Tödliche Verehrung - J.D. Robb - E-Book

Tödliche Verehrung E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Der Mord an einer Kollegin stellt Eve Dallas vor das düsterste Rätsel ihrer Karriere ...

Lieutenant Eve Dallas ist zutiefst schockiert. Ihre neue Kollegin, Amarylis Coltraine, wird im Keller ihres Apartmenthauses tot aufgefunden, ermordet mit ihrer eigenen Waffe. Vom Täter keine Spur. Kannte Coltraine etwa ihren Mörder? Warum hat sie sich nicht gewehrt? Eve und Roarke machen Jagd auf den Polizistenmörder, gemeinsam mit dem gesamten New Yorker Police Department. Als eine heiße Spur zu Alex Ricker führt, wird der Fall persönlich. Denn der Name Ricker ist untrennbar verbunden mit der schmerzvollen, dunklen Vergangenheit von Eve und Roarke …

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Seitenzahl: 679

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Buch

Lieutenant Eve Dallas ist zutiefst schockiert: Eine Kollegin wurde ermordet. Doch nicht nur dass – Amarylis Coltraine war auch die neue Freundin von Eves Kollegen Li Morris, Chef der Pathologie. Nun muss sie ihm die schreckliche Nachricht überbringen und stürzt sich danach, zusammen mit ihrem Ehemann Roarke, in die Ermittlungen. Wie konnte Coltraine im Keller ihres eigenen Apartmenthauses getötet werden, noch dazu mit der eigenen Waffe? Eine heiße Spur führt zu Coltaines Exfreund Alex Ricker, dessen krimineller Vater dank Eve und Roarke lebenslänglich hinter Gittern sitzt. Als plötzlich ein Päckchen für Eve auftaucht, wird der Falls brisant. In dem Paket befinden sich Coltraines Waffe, ihre Dienstmarke und eine Nachricht des Mörders: »Jetzt können Sie ihre Sachen wiederhaben. Vielleicht schicke ich irgendwann in naher Zukunft Ihre Sachen jemand anderem zu.« Doch Eve Dallas wird den Mörder jagen – koste es, was es wolle …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts, einer der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren erfolgreich Kriminalromane.

Weiter Informationen finden Sie unter: www.blanvalet.de

und www.jdrobb.com

Liste lieferbarer Titel

Rendezvous mit einem Mörder (1) · Tödliche Küsse (2) · Eine mörderische Hochzeit (3) · Bis in den Tod (4) · Der Kuss des Killers (5) · Mord ist ihre Leidenschaft (6) · Liebesnacht mit einem Mörder (7) · Der Tod ist mein (8)· Ein feuriger Verehrer (9) · Spiel mit dem Mörder (10) · Sündige Rache (11) · Symphonie des Todes (12) · Das Lächeln des Killers (13) · Einladung zum Mord (14) · Tödliche Unschuld (15) · Der Hauch des Bösen (16) · Das Herz des Mörders (17) · Im Tod vereint (18) · Tanz mit dem Tod (19) · In den Armen der Nacht (20) · Stich ins Herz (21) · Stirb, Schätzchen, stirb (22) · In Liebe und Tod (23) ∙ Sanft kommt der Tod (24) · Mörderische Sehnsucht (25) · Ein sündiges Alibi (26) · Im Namen des Todes (27) ∙ Tödliche Verehrung (28)

Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas

Nora Roberts ist J. D. Robb

Ein gefährliches Geschenk

J.D. Robb

Tödliche Verehrung

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2009

unter dem Titel »Promises in Death« bei G. P. Putnam’s Sons,

a member of Penguin Group (USA) Inc., New York.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Juli 2015 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2009 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © 2013 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Redaktion: Regine Kirtschig

LH ∙ Herstellung: sam

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: plainpicture/Tanja Luther

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN: 978-3-641-15858-3

www.blanvalet.de

Die Liebe selbst bringt schon

fast alles Unglück dieser Welt

über eine Frau.

– Willa Cather

Mehr als befreundet,

weniger als Freund.

– William Shakespeare

Prolog

In dem Augenblick, in dem sie an ihr Link ging, war sie bereits tot. Sie stellte weder den Anruf noch die Dringlichkeit der Bitte, die an sie gerichtet worden war, infrage, denn sie spürte nichts als freudige Erregung, als sie ihren ursprünglichen Plan, an diesem Abend einmal früh zu Bett zu gehen, verwarf. Mit effizienten und zugleich geschmeidigen Bewegungen zog sie sich eilig an und sammelte die Dinge ein, die sie brauchte.

Sie lief durch ihr hübsches Apartment, dimmte überall das Licht und dachte auch daran, den kleinen Kätzchen-Droiden, den sie von ihrem Geliebten als Gesellschafter geschenkt bekommen hatte, auf die Funktion Schlafen umzustellen.

Sie hatte den Kleinen Sachmo getauft.

Er miaute einmal leise, blinzelte mit seinen leuchtend grünen Augen, rollte sich zu einem Ball zusammen, und sie strich ihm zärtlich über das glatte, weiße Fell.

»Ich bin bald wieder da«, murmelte sie leise, ohne dass sie wusste, dass dieses Versprechen nicht zu halten war.

Auf dem Weg nach draußen sah sie sich noch einmal in der Wohnung um, lächelte versonnen, als ihr Blick auf einen Strauß voll erblühter roter Rosen auf dem Tisch unter dem Fenster Richtung Straße fiel. Und dachte an Li.

Aus Gewohnheit wählte sie die Treppe statt des Lifts. Sie war eine schlanke, athletisch gebaute Frau mit veilchenblauen Augen und goldblondem Haar, das wie ein geöffneter Vorhang um ihr liebliches Gesicht und über ihre Schultern fiel. Sie war dreiunddreißig Jahre alt, glücklich mit ihrem Leben und frisch verliebt in einen Mann, von dem sie kleine Kätzchen und Rosen geschenkt bekam.

Sie sah New York und diesen Mann als neues Kapitel in ihrem Leben an, ein Kapitel, das sie gern Seite für Seite durchlief, weil es darin ständig etwas Neues zu entdecken gab.

Dann lenkte sie ihre Gedanken auf ihr momentanes Ziel. Weniger als zehn Minuten nach dem Anruf joggte sie den zweiten Treppenabsatz hinunter und wandte sich dem nächsten zu.

Sie hatte einen Moment Zeit, um zu registrieren, dass jemand vor sie trat. Und einen zweiten Augenblick, um überrascht zu sein, als sie erkannte, wer es war. Aber nicht genug, nicht einmal annähernd genug, um noch etwas zu sagen, bevor sie der Strahl aus einem Stunner in der Magengegend traf und zu Boden gehen ließ.

Zuckend, mit brennender Haut und kochendem Blut tauchte sie aus der sekundenlangen Ohnmacht wieder auf. Aus tiefster Dunkelheit ins blendend grelle Licht. Der Schuss hatte ihren Körper taub und bewegungsunfähig gemacht, ihre Gedanken aber überschlugen sich. Sie kämpfte gegen ihre Lähmung an, als sie in die Augen eines Menschen sah, mit dem sie befreundet war.

»Warum?« Sie musste diese Frage stellen, obwohl ihre Stimme nur ein raues Flüstern war. Es musste eine Antwort geben. Weil es immer eine Antwort gab.

Sie bekam die Antwort, als sie im Keller fünf Etagen unterhalb der hübschen Wohnung, in der rote Rosen blühten und in der ein kleines Kätzchen friedlich schnurrend schlief, starb.

1

Als Eve nach dem Duschen in der Trockenkabine stand, wirbelte die warme Luft um sie herum, und sie klappte wohlig ihre Augen zu. Sie hatte volle acht Stunden geschlafen und war früh genug erwacht, um für ihre geliebte Wassertherapie noch Zeit zu haben.

Mit dreißig Bahnen Kraul, ausgedehntem Räkeln im wohlig warmen Whirlpool und danach noch einer ausgiebigen, heißen Dusche fing der Tag einfach fantastisch an.

Der Vortag war ausnehmend produktiv gewesen, denn sie hatte innerhalb von nur zwei Stunden einen Fall hereinbekommen und zum Abschluss gebracht. Wenn ein Typ schon seinen besten Freund umbrachte und versuchte, so zu tun, als hätte ihn ein großer Unbekannter ausgeraubt, sollte er sich nicht dabei erwischen lassen, dass er selbst die Armbanduhr des toten Kumpels trug.

Dann hatte sie vor Gericht eine Aussage zu einem anderen Fall gemacht, dank derer ein ausgemachter Schweinehund trotz allen Getues, Gehabes und Dozierens des Verteidigers zu einer hohen Haftstrafe verurteilt worden war.

