Der Kardinal im Kreml - Tom Clancy - E-Book

Der Kardinal im Kreml E-Book

Tom Clancy

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Beschreibung

Von einem geheimen Ort in der Nähe der afghanischen Grenze aus haben Russen erstmals mit einem Laserstrahl einen US-Spionagesatelliten "geblendet". Ein Fall für Jack Ryan.
«Ein Autor, der nicht in Science-fiction abdriftet, sondern realistische Ausgangssituationen spannend zum Roman verdichtet.» DER SPIEGEL

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TOM CLANCY

DER KARDINAL IM KREML

Thriller

Aus dem Amerikanischen von HardoWichmann

WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN

DAS BUCH

Für die beiden mächtigsten Nationen der Welt ist – trotz Abrüstung – kein Ziel wichtiger als die Errichtung eines Abwehrsystems für Atomraketen. Mit ihren geheimnisvollen Bauten in der Nähe der afghanischen Grenze sind die Sowjets den Amerikanern einen gewaltigen Schritt voraus, denn von hier aus haben sie erstmals mittels eines Laserstrahls einen US-Spionagesatelliten ›geblendet‹. Nur zwei Männer sind jetzt noch in der Lage, diesen bedrohlichen Vorsprung aufzuholen – der CIA-Spezialist Jack Ryan und Oberst Filitow, hochrangiger Spion der Amerikaner im Kreml, genannt ›der Kardinal‹. Als er die Wahrheit erkennt und weitergeben will, bricht die Hölle los: Um alles zu erfahren, müssen die Amerikaner Filitow so lange wie möglich in der Kälte lassen, während ihm gleichzeitig der KGB heiß auf der Spur ist …

DER AUTOR

Tom Clancy, geboren 1947, hatte mit seinem ersten Thriller Jagd auf Roter Oktober auf Anhieb internationalen Erfolg. Clancy gilt als Begründer des modernen Techno-Thrillers und zählt neben John Grisham zu den erfolgreichsten amerikanischen Spannungsautoren. Aufgrund seiner gut recherchierten, überaus realistischen Szenarien wurde der Autor nach den Anschlägen vom 11. September von der amerikanischen Regierung als spezieller Berater hinzugezogen. Bei Heyne erscheinen Tom Clancys große Thriller aus dem Universum um den Spezialagenten Jack Ryan.

Am Ende des Buches findet sich ein ausführliches Werkverzeichnis aller im Wilhelm Heyne Verlag lieferbaren Tom-Clancy-Thriller.

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Titel der Originalausgabe THE CARDINAL OF THE KREMLIN

Copyright © 1988 by Jack Ryan Enterprises Ltd.

Copyright © 2012 der deutschsprachigen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Covergestaltung: Nele Schütz Design

unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock

Inhaltsverzeichnis

Buch und AutorCopyrightPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27EpilogBonusmaterialDer Autor

Prolog

Sie nannten ihn den Bogenschützen. Das war ein Ehrentitel, auch wenn seine Landsleute vor einem guten Jahrhundert ihre Bogen weggelegt hatten, sobald die ersten Feuerwaffen in ihrem Land auftauchten. In gewisser Hinsicht war der Name ein Symbol für die Zeitlosigkeit des Kampfes. Der erste der Invasoren aus dem Westen – denn als solche sah man sie – war Alexander der Große gewesen, und viele waren ihm gefolgt. Am Ende waren sie alle gescheitert. Ihr islamischer Glaube sei die Grundlage ihres Widerstands, behaupteten die afghanischen Stammeskrieger; doch verbissener Mut war für diese Männer ebenso charakteristisch wie ihre dunklen, erbarmungslosen Augen.

Der Bogenschütze war ein junger Mann und alt zugleich. Wenn er den Wunsch und die Gelegenheit hatte, in einem Bergbach zu baden, sah man die Muskeln an seinem dreißigjährigen Körper; die glatten Muskeln eines Menschen, für den die Überwindung einer dreihundert Meter hohen, nackten Felswand ebensowenig bemerkenswert war wie ein Bummel zum Briefkasten.

Alt an ihm waren die Augen. Afghanen sind durchweg gutaussehende Menschen, deren markante Züge und helle Haut rasch von Wind, Sonne und Staub gegerbt werden und sie älter erscheinen lassen, als sie tatsächlich sind. Die Spuren im Gesicht des Bogenschützen hatte jedoch nicht der Wind hinterlassen. Bis vor drei Jahren war er Mathematiklehrer gewesen, Hochschulabsolvent in einem Land, in dem die meisten es für ausreichend halten, wenn sie den Koran lesen können; er hatte, wie es Sitte war, früh geheiratet und zwei Kinder gezeugt. Doch seine Frau und seine Tochter waren tot, zerrissen von den Raketen eines Suchoi-Kampfflugzeugs. Sein Sohn war verschollen, verschleppt. Nachdem die Sowjets das Dorf seiner Frau aus der Luft zerstört hatten, waren ihre Bodentruppen gekommen, um die überlebenden Erwachsenen zu töten und die Waisen einzusammeln und zur Erziehung und Ausbildung in die Sowjetunion zu schicken. Alles nur, weil seine Frau die Enkel noch einmal der Großmutter zeigen wollte, entsann sich der Bogenschütze, alles nur, weil eine sowjetische Streife wenige Kilometer vom Dorf beschossen worden war. An dem Tag, an dem er davon erfahren hatte – mit einwöchiger Verspätung –, hatte der Mathematiklehrer die Bücher säuberlich auf dem Pult aufgestapelt und war aus der Kleinstadt Ghazni in die Berge gegangen. Eine Woche später war er nach Einbruch der Dunkelheit mit drei Männern in die Stadt zurückgekehrt und hatte sich seiner Vorfahren würdig erwiesen, indem er drei sowjetische Soldaten tötete und ihnen ihre Waffen abnahm. Diese erste Kalaschnikow hatte er noch heute.

