Tödliche Unschuld - J.D. Robb - E-Book

Tödliche Unschuld E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Denn ein jeder wird gerichtet werden!

Drückende Sommerglut liegt über New York, die Stadt ist mit Gewalt aufgeheizt. Ist dies der Grund, dass ein bislang unauffälliger kleiner Dealer plötzlich ausrastet, bis ihn die Kugel eines Polizisten stoppt? Was bedeutet die mysteriöse Botschaft „Absolute Reinheit erreicht“ auf dem Bildschirm seines Computers? Eve Dallas gerät unter Druck, als der Computerspezialist der Polizei unter ähnlichen Umständen Amok läuft. In Eve keimt ein furchtbarer Verdacht auf: Der Tod kommt online ...

Die andere Seite von Nora Roberts: Spannend, gefährlich, sexy

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Seitenzahl: 658

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Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Prolog
 
Kapitel 1
VOLLKOMMENE REINHEIT ERREICHT
 
Kapitel 2
 
Kapitel 3
 
Kapitel 4
 
Kapitel 5
 
Kapitel 6
VOLLKOMMENE REINHEIT ERREICHT
 
Kapitel 7
 
Kapitel 8
 
Kapitel 9
 
Kapitel 10
VOLLKOMMENE REINHEIT ERREICHT.
 
Kapitel 11
 
Kapitel 12
 
Kapitel 13
 
Kapitel 14
 
Kapitel 15
 
Kapitel 16
 
Kapitel 17
 
Kapitel 18
 
Kapitel 19
 
Kapitel 20
 
Kapitel 21
 
Kapitel 22
 
Copyright
Buch
Louie Cogburn hat seit Tagen seine Wohnung nicht mehr verlassen und starrt auf seinen Bildschirm. Seine pochenden Kopfschmerzen sind unerträglich, wie glühende Nägel, die sich in sein Hirn bohren. Und sie werden immer schlimmer. Als jemand bei ihm klopft, greift Louie zum Baseballschläger, öffnet die Tür und holt aus …
Der erste Polizist, der bei dem rasenden Mann eintrifft, feuert seine Waffe zweimal ab, Louie ist sofort tot. Lieutenant Eve Dallas übernimmt die Ermittlungen, aber es gibt keine Erklärung dafür, warum Louie so plötzlich durchdrehte. Der einzige Anhaltspunkt ist eine bizarre Nachricht, die auf dem Bildschirm flimmert: »Absolute Reinheit erreicht.« Und als ein zweiter Mann unter ähnlichen Umständen Amok läuft, sucht Eve fieberhaft nach einer Antwort und erkennt die unfassbare Wahrheit: Der Auslöser ist ein Computerspiel. Doch wer ist dieses grausame Genie, das diesen scheinbar perfekten Mord inszeniert, der wahllos und teuflisch aus harmlosen Menschen Opfern macht – und andere zu Tätern?
Autorin
 
J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken.
Weitere Informationen finden Sie unter: www.blanvalet.de und www.jdrobb.com
Liste lieferbarer Titel
Rendezvous mit einem Mörder (1; 35450) · Tödliche Küsse (2; 35451) · Eine mörderische Hochzeit (3; 35452) · Bis in den Tod (4; 35632) · Der Kuss des Killers (5; 35633) · Mord ist ihre Leidenschaft (6; 35634) · Liebesnacht mit einem Mörder (7; 36026) · Der Tod ist mein (8; 36027) · Ein feuriger Verehrer (9, 36028) · Spiel mit dem Mörder (10; 36321) · Sündige Rache (11; 36332) · Symphonie des Todes (12; 36333) · Das Lächeln des Killers (13; 36334) · Einladung zum Mord (14; 36595) · Tödliche Unschuld (15; 36599)
Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas (36753)
Nora Roberts ist J. D. Robb Ein gefährliches Geschenk (36384)
Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel »Purity in Death« bei Berkley Books, The Berkley Publishing Group, a division of Penguin Putnam Inc. New York.
We bow our heads before Thee, and we laudAnd magnify thy name Almighty God!But man is thy most awful instrumentIn working out a pure intent.Wir neigen vor Dir unsere Häupter, und wir preisen und wir rühmen Deinen Namen, allmächtiger Gott! Doch ist der Mensch das fürchterlichste Werkzeug bei der Erfüllung Deines reinen Plans.
- William Woodsworth
 
