Einladung zum Mord - J.D. Robb - E-Book

Einladung zum Mord E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Rache ist süß. Aber oftmals bitter im Geschmack.

Manche tun diese Arbeit voller Eifer, andere voller Gleichmut, und wieder andere betrachten Mord als ein Werk der Liebe! Als Walter Pettibone um genau 19.30 Uhr abends von der Arbeit nach Hause kommt, wird er von über hundert Gästen erwartet. Die eigentliche Überraschung steht ihm allerdings noch bevor. Um 20.45 Uhr reicht ihm eine Frau mit grünen Augen und rotem Haar ein Glas Sekt. Ein Schluck davon, und Walter fällt tot um. Niemand kennt die mysteriöse Fremde – bis auf Eve Dallas, die ermittelnde Polizistin ...

• Die andere Seite der Nora Roberts: gefährlich, rasant, romantisch!
• Hochdosierte Spannung von Nora Roberts alias J. D. Robb: Der explosive 14. Fall um Lieutenant Eve Dallas

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Seitenzahl: 680

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Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, Garbsen Covergestaltung: bürosüd Covermotiv: plainpicture/Benjamin Schmid MD. Herstellung: HN
Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
 
Copyright
Buch
Autorin
J.D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts. Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte 1979 ein eisiger Schneesturm sie in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J.D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von
den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken.
www.jdrobb.com und
Die Originalausgabe erschien 2002 unter dem Titel »Reunion in Death« bei Berkley Books, The Berkley Publishing Group,
Es gibt Gemeinheiten, die zu gemein sind für den Mann – die Frau allein, die liebreizende Frau, kann wagen sie zu begehen.
W. M. Thackeray
 
Das sicherste Gift ist die Zeit.
1
Mord war Arbeit. Der Tod war für den Mörder, das Opfer, die Hinterbliebenen und die, die für die Toten eintraten, ein anstrengendes Geschäft.
Manche taten diese Arbeit voller Eifer, andere voller Gleichmut, und wieder andere betrachteten Mord als ein Werk der Liebe.
Als Walter C. Pettibone seine hübsche Wohnung in der Park Avenue wie an jedem Morgen zu einem Gang um den Block verließ, konnte er nicht ahnen, dass er dies zum letzten Mal in seinem Leben tat. Er war ein robuster, gewiefter sechzigjähriger Geschäftsmann, der das bereits beachtliche Vermögen der Familie mit Feingefühl und Blumen weiter hatte wachsen lassen.
Er war wohlhabend, gesund und hatte erst seit einem guten Jahr eine junge, blonde Gattin, die den sexuellen Appetit einer läufigen Dobermann-Hündin und die Intelligenz eines Kohlkopfes besaß.
Seiner Meinung nach lief in diesem Sommer des Jahres 2059 in seinem Leben alles wunderbar.
Er hatte eine Arbeit, die er liebte, zwei Kinder aus seiner ersten Ehe, die eines Tages das Geschäft übernehmen würden, das sein eigener Vater ihm vermacht hatte, unterhielt zu seiner Ex – einer durchaus sympathischen, vernünftigen Person – freundschaftlichen Kontakt, und sein Sohn und seine Tochter erfüllten ihn dank ihrer angenehmen Wesen und ihrer Intelligenz mit Zufriedenheit und Stolz.
Dann hatte er noch einen Enkel, der sein besonderer Liebling war.
Er hatte World of Flowers zu einem intergalaktischen Unternehmen mit unzähligen Blumenläden, Gewächshäusern und Gärtnereien sowohl auf der Erde als auch auf diversen Raumstationen und anderen Planeten ausgebaut.
Walter liebte Blumen. Und zwar nicht nur, weil sich mit ihnen ein beachtlicher Gewinn erzielen ließ. Er liebte ihren Duft, ihre Farben, die Textur, die Schönheit ihrer Blätter und Blüten sowie das schlichte Wunder ihrer Existenz.
Jeden Morgen suchte er ein paar von seinen Blumenläden auf, um die dort ausgestellte Ware in Augenschein zu nehmen, an den verschiedenen Arrangements zu schnuppern, ein paar Nettigkeiten mit den Angestellten auszutauschen und einfach mit den Blumen und den Menschen, die sie liebten, zusammen zu sein.
Zweimal in der Woche stand er bereits im Morgengrauen auf, fuhr auf den großen Blumenmarkt, wanderte dort herum, genoss die bunte Vielfalt, bestellte neue Pflanzen und äußerte gelegentlich auch einmal vorsichtig Kritik. So hielt er es seit über vierzig Jahren. Er liebte die Routine und wich kaum jemals davon ab.
Heute allerdings wollte er nach einer Stunde zwischen seinen geliebten Blumen ins Büro gehen und etwas länger als gewöhnlich dort bleiben. Schließlich brauchte seine Frau für die Vorbereitung der Geburtstagsparty, die sie als Überraschung für ihn plante, sicher noch ein wenig Zeit.
Er lachte leise vor sich hin.
Die Süße könnte nicht mal dann etwas für sich behalten, wenn man ihr die Lippen zusammennähen würde, dachte er vergnügt. Er wusste schon seit Wochen, dass sie eine Party für ihn geben würde, und er freute sich auf diesen Abend wie ein kleines Kind. Natürlich würde er so tun, als wäre er vollkommen überrascht. Er hatte heute Morgen extra vor dem Spiegel die passende Mimik einstudiert.
Also ging Walter seiner täglichen Routine mit einem Lächeln auf den Lippen nach – denn welche Überraschung er an diesem Abend tatsächlich erleben würde, war ihm nicht einmal ansatzweise klar.
Eve hegte ernste Zweifel, ob es ihr in ihrem Leben jemals besser gegangen war. Ausgeruht, entspannt und voller Energie stand sie am ersten Tag nach ihrem zweiwöchigen Urlaub, in dem die größte Anstrengung darin bestanden hatte, sich zu entscheiden, ob sie lieber essen oder weiterschlafen wollte, vor ihrem offenen Schrank.
Sie hatten eine Woche in der Villa in Mexiko und eine auf einer kleinen Privatinsel – mit Sonne, Sex und Schlaf im Übermaß – verbracht.
Roarke hatte Recht gehabt. Sie hatten diese Zeit gebraucht. Sie beide hatten sich dem Alltagstrott entziehen müssen, um völlig zu genesen. Und so, wie sie sich an diesem Morgen fühlte, hatte die zweiwöchige Auszeit ihre Wirkung nicht verfehlt.
Stirnrunzelnd starrte sie auf den seit ihrer Hochzeit stetig anwachsenden Berg an Kleidern. Sie glaubte nicht, dass dieser Anblick sie nur aufgrund der Tatsache verwirrte, dass sie in den letzten vierzehn Tagen stets nur nackt oder so gut wie nackt herumgelaufen war. Wenn sie sich nicht völlig irrte, hatte es der Mann doch tatsächlich geschafft, noch mehr Zeug in ihren Schrank zu schmuggeln.
Sie griff nach einem langen blauen Kleid aus einem Stoff, der gleichzeitig zu glühen und zu glitzern schien. »Habe ich das Ding schon mal gesehen?«
»Es hängt in deinem Schrank.« Roarke saß in der Sitzecke des Schlafzimmers und verfolgte den Börsenbericht im Fernsehen, während er genüsslich eine zweite Tasse Kaffee trank. Trotzdem wandte er den Kopf. »Falls du in dem Kleid zur Arbeit fährst, werden die Kriminellen dieser Stadt sicher sehr beeindruckt von dir sein.«
»In dem Schrank hängt noch mehr Zeug als vor zwei Wochen.«
»Ach ja? Ich frage mich, wie so was möglich ist.«
»Du musst endlich damit aufhören, mir ständig irgendwas zu kaufen.«
Er streckte einen Arm aus, um Galahad zu streicheln, doch der Kater wich ihm naserümpfend aus. Seit sie am Vorabend zurückgekommen waren, gab er ihnen zu verstehen, dass er zutiefst beleidigt war, weil sie ihn einfach für zwei Wochen verlassen hatten. »Warum?«
»Weil es peinlich ist«, murmelte sie leise und tauchte auf der Suche nach irgendwas Vernünftigem, das sie im Büro tragen könnte, tiefer in den Schrank.
Lächelnd sah er zu, wie sie ein ärmelloses Top und eine weich fallende Hose über ihren schlanken, geschmeidigen Körper zog. Von der Sonne hatte ihre Haut einen warmen, goldfarbenen Schimmer, und platinblonde Strähnen durchzogen ihr kurz geschnittenes, braunes Haar. Sie stieg mit schnellen, sparsamen Bewegungen in ihre Kleider und es war deutlich zu erkennen: ihre äußere Erscheinung war ihr vollkommen egal. Was vielleicht genau der Grund war, weshalb er der Versuchung einfach nicht widerstehen konnte, sie mit den schönsten Kleidungsstücken zu behängen, die es gab.
