Tödliche Küsse - J.D. Robb - E-Book

Tödliche Küsse E-Book

J.D. Robb

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Beschreibung

In regengepeitschter Nacht wird eine brutal ermordete junge Frau auf einem einsamen Gehsteig gefunden – und ein zweites Opfer kurz danach in ihrem eigenen Apartement. Die attraktive Eve Dallas, Lieutenant der New Yorker Polizei, entdeckt sofort einen Zusammenhang zwischen diesen Verbrechen. Beide Opfer sind schöne und höchst erfolgreiche Frauen. Ihr glamouröses Leben und ihre Liebesaffären waren Stadtgespräch. Ihre Verbindungen zu den Reichen und Berühmten beschert Eve dann auch eine lange Liste von Verdächtigen – inklusive ihres eigenen Liebhabers, einem der mächtigsten Männer der Welt: Roarke. Eve kann ihr Herz nicht verleugnen und die skandalösen Hinweise auch nicht ignorieren. Je enger sie den Täter einkreist, desto tiefer wird sie in den tödlichen Sog brisantester Geheimnisse hineingezogen, deren Kenntnis nicht nur ihr eigenes Leben bedroht ...

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Seitenzahl: 569

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Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1Kapitel 2 Kapitel 3 Kapitel 4 Kapitel 5 Kapitel 6 Kapitel 7 Kapitel 8 Kapitel 9 Kapitel 10 Kapitel 11 Kapitel 12 Kapitel 13 Kapitel 14 Kapitel 15 Kapitel 16 Kapitel 17 Kapitel 18 Kapitel 19 Kapitel 20Copyright

Fame then was cheap …And they have kept it since, by being dead.

Ruhm war damals billig … Und ist ihnen, indem sie starben, geblieben bis zum heut’gen Tag.

DRYDEN

Chok’d with ambition of the meaner sort.

Im Würgegriff des Ehrgeizes der niederträcht’gen Art.

SHAKESPEARE

1

Die Toten waren ihr Geschäft. Sie lebte mit ihnen, arbeitete mit ihnen, befasste sich mit ihnen. Träumte von ihnen. Und weil das immer noch nicht auszureichen schien, empfand sie in einer verborgenen, geheimen Kammer ihres Herzens obendrein ehrliche Trauer.

Zehn Jahre bei der Polizei hatten nicht ausgereicht, um sie vollkommen abzuhärten, um sie den Tod und seine zahllosen Ursachen mit demselben kalten, klinischen und häufig zynischen Blick wie viele ihrer Kollegen betrachten zu lassen. Ihre Arbeit machte Szenarien wie das momentane – ein regnerischer Abend in einer dunklen, von Unrat übersäten Straße – beinahe normal. Doch noch immer waren ihre Gefühle nicht erstorben.

Auch wenn Mord sie längst nicht mehr schockierte, stieß er sie nach wie vor ab.

Die Frau war wunderschön gewesen. Lange Strähnen goldenen Haares ergossen sich wie Sonnenstrahlen auf dem schmutzigen Gehweg. Ihre Augen, groß und voller Trauer, wie sie der Tod häufig in ihnen hinterließ, hoben sich beinahe purpurfarben von ihren blutlosen, regennassen, hohen Wangen ab.

Sie trug ein teures Kostüm, in derselben leuchtenden Farbe wie ihre Augen. Die Jacke war ordentlich bis oben zugeknöpft, der hochgeschobene Rock jedoch stellte ihre schlanken Schenkel aufreizend zur Schau. Juwelen glitzerten an ihren Fingern, ihren Ohren, am Aufschlag ihrer Jacke. Eine Ledertasche mit goldener Schnalle lag unweit ihrer ausgestreckten Finger.

Lieutenant Eve Dallas ging neben der Toten in die Hocke und sah sie sich genauer an. Die Anblicke und die Gerüche waren meist dieselben, doch jedes Mal, ja, jedes Mal, gab es irgendetwas Neues. Sowohl Opfer als auch Täter hinterließen ihre individuellen Spuren, hatten ihren individuellen Stil, machten den Mord zu etwas Persönlichem.

Sie hatten die Szene bereits gefilmt. Polizeisensoren und eine Schutzwand hielten die Schaulustigen ab und sicherten den Tatort. Der Straßenverkehr war umgeleitet, und in der Luft war derart wenig los, dass man davon nicht weiter abgelenkt wurde. Aus dem Sexclub auf der gegenüberliegenden Straßenseite drangen Musik und das gelegentliche Grölen der feiernden Gäste an Eves Ohr. Die bunten Lampen des sich drehenden Türschilds trafen pulsierend auf die Schutzwand und tauchten den Körper des Opfers in kreischend grelles Licht.

Eve hätte Anweisung erteilen können, den Club bis zum nächsten Tag zu schließen, aber das erschien ihr als ein unnötiger Aufwand.

Ein uniformierter Beamter machte weiter Video- und Audioaufnahmen der Umgebung. Ein paar Typen von der Gerichtsmedizin hatten sich zum Schutz vor dem Regen dicht neben die Abschirmung gehockt und unterhielten sich über die Arbeit und ihr Lieblingsthema, Sport. Bisher hatten sie sich noch nicht die Mühe gemacht, sich die Leiche anzuschauen, und sie demnach auch noch nicht erkannt.

War es schlimmer, fragte sich Eve, während sie mit starren Augen auf die im Regen liegende, blutüberströmte Leiche blickte, wenn man das Opfer kannte?

Auch wenn sie nur beruflich mit Staatsanwältin Cicely Towers in Berührung gekommen war, hatte sie sie gut genug gekannt, um sich eine Meinung über sie zu bilden. Sie war eine starke Frau, erfolgreich, eine unerbittliche Kämpferin für das Recht.

Hatte diese Rolle sie auch hierher, in diese erbärmliche Umgebung, kommen lassen?

Seufzend beugte sich Eve über die elegante, teure Tasche und zog den Pass der Frau heraus. »Cicely Towers«, sprach sie in ihren Recorder. »Weiblich, Alter fünfundvierzig, geschieden. Wohnhaft 2132, 83. East, Nummer 61-B. Kein Raub. Das Opfer trägt immer noch seinen Schmuck und außerdem wurden ungefähr …« – sie öffnete die Brieftasche – »zwanzig Dollar in Scheinen, fünfzig Kreditchips und sechs Kreditkarten am Tatort zurückgelassen. Keine unmittelbaren Spuren eines Kampfes oder eines sexuellen Übergriffs.«

Sie blickte nochmals auf die ausgestreckte Frau. Was zum Teufel hattest du hier nur verloren, Towers? fragte sie die Tote ehrlich überrascht. Hier, weit weg von den Zentren der Macht, weit weg von deinem eleganten Zuhause?

Sie trug Arbeitskleidung. Eve kannte die Garderobe, die Cicely Towers bei Gericht und im Rathaus getragen hatte – leuchtende Farben, für den Fall, dass sie im Rampenlicht stand, passende Accessoires, immer mit einem femininen Touch.

Eve erhob sich und rieb sich geistesabwesend die nassen Knie ihrer Jeans.

»Sie wurde ermordet«, kam die knappe Feststellung in Richtung der Mediziner. »Also, seht sie euch mal an.«

Es war keine Überraschung, dass die Medien die Witterung des Todes längst aufgenommen und sich bei Eves Ankunft bereits vor dem eleganten Gebäude eingefunden hatten, in dem Cicely Towers gelebt hatte. Mehrere Übertragungswagen und Journalisten kampierten bereits auf dem blitzsauberen Gehweg. Die Tatsache, dass es drei Uhr morgens war und in Strömen goss, schreckte sie nicht ab. In ihren Augen erkannte Eve das typische raubtierhafte Glitzern. Die Story war die Beute und die Einschaltquoten die Trophäe, die es zu erringen galt.

