Stirb, Schätzchen, stirb - J.D. Robb - E-Book

Stirb, Schätzchen, stirb E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

Irgendwann holt Dich die Vergangenheit immer ein …

New York 2059. Eve Dallas erkennt die elegant gekleidete Besucherin in ihrem Büro erst auf den zweiten Blick: Es ist ihre Pflegemutter Trudy Lombard. Einst hat sie nichts unversucht gelassen, die kleine Eve zu quälen, und auch jetzt hat sie nichts Gutes im Sinn. Sie droht, Eves dunkelstes Geheimnis öffentlich zu machen – wenn sie ihr nicht zwei Millionen Dollar gibt. Als Eves geliebter Roarke davon erfährt, lässt er nichts unversucht, diesen Schrecken aus der Vergangenheit zu bannen. Doch dann geschieht ein Mord …

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Seitenzahl: 714

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Buch

New York im Dezember. Eve Dallas erkennt die elegant gekleidete Besucherin, die unangemeldet in ihrem Büro auftaucht erst auf den zweiten Blick. Zwanzig Jahre sind seit der letzten Begegnung mit ihrer Mutter vergangen, und Eve hat allen Grund, ihre schrecklichen Erinnerungen an diese Frau zu verdrängen. Doch nun sitzt Trudy Lombard vor ihr, jene grausame Pflegemutter, in deren Obhut Eve als Neunjährige gegeben wurde. Trudy quälte die kleine Eve mit eiskalten Bädern, sperrte sie in dunkle Räume ein und vermittelte ihr das Gefühl, wertlos zu sein. Kaum hat sich Eve ihrem verständnisvollen Ehemann Roarke anvertraut, stellt er Trudy zur Rede. Diese führt auch diesmal nichts Gutes im Schilde und will Eve erpressen. Entweder sie bekommt zwei Millionen Dollar Schweigegeld, oder sie wird das dunkelste Geheimnis aus Eves Vergangenheit ans Licht der Öffentlichkeit zerren und damit ihre Karriere zerstören. Roarke macht der Erpresserin unmissverständlich klar, dass sie sofort die Stadt verlassen muss, wenn ihr ihr Leben lieb ist. Doch dann geschieht ein Mord, und Eve und Roarke sitzen ziemlich tief in der Tinte …

Autorin

J. D. Robb ist das Pseudonym der international höchst erfolgreichen Autorin Nora Roberts, einer der meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren erfolgreich Kriminalromane.

Weiter Informationen finden Sie unter:

www.blanvalet.de und www.jdrobb.com

Liste lieferbarer Titel

Rendezvous mit einem Mörder (1; 35450) · Tödliche Küsse (2; 35451) · Eine mörderische Hochzeit (3; 35452) · Bis in den Tod (4; 35632) ·

Der Kuss des Killers (5;35633) · Mord ist ihre Leidenschaft (6; 35634) ·

Liebesnacht mit einem Mörder (7; 36026) · Der Tod ist mein

(8; 36027) · Ein feuriger Verehrer (9; 36028) · Spiel mit dem Mörder (10; 36321) · Sündige Rache (11; 36332) · Symphonie des Todes

(12; 36333) · Das Lächeln des Killers (13; 36334) · Einladung zum Mord (14; 36595) · Tödliche Unschuld (15; 36599) · Der Hauch des Bösen (16; 36693) · Das Herz des Mörders (17; 36715) · Im Tod vereint (18; 36722) · Tanz mit dem Tod (19; 36723) · In den Armen der Nacht (20; 36966) · Stich ins Herz (21; 37045)

Mörderspiele. Drei Fälle für Eve Dallas (36753)

Nora Roberts ist J. D. Robb

Ein gefährliches Geschenk (36384)

J. D.Robb

Stirb,Schätzchen,stirb

Roman

Deutsch von Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2006

unter dem Titel »Memory in Death« bei G. P. Putnam’s Sons,

a member of Penguin Group (USA) Inc., New York

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Oktober 2012 bei Blanvalet Verlag,

einem Unternehmen der

Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright © der Originalausgabe 2006 by Nora Roberts

Published by Arrangement with Eleanor Wilder

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarischen Agentur

Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen.

Copyright © 2009 für die deutsche Ausgabe

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, München

Umschlaggestaltung: © bürosüd°,München

Umschlagmotiv: Getty Images/Flickr/www.jodymillerphoto.com;

Shutterstock/Adrov Andriy

Redaktion: Regine Kirtschig

LH∙ Herstellung: sam

ISBN:978-3-641-08030-3

www.blanvalet.de

There was an old woman who lived in a shoe,

She had so many children she didn’t know what to do;

She gave them some broth without any bread;

She whipped them all soundly and put them to bed.

Es lebte eine alte Frau in einem Schuh,

mit jeder Menge Kindern, aber sonst nicht viel dazu;

Sie ernährte sie mit dünner Suppe ohne jedes Fett;

Verprügelte sie kräftig und schickte sie ins Bett.

Kinderlied

Memory, the warder of the brain.

Gedächtnis, der Wächter des Gehirns.

William Shakespeare

1

Der Tod machte keine Ferien. Zwar hatte sich New York im Dezember 2059 mit Glitzer und Glimmer festlich herausgeputzt, aber der Weihnachtsmann war tot. Und ein paar von seinen Helfern sahen auch ziemlich erbärmlich aus.

Inmitten des lärmenden Wahnsinns, der wie immer auf dem Times Square herrschte, stand Lieutenant Eve Dallas auf dem Bürgersteig und sah sich die Überreste des Weihnachtsmannes an. Wenn die um sie herumstehenden Kinder, die bestimmt noch daran glaubten, dass ein dicker Mann in einem roten Anzug sich durch den Schornstein quetschte, um sie mit Geschenken zu erfreuen, statt sie in ihren Betten zu ermorden, nicht sofort aufhörten zu kreischen, würden ihr sicher bald die Trommelfelle platzen, dachte sie und fragte sich, weshalb, wer auch immer die Verantwortung für diese Knirpse hatte, nicht endlich jemand dafür sorgte, dass der Trupp von hier verschwand.

Was, Gott sei Dank, nicht ihre Sache war. Kinder waren für sie nämlich weitaus erschreckender als die blutige Masse, die zu ihren Füßen lag.

