Stich ins Herz - J.D. Robb - E-Book

Stich ins Herz E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Von der Suche nach menschlicher Perfektion und den Grenzen der Wissenschaft – ein brisanter Fall für Eve Dallas

Sie sind allseits geschätzt und folgen unbeirrt nur einer Mission: anderen Menschen zu helfen. Perfekte Gesichter, makellose Körper, die vollendete Schönheit – das ist ihre Berufung. Doch dann werden die beiden berühmten Schönheitschirurgen mit einem gezielten Stich ins Herz getötet. Die Waffe: ein Skalpell. Die Hauptverdächtige: ihre letzte Patientin. Doch die junge Frau ist spurlos verschwunden. Eve Dallas hat alle Hände voll zu tun, ein dunkles, schreckliches Geheimnis hinter der schillernden Fassade der Schönheitsklinik aufzudecken …

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Seitenzahl: 704

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Buch

New York im Herbst. Die Sensationspresse stürzt sich auf den Skandal um die Schönheitsikone Lee-Lee Ten. Sie soll ihren Exgeliebten im Streit ermordet haben und liegt selbst mit starken Gesichtsverletzungen in der renommierten Klinik des Schönheitschirurgen Wilfried B. Icove jun. Kaum haben Eve Dallas und Detective Peabody Zutritt in Lee-Lees Krankenzimmer erhalten, ereilt sie die Nachricht eines weiteren Verbrechens: Icoves Vater – der Gründer der Schönheitsklinik – wird mit einem Stich mitten ins Herz tot an seinem Schreibtisch gefunden. Das Mordinstrument: ein Skalpell. War hier ein Profi am Werk? Hatte der Arzt Feinde?

Die Überwachungskamera der Klinik zeigt die letzte Patientin von Icove sen.– eine junge, auffällige Schönheit, die ohne Hast das Klinikgebäude betritt und wieder verlässt. Ist die geheimnisvolle Fremde die Mörderin von »Dr. Perfekt«? Was weiß Icove jun.? In diesem vertrackten Fall vermögen nicht einmal die Kontakte Roarkes, Eves sexy Ehemann, zu helfen …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts, einer der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren erfolgreich Kriminalromane.

Weiter Informationen finden Sie unter: www.blanvalet.de und www.jdrobb.com

Liste lieferbarer Titel

Rendezvous mit einem Mörder (1; 35450) · Tödliche Küsse (2; 35451) · Eine mörderische Hochzeit (3; 35452) · Bis in den Tod (4; 35632) · Der Kuss des Killers (5;35633) · Mord ist ihre Leidenschaft (6; 35634) · Liebesnacht mit einem Mörder (7; 36026) · Der Tod ist mein (8; 36027) · Ein feuriger Verehrer (9; 36028) · Spiel mit dem Mörder (10; 36321) · Sündige Rache (11; 36332) · Symphonie des Todes (12; 36333) · Das Lächeln des Killers (13; 36334) · Einladung zum Mord (14; 36595) · Tödliche Unschuld (15; 36599)· Der Hauch des Bösen (16; 36693) · Das Herz des Mörders (17; 36715) · Im Tod vereint (18; 36722) · Tanz mit dem Tod (19; 36723) · In den Armen der Nacht (20; 36966)

Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas (36753)

Nora Roberts ist J. D. Robb

Ein gefährliches Geschenk (36384)

J. D. Robb

Stich ins Herz

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2005

unter dem Titel »Origin in Death« bei G. P. Putnam’s Sons, a member of Penguin Group (USA) Inc., New York

1. Auflage

Taschenbuchausgabe März 2012 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2005 by Nora Roberts

Copyright © 2008 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarischen Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Umschlaggestaltung: © bürosüd°,München

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

Redaktion: Regine Kirtschig

LH ∙ Herstellung: sam

ISBN: 978-3-641-06162-3

www.blanvalet.de

Blood is thicker than water.

Blut ist dicker als Wasser.

– John Ray

There will be a time to murder and create.

Es wird eine Zeit geben zu morden und zu erschaffen.

T. S. Eliot

Prolog

Der Tod lächelte sie an und küsste sie zärtlich auf die Wange. Er hatte schöne Augen. Blau, auch wenn es ein anderes Blau als das Blau in ihrem Wachsmalkasten war. Sie durfte täglich eine Stunde malen. Malen war das Schönste, was es für sie gab.

Sie sprach drei Sprachen fließend, aber Chinesisch fiel ihr schwer. Zwar liebte sie das Zeichnen der Linien und Figuren, aus denen die Schriftzeichen bestanden, doch sie hatte Probleme, sie als Worte anzusehen.

Sie konnte in keiner der vier Sprachen richtig lesen, und sie wusste, dass der Mann, den sie und ihre Schwestern Vater nannten, deshalb in Sorge war.

Manchmal vergaß sie Dinge, an die sie sich erinnern sollte, doch er bestrafte sie nie– anders hielten das die anderen, wenn er nicht in der Nähe war. Die anderen waren die, die ihrem Vater dabei halfen, sie zu unterrichten und zu versorgen. Aber wenn er nicht dabei war und sie einen Fehler machte, taten sie etwas mit ihr, was wehtat und was sie zusammenzucken ließ.

Sie hatten ihr verboten, es dem Vater zu erzählen.

Er war immer nett, genau wie jetzt, als er an ihrer Seite saß und eine ihrer Hände hielt.

Es war Zeit für einen neuerlichen Test. Sie und ihre Schwestern absolvierten jede Menge Tests und manchmal, wenn sie einen Fehler machte, runzelte der Mann, den sie Vater nannte, sorgenvoll die Stirn oder sah sie traurig an. Bei einigen der Tests musste er sie mit einer Nadel pieksen oder ihren Kopf an ein Gerät anschließen. Diese Tests mochte sie nicht, aber sie tat einfach so, als würde sie mit ihren bunten Stiften malen, bis es vorüber war.

Sie war glücklich, manchmal wünschte sie allerdings, sie könnten einmal aus dem Haus gehen, statt immer nur so zu tun als ob. Die Hologramm-Programme waren lustig, das Picknick mit dem kleinen Hündchen machte ihr am meisten Spaß. Aber immer, wenn sie fragte, ob sie einen echten Welpen haben dürfte, verzog der Mann, den sie Vater nannte, seinen Mund zu einem Lächeln und sagte »Später. Wenn du älter bist«.

Sie musste sehr viel lernen. Es war wichtig, alles zu lernen, was sie lernen konnte, richtig zu sprechen, sich ordentlich zu kleiden, ein Instrument zu spielen und über alles diskutieren zu können, was sie hörte, las oder während des Unterrichts auf Video sah.