Sie ignorierte die Kameras, die in ihre Richtung schwenkten, und die Fragen, die wie spitze Pfeile auf sie niederprasselten. Inzwischen war sie den Verlust ihrer Anonymität beinahe gewohnt. Der Fall, den sie im letzten Winter untersucht und erfolgreich abgeschlossen hatte, hatte sie abrupt ins Rampenlicht katapultiert. Der Fall, dachte sie jetzt, während sie einen Reporter, der die Dreistigkeit besaß, sich ihr mitten in den Weg zu stellen, mit einem stählernen Blick durchbohrte, und ihre Beziehung zu Roarke.

Auch damals war es um Mord gegangen. Doch die allgemeine Aufregung über einen gewaltsamen Tod verflüchtigte sich bald.

Im Gegensatz zum Interesse der Menschen an Roarke.

»Was haben Sie, Lieutenant? Haben Sie schon einen Verdächtigen? Gibt es ein Motiv? Können Sie bestätigen, dass Staatsanwältin Towers enthauptet worden ist?«

Eve verlangsamte ihr Tempo und lenkte ihren Blick auf den Haufen durchnässter, wolfsäugiger Journalisten. Sie war ebenfalls klitschnass, obendrein todmüde und angewidert von dem, was sie hatte sehen müssen, trotzdem blieb sie besser auf der Hut. Sie hatte gelernt, dass die Medien alles, was man von sich preisgab, so lange drehten und wendeten, bis es so weit wie möglich ihren eigenen, nicht unbedingt zutreffenden Vorstellungen entsprach.

»Die Polizei hat zu diesem Zeitpunkt nichts weiter zu sagen, als dass die Untersuchung des Todes von Staatsanwältin Towers eingeleitet worden ist.«

»Und die Leitung der Ermittlungen hat man Ihnen übertragen?«

»Ich bin die Ermittlungsleiterin«, erklärte sie mit barscher Stimme und trat entschieden zwischen den beiden Uniformierten, die den Eingang des Hauses bewachten, hindurch in das Foyer.

Zu allen Seiten sah man wundervolle Blumen: längliche und runde Beete mit duftenden, farbenfroh blühenden Gewächsen, die sie an einen Frühlingstag auf der exotischen Insel denken ließen, auf der sie nach Abschluss ihres letzten spektakulären Falles drei wunderbare Tage mit Roarke verbracht hatte, um sich von einer Schusswunde zu erholen und wieder zu Kräften zu kommen.

Unter den gegebenen Umständen nahm sie sich nicht die Zeit, um bei der Erinnerung zu lächeln, sondern marschierte, nachdem sie sich ausgewiesen hatte, über die Terracotta-Fliesen in Richtung des ersten Lifts.

Überall wimmelte es von Beamten. Zwei saßen hinter dem Tresen in der Eingangshalle und überprüften die Sicherheitsdisketten, andere bewachten die Tür und wieder andere lungerten in der Umgebung der Fahrstühle herum. So viele Polizisten hätten sie eindeutig nicht benötigt, aber als Staatsanwältin war Towers eine von ihnen gewesen, sodass das Interesse der Kollegen größer als in anderen Fällen war.

»Ihre Wohnung ist gesichert?«, fragte Eve den ihr am nächsten stehenden Beamten.

»Ja, Ma’am. Seit Ihrem Anruf um null zwei, zehn kam niemand mehr hinein oder heraus.«

»Ich brauche Kopien von den Überwachungsdisketten.« Sie betrat den Fahrstuhl. »Für den Anfang sollten die letzten vierundzwanzig Stunden reichen.« Sie blickte auf das Namensschild des Uniformierten. »Und, Biggs, ich möchte, dass Punkt sieben Uhr ein Trupp von sechs Leuten anfängt, die Nachbarn einzeln zu befragen. Einundsechzigste Etage«, befahl sie dem Fahrstuhl, und die durchsichtigen Türen glitten lautlos zu.

Einen Augenblick später betrat sie den totenstillen, mit üppigen Teppichen ausgelegten Korridor des einundsechzigsten Stockwerks. Wie in den meisten Gebäuden, die im Verlauf der letzten fünfzig Jahre errichtet worden waren, war auch hier der Flur auffallend schmal. Die Wände waren cremefarben gestrichen, und eine Reihe in dichter Folge aufgehängter Spiegel schuf die Illusion von mehr Weite als tatsächlich vorhanden.

Im Gegensatz zum Korridor herrschte in den Wohneinheiten selbst offenbar kein Platzmangel, dachte Eve, als sie bemerkte, dass es in jeder Etage nur drei Wohnungen gab. Mit ihrer Polizei-Masterkarte decodierte sie das Schloss des Apartments 61-B und trat durch die Tür.

Cicely Towers hatte es eindeutig zu etwas gebracht, beschloss sie angesichts der ruhigen Eleganz, die sie umfing. Und sie hatte gerne gut gelebt. Sie zog die kleine Videokamera aus ihrem Untersuchungsset, klemmte sie an den Aufschlag ihrer Jacke und betrat das Wohnzimmer. An der zart rosafarben gestrichenen Wand oberhalb einer gedämpft grün und pinkfarben gestreiften, ausladenden Sitzgruppe in U-Form entdeckte sie zwei Gemälde eines bekannten Künstlers aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert. Dank ihrer Beziehung zu Roarke konnte sie die Bilder identifizieren und erkennen, dass die dezente Einrichtung und die wenigen ausgewählten Stücke ein kleines Vermögen gekostet haben mussten.

Wie viel kassiert ein Staatsanwalt pro Jahr?, fragte sie sich, während die Kamera das Zimmer aufnahm.

Überall herrschte tadellose Ordnung. Aber schließlich war Towers, soweit Eve sie gekannt hatte, eine auf Ordnung und Makellosigkeit bedachte Frau gewesen. Bei der Wahl ihrer Garderobe, bei der Arbeit und was den Schutz ihrer Privatsphäre betraf.

Was also hatte eine elegante, clevere und ordentliche Frau mitten in der Nacht, und dazu noch bei strömendem Regen, in einer derart schmuddeligen Gegend zu suchen gehabt?

Eve ging weiter durch das Zimmer. Der Boden war aus weißem Holz und schimmerte wie ein Spiegel unter den hübschen, ebenfalls grünen und pinkfarbenen Teppichen. Auf einem Tisch standen gerahmte Hologramme zweier Kinder in verschiedenen Entwicklungsstufen von der Babyzeit bis hin zum Collegealter. Ein Junge und ein Mädchen, beide hübsch, beide freundlich lächelnd.

Seltsam, dachte Eve. Im Verlauf der Jahre hatte sie in zahllosen Fällen mit Towers zusammengearbeitet. Hatte sie gewusst, dass die Frau Kinder gehabt hatte? Kopfschüttelnd ging sie hinüber zu dem kleinen Computer, der in die elegante Workstation in der Ecke des Zimmers eingelassen war und nahm erneut ihre Masterkarte zu Hilfe, um Zugang zu bekommen.

»Auflistung von Cicely Towers’ Terminen vom zweiten Mai.« Mit gespitzten Lippen überflog Eve die angezeigten Daten. Eine Stunde in einem eleganten Fitnessclub, ein voller Tag am Gericht, gefolgt von einem Sechs-Uhr-Termin mit einem prominenten Verteidiger und einer Verabredung zum Abendessen. Eve zog erstaunt die Brauen in die Höhe. Ein Abendessen mit George Hammett.

Roarke hatte geschäftlich mit Hammett zu tun, erinnerte sie sich. Sie war ihm bisher zweimal begegnet und wusste, dass er ein charmanter und gewitzter Bursche war, der von seinem Transportunternehmen ausnehmend gut lebte.

Die Verabredung mit Hammett war die letzte, die Cicely Towers für den Tag ihres Todes in ihrem Computer vermerkt hatte.