Den Namen Bogenschütze trug er aber aus einem anderen Grund. Der Anführer der kleinen Gruppe von mudschaheddin – ›Märtyrer Allahs‹ – war ein einfühlsamer Mann, der nicht auf den Neuankömmling hinabsah, nur weil der seine Jugend mit dem Erlernen fremdländischen Teufelszeugs verbracht hatte. Er warf dem jungen Mann auch seinen anfänglichen Mangel an Glauben nicht vor. Als der Lehrer zu der Gruppe stieß, waren seine Kenntnisse vom Islam höchst oberflächlich, doch der Anführer erinnerte sich an die bitteren Tränen des jungen Mannes, als ihr Imam ihn im Willen Allahs unterwies. Binnen eines Monats war aus ihm der härteste – und erfolgreichste – Kämpfer der Gruppe geworden, eindeutig eine Manifestation von Gottes Willen. Und ihn hatte der Führer schließlich auserwählt, nach Pakistan zu reisen, um mit Hilfe seiner mathematischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse den Einsatz von Boden-Luft-Raketen zu erlernen. Die ersten SAM, mit denen ein stiller, ernster Mann aus Amerikastan die mudschaheddin ausgerüstet hatte, waren sowjetische SA-7 gewesen, bei den Russen als strela oder ›Pfeil‹ bekannt. Wirksam war diese erste tragbare Luftabwehrrakete nur, wenn sie mit großem Geschick eingesetzt wurde, und über dieses verfügten nur wenige. Unter ihnen war der Mathematiklehrer der Beste, und seine Erfolge mit den russischen ›Pfeilen‹ trugen ihm bei den Männern der Gruppe den Ehrennamen Bogenschütze ein.

Nun wartete er mit einem neuen Geschoß, der amerikanischen Stinger. Er lag auf dem messerscharfen Grat hundert Meter unter dem Gipfel des Berges, von dem aus er das Gletschertal in seiner gesamten Länge überschauen konnte. Hinter ihm war Abdul, sein Beobachter. Bezeichnenderweise bedeutete sein Name ›Diener‹, denn der junge Mann trug zwei weitere Raketen für das Abschußgerät und besaß, wichtiger noch, die Augen eines Falken.

Der Bogenschütze suchte das gebirgige Gelände ab, besonders die Grate, und mit einem Ausdruck, der Jahrhunderte des Kampfes widerspiegelte. Ein ernster Mann, der Bogenschütze. Freundlich zwar, doch man sah ihn nur selten lächeln; er zeigte kein Interesse an einer neuen Frau; in seinem Leben war Platz für nur eine Leidenschaft.

»Da!« sagte Abdul leise und zeigte.

»Ich sehe ihn.«

Das Gefecht auf der Talsohle – eines von mehreren an diesem Tage – hatte dreißig Minuten gedauert, und es war Zeit, daß die sowjetischen Soldaten Unterstützung von ihrem zwanzig Kilometer hinter der nächsten Bergkette gelegenen Hubschrauberstützpunkt bekamen. Die Sonne glitzerte kurz auf der verglasten Nase des Mi-24 Hind, der zehn Meilen entfernt eine Bergkette umflog. Höher, weiter in der Distanz und außer Schußweite kreiste eine zweimotorige Transportmaschine Antonow-26, beladen mit Beobachtungs- und Funkgeräten zur Koordination der Boden- und Luftoperationen. Der Blick des Bogenschützen aber folgte nur dem Mi-24 Hind, einem mit Raketen und Maschinenkanonen bewaffneten Kampfhubschrauber, der in diesem Augenblick von dem kreisenden Befehlsstandflugzeug mit Informationen versorgt wurde.

Die Stinger war für die Russen eine herbe Überraschung gewesen, und bei ihrem Bemühen, mit der neuen Bedrohung zu Rande zu kommen, änderten sie ihre Lufttaktik täglich. Das Tal war tief, aber enger als die meisten. Wenn der Pilot die Mitstreiter des Bogenschützen treffen wollte, mußte er geradewegs in dieser Felskluft anfliegen. Er würde dabei Höhe halten, mindestens tausend Meter über der Talsohle für den Fall, daß die Schützen dort unten ein Stinger-Team bei sich hatten. Wie erwartet näherte sich der Pilot von Lee, damit der Wind sein Rotorgeräusch um wenige, womöglich entscheidende Sekunden verzögerte. Ein Funkgerät in der kreisenden Antonow war auf Frequenzen eingestellt, auf denen die mudschaheddin sendeten, damit die Russen eine Warnung vor ihrem Herannahen abhören und auch Hinweise auf den Standort eines Raketenteams gewinnen konnten. Abdul hatte denn auch ein Funkgerät dabei, das er abgeschaltet in den Falten seiner Kleidung trug.

