbeet im Vorgarten. »Es wäre irgendwie noch schlimmer, wenn wir feststellen würden, dass er nur ein Zufallsopfer war. Dass es gar nicht um ihn persönlich ging.«

»Auf jeden Fall. Aber das Päckchen war für ihn bestimmt, deswegen gehen wir davon aus, dass es um ihn selber ging. Am besten hören wir erst mal, ob uns die Frau von dem Paketdienst irgendwas erzählen kann.«

Peabody tippte die Adresse in das Navi ein und fragte Eve: »Geht’s Ihnen gut?«

»Es geht mir bestens. Schließlich haben mir die Vampire einen Teil Blut abgesaugt und nichts entdeckt.«

»Trotzdem werde ich mich besser fühlen, wenn sie wissen, was das für ein Gift war.« Peabody runzelte die Stirn. »Es ist nicht schön, dass er stundenlang dort gelegen hat, auch wenn wir anderen vielleicht einzig deshalb noch am Leben sind.«

»Genau, und vielleicht war es Absicht, dass die Lieferung am Morgen kam. Es könnte schließlich sein, dass jemand wusste, dass er bis zum Nachmittag allein in der Wohnung wäre, was bedeuten würde, dass es ganz speziell und ausschließlich um Abner ging.«

Eve bahnte sich den Weg durch den Verkehr, und als Officer Shelby anrief, fragte sie: »Was haben Sie für mich?«

»Das Päckchen wurde gestern Abend um zweiundzwanzig Uhr an einer Packstation an der West Houston aufgegeben, Ma’am.«

»Gibt es dort Überwachungskameras?«

»Die gibt es, Ma’am. Aber die haben zwischen einundzwanzig Uhr achtundfünfzig und dreiundzwanzig Uhr zwei nicht funktioniert.«

»Was ganz bestimmt kein Zufall war.«

»Wohl kaum. Deshalb hat Officer Carmichael auch die elektronischen Ermittler darauf angesetzt. Aber vielleicht war die Killerin doch dümmer, als sie dachte, und hat die Lieferung mit ihrer eigenen Kreditkarte bezahlt. Die Karte ist auf eine Frau von 81 Jahren ausgestellt. Brendina A. Coffman, Bleecker Street 38, Apartment 1A.«

»Dann fahren wir mal bei dieser Frau vorbei. Gute Arbeit, Shelby.«

Sie machte einen scharfen Schwenk nach links, und ehe Peabody sich an den Haltegriff klammern konnte, sagte sie: »Besorgen Sie uns die Erlaubnis, uns die Konten dieser Coffman anzusehen.«

»Brendina Coffman«, las die Partnerin von ihrem Handcomputer ab. »Seit 58 Jahren verheiratet mit Roscoe Coffman und seit 31 Jahren wohnhaft unter der Adresse in der Bleecker Street. War – aber hallo – 59 Jahre in der Buchhaltung bei Loams and Gardner, und außer einer einzigen Verwarnung wegen Ruhestörung vor über 50 Jahren lag noch nie etwas gegen sie vor. Ein Sohn von 56, eine Tochter – 53 –, noch ein zweiter Sohn von 48 und dazu sechs Enkel zwischen 21 Jahren und zehn.«

»Überprüfen Sie die alle, denn auch wenn bestimmt niemand so dumm war, eine Karte zu benutzen, die sich derart leicht zurückverfolgen lässt, sehen wir sie uns zumindest an.«

»Okay, tja nun, der Ältere der beiden Söhne; Miles, ist Rabbi im Shalom Tempel. Und seine Ehefrau seit einundzwanzig Jahren, Rebekka Greene Coffman, ist Lehrerin an der Hebräisch-Schule, die an diese Synagoge angeschlossen ist. Sie haben eine Tochter und zwei Söhne – zwanzig, achtzehn, sechzehn –, die genau wie ihre Eltern bisher niemals auffällig geworden sind.«

Da sie nicht stundenlang nach einer freien Lücke suchen wollte, stellte Eve den Wagen zum Verdruss der anderen Autofahrer einfach in der zweiten Reihe ab und schaltete das Blaulicht ein.

»Fahren Sie fort«, bat sie, stieg aus und blickte auf das alte, dreistöckige Backsteinhaus mit seinen frisch geputzten Fenstern, die zum Teil geöffnet waren, weil die abendliche Frühlingsbrise ein gewisses Maß an Frische und Abkühlung versprach.

»Marion Coffman Black, seit dreiundzwanzig, nein, ab heute vierundzwanzig Jahren verheiratet mit Francis Xavior Black und seit zwanzig Jahren in der Buchhaltung derselben Firma, in der auch die Mutter gearbeitet hat. Mit Mitte zwanzig gab’s mal ein paar kleinere Verwarnungen wegen irgendwelcher illegalen Demos, das war aber auch schon alles. Der einundzwanzigjährige Sohn und die Tochter, zwei Jahre jünger, studieren in Notre Dame.«

»Merken Sie sich, wo Sie gerade waren«, bat Eve und drückte auf die Klingel links neben der grauen Wohnungstür, die gut, wenn auch nicht übertrieben gut gesichert war.

Die Frau, die auf ihr Läuten reagierte, sah mit ihrem rabenschwarzen Haar, das selbst einem Tornado standgehalten hätte, den rosigen Wangen, leuchtend rot geschminkten Lippen und den sorgfältig geschminkten Augen nicht wie 81 aus. Sie trug ein hochgeschlossenes dunkelblaues Cocktailkleid und runzelte die Stirn, als sie die beiden fremden Frauen vor der Tür stehen sah.

»Wir kaufen nichts.«

»Und wir wollen nichts verkaufen«, antwortete Eve und hielt ihr ihre Marke hin.