Ihr war klar, dass ihre Schwestern schneller und intelligenter als sie waren, aber sie zogen sie nie mit ihren Schwächen auf. Sie durften jeden Tag morgens und am Abend vor dem Schlafengehen eine Stunde miteinander spielen.

Was für sie noch schöner als das Picknick mit dem kleinen Hündchen war.

Sie wusste nicht, was Einsamkeit bedeutete, und hatte keine Ahnung, dass sie einsam war.

Als der Tod sie an die Hand nahm, lag sie– bereit, ihr Bestes zu geben– reglos auf dem Bett.

»Das hier wird dich ein bisschen schläfrig machen«, erklärte er in seinem ruhigen, sanften Ton.

Heute hatte er den Jungen mitgebracht. Sie freute sich, wenn sie den Jungen sah, auch wenn sie ihm gegenüber immer furchtbar schüchtern war. Er war älter als sie, hatte genauso blaue Augen wie der Mann, den sie Vater nannte, und sie hatte jedes Mal die Hoffnung, dass er mit ihr spielen würde, auch wenn er das niemals tat.

»Ist es so bequem, mein Schatz?«

»Ja, Vater.« Sie sah den Jungen, der an ihrem Bett stand, mit einem scheuen Lächeln an. Manchmal tat sie so, als ob der kleine Raum, in dem sie schlief, eine Kemenate in einer der alten Burgen wäre, von denen sie gelesen hatte und die sie manchmal in einem Video sah. Als ob sie die verzauberte Prinzessin wäre und der Junge der Prinz, der gekommen war, um sie zu retten.

Auch wenn sie nicht sicher hätte sagen können, aus welcher Gefahr.

Sie spürte kaum, als er sie mit der Nadel stach. Er war unendlich sanft.

Über ihrem Bett war ein Bildschirm in die Decke eingelassen, heute bildete der Mann, den sie Vater nannte, berühmte Gemälde darauf ab. Sie nannte die Namen der Gemälde und der Maler und hoffte, dass er mit ihr zufrieden war.

»Garten in Giverny 1902, Claude Monet. Fleurs et Mains, Pablo Picasso. Junges Mädchen, am Fenster stehend, Salvador Da… Salvador…«

»Dalí«, half er ihr.

»Dalí. Olivenbäume, Victor van Gogh.«

»Vincent«, korrigierte er.

»Es tut mir leid.« Ihre Stimme wurde schleppend. »Vincent van Gogh. Meine Augen tun mir weh, Vater. Mein Kopf ist furchtbar schwer.«

»Schon gut, Schatz. Mach einfach die Augen zu, ruh dich aus.«

Als sie einschlief, nahm er ihre Hand. Und hielt sie, bis sie starb.

Sie schied aus dem Leben fünf Jahre, drei Monate, zwölf Tage und sechs Stunden, nachdem sie auf die Welt gekommen war.

1

Wenn eins der weltweit berühmtesten Gesichter zu blutigem Brei geschlagen wurde, war das eine Nachricht wert. Sogar in New York. Und da die Besitzerin dieses Gesichts mehrere lebenswichtige Organe des Mannes, der es zertrümmert hatte, mit einem Filetiermesser durchlöchert hatte, rief das nicht nur die Journalisten, sondern auch die polizeilichen Ermittler auf den Plan.

Einen Gesprächstermin mit der Frau zu bekommen, deren Gesicht eine Unzahl von Kosmetika und anderen Produkten beworben hatte, war jedoch ein gottverdammter Kampf.

Lieutenant Eve Dallas stapfte wütend durch den schwülstig feudalen Warteraum des Wilfred B. Icove Zentrums für plastische und wiederaufbauende Chirurgie. Sie war bereit zu kämpfen, denn inzwischen hatte sie die Nase voll.

»Falls sie sich einbilden, sie könnten mich ein drittes Mal wegschicken, wissen sie nicht, wie es ist, wenn mein geballter Zorn sie trifft.«

»Beim ersten Mal war sie bewusstlos.« Detective Delia Peabody lümmelte in einem der luxuriösen, übertrieben weichen Sessel, schlug die Beine übereinander und nippte vorsichtig an ihrem heißen Tee. »Und auf dem Weg in den OP.«

»Beim zweiten Mal war sie eindeutig wach.«

»Aber sie lag noch im Aufwachraum.« Wieder nippte Peabody an ihrem Tee und träumte von den Dingen, die sie machen ließe, wäre sie zur Gesichts- oder zur Körperformung hier.

Vielleicht ließe sie sich zuerst das Haar verlängern. Damit wäre schon einmal etwas gewonnen, und es täte ganz bestimmt nicht weh, überlegte sie, während sie mit ihren Fingern durch ihre kurzen, dunklen Haare fuhr.

»Die ganze Sache ist noch keine achtundvierzig Stunden her, und es scheint eindeutig Notwehr gewesen zu sein.«

»Sie hat acht Mal auf ihn eingestochen.«

»Okay, vielleicht hat sie ein bisschen übertrieben, aber wir beide wissen, dass ihr Anwalt trotzdem auf Notwehr plädieren wird. Er wird erzählen, dass sie völlig panisch und deswegen wie von Sinnen war, und das kaufen die Geschworenen ihm auch ganz sicher ab.« Vielleicht ließe sie sich blonde Strähnen machen, überlegte sie. »Schließlich ist Lee-Lee Ten eine Ikone. Sie verkörpert die weibliche Schönheit in ihrer ganzen Perfektion, und der Typ hat richtiggehend Hackfleisch aus ihrem Gesicht gemacht.«

Eine gebrochene Nase, ein zertrümmerter Wangenknochen, ein gebrochener Kiefer und eine gerissene Netzhaut, ging Eve die Liste der Blessuren in Gedanken durch. Verdammt, sie hatte sicher nicht die Absicht, der Frau einen Mord oder auch nur einen Totschlag anzuhängen. Schließlich hatte sie schon mit dem Arzt gesprochen, der die Erstversorgung vorgenommen hatte, und sich auch den Tatort angesehen.

Aber wenn sie die Ermittlungen in diesem Fall nicht ungehend zum Abschluss brächte, fiele garantiert erneut die Meute der Journalisten über sie her.

Wenn es dazu käme, wäre sie versucht, Ten selbst auch noch einmal die Visage zu polieren, und damit wäre sicher niemandem gedient.