Sie hatte sich während des Urlaubs tatsächlich erholt. Mit jeder Stunde und mit jedem Tag, den sie beide fort gewesen waren, hatte sich die Wolke der Erschöpfung und der Sorge, in die sie vorher eingehüllt gewesen war, ein wenig mehr gehoben. Jetzt blitzten ihre whiskeybraunen Augen und ein rosiger Schimmer lag auf ihrem schmalen, fein gemeißelten Gesicht.
Als sie ihre vollen Lippen entschieden aufeinander presste und nach dem Holster ihrer Waffe griff, wusste er mit Bestimmtheit – Lieutenant Eve Dallas war wieder im Dienst. Und träte dem ersten Kriminellen, der das Pech hätte, ihr über den Weg zu laufen, kraftvoll in den Arsch.
»Ich frage mich, weshalb mich der Anblick einer bewaffneten Frau derart erregt.«
Sie warf einen kurzen Blick über die Schulter und zog eine dünne Jacke aus dem Schrank. »Vergiss es. Ich komme an meinem ersten Arbeitstag nach zwei Wochen Urlaub ganz sicher nicht zu spät, nur weil dein Hormonhaushalt noch nicht wieder ganz ins Gleichgewicht gekommen ist.«
Ja, dachte er zufrieden und stand schwungvoll auf. Sie war wieder ganz die Alte. »Meine geliebte Eve.« Er zuckte leicht zusammen. »Diese Jacke nicht.«
»Warum denn bitte nicht?« Einen Jackenärmel hatte sie schon an. »Sie ist leicht, und meine Waffe ist darunter nicht zu sehen.«
»Sie passt nicht zu der Hose.« Er trat vor ihren Schrank und zog eine andere Jacke aus einem dünnen Khakistoff heraus. »Die hier ist deutlich besser.«
»Ich habe nicht die Absicht, irgendein Video zu drehen.« Da es jedoch leichter war, als sich mit ihm zu streiten, zog sie brav die andere Jacke an.
»Hier.« Nach einem neuerlichen kurzen Tauchgang in den Schrank drehte er sich mit einem Paar halbhoher, kastanienbrauner Lederstiefel in den Händen wieder zu ihr um.
»Woher kommen die denn?«
»Die hat offenbar die Kleiderfee gebracht.«
Argwöhnisch blickte sie auf das Schuhwerk und stocherte mit einem Finger in dem Leder herum. »Ich brauche keine neuen Stiefel. Meine alten sind nämlich prima eingelaufen und deshalb wunderbar bequem.«
»Das könnte man bestimmt auch anders formulieren. Hier, probier sie wenigstens mal an.«
»Ich werde diese Dinger sowieso verhunzen«, maulte sie, nahm aber trotzdem auf der Sofalehne Platz und zog die Stiefel an. Weich wie Butter glitten sie über ihre Füße, und genau aus diesem Grund sah sie ihn böse an. Wahrscheinlich hatte er die Teile in einer seiner zahllosen Fabriken von Hand fertigen lassen und so viel dafür bezahlt, wie eine New Yorker Polizistin in zwei Monaten verdiente, überlegte sie. »Unglaublich. Die Kleiderfee scheint sogar meine Schuhgröße zu kennen.«
»Sie ist eben ein wirklich erstaunliches Geschöpf.«
»Ich nehme an, es ist vollkommen sinnlos ihr zu sagen, dass eine Polizistin keine teuren, wahrscheinlich von irgendeiner kleinen italienischen Nonne zusammengenähten Stiefel brauchen kann, wenn sie an irgendwelchen Tatorten herumläuft oder an die Türen von Verdächtigen oder von potenziellen Zeugen klopft.«
»Die Kleiderfee ist ziemlich eigensinnig.« Er fuhr mit einer Hand durch ihre Haare und zog gerade fest genug an einer Strähne, dass sie ihr Gesicht hob und ihm in die Augen sah. »Und vor allem betet sie dich an.«
Noch immer schlug ihr Magen Saltos, wenn sie ihn solche Dinge sagen hörte und ihn dabei ansah. Und sie hatte sich bereits des Öfteren gefragt, weshalb sie in seinen herrlich leuchtend blauen Augen, wenn sie wie jetzt vor Freude und vor Wildheit blitzten, nicht ganz einfach versank.
»Verdammt, du siehst einfach phantastisch aus«, rutschte es ihr heraus, worauf sie erschreckt zusammenfuhr. Aber selbst wenn er fröhlich grinste, hatte er tatsächlich ein Gesicht wie aus einem Gemälde oder von einer antiken Statue, ging es ihr durch den Kopf. Ausdrucksvolle Augen, kraftvolle, scharfkantige Züge, einen an einen Dichter gemahnenden, verführerischen Mund.
Junger irischer Gott würde der Titel dieses Kunstwerks lauten. Denn waren Götter nicht verführerisch und gnadenlos und sich ihrer Macht bewusst?
»Ich muss allmählich los.« Sie sprang eilig auf die Füße, stieß jedoch, da er einfach stehen blieb, unsanft mit ihm zusammen. »Roarke.«
»Mir ist durchaus bewusst, dass uns der Alltag wiederhat. Aber …« Seine Hände glitten langsam an ihrem Leib herab und erinnerten sie allzu deutlich daran, welch herrliche Gefühle er mit seinen schnellen und geschickten Fingern in ihr wachzurufen verstand. »Ich glaube, dass du vielleicht trotzdem Zeit findest für einen kurzen Abschiedskuss.«
»Du willst, dass ich dich zum Abschied küsse?«
»Ja, das will ich.« Seine Stimme hatte einen amüsierten Klang.
»Sicher.« Blitzschnell packte sie seine fast bis auf die Schultern reichenden rabenschwarzen Haare, zog sein Gesicht zu sich herab und presste ihre Lippen auf seinen leicht geöffneten Mund.
Sie spürte, dass sein Herz wie auch ihr eigenes bei der Berührung schneller schlug. Es war ein Zeichen des Verlangens, der Erkenntnis und der Einheit, dachte sie, ließ, als er vor Vergnügen seufzte, ihre Zungen umeinander kreisen, nagte sanft an seinem festen Fleisch …
… und trat eilig einen Schritt zurück. »Wir sehen uns später, Kumpel«, rief sie ihm über die Schulter zu und marschierte entschlossen aus dem Raum.
»Ich wünsche dir einen sicheren Tag, Lieutenant.« Mit einem leisen Seufzer nahm Roarke wieder auf dem Sofa Platz. »So«, wandte er sich an den Kater. »Was wird es mich kosten, dass du mir wieder wohl gesinnt bist?«
 
Auf der Wache sprang Eve behände auf das Gleitband, das sie in Richtung des Morddezernates trug. Und atmete tief ein. Nichts gegen die rauen Winde an der Westküste von Mexiko oder die milden Brisen, die vom Meer her über kleine Tropeninseln wehten, aber sie hatte die Luft auf dem Revier vermisst: den Geruch nach Schweiß, scharfen Reinigungsmitteln und abgestandenem Kaffee.
Der zweiwöchige Urlaub hatte sie für das leise Summen allzu vieler Stimmen, das regelmäßige, doch misstönende Schrillen allzu vieler Handys, das Hinundherlaufen von allzu vielen Leuten sensibilisiert.
Sie hörte, wie jemand mit sich überschlagender Stimme eine Reihe von Beleidigungen brüllte, die in ihren Ohren klangen wie Musik.
Gottverdammteverfluchtearschlöchervonbullen.
Willkommen zu Hause, dachte sie vergnügt.
Der Job war ihr Daheim gewesen, ihr Leben, ihre einzige Daseinsberechtigung, bevor sie Roarke begegnet war. Und selbst jetzt, obwohl oder vielleicht auch weil sie diesen wunderbaren Partner hatte, war ihre Arbeit weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Das hilflose, missbrauchte Opfer, das sie einst gewesen war, hatte die Verwandlung zur Kriegerin vollbracht.
Bereit, sich wieder in den Kampf zu stürzen, trat sie durch die Tür des Dezernats.