Dann legte sie den Kopf in ihren Nacken und blickte in Richtung der sechsunddreißigsten Etage des Broadway View Hotel. Von dort aus war der Fettwanst auf die Straße geklatscht, hatte der Beamte, der als Erster am Fundort erschienen war, erklärt. Zeugen zufolge hatte er laut »Ho ho ho« geschrien und war dann auf dem Rücken eines Pechvogels gelandet, der gemütlich über die endlose Party auf dem Times Square geschlendert war.

Es würde ganz bestimmt nicht angenehm, die beiden zerschmetterten Leichen voneinander zu trennen, nahm sie an.

Zwei weitere Personen waren mit leichten Verletzungen davongekommen, eine von ihnen hatte sich den Schädel angeschlagen, als sie angesichts des ekligen Gemischs aus Blut, Hirnmasse und Eingeweiden, das ihr entgegengespritzt war, schlicht und einfach umgefallen war. Dallas würde die beiden erst einmal den Sanitätern überlassen und nähme ihre Aussagen auf, wenn der erste Schock verkraftet war.

Sie wusste sowieso schon, was geschehen war. Sie sah es den glasigen Augen der Helfer des Weihnachtsmannes an.

Als sie auf die beiden zumarschierte, blähte sich ihr knöchellanger schwarzer Ledermantel in der kalten Luft. Ihr kurzes, braunes Haar rahmte ein schmales Gesicht mit Augen in der Farbe guten, alten Whiskeys, die, wenn sie sie zusammenkniff, genauso schmal und polizistenmäßig waren wie ihr übriges Erscheinungsbild.

»Der Typ in dem Weihnachtsmannkostüm war also euer Kumpel?«, fragte sie.

»Oh, Mann. Tubbs. Oh, Mann.«

Einer war schwarz, der andere weiß, doch im Augenblick wirkten die Gesichter eher grün. Was durchaus zu verstehen war. Sie schätzte sie auf Ende zwanzig, und die teuren Kleider legten die Vermutung nahe, dass sie Juniorpartner in der Firma waren, deren Weihnachtsfeier rüde unterbrochen worden war.

»Ich werde Sie beide auf die Wache bringen lassen, um dort Ihre Aussagen aufnehmen zu lassen. Es wäre nett, wenn Sie sich freiwillig auf Drogen testen ließen. Wenn nicht…« Sie wartete einen Moment und fügte mit einem schmalen Lächeln hinzu: »… zwingen wir Sie dazu.«

»Oh, Mann, oh, Scheiße. Tubbs. Er ist tot. Er ist tot, nicht wahr?«

»Das ist offiziell«, antwortete Eve und winkte ihre Partnerin herbei.

Detective Delia Peabody, die die dunklen Haare momentan in sportlichen Wellen trug, richtete sich über dem Gewirr der Gliedmaßen der beiden Opfer auf. Sie war ebenfalls ein wenig grün, aber sie hielt sich trotzdem wirklich tapfer, dachte Eve.

»Ich weiß, wer die beiden Opfer sind«, erklärte sie. »Der Weihnachtsmann war ein gewisser Lawrence, Max, achtundzwanzig Jahre, wohnhaft in Midtown. Der Typ, der– haha– den Sturz abgefangen hat, hieß Jacobs, Leo, dreiunddreißig, mit einer Adresse in Queens.«

»Ich lasse die beiden auf die Wache bringen und auf Drogen testen und nehme ihre Aussagen auf, wenn wir hier fertig sind. Ich nehme an, Sie wollen sich die Räumlichkeiten ansehen, in denen die Feier stattgefunden hat, und mit den anderen Zeugen sprechen.«

»Ich…«

»Sie leiten die Ermittlungen in diesem Fall.«

»Richtig.« Peabody atmete tief ein. »Haben Sie die beiden schon irgendwas gefragt?«

»Es ist Ihre Entscheidung, ob wir jetzt schon mit den beiden sprechen oder erst nachher auf dem Revier.«

»Nun…« Offenkundig auf der Suche nach der richtigen Antwort sah Peabody sie fragend an und meinte erst, als Eves Gesicht ihr nicht das Mindeste verriet: »Sie sind ziemlich fertig, und hier herrscht das totale Chaos, aber… vielleicht kriegen wir hier und jetzt mehr aus den beiden raus, als wenn sie sich beruhigt haben und anfangen zu überlegen, ob sie vielleicht selbst in Schwierigkeiten sind.«

»Welchen von den beiden nehmen Sie?«

»Äh. Den Schwarzen.«

Eve nickte und kehrte zu den beiden jungen Männern zurück. »Sie da.« Sie zeigte auf den Weißen. »Name?«

»Steiner. Ron Steiner.«

»Wir werden jetzt einen kleinen Spaziergang machen, Mr Steiner.«

»Mir ist schlecht.«

»Das glaube ich.« Sie bedeutete ihm aufzustehen, packte ihn am Arm und führte ihn ein paar Schritte fort. »Sie und Tubbs waren Kollegen?«

»Ja. Ja. Bei Tyro Communications. Wir– wir sind manchmal zusammen losgezogen und haben einen draufgemacht.«

»Er scheint ein ziemlich großer und kräftiger Kerl gewesen zu sein.«

»Wer, Tubbs? Ja, ja.« Steiner fuhr sich mit der Hand über die schweißbedeckte Stirn. »Ich schätze, er hat mindestens hundert Kilo auf die Waage gebracht. Deshalb dachten wir, es wäre witzig, wenn er als Weihnachtsmann auf der Party erscheint.«

»Und was hatte Tubbs in seinem Sack?«

»O, Mann.« Er warf sich die Hände vors Gesicht. »Oh, Gott.«

»Bisher ist unser Gespräch nicht offiziell. Das wird es später noch, aber jetzt erzählen Sie mir einfach, was passiert ist, ja? Ihr Freund und ein armer Tropf, der im falschen Augenblick am falschen Ort war, sind tot.«

Ohne die Hände vom Gesicht zu nehmen, krächzte er: »Die Bosse haben nur das Buffet für die Party organisiert. Sie haben nicht mal die Getränke übernommen, wissen Sie?« Ron erschauderte, bevor er seine Arme sinken ließ. »Also haben sich ein paar von uns zusammengetan, gemeinsam das Kostüm für Tubbs gemietet, und nachdem die Chefs verschwunden waren, haben wir die Getränke und die… die anderen Sachen rausgeholt.«

»Wie zum Beispiel?«

Er schluckte, sah ihr dann aber in die Augen und zählte mit leiser Stimme auf: »Ein bisschen Exotica, ein bisschen Push und Jazz.«