Langsam hob der Bogenschütze das Abschußgerät und nahm den anfliegenden Hubschrauber ins Visier. Sein Daumen bewegte sich seitwärts zum Aktivierungsschalter, und er schmiegte den Backenknochen an den Leitholm. Augenblicklich belohnte ihn das schrille Zwitschern der Sucheinrichtung des Abschußgerätes. Der Pilot hatte die Lage abgeschätzt, seine Entscheidung getroffen. Zum ersten Zielanflug kam er auf der anderen Seite des Tales nach unten, knapp außerhalb der Reichweite der Rakete. Der Hind hatte die Nase gesenkt, und der Bordschütze, der vorne und leicht unter dem Piloten saß, nahm die Position der Guerillakämpfer ins Visier. Vom Talboden quoll Rauch auf: Die Sowjets markierten mit Mörsergranaten die Stellungen ihrer Gegner, und der Hubschrauber änderte leicht den Kurs. Es war fast soweit. Flammen fauchten aus den Raketenabschußrohren des Hubschraubers, und die erste Salve fegte dem Boden entgegen.

Dann aber stieg eine andere Rauchschleppe auf. Der Hubschrauber wich mit einem ruckartigen Schlingern nach links aus, als die Rauchquelle gen Himmel jagte, zwar in sicherer Entfernung von dem Hind, aber doch ein eindeutiges Gefahrenzeichen. Der Bogenschütze packte die Lafette fester. Der Helikopter kam nun seitlich auf ihn zu, wurde im inneren Ring des Visiers größer. Das Geräusch an der Wange des Bogenschützen veränderte sich. Die Rakete hatte das Ziel nun erfaßt. Der Pilot des Hind beschloß, das Gebiet, aus dem das Lenkgeschoß auf ihn abgefeuert worden war, anzugreifen; zu diesem Zweck zog er die Maschine weiter nach links und drehte sie leicht. Als er die Felsen, aus denen die Rakete gekommen war, mißtrauisch musterte, kehrte er dem Bogenschützen ahnungslos die Austrittsdüse seines Triebwerks zu.

Der Lenkflugkörper signalisierte dem Bogenschützen nun seine Bereitschaft, doch der blieb geduldig. Er versetzte sich in die Lage des Piloten und schätzte, daß er mit seinem Hubschrauber noch näher herangehen würde, ehe er auf die verhaßten Afghanen schoß. Und so kam es. Als der Hind nur noch tausend Meter entfernt war, holte der Bogenschütze tief Luft, stellte die Flugbahnüberhöhung ein und flüsterte ein kurzes Rachegebet. Der Abzug betätigte sich fast wie von selbst.

Die Lafette bäumte sich in seinen Händen auf, als die Stinger im Bogen ausgestoßen wurde und dann ihre Flugbahn zum Ziel erreichte. Trotz der Schleppe aus fast unsichtbarem Rauch konnten die scharfen Augen des Bogenschützen sie verfolgen. Der Lenkflugkörper fuhr die Steuerflügel aus, und diese bewegten sich dann auf Befehl des Computerhirns, einem briefmarkengroßen Mikrochip, um Bruchteile eines Millimeters. Oben in der kreisenden An-26 sah ein Beobachter die winzige Wolke und griff nach dem Mikrophon, um eine Warnung weiterzugeben, doch seine Hand hatte das Instrument kaum berührt, als die Rakete schon traf.

Die Stinger prallte direkt gegen eines der Triebwerke des Hubschraubers und explodierte. Die Antriebswelle des Heckrotors war gebrochen, und der Hind begann sich heftig nach links zu drehen, als der Pilot versuchte, ihn mit dem Auftrieb des Hauptrotors zu landen. Inzwischen rief der Bordschütze schrill über Funk um Hilfe. Der Pilot brachte das Triebwerk auf Leerlaufdrehzahlen und den Steuerknüppel in Normalstellung, heftete den Blick auf ein ebenes Gelände von der Größe eines Tennisplatzes, legte dann alle Schalter auf Null und aktivierte die Bordlöschsysteme.

Der Bogenschütze sah den Mi-24 mit der Nase zuerst hundertfünfzig Meter unter seinem hochliegenden Platz auf einen Felsvorsprung aufschlagen. Zu seiner Überraschung fing die Maschine beim Auseinanderbrechen nicht Feuer. Der Hubschrauber überschlug sich und kam dann auf der Seite liegend zur Ruhe. Der Bogenschütze hastete bergab, dicht gefolgt von Abdul.

Der Pilot hing kopfunter und kämpfte mit den Gurten. Er hatte Schmerzen, doch das bewies, daß er am Leben war. Das neue Modell dieses Hubschraubers hatte verbesserte Sicherheitseinrichtungen, die ihn in Verbindung mit seinem Geschick den Absturz hatten überleben lassen. Weniger Glück hatte sein Bordschütze gehabt; der Mann hing reglos mit gebrochenem Genick, die Hände schlaff zum Boden ausgestreckt. Der Sitz des Piloten war verbogen, und die gekrümmten Metallstreben des zersplitterten Kanzeldaches bildeten nun ein Gefängnis für ihn. Die Notöffnung war verklemmt, die Sprengbolzen wollten nicht zünden. Er nahm die Pistole aus dem Schulterhalfter und begann die Streben des Metallrahmens eine nach der anderen zu durchschießen. Dabei fragte er sich, ob die An-26 den Notruf empfangen hatte und ob der Rettungshubschrauber schon unterwegs war. Sein Notfunkgerät steckte in einer Hosentasche; dieses würde er benutzen, sobald er in sicherer Entfernung von seinem zerschmetterten Vogel war. Der Pilot zerschnitt sich beim Auseinanderbiegen des Metalls die Hände, aber er schuf sich schließlich einen Fluchtweg. Er löste die Gurtschlösser und kletterte aus der Maschine.