Detective Baxter hob den Kopf von seiner Arbeit und pfiff leise auf. »Wow, Dallas. Lecker.«
»Was?« Verblüfft blickte sie über die Schulter, dann aber wurde ihr bewusst, dass Baxters lüsternes Grinsen für sie bestimmt gewesen war. »Mann, Sie sind einfach krank. Aber es ist ungemein beruhigend, dass sich manche Dinge niemals ändern.«
»Sie sind ja wohl diejenige, die sich derart in Schale geworfen hat.« Er stand auf, bahnte sich einen Weg an diversen Schreibtischen vorbei und befühlte vorsichtig den Aufschlag ihrer Jacke. »Sie sehen aus wie aus dem Ei gepellt, Dallas. Im Vergleich zu Ihnen müssen wir anderen uns richtig schämen.«
»Es ist bloß eine Jacke, weiter nichts«, murmelte sie verlegen. »Also machen Sie kein solches Aufheben darum.«
»Außerdem haben Sie anscheinend ganz schön viel Sonne abgekriegt. Darf man fragen, ob die Bräune nahtlos ist?«
Sie bleckte die Zähne. »Muss ich Ihnen extra in den Hintern treten oder halten Sie jetzt vielleicht freiwillig das Maul?«
Grinsend hob er einen Finger in die Luft. »Und was haben Sie da?« Als sie verwirrt nach ihrem Ohr tastete, tat er, als müsse er vor Überraschung blinzeln. »Ich hab’s. Ich glaube, die Dinger werden Ohrringe genannt. Und sie sind wirklich hübsch.«
Sie hatte vollkommen vergessen, dass sie seit kurzem Schmuck an ihren Ohren trug. »Gibt es etwa keine Verbrechen mehr hier in New York, seit ich weg war? Oder warum sonst haben Sie die Zeit, herumzustehen und mein Erscheinungsbild zu kritisieren?«
»Ich bin einfach verwirrt, Lieutenant. Ich bin es schließlich nicht gewohnt, dass Sie wie ein Model durch die Gegend laufen. Neue Stiefel?«
»Lecken Sie mich doch am Arsch.« Verfolgt von seinem schallenden Gelächter marschierte sie davon.
»Trotzdem ist sie noch ganz die Alte und vor allem ist sie endlich wieder da!«, verkündete Baxter und bekam von den Kollegen donnernden Applaus.
Hornochsen, dachte sie auf dem Weg in Richtung ihres eigenen Büros. Die New Yorker Polizei beschäftigte die größten Hornochsen der Stadt.
Aber, Himmel, sie hatte sie fürchterlich vermisst.
Sie öffnete die Tür, blieb auf der Schwelle stehen, und beim Anblick ihres Zimmers fielen ihr beinahe die Augen aus dem Kopf.
Ihr Schreibtisch war vollkommen leer. Und vor allem sauber. Doch nicht nur der Tisch, sondern der ganze Raum wirkte plötzlich derart frisch, als wäre jemand hier gewesen, hätte all den Staub und Dreck entfernt und das gesamte Inventar poliert. Argwöhnisch strich sie mit dem Daumen über eine Wand. Ja, sogar die Farbe war eindeutig neu.
Mit zusammengekniffenen Augen blickte sie sich weiter um. Ihr Büro war eine winzige Kammer mit einem mickrigen Fenster, einem, wenn auch blank geschrubbten, so doch wackeligen Schreibtisch und ein paar Stühlen, deren Federung bereits vor Jahren kaputtgegangen war. Auf dem ebenfalls blitzblank polierten Aktenschrank stand eine Grünpflanze, die zu ihrer großen Überraschung tatsächlich gedieh.
Mit einem leisen Aufschrei stürzte Eve in Richtung Schrank und riss die zweite Schublade von oben eilig auf. »Habe ich es doch gewusst, habe ich es doch gewusst, habe ich es doch gewusst! Dieser Schweinehund hat tatsächlich schon wieder zugeschlagen.«
»Lieutenant?«
Schnaubend warf Eve einen Blick über die Schulter. Ihre Assistentin, in ihrer gestärkten Sommeruniform genauso proper wie das Zimmer, stand in der Tür und sah sie fragend an.
»Dieser gottverdammte, hinterhältige Schokoladenriegeldieb hat mein Versteck gefunden.«
Peabody gab sich die größte Mühe, nicht zu grinsen. »Sie hatten Schokolade im Aktenschrank versteckt?« Sie reckte ihren Hals. »Unter M?«
»M für meins, verdammt.« Wütend warf Eve die Lade wieder zu. »Ich hatte vergessen, meinen Vorrat mitzunehmen, als ich in Urlaub gegangen bin. Was in aller Welt ist hier passiert, Peabody? Erst als ich das Namensschild vor meiner Tür gelesen habe, war ich mir wirklich sicher, dass dies mein Zimmer ist.«
»Ich dachte mir, ich sollte Ihren Urlaub nutzen, um hier endlich mal putzen und frisch streichen zu lassen. Allmählich hat es hier drinnen ziemlich übel ausgesehen.«
»Ich war daran gewöhnt. Wo sind meine ganzen Sachen? Ich hatte noch einigen Papierkram zu erledigen und außerdem hätten die Berichte des Pathologen und der Spurensicherung zum Fall Dunwood kommen sollen, während ich im Urlaub war.«
»Darum habe ich mich gekümmert. Ich habe den Papierkram übernommen und die Berichte geschrieben und an die zuständigen Stellen weitergeleitet.« Peabody bedachte Eve mit einem Lächeln, das ihre dunklen Augen blitzen ließ. »Ich hatte etwas Zeit.«
»Sie haben den gesamten Papierkram übernommen?«
»Ja, Madam.«
»Und dafür gesorgt, dass mein Büro nicht nur geputzt, sondern sogar gestrichen wurde?«
»Ich hatte den Eindruck, als hätten in verschiedenen Ecken bereits mehrzellige Organismen angefangen sich rege zu vermehren. Die sind jetzt alle tot.«
Eve vergrub die Hände in den Hosentaschen und wippte auf den Fußballen. »Sie wollen mir damit doch wohl nicht zu verstehen geben, dass ich Ihnen, wenn ich hier bin, keine Zeit lasse, um Ihrer täglichen Routinearbeit nachzugehen, oder?«
»Oh nein, ganz sicher nicht. Schön, dass Sie wieder da sind, Dallas. Ich muss sagen, Sie sehen wirklich super aus. Tolles Outfit.«
Eve warf sich auf ihren Schreibtischstuhl und blickte ihre Assistentin fragend an. »Wie zum Teufel sehe ich denn normalerweise aus?«
»Ist diese Frage ernst gemeint?«
Eve studierte Peabodys von einem Helm aus glattem, dunklem Haar gerahmtes kräftiges Gesicht. »Ich versuche gerade rauszufinden, ob Ihr freches Mundwerk mir gefehlt hat. – Nein. Nicht im Geringsten.«
»Und ob. Super Farbe haben Sie bekommen. Ich nehme an, Sie haben jede Menge Zeit damit verbracht, faul in der Sonne rumzuliegen.«
»Stimmt. Und weshalb sehen Sie so aus?«
»Wie?«
»So braun. Sind Sie etwa im Solarium gewesen?«
»Nein, auf Bimini.«
»Bimini, der Insel? Was zum Teufel haben Sie auf Bimini gemacht?«
»Was wohl? Ferien – wie Sie. Roarke hat vorgeschlagen, dass ich, solange Sie nicht da sind, selber eine Woche Urlaub nehme und …«
Eve hob abwehrend eine Hand. »Der Vorschlag kam von Roarke?«
»Ja. Er dachte, McNab und ich könnten eine Verschnaufpause gebrauchen, und deshalb …«
Eve spürte, wie der Muskel unter ihrem Auge zuckte. Das passierte immer dann, wenn sie daran denken musste, dass ihre Assistentin mit dem Schönling aus der Abteilung für elektronische Ermittlungen zusammen war.
Hilflos presste sie zwei Finger auf den Muskel und meinte mit Grabesstimme: »Sie und McNab. Auf Bimini. Zusammen.«
»Tja, da wir zwei schließlich versuchen, eine richtige Partnerschaft zu haben, erschien uns das wie eine durchaus gute Idee. Und als Roarke uns einen seiner Flieger und sein Haus auf Bimini angeboten hat, haben wir die Gelegenheit genutzt.«
»Seinen Flieger und sein Haus auf Bimini.« Jetzt richtete der Druck von ihren Fingern gegen das wilde Zucken ihres Muskels nicht mehr das Geringste aus.