In friendship false, implacable in hate,Resolv’d to ruin or to rule the state.Ein trügerischer Freund, im Hass nicht zu beirren, entschlossen zu zerstören oder zu beherrschen diesen Staat.
- John Dryden
Prolog
Die Hitze war mörderisch. Der Juli ließ die schweißbedeckten Muskeln spielen, fasste sein Ziel ins Auge und schleuderte sämtliche New Yorker in die dampfende Schwüle des Großstadtsommers hinein. Die ganz Privilegierten flüchteten in ihre Häuser an der See, wo sie an kühlen Getränken nippen und sich die milde Brise des Atlantiks um die Köpfe wehen lassen konnten, während sie per Link oder Computer dafür sorgten, dass in ihren Firmen alles lief. Andere schlossen sich, als würden sie belagert, mit Vorräten für ein paar Wochen in ihren klimatisierten Häusern und Apartments ein.
Die meisten aber mussten dieses Wetter irgendwie ertragen.
Als nach ein paar Tagen immer noch kein Ende der Hitzewelle nahte, wurden die Gesichter der New Yorker so säuerlich wie der Geruch, der sie umwaberte, da ihre Deodorants versagten. Und bereits beim allerkleinsten Anlass neigten selbst die friedlichsten Geschöpfe plötzlich zu Gewalt.
Arztpraxen und Krankenhäuser waren mit den Opfern des Sommers 2059 überfüllt. Viele, die normalerweise nicht einmal bei Rot über die Straße gehen würden, machten in dieser Zeit Bekanntschaft mit Arrestzellen und Polizeirevieren, wo sie erklären mussten, weshalb sie versucht hatten, ihren Kollegen zu erwürgen oder warum ein völlig Fremder von ihnen vor die Räder eines Taxis gestoßen worden war.
Die meisten hatten keine Ahnung, wie es dazu hatte kommen können, und saßen oder standen mit verwirrten Mienen vor den vernehmenden Beamten, als wären sie soeben aus einer Trance erwacht.
Im Gegensatz zu diesen armen Kreaturen war sich Louis K. Cogburn seines Tuns, der Gründe für sein Tun und seiner Absicht, damit fortzufahren, hinlänglich bewusst. Er war ein kleiner Drogendealer und handelte hauptsächlich mit Zoner und mit Jazz. Um seine Gewinnspanne ein wenig zu erhöhen, streckte er das Zoner mit getrocknetem Gras, das er abends in den Stadtparks schnitt, und das Jazz mit Backpulver, das er in Großhandelspackungen erstand. Seine Klientel bestand aus zehn- bis zwölfjährigen Kids der Mittelschicht, die die drei Schulen besuchten, denen seine Wohnung in der Lower East Side am nächsten lag.
Auf diese Weise hatte er kaum Fahrtkosten und sparte auf dem Weg zur Arbeit jede Menge Zeit.
Er suchte seine Kundschaft in der Mittelklasse, weil die Armen für gewöhnlich Lieferanten innerhalb ihrer Verwandtschaft hatten und die Reichen Gras und Backpulver allzu schnell bemerkten. Auch das Alter seiner Zielgruppe hatte er mit Bedacht gewählt. Er sagte regelmäßig, wenn man seine Kunden schon in jungen Jahren an sich band, blieben sie einem über viele Jahre hinweg treu.
Selbst wenn das bisher bloße Theorie war, denn in der Praxis hatte Louis mit noch keinem seiner Kunden nach Beendigung der High School weiter Kontakt gehabt.
Trotzdem nahm der gute Louis seine Arbeit ernst. Wenn seine potenziellen Kunden abends über ihren Hausaufgaben saßen, nahm er ebenfalls vor dem Computer Platz. Er war stolz auf seine Buchführung und hätte in der Buchhaltung von irgendeiner kleinen Firma sicher deutlich mehr verdient als mit der Dealerei. Doch er war der Ansicht, dass es sich für einen echten Mann gehörte, dass er unabhängig war.
Die leichte Unzufriedenheit, die Reizbarkeit und die Verzweiflung, die ihn seit ein paar Tagen überfielen, wenn er eine Stunde vor seinem aus dritter Hand erstandenen Desktop gesessen hatte, schob er auf die Hitze.
Genauso wie das fürchterliche Kopfweh, das sich selbst mit großzügigen Dosen seiner eigenen Produkte nicht bezwingen ließ.
Er hatte seine Kunden schon drei Tage warten lassen müssen, weil der Schmerz das Zentrum seiner Welt geworden war, weshalb er schwitzend wie ein Schwein in seiner Wohnung hockte und sich, um das Wüten in seinem Schädel zu betäuben, von ohrenbetäubender Musik beschallen ließ.
Jemand würde dafür bezahlen, war alles, was er dachte. Wer, war ihm egal.
Statt endlich die Klimaanlage wieder in Gang zu bringe, saß dieser gottverdammte Hausmeister mal wieder faul herum. Während er dies verinnerlichte und gleichzeitig mit roten Augen Zahlenreihen kontrollierte, wogte heißer Zorn in seinem Innern auf. Er saß in seiner Unterwäsche direkt neben dem offenen Fenster, durch das statt einer kühlen Brise der Lärm der Straße drang. Ein grauenhafter Lärm. Brüllen, Hupen, das Quietschen von Reifen auf Asphalt.
Er stellte den Trash Rock, den er auf seiner alten Stereoanlage hörte, noch ein bisschen lauter, bis von dem Treiben unten auf der Straße nichts mehr zu hören war.
Dass er Nasenbluten hatte, merkte er gar nicht.
Louis K. hielt eine Flasche mit lauwarmem, selbst gebranntem Fusel vor seine heiße Stirn. Er wünschte sich, er hätte eine Knarre. Wenn er eine gottverdammte Knarre hätte, würde er sich aus dem gottverdammten Fenster lehnen und sämtlichen Passanten auf der gottverdammten Straße einfach die Lichter ausblasen.
Die einzige Gewalttat, die er bisher jemals begangen hatte, war, einen nicht zahlenden Kunden mit einem leichten Tritt von seinem Luftbrett zu befördern. Jetzt aber, als er über seinen Büchern schwitzte und der Wahnsinn wie eine schwarze Rose in seinem Hirn erblühte, verlieh ihm der Gedanke an Tod und Verderben neue Energie.
Sein Gesicht war kreidebleich, und der Schweiß strömte aus seinem stumpfen braunen Haar über seine schmalen Wangen bis hinab auf seine Brust. In seinen Ohren rauschte es, und er hatte das Gefühl, als schwappe eine Flut von Fett in seinem Bauch. Die Hitze machte ihn krank. Und wenn er krank in seiner Bude hockte, verdiente er kein Geld. Er sollte den Hausmeister dafür bezahlen lassen. Ja, genau.
Seine Hände fingen an zu zittern, doch er starrte weiter auf den Computermonitor. Konnte seinen Blick nicht lösen von dem Bild.
Er stellte sich vor, wie er ans Fenster trat, nach drau ßen kletterte und die Fäuste gegen die Wand aus heißer Luft, gegen den Lärm, gegen die Menschen auf der Stra ße schüttelte. Wie er eine Knarre in einer dieser Fäuste hielt, Tod und Verderben über all die Leute brachte und dabei aus Leibeskräften schrie. Schrie und schrie und schrie.
Er würde springen, auf den Füßen landen und dann...
Als er plötzlich lautes Klopfen hörte, drehte er sich ruckartig um und bleckte hasserfüllt die Zähne.
»Louis K., du Arschloch! Mach gefälligst die verdammte Musik leiser!«
»Fahr zur Hölle«, murmelte Louis und bückte sich entschlossen nach dem Baseballschläger, mit dem er, um neue Kunden anzuwerben, oft auf den Sportplatz ging. »Fahr zur Hölle, fahr zur Hölle. Lass uns alle zur Hölle fahren.«
»Hast du mich gehört? Verdammt!«
»O ja, ich habe dich gehört.« Nägel, riesengroße Eisennägel, bohrten sich in seinen Schädel. Er musste sie herausziehen. Mit einem spitzen Schrei ließ er den Schläger fallen und riss an seinem Haar. Trotzdem hielt das Bohren weiter an.
»Ich sage Suze, dass sie die Bullen rufen soll. Hast du gehört, Louis? Wenn du die Scheißmusik nicht endlich leiser machst, ruft Suze die Bullen.« Um seinen Worten Nachdruck zu verleihen, trommelte der Nachbar unablässig weiter gegen Louis’ Tür.
Halb außer sich von der Musik, dem Klopfen, dem Gebrüll und den langen Nägeln, die sich in seinen Schädel bohrten, hob Louis den Schläger wieder auf.
Öffnete die Tür und holte aus.
1
Lieutenant Eve Dallas lungerte an ihrem Schreibtisch auf dem Revier herum. Sie versuchte Zeit zu schinden. Die Aussicht darauf, sich in ein schickes Kleid werfen zu müssen, um dann in die Stadt zu fahren und ihren Mann und eine Horde Fremder zu einem als zwangloses Zusammensein getarnten Geschäftsessen zu treffen, war für sie ebenso verlockend wie in einen Recycler einzusteigen und darauf zu warten, dass der Schredder seine Arbeit tat.
Die Alternative, noch etwas länger im Büro zu bleiben, erschien ihr richtiggehend reizvoll.
Da sie an diesem Nachmittag einen Fall hereinbekommen und sofort hatte zum Abschluss bringen können, könnte sie noch den Bericht dazu verfassen und an ihren Vorgesetzten schicken. Sie hatte also tatsächlich zu tun. Da jedoch sämtliche Zeugen darin übereinstimmten, dass der Kerl, der von dem Gleitband vor der sechsten Etage eines Hauses auf den Bürgersteig gesegelt war, den Streit mit den beiden Touristen aus Toledo vom Zaun gebrochen hatte, bräuchte sie für den Papierkram höchstens ein paar Minuten.
In den letzten Tagen hatte sie mit einer Reihe ähnlich gelagerter Fälle zu tun gehabt. Streitigkeiten zwischen Eheleuten, in deren Verlauf ein Partner dem anderen an die Gurgel gegangen war, Straßenprügeleien mit tödlichem Ausgang, ja sogar einen Streit an einem Schwebekarren über eine Eiscremetüte, bei dem einer der Beteiligten erschlagen worden war.
Die Hitze machte die Menschen schlaff und reizbar, was, wie sie hatte erkennen müssen, eine todbringende Mischung war.
Auch sie war leicht gereizt, als sie daran dachte, dass sie sich in Schale werfen musste, um die nächsten Stunden in irgendeinem Schickimicki-Restaurant beim Smalltalk mit ihr völlig fremden Menschen zu verbringen.
Das hatte sie davon, dass sie einen Kerl zum Mann genommen hatte, der genügend Geld besaß, um ganze Kontinente zu erwerben, dachte sie erbost.
Roarke hatte tatsächlich Spaß an solchen Abenden. Was sie beim besten Willen nicht verstand. Er knabberte genauso gerne in einem Fünf-Sterne-Restaurant – das ihm wahrscheinlich sogar noch gehörte – an irgendwelchen Kaviarkanapees, wie er zu Hause auf dem Sofa flegelte und herzhaft in einen vor Fett triefenden Burger biss.
Aber nachdem sie inzwischen bald ein Jahr verheiratet waren und sich diesbezüglich nichts änderte, gewöhnte sie sich besser allmählich daran. Also stieß sie sich resigniert von ihrem Schreibtisch ab.
»Sie sind ja immer noch hier.« Ihre Assistentin Peabody streckte den Kopf durch die Tür ihres Büros. »Ich dachte, Sie hätten heute Abend irgendein tolles Essen in der Stadt.«
»Ich habe noch ein bisschen Zeit.« Ein Blick auf ihre Armbanduhr rief jedoch leichte Schuldgefühle in ihr wach. Okay, sie käme wieder mal zu spät. Aber nur ein bisschen. »Ich habe nur noch schnell den Bericht zu dem Gleitband-Springer diktiert.«
Peabody, deren dunkelblaue Sommeruniform jeder natürlichen Ordnung widersprach und trotz der schwülen Hitze frisch und faltenfrei aussah, bedachte ihre Chefin mit einem vorwurfsvollen Blick. »Sie haben doch wohl nicht versucht Zeit zu schinden, Lieutenant?«
»Einer der Bewohner unserer Stadt, denen zu dienen und die zu schützen ich geschworen habe, wurde bei einem Sturz auf die Fifth Avenue wie ein Käfer platt gedrückt. Ich denke, er hat es verdient, dass ich mich ihm eine halbe Stunde widme.«
»Muss wirklich hart sein, wenn man gezwungen ist, sich in ein schickes Kleid zu werfen, sich ein paar Diamanten oder andere Juwelen um den Hals zu hängen und dann zusammen mit dem schönsten Mann, den das Universum je gesehen hat, Champagner zu schlürfen und Hummerkroketten zu knabbern. Ich verstehe wirklich nicht, wie Sie es geschafft haben, trotz einer derartigen Belastung den Tag zu überstehen.«
»Ach, halten Sie die Klappe.«
»Während ich mich mit McNab an einen winzig kleinen Tisch beim Italiener an der Ecke quetschen und mir erst eine Pizza und anschließend die Rechnung mit ihm teilen darf.« Peabody schüttelte den Kopf, und ihr dunkler Haarschopf wippte dabei hin und her. »Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was für Schuldgefühle ich deswegen habe.«
»Suchen Sie zufällig Streit?«
»Nein, Madam.« Peabody gab sich die größte Mühe, unschuldig auszusehen. »Ich möchte Ihnen nur versichern, dass ich in dieser schweren Zeit in Gedanken bei Ihnen bin.«
»Lecken Sie mich doch am Arsch.« Gerade als sich Eve, hin und her gerissen zwischen Ärger und Belustigung, von ihrem Platz erheben wollte, klingelte ihr Link.
»Soll ich drangehen und sagen, dass Sie nicht mehr da sind?«
»Habe ich nicht gesagt, dass Sie die Klappe halten sollen?« Eve setzte sich wieder und nahm das Gespräch entgegen. »Morddezernat. Dallas.«
»Madam. Lieutenant.«
Nie zuvor hatte sie Officer Troy Truehearts jungenhaftes, typisch amerikanisches Gesicht, das auf dem Monitor erschien, so angespannt gesehen. »Trueheart.«
»Lieutenant«, wiederholte er und musste hörbar schlucken. »Es gab einen Zwischenfall. Ich habe … oh, Gott, ich habe ihn getötet.«
»Officer.« Während sie sprach, rief sie schon seinen Standort auf dem Bildschirm auf. »Sind Sie im Dienst?«
»Nein, Madam. Ja, Madam. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht genau.«
»Reißen Sie sich zusammen, Trueheart«, schnauzte sie ihn an und sah, wie er zusammenfuhr, als hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst. »Erstatten Sie Bericht.«
»Madam. Ich hatte gerade meine Schicht beendet und zu Fuß den Heimweg angetreten, als aus einem Fenster eine weibliche Zivilperson um Hilfe rief. Ich habe darauf reagiert. Im vierten Stock des betreffenden Gebäudes ging ein mit einem Schläger bewaffnetes Individuum auf die Frau, die um Hilfe gerufen hatte, los. Ein zweites Individuum, ein Mann, lag bewusstlos oder tot im Korridor und blutete stark aus einer Wunde am Kopf. Ich habe die Wohnung betreten, in der die Frau angegriffen wurde, und … Lieutenant, ich habe versucht ihn aufzuhalten. Er stand im Begriff, sie zu erschlagen. Er hat sich zu mir umgedreht und sämtliche Warnungen und Befehle, den Schläger wegzuwerfen, einfach ignoriert. Es ist mir gelungen, meine Waffe zu ziehen und den Stunner einzustellen. Ich schwöre, ich hatte die Absicht, ihn nur zu betäuben, aber er ist tot.«
»Trueheart, sehen Sie mich an. Hören Sie mir zu. Sichern Sie das Gebäude, melden Sie den Vorfall der Zentrale und sagen Sie, dass Sie mir bereits Bericht erstattet haben und dass ich auf dem Weg zu Ihnen bin. Dann rufen Sie einen Krankenwagen. Sichern Sie den Tatort, Trueheart. Machen Sie alles ganz genau nach Vorschrift. Haben Sie verstanden?«
»Ja, Madam. Ich hätte die Sache erst bei der Zentrale melden sollen. Ich hätte -«
»Halten Sie die Stellung, Trueheart. Ich bin unterwegs. Peabody«, rief Eve, während sie bereits in Richtung Tür stürmte, ihrer Assistentin zu.
»Zu Befehl, Madam. Ich komme mit.«
 