Sein linkes Bein war gebrochen. Das zackige Ende eines weißen Knochens ragte aus der Kombination; obwohl er wegen der Schockeinwirkung noch kaum Schmerz empfand, entsetzte ihn der Anblick der Verletzung. Er steckte seine leergeschossene Pistole ins Halfter und nahm sich eine lose Metallstange als Krücke. Er mußte weg. Er humpelte zum anderen Ende des Felsvorsprungs und sah einen Pfad, auf dem er sich gerade bergab wenden wollte, als er etwas hörte und sich umdrehte. Im Nu wurde aus Hoffnung Horror, und der Pilot erkannte, daß der Feuertod ein Segen gewesen wäre.

Der Bogenschütze pries Allah und zog den Dolch aus der Scheide.

Viel kann nicht von ihr übrig sein, dachte Ryan. Der Rumpf war größtenteils intakt – zumindest an der Oberfläche –, aber die grobe Arbeit der Schweißer war so auffällig wie die Nähte im Gesicht von Frankensteins Monster. Ein treffender Vergleich: Der Mensch erschuf diese Dinge, die ihre Schöpfer dann binnen einer Stunde zu vernichten in der Lage waren.

»Erstaunlich, wie groß sie von außen aussehen …«

»Und wie eng sie innen sind?« fragte Marko nachdenklich. Es war noch nicht so lange her, daß Kapitän Marko Ramius von der Rotbannerflotte sein Boot in dieses Trockendock gesteuert hatte. Während seiner Abwesenheit hatten Techniker der US-Navy es seziert wie Pathologen eine Leiche, hatten die Interkontinentalraketen entfernt, den Reaktorantrieb, die Sonar- und Fernmeldegeräte, die Sehrohre und selbst die Herde aus der Kombüse – alles kam zur Analyse auf Basen im ganzen Land. Er war auf eigenen Wunsch nicht zugegen gewesen, denn sein Haß auf das Sowjetsystem schloß die Schiffe, die es baute, nicht ein. Auf diesem Boot war er gerne gefahren – und Roter Oktober hatte ihm das Leben gerettet.

Und das von Ryan. Jack fuhr sich über die haarfeine Narbe auf der Stirn und fragte sich, ob sein Blut jemals von der Konsole des Rudergängers gewischt worden war. »Es überrascht mich, daß Sie das Boot nicht selbst hinaussteuern wollten«, bemerkte er, zu Ramius gewandt.

»Nein.« Marko schüttelte den Kopf. »Ich wollte mich nur von ihm verabschieden. Roter Oktober war ein gutes Schiff.«

»Das kann man wohl sagen«, stimmte Jack leise zu. Er betrachtete das zur Hälfte reparierte Loch, das der Torpedo in die Backbordseite gerissen hatte, und schüttelte stumm den Kopf. Die beiden Männer sahen schweigend zu und standen abseits der Matrosen und Marines, die die Anlage seit dem vergangenen Dezember bewachten.

Schmutziges Wasser aus dem Elizabeth River strömte in den Betonkasten; das Trockendock wurde geflutet. Heute nacht sollte Roter Oktober auslaufen. Sechs amerikanische Jagd-U-Boote ›desinfizierten‹ gerade den Ozean östlich des Marinestützpunktes Norfolk, angeblich Teil einer Übung, an der auch einige Überwasserschiffe teilnahmen. Es war neun Uhr an einem mondlosen Abend. Noch eine Stunde, dann war das Trockendock geflutet. Die dreißigköpfige Besatzung war bereits an Bord. Sie sollte die Dieselmaschinen starten und das Boot zu seiner zweiten und letzten Fahrt auslaufen lassen. Ziel: der tiefe Ozeangraben nördlich von Puerto Rico, wo Roter Oktober in achttausend Meter Tiefe versenkt werden sollte.

Ryan und Ramius sahen zu, wie das Wasser über die den Rumpf stützenden Holzblöcke stieg und zum erstenmal seit fast einem Jahr den Kiel des Unterseebootes benetzte. Nun flutete es rascher herein, kroch an den an Bug und Heck aufgemalten Tiefgangsmarken hoch. An Deck des U-Bootes ging eine Handvoll Matrosen in orangefarbenen Schwimmwesten auf und ab, bereit, die vierzehn schweren Trossen loszuwerfen.

Das Boot selbst blieb stumm, hieß das Wasser mit keinem Anzeichen willkommen. Vielleicht weiß Roter Oktober, welches Schicksal es erwartet, sagte sich Ryan. Ein unsinniger Gedanke – aber er wußte auch, daß Seeleute schon seit Jahrtausenden ihren Schiffen eine Persönlichkeit zuschreiben.

Endlich hob das Wasser den Rumpf von den Holzblöcken; er kam mit dumpfen, eher spür- als hörbaren Schlägen leicht schaukelnd frei.