Peabody vergaß sich, schwang sich auf die Kante des Schreibtischs ihrer Chefin und sah diese mit leuchtenden Augen an. »Mann, Dallas, das war wirklich das ultimative Erlebnis für uns beide. Wir haben uns gefühlt wie in einem Palast. Das Haus hat einen eigenen Pool mit Wasserfall, es gibt einen Geländewagen, supermoderne Wasserski, und im Hauptschlafzimmer steht ein phänomenales Gel-Bett so groß wie der Saturn.«
»Erzählen Sie mir bloß nichts von dem Bett.«
»Und obwohl das Haus direkt am Strand liegt, ist man wirklich völlig ungestört, weshalb wir fast die ganze Zeit splitternackt herumgelaufen sind.«
»Und erzählen Sie mir auch nicht, dass Sie ohne Kleider in der Gegend rumgesprungen sind.«
Peabody verzog den Mund zu einem Grinsen. »Manchmal waren wir auch nur halbnackt. Aber auf alle Fälle …«, fügte sie, ehe Eve laut schreien konnte, gut gelaunt hinzu, »… war es einfach supertoll. Deshalb würde ich Roarke als kleines Dankeschön auch gerne irgendetwas schenken. Nur habe ich keinen blassen Schimmer, womit ich ihm eine Freude machen könnte. Der Mann hat doch so gut wie alles. Vielleicht haben Sie ja eine Idee.«
»Sind wir hier auf dem Revier oder bei einem Kaffeekränzchen?«
»Also bitte, Dallas. Die Arbeit holt uns sicher bald schon wieder ein.« Peabody bedachte Eve mit einem hoffnungsvollen Lächeln. »Ich dachte, vielleicht könnte ich ihm eine von den Decken schenken, die meine Mutter macht. Wissen Sie, sie hat zu Hause einen Webstuhl, und was sie darauf macht, ist wirklich wunderschön. Meinen Sie, so etwas würde ihm gefallen?«
»Hören Sie, er erwartet ganz bestimmt nicht, dass Sie ihm etwas schenken. Das ist wirklich nicht erforderlich.«
»Das war der beste Urlaub, den ich in meinem ganzen Leben hatte, und ich möchte ihn wissen lassen, wie sehr ich sein großzügige Angebot zu schätzen weiß. Es hat mir viel bedeutet, Dallas, dass er daran gedacht hat.«
»Ja, er denkt immer an alle.« Langsam, aber sicher wurde Eve weich, wenn auch gegen ihren Willen. »Er wäre sicherlich total begeistert, wenn er etwas hätte, was Ihre Mutter selbst gemacht hat.«
»Wirklich? Das ist gut. Dann rufe ich sie sofort heute Abend an.«
»Gibt es vielleicht nun, da wir unseren kleinen Plausch beendet haben, irgendwas für uns zu tun?«
»Einen neuen Fall gibt es noch nicht.«
»Dann holen Sie mir ein paar alte Akten aus dem Archiv.«
»Irgendwas Besonderes?«
»Holen Sie, was Sie wollen. Hauptsache, ich kriege wieder was zu tun.«
»Bin schon unterwegs.« Peabody wandte sich zum Gehen, blieb dann aber noch einmal stehen und erklärte: »Wissen Sie, was eine der schönsten Sachen am Urlaub-Machen ist? Wenn man nach einer Weile wieder zurück nach Hause kommt.«
Eve verbrachte den Morgen mit der Durchsicht ungelöster Fälle und der Suche nach irgendwelchen losen Fäden oder Spuren, die im Sand verlaufen waren. Der Fall, der sie am meisten interessierte, war der Tod der sechsundzwanzigjährigen Marsha Stibbs, die von ihrem Ehemann bei seiner Rückkehr von einer Geschäftsreise tot in der Badewanne aufgefunden worden war.
Auf den ersten Blick hatte es wie ein wenn auch tragischer, so doch völlig normaler Unfall ausgesehen. Die Untersuchung durch den Pathologen jedoch hatte eindeutig ergeben, dass sie nicht ertrunken, sondern bereits vor dem letzten Schaumbad tot gewesen war.
Mit ihrem eingeschlagenen Schädel hatte sie bestimmt nicht selber in der Wanne Platz genommen, wo sie schließlich in dem parfümierten Wasser untergegangen war.
Den Ermittlungen zufolge schien eine Affäre der mögliche Grund für diesen Mord zu sein. Man hatte zwischen Marshas Wäsche einen Stapel einzig mit der Initiale C unterschriebener Liebesbriefe entdeckt. Die Briefe hatten einen eindeutig sexuellen Inhalt und waren voll eindringlicher Bitten, dass sie sich doch endlich scheiden lassen sollte, um für den Geliebten frei zu sein.
Existenz und Inhalt dieser Briefe hatten den Ehemann und sämtliche vernommenen Freunde und Bekannten der toten Frau schockiert. Der Mann hatte ein hieb- und stichfestes Alibi gehabt, und auch die Überprüfung hatte nichts ergeben, aus dem ein mögliches Motiv für einen Mord abzuleiten gewesen wäre.
Boyd Stibbs, Vertreter einer Sportartikelfirma, war allem Anschein nach der typische, wenn auch etwas überdurchschnittlich verdienende Amerikaner. Er war sechs Jahre lang mit seiner College-Liebe verheiratet gewesen, die im Einkauf bei einem großen Kaufhaus angestellt gewesen war. Er spielte sonntags gerne Fußball, hatte kein Problem mit Spielsucht, Drogen oder Alkohol, war nie gewalttätig gewesen, hatte sich freiwillig an den Lügendetektor anschließen lassen und hatte diese Prüfung mit Bravour bestanden.
Die beiden waren kinderlos gewesen, hatten in der West Side in einem ruhigen Apartmenthaus gelebt, einen engen Freundeskreis gehabt und bis zu Marshas Tod wie ein glückliches, grundsolides Ehepaar gewirkt.
Man hatte gründlich und eingehend ermittelt, hatte aber trotzdem nicht den kleinsten Hinweis auf den angeblichen Geliebten mit der Initiale C entdeckt.
Eve rief über die Gegensprechanlage ihre Assistentin an. »Auf geht’s, Peabody. Lassen Sie uns an ein paar Türen klopfen.« Sie steckte die Akte in die Tasche, schnappte sich ihre Jacke von der Rückenlehne ihres Stuhls und wandte sich zum Gehen.
 
»Ich hatte noch nie mit einem ungelösten Fall zu tun.«
»Er ist nicht ungelöst«, erklärte Eve. »Er ist einfach noch offen.«
»Und wie lange ist er das jetzt schon?«
»Seit ungefähr sechs Jahren.«
»Und wie wollen Sie den Typen finden, mit dem sie die Affäre hatte, nachdem er all die Zeit nicht aufzutreiben war?«
»Am besten machen wir immer schön einen Schritt nach dem anderen, Peabody. Hier, lesen Sie das erst mal.«
Peabody zog die Briefe aus der Tasche, schrie nach Überfliegen der ersten Sätze leise Aua! und blies auf ihre Finger, als hätte sie sich an dem Papier verbrannt. »Wirklich heißes Zeug.«
»Lesen Sie einfach weiter.«
»Glauben Sie etwa, Sie könnten mich jetzt noch daran hindern, mir jedes dieser Schreiben genauestens anzusehen?« Peabody rutschte fröhlich auf ihrem Sitz herum. »Dabei kann man schließlich noch jede Menge lernen.« Sie fuhr mit der Lektüre fort, riss ab und zu die Augen auf, schluckte und erklärte: »Mein Gott, ich glaube, ich hatte gerade einen Orgasmus.«
»Danke für die Mitteilung. Was hat Ihnen das Lesen dieser Briefe sonst noch eingebracht?«
»Die Erkenntnis, dass der gute Mr C sehr phantasiebegabt und höchst vital gewesen zu sein scheint.«
»Lassen Sie es mich anders formulieren. Was hat Ihnen die Lektüre nicht gebracht?«
»Tja, er hat nie mit seinem vollen Namen unterschrieben.« Da sie wusste, dass sie irgendetwas übersah, starrte Peabody die Blätter, die sie in der Hand hielt, mit großen Augen an. »Es sind keine Umschläge dabei, weshalb wir nicht sicher sagen können, ob das Zeug persönlich bei ihr abgegeben wurde oder mit der Post gekommen ist.« Sie seufzte leise auf. »Mir ist klar, dass ich für diese Antwort keine gute Note kriege. Aber ich weiß beim besten Willen nicht, was Sie sonst noch aus den Briefen ersehen.«
»Es geht auch eher darum, was ich nicht daraus ersehen kann. Es gibt nicht den allerkleinsten Hinweis darauf, wie, wann oder wo sie sich getroffen haben. Wie es dazu gekommen ist, dass sie eine Affäre angefangen haben. Wo die beiden sich in den beschriebenen, akrobatisch anspruchsvollen Positionen die Hirne rausgevögelt haben. Das bringt mich auf eine Idee.«
Peabody schüttelte verständnislos den Kopf. »Und die wäre?«
»Dass es diesen Mr C vielleicht niemals gegeben hat.«
»Aber …«
»Marsha«, fiel ihre Vorgesetzte ihr ins Wort, »war seit einigen Jahren verheiratet, hatte einen guten, verantwortungsvollen Posten und einen Kreis von engen Freundinnen und Freunden, dem sie genau wie ihrem Ehemann über viele Jahre eng verbunden war. Alle diese Leute haben ausgesagt, sie hätten nichts davon gewusst, dass sie ein Verhältnis hatte. Weder ihr Verhalten noch das, was sie erzählt hat, hätte auch nur ansatzweise einen derartigen Verdacht in ihnen geweckt. Sie hat an ihrer Arbeitsstelle nie gefehlt. Wann also hat sie die Zeit für die regelmäßige sportliche Betätigung gefunden, von der in den Briefen die Rede ist?«
»Der Ehemann war oft geschäftlich unterwegs.«
»Das ist richtig, und deshalb hätte sie, wenn sie gewollt hätte, durchaus die Möglichkeit zur Untreue gehabt. Aber unser Opfer galt als durch und durch loyale, verantwortungsbewusste und grundehrliche Frau. Sie ging morgens zur Arbeit und kam abends wieder heim. Wenn sie ausging, dann mit ihrer Clique oder ihrem Mann. Weder über ihr Link zu Hause noch über das Link an ihrer Arbeitsstelle noch über ihr Handy hat sie irgendwelche fragwürdigen Gespräche mit irgendeinem Unbekannten geführt. Wie also haben sie und Mr C die jeweiligen Schäferstündchen arrangiert?«
»Vielleicht, indem sie sich getroffen haben? Vielleicht war es ja ein Arbeitskollege?«
»Vielleicht.«
»Aber das glauben Sie nicht. Okay, es sieht so aus, als ob sie treu gewesen wäre, aber Außenstehende, selbst gute Freunde, wissen niemals wirklich, wie es in einer Ehe läuft. Manchmal wissen nicht einmal die Partner selber, wie es um die Beziehung steht.«
»Das ist natürlich völlig richtig. Das sieht der Ermittlungsleiter in dem Fall genauso, und dazu hatte er natürlich auch jeden erdenklichen Grund.«
»Aber Sie sehen es anders«, stellte ihre Assistentin fest. »Sie glauben, dass der Ehemann die Briefe dort versteckt hat, um es aussehen zu lassen, als ob er von ihr betrogen worden wäre, und dass er entweder sein Alibi getürkt und selber heimlich heimgefahren ist, um Marsha zu ermorden, oder dass er jemand anderem den Auftrag zu dem Mord gegeben hat.«
»Es wäre eine Möglichkeit. Und deshalb werden wir jetzt zu ihm fahren und hören, was er uns erzählt.«
Eve quetschte ihren Wagen in eine schmale Lücke zwischen einem Motorrad und einer Limousine und stieg entschieden aus. »Meistens arbeitet er von zu Hause aus.« Sie trat vor den Eingang des Apartmenthauses und drückte auf die Klingel mit dem Namen Stibbs. »Vielleicht haben wir ja Glück und er ist da.«
 
Sie hatten Glück, denn er kam sogar selbst an die Tür. Ein durchtrainierter, attraktiver Mann in kurzer Sporthose und T-Shirt, mit einem Kleinkind auf dem Arm. Ein Blick auf Eves Dienstmarke jedoch genügte, um den Schatten echter Trauer in seine Augen treten zu lassen.