Als Eve ihr Fahrzeug parkte, standen bereits zwei Streifen- und ein Krankenwagen hintereinander am Straßenrand. Es war eine Gegend, in der die Menschen, wenn die Bullen kamen, eher auseinanderliefen als sich zu versammeln, weshalb nur ein kleines Häuflein Schaulustiger davon abgehalten werden musste, das Gebäude zu betreten.
Die beiden uniformierten Beamten, die den Hauseingang flankierten, tauschten, als sie sich ihnen näherte, viel sagende Blicke miteinander aus. Sie war ein hohes Tier und könnte Männern ihres Ranges problemlos die Eier abreißen, falls ihnen nur der kleinste Fehler unterlief.
Sie spürte die feindselige Atmosphäre, als sie näher kam.
»Ein Cop sollte einem anderen dafür, dass er seinen Job macht, keine Schwierigkeiten machen«, grummelte einer der beiden so laut, dass es nicht zu überhören war.
Sie blieb kurz vor ihm stehen.
Sie war eine große, schlanke Frau und blickte ihn aus ihren bernsteinbraunen Augen reglos wie eine Schlange an. Ihr ebenfalls braunes, kurz geschnittenes, wild zerzaustes Haar rahmte ein schmales Gesicht mit einem für gewöhnlich vollen, jetzt aber zu einem schmalen Strich zusammengepressten Mund und einem Kinn, das trotz des hübschen kleinen Grübchens wirkte, als wäre es aus Stahl.
Unter ihrem Blick hatte der Beamte das Gefühl zu schrumpfen.
»Ein Cop sollte einem anderen dafür, dass er seinen Job macht, keine Vorhaltungen machen«, erwiderte sie kalt. »Falls Sie ein Problem mit mir haben, Officer, warten Sie gefälligst, bis ich mit meiner Arbeit fertig bin. Dann höre ich mir Ihre Beschwerden gerne an.«
Damit betrat sie das schuhkartongroße Foyer und drückte auf den Knopf des einzigen Fahrstuhls, den es in dem Gebäude gab. Dass sie kochte, hatte mit der Hitze dieses Sommertages wenig zu tun. »Weshalb nur haben manche uniformierten Beamten offenkundig das Bedürfnis, jedem die Gurgel umzudrehen, der es weiter gebracht hat als sie?«
»Der Kollege eben war wahrscheinlich lediglich nervös«, antwortete Peabody, als sie hinter Eve den Lift betrat. »Die meisten Leute auf dem Hauptrevier kennen Trueheart persönlich und kommen hervorragend mit ihm zurecht. Man muss ihn einfach mögen. Und wenn ein uniformierter Beamter einen tödlichen Schuss abgibt, muss er sich im Anschluss einer brutalen psychologischen Untersuchung unterziehen.«
»Diese Untersuchungen sind für jeden von uns brutal. Das Beste, was wir für ihn tun können, ist, dafür zu sorgen, dass alles sauber und geordnet abläuft. Es war bereits ein Fehler, dass er erst bei mir statt bei der Zentrale angerufen hat.«
»Wird er deshalb Ärger kriegen? Schließlich sind Sie diejenige gewesen, die ihn letzten Winter von den Leichensammlern zu uns versetzen lassen hat. Da wird die Dienstaufsicht doch bestimmt verstehen, dass -«
»Die Dienstaufsicht ist nicht gerade dafür berühmt, dass sie besonders viel Verständnis für die Kollegen hat. Also lassen Sie uns hoffen, dass es gar nicht erst zu einer internen Untersuchung dieses Vorfalls kommt.« Sie trat aus dem Fahrstuhl und schaute sich um.
Er war zumindest wach genug gewesen, stellte sie erleichtert fest, keine der Leichen zu bewegen. Zwei Männer lagen ausgestreckt im Korridor, einer der beiden mit dem Gesicht nach unten in einer Lache geronnenen Bluts.
Der andere lag auf dem Rücken und hatte die vor Überraschung weit aufgerissenen Augen der Decke zugewandt.
Durch eine offene Tür neben den beiden Leichen drangen Schluchzen und Stöhnen an ihr Ohr.
Die Tür direkt gegenüber war ebenfalls geöffnet, und Eve bemerkte mehrere frische Löcher und Kratzer in den Wänden, Spitzer leuchtend roten Bluts und einen zerbrochenen Baseballschläger, an dem Blut und Hirnmasse zu kleben schien.
In soldatisch straffer Haltung, gleichzeitig aber kreidebleich und mit vor Schock glasigen Augen stand Trueheart in der Tür.
»Lieutenant.«
»Halten Sie durch, Trueheart. Rekorder an, Peabody.« Eve hockte sich neben die beiden Leichen. Der blut überströmte Tote war ein großer, fleischiger Kerl, der aufgrund seiner Fett- und Muskelmasse problemlos alles hätte niederwalzen können, hätte nicht sein Schädel ausgesehen, als hätte jemand ein Ei mit einem Backstein aufgeklopft.
Der zweite Tote trug nur eine kurze, gräulich-weiße Hose. Sein schmaler, knochiger Körper wies keine Wunden auf, aus seinen Ohren und aus seiner Nase jedoch rannen dünne Fäden hellen Bluts.
»Officer Trueheart, wissen wir, wer die beiden sind?«
»Madam. Das, hm, das ursprüngliche Opfer wurde als ein gewisser Ralph Wooster, wohnhaft in Apartment 42E, identifiziert. Der Mann, den ich -« Er brach ab, denn Eve hob ruckartig den Kopf und durchbohrte ihn mit ihrem Blick.
»Und das zweite Individuum?«
Trueheart leckte sich die Lippen. »Das zweite Individuum wurde als Louis K. Cogburn, wohnhaft in Apartment 43F, identifiziert.«
»Und wer sitzt derzeit heulend in Apartment 42E?«
»Suzanne Cohen, die Lebensgefährtin von Ralph Wooster. Sie hat aus dem Fenster besagten Apartments um Hilfe gerufen. Als ich dort auftauchte, griff Louis Cogburn sie gerade mit etwas an, das aussah wie ein Baseballschläger. Zu dem Zeitpunkt -«
Wieder brach er ab, als Eve mahnend einen Finger hob. »Die vorläufige Untersuchung der Toten weist darauf hin, dass ein gemischtrassiger Mann von etwa Mitte dreißig – Gewicht zirka hundert Kilo, Größe zirka einen Meter zweiundachtzig – schwere Schlagverletzungen an Kopf, Gesicht und Körper erlitten hat. Tatwaffe war offenbar ein Schläger, anscheinend aus Holz, an dem Blut und Hirnmasse klebt. Der zweite Mann – weiß, ebenfalls Mitte dreißig, Gewicht zirka sechzig Kilo, Größe zirka einen Meter siebzig – wird als der Angreifer identifiziert. Todesursache bisher unbekannt. Er blutet aus der Nase und den Ohren. Äußere Verletzungen sind keine zu sehen.«
Sie richtete sich wieder auf. »Peabody, ich will, dass niemand diese beiden Leichen anrührt. Die Untersuchung des Tatorts nehme ich nach dem Gespräch mit Cohen vor. Officer Trueheart, haben Sie während dieses Zwischenfalls Gebrauch von Ihrer Dienstwaffe gemacht?«
»Ja, Madam. Ich -«
»Ich möchte, dass Sie diese Waffe meiner Assistentin geben, damit sie sie als Beweismittel sichern kann.«
Die beiden uniformierten Beamten am Ende des Ganges fingen leise an zu murmeln, sie aber sah Trueheart reglos ins Gesicht. »Sie sind nicht verpflichtet, Ihre Waffe abzugeben, solange nicht ein Rechtsbeistand zugegen ist. Vielleicht hätten Sie ja gerne einen Anwalt. Trotzdem bitte ich Sie, Ihre Waffe Peabody zu geben, damit der ordnungsgemäße Ablauf unserer Ermittlungen nicht gefährdet wird.«
Er bedachte sie mit einem vertrauensvollen Blick. »Ja, Madam.« Als er nach seiner Waffe griff, legte sie eine Hand auf seinen Arm.
»Seit wann sind Sie Linkshänder, Trueheart?«
»Mein rechter Arm tut etwas weh.«
»Wurden Sie während dieses Einsatzes verletzt?«
»Er hat mich ein paarmal mit dem Schläger getroffen, bevor ich -«
»Das Individuum, auf das Sie zielen mussten, hat Sie in Ausübung Ihres Dienstes attackiert?« Am liebsten hätte sie den jungen Mann geschüttelt. »Warum haben Sie das nicht gleich gesagt?«
»Es ging alles so entsetzlich schnell, Lieutenant. Er kam auf mich zugestürzt, hat ausgeholt und -«
»Ziehen Sie Ihr Hemd aus!«
»Madam?«
»Knöpfen Sie Ihr Hemd auf, Trueheart. Peabody, nehmen Sie seinen Oberkörper auf.«
Er wurde doch tatsächlich rot, und während er tat, wie geheißen, dachte Eve, Gott, was für ein Unschuldslamm. Dann hörte sie, wie Peabody nach Luft rang, hätte jedoch nicht sagen können, ob wegen seiner unleugbar fantastischen Figur oder wegen des schillernd blauen Fleckes, der sich breit von seiner rechten Schulter bis hinab zu seinem Ellenbogen zog.
»Wie es aussieht, hat er Sie ziemlich gut erwischt. Ich möchte, dass sich ein Sanitäter die Verletzung ansieht. Wenn Sie das nächste Mal im Dienst verwundet werden, Officer, machen Sie bitte sofort Meldung. Und jetzt bleiben Sie auf Ihrem Posten. Ich bin sofort wieder da.«
In Apartment 42E herrschte das totale Chaos. Auch wenn Eve aufgrund der Überreste des Dekors davon ausging, dass eine ordentliche Haushaltsführung schon vorher keinen hohen Stellenwert bei den Bewohnern dieses Schweinestalls gehabt zu haben schien, hegte sie doch Zweifel, dass für gewöhnlich Glassplitter den Boden übersäten oder dass die Dekoration der Wände normalerweise aus surreal verteilten Blutspritzern bestand.
Die Frau, die auf der Trage der Sanitäter hockte, hatte eindeutig schon bessere Tage erlebt. Ihr linkes Auge war verbunden, und ihre Stirn und ihre linke Wange waren dick geschwollen und violett verfärbt.
»Ist sie vernehmungsfähig?«, wollte Eve von einem der Sanitäter wissen.
»Gerade so. Wir haben sie nicht ganz sediert, weil wir uns schon dachten, dass Sie mit ihr reden wollen. Aber machen Sie es kurz. Wir müssen sie ins Krankenhaus verfrachten. Sie hat eine Hornhautablösung am linken Auge, einen zerschmetterten Wangenknochen, einen gebrochenen Arm. Der Kerl hat sie ordentlich verdroschen.«
»Fünf Minuten. Ms Cohen.« Eve trat vor die Frau und beugte sich zu ihr hinab. »Ich bin Lieutenant Dallas. Können Sie mir erzählen, was passiert ist?«
»Er hat total durchgedreht. Ich glaube, er hat Ralph umgebracht. Einfach völlig durchgedreht.«
»Louis Cogburn?«
»Louis K., ja, der.« Sie stöhnte leise auf. »Ralph war sauer, weil die Musik so laut war, dass man nicht mehr gerade denken konnte. Und dann noch diese verdammte Hitze. Wir wollten nur was trinken und unsere Ruhe haben. Was ist daran so schlimm? Dass er laut Musik gehört hat, war eigentlich normal, aber dieses Mal wären uns beinahe die Trommelfelle von dem Krach geplatzt. Und das hat nicht erst heute angefangen, sondern ging schon ein paar Tage so.«
»Was hat Ralph getan, Ms Cohen?« Eve sah sie fragend an.
»Er ist rüber, hat an seine Tür geklopft und ihm gesagt, dass er die Musik runterdrehen soll. Das Nächste, was ich mitbekommen habe, war, dass Louis aus der Tür geschossen kam und einen Baseballschläger oder so etwas über seinen Kopf geschwungen hat. Er sah total irre aus. Das Blut spritzte ihm nur so aus der Nase, und er hat wie ein Verrückter rumgebrüllt. Ich habe eine Heidenangst gekriegt und deshalb die Tür unserer Wohnung zugeschmissen und aus dem Fenster um Hilfe gerufen. Dabei habe ich gehört, wie er im Flur rumgeschrien hat und dann noch diese grauenhaften dumpfen Schläge … Ralph konnte ich nicht hören. Also habe ich weiter um Hilfe gerufen, bis er plötzlich in die Wohnung kam.«
»Wer kam in die Wohnung?«
