Rendezvous mit einem Mörder - J.D. Robb - E-Book

Rendezvous mit einem Mörder E-Book

J.D. Robb

4,6
8,99 €

oder
Beschreibung

In den zehn Jahren ihres aufreibenden Berufes als Lieutenant der New Yorker Polizei hat die gewitzte, mutige Eve Dallas viel Schreckliches gesehen und, für eine so junge, schöne Frau wie sie, viel zu viel erlebt. Doch sie weiß, dass sie sich auf eines garantiert verlassen kann: auf ihren Instinkt. Bei der Jagd nach einem grausamen Serienmörder, der New York in lähmende Angst versetzt, gerät sie an den undurchsichtigen irischen Milliardär Roarke. Alle Indizien weisen darauf hin, dass er nicht so unschuldig ist, wie er vorgibt zu sein. Doch wider jede Vernunft sprechen Eves Gefühle eine andere Sprache. Sie lässt sich von einem hinreißenden Mann verführen, von dem sie nichts weiß, außer dass er als Killer verdächtigt wird – und ihr Herz erobert hat...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 548

Bewertungen
4,6 (96 Bewertungen)
67
17
12
0
0



Buch

In den zehn Jahren ihres aufreibenden Berufes als Lieutenant der New Yorker Polizei hat die gewitzte, mutige Eve Dallas viel Schreckliches gesehen und, für eine so junge, schöne Frau wie sie, viel zu viel erlebt. Doch sie weiß, dass sie sich auf eines garantiert verlassen kann: auf ihren Instinkt. Bei der Jagd nach einem brutalen Serienmörder, der New York in lähmende Angst versetzt, gerät sie an den undurchsichtigen irischen Milliardär Roarke. Alle Indizien weisen darauf hin, dass er nicht so unschuldig ist, wie er vorgibt zu sein. Doch wider jede Vernunft sprechen Eves Gefühle eine andere Sprache. Sie lässt sich von einem hinreißenden Mann verführen, von dem sie nichts weiß, außer dass er als Killer verdächtigt wird – und ihr Herz erobert hat …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der internationalen Bestsellerautorin Nora Roberts. Ihre originellen, überaus spannenden Kriminalromane mit der Heldin Eve Dallas wurden von den amerikanischen Lesern bereits mit größter Begeisterung aufgenommen. Jeder neue J. D. Robb-Roman erreicht bei Erscheinen auf Anhieb Spitzenplätze in den amerikanischen Bestsellerlisten. Längst ist Nora Roberts, deren Romane in 25 Sprachen übersetzt werden, eine der meistverkauften Autorinnen der Welt.

Weitere Romane von J. D. Robb sind bei Blanvalet in Vorbereitung.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinKapitel 1
EINE VON SECHS
Kapitel 2
EINE VON SECHS
Copyright

What’s past is prologue. Alles Vergangene ist Vorspiel.WILLIAM SHAKESPEARE

Violence is as American as cherry pie. Gewalt ist so amerikanisch wie Kirschkuchen.RAP (HUBERT GEROLD) BROWN

1

Sie wurde im Dunkeln wach. Durch die Spalten in den Fensterläden glitt trübes Dämmerlicht und warf schattige Streifen auf das Bett. Es war, als erwache sie in einer Zelle.

Einen Augenblick lang lag sie einfach da, erschaudernd, gefangen, während der Traum langsam verblasste. Nach zehn Jahren bei der Truppe wurde Eve immer noch gelegentlich von Träumen heimgesucht.

Sechs Stunden zuvor hatte sie einen Mann getötet, hatte gesehen, wie der Tod ihm in die Augen kroch. Es war nicht das erste Mal, dass sie den gezielten Todesschuss angewandt oder geträumt hatte. Sie hatte gelernt, diese Praxis und ihre Konsequenzen zu akzeptieren.

Es war das Kind, das sie verfolgte. Das Kind, das sie nicht hatte retten können. Das Kind, dessen Schreie sich in ihren Träumen mit ihren eigenen vermischten.

All das Blut, dachte Eve und wischte sich mit ihren Händen den Schweiß aus dem Gesicht. Dass ein so kleines Mädchen so viel Blut in seinem Körper hatte. Doch sie wusste, es war lebenswichtig, dass sie die Erinnerung verdrängte.

Der üblichen Vorgehensweise der Truppe entsprechend würde sie den Vormittag mit diversen Tests verbringen. Jeder Beamte, der durch Gebrauch seiner Waffe ein Leben beendete, benötigte vor Wiederaufnahme des Dienstes eine physische und psychische Unbedenklichkeitsbescheinigung. Eve empfand die Tests als ätzend.

Sie würde es ihnen zeigen, so wie sie es ihnen bereits zuvor gezeigt hatte.

Als sie schließlich aufstand, gingen automatisch gedämpft die Deckenlampen an und beleuchteten den Weg ins Bad. Als sie ihr Spiegelbild erblickte, zuckte sie zusammen. Ihre Augen waren vom Schlafmangel verquollen und ihre Haut beinahe so wächsern wie die der Leiche, die sie dem Pathologen überlassen hatte. Statt jedoch weiter darüber nachzudenken, trat sie gähnend unter die Dusche.

»Achtunddreißig Grad bei vollem Strahl«, sagte sie und stellte sich so, dass das Wasser ihr direkt ins Gesicht spritzte.

Eingehüllt in den heißen Nebel seifte sie sich müde ein, während sie die Ereignisse des Vorabends noch einmal in Gedanken durchging. Die Tests begannen erst um neun, sodass sie die nächsten drei Stunden nutzen würde, um zur Ruhe zu kommen und den Traum vollends verblassen zu lassen.

Auch die geringsten Zweifel und das kleinste Bedauern wurden oft genug entdeckt und konnten bedeuten, dass man eine zweite, intensivere Testrunde mit den Geräten und den eulenäugigen Technikern, die sie bedienten, über sich ergehen lassen musste.

Eve hatte jedoch nicht die Absicht, ihre Arbeit länger als einen Tag zu unterbrechen.

Sie hüllte sich in ihren Morgenmantel, ging hinüber in die Küche und programmierte ihren AutoChef auf schwarzen Kaffee und leicht gebräunten Toast. Durch das Fenster hörte sie das dumpfe Brummen der Flieger, die die frühen Pendler in die Büros und die späten heimbrachten. Sie hatte das Apartment vor Jahren gerade deshalb ausgesucht, weil es im Zentrum dichten Boden- und Luftverkehrs gelegen war und weil sie die Geräusche und das Gedränge mochte. Abermals gähnend blickte sie aus dem Fenster und verfolgte mit den Augen einen klappernden, alternden Airbus, mit dem Arbeiter, die nicht in der glücklichen Lage waren, entweder in der City oder aber an ihren Computern von zu Hause aus arbeiten zu können, durch die Gegend gekarrt wurden.

Sie lud die New York Times auf ihren Bildschirm und überflog die Schlagzeilen, während sie an ihrem Ersatzkaffee nippte. Wieder einmal hatte der AutoChef ihren Toast verbrennen lassen, und während sie lustlos daran knabberte, dachte sie flüchtig über die Anschaffung eines neuen Küchencomputers nach.

Als sie sich stirnrunzelnd in einen Artikel über den Massenrückruf von Cockerspaniel-Droiden vertiefen wollte, blinkte mit einem Mal ihr Tele-Link, sodass sie auf die Kommunikationsebene wechselte und sah, wie ihr Vorgesetzter auf dem Monitor erschien.

»Commander.«

»Lieutenant.« Obgleich er ihre noch nassen Haare und ihre müden Augen nicht übersehen konnte, nickte er, statt darauf einzugehen, brüsk mit seinem Kopf. »Vorkommnis in 27, West Broadway, achtzehnter Stock. Sie übernehmen die Leitung der Ermittlungen.«

Eve zog überrascht die Brauen hoch. »Ich muss zur Überprüfung. Gezielter Todesschuss um zweiundzwanzig fünfunddreißig.«

»Die Ermittlungen haben Vorrang vor den Tests«, erklärte er ihr reglos. »Holen Sie auf dem Weg zum Tatort Schild und Waffe bei uns ab. Code Five, Lieutenant.

»Zu Befehl, Sir.« Noch während sie sich auf ihrem Stuhl zurücklehnte, verschwand bereits sein Bild. Code Five bedeutete, dass sie ihrem Commander direkt Bericht erstatten, dass es keine unversiegelten Bericht für die anderen Abteilungen und keine Zusammenarbeit mit der Presse geben würde.

Kurz gesagt, sie war auf sich allein gestellt.