Brendina wurde blass und rief erschrocken: »Joshua!«

»Nein, Ma’am, wir sind nicht Ihres Sohnes wegen hier«, erklärte Peabody ihr schnell und wandte sich an Eve. »Der Sohn von Mrs. Coffman ist als Sergeant bei der Truppe, aber, Ma’am, wir sind nicht wegen Joshua hier.«

»Okay, okay. Worum geht’s dann?«

»Dürften wir vielleicht kurz reinkommen?«, fragte Eve.

»Wir wollten gerade gehen – falls Roscoe jemals fertig wird.«

»Wir werden uns so kurz wie möglich fassen«, versprach ihr Eve. Nickend trat Brendina einen Schritt zurück und wies ihnen den Weg in ein verblüffend aufgeräumtes Wohnzimmer. Die Luft roch durchdringend nach Zitrone, und die übertriebene Sauberkeit des Raumes legte die Vermutung nahe, dass die Staubmotten wahrscheinlich schon die Flucht ergriffen, wenn sie Mrs. Coffman nur kommen sahen. Die alten Möbel, die sie sicher schon seit ihrer Hochzeit hatte, waren derart blank poliert, dass sie fast durchgescheuert waren, und Eve war überrascht, dass das Klavier in der Ecke nicht unter all den Familienfotos zusammenbrach. Die Couch wurde von einem halben Dutzend Zierkissen erdrückt, doch Peabody, die Handarbeiten liebte, war von diesen Kissen mehr als angetan. »Eine wirklich wunderbare Arbeit«, stellte sie bewundernd fest und blickte Mrs. Coffman fragend an. »Haben Sie die Kissen selbst bestickt?«

»Meine Schwiegertochter hat mich für die Stickerei begeistert, und jetzt kann ich einfach nicht mehr damit aufhören. Aber weswegen sind Sie hier?«

»Mrs. Coffman, haben Sie gestern Abend per Express ein Päckchen für Kent Abner aufgegeben, das er heute Morgen hätte bekommen sollen?«

»Weswegen hätte ich das machen sollen? Ich kenne niemanden, der so heißt.«

»Die Sendung wurde mit Ihrer Kreditkarte bezahlt.«

»Wohl kaum, denn schließlich habe ich das Päckchen nicht verschickt.«

»Vielleicht sehen Sie trotzdem mal kurz nach«, schlug Eve ihr vor.

»Meinetwegen. Roscoe, wenn du jetzt nicht langsam fertig wirst, kommen wir zu spät«, rief sie in Richtung Bad und wandte sich erneut an Eve: »Seinetwegen kommen wir seit Jahrzehnten überall zu spät. Unsere Tochter feiert heute ihren Hochzeitstag«, erklärte sie und trat vor einen aufgeräumten Tisch, auf dem ein kleiner, alter, aber sicher gut in Schuss gehaltener Computer stand. »Ihr Mann ist Katholik. Ich hätte nicht gedacht, dass diese Ehe halten würde, aber Frank hat sich als guter Ehemann und Vater rausgestellt, und da sie auch nach vierundzwanzig Jahren noch glücklich mit ihm ist, wollen wir – verdammt!«

Na also, dachte Eve.

»Tatsächlich hat jemand die Sendung mit meiner Kreditkarte bezahlt. Aber das muss ein Fehler sein, denn hier steht, dass die Karte gestern Abend gegen zehn mit dem Betrag belastet worden ist. Um diese Zeit saß ich im Bett und habe mir im Fernsehen Die Schrottler angesehen, oder es wenigstens versucht, weil Roscoe wieder mal so laut gesägt hat, dass kaum etwas zu verstehen war. Aber ich führe über alle Ausgaben genauestens Buch und weiß deswegen immer, wann ich etwas ausgegeben habe und wofür. Nach über fünfzig Jahren in der Buchhaltung eines großen Unternehmens legt man so was nicht mehr ab.«

»Ich habe damit ganz bestimmt nicht sagen wollen, dass Ihnen selbst ein Fehler unterlaufen ist«, bemerkte Eve, Brendina aber war noch immer außer sich vor Zorn.

»Dafür kriegen sie bei Global P & P etwas von mir zu hören, das können Sie mir glauben.« Wütend stemmte sie die Hände in die Hüften und bedachte Eve mit einem Blick, als wäre sie verantwortlich dafür, dass ihre Karte missbräuchlich verwendet worden war. »Ich kann nur für sie hoffen, dass sie diesen Fehler wieder ausbügeln. Ich wüsste wirklich gern, wie irgendwer an meine Daten hätte kommen sollen, oder ob jemand bei Global P & P nicht aufgepasst und aus Versehen einen falschen Knopf gedrückt oder falsche Zahlen eingegeben hat.«

»Wir glauben eher an Datenklau, Ma’am.«

»Dann ändere ich sofort die Passwörter und die PIN. Und sage meinem Jungen, dass er dieser Sache nachgehen soll. Schließlich ist er bei der Polizei.«

»Natürlich, Ma’am. Er darf mich gern kontaktieren. Lieutnant Dallas. Ich bin auf dem Hauptrevier. Aber können Sie mir vorher bitte sagen, wer auf dieses Konto Zugriff hat?«

Brendina pikste sich mit ihrem Zeigefinger an die Brust. »Nur ich. Und Roscoe, aber der hat seine eigene Karte und hat meine Passwörter und PIN nur für den Fall, dass mir etwas passiert. Und andersrum. Roscoe!«

»Hör auf, so rumzuschreien. Meine Güte, Brendi, schließlich bin ich unterwegs.«

Tatsächlich kam er in diesem Augenblick herein und wirkte in dem blauen Anzug mit den weißen Nadelstreifen, einem weißen Hemd und einem passend zur Krawatte leuchtend roten Einstecktuch, mit dem zurückgekämmten silbergrauen Haar, dem makellos gestutzten silberfarbenen Schnauzbart und den Augen in der Farbe seiner Jacke äußerst elegant.