»Ist es wegen Marsha? Haben Sie irgendetwas Neues rausgefunden?«
Für einen kurzen Augenblick vergrub er das Gesicht in dem weizenblonden Haar des kleinen Mädchens auf seinem Arm. »Tut mir Leid, kommen Sie herein. Es ist schon lange her, dass sich wegen dieser Sache jemand bei mir gemeldet hat. Nehmen Sie doch schon mal Platz, ich bringe nur schnell meine Tochter in ihr Zimmer. Ich möchte nicht, dass sie …«
Jetzt strich er der Kleinen mit der Hand über den Kopf. »Geben Sie mir nur eine Minute.«
Eve wartete, bis Stibbs den Raum verlassen hatte, und wollte dann von ihrer Assistentin wissen: »Wie alt könnte die Kleine sein?«
»Ungefähr zwei, würde ich sagen.«
Eve nickte und betrat das Wohnzimmer, wo sie auf dem Boden und auch auf den freundlich-modernen Möbeln die Spielsachen des Mädchens liegen sah.
Aus dem Nebenzimmer drangen helles Lachen und der energische Befehl: »Daddy! Spielen!«
»Sofort, Tracie. Jetzt spielst du kurz allein, und wenn Mami gleich zurückkommt, gehen wir vielleicht alle drei zusammen in den Park. Aber du musst schön brav sein, während ich mit diesen Damen spreche. Abgemacht?«
»Schaukeln?«
»Na klar, was denn wohl sonst?«
Als er wieder aus dem Kinderzimmer kam, fuhr er sich mit beiden Händen durch sein eigenes dunkelblondes Haar. »Ich wollte nicht, dass sie uns über Marsha und das, was mit ihr passiert ist, reden hört. Gab es einen Durchbruch? Haben Sie den Kerl endlich gefunden?«
»Tut mir Leid, Mr Stibbs. Wir rollen den Fall nur noch einmal routinemäßig auf.«
»Dann gibt es also immer noch nichts Neues? Ich hatte gehofft … ich schätze, es ist ziemlich dumm von mir zu denken, dass Sie ihn nach all der Zeit noch finden.«
»Sie haben also keine Ahnung, mit wem Ihre Frau eine Affäre hatte?«
»Sie hatte keine Affäre«, schnauzte er und blickte Eve aus zornblitzenden Augen an. »Es ist mir egal, was alle anderen sagen. Sie hatte kein Verhältnis. Das habe ich nicht einen Augenblick … ich schätze, anfangs, als alles noch vollkommen verrückt war und ich nicht klar denken konnte, habe ich es möglicherweise kurz geglaubt. Aber Marsha war keine Lügnerin, sie war niemand, der andere hintergangen hätte. Und sie hat mich geliebt.«
Er schloss unglücklich die Augen, fragte: »Können wir uns vielleicht setzen?«, sank in einen Sessel und erklärte: »Tut mir Leid, dass ich Sie angeschrien habe. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn die Leute so was über Marsha sagen. Ich kann es nicht ertragen zu wissen, dass die Menschen und sogar unsere Freude so etwas von ihr denken. Das hat sie nicht verdient.«
»Es wurden Briefe in ihrer Schublade gefunden.«
»Die Briefe sind mir vollkommen egal. Sie hätte mich niemals betrogen. Wir hatten …« Er blickte auf die Tür des Zimmers, in dem das kleine Mädchen fröhlich sang. »Hören Sie, unser Sexualleben war gut. Einer der Gründe, weshalb wir so jung geheiratet haben, war der, dass wir einfach nicht die Finger voneinander lassen konnten, und dass Marsha wollte, dass alles seine Ordnung hat. Sie hat an die Ehe geglaubt. Ich werde Ihnen sagen, was ich denke.« Er beugte sich ein wenig vor. »Ich denke, jemand war von ihr besessen, hat von ihr fantasiert oder etwas in der Art. Er muss ihr diese Briefe geschrieben haben. Ich werde nie verstehen, weshalb sie sie mir nicht gezeigt hat. Vielleicht, ich nehme an, vielleicht wollte sie ganz einfach nicht, dass ich mir Sorgen mache. Ich glaube, dass er hierher gekommen ist, als ich in Columbus war, und dass er sie, als er erkennen musste, dass er sie nicht haben kann, getötet hat.«
2
Boyd musste genau wie Eve gesehen haben, dass Peabodys Uniform Maureen erschreckte, denn er stand eilig auf, erklärte, es sei nichts passiert, und strich ihr, bevor er ihr die Taschen abnahm, sanft über den Arm. »Sie sind Marshas wegen hier. Sie rollen den Fall noch mal routinemäßig auf.«
»Oh, hm … wo ist Tracie?«
»In ihrem Zimmer. Sie …«
Ehe er den Satz beenden konnte, kam die Kleine durch die Tür geschossen, schlang beide Ärmchen um die Beine ihrer Mutter und verkündete fröhlich: »Mami. Wir wollen schaukeln!«
»Wir werden so schnell wie möglich wieder gehen«, meinte Eve. »Hätten Sie etwas dagegen, kurz mit uns zu sprechen, Mrs Stibbs?«
»Tut mir Leid, ich weiß nicht, was ich … die Lebensmittel.«
»Tracie und ich werden sie währenddessen auspacken, nicht wahr, Schatz?«
»Es wäre mir lieber …«
»Sie denkt, wir hätten keine Ahnung, wo was hingehört«, unterbrach Boyd seine Frau und zwinkerte dem Mädchen zu. »Aber wir werden ihr beweisen, dass wir uns mit diesen Dingen ebenso gut auskennen wie sie. Komm mit, Schätzchen. Die Küche ruft.«
Fröhlich in ihrer Kindersprache plappernd stürmte die Kleine vor ihm aus dem Raum.