Am Broadway herrschten Höllenlärm und furchtbares Gedränge. Es war wie auf einer Riesenparty, deren rüpelhafte Gäste niemals wieder gingen. Sowohl auf den Straßen als auch in der Luft herrschte ein so reger Verkehr, dass man inmitten der dicht gedrängten Leiber und Transportmittel nur noch mit Mühe Luft bekam. Sie erinnerte sich daran, dass die Gegend bereits in ihren alten Tagen als uniformierte Polizistin als Hot Spot, als gefährlicher Fleck, sowohl für menschliche Wracks als auch für Touristen gegolten hatte, die zu sehr damit beschäftigt waren, mit großen Augen das allgemeine Treiben zu verfolgen, um auf den Verkehr zu achten.

Selbst um diese frühe Uhrzeit lockten die Gerüche der fest installierten und der fahrbaren Essensstände, an denen von Reisnudeln bis hin zu Sojabohnen alles angeboten wurde, die zahllosen Besucher dieses Viertels an. Eve musste einen großen Schlenker machen, um nicht mit einem eifrigen Verkäufer und seinem qualmenden Schwebegrill zusammenzustoßen, und nahm seinen zornig ausgestreckten Mittelfinger eher gelassen hin.

Schließlich parkte sie in zweiter Reihe, wich einem Mann aus, der schlimmer stank als das Gebräu in seiner Flasche, und trat auf den Bürgersteig. Zuerst sah sie sich das Gebäude an – fünfzig Geschosse glitzernden Metalls, die von ihrem Betonsockel wie ein Messer in den Himmel aufragten – und bekam, ehe sie sich schließlich durch die Tür schob, zwei unsittliche Anträge. Doch da der fünf Häuserblöcke umfassende Broadway im Volksmund liebevoll Nuttenlaufsteg genannt wurde, war sie darüber nicht weiter überrascht.

Sie zeigte dem uniformierten Polizisten am Eingang des Gebäudes ihre Dienstmarke »Lieutenant Dallas.«

»Zu Befehl, Sir.« Er strich über das offizielle Computersiegel, das das Gebäude gegen die Schaulustigen abschirmte und führte sie in Richtung der Fahrstühle. »Achtzehnter Stock«, erklärte er, als sich die Türen lautlos hinter ihnen schlossen.

»Setzen Sie mich ins Bild, Officer.« Eve stellte den Rekorder an und wartete.

»Ich war nicht als Erster am Tatort, Lieutenant. Was auch immer dort oben vorgefallen ist, ist bisher nicht bis hier unten durchgedrungen. Aber Sie werden schon erwartet. Ich weiß nur, dass es in der Wohnung Nummer 1803 einen Todesfall gegeben hat, der nach Code Five behandelt werden soll.«

»Wer hat die Sache gemeldet?«

»Das kann ich nicht sagen.«

Als sich die Türen öffneten, blieb er im Fahrstuhl zurück, sodass Eve alleine einen schmalen Korridor betrat. Sicherheitskameras blickten auf sie herab, und ihre Füße bewegten sich beinahe lautlos auf dem abgewetzten Teppich, als sie sich in Richtung des Apartments 1803 begab. Ohne erst zu läuten, hielt sie ihre Dienstmarke in Augenhöhe des Spions, bis jemand ihr aufmachte.

»Dallas.«

»Feeney.« Froh, ein vertrautes Gesicht zu sehen, verzog sie ihren Mund zu einem Lächeln. Ryan Feeney war ein alter Freund und ehemaliger Partner, der die Arbeit auf der Straße gegen einen Schreibtisch und einen Superposten in der Abteilung für elektronische Ermittlungen eingetauscht hatte. »Dann schicken Sie also heutzutage sofort die Computerheinis an die Tatorte.«

»Sie wollten hohe Tiere, und zwar möglichst die Besten.« Trotz der lächelnden Lippen in seinem breiten, zerknitterten Gesicht blieben seine Augen ernst. Er war ein kleiner, untersetzter Mann mit kleinen, kräftigen Händen und rostfarbenem Haar. »Du siehst geschafft aus.«

»Ich hatte eine ziemlich harte Nacht.«

»Das habe ich gehört.« Er bot ihr eine der gezuckerten Nüsse aus der Tüte an, die er für gewöhnlich mit sich herumtrug, und versuchte zu erkennen, ob sie bereit war für das, was sie in dem Schlafzimmer erwartete.

Mit ihren knapp dreißig Jahren war sie jung für einen Menschen ihres Ranges, doch ihre großen braunen Augen hatten nie Gelegenheit gehabt, kindlich-naiv zu blicken. Ihr rehbraunes Haar war kurz geschnitten, weniger schick als vielmehr praktisch, doch es passte zu ihrem dreieckigen Gesicht mit den rasiermesserscharfen Wangenknochen und dem von einem kleinen Grübchen verzierten, stolz gereckten Kinn.

Sie war groß, drahtig, versteckte unter ihrer Lederjacke, auch wenn sie beinahe mager wirkte, harte, feste Muskeln, besaß ein gut funktionierendes Gehirn und obendrein ein Herz.

»Die Sache ist ziemlich heikel, Dallas.«

»Das habe ich mir schon gedacht. Wer ist das Opfer?«

»Sharon DeBlass, Enkelin von Senator DeBlass.«

Keiner der beiden Namen sagte ihr etwas. »Politik ist nicht gerade meine Stärke, Feeney.«

»Der Gentleman aus Virginia, ultrarechts, altes Geld. Die Enkelin nahm vor ein paar Jahren eine scharfe Linkskurve, zog hierher nach New York und erwarb die Lizenz als Gesellschafterin.«

»Dann war sie also eine Nutte.« Dallas sah sich in der Wohnung um. Die Einrichtung war sehr modern – Glas und dünnes Chrom, an den Wänden signierte Hologramme, eine dunkelrote, in die Wand eingelassene Bar. Auf dem breiten Stimmungsmonitor hinter der Theke verschwammen verschiedene, kühl pastellfarbene Formen miteinander.

Adrett wie eine Jungfrau, dachte Eve, und kalt wie eine Hure. »Was angesichts ihrer Wohnungswahl nicht weiter überrascht.«

»Die Politik macht den Fall so delikat. Das Opfer war eine vierundzwanzig Jahre alte weiße Frau. Der Tod hat sie im Bett ereilt.«

Eve zog eine Braue in die Höhe. »Klingt beinahe poetisch, vor allem, nachdem sie ihr Leben anscheinend ebenfalls größtenteils dort verbracht hat. Wie ist sie gestorben?«

»Das ist das nächste Problem. Ich möchte, dass du dir die Sache selbst ansiehst.«

Als sie das Zimmer durchquerten, nahm jeder von ihnen eine schlanke Dose, besprühte sich die Hände, um Fett und Fingerabdrücke zu versiegeln, und vor der Tür des Schlafzimmers besprühte Eve auch noch die Sohlen ihrer Stiefel, damit keine Fasern, Haare oder Hautreste daran kleben bleiben würden.

Ihr Argwohn war geweckt. Normalerweise wären außer ihr zwei weitere Ermittler am Tatort, um Geräusche und Bilder aufzunehmen, und die Spurensuche würde mit der ihr eigenen Ungeduld längst darauf warten, alles genauestens untersuchen zu können.

Die Tatsache, dass man außer ihr nur noch Feeney auf den Fall angesetzt hatte, zeigte, welche Diskretion und Vorsicht geboten zu sein schienen.

»Es gibt Sicherheitskameras im Eingang, in den Fahrstühlen und in den Korridoren«, stellte sie jetzt fest.

»Ich habe die Disketten bereits sichergestellt.« Feeney öffnete die Tür und ließ ihr den Vortritt.

Es war kein hübscher Anblick. Eve vertrat die Ansicht, dass der Tod nur selten eine friedliche, religiöse Erfahrung für den Menschen war. Er war ein widerliches Ende, das Heilige und Sünder gleichermaßen traf. Dieser Tod jedoch war regelrecht schockierend, als hätte jemand ihn absichtlich derart inszeniert, um andere zu beleidigen.

Das riesige Bett war mit offenbar echtem Satin in der Farbe reifer Pfirsiche bezogen, und kleine, sanfte Strahler waren auf die nackte Frau gerichtet, die in einer kleinen Mulde auf dem schimmernden Laken lag.

Die Matratze machte geradezu obszön geschmeidige Wellenbewegungen im Rhythmus der aus den Lautsprechern im Kopfteil des Bettes ertönenden Musik.

Sie war immer noch eine Schönheit mit ihrem Kameengesicht, den langen, dichten, flammend roten Haaren, den smaragdgrünen Augen, die glasig unter die verspiegelte Decke des Schlafzimmers starrten, und den langen, milchig weißen, sanft schaukelnden Gliedern, bei deren Anblick man unwillkürlich an Schwanensee dachte.

Allerdings waren Arme und Beine der Toten nicht gerade künstlerisch drapiert, sondern dergestalt lüstern ausgestreckt, dass die Tote genau in der Mitte des Bettes ein X formte.