Und zum krönenden Abschluss des auch so schon tollen Tages hatte sie abends zuhause mit ihrem Ehemann gegessen, sich mit ihm zusammen ein Video angesehen und phänomenalen Sex gehabt.

Weshalb ihr Leben augenblicklich einfach herrlich war.

Beinahe hätte sie vor lauter guter Laune leise vor sich hin gesummt, als sie sich den an der Tür hängenden Morgenmantel griff … und ihn stirnrunzelnd ein Stückchen von sich forthielt, um ihn sich genauer anzusehen. Er war kurz und seidig weich, hatte die Farbe schwarzer Kirschen, und sie war sich völlig sicher, dass ihr dieses Kleidungsstück nie zuvor begegnet war.

Dann aber zog sie es schulterzuckend an und kehrte ins Schlafzimmer zurück.

Es gab durchaus Möglichkeiten, einen bereits guten Morgen noch besser zu machen, merkte sie, als sie Roarke mit seinem Kaffee in der Sitzecke des Zimmers sitzen sah, wo er gerade den morgendlichen Börsenbericht im Fernsehen zu verfolgen schien.

Während eine seiner Hände, die vor nicht einmal zwölf Stunden ihren Zauber überall an ihrem Körper hatten wirken lassen, seinen Kaffeebecher hielt, streichelte die andere beiläufig den fetten Galahad. Dass der Kater seine zweifarbigen Augen vor lauter Ekstase zu zwei schmalen Sehschlitzen zusammenkniff, konnte sie durchaus verstehen.

Roarkes wunderbar geformter Mund hatte sie beinahe wahnsinnig gemacht und vor Freude schreien lassen, bevor sie schlaff und durch und durch befriedigt auf das Kopfkissen zurückgefallen war.

Auch fast zwei Jahre nach ihrer Hochzeit nahm das glühende Verlangen, das sie nacheinander hatten, immer noch nicht ab. Wie, um es zu beweisen, schlug ihr Herz einen erregten Purzelbaum in ihrer Brust, als er den Kopf drehte und sie der Blick aus seinen leuchtend blauen Augen traf.

Ob es ihm wohl auch so ging? Ob sich wohl auch sein Herz jedes Mal, wenn er sie sah, vor Freude überschlug?

Ein wissendes und gleichzeitig erfreutes Lächeln huschte über sein Gesicht, dessen Anblick, ging es ihr idiotisch durch den Kopf, den Göttern sicher die Tränen der Freude über das Ergebnis ihrer Arbeit in die Augen trieb.

Dann stand er auf, kam – groß und geschmeidig – auf sie zu, umrahmte ihr Gesicht mit seinen Händen und glitt federleicht mit seinen beweglichen Fingern über ihre Haut, bevor sein sanfter Kuss den bereits wunderbaren Morgen rundherum fantastisch werden ließ.

»Kaffee?«, fragte er.

»Ja, bitte.« Sie war eine erfahrene Polizistin, Leiterin einer Abteilung, in der es um Kapitalverbrechen ging, ein, wie sie selber gerne von sich sagte, wirklich toughes Weib.

Trotzdem wurden ihre Knie plötzlich weich. »Ich denke, wir sollten ein paar Tage Urlaub machen.« Er bestellte schwarzen Kaffee und wahrscheinlich auch etwas zu essen, weil er sie nur ungerne mit leerem Magen gehen ließ. »Wie sieht es mit Juli aus? Zu unserem zweiten Hochzeitstag. Falls du das zwischen der Beherrschung der Welt und dem Erwerb irgendwelcher Planeten unterbringen kannst.«

»Seltsam, dass du davon anfängst.« Er stellte ihren Kaffeebecher und zwei Teller auf den Tisch. Anscheinend standen heute Morgen Speck und Eier auf dem Speiseplan.

Galahad schlug vorsichtig die Augen wieder auf, Roarke aber hob mahnend einen Finger in die Luft, sagte entschieden »Nein«, und beleidigt drehte sich der fette Kater wieder um. »Ich habe nämlich ebenfalls überlegt, ob wir nicht mal wieder ein paar Wochen Urlaub machen sollen.«

»Was? Wir? Ein paar Wochen weg von hier? Ich kann unmöglich …«

»Ja, ja, ich weiß. Die Verbrecher würden die Stadt im Juli 2060 übernehmen und in Schutt und Asche legen, wenn Lieutenant Dallas nicht zur Stelle wäre, damit sie für Recht und Ordnung sorgen kann.« In seiner Stimme schwang der Zauber Irlands mit, während er den trägen Kater auf den Boden setzte, damit seine Liebste einen Platz neben ihm auf der Couch bekam.

»Vielleicht«, murmelte sie. »Außerdem kann ich mir nicht vorstellen, dass du selbst so lange Urlaub machen kannst, während du neunzig Prozent der Unternehmen des bekannten Universums leiten musst.«

»Mehr als fünfzig sind es sicher nicht.« Er nahm seinen Kaffeebecher wieder in die Hand und wartete, bis sie an seiner Seite saß. »Aber was würde es mir nützen, alle diese Unternehmen und vor allem dich zu haben, wenn ich neben all der Arbeit, die wir beide haben, keine Zeit mit dir verbringen könnte, liebste Eve?«

»Eine Woche dürfte vielleicht machbar sein.«

»Ich dachte eher an vier.«

»Vier Wochen? Das ist ja ein ganzer Monat.«

Er sah sie mit blitzenden Augen über den Rand von seinem Becher hinweg an. »Lass mich überlegen. Ja, ich glaube, du hast recht.«

»Ich kann unmöglich einen ganzen Monat frei nehmen. Ein Monat ist … ein Monat.«

»Ach, ich dachte, ein Monat ist ein Hühnchen.«

»Haha. Hör zu, vielleicht sind zehn Tage machbar, aber …«

»Drei Wochen.«

Sie runzelte die Stirn.

»Wir mussten dieses Jahr schon zwei geplante Wochenendtrips absagen. Einmal, weil mein eigener, und einmal, weil dein Job dazwischenkam. Also sagen wir drei Wochen.«

»Mehr als zwei gehen niemals, selbst …«

»Sagen wir, zweieinhalb. Dann treffen wir uns in der Mitte.« Er hielt ihr eine Gabel hin.

Ihre Stirn lag immer noch in Falten, als sie auf die Gabel sah. »Du wolltest die ganze Zeit zweieinhalb Wochen Urlaub machen, stimmt’s?«

Er nahm ihre Hand und küsste sie. »Wenn du nicht allmählich isst, werden deine Eier kalt.«

Sie hatte schon eiskalte Killer kleingekriegt und Informationen aus schleimigen Spitzeln herausgeholt, aber gegen Roarke kam sie einfach nicht an. »Und wo würden wir während dieser zweieinhalb Wochen hinfahren?«

»Wohin würdest du denn fahren wollen?«

Jetzt sah sie ihn lächelnd an. Im Grunde war es gar nicht schlimm, dass sie ihm nicht immer überlegen war. »Ich werde mir was überlegen«, meinte sie und schob sich die erste volle Gabel in den Mund.

Sie aß, zog sich an und freute sich, dass sie sich genug Zeit gegeben hatte, um sich Zeit lassen zu können, ehe es gleich wieder an die Arbeit ging. Gemächlich legte sie ihr Waffenhalfter an, aber während sie überlegte, ob sie sich noch eine Tasse Kaffee gönnen sollte, klingelte ihr Handy und im Handumdrehen war sie wieder durch und durch der kühle Cop.

Er sah, wie es geschah. Es war einfach immer wieder faszinierend, wie der Ausdruck ihrer whiskeybraunen Augen, die im einen Augenblick geblitzt oder gefunkelt hatten, plötzlich kalt und unergründlich war. Sie richtete ihren schlanken Körper kerzengerade auf, spreizte leicht die langen Beine und ihr prachtvolles Gesicht mit dem vollen Mund, der eben noch gelächelt hatte, wurde völlig ausdruckslos.

»Dallas.«

»Hier Zentrale, Lieutenant Dallas. Fahren Sie bitte zur Dreiundzwanzigsten West, 525. Im Keller des Wohngebäudes liegt eine weibliche Leiche. Wahrscheinlich handelt es sich um Mord.«

»Verstanden. Bin schon unterwegs. Kontaktieren Sie auch Detective Delia Peabody, und richten Sie ihr aus, dass sie mich dort treffen soll.«

»Tja, wenigstens hast du gefrühstückt«, meinte Roarke, als sie ihr Handy wieder in die Tasche schob, und glitt sacht mit einem Finger über das flache Grübchen in der Mitte ihres Kinns.