»Du hast mir nicht gesagt, dass wir Besuch haben«, bemerkte er und lächelte die beiden jungen Frauen an.

»Die zwei sind von der Polizei.«

»Dann sind Sie also Freundinnen von Joshua?«

»Nein, Sir«, sagte Eve. »Es geht um den Versand eines Päckchens, für den jemand die Kreditkarte Ihrer Frau verwendet hat.«

»Ich wusste gar nicht, dass du irgendwem ein Päckchen schicken wolltest, Brendi.«

»Wollte ich nicht und habe ich auch nicht getan. Wie’s aussieht, hat jemand dafür meine Kreditkarte benutzt.«

Er sah sie liebevoll und leicht verwundert an. »Und wie hat dieser Jemand das gemacht?«

»Woher soll ich das wissen?«

»Mrs. Coffman, haben Sie zufällig Ihr Smartphone griffbreit?«

»Natürlich habe ich mein Smartphone griffbereit. Als Sie geklingelt haben, hatte ich es gerade in die andere Tasche packen wollen.«

Sie marschierte aus dem Raum und kam mit einer riesengroßen violetten Schultertasche zurück, in die sie problemlos ihren ganzen Haushalt hätte packen können. Außerdem hatte sie eine passend zur Krawatte ihres Mannes leuchtend rote Abendhandtasche dabei, die genügend Raum für einen kleinen Elefanten bot.

»Ich war dabei, die Sachen umzupacken, die ich heute Abend brauche«, meinte sie und wühlte beide Taschen durch.

Statt grimmig wirkte ihre Miene plötzlich alarmiert, und eilig kippte sie den Inhalt ihrer Schultertasche auf den Tisch.

Wahrscheinlich hätte sie mit all den Sachen, die sie in der Tasche hatte, selbst den Untergang der Welt problemlos überlebt.

»Es müsste hier in dieser Tasche sein, aber mein Gott, da ist es nicht.«

»Wo ist es denn dann, Brendi?«

»Um Himmels willen, Roscoe!«

»Keine Angst. Ich helfe dir beim Suchen.«

Ihre Miene wurde weich. »Die Mühe können wir uns sparen, Schatz. Das Ding ist weg. Es war hier in der Tasche, und anscheinend hat es jemand rausgenommen, als ich gestern mit den Mädels – meiner Tochter und den Frauen meiner Söhne – shoppen war. Marion wollte sich für heute Abend neue Schuhe kaufen und die Uhr abholen, die Frank von ihr bekommt und die sie noch gravieren lassen hat. Und, Gott – wir waren alle zusammen in der Stadt und dort mit meiner Schwester noch zum Lunch verabredet. Ich habe meine Schwester angerufen, um zu sagen, dass wir uns etwas verspäten, weil sie immer sauer wird, wenn man sie warten lässt.«

»Und wo haben Sie das Telefongespräch mit ihr geführt?«

»Moment …« Sie griff sich an die Stirn. »An der Ecke Chambers/Broadway, ja, genau. Wir kamen gerade aus dem Juweliergeschäft.«

»Und danach haben Sie Ihr Smartphone nicht noch mal benutzt?«

Brendina schüttelte den Kopf. »Wir waren noch in ein paar anderen Geschäften und dann im Restaurant. Wir haben einen ausgedehnten Lunch genossen, und dann hat Marion darauf bestanden, meiner Schwester Rachel und mir ein Taxi zu spendieren. Sie hat den Wagen selber bestellt und auch bezahlt. Als ich nach Hause kam, habe ich erst mal ein Nickerchen gemacht, nachdem ich seit dem Frühstück unterwegs gewesen war. Und nach dem Abendessen haben mein Mann und ich noch etwas ferngesehen. Heute habe ich das Haus noch nicht verlassen, weil ich etwas saubermachen und mich dann in Ruhe für den Abend fertig machen wollte, ohne dass es stressig wird. Auf meinem Smartphone führe ich nur über meine Einkäufe und unseren Haushalt Buch, aber …«

»Schon gut, Brendi.« Ihr Gatte nahm sie tröstend in den Arm. »Ich helfe dir beim Suchen, und wenn wir dein Smartphone nicht mehr finden, soll uns das vielleicht ganz einfach sagen, dass du dir ein neues kaufen sollst.«

Mit einem leisen Seufzer lehnte sie sich an ihn an. »Dann gib mir bitte dein Smartphone, damit ich meine Karte sperren lassen kann. Inzwischen kommen wir ja auf jeden Fall zu spät.«

»Am besten geben Sie den Coffmans eine unserer Karten, Peabody, damit ihr Sohn uns kontaktieren kann«, bat Eve, und Mrs. Coffman nickte.

»Das wäre nett. Auch wenn ich jetzt erst mal so schnell wie möglich meine Karte sperren lassen muss. Am besten sprechen Sie mit Joshua, denn schließlich ist er Polizist.«

Zurück im Wagen, schnallte Peabody sich an. »Vielleicht hat sich der Killer ja ein leichtes Opfer ausgesucht. Eine ältere Frau auf Shoppingtour mit anderen Frauen. Vielleicht ist er ihr eine Weile hinterhergelaufen und hat sich das Smartphone irgendwo im Gedränge geschnappt.«

»Wahrscheinlich«, stimmte Eve ihr zu. »Und wegen ihres Alters dachte er wahrscheinlich, wenn sie es nicht findet, denkt sie, sie hätte es verlegt. Dass sie nicht sofort dran denkt, das Ding zu sperren. Und ein paar Stunden später hat er dann die Postsendung damit bezahlt und das Gerät danach entsorgt.«