Sie hatte ein Loch in der Stirn, ein zweites in der Brust und ein drittes, das grässlich zwischen ihren offenen Schenkeln klaffte. Blut war auf das schimmernde Laken gespritzt, an ihr heruntergelaufen, hatte regelrechte Pfützen gebildet und überall widerliche Flecken hinterlassen.

Selbst die lackierten Wände waren dunkelrot bespritzt, als hätte irgendein bösartiges Kind dort ein tödliches Gemälde angebracht.

Sie musste schwer schlucken und sich zwingen, das Bild eines kleinen Kindes zu verdrängen.

»Ihr habt das Szenarium auf Band?«

»Ja.«

»Dann stell das verdammte Ding doch bitte endlich ab.« Als Feeney die Musik zum Verstummen und das schaukelnde Bett zum Stehen brachte, atmete sie aus. »Die Wunden«, murmelte sie und trat, um sie sich genauer anzusehen, näher an die tote Frau heran. »Zu sauber für ein Messer. Zu ausgefranst für einen Laser.« Plötzlich blitzte die Erkenntnis in ihr auf – alte Ausbildungsfilme, alte Videos hatten ihr diese alte Form der Grausamkeit gezeigt.

»Himmel, Feeney, die Löcher sehen aus wie Schussverletzungen.«

Feeney zog eine versiegelte Tüte aus der Tasche. »Wer auch immer das getan hat, hat ein Andenken zurückgelassen.« Er drückte Eve die Tüte in die Hand. »Für ein antikes Ding wie das hier kriegt man von einem legalen Sammler acht- bis zehntausend, und auf dem Schwarzmarkt problemlos mindestens das Doppelte.«

Fasziniert drehte Eve den versiegelten Revolver in der Hand. »Er ist schwer«, sagte sie beinahe zu sich selbst. »Klobig.«

»Kaliber achtunddreißig«, erklärte ihr Feeney. »Die erste derartige Waffe, die ich außerhalb eines Museums zu sehen bekommen habe. Das hier ist ein Smith & Wesson, Modell zehn, gebläuter Stahl.« Er bedachte den Revolver mit einem beinahe liebevollen Blick. »Ein echter Klassiker, bis in die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Standardwaffe der Polizei. Die Produktion wurde zweiundzwanzig, dreiundzwanzig herum eingestellt, als das Waffenverbot durchkam.«

»Du bist wirklich ein erstaunlich guter Historiker.« Was erklärte, weshalb man ihn ihr zugeteilt hatte. »Sieht neu aus.« Sie schnupperte an der Tüte und erhaschte den Geruch von Öl und von Verbranntem. »Irgendjemand hat das Ding hervorragend gepflegt. Stahl in Fleisch«, dachte sie laut, während sie Feeney die Tüte zurückgab. »Eine wirklich unschöne Art zu sterben und das erste Mal in meinen zehn Jahren bei der Truppe, dass ich so etwas zu sehen bekomme.«

»Für mich ist es das zweite Mal. Vor ungefähr fünfzehn Jahren geriet in der Lower East Side eine Party aus dem Ruder. Einer der Typen hat mit einer Zweiundzwanziger fünf Leute erschossen, bevor ihm endlich klar wurde, dass er kein Spielzeug in der Hand hatte. Eine wirklich widerliche Sache.«

»Hauptsache, er hatte sein Vergnügen«, murmelte Eve sarkastisch. »Am besten überprüfen wir zuerst die Sammler, um zu sehen, wie viele von ihnen ein solches Ding besitzen. Vielleicht hat ja auch einer von ihnen einen Einbruch oder Diebstahl gemeldet.«

»Vielleicht.«

»Allerdings halte ich es für wahrscheinlicher, dass das Ding auf dem Schwarzmarkt erworben worden ist.« Eve blickte zurück auf die Leiche. »Wenn sie bereits seit ein paar Jahren im Geschäft war, hat sie sicher Disketten, Kundenlisten, irgendwelche Bücher.« Sie runzelte die Stirn. »Da dies ein Code Five ist, werde ich die Laufarbeit selbst erledigen müssen. Ganz offensichtlich handelt es sich hier um keinen gewöhnlichen Sexualmord«, erklärte sie seufzend. »Wer auch immer das getan hat, hat alles sorgfältig inszeniert. Die antike Waffe, die beinahe wie mit dem Lineal gezogene Einschusslinie, das Licht, die Pose der Toten. Feeney, wer hat die Tote gemeldet?«

»Der Killer.« Er wartete, bis sie ihn wieder ansah. »Von hier aus. Hat direkt auf der Wache angerufen. Siehst du, wie die Kamera direkt auf ihr Gesicht gelenkt wurde? Das war es, was bei unseren Jungs ankam. Kein Ton, einzig Bilder.«

»Dann findet er also Gefallen an Effekthascherei.« Eve atmete hörbar aus. »Ein wirklich cleverer Bastard, arrogant und anmaßend. Zuvor hat er mit ihr geschlafen. Darauf verwette ich meine Dienstmarke. Und dann ist er aufgestanden und hat sie erledigt.« Sie hob ihren Arm, zielte und ließ ihn, während sie zählte, wieder sinken. »Eins, zwei, drei.«

»Das nenne ich ziemlich kaltblütig«, murmelte Feeney.

»Er ist kaltblütig. Anscheinend hat er sogar noch die Laken glatt gestrichen. Siehst du, wie ordentlich sie sind? Er legt sie zurecht, spreizt ihre Beine, um sicherzugehen, dass niemand auch nur den geringsten Zweifel daran hegt, wie sie sich ihren Lebensunterhalt verdient hat. Er geht sorgsam zu Werke, vermisst sie praktisch, bis sie schließlich perfekt vor der Kamera liegt. Genau in der Mitte des Bettes, Arme und Beine identisch gespreizt. Lässt das Bett weiterschaukeln, denn das ist Teil der Show. Er lässt die Waffe zurück, weil wir sofort erkennen sollen, dass er kein gewöhnlicher Mann ist. Er hat ein ausgeprägtes Ego. Er will keine Zeit verlieren, bis die Leiche endlich entdeckt wird. Er will, dass es sofort geschieht. Er will die umgehende Befriedigung.«

»Sie hatte eine Lizenz für Männer und Frauen«, kam Feeneys Einwurf, doch Eve schüttelte den Kopf.

»Das war keine Frau. Eine Frau hätte sie nicht derart schön und gleichzeitig obszön zurückgelassen. Nein, ich glaube nicht, dass das eine Frau getan hat. Lass uns gucken, was wir hier alles finden. Warst du schon in ihrem Computer?«

»Nein. Es ist dein Fall, Dallas. Ich bin einzig hier, um dir zu assistieren.«

»Guck, ob du in ihre Kundendateien reinkommst.« Eve selbst trat an die Kommode und begann, die einzelnen Schubladen vorsichtig zu durchsuchen.

Teurer Geschmack, dachte sie, als sie die Wäschestücke sah. Es gab mehrere Stücke aus echter Seide, dem Stoff, mit dem es kein künstliches Gewebe aufnehmen konnte. Die Flasche Parfum war exklusiv, und der Inhalt roch nach teurem Sex.

In den Schubladen herrschte ebenso wie in den Schränken eine geradezu auffällige Ordnung. Die Dessous waren ordentlich gefaltet, die Pullover nach Farbe und Material sortiert.

Offensichtlich hatte das Opfer eine Schwäche für Garderobe gehabt, hatte sich immer nur die allerbesten Stücke zugelegt und diese sorgfältig gepflegt.

Doch gestorben war sie nackt.