»Ja. Auch wenn mir jetzt die Zeit für meine letzte Tasse Kaffee fehlt. Wobei natürlich die Tote in der Dreiundzwanzigsten nie mehr Kaffee trinken wird.«

Die Straßen von New York waren wieder einmal hoffnungslos verstopft. Frühling, Zeit für Osterglocken und neue Touristenströme, dachte Eve, während sie sich durch das Gedränge bis zur Siebten kämpfte, wo sie – Wunder über Wunder – fast zehn Häuserblocks lang ungehindert vorwärtskam. Ihre kurzgesäbelten, braunen Haare wehten in der nach Stadt riechenden Luft, die durch die offenen Fenster drang.

Den Schwebegrills am Straßenrand entströmte der Geruch von Rühreiern und schalem Kaffee, und die Straßenarbeiter, die mit Presslufthämmern einen breiten Teil des Gehwegs attackierten, wirbelten Wolken dichten Staubs auf. Das Geräusch der Bohrer, die Symphonie der Hupen, als sie abermals in einen Stau geriet, und das Klappern von Schuhen auf dem Asphalt, als eine Horde Fußgänger direkt vor ihr über die Straße lief, verbanden sich zu der urbanen Melodie, die sie verstand.

Straßenverkäufer mit und ohne Lizenzen klappten ihre Tische in der Hoffnung auf, dass sich ein Geschäft mit den frühmorgendlichen Pendlern oder den Touristen, die sich irgendwo ein leckeres Frühstück gönnen wollten, machen ließ. Die dicken, winterlichen Handschuhe und Schals hatten sie durch Baseballmützen und T-Shirts mit verschiedenen Aufdrucken ersetzt. Die bereits geöffneten Geschäfte boten Obst und Blumen an, ein farbenfrohes Arrangement, mit dem sich neben dem Leib die Seele nähren ließ.

Während Eve an einer roten Ampel hielt, schwankte ein baumlanger Transvestit auf leuchtend blauen, hochhackigen Schuhen den Bürgersteig hinab, warf eine Kaskade goldener Haare über seine Schultern und nahm prüfend eine Melone in die Hand. Gleichzeitig fuhr eine Frau, die deutlich über hundert war, mit ihrem Roller vor dem Laden vor. Sie unterhielt sich fröhlich mit der Transe, während auch sie die angebotenen Früchte einer eingehenden Prüfung unterzog.

Man musste diese Stadt ganz einfach lieben, dachte Eve, als die Ampel umsprang. Und wer sie nicht liebte, sollte einfach bleiben, wo der Pfeffer oder sonst was wuchs.

In vollkommenem Einklang mit der Stadt kämpfte sie sich weiter bis nach Chelsea durch, parkte in der zweiten Reihe und stieg aus, ohne auf die Flüche und die unhöflichen Gesten ihrer Mitbürger zu achten. Das Leben und Sterben in der Großstadt war eben nur selten eine ruhige Angelegenheit.

Sie machte ihre Dienstmarke an ihrer Jacke fest, holte ihren Untersuchungsbeutel aus dem Kofferraum und ging auf den Kollegen an der Haustür zu.

»Also, was haben wir?«

»Eine Leiche im Keller, weiblich, um die dreißig Jahre alt. Keine Papiere, kein Schmuck, keine Handtasche und auch nichts anderes. Sie ist noch vollständig bekleidet, scheint also kein Sexualdelikt zu sein«, erklärte ihr der Mann, während er vor ihr Richtung Keller ging. »Einer der Mieter und sein Sohn haben sie gefunden, als sie runterkamen, um das Fahrrad von dem Jungen zu holen. Der Junge hatte anscheinend bis heute Stubenarrest oder so. Aber wie dem auch sei, sie haben den Fund gemeldet. Der Mann glaubt, sie hätte vielleicht hier oder irgendwo in der Nähe gewohnt. Meint, es könnte sein, dass er sie vorher schon mal hier gesehen hat, aber sicher war er nicht. Er wollte seinen Sohn möglichst schnell wieder nach oben bringen und hat sie sich deshalb nicht genauer angesehen.«

Ein Paar Stiefel und ein Paar Polizistenschuhe klapperten auf dem Metall der Treppe, über die man in den Keller gelangte. »Eine Waffe wurde bisher nicht gefunden, aber hier«, er tippte sich seitlich an den Hals, »hat sie Verbrennungen. Sieht aus, als hätte sie einen mit einem Stunner abgekriegt.«

»Lassen Sie zwei Beamte von Tür zu Tür gehen. Vielleicht hat ja irgendjemand etwas gesehen. Und passen Sie auf den Mieter und den Jungen auf. Wie heißen die beiden überhaupt?«

»Burnbaum, Terrance und Jay. Sie sind wieder in ihrer Wohnung, Nummer sechshundertzwei.«

Sie nickte den beiden Beamten unten im Keller zu und schaltete ihren Rekorder an. »Lieutenant Eve Dallas, 525, Dreiundzwanzigste West. Meine Partnerin ist unterwegs. Finden Sie heraus, ob das Gebäude einen im Haus lebenden Hausmeister oder Verwalter hat. Wenn ja, will ich ihn sehen.«

Erst einmal sah sie sich die Umgebung an. Betonboden, Bretterverschläge, Leitungsrohre, Spinnweben. Keine Fenster, keine Türen. Keine Überwachungskameras.

»Ich brauche sämtliche Überwachungsdisketten von den Eingängen und aus dem Treppenhaus. Finden Sie den Hausmeister.«

Der Täter hatte sie hierher gelockt, überlegte Eve, während sie ihre Hände versiegelte. Gewaltsam hierher gebracht. Vielleicht war sie auch schon hier gewesen, um etwas zu holen, und er hatte sie überrascht. Einen Fluchtweg gab es nicht. Sie sprühte ihre Stiefel ein und sah sich die Tote erst einmal aus der Ferne an. Schlank, aber nicht weich. Langes, glänzendes, blondes Haar fiel ihr wie ein Vorhang über das Gesicht, die Kleider hatten eine gute Qualität.

Sie kam nicht von der Straße, dachte Eve. Nicht mit diesem Haar, diesen Kleidern und der ausnehmend gepflegten Hand, die schlaff an ihrer Seite lag.

»Das Opfer liegt auf der linken Seite mit dem Rücken Richtung Treppe. Der Betonboden sieht sauber aus und weist keine sichtbaren Fußabdrücke auf. Hat Burnbaum die Tote bewegt?«

»Er sagt, nein. Meint, er wäre hingegangen und hätte nach ihrem Handgelenk getastet. Sie wäre unnatürlich kalt gewesen, er hätte keinen Puls gefühlt und deswegen gewusst, dass ihr nicht mehr zu helfen war. Also hat er nur noch seinen Jungen rausgebracht.«

Eve ging um die Tote herum und hockte sich neben sie, als sie plötzlich das Läuten leiser Alarmglocken in ihrem Kopf vernahm. Ihr Magen zog sich furchtsam zusammen, als sie den Vorhang blonden Haars zur Seite schob.

Während eines furchtbaren Moments erstarrte sie. »Verdammt. Verdammt. Sie ist eine von uns.«

Der Beamte, der bei ihr geblieben war, trat einen Schritt nach vorn. »Sie ist ein Cop?«

»Ja. Amaryllis Coltraine. Besorgen Sie mir eine Adresse, und zwar jetzt sofort. Detective Amaryllis Coltraine. Verflucht.«

Morris, dachte sie. Oh, verflixt und zugenäht.

»Sie hat hier gewohnt, Lieutenant. Hier in diesem Haus, in der Vierhundertfünf.«

Sie glich vorschriftsmäßig die Fingerabdrücke ab und ihre Übelkeit wich kaltem Zorn. »Das Opfer wurde als Detective Amaryllis Coltraine von der New Yorker Polizei identifiziert. Wohnhaft hier in diesem Haus, in Apartment vierhundertfünf.«

Sie schlug die leichte Jacke auf, die Coltraine getragen hatte.

»Wo ist dein Stunner?«, fragte sie. »Wo ist dein verdammter Stunner? Haben sie dich damit umgebracht? Haben sie dich mit deiner eigenen Waffe umgebracht? Keine sichtbaren Abwehrverletzungen und auch die Kleidung wirkt unberührt. Keine äußeren Verletzungen außer den Stunnerverbrennungen am Hals. Er hat dir deinen eigenen Stunner an den Hals gehalten, stimmt’s? Und hat ihn vorher auf der höchsten Stufe eingestellt.«

Als sie Schritte auf der Treppe hörte, sah sie auf und erblickte ihre Partnerin.

Peabody sah frisch wie eine Frühlingsbrise aus. Die Enden ihres dunklen Bobs wippten in ihrem Nacken und zu beiden Seiten ihres viereckigen Gesichts, der pinkfarbene Blazer und die pinkfarbenen Schuhe, die sie trug, hätten Eve normalerweise eine ganze Reihe hämischer Bemerkungen entlockt.