Wenige Minuten später sprang grummelnd der Diesel an; die Trossen wurden eingeholt. Gleichzeitig nahm man die Persenning, die die seewärtige Öffnung des Trockendocks verschlossen hatte, herunter; nun sahen alle den Nebel, der draußen überm Wasser hing. Das Wetter war perfekt für das Unternehmen und mußte auch so sein: Sechs Wochen hatte die Navy auf eine mondlose Nacht und den dicken Nebel gewartet, der sich um diese Jahreszeit oft über die Chesapeake Bay senkte. Als die letzte Trosse losgeworfen war, ließ ein Offizier oben auf dem Turm ein tragbares Preßlufthorn ertönen.

Die Matrosen auf dem Bug holten die Flagge ein und entfernten den Flaggenstock. Zum erstenmal fiel Ryan auf, daß es die Flagge der Sowjetunion war. Nette Geste, dachte er und lächelte. Am achterlichen Ende des Turms setzte ein Seemann die sowjetische Seekriegsflagge mit dem roten Stern und dem Wappenschild der Rotbannerflotte. Die amerikanische Navy, wie immer traditionsbewußt, ehrte den Mann, der neben ihm stand.

Ryan und Ramius schauten zu, wie sich das U-Boot mit eigener Kraft rückwärts zu bewegen begann, sacht von den beiden Bronzeschrauben hinaus auf den Fluß getrieben. Ein Schlepper bugsierte es herum, bis sein Bug nach Norden wies, und binnen weniger Minuten war es außer Sicht. Nur das Pochen des Diesels klang noch eine Weile über das ölige Wasser des Kriegshafens.

Ramius schneuzte sich und blinzelte mehrere Male. Doch als er sich vom Wasser abwandte, klang seine Stimme fest.

»Nun, Ryan, hat man Sie eigens hierfür aus England eingeflogen?«

»Nein, ich habe einen neuen Job.«

»Können Sie mir verraten, was Sie machen?« fragte Marko.

»Es geht um Rüstungskontrolle. Ich soll die nachrichtendienstliche Gruppe unseres Verhandlungsteams koordinieren. Im Januar fliegen wir.«

»Nach Moskau?«

»Ja, zu Vorverhandlungen. Und was tun Sie?«

»Ich arbeite auf den Bahamas bei AUTEC. Viel Sonne und Sand. Bin ich nicht schön braun?« Ramius grinste. »Alle zwei, drei Monate fliege ich nach Washington. Wir arbeiten an einem neuen Geräuschdämpfungsprojekt.« Wieder ein Lächeln. »Streng geheim.«

»Großartig! Dann müssen Sie mich zu Hause besuchen. Ich bin Ihnen noch eine Einladung schuldig.« Jack reichte ihm eine Karte. »Rufen Sie mich ein paar Tage vor Ihrer Ankunft an; das mit der Agency regele ich dann.« Ramius und seine Offiziere standen unter striktem Schutz der CIA. Was Ryan am meisten verblüffte, war die Tatsache, daß ihre Story nicht durchgesickert war. Die Medien hatten nichts erfahren, und auch die Russen kannten das Schicksal ihres Raketen-U-Bootes Roter Oktober vermutlich nicht.

Ryans Trauer um das Boot wurde von dem Gedanken an seinen Verwendungszweck gemäßigt. Er entsann sich seiner eigenen Reaktion damals vor einem knappen Jahr im Raketenraum des Unterseebootes, als er den scheußlichen Dingern so nahe gewesen war. Jack akzeptierte die Tatsache, daß Kernwaffen den Frieden wahrten – sofern die Zustände, die auf der Welt herrschten, überhaupt als Frieden bezeichnet werden konnten –, doch wie die meisten Menschen, die sich über dieses Thema Gedanken machten, wünschte er sich einen besseren Weg. Immerhin: ein Unterseeboot weniger, sechsundzwanzig Interkontinentalraketen weniger, einhundertzweiundachtzig Kernsprengköpfe weniger. Statistisch gesehen nicht viel.

Aber wenigstens etwas.

Zehntausend Meilen entfernt und zweitausendvierhundert Meter überm Meeresspiegel stellte ein für die Jahreszeit atypisches Wetter ein Problem dar. In der Tadschikischen Sowjetrepublik kam der Wind von Süden und trug noch immer Feuchtigkeit vom Indischen Ozean mit sich, die sich als unangenehm kalter Nieselregen niederschlug. Bald kam der richtige Winter, hier immer früh und gewöhnlich auf den Fersen des brennend heißen, luftlosen Sommers.

Die Arbeiter waren überwiegend junge, eifrige Mitglieder der Jugendorganisation Komsomol; sie waren hierhergebracht worden, um bei der Fertigstellung eines 1983 begonnenen Projekts zu helfen. Einer von ihnen, ein Doktorand von der Staatsuniversität Moskau, rieb sich den Regen aus den Augen und reckte sich, um ein Ziehen im Rücken loszuwerden. So setzt man doch keinen vielversprechenden jungen Naturwissenschaftler ein, dachte Morosow. Anstatt mit diesem Theodoliten herumzuspielen, könnte er in seinem Laboratorium Laser bauen, aber er wollte erstens die Vollmitgliedschaft der KPdSU erlangen und zweitens um den Wehrdienst herumkommen. Die Zurückstellung wegen des Studiums und die Arbeit beim Komsomol hatten da schon viel geholfen.