»Zeus?«

»Damit habe ich nichts zu schaffen. Ich lasse mich auf Drogen testen, dann werden Sie ja sehen. Ich habe nur ein bisschen Jazz geraucht, sonst nichts.« Als Eve ihn einfach reglos ansah, fuhr er hektisch fort: »Und er hat auch nie irgendwelches hartes Zeug genommen. Nicht Tubbs, Mann, das schwöre ich. Das hätte ich gewusst. Aber ich glaube, dass er heute irgendetwas anderes eingeworfen hat, vielleicht hat er oder irgendjemand anderes ja das Push mit irgendwas versetzt. Diese blöde Arschloch«, schluchzte er, und dicke Tränen kullerten ihm über das Gesicht. »Er war total aufgedreht, das kann ich Ihnen sagen. Aber Mann, schließlich waren wir ja auch auf einer Party. Wir haben uns einfach amüsiert. Die Leute haben gelacht und getanzt. Und dann hat Tubbs plötzlich das Fenster aufgemacht.«

Jetzt waren seine Hände überall. In seinem Gesicht, an seinem Hals, in seinem Haar. »Oh, Gott. Oh, Gott. Ich dachte, das macht er, weil die Luft allmählich ziemlich stickig wurde. Das Nächste, was ich mitbekommen habe, war, dass er auf den Fenstersims geklettert ist und uns mit diesem breiten, dämlichen Grinsen angesehen hat. Dann hat er gebrüllt: ›Frohe Weihnachten euch allen, gute Nacht.‹ Dann ist er gesprungen. Mit dem Kopf zuerst. Mein Gott, dann war er weg. Niemand hat auch nur versucht, ihn festzuhalten. Es ging alles viel zu schnell. Dann haben die Leute angefangen zu schreien und sind hin und her gerannt, ich bin zum Fenster gelaufen und habe rausgeguckt.«

Wieder fuhr er sich mit den Händen durchs Gesicht und atmete zitternd ein. »Ich habe gerufen, dass jemand den Notarzt alarmieren soll, danach sind Ben und ich runtergelaufen. Auch wenn ich nicht weiß, warum. Wir waren seine Freunde, und wir sind runtergelaufen, um nach ihm zu sehen.«

»Woher hatte er die Drogen, Ron?«

»Mann, was für ein Scheiß.« Er blickte über ihren Kopf hinweg auf die belebte Straße.

Er kämpfte, wie Eve wusste, den normalen kleinen Kampf, ob er feige die Klappe halten oder für eine Sache geradestehen sollte, die unglücklicherweise schiefgelaufen war.

»Er muss sie von Zero gehabt haben. Ein paar von uns haben für einen Party-Pack zusammengelegt. Aber keine harten Sachen, das schwöre ich.«

»Wo betreibt dieser Zero sein Geschäft?«

»Er hat einen Club an der Ecke Broadway/Neunundzwanzigste. Zero’s. Verkauft Partydrogen unter der Hand. Tubbs, Mann, der war völlig harmlos. Er war nur ein großer, dummer Junge, weiter nichts.«

Der große, dumme Junge und der arme Tropf, auf dem er gelandet war, wurden noch vom Bürgersteig gekratzt, als Eve den Raum betrat, an dem die Feier so abrupt beendet worden war. Alles sah so aus, wie sie erwartet hatte: Es herrschte ein unheiliges Durcheinander aus abgelegten Kleidern, verschütteten Getränken, fallen gelassenem Essen, und trotz des noch immer offenen Fensters machten der Gestank von Rauch, Erbrochenem und Sex das Atmen schwer.

Die Zeugen, die nicht wie erschreckte Karnickel davongelaufen waren, hatten ihre Aussagen in einem Nebenraum zu Protokoll gegeben und sich auf den Heimweg gemacht.

»Was denken Sie?« Eve bahnte sich einen Weg durch das Minenfeld aus Tellern und zerbrochenen Gläsern, bis sie neben Peabody stand.

»Abgesehen davon, dass Tubbs das Weihnachtsfest nicht mehr erleben wird? Ich denke, der arme Trottel hatte irgendetwas eingeworfen, was ihm nicht bekommen ist, und hat sich dann wahrscheinlich eingebildet, dass draußen vor dem Fenster Rudolf mit den anderen Rentieren und dem Schlitten auf ihn wartet. Weshalb er vor den Augen von über einem Dutzend Zeugen einfach gesprungen ist. Tod durch extreme Dummheit.«

Als Eve schweigend aus dem offenen Fenster blickte, hielt Peabody im Einsammeln der Pillen inne, die sie auf dem Fußboden gefunden hatte, und wollte von ihr wissen: »Denken Sie was anderes?«

»Niemand hat ihn gestoßen, aber die extreme Dummheit hat er sich bestimmt mit fremder Hilfe zugelegt.« Geistesabwesend rieb sie sich die Hüfte, denn sie tat ihr aufgrund einer Verletzung, die sie sich vor Kurzem zugezogen hatte, ab und zu noch etwas weh. »Die toxikologische Untersuchung wird ergeben, dass er noch etwas anderes als bloße Gute-Laune-Pillen oder irgendwelches Zeug zur Steigerung der sogenannten Manneskraft eingeworfen hat.«

»Bisher haben wir keinen Hinweis darauf, dass der Kerl mit irgendjemandem im Clinch gelegen hat. Er war einfach ein Idiot. Und er war derjenige, der die Drogen besorgt hat.«

»Das stimmt.«

»Wollen Sie sich den Dealer vorknöpfen?«

»Die Drogen haben ihn umgebracht. Der Typ, der sie verkauft hat, hielt also sozusagen die Waffe in der Hand.« Als Eve merkte, dass sie sich die Hüfte rieb, zog sie eilig die Hand zurück und sah sich noch einmal in dem Zimmer um. »Was haben Ihnen die Zeugen über den Drogenkonsum von dem Kerl erzählt?«

»Er hatte kein echtes Drogenproblem. Hat nur ab und zu auf irgendwelchen Partys mit dem Zeug gespielt.« Peabody machte eine kurze Pause und fügte nachdenklich hinzu: »Manchmal peppen Dealer das Zeug, das sie verkaufen, etwas auf und bringen ihre Kunden so auf den Geschmack von irgendwelchem Stoff, der härter und deshalb auch teuer ist. Okay. Ich werde sehen, ob die Drogenfahndung etwas über diesen Zero hat, dann fahren wir hin und unterhalten uns mit ihm.«

Sie ließ Peabody mit den Kollegen von der Drogenfahndung sprechen und rief währenddessen die Daten der nächsten Angehörigen der beiden Opfer auf. Tubbs’ nächste Verwandte war die Mutter, die in Brooklyn lebte, und Jacobs hatte Frau und Kind gehabt. Da es unwahrscheinlich war, dass sie im privaten Umfeld beider Männer Ermittlungen durchführen mussten, rief sie eine Polizeipsychologin an. Es war immer hart, die nächsten Angehörigen zu informieren, aber kurz vor Weihnachten war es besonders schwer.