»Entweder sie spricht mit uns und wir können die Akte schließen, oder ich zerre sie und ihre Anwälte wegen Behinderung polizeilicher Ermittlungen persönlich vor Gericht.«

»Wann kommt Roarke eigentlich zurück?«

Eve hielt lange genug im Stapfen inne, um ihre Partnerin stirnrunzelnd anzusehen. »Warum?«

»Sie sind heute ungewöhnlich reizbar, das heißt, noch reizbarer als sonst, ich denke, Sie leiden einfach unter Roarke-Entzug.« Peabody stieß einen wehmütigen Seufzer aus. »Aber wer könnte Ihnen das verdenken?«

»Ich leide weder unter Roarke- noch unter irgendeinem anderen Entzug.« Eve stapfte weiter in dem Wartezimmer auf und ab. Sie hatte endlos lange Beine, machte deshalb immer große Schritte und fühlte sich in dem übermäßig dekorierten Zimmer etwas eingeengt. Ihr seidiges, rehbraunes Haar, das sie noch kürzer trug als ihre Partnerin, fiel in wild zerzausten Strähnen in die großen braunen Augen in ihrem schmalen, scharfkantigen Gesicht. Doch körperliche Schönheit war ihr anders als den Kundinnen und den Patientinnen des Zentrums vollkommen egal.

Sie war nicht ihres Aussehens, sondern eines Todesfalles wegen hier.

Vielleicht fehlte Roarke ihr wirklich, gestand sie sich widerstrebend ein. Aber das war schließlich kein Verbrechen, sondern höchstwahrscheinlich ganz normal. Nur waren ihr die Regeln einer Ehe auch nach über einem Jahr noch nicht vertraut.

Roarke war inzwischen nur noch selten länger als ein, zwei Tage geschäftlich unterwegs, dieses Mal war er jedoch schon beinahe eine ganze Woche fort.

Aber schließlich hatte sie ihn selbst dazu gedrängt, erinnerte sie sich. Denn sie war sich bewusst, dass er seine Arbeit in den letzten Monaten sehr häufig hatte liegen lassen, um ihr bei ihren Ermittlungen zu helfen oder um ganz einfach für sie da zu sein.

Als Eigentümer oder Anteilseigner an den meisten Unternehmen, Kunstbetrieben, Entertainment-Industrien, Grundstücken und Immobilien des bekannten Universums hatte er ständig einige Eisen im Feuer.

Sie kam damit zurecht, wenn sie eine Woche keins dieser Eisen war. Schließlich war sie nicht blöd.

Trotzdem schlief sie in den letzten Nächten nicht besonders gut.

Sie trat vor einen Sessel, doch er war so riesig und so pink, dass sie das Gefühl hatte, als würde jeder, der sich darauf setzte, von einem riesengroßen, dick bemalten Mund verschluckt.

»Was hat Lee-Lee Ten um zwei Uhr in der Frühe in der Küche ihres dreigeschossigen Penthauses gemacht?«

»Vielleicht hatte sie einfach Appetit auf einen späten Snack?«

»Sämtliche Räume ihrer Wohnung sind mit AutoChefs bestückt.«

Eve trat vor eins der großen Fenster, denn sie blickte lieber in den trüben regnerischen Tag als auf das grelle Pink des Warteraums. Bisher war der Herbst des Jahres 2059 stürmisch, kalt und ekelhaft.

»Alle, mit denen wir bisher gesprochen haben, haben ausgesagt, dass Ten Bryhern Speegal den Laufpass gegeben hatte.«

»Dabei waren die beiden das Paar dieses Sommers«, warf Peabody ein. »Es gab keinen Society-Bericht im Fernsehen und kein Hochglanzmagazin, in dem die beiden nicht vorgekommen wären… nicht, dass ich meine ganze Freizeit damit zubringe, mir solche Sachen anzusehen.«

»Richtig. Informierten Kreisen zufolge hat sie sich letzte Woche von dem Kerl getrennt. Trotzdem hält sie sich um zwei Uhr morgens mit ihm in ihrer Küche auf. Beide haben Morgenmäntel an, und im Schlafzimmer gibt es Beweise dafür, dass es zu Intimitäten kam.«

»Vielleicht wollte sie sich ja mit ihm versöhnen, aber das hat nicht funktioniert?«

»Dem Portier, den Überwachungsdisketten und ihrem Haushaltsdroiden zufolge ist Speegal um dreiundzwanzig Uhr vierzehn bei ihr aufgetaucht. Der Droide hat ihn eingelassen und wurde danach auf Stand-by gestellt.«

Weingläser im Wohnzimmer, ging es ihr durch den Kopf. Ein Paar Männer-, ein Paar Frauenschuhe und ihr Hemd. Seins hatte achtlos auf der geschwungenen Treppe gelegen, über die man in die obere Etage kam. Ihren Büstenhalter hatte Lee-Lee am oberen Ende des Geländers aufgehängt.

Auch ohne Bluthund konnte Eve die Spur der beiden bis zum Schlafzimmer verfolgen und dort riechen, was zwischen ihnen vorgefallen war.

»Er kommt rüber, er kommt rein, sie setzen sich ins Wohnzimmer, genehmigen sich ein paar Drinks, dann kommt Sex ins Spiel. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass er nicht einvernehmlich war. Kein Zeichen eines Kampfes, wenn er sie vergewaltigt hätte, hätte er sie sicher nicht extra die Treppe rauf- und ihr dabei die Kleider vom Leib gezerrt.«

Sie vergaß ihre Aversion gegen den pinkfarbenen Sessels und nahm nachdenklich darauf Platz. »Sie sind also raufgegangen und haben auf der Matratze rumgeturnt. Dann aber sind sie plötzlich wieder unten in der Küche, und es kommt zu einem Kampf. Der Droide hört verdächtige Geräusche, kommt aus seiner Kammer, findet ihn tot und sie bewusstlos auf dem Küchenboden vor und ruft nach einem Krankenwagen und der Polizei.«

Die Küche hatte wie ein Schlachtfeld ausgesehen. Speegal, der verführerischste Mann des Jahres, hatte mit dem Gesicht in Richtung Boden regelrecht in seinem eigenen Blut gebadet, an fast allen Oberflächen in dem riesengroßen, ganz in Silber und in Weiß gehaltenen Raum hatte etwas von der dunkelroten Flüssigkeit geklebt.

Vielleicht hatte der grauenhafte Anblick sie daran erinnert, wie ihr Vater ausgesehen hatte, gestand sie sich widerstrebend ein. Natürlich war der Raum in Dallas nicht so groß und elegant gewesen, doch das Blut war genauso dick und nass geflossen, nachdem das kleine Messer, das sie in der Hand gehalten hatte, ein ums andere Mal in seinen Körper eingedrungen war.