»Tut mir Leid, Sie belästigen zu müssen«, begann Eve und bedachte Maureen mit einem kühlen, ausdruckslosen Blick. »Es wird nicht lange dauern. Sie waren mit Marsha Stibbs befreundet?«
»Ja, mit ihr und Boyd. Die ganze Sache macht ihm sehr zu schaffen.«
»Das kann ich verstehen. Wie lange haben Sie Mrs Stibbs vor ihrem Tod gekannt?«
»Ungefähr ein Jahr, vielleicht ein bisschen länger.« Sie blickte verzweifelt in Richtung Küche, durch deren angelehnte Tür Klappern und fröhliches Gelächter zu ihnen herüberdrang. »Sie ist inzwischen fast sechs Jahre tot. Wir müssen diese Sache endlich hinter uns lassen.«
»Es tut nichts zur Sache, ob es sechs Tage oder sechs Jahre her ist. Die Tatsache bleibt bestehen, dass sie ermordet wurde. Standen Sie beide einander nahe?«
»Wie gesagt, wir waren miteinander befreundet. Marsha war ein ziemlich extrovertierter Mensch.«
»Hat sie Ihnen jemals anvertraut, dass sie neben ihrer Ehe ein Verhältnis hatte?«
Maureen öffnete den Mund, zögerte und schüttelte den Kopf. »Nein. Ich hatte keine Ahnung. Schon als es passiert ist, habe ich mit der Polizei gesprochen und ihnen alles gesagt, was mir dazu eingefallen ist. Was damals vorgefallen ist, ist natürlich furchtbar, aber es lässt sich nicht mehr ändern. Inzwischen haben Boyd und ich uns ein neues Leben aufgebaut. Auch wenn wir eher zurückgezogen leben, geht es uns wirklich gut. Aber Sie reißen nun die alten Wunden wieder auf, und ich will nicht, dass Boyd, dass meine Familie noch einmal unter den Dingen leidet, die damals geschehen sind. Bitte gehen Sie jetzt.«
Draußen auf dem Weg zum Fahrstuhl sah Peabody ihre Vorgesetzte von der Seite an. »Sie scheint irgendwas zu wissen.«
»Davon bin ich überzeugt.«
»Ich hätte angenommen, dass Sie sie ein bisschen weiter in die Enge treiben würden.«
»Nicht auf ihrem eigenen Terrain.« Eve betrat den Lift. Sie dachte bereits gründlich nach und ordnete die Teile dieses Puzzles neu. »Nicht mit ihrer Tochter und Stibbs im Nebenzimmer. Marsha wartet schon so lange, da machen ein paar Tage mehr oder weniger sicher nichts mehr aus.«
»Sie denken, er hat mit der Sache nichts zu tun.«
»Ich denke …« Eve zog die Akte aus der Tasche und hielt sie ihrer Assistentin hin. »… dass Sie den Fall zum Abschluss bringen sollten.«
»Madam?«
»Gehen Sie der Sache nach und lösen Sie den Fall.«
Peabody klappte die Kinnlade herunter und sie starrte ihre Chefin mit großen Augen an. »Ich? Ich soll die Ermittlungen in einem Mordfall leiten? Ich allein?«
»Sie werden diese Arbeit größtenteils in Ihrer Freizeit leisten müssen, vor allem, wenn ein frischer Fall auf meinem Schreibtisch landet. Lesen Sie die Akte, studieren Sie die Berichte und die Aussagen, befragen Sie noch einmal die Leute. Sie kennen die Routine.«
»Sie übertragen mir tatsächlich einen Fall?«
»Falls Sie irgendwelche Fragen haben, kommen Sie zu mir. Ich helfe Ihnen gerne weiter, wenn Sie meinen, dass das nötig ist. Geben Sie mir bitte Kopien aller Daten und sämtlicher Berichte, die Sie schreiben.«
Peabody spürte deutlich, wie das Adrenalin durch ihre Adern toste und wie sich ihr Magen vor lauter Aufregung zusammenzog. »Zu Befehl, Madam. Danke. Ich werde Sie ganz sicher nicht enttäuschen.«
»Sorgen Sie dafür, dass Marsha Stibbs endlich Gerechtigkeit widerfährt.«
Peabody drückte die Akte wie ein geliebtes Kind an ihre Brust. Und legte sie, bis sie wieder auf der Wache waren, nicht mehr aus der Hand.
Als sie aus der Garage in Richtung ihres Dezernates fuhren, sah sie ihre Vorgesetzte fragend an. »Lieutenant?«
»Hmm?«
»Wäre es vielleicht möglich, McNab darum zu bitten, dass er mir bei der Auswertung der elektronischen Daten hilft? Ich meine, beim Überprüfen von Marshas Links und ihrem Handy, der Disketten aus der Überwachungskamera im Haus und Sachen in der Art.«
Eve stopfte die Hände in die Hosentaschen. »Es ist Ihr Fall.«
»Es ist mein Fall«, wiederholte Peabody mit ehrfürchtiger Flüsterstimme und marschierte dann, bis über beide Ohren grinsend, den Korridor hinab.
»Was zum Teufel ist das für ein Lärm?« Eve runzelte die Stirn und legte instinktiv eine Hand an ihren Stunner, als durch die Tür ihrer Abteilung lautes Rufen, Pfeifen und fröhliches Gelächter drang.
Sie trat vor ihrer Assistentin durch die Tür und sah sich eilig um. Niemand saß an seinem Schreibtisch. Mindestens ein Dutzend Dienst habender Beamter standen in der Mitte des Büros zusammen und feierten, so wie es klang, offenbar ein ausgelassenes Fest.
Sie schnupperte. Es roch tatsächlich nach frischem Backwerk, dachte sie verblüfft.
»Was zum Teufel geht hier vor sich?« Obwohl sie so laut wie möglich brüllte, ging ihre Stimme einfach unter, und erst als sie ihr »Pearson, Baxter, Delricky!« mit einem rüden Schlag auf Pearsons Schulter und einem harten Ellenbogencheck in Baxters Bauch verstärkte, drehten sich die Männer zu ihr um. »Glaubt ihr vielleicht alle irrtümlich, dass der Tod vorübergehend Ferien oder so was macht? Wo in aller Welt habt ihr den Süßkram her?«
Sie bohrte Baxter einen Finger in die Brust, und er stopfte sich eilig die Überreste eines Tortenstücks in seinen weit aufgerissenen Mund. Da er im Ergebnis nicht mehr sprechen konnte, streckte er einfach grinsend einen Arm in Richtung eines Tisches aus, der sich unter Torten, Plätzchen und den Überresten eines riesigen gedeckten Apfelkuchens bog.
Direkt neben dem Tisch standen zwei Zivilisten. Der hoch gewachsene, schlanke Mann und die etwas dralle, hübsche Frau schenkten gerade lächelnd irgendeine blass pinkfarbene Flüssigkeit aus einem riesengroßen Glaskrug an die Beamten aus.
»Schluss! Ihr alle kehrt auf der Stelle zurück an eure Plätze und fahrt mit eurer Arbeit fort. Dies ist wohl kaum der rechte Zeitpunkt für einen verdammten Kaffeeklatsch.«
Ehe sie sich zu den Zivilisten vorarbeiten konnte, schrie ihre Assistentin plötzlich gellend auf.
Eve wirbelte herum, zückte ihren Stunner und wäre um ein Haar von Peabody umgeworfen worden, als diese schnurstracks an ihr vorbeilief und sich auf die beiden Zivilpersonen warf.
Der Mann zog Peabody in seine Arme und schwenkte sie mühelos im Kreis, was bei seiner schmächtigen und ihrer eher stämmigen Gestalt bestimmt nicht einfach war. Die Frau drehte eine Pirouette, streckte ebenfalls die Arme aus und gemeinsam quetschten beide die junge Polizeibeamtin gnadenlos zwischen sich ein.
»Mein Mädel. Meine DeeDee.« Das Gesicht des Mannes verriet eine derart unverhohlene Freude, dass Eve den Stunner sinken ließ.
»Daddy.« Halb schluchzend und halb kichernd vergrub Eves Assistentin ihr Gesicht an seinem Hals.
»Gleich platze ich«, murmelte Baxter, schnappte sich aber trotzdem ein weiteres Stück Gebäck von dem überladenen Tisch. »Die beiden sind vor einer Viertelstunde mit all dem wunderbaren Zeug hier aufgetaucht. Schmeckt einfach phänomenal«, fügte er hinzu und schob sich das Teilchen genüsslich in den Mund.
Eve trommelte mit ihren Fingern auf ihrem rechten Schenkel. »Was war das für ein Kuchen?«
Baxter sah sie grinsend an. »Ein außergewöhnlich guter«, erklärte er ihr fröhlich und machte sich gemächlich auf den Weg zurück an seinen Tisch.
Endlich lockerte die Frau den todbringenden Griff um Peabodys Taille und wandte sich an Eve. Mit ihrem bis auf die Hüfte fallenden rabenschwarzen Haar war sie wirklich ungeheuer hübsch. Ihr blauer Rock fiel weich auf schlichte geflochtene Sandalen, und über ihrer langen, weiten, leuchtend gelben Bluse baumelten mindestens ein halbes Dutzend bunter Ketten auf ihre volle Brust.
Ihr Gesicht war weicher als das von ihrer Tochter, und ihre leuchtend braunen Augen wurden von den kleinen Fältchen, die sie rahmten, noch vorteilhaft betont. Sie bewegte sich wie eine Tänzerin, als sie mit ausgestreckten Händen vor Peabodys Chefintrat.