Nachdem sie das Hotel wieder verlassen hatte, stand sie auf der Straße und blickte auf die Gaffer, die sich hinter der Absperrung versammelt hatten, und auf die hässlichen Flecken auf dem Bürgersteig. Es war einfach dumm gewesen, Pech, und wirkte fast wie eine Farce.

Wären nicht zwei Männer, die noch vor zwei Stunden putzmunter waren, in zwei schwarze Säcke eingehüllt auf dem Weg in die Pathologie.

»Hey, Lady! Hey, Lady! Hey, Lady!«

Beim dritten Anruf blickte Eve sich um und entdeckte einen Jungen, der unter der Absperrung hindurchgekrochen war und einen verbeulten Koffer in den Händen hielt, der fast so groß war wie er selbst.

»Meinst du mich? Sehe ich etwa aus wie eine Lady?«

»Ich habe Ihnen etwas anzubieten.« Während sie, beeindruckt von der Chuzpe dieses Knaben, zusah, zog er drei Beine aus dem Unterteil des Koffers, klappte ihn auf wie einen Tisch und zeigte auf den darauf liegenden Haufen bunter Schals. »Das ist wirklich erstklassige Ware. Hundert Prozent Kaschmir.«

Der Kleine hatte eine Haut wie starker schwarzer Kaffee, leuchtend grüne Augen, ein mit wild züngelnden, leuchtend roten, gelben und orangefarbenen Flammen bemaltes Luftbrett an einer Schnur über dem Rücken hängen und sah sie grinsend an, während er mit flinken Fingern eins der Tücher aus dem Haufen zog. »Die Farbe steht Ihnen wirklich prima, Lady.«

»Meine Güte, Junge, ich bin Polizistin.«

»Als Polizistin werden Sie ja wissen, was für eine gute Qualität das Zeug hier hat.«

Als einer der Kollegen angelaufen kam, winkte sie ihn wieder fort. »Ich habe keine Zeit, um mir irgendwelche Tücher anzusehen. Ich bin wegen zweier toter Männer hier.«

»Die sind inzwischen nicht mehr da.«

»Hast du gesehen, wie der Weihnachtsmann gesprungen ist?«

»Nee.« Er schüttelte enttäuscht den Kopf. »Er lag schon auf der Erde, als ich kam. Wenn jemand aus dem Fenster springt, versammeln sich dort immer jede Menge Leute, also habe ich mein Zeug gepackt und mich sofort auf den Weg hierher gemacht. Die Geschäfte laufen wirklich gut. Wie wäre es mit diesem Roten hier? Passt super zu dem hammerharten Mantel.«

Sie musste seine Dreistigkeit bewundern, behielt aber ihre strenge Miene bei. »Ich trage einen hammerharten Mantel, weil ich selber hammerhart bin, und wenn diese Schals aus Kaschmir sind, fresse ich die ganze Ladung auf.«

»Auf dem Etikett steht Kaschmir, das ist das Einzige, was zählt.« Wieder sah er sie mit einem gewinnenden Lächeln an. »Der Rote würde ihnen wirklich stehen. Ich mache Ihnen auch einen extra guten Preis.«

Sie schüttelte den Kopf, dann aber fiel ihr Blick auf einen schwarz-grün karierten Schal, der genau das richtige Geschenk für einen ganz bestimmten Menschen war. »Wie viel?« Sie griff nach dem karierten Schal und war überrascht, wie weich er war.

»Fünfundsiebzig. Das ist ein echter Spottpreis.«

Sie warf den Schal zurück und bedachte das Kind mit einem Blick, den es verstand. »Mit dem du offenkundig mich verspotten willst.«

»Fünfundsechzig.«

»Fünfzig, und keinen Dollar mehr.« Sie zog ein paar Scheine aus der Tasche und tauschte sie gegen den Schal. »Und jetzt verzieh dich hinter die Absperrung, bevor ich dich dafür verhafte, dass du so klein geraten bist.«

»Nehmen Sie auch noch den Roten. Los, Lady. Sie kriegen ihn auch für den halben Preis. Das wäre ein wirklich gutes Geschäft für Sie.«

»Nein. Und falls ich merke, dass du deine Finger außer in die Schals auch noch in irgendwelche fremden Taschen tauchst, finde ich dich. Jetzt hau ab.«

Mit einem nochmaligen Lächeln klappte er den Koffer wieder zu. »Keine Panik. Ich wünsche Ihnen noch frohe Weihnachten und all den anderen Scheiß.«

»Ich dir auch.« Sie drehte sich um und stopfte sich den Schal eilig in die Tasche, als sie sah, dass Peabody in ihre Richtung kam.

»Sie haben was gekauft. Sie haben geshoppt!«

»Ich habe nicht geshoppt. Ich habe etwas erworben, was wahrscheinlich Hehlerware und somit ein potenzielles Beweismittel ist.«

»Hahaha.« Peabody griff nach dem Schalende, das aus Eves Manteltasche lugte, rieb es zwischen ihren Fingern und stellte anerkennend fest: »Wirklich schön. Wie viel haben Sie dafür bezahlt? Vielleicht hätte ich ja auch einen gewollt. Ich habe noch nicht alle Weihnachtseinkäufe erledigt. Wo ist der Junge hin?«

»Peabody.«

»Verdammt. Okay, okay. Die Drogenfahndung hat eine Akte über Martin Gant, alias Zero. Ich habe eine halbe Ewigkeit mit einem gewissen Detective Piers herumgestritten, aber unsere beiden Toten haben mehr Gewicht als die laufenden Ermittlungen, die er selbst gerade anstellt. Am besten holen wir Zero für die Vernehmung aufs Revier.«

Als sie zu ihrem Wagen liefen, blickte Peabody noch einmal über ihre Schulter und sah Eve fragend an: »Hatte er auch rote Schals?«

Wie alle Clubs in dieser Gegend war auch das Zero’s an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr für seine Gäste da. Mit der ringförmigen, rotierenden Bar, den diskreten Nischen und jeder Menge Schwarz und Silber zog der Laden sicher viele Yuppies an. Die Musik war eher zahm, und auf den großen Wandbildschirmen sah man das glücklicherweise durch jede Menge strähniger, violetter Haare halb verborgene, wenig ansprechende Gesicht von einem Mann, der mit schwermütiger Stimme über die Sinnlosigkeit des Lebens sang.