»Ausdruck«, murmelte sie und stopfte das Papier in ihre Tasche.

Als Nächstes versuchte sie ihr Glück, indem sie den Tele-Link nach sämtlichen ankommenden und ausgehenden Anrufen der letzten achtundvierzig Stunden befragte. Wahrscheinlich müsste sie viel tiefer graben, aber für den Anfang ließ sie sich die Anrufe aufzeichnen, schob die Diskette zu dem Computerausdruck in die Tasche und begann mit einer sorgfältigen Durchsuchung des Apartments.

Um fünf Uhr morgens brannten ihre Augen, und ihr Schädel drohte zu zerbersten. Die Stunde Schlaf, die sie zwischen Sex und Mord hatte einschieben können, hatte eindeutig nicht gereicht.

»Nach bisherigen Informationen«, sprach sie müde in ihren Recorder, »lebte das Opfer allein. Die bisherigen Ermittlungen haben keine gegenteiligen Hinweise ergeben. Es gibt kein Anzeichen dafür, dass das Opfer seine Wohnung unfreiwillig verlassen hat, und es gibt keinen Vermerk über eine Verabredung, die erklären würde, weshalb das Opfer an den Ort seiner Ermordung fuhr. Die Ermittlungsleiterin hat die entsprechenden Daten von ihrem Computer und ihrem Tele-Link für weitere Überprüfungen gesichert. Die Befragung der Nachbarn beginnt um null sieben Uhr, und die Überwachungsdisketten des Gebäudes werden konfisziert. Die Ermittlungsleiterin verlässt die Wohnung des Opfers und fährt weiter zum Büro des Opfers im Rathaus. Lieutenant Eve Dallas. Null fünf, null acht.«

Eve schaltete Recorder und Videokamera aus, steckte beides in die Tasche und machte sich auf den Weg.

Es war bereits nach zehn, als sie endlich ihr Büro erreichte. Als Zugeständnis an ihren knurrenden Magen ging sie zuerst in die Kantine, wo sie sich, nicht überrascht, aber enttäuscht, weil der Großteil der genießbaren Gerichte längst nicht mehr zu bekommen war, mit einem Sojamuffin und einer Tasse dessen, was man in der Kantine als Kaffee ausschenkte, zufrieden geben musste. So schlimm beides auch war, aß sie den Muffin dennoch bis auf den letzten Krümel auf und leerte ihren Becher bis auf den letzten Tropfen, ehe sie sich in ihr Büro begab.

Kaum dort angekommen, blinkte auch schon ihr Link.

»Lieutenant.«

Sie unterdrückte einen Seufzer, als sie in Whitneys breites, grimmiges Gesicht sah. »Commander.«

»Kommen Sie sofort in mein Büro.«

Sie hatte noch nicht mal Zeit, den Mund zu schließen, als der Bildschirm bereits wieder schwarz war.

Verdammt, dachte sie und fuhr sich mit den Händen erst durch das Gesicht und dann durch die kurzen, wirren braunen Haare. So viel also zu der Gelegenheit, ihre Nachrichten abzuhören, Roarke anzurufen, um ihn wissen zu lassen, was sie trieb, oder das zehnminütige Nickerchen zu machen, von dem sie schon geträumt hatte.

Mühsam stand sie wieder auf, ließ ihre verkrampften Schultern kreisen und zog sich ihre Jacke aus. Das Leder hatte ihr Hemd vor dem Regen geschützt, doch ihre Jeans waren ungemütlich feucht. Nun, es war nicht zu ändern, sagte sie sich, als sie die wenigen bisher gesammelten Daten zusammenraffte und das Zimmer verließ. Mit ein wenig Glück bekäme sie im Büro des Commanders ja zumindest eine weitere Tasse Kaffee.

Nach ungefähr zehn Sekunden jedoch war Eve bewusst, dass der Kaffee noch würde warten müssen.

Statt wie gewöhnlich hinter seinem Schreibtisch zu sitzen, stand Whitney am Fenster und blickte auf die Stadt hinunter, der er seit über dreißig Jahren treu zu Diensten stand. Seine Hände waren hinter dem Rücken verschränkt, doch die auf den ersten Blick bequeme Haltung wurde durch die weißen Knöchel als Zeichen größter Anspannung entlarvt.

Eve studierte die breiten Schultern, die graumelierten dunklen Haare und den muskulösen Rücken des Mannes, der erst wenige Monate zuvor den angebotenen Posten des Polizeipräsidenten ausgeschlagen hatte, um weiter in direktem Kontakt mit seinen Untergebenen zu stehen.

»Commander.«

»Es hört allmählich auf zu regnen.«

Sie kniff verwirrt die Augen zusammen, bemühte sich jedoch sofort um einen ausdruckslosen Blick. »Ja, Sir.«

»Alles in allem ist es eine gute Stadt, Dallas. Es ist leicht, das hier oben zu vergessen, aber alles in allem ist es eine gute Stadt. Ich arbeite gerade daran, es mir in Erinnerung zu rufen.«

Sie gab keine Antwort, sie hatte nichts zu sagen. Also wartete sie lieber ab.

»Ich habe Sie mit der Leitung der Ermittlungen in diesem Fall betraut. Eigentlich wäre Deblinsky an der Reihe gewesen, also wüsste ich gern, ob sie Ihnen deshalb irgendwelche Scherereien macht.«

»Deblinsky ist eine gute Polizistin.«

»Das ist richtig. Aber Sie sind besser.«

Da ihre Brauen in die Höhe schossen, war sie froh, dass er sie immer noch nicht ansah. »Ich weiß Ihr Vertrauen zu würdigen, Commander.«

»Sie haben es verdient. Ich habe die normale Verfahrensweise umgangen, weil ich aus persönlichen Gründen die Leitung der Ermittlungen in Ihren Händen wissen will. Ich brauche die Beste, die ich habe, jemanden, der keine Grenzen kennt.«

»Die meisten von uns haben Staatsanwältin Towers gekannt, Commander. Sicher gibt es in ganz New York nicht einen Cop, der nicht alles tun würde, um denjenigen zu finden, der sie getötet hat.«

Er seufzte, und sein massiger Körper schien bis in die Zehenspitzen zu erschaudern. Dann jedoch drehte er sich endlich um und bedachte die Frau, die er mit der Untersuchung des Mordfalles betraut hatte, mit einem durchdringenden Blick. Sie war schmal gebaut, doch ihre Zartheit täuschte, denn er wusste, sie war wesentlich zäher, als sie aussah.

Im Augenblick wirkte sie jedoch erschöpft. Sie hatte dunkle Ringe unter den whiskeybraunen Augen, und ihr knochiges Gesicht war beinahe erschreckend bleich. Doch das durfte ihn nicht berühren, nicht in diesem Moment.