»Louis K. Sah noch nicht mal aus wie Louis. Er war total blutverschmiert, und irgendetwas stimmte nicht mit seinen Augen. Er kam mit dem Schläger auf mich zu. Ich bin weggerannt, oder besser gesagt, hab’s versucht. Er hat alles kurz und klein geschlagen und die ganze Zeit von irgendwelchen Eisennägeln in seinem Kopf gebrüllt. Dann hat er mich erwischt und danach kann ich mich an nichts weiter erinnern. Er hat mich im Gesicht getroffen, und ich bin erst wieder wach geworden, als die Sanitäter mich verbunden haben.«
»Haben Sie den Beamten, der auf Ihren Hilferuf gekommen ist, gesehen oder vielleicht sogar mit ihm gesprochen?«
»Außer Sternen habe ich überhaupt nichts mehr gesehen. Ralph ist tot, nicht wahr?« Eine einzelne Träne kullerte ihr über die Wange. »Sie wollten mir nichts sagen, aber Louis wäre nie an ihm vorbeigekommen, wenn er nicht tot wäre.«
»Ja. Tut mir leid. Hatten Ralph und Louis öfter Auseinandersetzungen?«
»Sie meinen, ob sie auch schon vorher Zoff miteinander hatten? Manchmal haben sie sich wegen der Musik gestritten, aber lieber haben sie was zusammen getrunken oder ein bisschen was geraucht. Louis ist ein kleiner Scheißer, aber bisher haben wir nie Probleme mit ihm gehabt.«
»Lieutenant«, mischte sich einer der Sanitäter ein. »Wir müssen sie jetzt wegbringen.«
»Meinetwegen. Schicken Sie aber vorher noch jemanden zu meinem Beamten. Er hat ein paar ziemlich derbe Schläge auf die Schulter und den Arm abgekriegt.« Eve ging zurück zur Tür. »Trueheart, Sie werden mir jetzt Bericht erstatten, und zwar nehmen wir den auf. Ich möchte, dass Sie klar und deutlich sprechen und dass Sie nicht die kleinste Kleinigkeit vergessen.«
»Zu Befehl, Madam. Ich hatte um achtzehn Uhr dreißig meine Schicht beendet und ging zu Fuß von der Wache in Richtung Südosten.«
»Wohin waren Sie unterwegs?«
Er errötete ein wenig. Farbe stieg ihm ins Gesicht, die jedoch sofort wieder schwand. »Ich war, hm, auf dem Weg zur Wohnung einer Freundin, bei der ich zum Abendessen eingeladen war.«
»Sie hatten also ein Rendezvous.«
»Ja, Madam. Aber als ich mich diesem Gebäude näherte, hörte ich laute Hilferufe, und als ich den Kopf hob, sah ich im offenen Fenster dieser Wohnung eine Frau. Sie wirkte völlig verängstigt. Also betrat ich das Gebäude und begab mich in den vierten Stock, in dem es, den Geräuschen nach, einen Streit zu geben schien. Mehrere Hausbewohner hatten die Türen ihrer Wohnungen geöffnet, aber keiner kam in den Flur. Ich habe gerufen, dass jemand die Polizei verständigen soll.«
»Haben Sie die Treppe oder den Lift genommen?« Einzelheiten, dachte sie. Sie brauchte jedes noch so winzige Detail.
»Die Treppe, Madam. Ich dachte, das ginge schneller. Als ich diese Etage erreichte, sah ich, dass der als Ralph Wooster identifizierte Mann zwischen den Apartments 42E und 43F auf dem Boden lag. Ich habe ihn nicht auf Verletzungen hin untersucht, denn aus Apartment 42E hörte ich laute Schreie und das Klirren von Glas. Ich habe sofort darauf reagiert und gesehen, dass der als Louis K. Cogburn identifizierte Mann mit etwas, das wie ein Baseballschläger aussah, auf eine Frau losging. Die Waffe war …«
Er musste hörbar schlucken. »An der Waffe klebten Blut und irgendeine graue Masse. Die Frau lag bewusstlos auf dem Boden, und Cogburn stand direkt über ihr und holte gerade abermals mit seinem Schläger aus. Also zog ich meine Waffe, rief, dass er den Schläger fallen lassen soll, und sagte, ich wäre Polizist.«
Trueheart musste nochmals innehalten, fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund und sah Eve hilflos und gleichermaßen flehend an. »Lieutenant, dann ging alles furchtbar schnell.«
»Erzählen Sie mir einfach, wie es weitergegangen ist.«
»Er wandte sich von der Frau am Boden ab und brüllte etwas von Nägeln in seinem Kopf und davon, dass er am besten aus dem Fenster springen würde. Lauter irres Zeug. Dann hob er den Schläger, und es sah aus, als wollte er der Frau den nächsten Hieb versetzen. Ich trat vor ihn, um das zu verhindern, und plötzlich ging er auf mich los. Ich versuchte ihm auszuweichen und den Schläger zu erwischen. Er hat ein paar Treffer gelandet – wobei der Schläger, glaube ich, zerbrochen ist -, ich fiel hintenüber, warf dabei irgendetwas um und krachte gegen die Wand. Ich sah, dass er erneut auf mich losgehen wollte, und brüllte, er solle aufhören.«
Trueheart atmete tief durch, konnte dadurch aber nicht verhindern, dass seine Stimme zitterte, als er weitersprach. »Er hat mit dem Schläger ausgeholt, und da habe ich auf ihn gezielt. Ich hatte meine Waffe so niedrig wie möglich eingestellt, Lieutenant, so niedrig wie möglich. Das können Sie überprüfen -«
»Was passierte dann?«
»Er fing an zu schreien. Hat geschrien wie ein – so etwas hatte ich nie zuvor gehört. Er schrie und rannte in den Flur. Ich lief ihm hinterher, aber dann brach er mit einem Mal zusammen. Ich dachte, er wäre betäubt, dachte, er wäre nur betäubt. Aber als ich ihm Handschellen anlegen wollte, sah ich, er war tot. Ich tastete nach seinem Puls. Er war tot. Ich war völlig durcheinander, Madam, völlig durcheinander. Ich weiß, es war verkehrt, erst bei Ihnen anzurufen, bevor ich -«
»Egal. Officer, hatten Sie in dem Moment, in dem Sie geschossen haben, Angst um Ihr Leben und/oder um die Leben irgendwelcher Zivilisten?«
»Ja, Madam. Ja, Madam, auf jeden Fall.«
»Hat Louis K. Cogburn Ihre wiederholten Aufforderungen, die Waffe fallen zu lassen, ignoriert?«
»Ja, Madam, das hat er.«
»Sie.« Eve wandte sich an einen der Beamten am Ende des Ganges. »Begleiten Sie Officer Trueheart nach unten. Ich habe darum gebeten, dass ihn ein Sanitäter untersucht. Setzen Sie ihn in einen Streifenwagen, bis sich der Sanitäter um ihn kümmern kann, und bleiben Sie bei ihm, bis ich hier oben fertig bin. Trueheart, rufen Sie Ihren Anwalt an.«
»Aber, Madam -«
»Ich rate Ihnen, Ihren Anwalt anzurufen«, wiederholte sie. »Hiermit gebe ich offiziell zu Protokoll, dass mir nach der vorläufigen Beweislage und nach einem Gespräch mit Suzanne Cohen Ihre Darstellung des Sachverhalts richtig und vollständig erscheint. Sie haben offensichtlich Gebrauch von Ihrer Waffe machen müssen, um sich und anwesende Zivilpersonen ausreichend zu schützen. Das ist alles, was ich sagen kann, solange die Untersuchung des Tatorts noch nicht abgeschlossen ist. Und jetzt setzten Sie sich unten in den Streifenwagen, rufen Ihren Anwalt an und lassen sich ärztlich behandeln.«
»Zu Befehl, Madam. Danke, Madam.«
»Kommen Sie, Trueheart.« Der Uniformierte klopfte ihm aufmunternd auf den Rücken.
»Officer? Kennt vielleicht einer der Kollegen diese beiden toten Männer?«
Der Beamte drehte sich noch einmal zu ihr um. »Proctor patrouilliert in dieser Gegend. Könnte sein, dass er was weiß.«
»Schicken Sie ihn zu mir«, meinte sie, versiegelte die Tür von Apartment 42E und lief hinüber in die Wohnung 43F.
»Er ist völlig fertig«, stellte ihre Assistentin leise fest.
»Er wird es verkraften müssen.« Eve sah sich in dem Zimmer um.
Es war nicht nur absolut verwüstet, sondern stank nach Schmutzwäsche und altem Essen und war hoffnungslos verdreckt. Die vollgestopfte Kochnische bestand aus einem sechzig Zentimeter breiten Tresen, einem Mini-Kühlschrank und einem Mini-AutoChef. Auf dem Tisch stand eine große Blechdose, und als Eve die Aufschrift las, zog sie überrascht die Brauen hoch.
»Irgendwie kann ich mir nicht vorstellen, dass der gute Louis K. leckere Plätzchen gebacken hat.« Sie öffnete einen der beiden Schränke und sah sich die ordentlich nebeneinander aufgereihten, noch geschlossenen anderen Dosen an. »Sieht aus, als hätte er mit Drogen seinen Lebensunterhalt verdient. Seltsam, hier in diesem Schrank ist es so ordentlich wie bei Tante Martha, und der Rest der Wohnung ist schlimmer als ein Schweinestall.«
Sie sah sich noch einmal um. »Allerdings liegt nirgends Staub. Das finde ich erstaunlich. Man sollte doch nicht meinen, dass ein Typ, der in einem Bett schläft, das wie eine Kloake stinkt, sich die Mühe macht und Staub wischt oder saugt.«
Sie öffnete den Kleiderschrank. »Auch hier drin, totale Ordnung. Zwar deuten die Klamotten auf einen gewissen Mangel an modischem Geschmack, aber sie sind alle sauber. Und gucken Sie sich mal das Fenster an, Peabody.«
»Das Glas ist sauber, und zwar von innen und von au ßen. Jemand hat es also erst vor kurzem geputzt. Warum putzt man seine Fenster, während man zugleich – was zum Teufel ist denn das? – nicht identifizierbare, schlecht gewordene Lebensmittel auf dem gesamten Fußboden verteilt?«
»Vielleicht hatte ja die Putzfrau diese Woche frei?«
»Irgendjemand hatte hier eindeutig frei. Auch die Wäsche scheint schon länger nicht mehr gewaschen worden zu sein.« Sie wies auf den Stapel schmutzstarrender Unterhosen und blickte, als sie jemanden kommen hörte, zur Tür.
»Sind Sie Proctor?«, fragte sie den uniformierten Beamten, der aus dem Flur hereingekommen war.
»Ja, Madam.«
»Sie kennen diese beiden toten Männer?«
»Ich kenne Louis K.« Proctor schüttelte den Kopf. »Scheiße – sorry, Lieutenant, aber Scheiße, was ist das für ein Durcheinander! Der arme Trueheart kotzt sich unten die Seele aus dem Leib.«
»Erzählen Sie mir von Louis K. und überlassen Sie die Sorge um Officer Trueheart und seine Eingeweide besser mir.«
Proctor straffte seine Schultern. »Kleiner Drogendealer, hatte es vor allem auf Schulkinder abgesehen. Hat ihnen Proben von Zoner und Jazz geschenkt, um sie daran zu gewöhnen. Wenn Sie mich fragen, war er eine widerliche kleine Ratte. Wurde ein paarmal hochgenommen, hat aber den Kopf ständig aus der Schlinge ziehen können, weil aus den Kindern nie viel rauszukriegen war.«
»Hatte er eine Neigung zu Gewalt?«
»Ganz im Gegenteil. Hat sich immer schön bedeckt gehalten, nie eine dicke Lippe riskiert. Wenn man ihm gesagt hat, dass er irgendwo verschwinden soll, hat er das brav getan. Manchmal hat er einen angesehen, als ob er einem gerne mal die Meinung sagen würde, hat sich dann aber nie getraut.«
»Aber er hatte Mumm genug, um Ralph Wooster den Schädel zu zertrümmern, eine Frau zu Brei zu schlagen und zusätzlich auf einen uniformierten Beamten loszugehen.«
»Die einzige Erklärung, die ich dafür habe, ist, dass er vielleicht zu viel von seinen eigenen Produkten eingeworfen hat. Aber selbst dann will es mir nicht in den Kopf. Sicher hat er hin und wieder einen Joint geraucht, aber mehr hätte er sich nie getraut. Das hier sieht eher nach Zeus oder etwas in der Richtung aus.« Proctor wies mit einem Daumen Richtung Flur. »Er scheint ja völlig abgedreht zu sein. Aber, soweit ich mitbekommen habe, hatte er nie mit irgendwelchem wirklich heißen Zeug zu tun.«
»Okay, Proctor. Danke.«
»Wenn ein Typ Drogen an Schulkinder verkauft, ist die Welt ohne ihn eindeutig besser dran.«
»Darüber zu entscheiden steht keinem von uns zu.« Eve wandte ihm den Rücken zu, trat vor Cogburns Schreibtisch, blickte auf den Computermonitor und runzelte die Stirn.