»Nett, dass sie bis kurz vor meinem offiziellen Schichtbeginn gewartet haben«, stellte sie fröhlich fest. »Was haben wir?«

»Es ist Coltraine.«

»Wer?« Peabody trat neben Eve, blickte auf die Tote und sämtliche Farbe wich ihr aus dem Gesicht. »Oh, mein Gott. Oh Gott. Das ist Morris’ … Oh. Nein.«

»Sie hat ihren Stunner nicht dabei. Vielleicht ist er die Mordwaffe. Wenn er irgendwo hier liegt, müssen wir ihn finden.«

»Dallas.«

In Peabodys Augen schwammen Tränen. Das konnte Eve verstehen, denn auch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Doch sie schüttelte den Kopf. »Heben Sie sich das für später auf, okay? Officer, nehmen Sie einen Kollegen mit, sehen sich in ihrer Wohnung um und gucken, ob dort jemand gewesen ist. Geben Sie mir umgehend Bescheid.«

»Ja, Madam.« Sie hörte es an seiner Stimme – keine Tränen, sondern heißer Zorn. Derselbe Zorn, der auch das Blut in ihren Adern rauschen ließ.

»Dallas. Dallas, wie sollen wir es ihm sagen?«

»Sehen Sie sich hier um. Das ist jetzt erst einmal das Wichtigste. Das andere kommt später dran.« Auch sie selbst hatte keine Ahnung, wie sie Morris sagen sollte, was geschehen war. »Suchen Sie nach ihrer Waffe, ihrem Halfter, irgendetwas, was von ihr stammen kann. Übernehmen Sie den Keller, Peabody. Ich sehe mir die Leiche an.«

Mit ruhigen Händen holte sie die Messgeräte aus der Tasche, machte sich ans Werk und verdrängte die Frage, wie sie dem Chefpathologen, einem Freund, erklären sollte, dass die Frau, die seine Augen zum Leuchten gebracht hatte, nicht mehr am Leben war.

»Todeszeitpunkt dreiundzwanzig Uhr vierzig.«

Als sie nichts mehr tun konnte, wandte sich Eve an ihre Partnerin. »Haben Sie irgendwas gefunden?«

»Nein. Wobei es hier natürlich jede Menge Stellen gibt, an denen der Killer die Waffe hätte verstecken können, falls er sie nicht mitgenommen hat.«

»Dann sollen sich die Spurensicherer noch einmal gründlich umsehen.« Eve rieb sich die Nasenwurzel und atmete hörbar ein. »Wir müssen noch mit dem Typen und dem Jungen reden, die sie gefunden haben, und uns die Wohnung ansehen. Wir dürfen sie nicht ins Leichenschauhaus bringen lassen, solange Morris es nicht weiß. Er darf es nicht auf diese Art erfahren.«

»Nein. Gott, nein.«

»Lassen Sie mich überlegen.« Eve starrte die Wand des Kellers an. »Finden Sie heraus, welche Schicht er heute hat. Wir lassen sie erst wegbringen, wenn …«

»Die Kollegen wissen, dass sie eine von uns ist, Dallas. So was spricht sich schnell herum. Wenn Morris Wind davon bekommt, dass eine Polizistin hier in diesem Haus …«

»Scheiße, Sie haben recht. Sie haben recht. Machen Sie hier weiter, ja? Die Kollegen haben Terrance Burnbaum und den Jungen in Apartment sechshundertzwei zurückgebracht. Reden Sie zuerst mit ihnen. Und lassen Sie sie ja nicht wegbringen.«

»Auf keinen Fall.« Peabody warf einen Blick auf ihren Handcomputer und stieß seufzend aus: »Wenigstens fängt Morris heute erst um zwölf Uhr mittags an. Er wird also noch nicht im Leichenschauhaus sein.«

»Ich fahre zu ihm nach Hause. Ich fahre zu ihm heim.«

»Mein Gott, Dallas. Mein Gott.«

»Wenn Sie mit den Zeugen fertig sind, bevor ich wiederkomme, fangen Sie mit ihrer Wohnung an. Nehmen Sie alles genau unter die Lupe, ja?« Schritte, erinnerte sich Eve. Sie mussten die erforderlichen Schritte tun. Später wäre noch genügend Zeit, um sich im Elend zu ergehen. »Kontaktieren Sie die elektronischen Ermittler, aber warten Sie damit, bis ich bei Morris bin. Sie sollen sich sämtliche Geräte und alle Dateien ansehen. Wenn die Kollegen den Hausmeister auftreiben, beschlagnahmen Sie sämtliche Disketten aus den Überwachungskameras. Lassen Sie …«

»Dallas«, fiel Peabody ihr sanft ins Wort. »Ich weiß schon, was ich machen muss. Das haben Sie mir beigebracht. Ich werde mich gut um sie kümmern. Sie können mir vertrauen.«

»Ich weiß. Ich weiß.« Eve atmete mühsam aus. »Ich weiß nicht, was ich zu ihm sagen soll. Wie ich es ihm sagen soll.«

»Da gibt es keinen leichten Weg.«

Nein, den konnte und den sollte es nicht geben, wusste Eve.

»Ich werde mich bei Ihnen melden, wenn ich … fertig bin.«

»Dallas.« Peabody nahm ihre Hand. »Sagen Sie ihm – wenn es passt – sagen Sie ihm bitte, dass es mir entsetzlich leidtut.«

Nickend wandte sich Eve zum Gehen. Auch der Killer hat diesen Weg genommen, dachte sie. Weil es keinen anderen Ausgang gab. War dieselbe Treppe hinaufgegangen, durch dieselbe Tür. Ohne zu wissen, ob sie einfach ihre Arbeit machte oder nur versuchte, Zeit zu schinden, machte sie noch einmal ihren Untersuchungsbeutel auf, zog die Mikro-Brille daraus hervor und studierte Schloss und Rahmen, ohne etwas zu finden, was darauf hingewiesen hätte, dass die Tür gewaltsam aufgebrochen war.

Vielleicht hatte der Täter ja die Schlüsselkarte von Coltraine benutzt. Wenn er ihr nicht schon hier unten aufgelauert und sie überfallen hatte, als sie durch die Tür gekommen war.

Verdammt, verdammt, sie sah einfach nicht vor sich, wie es abgelaufen war. Hatte keinen klaren Kopf und konnte deswegen nicht sehen, wie es abgelaufen war. Sie ging hinauf ins Erdgeschoss und untersuchte auch die Hintertür des Hauses, ohne dass sie irgendetwas fand.

Ein Bewohner, jemand, der von einem Bewohner – vielleicht vom Opfer selbst – hereingelassen worden war, jemand mit einem Generalschlüssel oder mit Talent zum Aufbrechen von Schlössern, überlegte sie, blickte auf die Überwachungskamera über der Tür und sperrte gerade wieder ab, als ein uniformierter Beamter auf sie zugelaufen kam.

»Die Wohnung ist sauber, Lieutenant«, meldete er ihr. »Das Bett ist gemacht, nirgends steht schmutziges Geschirr, alles ist sauber und ordentlich. Die Lichter waren gedämpft und sie, äh, hatte einen Haustierdroiden – ein kleines Kätzchen. Es war auf Schlafmodus gestellt.«

»Haben Sie ihre Waffe oder ihre Dienstmarke gesehen?«

Er presste die Zähne aufeinander und schüttelte den Kopf. »Nein, Madam. Wir haben einen kleinen Safe in ihrem Schrank im Schlafzimmer entdeckt. Er war nicht abgesperrt, und abgesehen von den Halftern für zwei Waffen war er leer. Ihre Dienstmarke habe ich nirgendwo gesehen, Lieutenant. Wir haben nicht speziell danach gesucht, aber …«

»Was machen Sie mit Ihrer Dienstmarke, wenn Sie Feierabend machen, Officer … Jonas?«, fragte sie ihn.

»Ich lege sie auf meinen Nachttisch.«

»Ja. Man schließt die Waffe weg und legt die Marke neben das Bett oder irgendwo anders hin, wo man sie schnell erreichen kann. Detective Peabody leitet die Ermittlungen hier weiter. Ich will nicht, dass ihr Name schon die Runde macht, verstanden? Ich will nicht, dass irgendjemand jetzt schon ausposaunt, dass eine Kollegin umgekommen ist. Also halten Sie die Sache unter Verschluss, bis ich Ihnen die Erlaubnis gebe, darüber zu reden, ja?«

»Zu Befehl, Madam.«

»Die Frau dort unten war eine von uns. Sie hat es verdient, dass auch jetzt noch respektvoll mit ihr umgegangen wird.«

»Ja, Madam.«

Sie marschierte aus dem Haus, blieb auf dem Gehweg stehen und atmete tief durch. Atmete so tief wie möglich durch. Dabei hob sie den Kopf und sah sich den grau bewölkten Himmel an. Es war richtig, dachte sie. Es war richtig, dass sie selbst zu Morris fuhr.