Sie kämpfte sich erneut durch den Verkehr und fügte noch hinzu: »Ich glaube nicht, dass es jemand aus der Familie war. Nicht, weil’s dort einen Cop und einen Rabbi gibt, sondern weil ich mir nicht vorstellen kann, dass unser Killer derart nachlässig und dämlich war.«

»Wollen Sie trotzdem noch mit Sergeant Coffman reden?«

»Warum nicht? Falls es doch eine Verbindung gibt, findet er das bestimmt am ehesten heraus. Und auch die junge Frau vom Paketdienst hat bestimmt nichts mit der Angelegenheit zu tun, es sei denn, jemand hätte einen Hass auf sie und würde sie in Schwierigkeiten bringen wollen.«

»Was ebenfalls echt dämlich wäre.«

»Allerdings. Wir reden trotzdem noch mit ihr. Schließlich hat sie auf der Route regelmäßig Dienst, und vielleicht hat sie ja mal mitgekriegt, dass jemand aus der Nachbarschaft kein allzu großer Fan von Dr. Abner war.«

In dem eilig nach den innerstädtischen Revolten hochgezogenen Gebäude, in dem Lydia Merchant fünf Etagen über einer schmuddeligen Bodega wohnte, roch es durchdringend nach gammeligen Tacos, und die länger schon nicht mehr geputzten, sorgfältig geschlossenen Fenster waren mit dicken Schutzgittern versehen.

Der Fahrstuhl war den handschriftlich dem Schild hinzugefügten Worten nach mal wieder nicht betriebsbereit. Als sie Richtung Treppe gingen, machte Peabody sich mit den Worten: »Das ist gut für meinen Hintern«, selber Mut für ihren Aufstieg in den fünften Stock. Unterwegs roch es erst nach Essen vom Chinesen, dann nach altem Schweiß und billigem Parfum, das den Geruch wahrscheinlich überdecken sollte, und dann nach frischen Blumen, was in einem solchen Haus nicht unbedingt zu erwarten war.

Dann waren sie oben angekommen und traten vor die Wohnungstür, die zwar nicht elektronisch, doch mit drei verschiedenen Polizeischlössern gesichert war.

Das kostete nicht ganz so viel, war aber durchaus effektiv.

Eve drückte auf den Klingelknopf, und durch das Rauschen in der Gegensprechanlage fragte jemand: »Wer ist da?«

»Die Polizei.«

»Na klar.«

»Wir sind wirklich von der Polizei.« Eve zerrte ihre Dienstmarke hervor und hielt sie vor den Türspion.

»Und woher soll ich wissen, dass die Marke echt ist?«

»Fragen Sie doch einfach auf dem Hauptrevier nach Lieutnant Dallas und Detective Peabody.«

»Das mache ich.«

Eve wartete und wartete, doch schließlich hörte sie ein Kreischen, aufgeregte Stimmen, das Klacken von zwei Schlössern und das unverkennbare Geräusch, mit dem ein Panzerriegel aufgeschoben wurde. Dann stand sie zwei Frauen ihres Alters gegenüber.

Die eine Frau war groß und blond und kurvig und die andere eher zierlich und brünett mit einer Haut wie Milchkaffee, doch beide starrten sie mit großen blauen Augen an.

»Mein Gott«, entfuhr es ihnen wie aus einem Mund, bevor die Blonde meinte: »Sie sehen aus wie Marlo Durn in diesem Film. Auch wenn wahrscheinlich eher Marlo ausgesehen hat wie Sie. Wir haben uns den Icove-Fall zweimal im Kino angesehen.«

»Sehr schön.« Sie sollte sich daran gewöhnen, dachte Eve, aber das würde sie wahrscheinlich nie.

»Ist irgendwer hier in eine Wohnung eingebrochen und hat jemanden ermordet?«, fragte die brünette Lydia. »Sie brechen hier andauernd ein oder versuchen es auf jeden Fall.«

»Es geht um keinen Einbruch, sondern um ein Päckchen, das Sie heute Morgen ausgeliefert haben«, antwortete Eve.

»Ach was.« Sie riss die blauen Augen noch ein bisschen weiter auf.

»Dürften wir vielleicht kurz reinkommen?«, fragte Peabody und lächelte sie an.

»Oh, sicher. Sie sind deutlich hübscher als die Frau, die Sie im Film gespielt hat«, stellte die Blondine fest. »Ich weiß, dass sie ermordet wurde, aber trotzdem ist es so.«

Die Blumen, deren Duft sie schon im Treppenhaus empfangen hatte, standen auf dem schmalen Tresen, der den Wohnraum von der kleinen Küche trennte und auf dem noch eine offene Flasche Rotwein stand.

»Am besten nehmen Sie erst mal Platz. Wir wollten gerade etwas feiern und haben deshalb eine Flasche Rotwein aufgemacht. Wollen Sie auch ein Glas?«

»Nein, danke.«

Die Blondine ließ sich auf die Lehne eines Sessels fallen. »Letzte Woche haben sie meinen und heute Lydias Lohn erhöht. Das heißt, wir können es uns endlich leisten, aus diesem Höllenloch hier auszuziehen!«

»Gratuliere. Ms. Merchant …«

»Lydia reicht vollkommen aus. Es ist echt seltsam, dass jemand wie Sie uns hier in dieser Bruchbude besucht. Ich liefere jede Menge Päckchen aus. Ich arbeite für Global P & P, aber das wissen Sie wahrscheinlich schon.«

»Und heute Morgen haben Sie ein Päckchen an Kent Abner ausgeliefert.«

»Dr. Abner, ja. Ich bringe ihm und Dr. Rufty öfter irgendwas. Die beiden sind echt nett, und Weihnachten geben sie mir jedes Jahr ein großzügiges Trinkgeld. Das macht längst nicht jeder. War etwas mit dem Päckchen nicht in Ordnung? Ich habe es ihm an die Tür gebracht, wo er es persönlich in Empfang genommen hat.«