»Sie sind Lieutenant Dallas. Ich hätte Sie überall erkannt.« Sie ergriff Eves Hände und hielt sie einfach fest. »Ich bin Delias Mutter Phoebe.«
»Freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mrs Peabody.«
»Nennen Sie mich doch bitte einfach Phoebe.« Lächelnd zog sie Eve hinter sich her. »Sam, lass endlich das Mädchen los und stell dich Lieutenant Dallas vor.«
Er legte seiner Tochter einen Arm um die Schultern und ergriff entschlossen Eves immer noch von Phoebe gehaltene Hand. »Freut mich sehr, Sie endlich kennen zu lernen. Obwohl ich nach allem, was Delia und auch Zeke uns von Ihnen erzählt haben, den Eindruck habe, als würde ich Sie bereits kennen. Wir werden Ihnen nie genug danken können für das, was Sie für unseren Sohn getan haben.«
So viel guter Wille und so viel unverhohlene Nettigkeit riefen in Eve wie stets ein leichtes Unbehagen hervor. »Wie geht es ihm?«, fragte sie deshalb eilig und entzog den beiden Menschen – wie sie hoffte, unauffällig – ihre Hand.
»Sehr gut. Ich bin sicher, dass er Sie hätte herzlich grüßen lassen, wenn er gewusst hätte, dass wir Sie treffen.«
Als Sam anfing zu lächeln, konnte Eve die Ähnlichkeit zwischen ihm und Zeke deutlich sehen. Sie hatten beide dasselbe schmale, asketische Gesicht, beide dieselben verträumten grauen Augen. Nur hatte Sam, anders als sein Sohn, einen derart wachen Blick, dass Eve ein leichtes Kribbeln in ihrem Nacken spürte, als er ihr in die Augen sah.
Dieser Mann war kein treuherziges Hündchen wie sein Sohn.
»Grüßen Sie ihn, wenn Sie mit ihm sprechen, doch bitte zurück. Peabody, Sie machen vielleicht besser erst einmal kurz frei.«
»Ja, Madam. Danke.«
»Das ist sehr nett von Ihnen«, meinte Phoebe. »Vielleicht haben ja auch Sie ein wenig Zeit für uns. Sie sind sicher sehr beschäftigt«, fügte sie, ehe Eve etwas erwidern konnte, hinzu. »Aber ich hatte gehofft, dass wir vielleicht trotzdem einmal zusammen essen könnten. Mit Ihnen und mit Ihrem Mann. Wir haben nämlich Geschenke für Sie dabei.«
»Es ist bestimmt nicht nötig, dass Sie uns etwas schenken.«
»Wir haben Ihnen nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Zuneigung heraus etwas mitgebracht. Delia hat uns viel von Ihnen, Roarke und Ihrem Heim erzählt. Scheint ein wunderbarer Ort zu sein. Ich hoffe, dass Sam und ich die Gelegenheit bekommen, es uns einmal persönlich anzusehen.«
Eve spürte, dass sie in der Falle saß. Während Peabody urplötzlich ein gesteigertes Interesse an dem langweiligen Deckenanstrich hatte, blickte ihre Mum sie einfach weiter freundlich lächelnd an. »Sicher. Ah. Sie könnten ja zum Abendessen kommen.«
»Mit Vergnügen. Wäre Ihnen acht Uhr recht?«
»Ja, acht ist vollkommen okay. Peabody kennt den Weg. Tja, auf alle Fälle willkommen in New York. Aber jetzt müssen Sie mich bitte entschuldigen, ich … habe noch zu tun«, endete sie etwas lahm und trat umgehend den Rückzug an.
»Lieutenant? Madam? Bin sofort wieder da«, murmelte Peabody in Richtung ihrer Eltern und lief ihrer Chefin eilig hinterher. Ehe sie den Raum auch nur verlassen hatten, stieg der Geräuschpegel schon wieder merklich an.
»Sie können nichts dafür«, beeilte sich die Polizistin zu erklären. »Mein Vater backt einfach leidenschaftlich gerne und er bringt immer überall etwas zu essen mit.«
»Wie zum Teufel haben sie das ganze Zeug im Flugzeug transportiert?«
»Oh, sie sind nicht mit dem Flugzeug hergekommen. Sie haben ihr Wohnmobil genommen und die ganze Zeit während der Fahrt hat mein Dad gebacken«, fügte sie lächelnd hinzu. »Sind die beiden nicht einfach phantastisch?«
»Ja, aber Sie müssen ihnen sagen, dass sie nicht jedes Mal, wenn sie Sie hier besuchen, Kuchen mitbringen dürfen. Wenn sie das nämlich tun, haben wir am Ende einen Haufen verfetteter Detectives, die im Zuckerkoma liegen und für nichts mehr zu gebrauchen sind.«
»Ein Stück habe ich für Sie gerettet.« Peabody zog die Hand hinter dem Rücken hervor und hielt Eve den Kuchen hin. »Es wird nicht allzu lange dauern, bis sich die beiden bei mir eingerichtet haben. Dann bin ich sofort wieder da.«
»Nehmen Sie sich ruhig den Rest des Tages frei.«
»Okay. Danke. Wirklich. Hm …« Sie sah sich unbehaglich um und zog dann die Bürotür fest hinter sich zu. »Es gibt da eine Sache, die ich Ihnen sagen sollte. Es geht um meine Mutter. Sie hat nämlich die Macht.«
»Was für eine Macht?«
»Die Macht, Sie Dinge tun zu lassen, die Sie nicht tun wollen, oder von denen Sie zumindest denken, Sie wollten sie nicht tun. Und sie wird Sie dazu bringen, Dinge zu sagen, die Sie nicht sagen wollen. Vielleicht sogar irgendwelches wirres Zeug.«
»Ich rede niemals wirres Zeug.«
»Warten wir es ab«, erklärte Peabody traurig. »Ich liebe sie. Sie ist ein wunderbarer Mensch, aber, wie gesagt, sie hat diese ganz besondere Gabe. Sie braucht einen nur anzusehen und schon weiß sie genau über einen Bescheid.«
Stirnrunzelnd warf sich Eve auf ihren Stuhl. »Ist sie vielleicht so etwas wie ein Medium?«
»Nein. Das ist mein Vater, aber er achtet immer sorgfältig darauf, dass er sich nicht in die Privatsachen von anderen Leuten einmischt. Sie ist einfach … eine Mutter. Alle Mütter haben diese ganz besondere Fähigkeit, nur ist sie bei ihr viel stärker ausgeprägt als bei den meisten anderen. Mann, Mom hat schon immer alles gesehen, alles gewusst, alles organisiert. Und die Hälfte der Zeit ist einem nicht einmal bewusst, dass wieder einmal alles nach ihrem Willen geht. Wie zum Beispiel, dass Sie sie heute zum Abendessen zu sich eingeladen haben, obwohl Sie das normalerweise nie tun.«
»Natürlich habe ich schon Leute zum Essen zu mir eingeladen.«
»Uh-uh. Das macht ja wohl immer Roarke. Sie hätten einfach behaupten können, Sie wären zu beschäftigt oder, he, treffen wir uns in einem Restaurant, aber sie wollte zum Essen zu Ihnen nach Hause kommen, und deshalb haben Sie sie eingeladen. Aus keinem anderen Grund.«
Am liebsten wäre Eve vor lauter Unbehagen auf ihrem Stuhl hin und her gerutscht. »Ich war einfach höflich. Ich weiß nämlich durchaus, wie man höflich ist.«
»Nein, Sie saßen in der Falle.« Peabody schüttelte den Kopf. »Selbst Sie sind gegen meine Mutter völlig machtlos. Ich dachte nur, ich kläre Sie am besten sofort darüber auf.«
»Verduften Sie, Peabody.«
»Verdufte, Madam. Oh, und … hm …« In der Tür blieb sie noch einmal stehen. »Eigentlich hatten McNab und ich heute Abend eine Art Date, vielleicht könnte er also mitkommen zu Ihnen? Dann – Sie wissen schon – dann könnte er meine Eltern kennen lernen, ohne dass es so peinlich würde wie möglicherweise sonst.«
Eve legte den Kopf zwischen die Hände. »Meine Güte.«
»Danke! Wir sehen uns dann heute Abend.«
Allein an ihrem Schreibtisch verzog Eve beleidigt das Gesicht. Runzelte die Stirn. Und schob sich dann den Kuchen in den Mund.
 
»Sie haben also mein Büro gestrichen und schon wieder meine Schokoriegelvorräte geplündert.«
Eve lief auf dem kostbaren Orientteppich in dem geräumigen, mit schimmernden Antiquitäten und blank poliertem Glas bestückten Salon ihres Hauses hin und her. Da Roarke erst vor wenigen Minuten heimgekommen war, hatte sie in der letzten Stunde niemanden gehabt, mit dem sie hätte meckern können.
Und ihrer Meinung nach war einer der größten Vorzüge der Ehe, dass es zum Meckern immer einen Partner gab.