»Manchmal hat man keine andere Möglichkeit«, erklärte Peabody ihr ruhig. »Manchmal hat man keine andere Möglichkeit zu überleben.«

»Nein.« Reizbar überlegte Eve, wenn ihre Partnerin so leicht ihre Gedanken lesen konnte, verlor sie vielleicht allmählich den Verstand. »Manchmal hat man keine andere Möglichkeit.«

Erleichtert stand sie auf, als der Arzt endlich den Raum betrat.

Sie hatte sich bereits gründlich mit dem Mann befasst. Wilfred B. Icove junior war durchaus erfolgreich in die Fußstapfen des Seniors getreten, er herrschte inzwischen autonom über die zahlreichen Stationen der Klinik seines Vaters und war als der sogenannte Bildhauer der Stars bekannt.

Er stand in dem Ruf, verschwiegen wie ein Priester, geschickter als ein Magier und fast so reich wie Roarke zu sein. Mit seinen vierundvierzig Jahren sah er wie ein Filmstar aus. Er hatte leuchtend blaue Augen, hohe, fein geschwungene Wangenknochen, einen straffen Kiefer, eine schmale Nase, einen hübsch geschwungenen Mund und in dichten Wellen aus der Stirn gekämmtes, volles, goldenes Haar.

Er war vielleicht drei Zentimeter größer als die einen Meter fünfundsiebzig große Eve, und selbst in seinem eleganten schiefergrauen Anzug mit den schimmernden kalkweißen Streifen wirkte er durchtrainiert und fit. Er trug ein Hemd in der Farbe der Streifen und an einer haarfeinen Kette hing ein Silbermedaillon um seinen Hals.

Er reichte Eve die Hand und bedachte sie mit einem entschuldigenden Lächeln, durch das sein strahlendes Gebiss vorteilhaft zur Geltung kam. »Es tut mir furchtbar leid. Ich weiß, Sie warten bereits eine halbe Ewigkeit. Ich bin Dr. Icove. Ich bin Lee-Lees– Ms Tens«, verbesserte er sich, »behandelnder Arzt.«

»Lieutenant Dallas von der New Yorker Polizei. Detective Peabody. Wir müssen mit ihr sprechen.«

»Ja, ich weiß. Ich weiß, Sie haben schon versucht, mit ihr zu sprechen, und ich bitte Sie nochmals um Verzeihung wegen der Verzögerung.« Auch seine Stimme klang sehr kultiviert. »Inzwischen ist ihr Anwalt da. Sie ist bei Bewusstsein, und ihr Zustand ist stabil. Sie ist eine starke Frau, Lieutenant, die jedoch sowohl körperlich als auch emotional ein schweres Trauma erlitten hat. Deshalb hoffe ich, dass Ihre Unterhaltung nicht zu lange dauern wird.«

»Das wäre für uns alle schön, nicht wahr?«

Abermals sah er sie lächelnd an und winkte dann in Richtung Tür. »Sie steht unter Medikamenten«, erklärte er, während er vor den beiden Frauen einen mit Gemälden und Skulpturen makelloser Frauen geschmückten breiten Flur hinunterging. »Aber sie ist völlig klar, und sie möchte dieses Gespräch genauso sehr wie Sie führen. Ich hätte es vorgezogen, mindestens noch einen Tag damit zu warten, und ihr Anwalt… aber, wie gesagt, sie ist eine starke Frau.«

Icove ignorierte den uniformierten Beamten, der vor der Tür des Krankenzimmers wachte, als wäre er unsichtbar. »Ich wäre gern dabei, um sie während des Gesprächs zu überwachen.«

»Kein Problem.« Eve nickte dem Beamten zu und betrat den Raum.

Er war so luxuriös wie eine Suite in einem Fünf-Sterne-Hotel, und die unzähligen Blumen hätten für die Bepflanzung eines beachtlichen Bereichs des Central Parks gereicht.

Die silbrig schimmernden, blass pinkfarbenen Wände waren mit Gemälden weiblicher Gottheiten verziert. Breite Sessel und glänzende Tische luden die Besucher zum Plaudern oder zum Fernsehen ein.

Der Sichtschutz vor der breiten Fensterfront hinderte Journalisten und vorbeifliegende Pendler daran, in den Raum zu sehen, gab jedoch den Ausblick auf den wunderbaren Park hinter der Klinik frei.

Unter der zart pinkfarbenen Decke mit den weißen Spitzen auf dem breiten Bett lugte ein Gesicht hervor, das den Eindruck machte, als hätte es einen Zusammenstoß mit einem Rammbock hinter sich.

Schwarze Haut, weiße Bandagen, das linke Auge hinter einem Heftpflaster versteckt. Die vollen Lippen, die zum Absatz von Millionen Lippenstiften, Lipgloss und Lippenkühlern beigetragen hatten, waren bis zur Unkenntlichkeit geschwollen und dick mit einer grünen Creme bedeckt. Das volle Haar, das den Verkauf von ungezählten Flaschen Shampoo, Conditioner und Färbemittel gefördert hatte, war zu einem matten roten Mopp aus dem Gesicht gekämmt.

Mit ihrem nicht verklebten Auge blickte die Gestalt auf Eve. Das leuchtende Smaragdgrün ihrer Iris hob sich nur unmerklich von den schillernden Regenbogenfarben, die ihr Auge rahmten, ab.

»Meine Mandantin hat starke Schmerzen«, fing der Anwalt an. »Sie steht unter dem Einfluss von Medikamenten und vor allem unter Stress. Ich…«

»Halten Sie die Klappe, Charlie.« Die Stimme aus dem Bett klang erschreckend rau und seltsam zischend, der Anwalt presste die Lippen aufeinander und hielt folgsam seinen Mund.