»Und wie sind Sie an dieses Päckchen rangekommen?«

»In unserem Verteilerzentrum werden überwiegend Automaten und Droiden eingesetzt. Sie packen mir die Sachen in den Van und laden mir den Zeitplan hoch, damit ich weiß, was wann wo abgegeben werden soll. Das Päckchen wurde gestern Abend aufgegeben und sollte heute Morgen beim Empfänger sein. Aber weswegen interessiert Sie das?«

»Wir glauben, dass in diesem Päckchen eine bisher unbekannte giftige Substanz enthalten war.«

Lydia sah sie erst verständnislos und dann verängstigt an. »Ein Gift? Wie bei einem Terroranschlag oder so?«

»Von einem Terroranschlag gehen wir bisher nicht aus.« Was nicht ganz stimmte, dachte Eve, doch weshalb hätte sie die Panik der Frau noch verstärken sollen?

»Und woher wissen Sie, dass in dem Päckchen Gift war? Ist Dr. Abner krank geworden?«

»Dr. Abner lebt nicht mehr. Er ist gestorben, kurz nachdem er dieses Päckchen in Empfang genommen und geöffnet hat.«

»Er ist gestorben? Er ist tot?« In Lydias blauen Augen stiegen Tränen auf. »Aber … oh mein Gott. Mein Gott, Teela!«

Sofort quetschte Teela sich zu Lydia in den Sessel, nahm sie in den Arm und stellte fest: »Sie hatte dieses Päckchen in der Hand. Ist sie …«

»Wir glauben, dass er erst beim Öffnen dieses Päckchens mit dem Gift in Berührung gekommen ist.«

»Es geht mir gut, es geht mir gut. Aber Dr. Abner. Er ist ein so netter Mann, und er und Dr. Rufty sind ein wirklich süßes Paar. Man merkt es Menschen an, wenn sie sich gut verstehen. Ich hatte sie echt gern und hatte keine Ahnung, dass mit diesem Päckchen etwas nicht in Ordnung war. Ich wusste nicht, dass mit der Lieferung etwas nicht stimmt. Ich hätte nie …«

»Niemand macht Ihnen einen Vorwurf«, meinte Peabody. »Aber wissen Sie vielleicht, ob irgendwer dort in der Nachbarschaft, bei Ihnen in der Firma oder sonst wo ein Problem mit Dr. Abner hatte?«

»Nein. Ich kenne auch ein paar der Nachbarn, weil das meine Route ist. Aber niemand hat je etwas Böses oder überhaupt was über ihn gesagt. Manchmal, wenn jemand nicht zu Hause ist, gibt man die Lieferung bei einem von den Nachbarn ab, wenn er das will. Und weil das eine wirklich nette Straße ist, haben die beiden auch manchmal das Zeug für ihre Nachbarn angenommen oder die für sie. Aber heute habe ich dort in der Straße nur das eine Päckchen ausgeliefert, das er selber in Empfang genommen hat. Oh Gott, geht’s Dr. Rufty gut? Ich glaube nicht, dass er zu Hause war. Es sah aus, als hätte Dr. Abner gerade laufen gehen wollen. Auf meiner Route sehe ich ihn manchmal joggen, und wenn ich Spätschicht habe, sehe ich, wie Dr. Rufty von der Arbeit kommt.«

»Dr. Rufty war tatsächlich heute Morgen nicht zu Hause.«

»Gibt es irgendetwas, das ich tun soll? Was soll ich jetzt machen?«, fragte Lydia Eve.

»Falls Ihnen irgendetwas einfällt, kontaktieren Sie mich oder Detective Peabody.«

»Sie müssen herausfinden, was all das zu bedeuten hat. Er war ein wirklich netter Mann, und er sah heute Morgen wirklich glücklich aus. Das weiß ich noch genau. Er sah glücklich aus und hat gesagt, was für ein wunderschöner Tag. Sie müssen rausfinden, warum ihm jemand etwas hätte antun wollen.«

»Wir arbeiten daran.«

Auf dem Weg zurück zum Auto meinte Eve: »Die Praxis unseres Opfers ist um diese Zeit wahrscheinlich nicht mehr offen. Also fahren Sie nach Hause, aber rufen Sie auf dem Heimweg noch die Praxisleitung oder wen auch immer an.«

»Die Praxisleiterin heißt Seldine Abbakar. Das steht zumindest auf der Webseite der Praxis, die ich schon mal durchgegangen bin.«

»Sehr gut. Dann rufen Sie sie an und sagen ihr, dass wir morgen früh mit allen Angestellten sprechen wollen. Dann schicken Sie mir den Termin, und wir treffen uns dort. Sie dürfen gern auch McNab schon mal erzählen, worum es geht, denn schließlich müssen sich die elektronischen Ermittler alle elektronischen Geräte vornehmen, die es in der Wohnung unseres Opfers und in seiner Praxis gibt.«

»Aber die Patientenakten …«

»Ja, ich weiß. Aber auch wenn ich die Erlaubnis eines Richters einholen werde, können wir die Patientenakten meinetwegen erst mal außen vor lassen. Das Personal der Praxis oder Rufty wird uns sicher sagen können, ob es irgendwelche Scherereien mit Patienten gab.«

»Aber der Mann war Kinderarzt.«

»Auch Babys können ziemlich angefressen sein, wenn ihnen was nicht passt, von Kindern und Teenies ganz zu schweigen«, meinte Eve. »Vor allem dürften diese Kinder Eltern haben, die mit ihnen in der Praxis waren. Aber wie dem auch sei, vereinbaren Sie den Gesprächstermin. Ich fahre ebenfalls nach Hause, schreibe den vorläufigen Bericht und gehe in Gedanken noch mal alles durch.«

»Da habe ich auf jeden Fall den einfacheren Teil erwischt.«

»Für dieses Mal. Und wenn Sie in der Praxis keinen Termin vor acht bekommen, treffen wir uns um sieben Uhr im Leichenschauhaus und fahren dann von dort aus hin.«

»Sie wissen einfach ganz genau, wie Sie mir eine Freude machen können.«

Eve ignorierte die sarkastische Bemerkung ebenso wie das Gehupe und die Flüche der anderen Autofahrer, denen sie im Weg gestanden hatte, öffnete die Tür von ihrem DSL und nahm hinter dem Lenkrad Platz.