Sie ging zu ihrem Wagen, öffnete die Tür, und der Fahrer des Gefährts, das hinter ihrer Kiste festsaß, streckte wütend seinen Kopf durchs offene Fenster und reckte erbost die Faust.

»Ihr verdammten Bullen!«, brüllte er. »Ihr bildet euch anscheinend ein, dass die Straßen euch gehören.«

Sie überlegte kurz, ob sie ihm ihre eigene Faust in die Visage rammen sollte. Weil einer der Bullen, die der Kerl verfluchte, tot auf dem Betonboden eines fensterlosen Kellers lag.

Vielleicht war ihr die Überlegung anzusehen, denn mit einem Mal zog er den Kopf zurück, machte sein Fenster eilig zu und verriegelte die Tür.

Eve starrte ihn so lange böse an, bis er hinter seinem Steuer regelrecht in sich zusammensank, schwang sich dann hinter das Lenkrad ihres eigenen Wagens und fuhr los.

Sie gab Morris’ Adresse in das Navi ein. Seltsam, dachte sie, dass sie noch nie bei ihm gewesen war. Schließlich sah sie ihn als Freund – als guten Freund – und nicht nur als Kollegen an. Trotzdem sahen sie sich fast immer nur, wenn es um ihre Arbeit ging.

Lag das vielleicht daran, dass für sie geselliges Zusammensein mit anderen Menschen ähnlich schlimm wie ein Besuch beim Zahnarzt war?

Sie wusste, er liebte Musik, besonders Jazz und Blues. Er spielte Saxofon, kleidete sich wie ein Rockstar und wartete jedes Mal, wenn sie sich sahen, mit einem enormen Wissen in verschiedensten Bereichen auf.

Er hatte Humor und Tiefgang, begegnete den Toten mit tief empfundenem Respekt und den Hinterbliebenen mit ehrlichem Mitgefühl.

Und jetzt ging es um eine Frau, die er … hatte er sie geliebt, fragte sich Eve. Vielleicht. Auf alle Fälle hatte er etwas für die Frau und Polizistin, die ermordet worden war, empfunden. Weshalb jetzt er selbst ein Hinterbliebener war.

Die Wolken brachten einen dünnen Frühlingsschauer von der Art, die eher auf die Windschutzscheibe sprühte als prasselte. Wenn der Regen anhielte oder noch stärker würde, tauchten sicher bald Verkaufsstände mit Regenschirmen auf. Das gehörte zur Magie des Handels in New York. Die Autos würden langsamer, die Fußgänger entsprechend schneller, und eine Zeitlang sähe der Asphalt der Straßen wie ein glänzender, schwarzer Spiegel aus. Drogendealer setzten kurzerhand ihre Kapuzen auf und gingen weiter ihren finsteren Geschäften nach oder warteten ungeduldig in den Hauseingängen ab, bis das Unwetter vorüber war. Und nach mehr als einer Stunde Regen wären freie Taxis seltener als Diamanten auf dem Bürgersteig.

New York war einfach wunderbar, fand Eve, doch früher oder später fraß es einen auf.

Morris lebte in Soho. Das hätte sie sich denken können, weil der Mann, der beruflich nach den Toten sah, schließlich ein Bohemien, Exot und Künstler war.

Er hatte ein Tattoo vom Sensenmann, erinnerte sie sich. Das hatte sie einmal zufällig gesehen, als sie ihn zu vorgerückter Stunde angerufen hatte und er an den Apparat gekommen war, ohne die Videofunktion zu sperren. Obwohl er im Bett gelegen hatte und ihm die Decke höchstens bis zum Bauchnabel gegangen war.

Der Mann war wirklich heiß. Kein Wunder, dass Coltraine …

Oh Gott. Oh Gott.

Um noch ein wenig Zeit zu schinden, fuhr sie langsam an dem Häuserblock vorbei, während sie nach einem freien Parkplatz suchte. An kleinen Ständen stellten Künstler ihre Waren aus oder kauften irgendwelche Dinge ein und liefen dann eilig durch den Regen wieder fort. Die Menschen, die zu cool für irgendwelche kurzlebigen Trends waren, lebten hier zwischen den Lofts, den diversen Restaurants, den hippen Lokalen und Clubs.

Sie fand eine freie Lücke drei Blocks von Morris’ Haus entfernt. Sie ging langsam durch den Regen, während andere eilig vor der Nässe flohen.

Sie erklomm die Eingangstreppe, wollte bei ihm klingeln … und zog ihre Hand wieder zurück. Denn sobald sie bei ihm läuten würde, würde er sie auf dem Bildschirm sehen und hätte zu viel Zeit, um nachzudenken, oder würde sie gleich fragen, was der Grund für ihr Erscheinen war. Deshalb zog sie ihren Generalschlüssel hervor und verschaffte sich auf diese Weise Zugang zu dem winzigen Foyer des Hauses, in dem sein Apartment lag.

Sie nahm statt des Lifts die Treppe, denn auf diese Art gewann sie noch ein wenig zusätzliche Zeit.

Was sollte sie nur sagen?

Die Standardfloskeln wären völlig fehl am Platz. Das gewöhnliche Es tut mir leid oder Leider muss ich Ihnen mitteilen… ginge auf keinen Fall. Nicht, wenn sie mit Morris sprach. Sie betete zu Gott, dass sie irgendwie die rechten Worte fände, und drückte den Klingelknopf.

Ihr Herz fing an zu rasen, und ihr wurde kalt, als sie hörte, wie das Schloss geöffnet wurde, kurz bevor das rote Licht auf Grün umsprang.

Dann machte er ihr auf und sah sie lächelnd an.

Nie zuvor hatte ihn Eve mit offenem Haar gesehen, das ihm wie ein schwarzer Wasserfall über den Rücken fiel. Er trug eine schwarze Hose und ein schwarzes T-Shirt, seine exotischen Mandelaugen sahen noch etwas verschlafen aus. Auch seine Stimme klang ein wenig schläfrig, als er meinte: »Dallas. Was für eine Überraschung, ausgerechnet Sie an einem verregneten Morgen hier auf meiner Schwelle stehen zu sehen.«

Seine Miene drückte Neugier aus. Keine Sorge, keine Angst. Weil ihr eigenes Gesicht ihm nicht das Mindeste verriet.

Noch nicht.

Noch ein paar Sekunden. Noch ein paar Sekunden, und sie bräche ihm das Herz.

»Darf ich reinkommen?«

2

Die Wände waren mit einer bunten Mischung aus kühnen, leuchtenden Farben und seltsamen Formen sowie eleganten Bleistiftskizzen halbnackter und nackter Frauen geschmückt.

Morris’ Wohnung war ein großer, offener Raum, in dem die schwarz-silberne Küche fließend in die in leuchtendem Rot gehaltenen Ess- und Wohnbereiche überging. Eine offene, silbrig schimmernde Treppe schlängelte sich in Richtung einer ebenfalls offenen, von einem glänzenden Geländer eingefassten Galerie.

Man hatte das Gefühl, als ob in dieser Wohnung alles in Bewegung wäre, dachte Eve. Was möglicherweise an der Energie der bunten Farben oder an den vielen Gegenständen, die von seinen zahlreichen Interessen zeugten, lag.

Neben Schalen, Flaschen, Steinen, Fotos schmückten jede Menge echter Bücher, Instrumente, Drachenskulpturen, ein kleiner Messinggong sowie ein echter Totenkopf den Raum. Kein Wunder, dass sich dieser Mann so gut mit Roarke verstand.

Morris sah sie fragend an und wies dann auf die lange, lehnenlose Couch. »Warum setzen Sie sich nicht? Ich könnte Ihnen einen Kaffee anbieten. Auch wenn er nicht so gut wie Ihrer ist, ist er auf jeden Fall nicht schlecht.«

»Nein, schon gut.« In Wahrheit hätte sie sich liebend gerne einfach hingesetzt, Kaffee mit ihm getrunken und nie mehr ein Wort gesagt.

Er nahm ihre Hand. »Wer ist tot? Jemand von uns, nicht wahr?« Der Druck von seinen Fingern nahm noch zu. »Peabody …«

»Nein, Peabody … nein.« Wenn sie jetzt nicht endlich spräche, machte sie es nur noch schlimmer, wusste sie und atmete tief ein. »Morris, es ist Detective Coltraine.«

Sie sah ihm deutlich an, dass er sie nicht verstand, dass er diese Worte nicht als Antwort auf die Frage nahm. Also tat sie das einzig Mögliche und drehte das Messer noch in seinem Herzen um.