»Sie hat wirklich genau Buch geführt«, rief Feeney durch das Zimmer. »Es ist alles da. Ihre Kundenliste, ihre Termine – sogar die erforderliche monatliche Gesundheitsuntersuchung und der wöchentliche Besuch des Schönheitssalons. Den Gesundheitscheck hat sie in der Trident Klinik durchführen lassen und die optische Verschönerung bei Paradise.«

»Beides hervorragende Adressen. Ich habe eine Freundin, die ein Jahr lang gespart hat, um sich einen Tag bei Paradise leisten zu können. Sie bewirken dort tatsächlich wahre Wunder.«

»Die Schwester meiner Frau war anlässlich ihrer Silberhochzeit dort. Hat beinahe so viel gekostet wie die Hochzeit meiner Tochter. Aber hallo, hier ist sogar ihr persönliches Adressbuch.«

»Gut. Zieh von allem eine Kopie, ja, Feeney?« Als sie ein leises Pfeifen hörte, blickte sie über die Schulter auf den kleinen goldgerandeten Handcomputer, den er zwischen den Fingern hielt. »Was ist?«

»Hier stehen jede Menge wirklich bekannter Namen. Politik, Showbusiness, Geld, Geld, Geld. Interessanterweise hatte die Kleine sogar Roarkes Privatnummer.«

»Roarke wer?«

»Soweit ich weiß, nur Roarke. Das wirklich große Geld. Einer dieser seltenen Typen, die Scheiße nur anzufassen brauchen, damit sie sich in Geld verwandelt. Du solltest wirklich langsam anfangen, auch etwas anderes als die Sportseiten der Zeitungen zu lesen, Dallas.«

»He, ich überfliege dauernd sämtliche Schlagzeilen. Hast du vom Rückruf der Cockerspaniel gehört?«

»Roarke sorgt immer wieder für ziemlichen Wirbel«, erklärte Feeney ihr geduldig. »Er hat eine der besten Kunstsammlungen der Welt. Kunst und Antiquitäten«, fuhr er fort, als er merkte, dass Eve ihm endlich zuhörte. »Er hat eine Genehmigung zum Sammeln von Schusswaffen aller Art, und den Gerüchten zufolge kann er mit den Dingern auch umgehen.«

»Dann werde ich ihn wohl mal besuchen.«

»Du kannst schon von Glück reden, wenn du es schaffst, dich ihm bis auf einen Abstand von einer Meile zu nähern.«

»Tja, manchmal braucht man eben Glück.« Eve ging hinüber zu der Leiche und schob ihre Hand unter die Decke.

»Der Mann hat mächtige Freunde, Dallas. Du kannst es dir nicht leisten, von einer möglichen Verbindung zwischen ihm und dieser Sache auch nur zu flüstern, so lange du keine handfesten Beweise dafür hast.«

»Feeney, du weißt, es ist ein Fehler, mir so etwas zu sagen.« Doch noch während sie den Mund zu einem Lächeln verzog, strichen ihre Finger über etwas anderes als kaltes Fleisch und blutstarrende Laken. »Sie liegt auf etwas drauf.« Vorsichtig hob Eve eine Schulter des Opfers und streckte ihre Finger aus.

»Papier!«, murmelte sie. »Versiegelt.« Mit ihrem durch das Spray ebenfalls versiegelten Daumen wischte sie das Blut von dem Wasser abweisenden Blatt, bis sie lesen konnte, was darauf geschrieben stand.

EINE VON SECHS

»Siehst du, als wäre es von Hand geschrieben«, sagte sie zu Feeney und hielt ihm den Zettel hin. »Unser Junge ist mehr als clever und mehr als arrogant. Und ganz offensichtlich ist er noch nicht fertig.«

Eve verbrachte den Rest des Vormittags mit einer Arbeit, die normalerweise von Drohnen erledigt worden wäre: Sie befragte persönlich die Nachbarn und Nachbarinnen des Opfers und zeichnete Erklärungen und Eindrücke der Leute auf.

Schnell holte sie sich noch ein Sandwich von einem Schwebegrill, mit dem sie zuvor beinahe zusammengeprallt wäre, und fuhr dann quer durch die Stadt. Nach der quälenden Nacht und dem anstrengenden Morgen, die sie hinter sich hatte, konnte sie es der Empfangsdame bei Paradise wohl kaum verdenken, dass diese sie mit einem Blick bedachte, als hätte sie sich selbst erst vor wenigen Minuten vom Bürgersteig gekratzt.

Wasserfälle plätscherten melodisch zwischen den üppigen Pflanzen im Empfangsbereich des exklusivsten Salons der Stadt. Winzige Tassen echten Kaffees und schlanke Gläser mit Mineralwasser oder Champagner wurden denjenigen serviert, die es sich in den dick gepolsterten Sesseln oder auf den Sofas bequem machten. Mit kostenlosen Kopfhörern und Mode-Disketten wurde die Wartezeit auf angenehme Art verkürzt.

Der prachtvolle Busen der Empfangsdame war Zeugnis der erfolgreich im Salon angewandten Figur-Umformungs-Techniken. Sie trug ein eng anliegendes, kurzes Kleid im Rot des Salons, und hatte ihre ebenholzschwarzen Haare zu eleganten Schlangen aufgedreht.

Eve war regelrecht begeistert.

»Tut mir Leid«, erklärte die Frau mit einer wohlklingenden Stimme, die ebenso emotionslos war wie die eines Computers. »Ohne Termin können wir niemanden bedienen.«

»Kein Problem.« Eve lächelte, und es widerstrebte ihr fast, an der kühlen, herablassenden Fassade ihres Gegenübers kratzen zu müssen. Aber eben nur fast. »Damit bekomme ich sicher sofort einen Termin.« Sie zeigte ihre Dienstmarke. »Ich brauche die für Sharon DeBlass zuständige Person.«

Entgeistert starrte die Empfangsdame in Richtung des Wartebereichs. »Die Bedürfnisse unserer Klienten sind streng vertraulich.«

»Da bin ich mir ganz sicher.« Gut gelaunt lehnte sich Eve gegen den U-förmigen Tresen. »Ich kann nett und leise sprechen, so wie jetzt, damit nur Sie mich verstehen – Denise?« Sie warf einen kurzen Blick auf das diskret mit falschen Juwelen besetzte, an der Brust der jungen Dame festgemachte Namensschild. »Oder ich kann lauter sprechen, sodass alle mitbekommen, was ich von Ihnen will. Falls Ihnen der erste Vorschlag besser gefällt, bringen Sie mich vielleicht in ein hübsches, ruhiges Zimmer, in dem wir keinen Ihrer Klienten stören, oder Sie schicken mir den für Sharon DeBlass zuständigen Kosmetiker oder wie auch immer Sie die Leute nennen.«

»Berater«, kam die schwache Antwort. »Wenn Sie mir bitte folgen wollen.«

»Mit dem größten Vergnügen.«

Und ein Vergnügen war es wirklich.

Außer in Kinofilmen oder Videos hatte Eve nie zuvor einen derartigen Luxus zu sehen bekommen. Der Teppich unter ihren Füßen war dick wie ein Kissen, sodass man lautlos beinahe bis zu den Knöcheln in dem weichen Flausch versank. Kristalltropfen hingen von der Decke und brachen tausendfach das Licht, und überall duftete es nach frischen Blumen und nach verwöhnter Haut.

Auch wenn sie sich nicht vorstellen konnte, Stunden damit zu verbringen, sich eincremen, einölen, massieren und umformen zu lassen, wäre es sicher interessant, unter derart zivilisierten Bedingungen so viel Zeit auf Ihre Eitelkeit zu verwenden.

An einer der Wände des kleinen Zimmers, in das Denise sie führte, hing ein riesiges Hologramm von einer Sommerwiese, und leises Vogelzwitschern und eine angenehme, kühle Brise versüßten die Luft.

»Wenn Sie hier bitte warten wollen.«

»Kein Problem.« Eve wartete, bis die Tür geschlossen wurde, und sank dann mit einem wohligen Seufzer in einen tiefen, weichen Sessel. Sofort blinkte der neben dem Sessel angebrachte Bildschirm, und ein freundliches, nachsichtiges Antlitz, das nur das eines Droiden sein konnte, blickte ihr mit einem strahlenden Lächeln entgegen.

»Guten Tag. Willkommen bei Paradise. Die Erfüllung Ihrer Wünsche und Ihre Bequemlichkeit sind unsere größten Anliegen. Hätten Sie vielleicht gerne eine Erfrischung, während Sie auf Ihren persönlichen Berater warten?«

»Sicher. Kaffee. Schwarzen Kaffee.«

»Natürlich. Welche Sorte hätten Sie gern? Drücken Sie bitte Knopf A für Auswahl.«

Eve unterdrückte ein Grinsen, als sie die Anweisung befolgte, verbrachte die nächsten zwei Minuten damit, über das Angebot zu grübeln, und begrenzte es schließlich auf die Optionen Französische Riviera und Caribbean Cream.

Ehe sie jedoch eine endgültige Entscheidung treffen konnte, öffnete sich abermals die Tür, sodass sie sich resigniert erhob und der schrill gekleideten Vogelscheuche entgegensah, die den Raum betrat.

Über dem fuchsienroten Hemd und der pflaumenfarbenen Hose trug das Wesen einen offenen, schlaff an ihm herunterhängenden Kittel in Paradise-Rot. Seine aus dem geradezu schmerzlich hageren Gesicht gekämmten Haare hatten dieselbe Farbe wie die Hose. Er bot Eve seine Hand und bedachte sie mit einem fragenden Blick aus seinen sanften Rehaugen.

»Tut mir furchtbar Leid, Officer. Ich bin einigermaßen verwirrt.«

»Ich brauche Informationen über Sharon DeBlass.« Wieder zog Eve ihre Dienstmarke hervor und hielt sie ihrem Gegenüber hin.