Noch einmal sagte sie: »Besorgen Sie uns den Termin«, fädelte sich direkt vor dem Kerl, der ihr bereits den Stinkefinger zeigte, in den fließenden Verkehr, holte sich einen Kaffee aus dem AutoChef im Armaturenbrett und rief Cher Reo an.

»Bitte nicht«, stellte die Staatsanwältin zur Begrüßung fest. »Ich habe Feierabend, stehe wieder mal im Stau und will für heute nur noch meine Ruhe und ein alkoholisches Getränk.«

»Das können Sie sich beides gönnen, wenn ich meinen Durchsuchungsbeschluss habe«, antwortete Eve. »Mir geht’s auch nicht besser, weil ich selber auf dem Weg nach Hause bin und es auf den verdammten Straßen wieder mal kein Durchkommen gibt.«

Seufzend schob sich Reo ihre seidig weichen blonden Haare aus der Stirn. »Ich steige jetzt aus dem verdammten Taxi aus und fahre mit der U-Bahn nach Hause. Halten Sie an«, wies sie den Fahrer an und schaltete das Display ihres Smartphones aus, während sie die abgebrochene Fahrt bezahlte.

Dann konnte Eve sie leicht verwackelt wieder sehen, als sie zu Fuß in Richtung U-Bahn lief. »Ich nehme an, es geht um diesen Fall mit der bisher nicht identifizierten giftigen Substanz?«

»Ich hoffe doch, dass sie bald wissen werden, was es war, aber ja. Das Opfer war ein Kinderarzt, und wenn ich morgen mit dem Personal in seiner Praxis spreche, müssen wir uns auch die elektronischen Geräte dort ansehen.«

»Die Erlaubnis, sich Patientenakten anzusehen, bekommen Sie ganz sicher nicht so schnell.«

»Es reicht, wenn ich mir erst mal alles andere anschauen kann. Es geht darum, herauszufinden, ob ihn irgendwer bedroht hat oder vielleicht jemand von seinen Angestellten sauer auf ihn war.«

»Okay. Es heißt, Sie haben den Toten angefasst, aber Sie sehen nicht aus, als ob Sie mit einem todbringenden Gift in Kontakt gekommen wären.«

»Weil die Substanz, als wir dort ankamen, schon genauso tot war wie Abner.«

»Das freut mich sehr. Ich melde mich, sobald ich etwas habe.«

»Das ist nett.«

»Sie schulden mir im Übrigen noch einen Drink fürs letzte Mal.«

»Den kriegen Sie. Ein andermal.«

Eve legte auf, hob ihren Kaffeebecher zum Mund, und während sie sich durch das Treiben auf der Straße kämpfte, fiel ihr ein, dass sie vor einer Woche nach einem wunderbaren Tag am italienischen Strand auf der Terrasse ihres Hauses unter den Sternen wunderbare Pasta in sich hineingeschaufelt und sehr guten Wein getrunken hatte, ehe sie und Roarke für weitere Vergnügungen ins Bett gegangen waren.

Sie hatten ein paar wunderbare Tage ohne Mord und Totschlag – oder Mord und Totschlag, den sie hätte aufklären müssen – dort verlebt, doch schließlich war ihr Leben an Roarkes Seite auch davon abgesehen wunderbar. Auch wenn ihre gemeinsame Routine sich von denen der meisten anderen Menschen vollkommen unterschied.

Es funktionierte wirklich gut, auch deshalb, weil er für sie da war, wenn sie nach Hause kam und mal wieder eine frische Last auf den Schultern trug.

Genauso würde es auch heute Abend sein. Er würde sie so ansehen wie jedes Mal, wenn sie nach Hause kam, und ebenfalls wie immer hielte sie für einen kurzen Augenblick den Atem an. Und danach würde er sie zwingen, etwas zu essen, was im gleichen Maße ärgerlich wie rührend war.

Vor allem aber würde er ihr zuhören. Er würde sich nicht ärgern und ihr keinen Vorwurf machen, weil sie wieder mal so spät nach Hause kam. Er würde zuhören, anbieten, ihr zu helfen, und all das würde ihr den inneren Frieden bringen, den sie erst empfand, seit sie ihm begegnet war.

Und als sie endlich durch das Tor der Einfahrt fuhr, verspürte sie dasselbe warme Glück wie jedes Mal, wenn sie nach Hause kam und sie das warme Licht durch die Dutzenden von Fenstern des von Roarke gebauten Hauses mit all seinen schicken Türmen und Zinnen willkommen hieß.

Vor der Haustür fiel ein Teil der Last von ihren Schultern ab. Sie hatte vielleicht noch zu tun, aber zumindest war sie jetzt daheim.

Und weil es wirklich spät war, hätte sie ja vielleicht Glück, und Summerset – der Butler ihres Mannes und die größte Plage ihres Lebens – hätte seinen Posten in der Eingangshalle schon geräumt.

Natürlich aber stand der große, dürre Kerl in seinem schwarzen Anzug wie gewohnt am Fuß der Treppe und bedachte sie mit einem ausdruckslosen Blick.

Und während sie noch überlegte, wie sie ihn am besten kränken könnte, ergriff er bereits das Wort.