VOLLKOMMENE REINHEIT ERREICHT

»Was zum Teufel soll das heißen?«, fragte sie. »Peabody, gibt es auf der Straße irgendeinen neuen Stoff mit Namen Reinheit?«
»Nicht dass ich wüsste.«
»Computer, was hat ›Reinheit‹ zu bedeuten?«
 
UNGÜLTIGER BEFEHL …
 
Stirnrunzelnd gab sie ihren Namen und die Nummer ihres Dienstausweises ein. »Was bedeutet ›Reinheit‹?«
 
UNGÜLTIGER BEFEHL …
 
»Hm. Peabody, erstellen Sie eine Liste sämtlicher neuer, namentlich bekannter Drogen. Computer, letzte Anwendung speichern und Aufruf der letzten verwendeten Datei.«
Das Bild wackelte ein wenig, bevor eine ordentliche, gut organisierte Bilanz der Bestände, der Gewinne und Verluste samt einer kodierten Kundenliste auf dem Monitor erschien.
»Dann hat der gute Louis anscheinend hier gesessen und seine Buchhaltung gemacht, als ihm plötzlich einfiel, seinem Nachbarn mal eben den Schädel einzuschlagen.«
»Eventuell lag es an der Hitze, Dallas«, meinte Peabody, die ihr über die Schulter sah. »Dabei drehen manche Leute halt durch.«
»Ja.« Möglich, dass es so einfach war. »Das stimmt. Er hat kein Produkt mit Namen ›Reinheit‹ im Programm.«
»Auf der Liste aktueller Drogen kommt der Name ebenfalls nicht vor.«
»Was also zum Teufel hat ›Reinheit‹ zu bedeuten, und wie wurde sie erreicht?« Eve trat einen Schritt zurück. »Sehen wir uns Louis K. einmal genauer an. Mal gucken, was er uns alles erzählt.«
2
Er erzählte ihr bei weitem nicht so viel, wie ihr lieb gewesen wäre.
Das Einzige, was sich mit ihrem Untersuchungsset direkt am Tatort feststellen ließ, war, dass Louis K. an einer Art neurologischen Schmelzvorgangs gestorben war. Auch wenn bei dieser etwas seltsamen Bezeichnung sicher kein zustimmendes Nicken seitens der Mediziner zu erwarten war, überlegte sie.
Also schickte sie den Leichnam in die Pathologie und fügte einen Dringlichkeitsbescheid hinzu.
Was hieß, dass sie sich aufgrund der Urlaubszeit und der sommerlichen Hitze glücklich schätzen könnte, falls sie noch vor dem ersten Frost einen Bericht bekam.
Wenn sie keinen Druck machte und den Chefpathologen nicht bestach.
Erst einmal sprach sie am Link mit dem Leiter von Truehearts Abteilung, wickelte den Tanz der Bürokratie ab und schickte den jungen Beamten, der immer noch völlig erschüttert war, nach Hause, wo er warten sollte, bis er den Termin für die psychologische Begutachtung bekam.
Dann fuhr sie wieder aufs Revier, feilte dort an ihrem Bericht über den Zwischenfall, bei dem es zwei Tote und eine schwer Verletzte gegeben hatte, und fertigte, obgleich es ihr Bauchschmerzen bereitete, ebenfalls für die Dienstaufsicht eine Kopie.
 
Bis sie endlich heimkam, war das Abendessen längst vorbei.
Sämtliche Lichter brannten, und die urbane Festung, die Roarke errichtet hatte, ragte wie ein Leuchtturm in die Nacht. Prachtvolle, dichtblättrige Bäume warfen ihre Schatten auf den samtig weichen Rasen und die Blumenmeere, deren bunt schillernde Farben man tagsüber weithin leuchten sah.
Die Lower East Side, die den Großteil ihres Abends gefressen hatte, war von diesem privaten Paradies reicher, privilegierter Menschen mehr als eine Welt entfernt.
Inzwischen war sie es beinahe gewohnt, zwischen den verschiedenen Welten hin und her zu wechseln, ohne dass sie dabei das Gleichgewicht verlor. Aber eben nur beinahe.
Sie ließ ihr Fahrzeug vor der Eingangstreppe stehen und joggte, weniger aus Eile als in dem Bedürfnis, die Last der Hitze abzuschütteln, die Stufen hinauf zur Tür.
Kaum aber hatte sie das Haus betreten und atmete zum ersten Mal die kühle, reine Luft der Eingangshalle ein, als schon Summerset, der Majordomus ihres Mannes, wie eine unwillkommene Vision direkt vor ihr auftauchte.
»Ja, ich habe das Abendessen verpasst«, erklärte sie, ehe er den Mund aufmachen konnte. »Ja, ich habe nicht nur als Ehefrau, sondern allgemein als Mensch wieder einmal elendiglich versagt. Ich habe keine Klasse, keine Höflichkeit und keinen Sinn für Anstand. Man sollte mich nackt durch die Straßen zerren und für meine Sünden steinigen.«
Summerset zog eine stahlgraue Braue in die Höhe. »Nun, damit wäre so ziemlich alles gesagt.«
»Gut, das erspart uns nämlich jede Menge Zeit.« Sie marschierte auf die Treppe zu. »Ist er schon zurück?«
»Gerade.«
Leicht verärgert, weil sie ihm keine Gelegenheit gegeben hatte, sie zu kritisieren, blickte er ihr stirnrunzelnd hinterher. Nächstes Mal müsste er schneller sein.
Als sie sicher war, dass er sich wieder dorthin verzogen hatte, wo er hingehörte, trat Eve vor einen der Bildschirme der hausinternen Telefonanlage und fragte: »Wo ist Roarke?«
 
GUTEN ABEND, LIEBSTE EVE, ROARKE IST IN SEINEM ARBEITSZIMMER.
 