Eve hätte ihm sagen können, dass den beiden Männern, die sie vom Gehweg kratzen lassen musste, die Alternative sicher noch sinnloser erschien.

Der Rausschmeißer war ein Riese, dessen Tunika bewies, dass Schwarz nicht zwingend eine schlank machende Farbe ist.

Kaum hatten sie den Raum betreten, machte er sie schon als Bullen aus. Das sah Eve am Flackern seiner Augen und daran, wie er demonstrativ die Schultern kreisen ließ.

Auch wenn der Boden nicht vibrierte, als er auf sie zukam, hätte sie den Kerl ganz sicher nicht als Leichtfuß tituliert.

Er bleckte die Zähne, sah sie durchdringend aus seinen braunen Augen an und wollte von ihnen wissen: »Gibt es irgendein Problem?«

Peabodys Antwort kam ein wenig spät, denn sie war es noch gewohnt, dass Eve die Führung übernahm. »Kommt drauf an. Wir möchten gern zu Ihrem Boss.«

»Zero ist beschäftigt.«

»Tja, dann müssen wir wohl warten.« Peabody sah sich langsam in der Kneipe um. »Während wir das tun, gucken wir uns einfach mal Ihre Lizenzen an.« Jetzt bleckte sie ebenfalls die Zähne, fügte aber gut gelaunt hinzu: »Schließlich sind wir im Dienst und wollen die Wartezeit nicht einfach sinnlos vertun. Vielleicht plaudern wir auch noch etwas mit Ihren Gästen. Sie wissen schon, Pflege der guten Beziehungen zur Bevölkerung und so.«

Sie zog ihre Dienstmarke hervor. »Während wir beschäftigt sind, sagen Sie bitte Ihrem Boss, dass er von Detective Peabody und ihrer Partnerin erwartet wird.«

Damit marschierte sie zu einem Tisch, an dem ein Mann in einem teuren Anzug mit einer Frau saß, deren aus einem pinkfarbenen Glitzertop hervorquellende Brüste die Vermutung nahelegten, dass sie nicht seine Gattin war. »Guten Tag, Sir!«, meinte sie mit einem breiten Lächeln und fügte, während er erbleichte, nett hinzu: »Dürfte ich Sie vielleicht fragen, was der Grund Ihres Besuchs hier ist?«

Er stand eilig auf, murmelte etwas von einem dringenden Termin, und während er die Flucht ergriff, erhob sich auch die Frau von ihrem Platz und rammte Peabody, die gute fünfzehn Zentimeter kleiner war als sie, ihre beeindruckenden Brüste ins Gesicht. »Sie machen mir mein Geschäft kaputt!«, fauchte sie erbost.

Immer noch lächelnd zog Peabody einen kleinen Block aus ihrer Tasche, zückte einen Bleistift und fragte mit zuckersüßer Stimme: »Sie heißen?«

»Das geht Sie einen feuchten Kehricht an.«

»Frau Das-geht-Sie-einen-feuchten-Kehricht an, Sie haben doch bestimmt Ihre Lizenz dabei.«

»Bull!«

»Bull–e. So viel Zeit muss sein. Und jetzt zeigen Sie mir bitte die Papiere, denn als Bulle bin ich nun einmal befugt, mir Ihre Arbeitserlaubnis anzusehen.«

»Bull!« Die Frau wirbelte herum und wies mit ihren Brüsten auf den Rausschmeißer. »Die Tante hier hat mein Geschäft kaputt gemacht.«

»Das tut mir leid, aber trotzdem zeigen Sie mir bitte erst mal Ihre Lizenz. Wenn Ihre Papiere in Ordnung sind, lasse ich Sie sofort mit der Arbeit weitermachen.«

Bull– es schien ein Tag für Menschen zu sein, deren Namen zu ihrer äußeren Erscheinung passten– baute sich auf der anderen Seite von Peabody auf, die dadurch wie die kompakte Füllung zwischen zwei dicken Brotscheiben aussah.

Eve stellte sich auf die Zehenspitzen, man wusste schließlich nie…

»Sie haben nicht das Recht, einfach hier aufzutauchen und die Kundschaft zu vertreiben.«

»Ich nutze einfach die Zeit, während ich darauf warte, dass Mr Gant erscheint. Lieutenant, ich glaube Mr Bull mag keine Polizistinnen.«

»Ich weiß einen besseren Verwendungszweck für Frauen.«

Eve rollte sich noch einmal auf die Zehenspitzen und fragte mit einer Stimme, die kalt wie die Dezemberbrise war: »Willst du vielleicht mal sehen, wofür man mich verwenden kann? Bull?«

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Auf der schmalen Wendeltreppe, über die man in die obere Etage kam, blitzte etwas auf. »Sieht aus, als ob dein Boss doch Zeit für uns hat.«

Auch sein Name passte zu seiner Erscheinung, dachte sie. Mit seinen kaum einen Meter fünfzig und höchstens fünfzig Kilo sah er wirklich aus wie eine Null. Wie so viele kleine Männer kompensierte er seinen geringen Wuchs durch einen breitbeinigen Gang, ein schrilles Outfit, das in seinem Fall aus einem leuchtend blauen Anzug und einem grellen, pinkfarbenen Rüschenhemd bestand, und im Stil von Julius Cäsar kurz geschnittenes, glattes, rabenschwarzes Haar.

Auch seine Augen waren schwarz, und als er sie lächelnd ansah, blitzte zwischen seinen Lippen ein silberner Eckzahn auf.