»Nun?« Morosow drehte sich um und sah einen der Projektingenieure, einen Mann vom Tiefbau, der sich als jemand bezeichnete, der etwas von Beton verstand.

»Ich lese die Position als korrekt ab, Genosse Ingenieur.«

Der ältere Mann beugte sich vor und schaute durch das Fernrohr. »Stimmt. Und das wäre Gott sei Dank auch die letzte.« Beide fuhren beim Donner einer fernen Explosion zusammen. Pioniere der Roten Armee sprengten wieder einmal außerhalb der Einzäunung eine Felsnase weg. Man braucht kein Soldat zu sein, um zu merken, was sich hier tut, dachte Morosow.

»Sie gehen geschickt mit optischen Instrumenten um. Wollen Sie vielleicht auch einmal Bauingenieur werden?«

»Nein, Genosse. Ich studiere Hochenergiephysik und befasse mich vorwiegend mit Lasern.«

Der Mann grunzte und schüttelte den Kopf. »Dann kommen Sie womöglich an diesen gottverlassenen Ort zurück.«

»Ist dies etwa –«

»Von mir haben Sie nichts gehört«, sagte der Tiefbauingenieur mit fester Stimme.

»Ich verstehe«, erwiderte Morosow leise. »Ich hab’ auch schon so etwas vermutet.«

»Und ich würde diese Vermutung für mich behalten«, meinte der andere und wandte sich ab.

»Muß ein guter Platz für astronomische Beobachtungen sein«, bemerkte Morosow.

»Wie soll ich das wissen?« erwiderte der Tiefbauingenieur mit dem Lächeln eines Eingeweihten. »Ich bin noch nie einem Astronomen begegnet.«

Morosow lachte in sich hinein. Er hatte also doch richtig geraten. Sie hatten gerade die Positionen der sechs Punkte vermessen, an denen Spiegel aufgestellt werden sollten – im gleichen Abstand von einem Gebäude in der Mitte, das Männer mit Gewehren bewachten. Er wußte, daß mit solcher Präzision nur auf zwei Anwendungsgebieten gearbeitet wurde. Das eine, die Astronomie, sammelte einfallendes Licht. Das andere sandte Licht nach oben. Hier mußt du hin, sagte sich der junge Wissenschaftler. Was hier geschieht, wird die Welt verändern.

1

Es ging ums Geschäft, es wurde verhandelt. Alle Anwesenden wußten das. Alle brauchten es. Und doch war jeder Anwesende so oder so entschlossen, ihm ein Ende zu setzen. Für jeden in der St.-Georgs-Halle im Kremlpalast gehörte dieser Dualismus zum normalen Leben.

Die Teilnehmer waren vorwiegend Russen und Amerikaner und zerfielen in vier Gruppen.

Zuerst die Diplomaten und Politiker. Diese erkannte man leicht an überdurchschnittlich guter Kleidung und aufrechter Haltung, roboterhaftem Lächeln und vorsichtiger Ausdrucksweise, die auch das häufige Zuprosten unbeschadet überstand. Sie waren die Herren, sich dessen auch bewußt, und demonstrierten es mit ihrem Verhalten.

Zweitens die Soldaten. Abrüstungsverhandlungen gab es nicht ohne diese Männer, die über die Waffen bestimmten, sie prüften und pflegten und sich dabei einredeten, die Politiker würden den Befehl zum Start niemals geben. Die Militärs in ihren Uniformen standen vorwiegend in geschlossenen kleinen Gruppen, gegliedert nach Waffengattungen, jeder mit einem halbvollen Glas und einer Serviette in der Hand; ihre ausdruckslosen Augen schienen den Raum nach einer Bedrohung abzusuchen wie ein unbekanntes Schlachtfeld. Und genau das war diese Umgebung auch für sie, ein unblutiges Schlachtfeld, auf dem echte Treffen definiert wurden. Die Soldaten trauten nur ihresgleichen – und oftmals ihren Feinden in andersfarbigen Uniformen mehr als ihren eigenen Herren im weichen Tuch. Bei einem Soldaten, selbst bei einem aus dem anderen Lager, wußte man wenigstens, woran man war; etwas, das man von Politikern, auch von den eigenen, nicht immer behaupten konnte. Sie sprachen leise miteinander, achteten immer darauf, wer zuhörte, hielten gelegentlich inne, um einen raschen Schluck zu trinken, begleitet von einem erneuten Rundblick im Raum. Sie waren die Opfer, aber auch die Raubtiere – Hunde vielleicht, an Leinen gehalten von Herren, die sich für die Meister der Lage hielten.

Auch dies zu glauben, fiel den Soldaten schwer.

Drittens die Reporter. Auch sie waren an der Kleidung zu erkennen, immer zerknittert, weil zu oft in zu kleine Koffer gepackt. Es fehlte ihnen die Glattheit der Politiker, das starre Lächeln; statt dessen hatten sie fragende Blicke und den Zynismus der Zügellosen. Viele hielten ihr Glas in der Linken, manchmal zusammen mit einem kleinen Notizblock anstelle der Papierserviette, die Rechte barg halb versteckt einen Stift. Sie zogen ihre Kreise wie Raubvögel. Einer fand jemanden, der zu reden bereit war, andere merkten das und kamen herüber, um die Information aufzusaugen. Wie interessant die Information war, erkannte der flüchtige Beobachter an der Geschwindigkeit, mit der sich die Reporter zur nächsten Quelle bewegten. In dieser Hinsicht unterschieden sich die Presseleute aus Amerika und anderen westlichen Ländern von ihren sowjetischen Kollegen, die sich um ihre Herren scharten wie Günstlinge bei Hof – um ihre Loyalität unter Beweis zu stellen und als Puffer gegen ihre ausländischen Kollegen zu wirken. Zusammen aber stellten sie das Publikum dieser Theatervorstellung dar.