»Cicely Towers war eine persönliche Freundin von mir – eine enge, persönliche Freundin.«

»Verstehe.« Eve war sich nicht sicher, ob sie wirklich verstand. »Tut mir Leid, Commander.«

»Ich kannte sie schon ewig. Wir haben über Jahre hinweg hervorragend zusammengearbeitet, ich als ausgefuchster Cop und sie als übereifrige Strafrechtlerin. Meine Frau und ich sind die Paten ihres Sohnes.« Er machte eine kurze Pause, in der er offensichtlich um Beherrschung rang. »Ich habe ihre Kinder benachrichtigt, und meine Frau wird sich mit ihnen treffen. Bis nach der Beerdigung werden die beiden bei uns bleiben.«

Er räusperte sich und presste die Lippen zusammen. »Cicely war eine meiner ältesten Freundinnen, und abgesehen von dem Respekt und der Bewunderung, die ich ihr als Staatsanwältin zollte, habe ich sie sehr geliebt. Meine Frau ist vollkommen außer sich, und Cicelys Kinder sind am Boden zerstört. Alles, was ich ihnen sagen konnte, war, dass ich alles, einfach alles in meiner Macht Stehende tun werde, um die Person zu finden, die ihr das angetan hat, um ihr zuteil werden zu lassen, wofür sie einen Großteil ihres Lebens gearbeitet hat: Gerechtigkeit.«

Er sank auf seinen Stuhl, jedoch nicht mit der ihm eigenen Autorität, sondern wie ein alter, erschöpfter Mann. »Ich erzähle Ihnen diese Dinge, Dallas, damit Sie von Beginn an wissen, dass ich in diesem Fall nicht im Geringsten objektiv bin. Und deshalb bin ich von Ihnen abhängig.«

»Ich weiß Ihre Offenheit zu schätzen, Commander.« Sie zögerte nur kurz. »Aufgrund Ihrer persönlichen Freundschaft mit dem Opfer müssen Sie natürlich sobald wie möglich eine Aussage machen.« Sie bemerkte, dass seine Augen flackerten, ehe sein Blick hart wurde. »Und auch Ihre Frau, Commander. Falls es Ihnen lieber ist, kann ich die Gespräche natürlich auch bei Ihnen zu Hause führen.«

»Ich verstehe.« Er atmete tief ein. »Genau deshalb habe ich Sie mit der Leitung der Ermittlungen beauftragt, Dallas. Es gibt nicht viele Cops, die den Mumm besitzen würden, eine solch delikate Sache so direkt anzugehen. Allerdings würde ich es zu schätzen wissen, wenn Sie bis morgen oder sogar vielleicht noch ein, zwei Tage länger warten könnten mit dem Gespräch mit meiner Frau, und wenn Sie sie tatsächlich zu Hause befragen würden. Ich werde sie dann auf Ihr Kommen vorbereiten.«

»Sehr wohl, Sir.«

»Was haben Sie bis jetzt herausgefunden?«

»Ich habe mir die Wohnung und das Büro des Opfers angesehen. Ich habe die Aktenzeichen der Fälle, die sie gerade bearbeitete, und der Fälle, die sie in den letzten fünf Jahren abgeschlossen hat. Ich muss die Namen überprüfen, um zu sehen, ob jemand, den sie hat einsperren lassen, vor kurzem entlassen worden ist, und wie es mit den Familien und Freunden der von ihr Verurteilten aussieht. Vor allem die Gewaltverbrecher. Sie hatte eine ungewöhnlich hohe Erfolgsquote.«

»Cicely war im Gericht die reinste Tigerin, und sie hat niemals irgendetwas übersehen. Bis jetzt.«

»Weshalb war sie dort, Commander? Mitten in der Nacht? Nach der vorläufigen Autopsie wurde die Todeszeit auf ein Uhr sechzehn festgelegt. Es ist eine raue Gegend – Schlägereien, Raubüberfälle, billige Kneipen und schmuddelige Sexclubs. Ein paar Blocks von der Stelle entfernt, an der sie gefunden wurde, ist ein polizeilich bekannter Drogenumschlagsplatz.«

»Ich habe keine Ahnung. Sie war eine vorsichtige Frau, aber zugleich war sie … arrogant.« Ein schmales Lächeln umspielte Whitneys Mund. »Auf eine geradezu bewundernswerte Art. Sie schreckte selbst vor Konfrontationen mit dem übelsten Gesindel, das diese Stadt zu bieten hat, niemals zurück. Aber dass sie sich bewusst in Gefahr gebracht hätte … das kann ich mir nicht vorstellen.«

»Sie war gerade an einem Mordfall dran, Fluentes, Totschlag. Hat eine Freundin erwürgt. Sein Verteidiger hat es mit dem Argument des Verbrechens aus Leidenschaft versucht, aber es heißt, Towers hätte trotzdem die Absicht gehabt, ihn in die Kolonie zu schicken. Ich überprüfe diese Spur.«

»Ist er draußen, oder sitzt er?«

»Draußen. Erstes Gewaltverbrechen, die Kaution war lächerlich gering. Da es sich um Totschlag handelt, muss er eine elektronische Fessel tragen, aber das hat, wenn er auch nur einen Hauch von Ahnung auf dem Gebiet der Elektronik hat, nichts weiter zu sagen. Hätte sie sich mit einem Kerl wie ihm getroffen?«

»Ganz bestimmt nicht. Wenn sie einen Angeklagten außerhalb des Gerichtssaales getroffen hätte, hätte das ihren ganzen Fall in Gefahr gebracht.« Bei dem Gedanken, der Erinnerung an Cicely schüttelte Whitney vehement den Kopf. »Das hätte sie niemals riskiert. Aber vielleicht hat er sie ja mit einem Köder in die Gegend gelockt?«

»Wie gesagt, ich werde die Sache überprüfen. Sie hatte gestern Abend eine Essensverabredung mit George Hammett. Kennen Sie den Mann?«

»Flüchtig. Die beiden haben sich ab und zu getroffen. Aber meine Frau meint, dass es nichts Ernstes war. Sie hat ständig versucht, den perfekten Mann für Cicely zu finden.«

»Commander, ich frage lieber jetzt, inoffiziell. Hatten Sie eine sexuelle Beziehung zu dem Opfer?«

Ein Muskel in Whitneys Wange zuckte, doch sein Blick blieb völlig reglos, als er erklärte: »Nein, hatte ich nicht. Wir waren Freunde, und diese Freundschaft war mir und meiner Frau sehr wertvoll. Im Grunde war sie sogar so etwas wie ein Mitglied der Familie. Aber natürlich hat jemand wie Sie, Dallas, keine Ahnung, was das heißt.«

»Nein«, erwiderte sie tonlos. »Da haben Sie wahrscheinlich Recht.«

»Tut mir Leid.« Whitney kniff die Augen zusammen und fuhr sich mit den Händen über das müde Gesicht. »Das war unnötig und unfair. Und Ihre Frage war durchaus relevant.« Er ließ seine Hände wieder sinken. »Sie haben noch nie einen Menschen verloren, der Ihnen wirklich wichtig war, nicht wahr, Dallas?«

»Nicht, soweit ich mich erinnern kann.«

»Es reißt einen in Stücke«, murmelte er leise.

Sie nahm an, dass es so war. In den zehn Jahren, in denen sie Whitney kannte, hatte sie ihn wütend, ungeduldig, ja sogar kalt und hartherzig, nie zuvor jedoch so völlig deprimiert und fassungslos erlebt.

Falls das der Preis war, den ein starker Mann wie Whitney für Nähe und dann für deren Verlust zahlte, nahm Eve an, dass sie besser dran war, wenn sie diese Nähe gar nicht erst besaß. Sie hatte keine Familie, die sie verlieren könnte, und nur vage, bruchstückhafte, doch durchgehend hässliche Erinnerungen an die ersten Jahre ihrer Kindheit. Ihr wahres Leben hatte erst begonnen, als sie im Alter von acht Jahren zerschunden und verlassen in Texas aufgegriffen worden war. Was vor dem Tag passiert war, war vollkommen egal. Sie sagte sich immer wieder, es wäre vollkommen egal. Sie hatte sich zu der gemacht, die sie heute war. Sie hatte nur wenige Freunde, die sie wirklich mochte und denen sie vertraute. Und für mehr als Freundschaft hatte sie inzwischen Roarke. Er hatte sie weit genug geschwächt, als dass sie ihm tatsächlich mehr gab. So viel mehr, dass sie hin und wieder Angst davor bekam – weil sie genau wusste, dass er erst zufrieden war, wenn er alles bekam.

Doch wenn sie ihm alles gäbe und ihn dann verlöre, risse es sie dann ebenfalls in Stücke?