»Ja, ah, Lieutenant Dallas. So sagte man mir bereits. Sie müssen natürlich wissen, dass unsere Klientendateien streng vertraulich sind. Wir hier bei Paradise sind nicht nur für unsere exzellente Arbeit, sondern auch für unsere Diskretion berühmt.«

»Und Sie müssen natürlich wissen, dass ich jederzeit einen Durchsuchungsbefehl besorgen kann, Mr. – ?«

»Oh, Sebastian. Einfach nur Sebastian.« Er winkte mit einer seiner dünnen Hände, und an seinen schmalen Fingern blitzten mehrere diamantbesetzte Ringe. »Ich möchte Ihre Autorität ganz sicher nicht in Frage stellen, Lieutenant. Aber falls Sie mir vielleicht verraten können, aus welchen Gründen Sie nach Sharon fragen?«

»Ich versuche herauszufinden, aus welchen Gründen man sie ermordet haben könnte.« Sie wartete einen Moment, während er sie entgeistert anstarrte und sein bereits zuvor bleiches Gesicht auch noch den letzten Rest Farbe verlor. »Mehr kann ich nicht sagen.«

»Ermordet. Großer Gott, wollen Sie damit etwa sagen, unsere liebreizende Sharon wäre tot? Das muss ein Irrtum sein.« Er ließ sich in einen der Sessel sinken, lehnte seinen Kopf gegen die Lehne und schloss seine Augen. Als der Monitor ihm ebenfalls eine Erfrischung anbieten wollte, winkte er müde ab. Wieder blitzten die Ringe an seinen Fingern. »Gott, ja. Ich brauche einen Brandy, Darling. Einen doppelten Trevalli.«

Eve setzte sich neben ihn und zog ihren Rekorder aus der Tasche. »Erzählen Sie mir von Sharon.«

»Ein prachtvolles Geschöpf. Natürlich hatte sie einen wunderbaren Körper, aber das war längst nicht alles.« Lautlos brachte ein automatischer Rollwagen den Brandy. Sebastian hob ihn an seine Lippen und nahm einen großen Schluck. »Sie hatte einen tadellosen Geschmack, ein großes Herz und einen messerscharfen Verstand.«

Wieder bedachte er Eve mit einem traurigen Blick aus seinen Rehaugen. »Ich habe sie erst vor zwei Tagen noch gesehen.«

»Beruflich?«

»Sie kam regelmäßig jede Woche für einen halben Tag. Und alle zwei Wochen erschien sie ganztägig.« Er zog einen buttergelben Schal aus seiner Tasche und betupfte sich damit die Augen. »Sharon hat sehr auf ihr Äußeres geachtet, sie war der festen Überzeugung, dass man sich stets von seiner besten Seite zeigen soll.«

»Was in ihrem Beruf ganz sicher nicht von Nachteil war.«

»Natürlich nicht. Allerdings hat sie nur zum Spaß gearbeitet. Mit ihrem familiären Hintergrund hat es ihr nie an Geld gefehlt. Sie hatte einfach Spaß am Sex.«

»Auch mit Ihnen?«

Er verzog das Künstlergesicht und presste die Lippen entweder zum Zeichen seines Schmerzes oder zum Zeichen des Gekränkt-Seins fest zusammen. »Ich war ihr Berater, ihr Vertrauter und gleichzeitig ihr Freund«, erklärte er steif, während er sich lässig den Schal über die linke Schulter drapierte. »Es wäre indiskret und unprofessionell gewesen, wenn wir darüber hinaus auch Sexualpartner geworden wären.«

»Dann fühlten Sie sich also sexuell nicht von ihr angezogen?«

»Es war unmöglich, dass sich irgendjemand nicht sexuell von ihr angezogen fühlte. Sie …«, er machte eine große Geste, »verströmte Sex wie andere ein teures Parfum. Mein Gott.« Wieder nippte er an seinem Brandy. »Und damit ist es jetzt vorbei. Ich kann es einfach nicht glauben. Tot. Ermordet.« Er lenkte seinen Blick wieder auf Eve. »Sie haben gesagt, dass sie ermordet worden ist.«

»Das ist richtig.«

»Diese Gegend, in der sie gelebt hat«, stellte er beinahe grimmig fest. »Niemand konnte sie dazu überreden, endlich in eine etwas respektablere Umgebung zu ziehen. Sie hat es genossen, ein verruchtes Leben zu führen und es den Mitgliedern ihrer Familie unter die aristokratischen Nasen zu reiben.«

»Dann verstand sie sich mit ihrer Familie also nicht unbedingt gut?«

»Sie verstanden sich nicht im Geringsten. Es hat ihr gefallen, sie zu schocken. Sie war ein solcher Freigeist, ihre Familie hingegen war einfach… gewöhnlich.« Er sagte es in einem Ton, der zeigen sollte, dass gewöhnlich zu sein eine größere Sünde als selbst Mord war. »Ihr Großvater versucht immer wieder, die Prostitution per Gesetz verbieten zu lassen. Als hätte das vergangene Jahrhundert nicht gezeigt, dass solche Dinge aus Gründen der Gesundheit und der Vorbeugung von Verbrechen wegen gesetzlich geregelt werden müssen. Außerdem ist er gegen Geburtenregelung, Geschlechtsumwandlung, chemische Stimmungsaufheller und das Waffenverbot.«

Eve spitzte ihre Ohren. »Der Senator ist gegen das Waffenverbot?«

»Das ist eines seiner Lieblingsthemen. Sharon hat mir erzählt, er hätte eine ganze Reihe dieser widerlichen alten Dinger und würde sich regelmäßig über das antiquierte Recht, Waffen zu tragen, ereifern. Wenn es nach ihm ginge, würden wir alle auf der Stelle ins zwanzigste Jahrhundert zurückkehren und einander wahllos umbringen.«

»Auch heute gibt es noch Morde«, murmelte Eve. »Hat sie jemals Freunde oder Klienten erwähnt, die vielleicht unzufrieden oder übermäßig aggressiv waren?«

»Sharon hatte Dutzende von Freunden. Sie hat die Menschen angezogen wie…« Er suchte nach einer passenden Metapher, und wieder betupfte er sich die Augen mit einem Zipfel seines Schals. »Wie eine exotische, duftende Blume. Und ihre Klienten waren, soweit ich weiß, allesamt mehr als zufrieden. Sie hat sie sorgsam ausgewählt. All ihre Sexualpartner mussten gewissen Ansprüchen genügen, und zwar in Bezug auf ihre äußere Erscheinung, ihren Intellekt, ihre Bildung und ihr Können. Wie gesagt, sie hatte einfach Spaß am Sex, in allen seinen Formen. Sie war eine… Abenteuerin.«

Was zu den Spielzeugen passte, die Eve in dem Apartment entdeckt hatte, zu den samtenen Handschellen und Peitschen, den Duftölen und Halluzinogenen. Die Angebote auf den beiden miteinander verbundenen Virtual-Reality-Kopfhörern hatten selbst eine abgebrühte Polizistin wie sie kurzfristig aus dem Gleichgewicht gebracht.

»Hatte sie zu irgendjemandem eine persönliche Beziehung?«

»Hin und wieder gab es irgendwelche Männer, aber sie verlor immer schnell das Interesse an den Typen. In letzter Zeit jedoch sprach sie öfter von Roarke. Sie hatte ihn auf einer Party kennen gelernt und fühlte sich zu ihm hingezogen. In der Tat hatte sie an dem Abend, nachdem sie zum letzten Mal hier bei mir war, eine Verabredung zum Abendessen mit ihm. Sie bat mich um etwas Exotisches, denn sie wollten zum Dinner nach Mexiko.«

»Nach Mexiko. Das war dann anscheinend vorgestern Abend.«

»Ja. Sie war richtiggehend aufgeregt. Wir haben ihre Haare im Zigeunerstil frisiert, ihre Haut ein bisschen vergoldet – den ganzen Körper, vom Kopf bis zu den Zehen. Knallrote Fingernägel und eine reizende kleine, ablösbare Tätowierung von einem rot geflügelten Schmetterling auf der linken Pobacke. Außerdem Vierundzwanzig-Stunden-Make-up, damit nichts verschmiert. Sie sah einfach fantastisch aus«, sagte er mit erstickter Stimme. »Und dann hat sie mich geküsst und gesagt, vielleicht wäre sie dieses Mal wirklich verliebt. ›Wünsch mir Glück, Sebastian‹, hat sie mich gebeten, als sie sich von mir verabschiedete. Es war das Letzte, was ich von ihr gehört habe.«

2

Kein Sperma. Fluchend überflog Eve den Autopsiebericht. Falls Sharon mit ihrem Mörder geschlafen hatte, hatte das von ihr gewählte Verhütungsmittel die kleinen Soldaten sofort bei der Berührung abgetötet und sämtliche Spuren innerhalb von dreißig Minuten nach Samenerguss vollkommen ausgewischt.