»Sie wurde letzte Nacht ermordet. Sie ist tot, Morris. Sie lebt nicht mehr. Es tut mir leid.«

Eilig zog er seine Hand zurück und machte einen Schritt nach hinten. So, als wäre es nicht wahr, wenn er die Verbindung zwischen ihnen kappte. So, als mache er es dadurch ungeschehen. »Ammy? Sie sprechen von Amaryllis?«

»Ja.«

»Aber …«, fing er an, brach dann aber wieder ab. Ihr war klar, die erste Frage, die ihm in den Sinn kam, war, ob sie sich wirklich sicher war. Ob ein Irrtum völlig ausgeschlossen war. Doch da er sie kannte, wusste er, er konnte sich die Worte sparen. »Wie?«

»Setzen wir uns erst mal hin.«

»Sagen Sie mir, wie.«

»Wie es aussieht, wurde sie mit ihrem eigenen Stunner umgebracht. Ihre beiden Waffen sind verschwunden, und wir haben keine Ahnung, wo sie sind. Morris …«

»Nein. Noch nicht.« Sein Gesicht war völlig ausdruckslos und sah wie eine aus einem seiner blank polierten Steine gehauene Maske aus. »Sagen Sie mir, was Sie bisher wissen.«

»Noch nicht allzu viel. Sie wurde heute Morgen im Keller ihres Hauses von einem Nachbarn und dessen Sohn entdeckt. Gestorben ist sie letzte Nacht gegen zwanzig vor zwölf. Es gibt weder am Fundort noch in ihrer Wohnung Spuren eines Kampfs. Abgesehen von den Stunnerverbrennungen am Hals weist sie keine sichtbaren Verletzungen auf. Sie hatte keinerlei Papiere, keinen Schmuck, keine Tasche, keine Dienstmarke und keine Waffe bei sich, war aber noch vollständig bekleidet, als man sie fand.«

Etwas flackerte in seinen Augen auf, etwas, was sie nur allzu gut verstand. Ein Mord mit Vergewaltigung war immer noch schlimmer, wusste sie. »Ich habe mir die Überwachungsdisketten noch nicht angesehen, weil ich erst zu Ihnen musste. Aber Peabody ist weiterhin vor Ort.«

»Ich muss mich umziehen. Ich muss mich umziehen und ins Leichenschauhaus fahren. Muss sie mir ansehen.«

»Oh nein, auf keinen Fall. Sagen Sie mir, welchem Kollegen Sie am meisten vertrauen, wer sich um sie kümmern soll, und wir werden dafür sorgen, dass er die Autopsie durchführt. Sie machen das ganz sicher nicht.«

»Das haben Sie nicht zu entscheiden. Ich bin schließlich der Chefpathologe.«

»Und ich leite die Ermittlungen. Und wir beide wissen ganz genau, dass Ihre Beziehung zu …« Sie schluckte das Wort Opfer herunter und fuhr anders fort. »Ihre Beziehung zu Detective Coltraine bedeutet, dass jemand aus Ihrem Team die Autopsie vornehmen muss. Lassen Sie sich so viel Zeit wie nötig, um das zu verstehen. Aber Sie werden nicht an ihr arbeiten, Morris, und zwar um Ihrer selbst, aber auch um ihretwillen nicht.«

»Glauben Sie etwa, ich würde hier herumsitzen und Däumchen drehen? Würde tatenlos mit ansehen, wie jemand anderes sie berührt?«

»Ich bitte Sie ja gar nicht, nichts zu tun. Aber ich sage Ihnen, diese Arbeit machen Sie nicht.« Als er Richtung Treppe gehen wollte, hielt sie ihn am Arm zurück.

»Ich werde Sie daran hindern«, erklärte sie ihm ruhig, während sich das Zittern seiner Muskeln auf sie übertrug. »Schlagen Sie ruhig zu, brüllen Sie mich ruhig an oder werfen irgendwas gegen die Wand. Tun Sie, was Sie tun müssen, aber ich werde Sie daran hindern, das zu tun. Weil nämlich jetzt auch ich für sie zuständig bin.«

Seine schwarzen Augen funkelten sie zornig an. Sie machte sich auf einen Schlag gefasst, bevor plötzlich sein Zorn zu Trauer schmolz, und als er sich abermals zum Gehen wandte, ließ sie von ihm ab.

Er trat an das lange, breite Fenster, von dem aus das lebendige Treiben von Soho zu überblicken war, legte seine Hände auf den Sims und stützte das Gewicht, das seine Beine nicht mehr trugen, auf den Armen ab.

»Clipper«, meinte er mit einer Stimme, die noch rauer als der Ausdruck seiner Augen war. »Ty Clipper. Ich will, dass er nach Ammy sieht.«

»Ich werde dafür sorgen, dass er sie bekommt.«

»Sie trug immer einen Ring am Mittelfinger ihrer rechten Hand. Einen Silberring mit einem quadratischen, pinkfarbenen Turmalin und links und rechts zwei kleinen Rechtecken aus grünem Turmalin. Den hatten ihr ihre Eltern zum einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt.«

»Okay.«

»Sie haben gesagt, dass sie im Keller ihres Hauses lag. Sie hatte keinen Grund, da runterzugehen.«

»In dem Keller gibt es ein paar Spinde, in denen man Sachen lagern kann.«

»Sie hatte aber keinen. Sie hat mir einmal erzählt, dass ihr Vermieter einen lächerlichen Preis für diese winzigen Boxen verlangt. Ich habe ihr angeboten, Sachen für sie aufzubewahren, die sie nicht in ihrer Wohnung unterbringen kann, aber sie meinte, sie hätte noch nicht so viele Dinge angehäuft, dass sie Stauraum dafür braucht. Was also hat sie da unten gemacht?«

»Das werde ich herausfinden. Ich verspreche Ihnen, Morris, ich werde herausfinden, wer ihr das angetan hat und warum.«

Obwohl er nickte, sah er weiter aus dem Fenster auf das Treiben, auf die Farben, auf das Leben, von dem er urplötzlich abgeschnitten war. »Wenn man Cops als Freunde, als Geliebte oder auch nur als Bekannte hat, weiß man irgendwo in seinem Inneren die ganze Zeit, wie riskant diese Beziehungen sind. Ich habe schon genügend tote Cops auf meinem Tisch gehabt, um mir dessen bewusst zu sein. Aber das muss man verdrängen, wenn man die Beziehungen zu diesen Menschen aufrechterhalten will. Es ist das, was man macht. Trotzdem weiß man es die ganze Zeit und dennoch kommt es einem, wenn es tatsächlich passiert, total unwirklich vor.«

»Wer kennt den Tod besser als ich? Als wir?« Jetzt drehte er sich um. »Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, dass sie nicht mehr leben soll. Weil sie immer so lebendig war.«

»Ich werde den Kerl finden, der ihr das Leben genommen hat.«

Wieder nickte er, schleppte sich zur Couch, ließ sich in die Polster sinken und stieß müde aus: »Ich fing gerade an, mich in sie zu verlieben. Ich habe genau gespürt, wie es geschah – wie ich langsam, aber sicher immer mehr für sie empfand. Wir wollten die Sache langsam angehen und jeden Schritt genießen. Wir waren noch dabei, einander zu entdecken. Waren noch in der Phase, in der sie nur ins Zimmer kommen, ich ihre Stimme hören oder mir ihr Duft entgegenschlagen musste, damit alles in mir anfing zu singen.«

Er vergrub den Kopf zwischen seinen Händen und beugte sich ein wenig vor.

Es gehörte nicht gerade zu ihren Stärken, andere zu trösten, wusste Eve. Peabody hätte problemlos die richtigen Worte und den rechten Ton gefunden, wohingegen ihr nichts anderes übrig blieb, als ihrem Instinkt zu folgen, dachte sie.

Sie trat vor die Couch und nahm neben ihm Platz.

»Sagen Sie mir, was ich für Sie tun kann, und ich tue es. Sagen Sie mir, was Sie brauchen, und ich hole es. Li…«

Vielleicht lag es einfach daran, dass sie ihn zum ersten Mal nicht burschikos als Morris angesprochen hatte. Jedenfalls hob er den Kopf, wandte sich ihr zu, und sie nahm ihn in den Arm.

Er brach – noch – nicht zusammen, presste aber seine Wange trostsuchend an ihr Gesicht.