Statt weiter darüber nachzudenken holte sich Eve noch einen Kaffee und verschlang die Reste eines Schokoriegels, der offenbar vor Urzeiten in der Schublade ihres Schreibtischs vergessen worden war. Die Hoffnung auf ein anständiges Mittagessen war ebenso absurd wie der Traum von einer Woche in den Tropen, deshalb nippte sie traurig an dem Kaffee und kaute auf der zähen Schokolade herum, während sie den endgültigen Autopsiebericht auf ihrem Bildschirm überflog.

Die genaue Todeszeit kannte sie schon aus dem vorläufigen Bericht. Todesursache waren eine durchtrennte Halsschlagader und der daraus resultierende Blut- und Sauerstoffverlust. Ungefähr fünf Stunden vor seinem Tod hatte das Opfer noch Kamm-Muscheln mit jungem Blattgemüse, Wein, echten Kaffee und frisches Obst mit Schlagsahne genossen.

Die Nachricht hatte sie überraschend schnell erreicht. Cicely Towers hatte erst zehn Minuten auf dem Bürgersteig gelegen, als ein Taxifahrer, der mutig oder verzweifelt genug gewesen war, um in der Gegend zu arbeiten, ihre Leiche entdeckt und der Polizei gemeldet hatte. Der erste Einsatzwagen war drei Minuten nach dem Rundruf der Zentrale am Fundort eingetroffen.

Ihr Mörder hatte schnell gehandelt. Allerdings war es auch nicht weiter schwierig, in einer solchen Umgebung unterzutauchen, indem man in einem Wagen, einer Haustür oder einem der unzähligen Clubs verschwand. Bestimmt war das Blut aus der klaffenden Wunde ziemlich weit gespritzt, aber der Regen hatte dem Mörder sicherlich genützt, indem er es von seinen Händen wusch.

Sie müsste die Gegend abklappern, müsste Fragen stellen, auf die sie sicher sowieso keine befriedigenden Antworten bekäme. Nun, dort, wo die gängigen Verfahren oder auch Drohungen nicht reichten, funktionierte immerhin gelegentlich Bestechung.

Während sie das Polizeifoto von Cicely Towers mit der blutigen Halskette studierte, blinkte ihr Tele-Link.

»Dallas, Mordkommission.«

Auf ihrem Bildschirm erschien ein junges, strahlendes, doch zugleich verschlagenes Gesicht. »Lieutenant, was haben Sie mir zu erzählen?«

Eve unterdrückte einen Fluch. Generell hatte sie keine allzu hohe Meinung von Reportern, und gegenüber C. J. Morse empfand sie nicht einmal ein Mindestmaß an Sympathie. »Was ich Ihnen zu sagen hätte, würden Sie nicht hören wollen.«

Sein Mondgesicht teilte sich zu einem Lächeln. »Nun kommen Sie schon, Dallas, die Öffentlichkeit hat ein Recht auf Informationen. Das ist Ihnen doch klar.«

»Ich habe Ihnen nichts zu sagen.«

»Nichts? Wollen Sie wirklich, dass ich auf Sendung gehe und erkläre, Lieutenant Eve Dallas, eine der besten Polizistinnen von ganz New York, stünde bezüglich des Mordes an einer der angesehensten, prominentesten und herausragendsten Figuren der Stadt mit leeren Händen da? Ich könnte es tun, Dallas«, sagte er und schnalzte mit der Zunge. »Ich könnte es natürlich tun, aber das sähe nicht sehr gut aus.«

»Sie glauben also, es würde mich interessieren, was man von mir denkt.« Ihr Lächeln war dünn und laserscharf, und ihr Finger schwebte bereits über dem Aus-Knopf. »Dann lassen Sie mich Ihnen sagen, dass dies ein grober Irrtum ist.«

»Vielleicht ist es Ihnen persönlich ja egal, aber die Sache würde auf Ihre gesamte Abteilung zurückfallen.« Er flatterte mit seinen langen, mädchenhaften Wimpern. »Und auf Commander Whitney, der sich dafür eingesetzt hat, Ihnen die Leitung der Ermittlungen in diesem Fall zu übertragen. Außerdem sollten wir auch Roarke nicht vergessen.«

Ihr Finger zuckte, doch dann zog sie ihn zurück. »Commander Whitney und auch ich räumen der Aufklärung des Mordes an Cicely Towers höchste Priorität ein.«

»Das werde ich zitieren.«

Dieser verfluchte kleine Bastard. »Und zwischen meiner Arbeit als Polizistin und meiner Verbindung zu Roarke gibt es keinerlei Zusammenhang.«

»He, Braunauge, alles, was Sie betrifft, betrifft auch Ihren Macker und vice versa. Und wissen Sie, die Tatsache, dass Ihr Typ geschäftlich mit der Verstorbenen, deren Ex-Mann und deren neuem Partner zu tun hatte, macht diesen Zusammenhang sehr deutlich.«

Sie ballte frustriert die Fäuste. »Roarke hat geschäftlich mit jeder Menge Leute zu tun. Davon abgesehen wusste ich gar nicht, dass Sie wieder für die Klatschspalte arbeiten, C. J.«

Diese Bemerkung wischte das selbstgefällige Grinsen aus seinem Gesicht. C. J. Morse hasste nichts mehr, als wenn er an seine Vergangenheit als Klatschreporter erinnert wurde. Vor allem nun, da er sich endlich ins Politikressort hinaufgedienert hatte. »Ich habe jede Menge Beziehungen, Dallas.«

»Ja, und außerdem haben Sie einen Pickel mitten auf der Stirn, den ich an Ihrer Stelle sofort behandeln lassen würde.« Mit diesem billigen, doch befriedigenden Satz warf Eve den Schleimer aus der Leitung, sprang von ihrem Stuhl, stapfte in ihrem kleinen Zimmer auf und ab. Sie stopfte die Hände in die Hosentaschen, zog sie dann aber wieder heraus. Verdammt, warum musste Roarkes Name in Verbindung mit dem Fall auftauchen? Wie eng waren seine geschäftlichen Beziehungen zu Towers und den beiden Männern gewesen?

Eve setzte sich wieder an den Schreibtisch und runzelte beim Anblick der dort verstreuten Berichte nachdenklich die Stirn. Sie musste es herausfinden, und zwar möglichst schnell.

Wenigstens wusste sie, dass er dieses Mal für den Zeitpunkt des Mordes ein lupenreines Alibi besaß. In dem Augenblick, in dem jemand Cicely Towers die Gurgel durchgeschnitten hatte, hatte Roarke die jetzige Ermittlungsleiterin durch Sonne und Mond gefickt.

2

Eve wäre lieber in ihre Wohnung gefahren, die sie, obgleich sie beinahe jede Nacht bei Roarke verbrachte, weiterhin behielt. Dort hätte sie grübeln, nachdenken, schlafen und den letzten Tag im Leben von Cicely Towers durchgehen können. Stattdessen fuhr sie abermals zu ihm.

Sie war so müde, dass sie ihren Wagen nicht selbst durch den spätabendlichen Verkehr lenkte, sondern sich der automatischen Steuerung überließ. Etwas zu essen wäre das Erste, was sie bräuchte, dachte sie erschöpft, und falls sie dann noch zehn Minuten stehlen könnte, um einen klaren Kopf zu kriegen, wäre sie sicher wieder ein völlig neuer Mensch.

Der Frühling hatte beschlossen, endlich herauszukommen, und draußen wehte eine derart verführerische milde Brise, dass Eve trotz des Dröhnens der Autos, des Summens der Maxibusse, des Nörgelns der Fußgänger und des schwirrenden Luftverkehrs ihre Fenster öffnete.