Auch das Ausmaß ihrer Verletzungen verhinderte zuverlässige Untersuchungen bezüglich möglicher sexueller Aktivitäten während der letzten Stunden ihres Lebens. Der Mörder hatte ihre Genitalien entweder aus Gründen der Symbolik oder aber, um sich selbst zu schützen, regelrecht zerfetzt.

Kein Sperma, kein Blut, außer dem des Opfers. Keine DNA.

Die Arbeit der Spurensicherung am Tatort brachte keine Fingerabdrücke zum Vorschein – keine: weder die des Opfers noch die ihrer wöchentlich erschienenen Putzfrau, und ganz gewiss nicht die des Mörders.

Jede Oberfläche einschließlich der der Tatwaffe war sorgfältig gereinigt worden.

Am aufschlussreichsten waren Eves Meinung nach demnach die Sicherheitsdisketten.

Noch einmal schob sie die Überwachungsdiskette des Fahrstuhls in ihren Computer.

Die Disketten waren initialisiert.

Gorham Komplex. Fahrstuhl A. 12. 2. 2058, 06.00 Uhr.

Eve stellte auf Schnelldurchlauf und beobachtete, wie die Stunden dahinflogen. Zum ersten Mal öffneten sich die Fahrstuhltüren mittags um zwölf. Sie verlangsamte das Tempo, schlug, als das Bild verwackelte, mit der flachen Hand gegen den Bildschirm, und studierte den nervösen kleinen Mann, der eintrat und den fünften Stock nannte.

Ziemlich schreckhaftes Kerlchen, dachte sie, und verfolgte halb belustigt, wie er an seinem Hemdkragen zerrte und sich ein Pfefferminz zwischen die Lippen schob. Wahrscheinlich hatte er eine Frau und zwei Kinder und einen ruhigen Job am Schreibtisch, der es ihm erlaubte, sich einmal die Woche für einen mittäglichen Quicky aus dem Büro zu stehlen.

In der fünften Etage stieg er aus.

Dann geschah mehrere Stunden lang so gut wie gar nichts. Hin und wieder fuhr eine Prostituierte mit dem Lift nach unten, während andere mit Einkaufstaschen und gelangweilten Gesichtern in ihre Wohnungen zurückkehrten. Ein paar wenige Kunden kamen und gingen, bis schließlich gegen acht ein wenig Leben in das Gebäude kam. Einige Bewohner gingen aus, elegant gekleidet für ein Essen in einem teuren Restaurant, andere kamen, weil Termine riefen.

Um zehn betrat ein elegantes Paar gemeinsam den Fahrstuhl, und die Frau gestattete dem Mann, ihren Pelzmantel zu öffnen, unter dem sie nichts trug außer Stöckelschuhen und der Tätowierung einer Rose, deren Stiel in Schritthöhe begann und deren Blüte spielerisch die linke Brustwarze lieb koste. Er knetete ihren Busen, was in überwachten Bereichen gesetzlich verboten war, und als der Fahrstuhl in der achtzehnten Etage schließlich hielt, zog die Frau ihren Mantel wieder zusammen, sie stiegen aus und begannen, angeregt über die Theatervorstellung zu plaudern, die sie zuvor besucht hatten.

Eve würde den Mann am nächsten Tag befragen. Er war der unmittelbare Nachbar und gleichzeitig Kollege des Mordopfers.

Dann sprang plötzlich, genau um null Uhr fünf, beinahe unmerklich, mit nur einem kleinen Blinken, die Zeitanzeige auf 2.46 Uhr.

Es fehlten zwei Stunden und einundvierzig Minuten.

Die Überwachungsdiskette aus dem Korridor der achtzehnten Etage wies dieselbe Lücke auf. Auch auf ihr hatte man beinahe drei Stunden gelöscht. Eve griff nach ihrer Tasse mit inzwischen kaltem Kaffee und grübelte darüber nach, was diese Löschungen verrieten. Der Kerl hatte eine gewisse Ahnung von Sicherheitsanlagen und kannte sich gut genug in dem Gebäude aus, um zu wissen, wo und wie er die Disketten manipulieren konnte. Außerdem hatte er sich Zeit gelassen. Der Autopsie zufolge war der Tod des Opfers gegen zwei Uhr eingetreten.

Er hatte vor ihrer Ermordung beinahe zwei und anschließend noch einmal fast eine Stunde in der Wohnung verbracht. Und trotzdem gab es nicht die geringste Spur.

Wirklich clever, dieser Bursche.

Falls Sharon DeBlass einen privaten oder beruflichen Termin für Mitternacht notiert hatte, so hatte er auch diesen Vermerk geschickt gelöscht.

Aus einem Gefühl heraus beugte sich Eve erneut über den Schreibtisch. »Gorham Komplex. Broadway, New York. Eigentümer.«

Gorham Komplex, Eigentum von Roarke Industries, Firmensitz 500, Fifth Avenue. Präsident und Vorstandsvorsitzender Roarke. New Yorker Adresse: 222, Central Park West.

»Roarke«, murmelte Eve. »Sie tauchen einfach immer wieder auf, nicht wahr? Roarke«, wiederholte sie ein wenig lauter. »Sämtliche Daten, auf dem Monitor und als Ausdruck.«

Ohne auf das Blinken des neben ihr stehenden Tele-Links zu achten, nippte Eve erneut an ihrem Kaffee und überflog den Text auf ihrem Bildschirm.

Roarke – Vorname unbekannt – geboren 6. 10. 2023, Dublin, Irland. Passnummer 33492-ABR-50. Eltern unbekannt. Familienstand ledig. Präsident und Vorstandsvorsitzender von Roarke Industries, gegründet 2042. Hauptfilialen New York, Chicago, New Los Angeles, Dublin, London, Bonn, Paris, Frankfurt, Tokio, Mailand, Sydney. Außerplanetarische Filialen Station 45, Bridgestone-Kolonie, Vegas II, Free-Star One. Beteiligungen an Immobiliengeschäften, Import-Export-Unternehmen, Reedereien, Unterhaltungsindustrie, Fertigungsbetrieben, pharmazeutischen Unternehmen, Speditionen. Geschätzter Bruttowert drei Milliarden achthundert Millionen.

Geschäfstüchtiger Knabe, dachte Eve und zog, als ein Verzeichnis seiner Unternehmen auf dem Monitor erschien, die Brauen in die Höhe.

»Ausbildung«, wollte sie wissen.

Unbekannt.

»Strafregister?«

Keine Angaben.

»Zugang Datei Roarke, Dublin.«

Keine zusätzlichen Angaben.

»Scheiße. Der große Herr Geheimnisvoll. Beschreibung und Bild.«

Roarke. Schwarze Haare, blaue Augen, Größe ein Meter fünfundachtzig, Gewicht 78,5 kg.

Eve stöhnte, als sie die Beschreibung und anschließend das Foto sah. Sie musste zugeben, dass in Roarkes Fall ein Bild ebenso viel wert war wie Hunderte von Worten.

Sein Foto starrte ihr entgegen. Er war beinahe lächerlich attraktiv: Sein schmales Gesicht mit den geschwungenen Wangenknochen und dem wohl geformten, wie gemeißelten Mund war rundherum ästhetisch. Ja, sein Haar war schwarz, doch der Computer hatte nicht verraten, dass er es aus seiner starken Stirn gestrichen hatte und in dichten, dunklen Wellen über seine breiten Schultern fallen ließ. Seine Augen waren blau, doch das Wort war viel zu simpel für die Leuchtkraft dieser Farbe oder für die eindringliche Stärke seines Blicks.

Bereits anhand des Fotos konnte Eve erkennen, dass dieser Roarke ein Mann war, der sich einfach nahm, was oder wen er wollte, ohne dass er dabei etwas so Frivoles wie ein Trophäenjäger war.

Und, dachte sie weiter, er war auch ein Mann, der töten könnte, falls und wenn es ihm gelegen kommen sollte. Er täte es kühl, methodisch, ohne ins Schwitzen zu geraten.

Sie schob die Ausdrucke zusammen und beschloss, sich einmal mit diesem Roarke zu unterhalten. O nein, nicht irgendwann einmal, sondern in allernächster Zeit.

Als Eve die Wache verließ, um nach Hause zu fahren, rieselten feuchte Schneeflocken vom Himmel. Ohne große Hoffnung suchte sie in ihren Taschen und merkte, dass sie tatsächlich ihre Handschuhe in ihrer Wohnung zurückgelassen hatte. Ohne Kopfbedeckung, mit nackten Händen und einzig ihrer Lederjacke als Schutz gegen den beißend kalten Wind, ging sie zu ihrem Auto und stieg ein.