»Er macht sich wirklich Sorgen, weil Sie in Kontakt mit dieser giftigen Substanz gekommen sind.«

»Es geht mir gut. Das habe ich ihm auch gesagt.«

Noch immer starrte er sie an, und sie beschlich das ungute Gefühl, er würde sie, da er eine Ausbildung zum Sanitäter hatte, selbst noch mal untersuchen wollen.

Auf keinen Fall.

»Hat man inzwischen rausgefunden, was für eine giftige Substanz das war?«

»Keine Ahnung, aber mir geht’s gut.« Verärgert zog sie ihre Jacke aus und ließ sie auf den Treppenpfosten fallen.

»Dann sorgen Sie dafür, dass er das ebenfalls erfährt.«

Sie hätte schnauzen wollen, dass sie bereits mit Roarke gesprochen hätte, doch die Mühe konnte sie sich sparen.

»Denken Sie, ich wäre nach Hause gekommen, wenn auch nur die geringste Chance bestünde, dass ich etwas an mir habe, das ihm schaden könnte?«

»Nein. Und da es nach neun ist, ist das auch der Grund, weswegen er in Sorge ist.«

Verdammt, verdammt, natürlich, dachte Eve.

»Ich musste … Mist. Wo ist er?«

»Na, in Ihrem Arbeitszimmer. Wo sonst? Er weiß, dass Sie zu Hause sind, denn er hat extra den Alarm der Haustür eingestellt.«

Sie lief mit schnellen Schritten in den ersten Stock. Sie hatte die von ihr erstellten Regeln einer guten Ehe eingehalten, es aber trotzdem irgendwie verbockt.

Den Kater auf dem Schoß, saß er mit einem Buch und einen Glas Wein auf ihrer Couch vor dem Kamin.

Und ja, er hatte diesen ganz besonderen Blick, doch diesmal sah er hauptsächlich erleichtert aus.

»Na endlich«, stellte er mit diesem wundervollen Hauch von Irland in der Stimme fest.

»Es tut mir leid.«

Sie ging mit schnellen Schritten auf ihn zu, und als er aufstand, schlang sie ihm die Arme um den Hals und sagte noch einmal: »Es tut mir wirklich leid.«

»Dass du so spät gekommen bist?«, fragte er überrascht. »Also bitte, Lieutnant, das kommt schließlich öfter vor.«

»Dass ich dir nicht noch mal Bescheid gegeben habe, dass der Scan und Bluttest nichts ergeben haben und ich tatsächlich in Ordnung bin. Ich wollte nicht, dass du dir Sorgen machst.«

»Tja, nun.« Er küsste sie aufs Haar und zog sie eng an seine Brust. »Auch das gehört nun mal dazu. Ich werde mir wahrscheinlich immer wieder einmal Sorgen um dich machen, liebste Eve. Doch jetzt …« Er glitt mit seinem Daumen über die Vertiefung in der Mitte ihres Kinns. »… bist du zurück und setzt dich bitte kurz zu Galahad, der ebenfalls in Sorge um dich war. Ich hole dir in der Zeit ein Glas Wein.«

Statt Vorwürfen und Streit gab es eine herzliche Begrüßung, Wein und einen fetten Kater, der sich freute, dass sie wohlbehalten nach Hause gekommen war. Also würde sie sich kurz aufs Sofa setzen und glücklich schätzen, dass ihr Schatz ihr neben echtem Kaffee, tollem Sex, fantastischen Italienreisen und jeder Menge anderer wundervoller Dinge auch noch einen derart wunderbaren Ausgleich für den Stress im Arbeitsalltag bot.

Als Galahad sich auf den Rücken rollte, streichelte sie ihm den Bauch und trank den ersten Schluck Wein.

»Sie haben mich direkt am Fundort unserer Leiche untersucht.«

»Das hast du mir bereits am Telefon erzählt.« Noch einmal sah er sie mit seinen wilden, herrlichen blauen Augen an, hob ihre Hand an seinen Mund und küsste sie. »Haben sie das Gift inzwischen identifiziert?«

»Da muss ich noch mal nachfragen. Vor einer Stunde hatten sie noch keine Ahnung, was es ist. Der Tote wurde erst am Nachmittag von seinem Ehemann entdeckt, als der von seiner Arbeit kam, und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Tests schon abgeschlossen sind.«

»Du hast bestimmt noch nichts gegessen.«

»Dafür war zu viel zu tun.«

»Das hatte ich mir schon gedacht. Also lass uns jetzt was essen, während du mir alles über deinen neuen Fall erzählst.«

»Soll das bedeuten, dass du auch noch nichts gegessen hast?«

Er drückte ihr die Hand und schüttelte den Kopf. »Ich hatte keinen Appetit.«

»Weil du in Sorge um mich warst. Aber das musst du nicht. Bisher geht es mir wirklich gut, und falls sich das noch ändern sollte, werde ich die Dinge nicht herunterspielen und völlig offen sein, okay?«

»Okay.«

Sie blickte forschend in sein mehr als anziehendes Gesicht. »Aber du machst dir trotzdem weiter Sorgen.«

»Was denn sonst? Auch wenn es wirklich nett ist, dass du mir die nehmen willst. Und um mich ein bisschen zu beruhigen, habe ich mit mir und dem Schicksal ausgehandelt, dass es Pizza gibt, wenn du nach Hause kommst.«

Bei diesen Worten hellte sich Eves Miene auf. »Im Ernst?«

»Salamipizza«, meinte er und fügte noch hinzu: »Und ich bestehe nicht einmal darauf, dass du zumindest ein paar Gabeln Gemüse dazu isst.«

»Wenn du mich darum bitten würdest, würde ich es tun.«

»Du könntest es dir ja auch auf die Pizza legen.«

»Und sie dadurch ruinieren?«, fragte sie und wirkte so entsetzt, als sollte sie sich etwas von dem unbekannten Gift auf ihre Pizza packen.