Um das Bellen der Fremdenführer in den Touristen-Luftschiffen nicht mit anhören zu müssen, fuhr sie Richtung Zehnte. Der Weg durch die City und die Park Avenue hinauf war deutlich kürzer, doch dann wäre sie unablässig monotonen Aufzählungen sämtlicher New Yorker Attraktionen, gleichförmigen Erzählungen über die Geschichte und die Tradition des Broadway sowie begeisterten Lobesreden auf die herrlichen Museen, die zahllosen luxuriösen Geschäfte und vor allem auf die Souvenirshops des Fremdenverkehrsbüros ausgesetzt gewesen.

Da die Route der Touristenschiffe direkt über ihr Apartment hinwegführte, hatte sie dieses jämmerliche Schauspiel bereits endlose Male miterleben müssen, und sie hatte einfach keine Lust, sich nochmals erklären zu lassen, wie bequem man über die Gleitbänder von den glitzernden Modeboutiquen in der Fünften zum Madison Square Garden kam, oder dass man unbedingt einmal über den neuen Hochweg auf dem Empire State Building spazieren müsse, um sich die Stadt in aller Ruhe von oben anzusehen.

Während eines kurzen Staus in der Zweiundfünfzigsten blickte sie grübelnd auf ein Werbeplakat, auf dem ein attraktiver Mann und eine attraktive Frau einander leidenschaftlichen küssten und jedes Mal, wenn sie Luft holen mussten, freudestrahlend erklärten, der Austausch dieser Zärtlichkeit würde durch »Gebirgsbach-Atemfrisch« noch um ein Vielfaches versüßt.

Die Fahrzeuge standen dicht gedrängt hintereinander, und ein paar Taxifahrer riefen sich einfallsreiche Beleidigungen zu. Der Pilot eines überfüllten Maxibusses lehnte anscheinend auf seiner kreischenden Hupe, was zahlreiche Fußgänger die Köpfe oder die Fäuste schütteln ließ.

Ein Hovercraft der Verkehrspolizei glitt im Tiefflug über das Gedränge, und aus seinem Lautsprecher hallte die Standardwarnung, Ruhe zu bewahren oder mit einem Strafmandat belegt zu werden. Im Schneckentempo ging es schließlich weiter, doch der Lärm und die schlechte Laune der Verkehrsteilnehmer nahmen noch lange nicht ab.

Je weiter sie sich von der Stadtmitte entfernte, umso ruhiger wurde es. Hier draußen lebten die Reichen und Privilegierten. Die Wege waren sauberer und breiter, hier und da ragten aus den parkähnlichen Gärten die Wipfel prachtvoller, frühlingsgrüner Bäume in die Luft. Vereinzelte private Fahrzeuge oder Flieger glitten oder schwebten beinahe lautlos durch die Straßen, die wenigen Fußgänger trugen Schuhe aus allerfeinstem Leder und maßgeschneiderte Garderobe aus edelstem Tuch. Eve überholte einen Hundesitter, der mit der ruhigen, selbstbewussten Gangart eines erfahrenen Droiden ein Paar elegante goldene Jagdhunde an der Leine führte und, immer wenn die beiden schnuppern wollten, geduldig stehen blieb.

Als sie das Tor zu Roarkes Anwesen erreichte, blieb sie abwartend im Wagen sitzen, bis das Empfangsprogramm sie identifizierte und schließlich gnädig einließ. Die Bäume auf der ausgedehnten leuchtend grünen Rasenfläche standen bereits in voller Blüte, und, eingehüllt in ein Meer aus strahlendem Weiß und Rosa, dunklem Rot und tiefem Blau, fuhr sie den langen Weg zu seinem Haus hinauf.

Das Gebäude ragte hoch in den sich verdunkelnden Himmel, und das letzte Licht der Sonne ließ die breiten Fensterfronten funkeln und tauchte die alte Steinfassade in ein warmes, weiches Grau. Es war Monate her, seit sie das Haus zum ersten Mal gesehen hatte, doch nach wie vor hatte sie sich an die üppige Pracht und den schlichten, unverfälschten Reichtum, den es verströmte, nicht gewöhnt. Immer noch fragte sie sich, was sie überhaupt hier machte – hier, bei diesem Mann.

Sie ließ ihren Wagen am Fuß der Granittreppe stehen und stieg eilig die Stufen hinauf. Sie würde nicht klopfen. Aus Stolz und auch aus Bosheit. Roarkes Butler empfand kalte Verachtung für niedere Wesen ihrer Art und machte sich noch nicht einmal die Mühe, seine Gefühle zu verbergen, wenn er auf sie traf.

Wie erwartet, erschien Summerset bei ihrem Eintreten sofort in der Eingangshalle und verzog missbilligend sein hageres, längliches Gesicht.

»Lieutenant.« Sein Blick machte ihr deutlich, dass sie immer noch dieselben Kleider trug, in denen sie am Morgen aufgebrochen war, und dass sie inzwischen reichlich mitgenommen wirkten. »Wir wussten nicht, wann oder besser ob Sie überhaupt zurückkommen würden.«

»Ach, wussten wir das nicht?« Sie zuckte mit den Schultern, und da sie wusste, dass er es als Zumutung empfände, schälte sie sich aus ihrer verbeulten, nassen Lederjacke und drückte sie ihm in die Hand. »Ist Roarke da?«

»Er führt gerade ein interplanetarisches Gespräch.«

»Mit dem Olympus Resort?«

Summerset spitzte seine schmalen Lippen. »Ich kümmere mich nicht um Roarkes Angelegenheiten.«

Du weißt immer ganz genau, was er gerade tut, dachte sie erbost, während sie durch den prachtvollen, breiten Flur in Richtung Treppe ging. »Ich gehe nach oben. Ich brauche ein Bad.« Sie blickte über ihre Schulter auf den Butler zurück. »Sie können ihn wissen lassen, wo er mich findet, wenn er sein Gespräch beendet hat.«

Genau wie Roarke benutzte sie lieber die Treppe als den Fahrstuhl, also ging sie zu Fuß in die Master Suite hinauf. Sobald sie die Tür des Schlafzimmers hinter sich zugeworfen hatte, begann sie ihre Kleider abzulegen und ließ auf dem Weg ins Bad eine Spur aus Stiefeln, Jeans, Hemd und Unterwäsche hinter sich zurück.

Sie bestellte dampfend heißes Wasser, schüttete kurz entschlossen noch etwas von dem wunderbaren Salz, das Roarke auf Silas Drei für sie erstanden hatte, in die große Marmorwanne und versank mit einem Seufzer in dem dichten, meergrünen, nach Märchenwald duftenden Schaum.

Als die Hitze in ihre schmerzenden Glieder drang, hätte sie vor Glück beinahe geweint. Sie atmete tief ein, tauchte vollkommen unter, zählte langsam bis dreißig, tauchte mit einem Seufzer wieder auf und gab sich mit geschlossenen Augen dem reinen, sinnlichen Vergnügen des wohltuenden Bades hin.

So fand er sie vor.

Die meisten Leute hätten angenommen, sie wäre vollkommen entspannt. Aber, dachte Roarke, die meisten Leute kannten sie nicht und hatten keine Ahnung, wer Eve Dallas wirklich war. Er war vertraut mit ihr, gefühls- und verstandesmäßig näher als sonst irgendein Mensch. Und dennoch gab es immer noch Teile ihrer selbst, die sie sogar vor ihm geschickt verbarg.

Und immer war es faszinierend, wenn er etwas Neues über sie erfuhr.

Splitternackt lag sie bis zum Kinn in dampfend heißem Wasser und parfümiertem Schaum. Ihr Gesicht war von der Hitze verführerisch gerötet, sie hatte die Augen genießerisch geschlossen, doch sie war nicht entspannt. Das sah er an ihrer verkrampften Faust und an ihrer leicht gerunzelten Stirn.

Nein, Eve dachte nach. Machte sich Sorgen. Schmiedete irgendwelche Pläne. Seine Kindheit in den dunklen Gassen Dublins und später in den schmutzigen Häfen und stinkenden Straßen anderer Städte hatte ihn gelehrt, sich völlig lautlos zu bewegen. Als er sich auf den Rand der Wanne setzte, um sie zu betrachten, rührte sie sich nicht.