Viertens die letzte Gruppe, die unsichtbare, die kaum jemand zu identifizieren vermochte. Das waren die Spione und die Abwehragenten, die sie jagten. Sie ließen sich leicht von den Sicherheitsoffizieren unterscheiden, die vom Rande aus argwöhnisch alle beobachteten, unsichtbar wie die Kellner, die mit Champagner und Wodka in Kristallgläsern auf Silbertabletts ihre Runden machten. Selbstverständlich waren unter den Kellnern Abwehragenten, die sich mit gespitzten Ohren durch den Raum bewegten, auf einen Konversationsfetzen lauschend, eine zu leise Stimme oder ein Wort, das nicht zur Stimmung des Abends paßte. Eine leichte Aufgabe war das nicht. Ein Streichquartett in der Ecke spielte Kammermusik, der offenbar niemand zuhörte; doch auch dies gehörte zu diplomatischen Empfängen. Hinzu kam das Gewirr der Stimmen der über hundert Anwesenden. Jene, die in der Nähe des Streichquartetts standen, mußten laut sprechen, um sich überhaupt verständlich zu machen. Die resultierende Kakophonie war gefangen in dem sechzig Meter langen und zwanzig Meter breiten Ballsaal mit Parkettboden und Stuckwänden, die den Schall reflektierten. Und die Spione nutzten ihre Unsichtbarkeit und den Krach, um sich zu den Gespenstern des Festes zu machen.

Aber sie waren gegenwärtig. Das wußte jeder. Jedermann in Moskau hat etwas über Spione zu erzählen. Wer sich einigermaßen regelmäßig mit jemandem aus dem Westen traf, meldete das. Kam es nur zu einem Treffen, und ein vorbeigehender Beamter der Moskauer Miliz oder Offizier der Armee bemerkte es, wurde die Sache zur Kenntnis genommen. Seit Stalins Zeiten hatte sich zwar einiges geändert, aber Rußland war noch immer Rußland, und sein Argwohn Fremden und ihren Ideen gegenüber war viel älter als jede Ideologie.

Die meisten Anwesenden dachten nur am Rande daran – abgesehen von denen, die aktiv mit diesem Spiel befaßt waren. Die Diplomaten und Politiker, in vorsichtiger Ausdrucksweise geübt, machten sich im Augenblick nicht übermäßig viele Gedanken. Die Reporter sahen darin lediglich ein amüsantes Spiel, das sie nicht direkt anging. Am meisten dachten die Militärs darüber nach. Sie kannten die Bedeutung von Geheiminformationen, schätzten und begehrten sie – und verachteten jene, die sie mit List und Tücke sammelten.

Selbstverständlich gab es auch eine Handvoll Leute, die sich nicht so leicht in eine Kategorie einordnen ließen – oder in mehr als eine paßten.

»Und wie hat Ihnen Moskau gefallen, Dr. Ryan?« fragte ein Russe. Jack drehte sich um.

»Ich fand es leider nur kalt und dunkel«, antwortete Ryan nach einem Schluck Champagner. »Wir bekamen wenig Gelegenheit, uns etwas anzusehen.« Das sollte sich auch kaum ändern. Das amerikanische Team war erst seit gut vier Tagen in der Sowjetunion und sollte nach Abschluß der der Plenarsitzung vorausgehenden technischen Verhandlungen am nächsten Tag heimfliegen.

»Das ist sehr schade«, bemerkte Sergej Golowko.

»Ja«, stimmte Jack zu. »Wenn der Rest Ihrer Architektur so stilvoll ist wie dieses Gebäude, würde ich gerne noch ein paar Tage dranhängen.« Er nickte anerkennend zu den schimmernd weißen Wänden, der gewölbten Decke und dem Blattgold hin.

»Jaja, die dekadenten Romanows«, stellte Golowko fest. »Für diese Pracht mußten die Bauern schwitzen und bluten.« Ryan lachte.

»Nun, wenigstens wurde aus ihren Steuern etwas Schönes, Harmloses und Unsterbliches. Wenn Sie mich fragen, ist das besser als häßliche Waffen, die in zehn Jahren technisch überholt sind. Ist doch eine großartige Idee, Sergej Nikolajewitsch. Lenken wir unseren politisch-militärischen Wettstreit auf das Gebiet der Schönheit um.«

»Sie sind also mit den Fortschritten zufrieden?«

Zurück zum Geschäft. Ryan hob die Schultern und setzte seine Inspektion des Raumes fort. »Über die Tagesordnung sind wir uns wohl einig. Nun müssen die Herren da drüben am Kamin die Details ausarbeiten.«

»Und halten Sie auch die Frage der Verifizierbarkeit für befriedigend geregelt?«

Damit ist es bestätigt, dachte Ryan und lächelte dünn. Golowko ist von der GRU. ›Nationale Technische Mittel‹, ein Begriff, der Spionagesatelliten und andere Methoden der Überwachung fremder Länder bezeichnete, gehörte in den USA überwiegend zum Gebiet der CIA, fiel aber in der Sowjetunion in den Zuständigkeitsbereich des militärischen Nachrichtendienstes GRU. Eine vorläufige Vereinbarung über die Vorortinspektion war zwar im Prinzip erzielt worden, doch die Hauptlast der Verifizierung würde die Satellitenaufklärung zu tragen haben – Golowkos Bereich.