»Ich muss sie sehen.«

»Ich weiß. Aber geben Sie mir vorher noch ein bisschen Zeit. Wir kümmern uns um sie.«

Er richtete sich auf. »Sie müssen mir doch sicher Fragen stellen. Also schalten Sie Ihren Rekorder ein, und fangen Sie an.«

»Okay.« Routine, dachte sie. Bot nicht auch Routine eine Art von Trost? »Sagen Sie mir, wo Sie gestern Abend zwischen einundzwanzig Uhr und Mitternacht waren.«

»Ich habe gestern ein paar Überstunden angehängt und bis kurz vor Mitternacht Papierkram im Büro erledigt. Ammy und ich wollten nächste Woche ein paar Tage weg. Wollten ein verlängertes Wochenende nach Memphis. Wir hatten einen Raum in einem alten Gasthaus reserviert, wollten dort in irgendwelchen Clubs Musik hören und uns Graceland ansehen. Ich habe mich mit ein paar Leuten von der Nachtschicht unterhalten. Ich kann Ihnen ihre Namen geben, wenn Sie wollen.«

»Das wird nicht nötig sein. Ich werde kurz überprüfen, ob Sie bei der Arbeit waren, und damit ist die Sache abgehakt. Hat sie Ihnen irgendwas von ihrem Job erzählt? Vielleicht von irgendeinem Fall oder irgendeinem Menschen, der ihr Sorgen macht?«

»Nein. Wir haben uns nur selten über unsere Arbeit unterhalten. Sie war eine gute Polizistin. Sie hat gerne Antworten gefunden, war sehr organisiert und unglaublich genau. Aber sie hat nicht für ihren Job gelebt. Sie war nicht wie Sie. Sie hat ihre Arbeit anständig gemacht, aber nicht dafür gelebt. Trotzdem war sie ein smarter und fähiger Cop. Das fiel mir, wenn wir beruflich miteinander zu tun hatten, jedes Mal aufs Neue auf.«

»Und wie sah es mit ihrem Privatleben aus? Gab es irgendwelche Exfreunde, -männer oder so?«

»Das zwischen uns fing an, kurz nachdem sie aus Atlanta hierhergekommen war. Und obwohl sich die Sache zwischen uns ganz langsam entwickelt hat, gab es für keinen von uns beiden jemand anderen nebenher. Sie hatte eine ernsthafte Beziehung während ihrer Collegezeit, die über zwei Jahre hielt. Dann war sie eine Zeitlang mit einem anderen Cop zusammen, meinte aber, sie hätte im Grunde gar nichts Ernstes mehr im Sinn gehabt und wäre von der Geschichte mit mir vollkommen überrascht. Trotzdem weiß ich, dass es da noch jemand anderen gab, irgendeine ernste Sache, die erst kurz vor ihrer Versetzung nach New York geendet hat.«

»Hat sie sich mal über irgendwelche Nachbarn oder darüber beschwert, dass sie von irgendwem in ihrem Haus belästigt wird?«

»Nein. Sie hat ihr kleines Apartment geliebt. Dallas, sie hat noch Familie in Atlanta.«

»Ich weiß. Ich werde sie verständigen. Kann ich jemanden für Sie anrufen?«

»Nein, danke.«

»Ich habe keinen Psychologen mitgebracht, weil …«

»Ich will auch keinen Psychologen.« Er presste sich die Finger vor die Augen. »Ich habe einen Schlüssel zu ihrer Wohnung. Den werden Sie haben wollen.«

»Ja.«

Während er über die silberne Treppe in den oberen Stock verschwand, erhob sich Eve von ihrem Platz und lief nervös im Zimmer auf und ab, bis er mit einer Schlüsselkarte wiederkam. »Hatte sie auch einen Schlüssel von hier?«

»Ja.«

»Dann wechseln Sie besser das Schloss.«

Er holte zischend Luft. »Ja, richtig. Bitte halten Sie mich weiter auf dem Laufenden. Ich muss an den Ermittlungen beteiligt sein.«

»Ich werde Sie informieren, sobald es etwas Neues gibt.«

»Ich muss auf irgendeine Art an den Ermittlungen beteiligt sein. Das brauche ich.«

»Lassen Sie mich meine Arbeit machen, ja? Ich werde mich wieder bei Ihnen melden. Falls Sie reden wollen, rufen Sie mich einfach an, egal um welche Zeit. Aber jetzt muss ich zurück, jetzt muss ich zurück zu ihr.«

»Sagen Sie Ty … sagen Sie ihm, dass er Eric Clapton für sie spielen soll. Dass er einfach eine von meinen Disketten nehmen soll. Diese Musik hat sie besonders gern gehabt.« Er trat vor den Fahrstuhl und öffnete die Tür.

»Ich wünschte mir, es würde etwas ändern, wenn ich Ihnen sage, wie leid es mir tut. Peabody … hat mir gesagt, dass ich Ihnen das auch von ihr ausrichten soll.« Sie betrat den Lift und sah ihm ins Gesicht, bis die Tür zwischen ihnen beiden zugeglitten war.

Auf der Fahrt zurück zum Haus wählte sie die Nummer ihrer Partnerin. »Haben die Spurensicherer die Tatwaffe gefunden?«

»Nein.«

»Verdammt. Ich komme jetzt zurück. Rufen Sie schon mal im Leichenschauhaus an. Morris will, dass sich Ty Clipper um sie kümmert und dass er während der Autopsie Musik von Eric Clapton spielt.«

»Oh Mann. Wie geht es ihm? Wie …«

»Er hält sich ziemlich tapfer. Machen Sie den Pathologen klar, dass Morris persönlich diese Anweisungen gegeben hat. Und wir beide sehen uns gleich erst mal jeden Zentimeter ihrer Wohnung an.«

»Ich wollte gerade damit anfangen. Mit Burnbaum und dem Jungen habe ich gesprochen, aber das Gespräch hat nichts weiter erbracht. Genauso wenig wie die Befragung aller anderen Leute in dem Haus. Und die Überwachungskamera …«

»Erzählen Sie mir das alles gleich. Ich bin in zehn Minuten da.«

Sie legte kurz entschlossen auf, denn sie sehnte sich nach Stille.

Vollkommener Stille, bis sich die emotionalen Knoten lockerten. Denn sie wäre Amaryllis keine große Hilfe, wenn sie sich vom Bild der Trauer in den Augen eines Freundes von der Arbeit ablenken ließ.

Als sie vor dem Haus aus ihrem Wagen stieg, trugen sie gerade den Leichnam durch die Tür. »Sie geht direkt zu Clipper«, herrschte sie die Männer an. »Sie ist ein Cop und kommt deshalb vor allen anderen dran.«

»Wir wissen, wer sie ist.« Als die Tote im Leichenwagen lag, drehte sich der Größere der beiden zu Eve um. »Und zwar nicht nur ein Cop, sondern auch die Freundin von Morris. Deshalb kümmern wir uns ganz besonders gut um sie.«

Sie betrat das Haus, marschierte die Treppe hinauf zur Wohnung von Coltraine und ließ sich mit der ihr von Morris überlassenen Schlüsselkarte ein.

Peabody war bereits da und stellte nach einem kurzen Blick in ihr Gesicht mit mitfühlender Stimme fest: »Es war hart. Das sieht man Ihnen an.«

»Dann komme ich besser möglichst schnell darüber hinweg. Was ist mit Security?«

»Ich habe mich einmal kurz umgesehen. An der Hintertür war nichts. Er muss von hinten reingekommen sein und hat anscheinend vorher die Kamera ausgestellt. Die Spurensicherung sieht sie sich gerade an. Die Kamera an der Vordertür lief die ganze Zeit. Sie kam gegen sechzehn Uhr herein und hatte eine Aktentasche – die hier liegt – und eine Tüte vom Chinesen oder so dabei. Sie ist nicht mehr weggegangen, zumindest nicht vorne raus. Auch im Treppenhaus gibt’s Kameras, aber auch die wurden manipuliert. Sowohl an der Hintertür als auch im Treppenhaus haben die Dinger zwischen halb elf und zwölf nicht funktioniert. Die Kamera im Fahrstuhl lief die ganze Zeit. Sie kann also nicht mit dem Lift gefahren sein. Der Nachbar hat uns bestätigt, dass sie immer durchs Treppenhaus gegangen ist.«

»Dann hat der Killer sie also gekannt. Kannte ihre Routine, wusste, dass sie immer die Treppe nahm.«

»Ich habe ein Team der Spurensicherung ins Treppenhaus geschickt. Sie sehen sich alles gründlich an.«

»Um sie so schnell und sauber aus dem Verkehr ziehen zu können, muss er gewusst haben, dass sie das Haus noch einmal verlassen wollte. Also ist sie entweder gewohnheitsmäßig noch einmal losgezogen oder er hat sie herausgelockt. Natürlich werden wir ihr Link und den Computer überprüfen, aber wenn es so abgelaufen ist, hat er sie bestimmt auf ihrem Handy angerufen und das Ding dann eingesteckt. Er muss jemand gewesen sein, den sie kannte. Ein Freund, ein Ex, einer ihrer Informanten, jemand aus dem Haus oder aus der Nachbarschaft. Jemand, mit dem sie sich freiwillig getroffen hat.«