»Hätte ich mir denken sollen.« Bestimmt gab er die Ergebnisse der während des Dinners geführten Geschäftsverhandlungen in den Computer ein. Sehnsüchtig dachte sie daran, erst ins Schlafzimmer zu gehen und ausgiebig zu duschen, dann aber bewogen ihre Schuldgefühle sie, doch erst in seinem Büro vorbeizusehen.
Seine Stimme drang durch die halb offene Tür.
Natürlich ging es um ein Geschäft, das während des heutigen Dinners getätigt worden war. Der Inhalt seiner Rede war ihr jedoch egal.
Denn schon seine Stimme war die reinste Poesie und verführte sogar eine Frau, die nie verstanden hatte, wie das Herz eines Poeten schlug. Sie verströmte einen leichten Hauch von Irland, und selbst wenn sie nüchterne Fakten und Zahlenreihen herunterbetete, klang sie wie Musik.
Seine Stimme passte hervorragend zu seinem Gesicht. Mit den schmalen, scharf geschnittenen Knochen, den leuchtend blauen Augen, dem vollen, festen Mund, der aussah, als hätte ein besonders talentierter Gott ihn an einem seiner besten Tage modelliert, sah er wie die Inkarnation eines wunderschönen, wilden Keltenkriegers aus.
Sie trat lautlos ein. Er stand an einem der breiten Fenster und sah, während des Diktierens, hinunter in den Garten. Er hatte sich das Haar zurückgebunden. Diese dichte, seidigweiche, rabenschwarze Mähne, die er für gewöhnlich offen trug, sodass sie ihm beinahe bis auf die Schultern fiel.
Er trug noch seinen Smoking, schwarz und elegant, und wirkte darin nicht nur wie der weltgewandte, hypererfolgreiche Geschäftsmann, sondern vor allem durch und durch zivilisiert. Hinter der glänzenden Fassade aber blieb er weiterhin gefährlich, blieb er der gnadenlose Kämpfer, der er schon als junger Mann gewesen war.
Und ebendiese Mischung war es, die sie derart an ihm faszinierte.
Obwohl sie völlig lautlos gewesen war, drehte er sich zu ihr um und sah sie ruhig an. »Unterschrift Roarke«, beendete er das Diktat. »Bitte noch heute abschicken und für Hagermann-Ross kopieren. Hallo, Lieutenant.«
»Hi. Das mit dem Abendessen tut mir leid.«
»Nein, tut es dir nicht.«
Sie stopfte die Hände in die Taschen ihrer Jeans. Es war wirklich lächerlich, dass es sie ständig in den Fingern juckte, ihn zärtlich zu berühren. »Es tut mir gewissermaßen leid.«
Seinem charmanten, amüsierten Grinsen konnte sicher niemand auf Dauer widerstehen. »Du hättest dich viel weniger gelangweilt, als du denkst.«
»Wahrscheinlich hast du Recht. Wenn ich mich so gelangweilt hätte, wie ich denke, wäre ich nach spätestens fünfzehn Minuten ins Koma gefallen und frühestens jetzt wieder erwacht. Trotzdem tut es mir leid, dass ich dich im Stich gelassen habe.«
»Das hast du nicht getan.« Er trat vor sie, legte eine Hand unter ihr Kinn und gab ihr einen sanften Kuss. »Schließlich macht es mich noch interessanter, wenn ich meine Frau entschuldige, die leider zu einem Fall gerufen wurde und deshalb nicht kommen kann. Mord ist ein so anregendes Thema, wenn man beim Essen sitzt. Und wen hat es dieses Mal erwischt?«
»Zwei Typen aus der Lower East Side. Ein kleiner Drogendealer hat seinem Nachbarn mit einem Baseballschläger den Schädel zertrümmert und ist dann auf eine Frau und einen Polizisten los. Der Polizist hat ihn erschossen.«
Roarke zog eine Braue hoch. Das war eindeutig noch nicht die ganze Geschichte, dachte er. Wenn nicht noch mehr dahinterstecken würde, hätte sie keinen derart sorgenvollen Blick. »Klingt nicht nach einem Fall, wegen dem du hättest extra Überstunden machen müssen.«
»Der Polizist war Trueheart.«
»Ah.« Er legte ihr die Hände auf die Schultern und begann sie zu massieren. »Und wie geht es ihm?«
Sie öffnete den Mund, schüttelte dann aber den Kopf und trat einen Schritt zurück. »Scheiße, Scheiße, Scheiße, Scheiße.«
»So schlimm?«
»Ist eben nicht leicht, wenn ein Junge seine Unschuld auf diese Art verliert.«
Roarke streichelte mit einer Hand den fetten Kater, der auf der Konsole des Computers lungerte. »Interessante Formulierung.«
»Es gibt Cops, die in ihrem ganzen Leben nicht einmal ihre Waffen ziehen müssen. Der Junge ist seit nicht mal einem Jahr dabei und hat jetzt schon jemanden erschossen. Das verändert alles.«
»Hat es für dich alles verändert? Der erste Mensch, den du in Ausübung des Dienstes töten musstest«, fügte er hinzu. Sie beide wussten, dass sie schon getötet hatte, lange bevor sie zur Polizei gegangen war.
»Bei mir war es was anderes.« Sie hatte sich schon oft gefragt, ob sie aufgrund der Art, wie ihr Leben angefangen hatte, den Tod eventuell mit anderen Augen als die meisten anderen Menschen sah.
Ob sie ihn vielleicht deshalb als kalte, persönliche Beleidigung empfand.
»Trueheart ist gerade zweiundzwanzig, und er ist … er ist noch nicht mal richtig trocken hinter den Ohren.« Dunkles, gefährliches Mitleid wogte in ihr auf. Sie hockte sich vor Galahad und kraulte ihn geistesabwesend unter dem Kinn. »Er wird heute Nacht bestimmt nicht schlafen können. Wieder und wieder wird er an diese Sache denken. Nach dem Motto, hätte ich doch dies getan oder jenes, hätte ich doch anders reagiert. Und morgen …« Sie richtete sich auf und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. »Ich kann nicht verhindern, dass man ihn psychologisch untersucht. Ich kann nichts dagegen tun.«
Sie kannte diesen Test. Man durfte nicht mal seine Kleider anbehalten, während sie einen mit Fragen bombardierten und man gezwungen war, nicht nur die Geräte, sondern zugleich die Techniker, die sie bedienten, in seinen Kopf hinein und sich dort ausbreiten zu lassen wie einen Tumor.
»Hast du Angst, dass er den Test möglicherweise nicht besteht?«
Sie wandte sich ihm zu und nahm das Weinglas entgegen, mit dem er vor sie getreten war. »Er ist zäher, als er aussieht, aber er hat eine Heidenangst. Und er schwimmt in Schuldgefühlen. Und wenn man all die Schuldgefühle, alle diese Zweifel mit in die Untersuchung nimmt, kann man darin ertrinken. Außerdem wird es interne Ermittlungen seitens der Dienstaufsicht geben.«
»Aber warum denn das?«
Sie setzte sich auf einen Stuhl, nahm den Kater auf den Schoß und erzählte ihm den Rest. Laut über die Geschehnisse zu sprechen half ihr, ihre Gedanken zu sortieren, vor allem, da ihr Mann schnell begriff und noch bevor sie jede Linie gezeichnet hatte, bereits das Gesamtbild sah.
»So, wie die Dinge liegen, war es also theoretisch gar nicht möglich, diesen Mann mit einem normalen Polizeistunner zu töten.«
»Ja.« Eve nickte. »Genau. Trueheart hätte ihn voll aufdrehen und seinem Gegenüber direkt an die Halsschlagader drücken müssen, und selbst dann hätte ein Schuss sicher nicht gereicht.«
»Was darauf schließen lässt, dass Truehearts Schilderung des Geschehens nicht ganz stimmt.«
Auch die Dienstaufsicht würde Zweifel an seiner Darstellung hegen, überlegte Eve und legte sich die Erklärung, die sie abgeben würde, schon einmal gedanklich zurecht. »Er stand unter unglaublichem Druck. Eine Zivilperson war tot, eine andere in extremer Gefahr, er selbst verletzt.«
»Willst du es so der Dienstaufsicht verkaufen?«
Ja, er sah eben stets das Gesamtbild, dachte sie. »So ungefähr.« Sie streichelte Galahad gedankenverloren und nippte an ihrem Wein. »Ich brauche den Bericht des Pathologen. Aber es wird niemals darauf hinauslaufen, dass Trueheart diesen Mann vorsätzlich getötet hat. In Panik, okay. Dafür klopft man ihm dann auf die Finger, suspendiert ihn einen Monat und verdonnert ihn womöglich noch zu einer Therapie. Das kann ich nicht verhindern. Die Sache ist sowieso schon etwas heikel, weil er statt bei der Zentrale erst bei mir angerufen hat. Denn falls die Dienstaufsicht vermutet, dass er etwas vertuschen wollte, ist er eindeutig erledigt.«
Roarke nahm ihr gegenüber Platz und hob ebenfalls sein Weinglas an den Mund. »Hast du schon überlegt, ob du mit deinem alten Freund Webster sprechen solltest?«