Als sie ihn jedoch mit einem Mal in ihrer Nähe spürte, riss sie ihre klaren, wachsamen braunen Augen auf. Wie immer machte ihr Herz bei seinem Anblick einen freudigen Satz. Sein Gesicht wirkte wie das perfekte Ölgemälde eines gefallenen Engels. Die unverfälschte Schönheit seiner von dichtem, schwarzem Haar gerahmten Züge überraschte sie immer wieder aufs Neue.

Jetzt zog sie eine Braue in die Höhe, legte den Kopf auf die Seite und erklärte: »Du bist eindeutig pervers.«

»Immerhin ist das hier meine Wanne.« Ohne sie aus den Augen zu lassen, schob er eine seiner eleganten Hände durch den Schaum ins Wasser und legte sie auf ihre Brust. »In dem Wasser musst du doch verbrennen.«

»Mir gefällt es, wenn es heiß ist. Manchmal brauche ich es so.«

»Du hattest einen schweren Tag.«

Klar, dass er das wusste, dachte sie und bemühte sich, ihren Ärger darüber zu verdrängen. Er wusste einfach alles. Statt einer Antwort zuckte sie mit ihren schmalen Schultern, worauf er sich erhob, an die in die Fliesen eingebaute kleine Bar trat und sich zwei Kristallgläser mit exzellentem Weißwein füllen ließ.

Dann kam er zurück, setzte sich wieder auf den Rand der Wanne und reichte ihr ein Glas. »Du hast weder geschlafen noch hast du anständig gegessen.«

»Das gehört nun mal dazu.« Der Wein schmeckte wie flüssiges Gold.

»Trotzdem mache ich mir Sorgen um dich, Lieutenant.«

»Du bist, was mich betrifft, immer viel zu ängstlich.«

»Ich liebe dich.«

Es irritierte sie, wenn er diese Worte mit seiner wunderbaren Stimme sagte, die klang wie weicher, irischer Nebel. Es irritierte sie zu wissen, dass es – so unglaublich es auch schien – tatsächlich die Wahrheit war. Da sie auf diese Erklärung einfach keine Antwort hatte, blickte sie stirnrunzelnd in ihr Glas.

Er schwieg, bis er es schließlich schaffte, seinen Ärger darüber, dass sie nicht reagierte, so gut wie möglich zu verdrängen. »Kannst du mir sagen, was mit Cicely Towers passiert ist?«

»Du hast sie gekannt?«

»Nicht gut. Es war eine eher flüchtige Bekanntschaft. Wir hatten – hauptsächlich über ihren Ex-Mann – gelegentlich geschäftlich miteinander zu tun.« Er nippte an seinem Wein und verfolgte mit den Augen den aus der Wanne aufsteigenden Dampf. »Ich finde, sie war eine bewundernswerte, ungemein kluge und gleichzeitig gefährliche Frau.«

Eve schob sich so weit aus dem Wasser, dass kleine Wellen gegen die Spitzen ihrer Brüste schwappten. »Gefährlich? Für dich?«

»Nicht direkt.« Mit einem leisen Lächeln hob er erneut das Glas an seinen Mund. »Gefährlich für Menschen, die irgendwelche Schandtaten begingen, die irgendetwas Illegales taten, in irgendeiner Weise kriminell waren. In dieser Beziehung war sie dir sehr ähnlich. Ein Glück, dass ich inzwischen auf dem Pfad der Tugend wandele.«

Eve war sich da nicht ganz sicher, doch sie ging lieber nicht auf dieses Thema ein. »Weißt du aufgrund deiner geschäftlichen und deiner flüchtigen privaten Bekanntschaft mit ihr vielleicht von irgendjemandem, der ihr ans Leder wollte?«

Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Wein. »Ist das ein Verhör, Lieutenant?«

Es war sein Lächeln, das sie störte. »Könnte durchaus sein«, erwiderte sie barsch.

»Wie du willst.« Er erhob sich, stellte sein Glas auf die Seite und öffnete die Knöpfe seines Hemdes.

»Was machst du da?«

»Ich komme dir entgegen.« Er warf sein Hemd zur Seite und stieg aus seiner Hose. »Wenn ich in meiner eigenen Wanne von einer nackten Polizistin verhört werde, ist das Mindeste, was ich tun kann, um meinen guten Willen zu zeigen, dass ich mich zu ihr geselle.«

»Verdammt, Roarke, hier geht es um Mord.«

Er zuckte zusammen, als das Wasser ihn beinahe verbrühte. »Da hast du sicher Recht.« Er setzte sich ihr gegenüber. »Was für ein perverser Teil von mir treibt mich nur immer dazu, dich zu reizen? Und«, fuhr er fort, ehe sie ihm ihre kurze, bündige Antwort geben konnte, »was hast du an dir, was mich unweigerlich anzieht, selbst, wenn du mit einem unsichtbaren Sheriffstern an deiner wunderschönen Brust vor mir sitzt und mir das Gefühl gibst, dein Hauptverdächtiger zu sein?«

Er strich mit einer Hand von ihrem Knöchel über ihre Wade bis hin zu der Stelle an ihrer Kniekehle, von der er wusste, dass sie ihr schwacher Punkt war. »Ich will dich«, murmelte er heiser. »Und zwar jetzt sofort.«

Die Hand, in der sie ihr Glas hielt, wurde vor Verlangen schwach, ehe sie es schaffte, ein Stückchen von ihm abzurücken. »Erzähl mir von Cicely Towers.«

Roarke lehnte sich gleichmütig zurück. Er hatte nicht die Absicht, sie aus der Wanne zu lassen, ehe er mit ihr fertig wäre, also konnte er es sich durchaus leisten, geduldig zu sein. »Sie, ihr Ex-Mann und George Hammett saßen zusammen im Aufsichtsrat eines meiner Unternehmen. Mercury, benannt nach dem schnellsten der römischen Götter. Vor allem Im-und Export. Versand, Lieferservice und Schnelltransporte.«

»Ich kenne die Firma«, erklärte sie, verärgert, weil sie nicht gewusst hatte, dass auch dieses Unternehmen zu seinem Imperium gehört.

»Es war ein desorganisierter und demnach schlecht laufender Laden, als ich ihn vor ungefähr zehn Jahren übernahm. Marco Angelini, Cicelys Ex-Mann, hat ebenso wie sie selbst einiges dort investiert. Damals waren sie, glaube ich, noch verheiratet oder gerade frisch geschieden. Ihre Ehe ging, falls so etwas möglich ist, anscheinend friedlich auseinander. Hammett war ebenfalls einer der Investoren. Ich glaube, er und Cicely haben privat erst ein paar Jahre später etwas miteinander angefangen.«

»Und dieses Dreieck – Angelini, Towers, Hammett – kamen sie ebenfalls gut miteinander aus?«

»Zumindest sah es immer so aus.« Er klopfte gegen eine der Fliesen und als sie sich öffnete, wählte er auf dem dahinter verborgenen Schaltbrett ein Musikprogramm. Etwas Leises, Schluchzendes. »Falls du dir über meine Rolle in dem Unternehmen Gedanken machst, lass mich dir versichern, dass es ein reines Geschäft für mich gewesen ist, und zwar ein sehr erfolgreiches.«

»Inwieweit ist Mercury an möglichen Schmuggeleien beteiligt?«

Er sah sie grinsend an. »Also bitte, Lieutenant.«

Sie richtete sich auf. »Spiel keine Spielchen mit mir, Roarke.«

»Eve, es ist mein größter Wunsch, genau das zu tun.«

Sie knirschte mit den Zähnen und trat gegen die Hand, die sich an ihrem Bein hinaufschlich. »Cicely Towers stand in dem Ruf, eine nüchterne, engagierte und blitzsaubere Staatsanwältin zu sein. Falls sie dahintergekommen wäre, dass Mercury in irgendwelche unsauberen Machenschaften verstrickt ist, wäre sie mit aller Härte dagegen vorgegangen.«