»Okay, das war eine dämliche Idee.«

Lächelnd schlenderte er in die Küche, und sie streichelte noch kurz den Kater, bevor sie die Gläser und die Flasche zu dem kleinen Tisch vor der Balkontür trug.

Sie blickte in die Dunkelheit hinaus, und der Duft der Pizza, der ihr in die Nase stieg, erschien ihr wie ein Fiebertraum.

Als Roarke das Essen brachte, setzte sie sich an den Tisch und griff gierig zu. »Ich weiß, wenn es nur Pizza gäbe, wäre ich sie irgendwann mal leid. Aber das würde locker ein paar Jahrzehnte dauern«, überlegte sie und sagte dann: »Bald ist es warm genug, um sich auf den Balkon zu setzen. Das wird schön.«

Bevor sie weitersprechen konnte, klingelte ihr Link. »Entschuldigung. Ja, Reo?«

»Ich habe den Beschluss, auch wenn der nicht für die Patientenakten gilt. Haben Sie da etwa ein Stück Pizza in der Hand? Verdammt.«

»Danke für die schnelle Arbeit, aber wenn Sie Pizza wollen, müssen Sie sich die schon selbst bestellen.« Mit diesen Worten steckte Eve ihr Smartphone wieder ein.

»Es heißt, dein Opfer wäre Arzt gewesen«, meinte Roarke.

»Ein Kinderarzt. Seit vierzig Jahren verheiratet. Der Ehemann – Rektor einer Privatschule – hat ihn gefunden, als er von der Arbeit kam. Die beiden haben zwei Kinder und inzwischen auch noch Enkelkinder, was es für den Partner vielleicht etwas leichter macht.«

Sie griff nach ihrem Glas. »Er hat versucht, ihn wiederzubeleben, und dabei die Spuren am Tatort ruiniert. Das Opfer war bereits seit Stunden tot und hatte sich vor seinem Tod noch übergeben, aber trotzdem hat der Ehemann versucht, ihn wiederzubeleben, bevor er den Krankenwagen kommen ließ.«

»Kannst du ihm das verdenken?«

»Nein.« Sie hob den Kopf und sah in das Gesicht, das von geschickten Engeln während eines ganz besonders großzügigen Tags gemeißelt und mit leuchtend blauen Augen versehen worden war. »Vielleicht hätte ich das früher, aber jetzt nicht mehr. Die beiden haben sich geliebt. Das war im ganzen Haus und vor allem im Gesicht des hinterbliebenen Ehemannes zu sehen. Aber davon muss man sich freimachen. Es kann einem zu Herzen gehen, aber trotzdem muss man gleichzeitig Abstand dazu finden.«

»Und wie ist dieses Gift in Abners Haus gelangt?«

»Mit einem Päckchen, das ihm morgens geliefert worden ist.«

»Mit einem Päckchen? Das ist … kühn. Habt ihr den Namen der Person, die es ihm übergeben hat?«

»Sie arbeitete bei dem Paketdienst, Global P & P, bei dem das Päckchen aufgegeben worden ist, doch davon abgesehen hat sie mit der Sache nichts zu tun. Die Frau ist sauber, und sie fand die beiden wirklich nett. Und auch die Nachbarn haben sie gemocht. Bei der Befragung haben sie mit Schock, Angst und Trauer reagiert. Bisher sieht es so aus, als ob das Opfer ein echt netter Mann, ein guter Nachbar und Gesundheitsfreak gewesen wäre. Offenbar wollte er gerade laufen gehen, als die Paketbotin bei ihm geklingelt hat. Er hat das Päckchen angenommen und es dann in der Küche aufgemacht.«

»Und wie war dieses Gift verpackt? Es wäre mehr als kühn gewesen, es in einen einfachen Karton zu packen. Die Dinger gehen schließlich auch gern mal kaputt.«

Genüsslich schob sich Eve den letzten Bissen ihres ersten Pizzastücks in den Mund. »Auf der Arbeitsplatte in der Küche lag noch eine Schachtel aus unechtem Holz, und da sie irgendwie nicht in die Wohnung gepasst hat, schätze ich, dass sie in diesem Päckchen war. Auf dem Boden lagen Plastikscherben, außen golden und innen weiß. Was immer ihn getötet hat, muss in dem Plastikding gewesen sein. Er hat es aufgemacht, dann ist das Gift herausgeströmt, oder vielleicht war auch was drin, das er gegessen hat oder den Verbrennungen an seinen Daumen nach durch die Haut in seinen Körper eingedrungen ist. Ich kann bisher nicht sagen, wie es abgelaufen ist.«

»Weshalb du morgen erst mal mit deinen Kumpels im Labor und Morris sprechen wirst.«

»Genau.« Sie schnappte sich das zweite Pizzastück. »Wir haben das Hazmat-Team bestellt, aber die haben keine Spuren mehr von dem Gift gefunden, weder in der Luft noch bei dem Ehemann oder mir selbst, obwohl wir beide mit dem Toten in Kontakt gekommen sind. Das Zeug hat ausgereicht, um Abner innerhalb von wenigen Minuten umzubringen, und sich verflüchtigt, bevor jemand anderes in die Wohnung kam.«

»Und dieses Päckchen war an Abner adressiert?«

Sie nickte knapp. »Aber der Absender war falsch. Das Päckchen wurde über eine Packstation verschickt, an der die Überwachungskamera vorübergehend ausgefallen war, das heißt, der Täter hatte einen Störsender dabei.«

»Die Überwachungskamera an einer Packstation?« Roarke lachte auf. »Mein Schatz, die Dinger kriegt ein Zehnjähriger klein. Ich würde mich eher fragen, warum dieses Gift bei den dort durchgeführten Scans nicht aufgefallen ist.«