Ihre Finger trommelten auf die Armlehne ihres Stuhls. Während sie Roarke ins Gesicht sah, war sie sich nicht sicher, ob sie eine leichte Amüsiertheit oder etwas Ernsteres in seinen Augen sah.
Don Webster war nicht wirklich das, was man als alten Freund bezeichnen würde. Sie hatten vor Jahren einmal eine kurze Affäre miteinander gehabt. Dass er aus Gründen, die sie nie verstehen würde, über diese eine Nacht nie ganz hinweggekommen war, hatte einmal zu einer faszinierenden, gewaltsamen Auseinandersetzung zwischen ihm und Roarke geführt.
Und an einer Wiederholung dieses Vorfalls lag ihr absolut nichts.
»Möglich, außer, wenn du denkst, dass du dadurch die Gelegenheit bekommst, ihm noch einmal die Visage zu polieren.«
Lächelnd nippte Roarke erneut an seinem Wein. »Ich denke, unsere Positionen sind inzwischen klar. Ich kann es ihm nicht verdenken, dass er sich von meiner Gattin angezogen fühlt, denn schließlich geht es mir genauso. Und er weiß, dass ich ihm jeden Knochen einzeln brechen werde, falls er je noch einmal Hand an etwas legt, das mir gehört. Damit kommen wir beide bestens klar.«
»Super. Klasse«, stieß sie schnaubend aus. »Abgesehen davon ist er über mich hinweg. Hat er mir selbst gesagt«, fügte sie, als sie Roarkes katzenhaftes Grinsen sah, hinzu.
»Und vor allem gehen mir heute Abend bereits genügend andere Dinge durch den Kopf. Also belassen wir es besser erst einmal dabei. Am liebsten würde ich den Commander anrufen und ihn fragen, was ich machen soll«, kehrte sie wieder zurück zu ihrem eigentlichen Thema. »Nur, dass das leider nicht geht. Ich muss mich in diesem Fall genauestens an die Vorschriften halten. Der arme Junge hat sich nach dieser Geschichte vor lauter Angst beinahe die Seele aus dem Leib gekotzt, und ich konnte nicht das Geringste für ihn tun.«
»Er wird es überstehen, du Glucke.«
Sie funkelte ihn aus zusammengekniffenen Augen böse an. »Vorsicht. Ich bin diejenige gewesen, die ihn von den Leichensammlern zu uns hat versetzen lassen. Ich habe ihn vor ein paar Monaten ins Krankenhaus gebracht.«
»Eve.«
»Schon gut, schon gut. Ich habe ihn in eine Situation gebracht, derentwegen er im Krankenhaus gelandet ist. Und jetzt hat er Probleme, weil er jemanden erschossen hat. Ich bin halt verantwortlich für ihn.«
»Logisch, dass du das so siehst.« Er strich mit seiner Hand über ihre nach wie vor rastlos trommelnden Finger. »Genau das macht dich nämlich aus. Und genau deshalb hat er sich auch sofort bei dir gemeldet. Er war völlig durcheinander und hatte eine Heidenangst. Für die meisten Menschen ist es schrecklich, einen anderen zu töten, und genauso sollte es sein. Macht es ihn nicht zu einem umso besseren Polizisten, dass er nicht völlig gefühllos ist?«
»Ja, und das werde ich ebenfalls vorbringen, wenn man mich fragt. Aber irgendetwas stimmt an dieser Sache nicht. Irgendetwas stimmt nicht«, wiederholte sie, stand auf und lief vor Roarkes Schreibtisch auf und ab, während der unsanft auf den Boden katapultierte Galahad sich beleidigt maunzend auf die Suche nach etwas Essbarem machte.
»Er hatte keine Verbrennungen am Hals. Wenn Trueheart ihm die Waffe an den Hals gehalten oder aus nächster Nähe die volle Ladung auf ihn abgefeuert hätte, müssten Verbrennungen zu sehen sein. Warum waren keine da?«
»Könnte er eine andere Waffe verwendet haben, eine mit größerer Kraft?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich kenne niemanden, bei dem es unwahrscheinlicher wäre, dass er eine zweite Waffe bei sich hat. Und selbst wenn ich mich in ihm täuschen würde, wo ist diese zweite Waffe dann? Er hatte sie nicht bei sich, sie lag weder in der einen noch in der anderen Wohnung. Ebenso wurde bei der Durchsuchung der Recycler in der näheren Umgebung, die ich veranlasst habe, nichts entdeckt. Er hat mich wenige Minuten, nachdem er den Schuss abgegeben hatte, angerufen. Er hätte also keine Zeit gehabt, um in Ruhe darüber nachzudenken, wie er am besten eine Zweitwaffe entsorgt. Außerdem ergibt die ganze Sache, wenn man es sich genauer überlegt, schlichtweg keinen Sinn.«
Sie nahm auf der Schreibtischkante Platz und beugte sich nach vorn. »Nimm zum Beispiel diesen Louis K. Der Streifenpolizist, die Nachbarn, ja selbst die Frau, die von ihm angegriffen worden ist, beschreiben ihn als einen kleinen Scheißer, der sich an Schulkinder herangemacht hat, von dem aber ansonsten nichts zu befürchten war. In seinem Strafregister sind keine Gewalttaten verzeichnet. Keine Überfälle, keine Schlägereien. Und auch Waffen haben wir in seiner Bude nicht gefunden.«
»Und was war mit dem Schläger?«
»Er hat Baseball gespielt. Er hat heute Abend also in der Unterwäsche in seiner Wohnung gesessen und die Buchhaltung gemacht. Blitzsaubere Bücher, schmuddelige Wohnung. Nur dass das Chaos und der Dreck anscheinend nicht normal für ihn gewesen sind. Die Schränke waren aufgeräumt, das Fenster war geputzt, aber es gab jede Menge ungespülter Teller, an denen noch Essensreste klebten, und überall lag Dreckwäsche herum. Sah aus, als ob er krank gewesen wäre oder eine Woche durchgesoffen hätte. Irgendetwas in der Art.«
Sie raufte sich die Haare und rief die vollgestopfte kleine Wohnung vor ihrem geistigen Auge auf. Stellte sich bildlich vor, wie er schwitzend in der Unterhose unter dem offenen Fenster vor seinem Computer saß.
»Der Nachbarin zufolge hatte er die Musik ohrenbetäubend aufgedreht. Ralph von gegenüber geht hin und klopft an seine Tür. Was nicht weiter ungewöhnlich ist. Nur greift Louis dieses Mal, statt die Musik runterzudrehen, nach seinem Baseballschläger und schlägt seinen gelegentlichen Saufkumpan damit tot.
Zertrümmert ihm den Schädel«, fuhr sie fort. »Schlägt sein Gesicht zu Brei, schlägt derart heftig zu, dass ein guter, harter Holzknüppel dabei zerbricht. Der Nachbar ist gut fünfzig Kilo schwerer, aber er bekommt gar nicht erst die Chance, ihm eine zu verpassen.«
Er wusste, dass sie die Szenen deutlich vor sich sah. Obwohl sie nicht dabei gewesen war, konnte sie sich alles bildlich vorstellen. »Es ist auch ziemlich schwierig, sich zur Wehr zu setzen, wenn einem bereits die Hirnmasse aus den Ohren läuft.«
»Ja, dadurch ist man eindeutig im Nachteil. Aber dann tritt Louis K. weiterbrüllend die Tür der Nachbarwohnung ein und stürzt sich auf die Frau. Ein Polizist kommt ihr zu Hilfe, und sofort geht Louis auf ihn los.«
»Die Hitze kann die Leute in den Wahnsinn treiben.«
»Ja. Sie bringt die schlimmsten Seiten der menschlichen Natur zum Vorschein. Aber genau wie jeden Abend saß der kleine Scheißer, bis Ralph bei ihm geklopft hat, ganz ruhig in seiner Wohnung über seinen Büchern. Dass er so heftig reagiert hat, ergibt einfach keinen Sinn.«
Stirnrunzelnd lehnte sie sich zurück. »Kennst du irgendeine Droge mit dem Namen ›Reinheit‹?«
»Nein.«
»Hm. Niemand hat bisher etwas davon gehört. Als ich in seine Wohnung kam, stand auf dem Computermonitor ›Vollkommene Reinheit erreicht‹. Was zum Teufel ist vollkommene Reinheit und wie wurde sie erreicht?«
»Falls es eine neue Droge wäre, hätte dann ein kleiner Dealer, der mit Kindern handelt, sie schon im Programm?«
»Das habe ich mich ebenfalls gefragt. Aber obwohl ich die Nummer meines Dienstausweises eingegeben habe, hat der Computer keine Informationen ausgespuckt. Also habe ich das Ding der Abteilung für elektronische Ermittlungen geschickt. Ich kann unmöglich gleich Feeney fragen. Es würde seltsam wirken, wenn ich sofort den Abteilungsleiter darum bitten würde, dass er die Kiste überprüft.«
»Warum hast du nicht einfach mich gefragt?«
»Das hätte noch seltsamer gewirkt. Außerdem hattest du zu tun.«
»Das stimmt, und außerdem war ich beim Essen, was du wahrscheinlich wieder mal vergessen hast. Hast du eventuell Hunger?«
»Jetzt, wo du davon sprichst. Was hast du dir bestellt?«
»Kalte Pflaumensuppe, Krabbensalat und einen hervorragenden gegrillten Steinbutt.«
»Igitt.« Eve stieß sich von der Schreibtischkante ab. »Ich hätte eher Appetit auf einen Burger.«
»Habe ich mir’s doch gedacht.«
 