»Sehen Sie mich an«, wandte sich die Frau an Eve. »Sehen Sie sich an, wie dieser Hurensohn mich zugerichtet hat. Vor allem mein Gesicht!«

»Ms Ten…«

»Ich kenne Sie. Irgendwo habe ich Sie schon mal gesehen.« Lee-Lee sprach deshalb so zischend, weil sie eine Klammer um die Zähne trug, bemerkte Eve jetzt. Ihr Kiefer war gebrochen, das tat sicher höllisch weh. »Ich verdiene mit Gesichtern meinen Lebensunterhalt, und Sie… Roarke. Sie sind Roarkes Cop. Das ist ja wohl der Hit.«

»Ich bin Lieutenant Eve Dallas. Und das ist Detective Peabody, meine Partnerin.«

»Vor vier oder fünf Jahren habe ich mal ein verregnetes Wochenende in Rom mit ihm im Bett verbracht. Mein Gott, der Mann hat wirklich Stehvermögen, wenn ich das so sagen darf.« Ihre grünen Augen blitzten humorvoll auf. »Stört Sie das?«

»Haben Sie später auch noch Zeit mit ihm im Bett verbracht?«

»Bedauerlicherweise nicht. Nur dieses eine erinnerungswürdige Wochenende in Rom.«

»Dann stört es mich nicht. Aber sprechen wir lieber über das, was vorletzte Nacht zwischen Ihnen und Bryhern Speegal vorgefallen ist.«

»Dieser schwanzlutschende Bastard.«

»Lee-Lee«, tadelte ihr Doktor sanft.

»Tut mir leid. Will hat nichts für Kraftausdrücke übrig. Er hat mir wehgetan.« Sie klappte die Augen zu und atmete langsam ein und aus. »Gott, er hat mir wirklich wehgetan. Kann ich etwas Wasser haben?«

Ihr Anwalt griff nach einem Silberbecher mit einem Silberstrohhalm und hielt ihn ihr an den Mund.

Sie saugte, holte hörbar Luft, saugte noch einmal und tätschelte dem Mann die Hand. »Tut mir leid, Charlie. Tut mir leid, dass ich gesagt habe, dass Sie die Klappe halten sollen. Ich bin einfach nicht in Form.«

»Sie brauchen jetzt nicht mit der Polizei zu sprechen, Lee-Lee.«

»Sie haben meinen Fernseher ausgeschaltet, damit ich nicht höre, was sie über mich erzählen. Aber ich brauche die Glotze gar nicht anzuschalten, um zu wissen, was die Affen und Hyänen von den Medien aus der Geschichte machen. Ich will die Sache klarstellen. Verdammt noch mal, ich will, dass endlich irgendwer erfährt, was wirklich vorgefallen ist.«

Ihre Augen füllten sich mit Tränen, doch sie blinzelte sie wütend fort, und dafür zollte Eve ihr einigen Respekt.

»Sie und Mr Speegal hatten eine Beziehung. Eine intime Beziehung.«

»Wir haben den ganzen Sommer über gerammelt wie die Karnickel.«

»Lee-Lee«, setzte Charlie an, dass sie ihn ungeduldig fortstieß, konnte Eve verstehen.

»Ich habe Ihnen erzählt, was passiert ist, Charlie. Haben Sie mir geglaubt?«

»Selbstverständlich glaube ich Ihnen.«

»Dann lassen Sie mich die Geschichte auch Roarkes Cop erzählen, ja? Ich habe Bry im Mai bei einem Video-Shooting hier in New York kennen gelernt. Keine zwölf Stunden, nachdem wir uns zum ersten Mal begegnet waren, lagen wir schon zusammen in der Kiste. Er ist– er war«, verbesserte sie sich, »ein Bild von einem Mann. Er sah so fantastisch aus, dass einem bei seinem Anblick fast automatisch die Kleider vom Leib gefallen sind. Zugleich aber strohdumm und, wie ich vorletzte Nacht herausgefunden habe, bösartig wie… mir fällt einfach nichts ein, was so bösartig wäre, wie dieser Kerl war.«

Wieder zog sie an dem Strohhalm und atmete dreimal nacheinander langsam ein. »Trotzdem hatten wir jede Menge Spaß, phänomenalen Sex und vor allem war das alles die denkbar beste und günstigste Publicity für uns. Nur hat er mit der Zeit einfach zu sehr den Macho rausgekehrt. Ich will dies, ich verbiete dir das, wir gehen heute Abend in das und das Lokal, wo bist du gewesen, und so weiter und so fort. Also beschloss ich, das Ganze zu beenden. Das habe ich letzte Woche auch getan. Lass uns ein bisschen auf Abstand zueinander gehen, habe ich zu ihm gesagt. Die Zeit mit dir war durchaus lustig, aber allmählich wird es mir etwas zu eng. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er nicht unbedingt begeistert war, aber er kam damit zurecht. Das heißt, ich dachte, er käme damit zurecht. Himmel, schließlich waren wir keine kleinen Kinder, und wir waren auch nicht unsterblich ineinander verliebt.«

»Hat er zu dem Zeitpunkt irgendwelche Drohungen ausgestoßen, oder hat er Sie attackiert?«

»Nein.« Sie hob eine Hand an ihr Gesicht, obwohl ihre Stimme ihren festen Klang behielt, nahm Eve das leichte Zittern ihrer Finger wahr. »Er hat nur gesagt: ›Ja klar, ich habe selbst schon überlegt, wie ich es dir sagen soll, dass die Sache zwischen uns allmählich etwas langweilig geworden ist.‹ Dann ist er nach New Los Angeles geflogen, um dort Werbung für das Video zu machen. Als er mich vorgestern anrief, um zu sagen, dass er wieder in New York wäre, und mich fragte, ob er rüberkommen könnte, um mit mir zu reden, habe ich natürlich ja gesagt.«

»Sein Anruf kam kurz vor elf.«

»Das kann ich nicht mehr sicher sagen.« Lee-Lee sah sie mit einem schiefen Lächeln an. »Ich war mit Freunden im Meadow essen. Mit Carly Jo, Presty Bing und Apple Grand.«

»Wir haben schon mit ihnen gesprochen«, erklärte Peabody. »Sie haben die Verabredung bestätigt und haben ausgesagt, Sie hätten das Restaurant gegen zehn verlassen.«

»Ja, sie wollten noch in einen Club, aber ich war nicht in der Stimmung. Was, rückblickend betrachtet, sicher ziemlich dämlich war.« Sie berührte noch einmal ihr Gesicht, bevor sie ihre Hand auf die Bettdecke fallen ließ.