Sie hatte die Kiste bereits seit Wochen reparieren lassen wollen, hatte jedoch einfach nie die Zeit dazu gehabt. Nun allerdings hatte sie jede Menge Zeit, sich selbst für diese Schlamperei zu schelten, als sie wegen der defekten Heizung zitternd vor Kälte hinter dem Lenkrad hockte und sich durch den dichten Verkehr kämpfte.

Sie schwor sich, falls sie tatsächlich ihre Wohnung erreichen sollte, ohne zuvor zu einem Eisblock erstarrt zu sein, umgehend einen Termin mit dem Mechaniker zu vereinbaren.

Doch als sie schließlich heimkam, galt ihr erster Gedanke ihrem knurrenden Magen. Bereits, als sie die Tür aufschloss, träumte sie von einer Schale heißer Suppe, vielleicht einem Haufen Pommes frites, falls sie noch welche hatte, und einer Tasse Kaffee, der nicht so schmeckte, als hätte jemand ihn mit Spülwasser gekocht.

Sofort sah sie das dünne, viereckige Päckchen hinter der Tür und hielt schon vor dem nächsten Atemzug die Waffe in der Hand. Waffe und Blick ins Wohnungsinnere gerichtet, trat sie die Tür hinter sich zu, ließ das Päckchen achtlos liegen und schob sich vorsichtig durch alle Räume, bis sie sicher wusste, dass sie vollkommen allein war.

Sie steckte die Waffe wieder in ihr Holster, schälte sich aus ihrer Jacke, warf sie achtlos auf das Sofa, bückte sich und griff vorsichtig nach der versiegelten Diskette. Sie war weder etikettiert noch war ein Brief oder ein Zettel angeheftet.

Eve trug die Diskette in die Küche, öffnete vorsichtig das Siegel, schob sie in ihren Computer.

Und vergaß jeden Gedanken an das Essen.

Sowohl die Bild- als auch die Tonaufnahmen hatten eine hervorragende Qualität, und während sie auf ihren Bildschirm starrte, sank sie leblos auf einen Sessel.

Sharon DeBlass lag nackt inmitten des raschelnden Satins auf ihrem riesengroßen Bett. Sie hob eine ihrer Hände und fuhr sich durch ihre prachtvolle leuchtend rote Mähne, während sie sanft von den wogenden Bewegungen des Bettes hin und her geschaukelt wurde.

»Irgendwelche speziellen Wünsche, Schätzchen?« Lachend erhob sie sich auf ihre Knie und umfasste ihre Brüste. »Warum kommst du nicht zurück …« Verführerisch befeuchtete sie sich die Lippen mit der Zunge. »Dann können wir noch mal von vorn anfangen.« Sie senkte ihren Blick, und ihr Mund wurde von einem leisen, katzenhaften Lächeln umspielt. »Sieht aus, als könntest du schon wieder.« Abermals lachend schüttelte sie ihre Mähne. »Oh, wir wollen ein Spiel spielen.« Immer noch lächelnd hob Sharon ihre Hände in die Luft. »Aber tu mir bitte nicht weh.« Mit vor Erregung blitzenden Augen tat sie, als würde sie erschauern, und stieß ein leises Wimmern aus. »Ich werde alles tun, was du von mir verlangst. Alles. Komm her und zwing mich. Ich will, dass du mich zwingst.« Sie ließ ihre Hände wieder sinken und begann, sich überall zu streicheln. »Richte diese große, schlimme Waffe auf mich, während du mich vergewaltigst. Ich will, dass du das tust. Ich will, dass du –«

Ein lauter Knall, und Eve schreckte zurück. Ihr Magen zog sich schmerzlich zusammen, als sie sah, wie die Frau wie eine kaputte Puppe rücklings auf die Laken flog, während aus ihrer Stirn das Blut spritzte. Der zweite Schuss war weniger schockierend, aber Eve musste sich zwingen, weiter auf den Monitor zu sehen. Nach dem letzten Treffer herrschte Stille. Man hörte nur noch die dezente Hintergrundmusik und ein leises Keuchen. Das Keuchen des Killers.

Die Kamera rückte aus der Totalen auf den grässlich verstümmelten Körper der toten jungen Frau, und plötzlich lag, durch die Magie des Videos, DeBlass so auf dem Bett, wie Eve sie vorgefunden hatte, mit zu einem X gespreizten Gliedern auf dem blutgetränkten Bett. Der Film endete mit einer Aufnahme des Zettels.

EINE VON SECHS

Beim zweiten Mal war es schon leichter, die Bilder zu ertragen. Oder zumindest redete sich Eve es ein. Dieses Mal bemerkte sie nach dem ersten Schuss ein leichtes Wackeln der Kamera, hörte, wie der Täter leise zischend Luft holte. Sie ließ den Film zurücklaufen, lauschte genau auf jedes Wort, studierte genau jede Bewegung, in der Hoffnung, es fände sich vielleicht irgendein Hinweis. Doch dafür war der Mörder viel zu clever. Das wussten sie beide ganz genau.

Er hatte sie sehen lassen wollen, wie clever er war. Wie kaltblütig.

Und er hatte sie wissen lassen wollen, dass er wusste, wo er sie finden könnte. Wann auch immer er es wollte.

Wütend über das Zittern ihrer Hände erhob sie sich von ihrem Stuhl. Statt wie geplant Kaffee zu kochen, nahm Eve eine Weinflasche aus der kleinen Kühlzelle und schenkte sich ein halbes Glas voll ein.

Sie leerte es in einem Zug und versprach sich, auch die zweite Hälfte bald zu trinken, doch zunächst gab sie den Code ihres Commanders in ihren Computer ein.

Es war die Frau des Vorgesetzten, die auf dem Bildschirm erschien, und angesichts ihrer glitzernden, tropfenförmigen Ohrringe und ihrer perfekt frisierten Haare war sich Eve beinahe sicher, dass sie mit ihrem Anruf eine der berühmten Dinnerpartys der Frau gestört hatte.

Lieutenant Dallas, Mrs. Whitney. Tut mir Leid, Sie abends noch zu stören, aber ich muss unbedingt mit dem Commander sprechen.«

»Wir haben gerade Gäste, Lieutenant.«

»Ja, Ma’am. Tut mir Leid.« Verdammte Politik, dachte Eve und zwang sich gleichzeitig zu einem Lächeln. »Aber es ist wirklich wichtig.«

»Ist es das nicht immer?«

Sie war dankbar, dass sie weder mit grässlicher Hintergrundmusik noch mit den neuesten Nachrichten berieselt wurde, während sie volle drei Minuten darauf warten musste, bis der Commander auf dem Monitor erschien.

»Dallas.«

»Commander, ich muss Ihnen etwas über eine gesicherte Leitung zuschicken.«

»Ich hoffe, es ist wirklich wichtig, Dallas. Meine Frau wird mich diese Unterbrechung ganz sicher teuer bezahlen lassen.«

»Ja, Sir.« Bullen, dachte sie, während sie sich daranmachte, die Bilder auf seinen Monitor zu übermitteln, sollten besser ledig bleiben.

Sie faltete ihre ruhelosen Hände auf der Tischplatte, wartete einen Augenblick, verfolgte abermals, wie die grässlichen Bilder vor ihren Augen heruntergespult wurden, unterdrückte das Flattern tief in ihrem Magen, und als alles vorbei war, erschien wieder Whitney auf dem Bildschirm. Seine Augen blickten grimmig.

»Wo haben Sie das her?«

»Er hat es mir geschickt. Als ich vorhin nach Hause kam, lag die Diskette hier in meiner Wohnung.« Sie verlieh ihrer Stimme einen betont neutralen Klang. »Er weiß ganz offensichtlich, wer ich bin, wo ich bin und was ich tue.«

Einen Augenblick lang sagte Whitney keinen Ton. »Mein Büro, null siebenhundert. Bringen Sie die Diskette mit, Lieutenant.«

»Zu Befehl, Sir.«

Als das Gespräch beendet war, tat sie die zwei Dinge, die ihr Instinkt ihr riet. Sie zog eine Kopie von der Diskette und genehmigte sich das zweite Gläschen Wein.

Zitternd, schweißnass und kurz davor zu schreien fuhr sie um drei Uhr aus dem Schlaf. Ein leises Wimmern drang aus ihrer Kehle, als sie mit krächzender Stimme das Licht angehen ließ. Im Dunkeln waren Träume noch beängstigender.

Noch immer zitternd lehnte sie sich gegen ihr Kissen. Dieser Traum war schlimmer, viel schlimmer gewesen als alle Träume, die sie zuvor geplagt hatten.

Sie hatte den Mann getötet. Sie hatte keine Wahl gehabt. Er war derart high gewesen, dass sie ihn nicht einfach hatte betäuben können. Himmel, sie hatte es versucht, aber er war einfach immer näher gekommen, näher, näher, näher, mit einem völlig irren Blick und dem bereits blutigen Messer in der Hand.