Später lag Eve wach im Bett, starrte an die Decke und ging noch einmal in Gedanken sämtliche Informationen, Beweise und Theorien durch. Irgendetwas an der Sache stimmte nicht. Nur war sie sich nicht sicher, ob sie das nur deshalb dachte, weil sie in Sorge um einen viel versprechenden jungen Kollegen war.
Er war intelligent und besaß noch einen Idealismus, der so hell und strahlend war wie frisch poliertes Silber. Reinheit, dachte sie erneut. Wenn sie Reinheit mit einem Wort hätte beschreiben müssen, hätte sie den Namen Trueheart dafür verwandt.
Auch wenn er heute ein Teil dieser Reinheit verloren hatte. Ein Teil, von dem sie wusste, er bekäme ihn niemals wieder zurück. Darunter würde er leiden, und sie konnte nur hoffen, dass er nicht daran zugrunde ging.
Außerdem war sie keine Glucke, dachte sie, drehte leicht den Kopf und bedachte Roarke mit einem giftigen Blick.
»Ja, dann.« Er wandte sich ihr ganz zu und glitt mit seinen Händen zielsicher zu ihrer Brust. »Da du noch derart energiegeladen bist …«
»Wovon redest du? Ich schlafe schon.«
»Tust du nicht. Nicht, solange du so laut denkst, um selbst einen Toten aufzuwecken. Am besten nehme ich die Sache in die Hand, damit du einen Teil deiner Energie verlierst.«
Als er sie an sich zog, fing sie leise an zu kichern. »Ich habe eine Neuigkeit für dich, mein Freund. Das, was ich da spüre, ist nicht deine Hand.«
 
Sechsunddreißig Blocks entfernt lag auch Troy True heart wach in seinem Bett, starrte an die Decke und sah dort das Gesicht des Mannes, der von ihm getötet worden war. Niemand bot ihm Trost oder lenkte ihn von seinem Elend ab.
Er sollte ein Beruhigungsmittel nehmen. Doch er hatte Angst zu schlafen. Denn dann sähe er das Grauen sicherlich in seinen Träumen.
Genau, wie er es derzeit überdeutlich sah.
Die mit Blut, Knochen und Exkrementen bespritzten Wände des dunklen, schmutzigen Flurs. Selbst in seiner blitzsauber aufgeräumten Wohnung konnte er es riechen. Den Gestank der in der Hitze gärenden Eingeweide und des geronnenen Bluts. Er hörte auch das entsetzte, schmerzerfüllte Wimmern der schwer verletzten Frau. Das Gebrüll des Mannes. Louis K. hatte gebrüllt wie ein gehetztes wildes Tier. Die Stimmen anderer Hausbewohner, die sich hinter verschlossenen Türen irgendetwas zugerufen hatten. Den Lärm der Straße, der durch das offene Fenster hereingedrungen war.
Und das Klopfen seines eigenen Herzens.
Weshalb hatte er keine Verstärkung gerufen? Er hätte sofort, als er die Hilferufe vernommen hatte, Verstärkung rufen sollen.
Stattdessen war er, einzig erfüllt von dem Gedanken, diese Frau zu schützen, in das Haus gerannt.
Wenigstens hatte er, als er die Treppe hinaufgelaufen war, gebrüllt, dass jemand die Polizei anrufen sollte. Nur hatte offensichtlich niemand darauf reagiert. Das wurde ihm jetzt klar. Niemand hatte die Polizei verständigt, denn sonst wären die Kollegen da gewesen, lange, bevor Lieutenant Dallas auf der Bildfläche erschienen war.
Wie konnten Menschen hinter verschlossenen Türen stehen und tatenlos mit anhören, wie ihre Nachbarin um Hilfe rief? Das würde er niemals begreifen.
Er hatte den Mann im Flur gesehen und sofort erkannt, dass ihm nicht mehr zu helfen war. Sein Magen hatte einen Satz gemacht, und plötzlich hatte er ein lautes Rauschen in den Ohren gehabt. Das Geräusch der Angst. Ja, er hatte Angst gehabt, eine Heidenangst. Aber es war seine Aufgabe gewesen, durch die Wohnungstür zu treten. Durch die offene Tür mitten in die Schreie, das Blut und den Wahnsinn hinein.
Und dann? Was dann?
Polizei! Lassen Sie Ihre Waffe fallen! Lassen Sie sie sofort fallen!
Er hatte seinen Stunner in der Hand gehabt. Hatte ihn auf dem Weg die Treppe hinauf bereits gezogen. Da war er sich ganz sicher. Der Mann. Louis K. Cogburn. Er hatte sich zu ihm umgedreht und wie der Schlagmann am Heimmal beidhändig mit dem blutverschmierten Schläger ausgeholt. Winzig kleine Augen, dachte Trueheart jetzt. Seine Augen waren beinahe in dem schmalen Gesicht verschwunden, das vor Zorn und fremdem Blut dunkelrot gewesen war.
Dunkleres, frischeres Blut war aus seiner Nase gelaufen. Das fiel ihm jetzt erst wieder ein. War es vielleicht von Bedeutung?
Er war auf ihn zugestürzt. Ein völlig Irrer in einer kurzen Hose, der blitzschnell gewesen war. Der Schläger hatte ihn hart an der Schulter erwischt. Er war rückwärtsgestolpert und hätte dabei um ein Haar den Stunner fallen lassen. Grelle Panik hatte ihn durchzuckt.