»Ich bin nach Hause gefahren und habe angefangen, das Drehbuch für einen neuen Film zu lesen, das mir mein Agent geschickt hat. Aber es war einfach scheiße– sorry, Will–, und deshalb war ich gar nicht böse, als Bry angerufen hat. Wir haben ein Glas Wein getrunken, kurz geredet und dann hat er mich wieder rumgekriegt. Darin war er wirklich gut«, räumte sie mit dem Anflug eines Lächelns ein. »Also sind wir raufgegangen, haben nach Kräften gevögelt, und danach hat er etwas in der Art zu mir gesagt wie ›Mich hat in meinem ganzen Leben noch kein Weibsbild abserviert‹ und er würde es mich wissen lassen, wenn er mit mir fertig ist. Dieser verdammte Hurensohn.«

Eve sah Lee-Lee forschend ins Gesicht. »Das hat Sie also genervt.«

»Und wie. Es war offensichtlich, dass er nur gekommen und mit mir ins Bett gegangen war, um mir das zu sagen.« Eine dunkle Röte überzog ihr geschwollenes Gesicht. »Und ich bin auf ihn reingefallen, weshalb ich auf mich selbst mindestens genauso wütend war. Ich habe mir wortlos einen Morgenrock geschnappt und bin in die Küche runtergegangen, um mich zu beruhigen. In meinem Metier macht es sich bezahlt, wenn man sich keine Feinde macht. Also bin ich in die Küche gegangen, um mich abzuregen und um mir zu überlegen, wie ich mich am besten aus der Affäre ziehen kann. Außerdem hatte ich noch Appetit auf ein Omelett.«

»Verzeihung«, fiel ihr Eve ins Wort. »Sie sind wütend aus dem Bett gesprungen und dann runter in die Küche gegangen, weil Sie ein Rührei wollten?«

»Sicher. Ich koche gern. Es hilft mir beim Nachdenken.«

»Sämtliche Räume Ihrer Wohnung sind mit AutoChefs bestückt.«

»Wie gesagt, ich koche gerne«, wiederholte Lee-Lee. »Haben Sie etwa noch keine meiner Kochsendungen gesehen? Ich koche darin wirklich selbst, da können Sie jeden fragen, der beim Dreh dabei war. Ich bin also runter in die Küche und dort erst mal auf und ab gelaufen, um mich so weit abzuregen, dass ich ein paar Eier in die Pfanne schlagen kann, und da kommt er plötzlich durch die Tür gestürmt.«

Jetzt wandte sich Lee-Lee Icove zu, eilig trat der Arzt neben ihr Bett und ergriff tröstend ihre Hand.

»Danke, Will. Er stolzierte wie ein aufgeblasener Gockel durch den Raum, sagte, wenn er für eine Hure zahlt, ist er derjenige, der sagt, wann sie wieder gehen kann, und mit mir wäre es nichts anderes. Schließlich hätte er mich mit Schmuck und anderen Geschenken überhäuft.« Sie zuckte mühsam mit der Schulter. »Er meinte, er ließe ganz bestimmt nicht zu, dass ich herumerzähle, dass er von mir den Laufpass bekommen hätte. Denn er würde mir den Laufpass geben, und zwar, wenn er es wolle. Ich habe ihm gesagt, dass er verschwinden soll. Er hat mich geschubst und ich habe zurückgeschubst, wir haben uns lautstark angeschrien und… Himmel, ich habe es nicht kommen sehen. Das Nächste, was ich weiß, ist, dass ich auf dem Boden liege und dass mein Gesicht wie Feuer brennt. Ich schmecke Blut im Mund. Nie zuvor in meinem ganzen Leben hat mich ein Mensch geschlagen.«

Mit zitternder, belegter Stimme fuhr sie fort. »Nie zuvor in meinem ganzen Leben… ich habe keine Ahnung, wie oft er mich geschlagen hat. Ich glaube, einmal ist es mir gelungen, mich vom Boden aufzurappeln, und ich habe versucht, vor ihm zu fliehen. Aber ich schwöre, genau weiß ich es nicht. Ich habe versucht davonzukrabbeln und habe wie wahnsinnig geschrien. Dann hat er mich hochgerissen. Von all dem Blut in meinen Augen und vor lauter Schmerzen konnte ich kaum noch was sehen. Ich dachte, er bringt mich um. Er hat mich rücklings gegen die Kochinsel gestoßen, und ich habe mich daran festgeklammert, sonst wäre ich erneut gestürzt. Wenn ich gefallen wäre, hätte er mich umgebracht.«

Sie machte eine Pause und klappte kurz die Augen zu. »Ich weiß nicht, ob ich das zu dem Zeitpunkt schon dachte oder vielleicht erst später, und ich kann auch nicht sagen, ob es wirklich stimmt. Ich glaube…«

»Es reicht, Lee-Lee.«

»Nein, Charlie. Ich muss es zu Ende bringen. Ich glaube…«, fuhr sie fort, »rückblickend betrachtet glaube ich, dass er vielleicht fertig war. Vielleicht hatte er mich genug geschlagen, oder vielleicht wurde ihm klar, dass er mich stärker verletzt hatte, als es seine Absicht war. Vielleicht wollte er mir nur etwas die Visage polieren. Aber in dem Moment, als ich fast an meinem eigenen Blut erstickt bin, als ich kaum etwas sehen konnte und mein Gesicht sich anfühlte, als würde es verbrennen, hatte ich einfach Todesangst. Das schwöre ich. Er trat wieder auf mich zu und ich… hinter mir war der Messerblock, ich habe eins der Messer rausgezogen. Wenn ich besser hätte sehen können, hätte ich ein größeres gewählt. Das schwöre ich ebenfalls. Ich wollte ihn töten, damit er mich nicht tötet. Aber er hat nur gelacht. Er hat gelacht und hat den Arm gehoben, als ob er mir den nächsten Schlag verpassen wollte.«

Inzwischen klang ihre Stimme wieder ruhig, und sie sah Eve durchdringend aus ihrem einen sichtbaren grünen Auge an. »Ich habe das Messer in ihn hineingerammt. Es ist in ihn eingedrungen, ich habe es wieder rausgezogen und noch mal zugestochen. Das habe ich so oft wiederholt, bis ich ohnmächtig geworden bin. Es tut mir nicht im Geringsten leid.«

Jetzt brach sich eine Träne Bahn und rann über ihre zerschundene Wange in Richtung ihres Kinns. »Es tut mir wirklich kein bisschen leid. Aber es tut mir leid, dass ich mich je von ihm habe berühren lassen. Er hat mein Gesicht zerstört. Will.«

»Wenn Sie wieder gesund sind, werden Sie schöner sein als je zuvor«, versicherte er ihr.

»Vielleicht.« Sie wischte sich vorsichtig die Träne fort. »Aber ich werde nie wieder ganz die Alte sein. Haben Sie jemals einen Menschen umgebracht?«, wandte sie sich an Eve. »Haben Sie jemals einen Menschen umgebracht und es nicht bereut?«

»Ja.«

»Dann wissen Sie, wie es mir geht. Man wird nie wieder die, die man vorher war.«

Als sie fertig waren, folgte Anwalt Charlie ihnen in den Flur.