»Und dann hat Peabody, während ich weg war, auch noch den gesamten Papierkram fertig gemacht, was hieß, dass mir noch nicht einmal mehr das zu tun geblieben ist.«
»Sie sollte sich wirklich schämen. Sich vorzustellen, dass deine eigene Assistentin heimlich hinter deinem Rücken deine Schreibtischarbeit macht …«
»Nimm besser den Mund nicht so voll, Kumpel, denn schließlich gibt es da ein paar Dinge, für die du mir noch eine Erklärung schuldig bist.«
Er streckte genüsslich seine Beine aus, schlug die Knöchel übereinander und sah sie fröhlich an. »Ah. Wie hat es den beiden denn auf Bimini gefallen?«
»Du fühlst dich wohl als echter Gutmensch, oder? Schickst meine Assistentin und diesen Kerl einfach auf irgendeine Insel, damit sie splitternackt durch die Gegend laufen und irgendwelche Wasserfälle runterrutschen können.«
»Ich nehme an, das soll heißen, dass ihnen die Woche gut getan hat?«
»Gel-Betten und FKK«, murmelte sie zornig.
»Wie bitte?«
Sie schüttelte den Kopf. »Du musst endlich aufhören, dich in diese … Sache einzumischen, die zwischen ihnen läuft.«
»Vielleicht tue ich das wirklich«, erwiderte er lässig. »Und zwar sobald du selbst aufhörst, die Beziehung zwischen diesen beiden Menschen als eine Art Schreckgespenst zu sehen.«
»Als was? Was zum Teufel willst du damit sagen?« Sie raufte sich frustriert die Haare. »Was da zwischen Peabody und diesem Schönling läuft, ist kein Schreckgespenst für mich, sondern schlechterdings unmöglich. Polizisten …«
»Haben einen Anspruch auf ein Leben neben ihrem Job«, fiel er ihr ins Wort. »Genau wie jeder andere. Entspann dich, Lieutenant. Unsere gute Peabody ist eine durch und durch vernünftige Person.«
Eve atmete hörbar aus, warf sich in einen Sessel und schnaubte: »Schreckgespenst. Was für ein blödes Wort. Ich habe ihr heute einen Fall gegeben.«
Er griff nach den Fingern, mit denen sie nervös auf ihren Knien trommelte, und spielte sanft damit herum. »Du hast gar nicht erwähnt, dass du heute einen Fall bekommen hast.«
»Habe ich auch nicht. Ich habe mir die alten, ungelösten Fälle angesehen. Die Sache liegt sechs Jahre zurück. Eine junge, hübsche Frau, am Anfang ihrer Karriere, verheiratet. Der Mann ist geschäftlich unterwegs und findet sie bei seiner Rückkehr tot in der Badewanne vor. Ein schlecht getarnter Mord. Sein Alibi ist hieb- und stichfest, und er macht den Eindruck, als sei er völlig sauber. Alle, die zu dem Fall vernommen worden sind, haben ausgesagt, die beiden wären das perfekt Paar gewesen, schweineglücklich miteinander, wie man so schön sagt.«
»Hast du dir jemals überlegt, woher wir wissen wollen, wie glücklich Schweine sind?«
»Darüber denke ich vielleicht später einmal nach. Tja, aber trotzdem war ein Stapel Briefe zwischen ihrer Unterwäsche versteckt. Eindeutige Sexbriefe, die jemand immer nur mit einem großen C unterschrieben hat.«
»Dann sieht es also so aus, als ob sie eine Affäre hatte, bei der es zu einem Streit mit dem Geliebten kam, der zu ihrer Ermordung führte?«
»Der damalige Ermittlungsleiter ging zumindest davon aus.«
»Und was glaubst du?«
»Niemand hat diesen Typen je gefunden, niemand hat ihn je gesehen, niemand, den sie kannte, hat sie jemals von ihm reden gehört. Zumindest haben sie das behauptet. Ich war heute bei dem Ehemann und habe seine neue Frau und seine Tochter kennen gelernt. Ein kleines Mädchen, vielleicht zwei.«
»Vielleicht kann man davon ausgehen, dass es durchaus normal ist, wenn er nach einer Zeit der Trauer ein neues Leben angefangen hat.«
»Vielleicht.«
»Auch wenn ich das selbstverständlich niemals täte. Ich würde in einem solchen Fall vollkommen ziellos und verloren durch die Gegend laufen. Ich wäre ein gebrochener Mann.«
Sie bedachte ihn mit einem argwöhnischen Blick. »Ach, tatsächlich?«
»Was wohl sonst? Und jetzt musst du erklären, dass dein Leben ohne mich zu Ende wäre oder etwas in der Art.«
»Ja, ja.« Als er ihr in die Finger biss, lachte sie fröhlich auf. »Aber jetzt zurück zu unserem eigentlichen Thema. Ich glaube, ich weiß, wie diese Sache abgelaufen ist. Ein paar kräftige Stöße in die richtige Richtung und endlich wäre der Fall gelöst.«
»Aber statt ihn selbst zu lösen, hast du den Fall Peabody gegeben.«
»Sie braucht die Erfahrung. Wenn es etwas länger dauert, ist das für Marsha Stibbs schließlich vollkommen egal. Und falls Peabody die falsche Richtung einschlägt, lenke ich sie einfach unauffällig auf die richtige Spur zurück.«
»Sie ist bestimmt total begeistert.«
»Himmel, ihre Augen haben geleuchtet wie die von einem kleinen Kind unter dem Weihnachtsbaum.«
Er sah sie lächelnd an. »Welches war der erste Fall, in dem Feeney dich allein ermitteln ließ?«
»Thomas Carter. Stieg eines schönen Morgens in seine Limousine, ließ den Motor an und flog mitsamt der Kiste in tausend kleinen Einzelteilen durch die West Side. Verheiratet, zwei Kinder, Versicherungsvertreter. Keine Freundin, keine Feinde, keine gefährlichen Laster. Kein Motiv. Die Ermittlungen verliefen im Sand und der Fall wurde zu den Akten gelegt, bis Feeney ihn nach ein paar Jahren wieder ausgegraben und mir übergeben hat.«
»Und?«
»Nicht der arme Thomas Carter aus der West Side war die Zielperson gewesen, sondern Thomas K. Carter, ein zweitklassiger Drogendealer und gleichzeitiger Spieler. Der idiotische Auftragskiller, der ihn hatte um die Ecke bringen sollen, hatte den falschen Typ erwischt.« Als Roarke noch immer grinste, fügte sie hinzu: »Und ja, ich kann mich noch genau daran erinnern, was für ein Gefühl es war, die Akte in die Hand gedrückt zu kriegen und alles dranzusetzen, um den Fall endlich zu lösen.«
»Du bist eine gute Ausbilderin, Eve, und eine gute Freundin obendrein.«
»Freundschaft hat damit nicht das Mindeste zu tun. Wenn ich nicht der Ansicht wäre, dass sie die Ermittlungen selbstständig leiten kann, hätte ich ihr den Fall nicht überlassen.«
»Diesen Dienst hast du ihr also als Ausbilderin erwiesen. Und den Freundschaftsdienst erweist du ihr jetzt gleich.«
»Dieses blöde Dinner. Was zum Teufel sollen wir bloß machen, bis wir anfangen zu essen und wenn wir mit dem Essen fertig sind?«
»Man nennt das Konversation. Oder schlicht und einfach geselliges Beisammensein. Manche Menschen haben tatsächlich die Angewohnheit, diese beiden Dinge täglich zu betreiben.«
»Tja, manche Menschen sind nun einmal seltsam. Wahrscheinlich werden dir die Peabodys gefallen. Habe ich dir erzählt, dass sie, als ich auf die Wache kam, damit beschäftigt waren, sämtliche Kollegen mit Kuchen, Plätzchen und Torte zu verwöhnen?«
»Torte? Was für eine Torte?«
»Ich habe keine Ahnung. Als ich dort ankam, war nur noch der Teller übrig – den wahrscheinlich auch noch irgendwer verschlungen hat. Aber der Kuchen war einfach phantastisch. Tja, aber dann kam Peabody in mein Büro und hat all diese seltsamen Dinge von ihrer Mum erzählt.«
Er spielte mit den Spitzen ihrer Haare, deren momentaner Strähnchen-Look ihm außerordentlich gefiel. Die Behauptung von Boyd Stibbs, dass er einfach nicht die Hände von seiner Angetrauten hatte lassen können, traf auch auf ihn und Eve eindeutig zu. »Ich dachte, die beiden verstünden sich sehr gut.«
»Ja, so sieht es aus. Aber trotzdem meinte sie, dass sie mich warnen müsste vor der besonderen Macht, die ihre Mutter über andere Menschen hat.«
»Ist sie vielleicht eine Hexe?«
»Uh-uh, nein, und es geht auch nicht um irgendwelchen faulen Hippie-Zauber, obwohl sie gesagt hat, dass ihr Vater ein Medium ist. Sie meinte, ihre Mutter könnte einen dazu bringen, Dinge zu tun, die man nicht wirklich tun möchte, oder Dinge zu sagen, die man lieber für sich behalten will. Peabody zufolge habe ich ihre Eltern nur deshalb heute Abend zu uns eingeladen, weil sie mich dazu gebracht hat.«
Roarke bedachte sie mit einem interessierten Blick. »Du meinst also, dass sie die Gedanken anderer Menschen kontrollieren kann?«