»Kann ich Ihnen helfen, Officers?«

»Mr Gant?«

Er breitete die Hände aus und nickte Peabody freundlich zu. »Bitte nennen Sie mich einfach Zero.«

»Ich fürchte, dass es eine Beschwerde über Sie gegeben hat. Sie müssen bitte mit auf die Wache kommen und uns ein paar Fragen beantworten.«

»Was für eine Beschwerde?«

»Es geht um den Verkauf verbotener Substanzen.« Peabody blickte auf eine der Nischen. »Wie derer, die im Augenblick von einigen Ihrer Gäste konsumiert werden.«

»Die Nischen sind schlecht einsehbar.« Er zuckte mit den Schultern. »Es ist deshalb schwer, immer im Auge zu behalten, was jeder Einzelne von meinen Gästen tut. Aber ich werde natürlich dafür sorgen, dass diese Leute mein Lokal verlassen. Schließlich hat mein Etablissement einen erstklassigen Ruf.«

»Lassen Sie uns darüber auf der Wache reden.«

»Bin ich etwa festgenommen?«

Peabody zog eine Braue hoch. »Möchten Sie gerne festgenommen werden?«

Das amüsierte Blitzen in den Augen ihres Gegenübers machte einem anderen, deutlich weniger einnehmenden Ausdruck Platz. »Bull, ruf Fienes an und sag ihm, dass er mich…«

»Auf der Hauptwache treffen soll«, beendete Peabody den Satz. »Zu einem Verhör durch Detective Peabody.«

Zero holte seinen Mantel, ein bodenlanges, weißes Ding, das wahrscheinlich zu hundert Prozent aus Kaschmirwolle war, und trat mit ihnen vor die Tür.

Draußen blickte Eve auf ihn herab und stellte freundlich fest: »Ihr Rausschmeißer ist ein Idiot.«

»Für bestimmte Dinge kann man ihn ganz gut brauchen«, stellte Zero schulterzuckend fest.

Eve nahm einen ziemlich gewundenen Weg durch das Revier und stellte, als sie auf das x-te Gleitband stiegen, vage fest: »Weihnachten. Jeder versucht noch schnell, seinen Schreibtisch leer zu kriegen, damit er anschließend zu Hause rumsitzen und Däumchen drehen kann. So, wie die Dinge stehen, können wir von Glück reden, wenn es überhaupt noch irgendwo ein leeres Zimmer für uns gibt.«

»Mit mir verschwenden Sie nur Ihre Zeit.«

»Also bitte, Zero, Sie wissen doch, wie diese Dinge laufen. Wenn es eine Beschwerde gibt, müssen wir der Sache nun mal nachgehen, damit man uns keinen Vorwurf machen kann.«

»Ich kenne die meisten Leute von der Drogenfahndung.« Er sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. »Sie habe ich dort noch nicht gesehen, aber irgendwas…«

»Manchmal werden Leute auch versetzt.«

Nachdem sie das Gleitband wieder verlassen hatten, führte sie ihn in einen der kleineren Vernehmungsräume und wies auf einen der beiden Stühle an dem kleinen Tisch. »Nehmen Sie doch Platz. Möchten Sie was trinken? Einen Kaffee oder so?«

»Ich will nur meinen Anwalt.«

»Ich werde gucken, wo er bleibt. Detective? Könnte ich kurz mit Ihnen sprechen?«

Sie trat vor die Tür und zog sie hinter sich und der Kollegin zu.

»Ich habe schon in meinen Taschen nach Brotkrumen gesucht, um eine Spur zu legen«, stellte Peabody fest. »Warum sind wir auf solchen Umwegen hierher gegangen?«

»Solange er nicht fragt, besteht keine Veranlassung für uns, ihn wissen zu lassen, dass wir nicht von der Drogenfahndung sind. Nach allem, was er weiß, hat sich jemand beim Drogendezernat über ihn beschwert. Da kennt er sich aus, und er hat kein Problem damit, wenn er ein bisschen von uns in die Zange genommen wird. Er geht davon aus, dass er eine geringe Strafe zahlen wird, falls es wirklich eine echte Beschwerde gab, und dass der Fall damit erledigt ist.«

»Dieser aufgeblasene Wicht«, murmelte Peabody.

»Machen Sie sich seine Arroganz zunutze. Stottern Sie ein bisschen rum. Erwecken Sie den Eindruck, dass ihm einer seiner Kunden Ärger machen will. Dass Tubbs jemanden verletzt hat und die Sache jetzt auf ihn abwälzen will. Dass er Zero ans Messer liefern will, damit nicht gegen ihn selbst Anklage wegen des Besitzes verbotener Substanzen erhoben wird.«

»Verstehe. Ich soll also dafür sorgen, dass er möglichst sauer wird. Und ich soll dabei so tun, als wäre uns selber dieser vorgeschlagene Deal nicht wirklich angenehm.« Peabody wischte sich die Hände an der Hose ab. »Ich werde ihn über seine Rechte aufklären und gucken, ob ich mit ihm verhandeln kann.«

»Ich kümmere mich währenddessen um den Anwalt. Wissen Sie, ich gehe jede Wette ein, dass er statt hierher zu uns erst mal ins Drogendezernat marschiert.« Lächelnd schlenderte Eve davon.

Vor dem Vernehmungsraum richtete sich Peabody zu ihrer ganzen Größe auf, kniff sich ein paar Mal in die Wangen und trat dann gesenkten, geröteten Hauptes durch die Tür.

»Ich… ich werde jetzt den Rekorder anstellen und Sie über Ihre Rechte aufklären, Mr Gant. Meine… der Lieutenant guckt währenddessen nach, ob Ihr Anwalt schon gekommen ist.«

Als er selbstgefällig lächelte, drückte sie die Taste des Rekorders, räusperte sich leise, belehrte ihn und wolltevon ihm wissen: »Haben Sie alles verstanden, Mr Gant?«

»Sicher. Hat sie Ihnen Ärger gemacht?«

»Es ist ja wohl nicht meine Schuld, wenn sie heute früher nach Hause gehen will und dann noch diese Sache aufgebrummt bekommt. Aber wie dem auch sei, wir haben Informationen, die darauf hinweisen, dass in Ihrem Lokal mit verbotenen Substanzen gehandelt… Mist, eigentlich sollte ich noch auf den Anwalt warten. Tut mir leid.«

»Kein Problem.« Er lehnte sich bequem auf seinem Stuhl zurück und winkte lässig mit der Hand. »Warum machen Sie nicht einfach weiter und ersparen dadurch uns allen eine Menge Zeit?«