»Lieutenant…«

»Regen Sie sich ab, Charlie«, erklärte Eve ihm müde. »Wir werden sie nicht unter Anklage stellen. Ihre Aussage stimmt mit den Beweisen und mit den anderen Aussagen überein. Sie wurde angegriffen und hat sich in Todesangst gegen den Angreifer gewehrt.«

Er nickte, doch er wirkte leicht enttäuscht, weil es jetzt nicht mehr nötig war, dass er sein teures weißes Ross bestieg und seiner Mandantin zu Hilfe kam. »Ich würde gern die offizielle Erklärung sehen, bevor sie an die Medien weitergegeben wird.«

Eve machte ein Geräusch, das vielleicht ein Lachen war, machte auf dem Absatz kehrt und wandte sich zum Gehen. »Davon bin ich überzeugt.«

»Alles okay?«, fragte ihre Partnerin sie auf dem Weg zum Lift.

»Sehe ich vielleicht so aus, als wäre ich nicht okay?«

»Nein, Sie sehen prima aus. Da wir gerade von Ihrem Aussehen sprechen, was würden Sie machen lassen, wenn Sie Dr. Icoves Dienste beanspruchen würden?«

»Ich würde mir einen guten Psychiater suchen, der mir hilft herauszufinden, weshalb in aller Welt ich einen anderen Menschen an meinem Gesicht oder meinem Körper rumschnippeln lassen will.«

Wenn man das Haus verlassen wollte, musste man sich einer ebenso genauen Sicherheitskontrolle unterziehen wie beim Betreten. Eine gründliche Durchleuchtung stellte sicher, dass man keine Souvenirs und vor allem keine Fotos bei sich trug. Schließlich gingen die Patientinnen der Klinik davon aus, dass kein Mensch von den Dingen, die sie mit sich machen ließen, je etwas erfuhr.

Während Eve und Peabody durchleuchtet wurden, sah Eve Icove, der gehetzt den Gang hinunterlief und einen in der Wand versteckten, offenbar privaten Lift betrat.

»Er hat es aber ganz schön eilig. Anscheinend gibt es irgendeinen Notfall, dem er sofort das Fett absaugen muss.«

»Okay.« Peabody trat aus dem Scanner. »Zurück zu unserem ursprünglichen Thema. Ich meine, wenn Sie etwas an Ihrem Gesicht verändern könnten, was würden Sie dann nehmen?«

»Weshalb sollte ich etwas an meinem Gesicht verändern? Ich gucke es mir meistens sowieso nicht an.«

»Ich hätte gern mehr Lippen.«

»Sind die beiden, die Sie haben, etwa nicht genug?«

»Meine Güte, Dallas, ich meine, meine Lippen könnten ruhig ein bisschen voller und verführerischer sein.« Sie spitzte ihren Mund und blickte prüfend in den Spiegel, als sie in den Fahrstuhl stieg. »Und vielleicht eine etwas schmalere Nase.« Sie strich mit dem Daumen und dem Zeigefinger über ihre Nase und nahm dabei Maß. »Finden Sie meine Nase nicht auch etwas zu breit?«

»Vielleicht haben Sie Recht. Vor allem, wenn Sie sie in meine Angelegenheiten stecken, könnte sie ein bisschen kleiner sein.«

»Gucken Sie sich nur mal ihre Nase an.« Peabody klopfte mit dem Finger auf eins der vielen Poster an der Wand des Lifts. Perfekte Gesichter und perfekte Körper machten darauf Werbung für das Etablissement. »Die würde mir gefallen. Sie sieht wie gemeißelt aus. Ihre Nase übrigens auch.«

»Es ist eine Nase wie jede andere auch. Sie sitzt mitten im Gesicht und erlaubt es mir, durch zwei praktische Löcher Luft zu ziehen.«

»Sie haben gut reden, Sie Marmornase, Sie.«

»Vielleicht haben Sie Recht. Vielleicht brauchen Sie wirklich etwas vollere Lippen.« Eve ballte eine Hand zur Faust. »Wollen wir doch mal sehen, ob ich Ihnen nicht dazu verhelfen kann.«

Peabody grinste fröhlich und sah weiter träumerisch die Poster an. »Diese Klinik ist wie ein Palast der körperlichen Perfektion. Vielleicht komme ich wirklich noch mal wieder und probiere eins der kostenlosen Veränderungsprogramme aus, um zu sehen, ob mir ein vollerer Mund und eine schmale Nase stehen. Und vielleicht frage ich Trina, ob sie etwas mit meinen Haaren machen kann.«

»Warum in aller Welt müssen alle ständig etwas mit ihren Haaren machen? Sie bedecken den Kopf und schützen ihn vor Nässe und Kälte, egal, was für eine Frisur man hat.«

»Sie haben doch nur Angst, dass Trina auch zu Ihnen kommt, wenn ich mit ihr rede.«

»Habe ich nicht.« Der Gedanke, dass sie Trina in die Hände fallen könnte, rief keine bloße Angst, sondern regelrechte Panik in ihr wach.

Zu ihrer Überraschung spuckte der Lautsprecher des Fahrstuhls plötzlich ihren Namen aus. Eve runzelte die Stirn und legte ihren Kopf ein wenig schräg.

»Ich bin hier.«

»Bitte, Lieutenant, begeben Sie sich schnellstmöglich zu Dr. Icove in den fünfundvierzigsten Stock. Es handelt sich um einen Notfall.«

»Sicher.« Sie warf einen Blick auf Peabody, zuckte mit den Schultern, drückte auf die Fünfundvierzig und spürte, wie der Fahrstuhl seine Fahrt verlangsamte und dann statt nach unten wieder nach oben fuhr. »Ich frage mich, worum es geht«, sagte sie zu ihrer Partnerin. »Vielleicht ist ihm ja eine seiner Schönheit-um-jeden-Preis-Patientinnen abgekratzt.«

»Bei Schönheitsoperationen sterben die Leute nicht.« Immer noch strich Peabody nachdenklich mit einem Finger über ihr Riechorgan. »Zumindest kommt das nur sehr selten vor.«

»Wir könnten alle Ihre schmale Nase auf Ihrer Beerdigung bewundern. Schade, dass sie nicht mehr lebt, würden wir dann sagen und uns die Tränen aus den Augen wischen. Aber sie hat wirklich einen tollen Zinken in ihrem toten Gesicht.«

»Vergessen Sie’s.« Peabody zog die Schultern an und kreuzte die Arme vor der Brust. »Außerdem würden Sie es gar nicht schaffen, sich die Tränen wegzuwischen. Sie würden nämlich derart heulen, dass Sie vor lauter Tränen nichts mehr erkennen würden, und dann könnten Sie noch nicht mal meine Nase sehen.«

»Weshalb es umso blöder wäre, für das Ding zu sterben.« Zufrieden, weil sie als Siegerin aus diesem Gefecht hervorgegangen war, stieg Eve aus dem Lift.