Das kleine Mädchen war schon tot gewesen. Eve hatte nichts tun können, um es zu verhindern. Bitte, lieber Gott, mach, dass ich wirklich nichts hätte tun können.

Der kleine, zerhackte Körper, der irre Kerl mit dem bluttriefenden Messer. Dann seine überraschten Augen, als sie abgedrückt hatte, und als das Leben aus seinem Blick gewichen war.

Doch das war noch nicht alles gewesen. Dieses Mal nicht. Dieses Mal war er immer weiter auf sie zugekommen. Und sie hatte nackt in einem Meer aus glänzendem Satin gekniet. Das Messer hatte sich in eine Pistole verwandelt und das Gesicht in das des Mannes, den sie ein paar Stunden zuvor so eingehend studiert hatte. Des Mannes namens Roarke.

Er hatte gelächelt, und sie hatte ihn begehrt. Ihr Körper hatte, selbst als er geschossen hatte – in ihren Kopf, ihr Herz und ihre Lenden –, noch vor Entsetzen und gleichzeitigem, verzweifeltem Verlangen nach dem Kerl geprickelt.

Und irgendwo im Hintergrund hatte das kleine Mädchen, das arme kleine Mädchen, um Hilfe geschrien.

Zu müde, um gegen den Traum zu kämpfen, rollte Eve sich auf den Bauch, vergrub den Kopf in ihrem Kissen und begann zu weinen.

»Lieutenant.« Um Punkt sieben winkte Commander Whitney Eve in Richtung eines Stuhls. Trotz oder vielleicht auch auf Grund der Tatsache, dass er seit zwölf Jahren hinter einem Schreibtisch hockte, blieb seinen Augen kaum je etwas verborgen.

Er konnte sehen, dass sie schlecht geschlafen hatte und sich nun bemühte, die Anzeichen einer durchwachten Nacht vor ihrem Vorgesetzten zu verbergen. Schweigend streckte er eine Hand aus.

Sie hatte die Diskette und den Umschlag in einen Plastikbeutel gesteckt, und Whitney bedachte ihn, ehe er ihn mitten auf den Tisch legte, mit einem beinahe beiläufigen Blick.

»Den Vorschriften entsprechend, bin ich verpflichtet, Sie zu fragen, ob Sie von dem Fall abgezogen werden möchten.« Er wartete eine Sekunde. »Also werden wir so tun, als hätte ich Ihnen die Frage gestellt.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Ist Ihre Wohnung sicher, Dallas?«

»Bisher ging ich davon aus.« Sie zog ein paar Ausdrucke aus ihrer Tasche. »Nach meinem Anruf bei Ihnen habe ich mir die Sicherheitsdisketten angesehen. Es gibt eine zehnminütige Aufnahmeunterbrechung. Wie Sie meinem Bericht entnehmen können werden, hat er die Fähigkeit, gängige Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen und kennt sich mit Videos, der Aufbereitung von Disketten und natürlich mit antiken Waffen aus.«

Whitney nahm ihren Bericht und legte ihn neben den Beutel. »Was das Feld der Verdächtigen nicht gerade einengt.«

»Nein, Sir. Es gibt noch eine ganze Reihe von Leuten, die ich befragen muss. Bei einem Täter wie diesem sind elektronische Ermittlungen, auch wenn Captain Feeneys Hilfe nicht hoch genug geschätzt werden kann, eher zweitrangig. Dieser Kerl verwischt sämtliche Spuren. Wir haben keine anderen Beweise als die Waffe, die er absichtlich am Tatort zurückgelassen hat. Feeney konnte über seine normalen Kanäle nichts über ihre Herkunft herausfinden. Wir müssen also annehmen, dass sie auf dem Schwarzmarkt gekauft wurde. Ich habe angefangen, mir ihre Notizen und ihren persönlichen Terminkalender anzusehen, aber sie hat nicht gerade das geführt, was man ein zurückgezogenes Leben nennt, sodass es sicher eine Zeit lang dauern wird, bis ich mit den Dingern durch bin.«

»Zeit ist ein Teil unseres Problems. Eine von sechs, Lieutenant. Was sagt Ihnen das?«

»Dass er es noch auf fünf weitere Frauen abgesehen hat und dass er will, dass wir es wissen. Er hat Spaß an seiner Arbeit und genießt es, im Mittelpunkt unseres Interesses zu stehen.« Sie atmete langsam durch. »Für ein umfängliches psychiatrisches Täterprofil haben wir noch nicht genug in der Hand. Wir können nicht sagen, wie lange ihn die durch diesen Mord hervorgerufene Erregung befriedigen wird, wann es ihn nach dem nächsten Kick verlangt. Könnte schon heute sein oder aber erst in einem Jahr. Wir sollten besser nicht drauf hoffen, dass er unvorsichtig wird.«

Whitney nickte. »Haben Sie Probleme mit dem von Ihnen rechtmäßig angewandten gezielten Todesschuss?«

Das blutige Messer. Der kleine, zerfetzte, zu ihren Füßen liegende Körper. »Keine, mit denen ich nicht fertig würde.«

»Das will ich hoffen, Dallas. In einem brisanten Fall wie diesem kann ich niemanden brauchen, der sich Gedanken darüber macht, ob er seine Waffe in einer Extremsituation benutzen soll oder nicht.«

»Das ist mir bewusst.«

Sie war das Beste, was er hatte, und er konnte es sich ganz einfach nicht leisten, auch nur die geringsten Zweifel an ihr in sich aufkommen zu lassen. »Sind Sie dafür gewappnet, sich in die Politik zu stürzen?« Seine Lippen verzogen sich zu einem dünnen Strich. »Senator DeBlass ist auf dem Weg hierher. Er kam gestern Abend nach New York.«

»Diplomatie ist nicht unbedingt eine meiner Stärken.«

»Das ist mir bewusst. Aber Sie werden daran arbeiten. Er will mit dem Leiter der Ermittlungen sprechen und hat alles über meinen Kopf hinweg arrangiert. Der Befehl kommt direkt vom Polizeipräsidenten. Sie sollen mit dem Senator umfänglich kooperieren.«

»Das hier ist eine Ermittlung nach Code Five«, kam Eves steife Erwiderung. »Es ist mir egal, ob der Befehl direkt von Gott dem Allmächtigen kommt. Ich werde ganz sicher keine vertraulichen Informationen an einen Zivilisten weitergeben.«

Whitneys Lächeln wurde breiter. Er hatte ein nettes, durchschnittliches Gesicht, wahrscheinlich das, mit dem er auf die Welt gekommen war. Doch wenn er lächelte und dieses Lächeln ernst meinte, dann verwandelten die aufblitzenden, sich von seiner kakaofarbenen Haut abhebenden, strahlend weißen Zahnreihen seine eher schlichten Züge in etwas Besonderes.

»Das habe ich nicht gehört. Ebenso wenig wie Sie gehört haben, dass ich Ihnen gesagt habe, Sie wollen ihm nicht mehr als die offensichtlichen Tatsachen enthüllen. Was Sie von mir hören, Lieutenant Dallas, ist, dass der Gentleman aus Virginia ein aufgeblasenes, arrogantes Arschloch ist. Doch unglücklicherweise ist dieses Arschloch mächtig. Also seien Sie besser auf der Hut.«

»Sehr wohl, Sir.«

Whitney sah auf seine Uhr und ließ dann die Akte zusammen mit der Diskette in seine abschließbare Schreibtischschublade gleiten. »Sie haben noch Zeit für eine Tasse Kaffee… und, Lieutenant«, fügte er, während sie sich schon erhob, entschieden hinzu: »Falls Sie Schlafprobleme haben, nehmen Sie die zugelassenen Beruhigungsmittel ein. Ich möchte, dass meine Leute voll auf ihrem Posten sind.«

»Das bin ich auch so.«

Senator Gerald DeBlass war ohne jeden Zweifel aufgeblasen, fraglos arrogant, und nach einer Minute in seiner Gesellschaft stimmte Eve mit ihrem Commander darin überein, dass er unleugbar zusätzlich ein Arschloch war.

Er war kompakt und bullig, ungefähr einen Meter achtzig groß und sicher beinahe hundert Kilo schwer. Seine dichten weißen Haare waren wie mit dem Rasiermesser geschnitten, sodass sein Schädel wie eine riesige, glatte Billardkugel

Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Naked in Death« bei The Berkeley Publishing Group, New York.

Deutsche Erstveröffentlichung Mai 2001

Copyright © der Originalausgabe 1995 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Bertelsmann GmbH Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, Garbsen. Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Mauritius Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Lektorat: Maria Dürig

Redaktion: Petra Zimmermann Herstellung: Heidrun Nawrot

eISBN: 978-3-641-09706-6

www-blanvalet-verlag.de

1 3 5 7 9 10 8 6 4 2

www.randomhouse.de

Leseprobe