»Tja, nun. Jemand hat sich bei uns über illegale Substanzen beschwert, die er angeblich bei Ihnen erstanden hat.«

»Wie? Weil sie zu teuer waren oder was? Wenn ich Drogen verkaufen würde– was ich nicht tue–, weshalb sollte dann der Käufer zu den Bullen gehen? Wenn ihm das Zeug zu teuer war, wäre das doch sicher eher ein Fall für den Verbraucherschutz, nicht wahr?«

Peabody erwiderte sein Grinsen, auch wenn sie es etwas gezwungen wirken ließ. »Die Sache ist die, die betreffende Person hat jemand anderen verletzt, während sie unter dem Einfluss verbotener Substanzen stand, die sie angeblich bei Ihnen erstanden hat.«

Zero rollte ungeduldig mit den Augen. »Dann hat diese Person sich also weggebeamt und will die Tatsache, dass sie sich wie ein Arschloch benommen hat, auf den Typen schieben, der ihr den Stoff verkauft hat, oder was? Was für eine Welt.«

»So könnte man vielleicht zusammenfassend sagen.«

»Ich will damit bestimmt nicht sagen, dass ich was zum Verkaufen hätte, aber wenn jemand verbotene Substanzen kauft, kann er ja wohl nicht hinterher über den Verkäufer meckern, oder?«

»Mr Lawrence behauptet –«

»Woher soll ich wissen, ob ich einen Typen namens Lawrence auch nur kenne? Haben Sie eine Ahnung, wie viele Leute ich tagtäglich sehe?«

»Tja, seine Freunde nennen ihn Tubbs, aber –«

»Tubbs? Tubbs hat mich verpfiffen? Dieser fette Hurensohn?«

Eve schaute in so vielen Abteilungen herein, dass der Anwalt sicher eine gute halbe Stunde brauchen würde, um herauszufinden, wo der gute Gant geblieben war, marschierte zum Vernehmungsraum zurück, baute sich von außen hinter dem Spiegel auf und sah, wie sich Zero fluchend halb von seinem Stuhl erhob.

Sie nickte zufrieden mit dem Kopf.

Peabody sah alarmiert und gleichzeitig verlegen aus, bemerkte sie. Gut, damit schlug sie genau die richtige Saite bei dem Typen an.

»Bitte, Mr Gant –«

»Ich will mit dem Bastard reden. Ich will, dass er mir ins Gesicht sieht, wenn er diese Dinge wiederholt.«

»Das ist im Augenblick leider nicht möglich. Aber –«

»Steckt dieses Stück Scheiße etwa in Schwierigkeiten?«

»So könnte man sagen. Ja, so könnte man sagen… hm.«

»Gut. Sie können ihm von mir ausrichten, dass er sich in meinem Laden besser nicht noch einmal blicken lässt.« Zero piekste ihr mit einem Finger in die Brust, und die drei Ringe, die er daran trug, blitzten wütend auf. »Ich will weder ihn noch einen von den anderen Arschloch-Anzugträgern, mit denen er rumhängt, noch mal in meinem Laden sehen. Er wird für den Erwerb und den Besitz verbotener Substanzen doch wohl eingelocht?«

»Als wir ihn aufgefunden haben, hatte er keine verbotenen Substanzen bei sich. Allerdings führen wir eine toxikologische Untersuchung durch, mit der sich, wie wir hoffen, der Konsum nachweisen lässt.«

»Er hätte besser nicht versucht, mir ans Bein zu pissen. Weil ich so etwas nämlich deutlich besser kann.« Zero setzte sich wieder hin und kreuzte die Arme vor der Brust. »Sagen wir, ich hätte ihm ein bisschen Stoff besorgt– nur zum persönlichen Gebrauch. Dafür bekäme ich die normale Geldstrafe und ein paar Stunden gemeinnütziger Arbeit aufgebrummt.«

»So müsste es laufen, Sir.«

»Warum holen Sie nicht Piers? Ich habe schon ein paar Mal mit ihm zusammengearbeitet.«

»Ich, ich glaube, Detective Piers ist heute nicht im Dienst.«

»Holen Sie ihn trotzdem. Er kennt sich mit diesen Sachen aus.«

»Das glaube ich.«

»Der Trottel ist in meinem Laden aufgetaucht und hat mich quasi angebettelt, ihm die Sachen zu besorgen. Und dann auch noch zu einem möglichst guten Preis. Meistens ging es dabei um Push– mit dem sich sowieso kein Cent verdienen lässt. Aber ich habe ihm trotzdem den Gefallen getan, weil er und seine Kumpel Stammgäste im Zero’s waren. Es ging um eine reine Gefälligkeit für einen Kunden, weiter nichts. Beim letzten Mal wollte er einen Party-Pack, ich habe mir den A- aufgerissen und ihm das Zeug besorgt– zum Selbstkostenpreis, ohne etwas daran zu verdienen. Deshalb fällt die Geldstrafe geringer aus«, erinnerte er Peabody, und die nickte gehorsam mit dem Kopf.

»Ja, natürlich, Sir.«

»Ich habe sogar noch etwas draufgelegt.«

»Noch etwas draufgelegt?«

»Als Weihnachtsgeschenk. Und ich habe nichts dafür verlangt. Keine Kohle, nichts. Ich sollte ihn verklagen. Ich sollte diesen rattengesichtigen Bastard wegen der investierten Zeit und der seelischen Schmerzen verklagen, die er mir verursacht hat. Ich werde meinen Anwalt fragen, ob das möglich ist.«

»Sie können Ihren Anwalt gerne fragen, Mr Gant, aber es wird ziemlich schwierig, Mr Lawrence zu verklagen, weil der nämlich nicht mehr lebt.«

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Dass ihm Ihr Geschenk anscheinend nicht bekommen ist.« Mit einem Mal wurde die kleine, unsichere Polizistin durch den eiskalten Cop ersetzt. »Er ist mausetot und hat bei seinem Abgang sogar noch einen unschuldigen Passanten mit erwischt.«

»Verdammt, was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass Sie nicht nur wegen des Handels mit verbotenen Substanzen und des Betreibens eines Etablissements, in dem mit verbotenen Substanzen gehandelt wird, sondern auch wegen des Mordes an Max Lawrence und an Leo Jacobs festgenommen sind. Ich bin übrigens nicht vom Drogendezernat, sondern zuständig für Mord.«