»Lieutenant Dallas. Detective Peabody.« Eine Frau mit einer– hmm– fein gemeißelten Nase und Haut in der Farbe goldenen, zähflüssigen Karamells trat eilig auf sie zu und sah sie aus tränenfeuchten, onyxschwarzen Augen an. »Dr. Icove. Dr. Icove. Es ist etwas Schreckliches passiert.«

»Ist er verletzt?«

»Er ist tot. Er ist tot. Sie müssen sofort kommen. Bitte, machen Sie schnell.«

»Himmel, wir haben ihn doch erst vor fünf Minuten gesehen.« Peabody verfiel in einen leichten Trab, um nicht den Anschluss zu verlieren, als Eve die Frau verfolgte, die beinahe im Sprint den eleganten Bürobereich durchquerte, über dem eine beinahe geisterhafte Ruhe lag. Durch die große Glasfront sah man, dass es draußen stürmte, hier drinnen aber war es wohlig warm und die gedämpfte Beleuchtung tauchte die üppigen, grünen Pflanzen, die sinnlichen Skuplturen und romantischen Gemälde– ausnahmslos von nackten Frauen– in ein weiches Licht.

»Vielleicht machen Sie ein bisschen langsamer und erzählen uns erst mal, was vorgefallen ist«, schlug Eve mit ruhiger Stimme vor.

»Ich kann nicht. Ich habe keine Ahnung, was geschehen ist.«

Eve würde nie verstehen, wie die Frau es schaffte, auf den fünfzehn Zentimeter hohen Pfennigabsätzen zu stehen und sogar zu rennen, doch sie stürmte durch eine breite, grüne Rauchglasflügeltür in den angrenzenden Warteraum.

Im selben Augenblick trat Icove, leichenblass, doch offenkundig noch am Leben, aus einer anderen offenen Tür.

»Es freut mich, dass die Gerüchte über Ihren Tod anscheinend übertrieben waren«, setzte Eve ein wenig bissig an.

»Nicht ich, nicht… Mein Vater. Jemand hat meinen Vater umgebracht.«

Die Frau, die sie vom Lift hierher geleitet hatte, brach erneut in Tränen aus. »Setzen Sie sich erst mal, Pia.«

Icove legte eine Hand auf ihre bebende Schulter und drückte sie sanft auf einen Stuhl. »Setzen Sie sich und kommen Sie erst mal wieder zu sich. Ohne Sie überstehe ich das alles nämlich nicht.«

»Ja. Okay. Ja. Oh, Dr. Will.«

»Wo ist er?«, fragte Eve.

»Da drin. Hinter seinem Schreibtisch, hier. Sie können…« Icove schüttelte den Kopf und machte eine müde Geste in Richtung der halb offenen Tür.

Obwohl das Büro geräumig war, verliehen ihm die warmen Farben und bequemen Stühle ein behagliches Flair. Die hohen, schmalen Fenster boten einen Blick auf die New Yorker Skyline, ließen aufgrund der blassgoldenen Jalousien jedoch nur weiches Licht herein. In den Nischen an den Wänden waren Kunstwerke und private Fotos ausgestellt.

Eve sah einen Lederstuhl und ein Tablett mit Kaffee oder Tee, das offenkundig unberührt auf einem niedrigen Tischchen stand.

Der stromlinienförmige, maskuline Schreibtisch war aus echtem, wie sie annahm, solidem, altem Holz und nur mit einem kleinen dezenten Daten- und Kommunikationszentrum bestückt.

In dem hochlehnigen Schreibtischsessel, der wie der Besucherstuhl mit butterweichem Leder überzogen war, saß Wilfred B. Icove senior.

Eine dichte Wolke weißer Haare rahmte sein ausdrucksvolles, kantiges Gesicht, er trug einen dunkelblauen Anzug und ein mit haarfeinen roten Streifen aufgepepptes weißes Hemd. In Höhe der Brusttasche der Jacke prangte ein kleines rotes Dreieck, direkt darunter ragte ein schmaler Silbergriff aus dem teuren, handgenähten Stoff.

Der kaum wahrnehmbare Blutfleck machte deutlich, dass ihm mitten ins Herz gestochen worden war.

2

»Peabody.«

»Ich hole die Untersuchungsbeutel und melde die Sache dem Revier.«

»Wer hat ihn gefunden?«, wandte Eve sich wieder Icove junior zu.

»Pia. Seine Assistentin.« Er sah aus, als hätte ihm jemand einen Wagenheber in den Bauch gerammt. »Sie… hat mich sofort kontaktiert und ich bin losgerannt. Ich…«

»Hat sie die Leiche berührt? Haben Sie sie angefasst?«

»Ich weiß nicht. Ich meine, ich weiß nicht, ob sie sie berührt hat. Ich… ich habe es auf jeden Fall getan. Ich wollte… ich musste einfach wissen, ob ich ihm nicht doch noch helfen kann.«

»Dr. Icove, bitte nehmen Sie dort drüben Platz. Das mit Ihrem Vater tut mir leid. Erst mal brauche ich ein paar Informationen. Ich muss wissen, wer zuletzt mit ihm in diesem Raum war und wann sein letzter Gesprächstermin war.«

»Ja, ja, Pia kann in seinem Terminkalender nachsehen.«

»Das ist nicht nötig.« Inzwischen hatte Pia den Tränenstrom besiegt, ihre Stimme hatte aber immer noch einen vom Weinen ungewöhnlich rauen Klang. »Das war Dolores Nocho-Alverez. Sie hatte einen Termin um elf Uhr dreißig. Ich… ich habe sie persönlich in sein Büro geführt.«

»Wie lange war sie bei ihm?«

»Das kann ich nicht sicher sagen. Um zwölf habe ich wie immer meine Mittagspause gemacht. Sie wollte unbedingt den Termin um elf Uhr dreißig, aber Dr. Icove meinte, ich sollte trotzdem Mittag essen gehen, er brächte sie dann einfach selbst hinaus.«

»Auf dem Weg nach draußen muss sie doch die Sicherheitskontrollen passiert haben.«

»Ja.« Pia erhob sich von ihrem Platz. »Ich kann herausfinden, wann sie gegangen ist. Ich sehe sofort nach. Oh, Dr. Will, es tut mir furchtbar leid.«

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