»Dann hat sie deiner Meinung nach also entdeckt, was für ein Halunke ich bin, und ich habe sie deshalb in diese gefährliche Gegend locken und ihr die Kehle durchschneiden lassen.« Er bedachte sie mit ausdruckslosem Blick. »Ist es das, was du denkst, Lieutenant?«

»Nein, verdammt, du weißt, dass ich das nicht denke, aber –«

»Andere könnten es vielleicht denken«, beendete er ihren Satz. »Was dich in eine peinliche Lage brächte.«

»Darüber mache ich mir keine Gedanken.« Im Augenblick war sie einzig in Sorge um ihn. »Roarke, ich muss es wissen. Du musst mir sagen, falls es irgendetwas gibt, wodurch du in die Sache hineingezogen werden könntest.«

»Und wenn es tatsächlich etwas gäbe?«

Trotz des heißen Wassers wurde ihr eiskalt. »Dann muss ich den Fall abgeben.«

»Haben wir das alles nicht schon einmal durchgemacht?«

»Das hier ist etwas anderes als der Fall DeBlass. Etwas vollkommen anderes. Du bist nicht verdächtig.« Als er eine Braue hochzog, kämpfte sie mühsam gegen ihren aufsteigenden Zorn. Weshalb war nur alles, was mit Roarke zusammenhing, immer so kompliziert? »Ich glaube nicht, dass du etwas mit dem Mord an Cicely Towers zu tun hast. Habe ich mich einfach genug ausgedrückt?«

»Aber du hast den Gedanken noch nicht zu Ende gesponnen.«

»Also gut, ich bin Polizistin. Es gibt Fragen, die ich dir einfach stellen muss. Die ich dir und jedem anderen, der das Opfer auch nur flüchtig gekannt hat, stellen muss. Das ist nun einmal nicht zu ändern.«

»Wie weit geht dein Vertrauen in mich?«

»Das hat mit Vertrauen nichts zu tun.«

»Du hast meine Frage nicht beantwortet.« Sein Blick wurde kalt, und sie wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. »Wenn du mir immer noch nicht traust, wenn du immer noch nicht an mich glaubst, dann verbindet uns beide nichts weiter als, wenn auch wunderbarer, Sex.«

»Du drehst mir die Worte im Mund herum.« Sie kämpfte um Ruhe, denn er machte ihr Angst. »Ich beschuldige dich nicht. Wenn ich diesen Fall übernommen hätte, ohne dich zu kennen und ohne dich zu mögen, hätte ich dich aus Prinzip auf die Liste der zu Befragenden gesetzt. Es geht also nicht darum, ob ich dir vertraue oder nicht. Verdammt.«

Sie schloss die Augen und fuhr sich mit ihren nassen Händen durchs Gesicht. Wie immer fiel es ihr entsetzlich schwer, ihre Gefühle zu erklären. »Ich versuche Antworten zu bekommen, die mir helfen, dich so weit wie möglich aus der ganzen Sache rauszuhalten, weil ich dich gern habe. Und außerdem denke ich ständig darüber nach, inwiefern mir deine Beziehung zu Towers und deine zahllosen anderen Beziehungen bei meinen Ermittlungen weiterhelfen können. Aber es ist schwer, beides gleichzeitig zu tun.«

»Es hätte dir nicht so schwer fallen dürfen, das einfach zu sagen«, murmelte er und schüttelte den Kopf. »Mercury ist – inzwischen  – ein durch und durch legales Unternehmen, ganz einfach, weil nicht die Notwendigkeit besteht, etwas anderes daraus zu machen. Die Firma läuft gut und erwirtschaftet einen akzeptablen Gewinn. Und auch wenn du vielleicht denkst, ich wäre arrogant genug, ein Unternehmen in kriminelle Machenschaften zu verwickeln, in dessen Aufsichtsrat eine Staatsanwältin sitzt, solltest du zumindest wissen, dass ich einfach nicht dumm genug bin, um so etwas jemals zu tun.«

Sie glaubte ihm, und endlich löste sich der Druck, den sie seit Stunden auf der Brust verspürt hatte. »Also gut. Trotzdem habe ich noch jede Menge Fragen«, antwortete sie. »Und außerdem haben auch die Medien bereits eine Beziehung zwischen dir und Towers hergestellt.«

»Ich weiß. Das tut mir Leid. Wie schwierig macht es die Sache für dich?«

»Bisher haben sie noch gar nicht richtig angefangen.« In einer seltenen Geste der Zuneigung griff sie nach seiner Hand. »Mir tut es auch Leid. Sieht aus, als säßen wir beide mal wieder in der Patsche.«

»Sicher kann ich dir helfen.« Er glitt ein Stück nach vorn, hob ihrer beider verschränkten Hände zärtlich an seine Lippen. Als er ihr Lächeln sah, wusste er, dass sie endlich bereit war, ein wenig zu entspannen.

»Es ist gar nicht nötig, mich aus irgendetwas rauszuhalten. Ich komme damit ganz sicher zurecht. Und es braucht dir auch keine Schuldgefühle oder Unbehagen zu bereiten, dass du darüber nachdenkst, inwieweit ich dir bei deinen Ermittlungen nützlich sein könnte.«

»Ich werde es dich wissen lassen, wenn ich weiß, wie du mir helfen kannst.« Dieses Mal zog sie nur die Brauen in die Höhe, als seine freie Hand über ihren Oberschenkel glitt. »Falls du tatsächlich versuchen willst, die Sache hier in der Wanne durchzuziehen, brauchen wir sicher eine Taucherausrüstung.«

Er schob sich langsam über sie, bis das Wasser gefährlich gegen den oberen Rand der Wanne schwappte und erklärte: »Oh, ich denke, wir schaffen es auch so.«

Und wie um seine Behauptung zu beweisen, presste er seine Lippen auf ihren grinsenden Mund. Spät nachts, als sie schlafend in seinem Bett lag, starrte Roarke durch das Oberlicht über dem Bett nachdenklich in den sternenklaren Himmel. Sorge, die er vor ihr verborgen hatte, lag in seinem Blick. Ihrer beider Schicksale waren persönlich und auch beruflich miteinander verknüpft. Ein Mord hatte sie zusammengeführt, und auch weiterhin würden Morde mit eisigen Fingern nach ihrem Leben greifen. Die Frau, die neben ihm in seinem Bett lag, verteidigte die Toten.

So wie Cicely Towers oft die Toten verteidigt hatte, dachte er und fragte sich, ob sie nicht genau dafür mit ihrem eigenen Leben hatte zahlen müssen.

Er versuchte, nicht allzu intensiv und allzu häufig darüber nachzudenken, wie Eve ihren Lebensunterhalt verdiente. Sie definierte sich über ihre Karriere als Polizeibeamtin. Dieser Tatsache war er sich stets bewusst.

Und genau wie sie hatte auch er sich selbst zu dem gemacht, was er heute war. Er war ein Mann, der kaufte und verkaufte, der herrschte, der seine Macht und den Profit genoss.

ENDE DER LESEPROBE

Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel »Glory in Death« bei Berkley Books, The Berkley Publishing Group, New York.

Deutsche Erstveröffentlichung November 2001

Copyright © der Originalausgabe 1995 by Nora Roberts Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2001 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Published by arrangement with Eleanor Wilder. Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück, Garbsen. Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: Imagine/Hoa Qui Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin

Verlagsnummer: 35451 Lektorat: Maria Dürig Redaktion: Andrea Maria Längst Herstellung: Heidrun Nawrot

eISBN 978-3-641-09672-4V002

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