Als sie sich zum Gehen wenden wollte, öffnete Eve die Tür und fragte mit gut gelaunter Stimme: »Alles klar? Ich habe diese beiden netten Beamten mitgebracht, die unseren Gast in seine Zelle bringen können. Oh, Ihr Anwalt irrt anscheinend immer noch durchs Haus. Wir werden dafür sorgen, dass er erfährt, wo er Sie finden kann.«

»Dafür kriege ich euch am Arsch.«

Eve nahm einen seiner Arme, Peabody den anderen, und sie rissen ihn wenig sanft von seinem Stuhl. »In diesem Leben nicht mehr«, antwortete Eve, reichte ihn an die Kollegen weiter und sah ihm hinterher. »Gute Arbeit, Detective.«

»Ich glaube, ich hatte einfach Riesenglück. Ich glaube außerdem, dass jemand bei der Drogenfahndung auf seiner Gehaltsliste steht.«

»Wir werden sehen, was Piers dazu zu sagen hat. Aber jetzt schreiben wir am besten erst mal unseren Bericht.«

»Er wird nicht wegen Mordes verurteilt werden. Haben Sie gesagt.«

»Nein.« Eve schüttelte den Kopf. »Höchstens wegen Totschlags. Wobei auch das nicht sicher ist. Aber er wird hinter Gitter wandern, wird eine Zeit dort bleiben, seine Lizenz verlieren, eine hohe Geldstrafe sowie jede Menge Anwalts- und Gerichtskosten bezahlen und mit etwas Glück erledigt sein. Damit werden wir uns zufriedengeben müssen, denn etwas Besseres werden wir nicht kriegen.«

»Etwas Besseres werden sie nicht kriegen. Tubbs und Jacobs«, korrigierte ihre Partnerin.

Als sie in ihre eigene Abteilung zurückkamen, sprang Officer Troy Trueheart hinter seinem Schreibtisch auf. Er war groß, hervorragend gebaut und so frisch wie ein noch flaumbedeckter Pfirsich.

»Oh, Lieutenant, da ist eine Frau, die zu Ihnen will.«

»In welcher Angelegenheit?«

»Sie hat gesagt, es wäre privat.« Er blickte sich um und runzelte die Stirn. »Ich sehe sie nicht mehr. Aber ich glaube nicht, dass sie gegangen ist. Ich habe ihr eben erst einen Kaffee gebracht.«

»Name?«

»Lombard. Mrs Lombard.«

»Tja, lassen Sie es mich einfach wissen, wenn Sie sie noch einmal sehen.«

»Dallas? Ich schreibe den Bericht, okay? Ich mache es gern«, fügte Peabody hinzu. »Dann habe ich das Gefühl, als hätte ich die Sache wirklich bis zum Ende durchgezogen.«

»Ich werde Sie daran erinnern, wenn die Sache vor Gericht kommt und man Sie als Zeugin lädt.«

Damit ging Eve weiter in ihr eigenes Büro.

Es war ein winzig kleiner Raum mit kaum genügend Platz für ihren Schreibtisch, einen Schreibtischsessel, einen zweiten Stuhl und die handtuchgroße Scheibe, die als Fenster galt.

Weshalb ihre Besucherin auch nicht zu übersehen war.

Sie saß auf dem Besucherstuhl und hielt einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand. Das rötlichblonde Haar trug sie in einem Pagenschnitt, der in der feuchten Winterluft in einem Gewirr aus Locken aufgegangen war. Sie hatte grüne Augen und einen, abgesehen von den pinkfarben bemalten Wangen und dem pinkfarben getuschten Mund, milchig weißen Teint.

Sie war vielleicht Mitte fünfzig, überlegte Eve, von grobknochiger Gestalt, trug ein grünes Kleid mit einem schwarzen Kragen, hochhackige, schwarze Schuhe und hatte eine riesengroße schwarze Tasche neben ihren Füßen auf dem Boden abgestellt.

Als Eve den Raum betrat, stieß die Frau ein schrilles Kreischen aus, stellte eilig ihren Becher vor sich auf dem Schreibtisch ab, sprang auf und sah sie mit leuchtenden Augen an.

»Da bist du ja!«

Ihre Stimme hatte einen Klang, der Eve zusammenfahren ließ.

»Mrs Lombard? Es ist Ihnen nicht gestattet, einfach hier durch die Büros zu laufen.«

»Ich wollte nur mal sehen, wo du arbeitest. Meine Güte, Schätzchen, lass mich dich erst mal ansehen, ja?« Sie stürzte auf Eve zu und hätte sie umarmt, hätte Eve nicht eilends einen Satz zurück gemacht.

»Warten Sie. Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?«

Die grünen Augen wurden groß und feucht. »Aber, Schatz, erkennst du mich denn nicht? Ich bin deine Mama!«

2

Der Eisklumpen, der sich mit einem Mal in ihrem Magen bildete, stieg ihr bis in den Hals, weshalb sie kaum noch Luft bekam. Jetzt nahm die Frau sie in die Arme, und sie konnte nichts dagegen tun. Der überwältigende Rosenduft, den sie verströmte, raubte ihr den Atem, und die tränennasse Stimme, die grauenhaft nach Texas klang, trommelte wie eine eiserne Faust auf ihren Schädel ein.

Sie hörte das Schrillen ihres Links. Hörte das Geplauder der Kollegen vor ihrem Büro. Denn sie hatte die Tür nicht zugemacht. Gott, die Tür stand offen, jeder könnte sehen…

Dann hörte sie nur noch das laute Surren Dutzender Hornissen, spürte deren Stiche in der Brust und die damit einhergehende Hitze, die noch schlimmer als die Kälte war, weil sie sie fast ersticken ließ.

Nein, das sind Sie nicht. Nein, das sind Sie nicht. Das sind Sie nicht.

War das etwa ihre Stimme? Sie klang hoch und weinerlich wie die von einem Kind. Hatte sie die Worte ausgesprochen oder schwirrten sie ihr wie die Hornissen einfach durch den Kopf?

Sie hob ihre Hände, schaffte es irgendwie, sie anzuheben und die weichen, plumpen Arme fortzuschieben, die sie umklammerten. »Lassen Sie mich los. Lassen Sie mich los.«

Sie stolperte rückwärts und wäre um ein Haar davongerannt. ch kenne Sie nicht.« Sie starrte in das Gesicht, nahm die Form und Farben aber nur noch verschwommen wahr. ch habe keine Ahnung, wer Sie sind.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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