Eve sah sich in der Wohnung um. »Was ist Ihr erster Eindruck?«

»Ich glaube nicht, dass sie die Wohnung überstürzt verlassen hat. Dafür ist alles viel zu aufgeräumt, und sehen Sie das kleine Kätzchen da?«

Eve sah sich stirnrunzelnd den kleinen Fellball in der Ecke an. »Ich habe es mir angeschaut. Um dreiundzwanzig Uhr achtzehn hat sie den Schlafmodus aktiviert. So was tut man nicht, wenn man in Schwierigkeiten ist.«

Eve studierte eingehend den Raum, durch den sie lief. Es war das aufgeräumte Zimmer einer ordentlichen Frau. »Der Killer ruft Coltraine auf ihrem Handy an. ›Lass uns zusammen etwas trinken‹ oder ›Ich hatte einen fürchterlichen Streit mit meinem Ex, komm bitte zu mir, damit ich mich ausheulen kann‹. Nein, nein.« Eve schüttelte den Kopf und betrat das kleine Schlafzimmer mit dem unter einem hohen Kissenberg versteckten, ordentlich gemachten Bett. »Sie hatte ihre Zweitwaffe dabei. Die meisten Polizisten gehen bewaffnet aus dem Haus, aber wenn sie nur was hätte trinken gehen wollen, hätte sie bestimmt nicht auch noch ihre zweite Waffe eingesteckt.«

»Einer ihrer Informanten. Treffen Sie mich dann und dann dort und dort. Ich habe einen wirklich heißen Tipp.«

»Ja, ja, so könnte es gelaufen sein. Wir werden mit ihrem Vorgesetzten, ihrem Partner, ihrer Truppe reden, um zu erfahren, womit sie beschäftigt war. Vielleicht wollte sie tatsächlich einen Informanten treffen oder einfach jemanden, dem sie nicht hundertprozentig traute. Deshalb hatte sie zur Vorsicht auch noch ihre zweite Waffe eingesteckt. Aber trotzdem hat er sie erwischt und sie ohne großen Kampf niedergestreckt.«

»Wahrscheinlich hat sie nicht damit gerechnet, ihn in ihrem Treppenhaus zu sehen. War nicht auf der Hut, deshalb hat es sie eiskalt erwischt.«

Eve sagte nichts. Sie musste erst darüber nachdenken, musste alles erst einmal in Gedanken durchgehen. »Lassen Sie uns gucken, ob wir irgendetwas finden.«

Sie machten sich ans Werk und wühlten Schränke, Kleider, Schubläden und Taschen durch. Den Toten war ihre Privatsphäre genommen, doch Coltraine hätte gewusst und akzeptiert, dass Eve nur ihren Job als Polizistin tat.

Als sie in der Schublade des Nachtschränkchens auf Körperöl und erotisches Spielzeug stieß, verdrängte sie das Bild des nackten Morris und der unbekleideten Coltraine auf diesem Bett.

»Sie hatte offenbar ein Faible für hübsche Dessous«, bemerkte ihre Partnerin, die vor der Kommode stand. »Lauter echt verführerisches, mädchenhaftes Zeug. Außerdem mochte sie hübsche Dinge. Sehen Sie sich nur all die hübschen kleinen Fläschchen, Lampen, Kissen an. Ihre Schubladen sind ordentlich und aufgeräumt, anders als bei mir. Außerdem steht hier kaum irgendwelcher Nippkram rum, und die Möbel, die sie hat, sind zwar nicht alle von der gleichen Marke, passen aber trotzdem gut zusammen. Genau wie Coltraine selbst ist auch ihre Wohnung nicht übertrieben elegant, sondern, um noch einmal dasselbe Wort wie eben zu verwenden, einfach rundum hübsch.«

Eve trat an einen funktionalen, kleinen Ecktisch, auf dem eine kompakte Daten- und Kommunikationsanlage stand. In der einzigen, kleinen Schublade des Tischs fand sie einen elektronischen Kalender, doch als sie versuchte, irgendwelche Daten aufzurufen, wurde ihr der Zugriff auf die Einträge verwehrt.

»Sie war ein Cop, deshalb hat sie dieses Ding bestimmt gesichert«, meinte sie. »Am besten setzen wir die elektronischen Ermittler darauf an.«

Die Durchsuchung des Apartments zeigte ihr, was für ein Mensch Coltraine gewesen war. Peabody hatte recht, sie hatte es gern hübsch gehabt. Nicht überladen oder kitschig, sondern einfach feminin. Und aufgeräumt.

Die Rosen auf dem Tisch im Wohnraum waren echt und frisch.

Daneben stand ein kleines Kästchen, in dem lauter Karten eines Blumenladens mit Grüßen von Morris lagen. Er hatte gesagt, es hätte für sie beide in den letzten Monaten niemand anderen mehr gegeben. Zumindest, was die Blumen anging, hatte er mit der Behauptung offenkundig recht gehabt.

Doch das war noch kein Beweis, dass auch er für sie der Einzige gewesen war. Denn ging eine Frau um eine solche Uhrzeit aus dem Haus, dann meist zu einem Rendezvous.

Nur war das in diesem Fall schwer vorstellbar. Schließlich hatte Eve es zwischen dieser Frau und Morris selbst überdeutlich knistern hören, wenn sie ihnen begegnet war.

»Ein sicheres Gebäude«, dachte sie laut nach. »Eine hübsche, kleine Wohnung, ein Haustier-Droide, hübsche Möbel, hübsche Kleider, aber nicht übertrieben viel. Sie war offenkundig wählerisch. Sie hatte auch nur wenig Schmuck, aber wie die Möbel und Klamotten waren die Sachen, die sie hatte, ausnahmslos von guter Qualität.«

»Genau wie bei den Haarpflegeprodukten und den Schminksachen«, fügte Peabody hinzu. »Sie wusste, was sie wollte, was für sie das Beste war, und daran hat sie sich gehalten. Ich hingegen habe eine ganze Schublade voll aussortierter Lippenstifte, Lidschatten und Gels. Auch beim Parfüm blieb sie bei einem Duft. Im Kühlschrank sind noch ein paar Reste eines Essens vom Chinesen, ein bisschen Gemüse, ein paar Wasserflaschen, Säfte und zwei Flaschen Wein.«

»Sie hatte einen Geliebten, lebte aber allein. Die männlichen Toilettenartikel dürften von Morris sein. Statt sie direkt ins Labor zu schicken, werden wir ihn fragen, ob die Sachen ihm gehören. Auch das Männerhemd, die Boxershorts, die Socken und die Hose sehen nach Morris aus. Aber sonst sehe ich hier nicht besonders viel von ihm. Wahrscheinlich waren sie meistens bei ihm. Schließlich ist seine Wohnung viermal größer und liegt in unmittelbarer Nähe zahlreicher Cafés, Clubs, Restaurants und Galerien. Woher wusste der Killer, dass sie letzte Nacht zuhause war? Hat er sie vielleicht vorher beobachtet? Ich hätte Morris fragen sollen, wie oft sie zusammen waren, ob es da vielleicht eine Routine gab.«

»Dallas, Sie haben ihm erst einmal ein bisschen Zeit gegeben, die er dringend braucht. Wir sprechen einfach später noch einmal mit ihm.«

»In die Wohnung ist der Killer nicht gekommen. Das wäre zu riskant gewesen. Weshalb hätte er das Wagnis eingehen sollen, dass ihn irgendjemand dabei sieht? Nein, nein, er hat sie auf ihrem Handy angerufen und auf diese Art ins Treppenhaus gelockt.«

»Vielleicht hatten sie sich ja auch schon vorher irgendwann verabredet.«

»Weshalb hätte er das riskieren sollen? Vielleicht hätte sie dann irgendwem davon erzählt – Morris, ihrem Partner, ihrem Vorgesetzten. Vielleicht hätte sie gesagt: ›Ich treffe heute Abend X.‹, dann würden wir uns jetzt schon mit dem großen Unbekannten unterhalten, statt darüber nachzugrübeln, wer in aller Welt er ist. Morris hat länger gearbeitet, das hat sie bestimmt gewusst. Deshalb hat sie ihn nicht extra angerufen und gesagt, dass sie noch ausgeht und jemanden trifft. Sie hat einfach ihr Zeug gepackt, die Katze ausgestellt und sich auf den Weg gemacht. Sie kannte ihren Killer oder die Person, die sie angerufen hat.«

»Lassen Sie uns die Spurensicherung raufrufen und die elektronischen Geräte auf die Wache schicken.« Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. »Wir selber fahren erst einmal ins Leichenschauhaus, dann rufen wir ihre nächsten Angehörigen an.«

ENDE DER LESEPROBE