Daß Jack Ryan für die CIA arbeitete, war kein besonderes Geheimnis. Seine Teilnahme an den Abrüstungsverhandlungen war ein Gebot der Logik. Sein gegenwärtiger Auftrag war die Überwachung bestimmter strategischer Waffensysteme in der Sowjetunion. Bevor ein Abrüstungsabkommen unterzeichnet werden konnte, mußten beide Seiten ihre krankhaft mißtrauischen Institutionen davon überzeugen, daß ernste Streiche des Gegners ausgeschlossen waren. Jack beriet den Chefunterhändler auf diesem Gebiet, wenn dieser sich die Mühe machte, zuzuhören.

»Verifizierbarkeit«, erwiderte er nach einem Augenblick, »ist ein sehr technisches und diffiziles Problem, mit dem ich leider nicht besonders gut vertraut bin. Was halten Ihre Leute von unserem Vorschlag zur Begrenzung landgestützter Systeme?«

»Wir sind von unseren landgestützten Raketen abhängiger als Sie«, sagte Golowko und war nun, da sie zum Kern der sowjetischen Position kamen, mehr auf der Hut.

»Ich verstehe nicht, warum Sie nicht ebensoviel Gewicht auf U-Boote legen wie wir.«

»Eine Frage der Zuverlässigkeit, wie Sie wohl wissen.«

»Ach wo, Unterseeboote sind doch verläßlich«, köderte ihn Ryan und betrachtete dabei eine prachtvolle antike Uhr.

»Ich muß leider sagen, daß es bedauernswerte Zwischenfälle gab.«

»Ach ja, das Yankee, das vor den Bermudas sank.«

»Und das andere.«

»Wie bitte?« Ryan drehte sich wieder um und mußte sich zusammennehmen, um nicht zu lächeln.

»Ich bitte Sie, Dr. Ryan, beleidigen Sie meine Intelligenz nicht. Der Fall Roter Oktober ist Ihnen genauso bekannt wie mir.«

»Wie war der Name noch mal? Ach ja, das Typhoon, das Sie vor den Karolinen verloren. Ich war damals in London und wurde nicht informiert.«

»Ich finde, daß diese beiden Zwischenfälle unsere Probleme gut illustrieren. Wir können uns auf unsere Raketen-U-Boote nicht so uneingeschränkt verlassen wie Sie auf Ihre.«

»Hmm.« Von den Kommandanten ganz zu schweigen, dachte Ryan und war bemüht, sich nichts anmerken zu lassen.

Golowko blieb hartnäckig. »Darf ich Ihnen eine Frage zur Substanz stellen?«

»Gerne, solange Sie keine Antwort zur Substanz erwarten.« Ryan lachte in sich hinein.

»Werden Ihre Nachrichtendienste Einwände gegen den Vertragsentwurf erheben?«

»Also bitte, wie soll ich darauf eine Antwort wissen?« Jack machte eine Pause. »Wie sieht es denn bei Ihnen aus?«

»Unsere Staatssicherheitsorgane befolgen ihre Anweisungen«, versicherte Golowko.

Wie du willst, dachte Ryan. »Wenn unser Präsident einen Abrüstungsvertrag akzeptiert und glaubt, ihn durch den Senat bringen zu können, ist es gleich, was CIA und Pentagon denken –

»Aber Ihr militärisch-industrieller Komplex –«, unterbrach Golowko.

»Darauf reitet man bei Ihnen viel zu gerne herum. Ehrlich, Sergej Nikolajewitsch, das wissen Sie doch besser.«

Golowko aber war vom militärischen Nachrichtendienst und mochte in der Tat ahnungslos sein, sagte sich Ryan zu spät. Das Ausmaß der Mißverständnisse zwischen Amerika und der Sowjetunion war amüsant und überaus gefährlich zugleich. Ryan fragte sich, ob die hiesigen Nachrichtendienste die Wahrheit ans Tageslicht brachten, wie es die CIA gewöhnlich tat, oder ihren Herren lediglich sagten, was sie hören wollten, wie es die CIA in der Vergangenheit allzuoft getan hatte. Vermutlich letzteres, dachte er. Die russischen Nachrichtendienste waren zweifellos ebenso politisiert wie einstmals die CIA. Eine gute Seite von Judge Moore war, daß er hart gearbeitet hatte, um dem ein Ende zu setzen. Andererseits hatte Moore keinen besonderen Ehrgeiz, Präsident zu werden; das unterschied ihn von seinen sowjetischen Pendants. Hier hatte es ein Direktor des KGB bis an die Spitze geschafft; mindestens ein weiterer hatte den Versuch unternommen. Das machte das KGB zu einer politischen Größe und beeinträchtigte damit seine Objektivität. Jack seufzte in sein Glas. Die zwischen den beiden Ländern existierenden Spannungen würden nicht verschwinden, wenn alle falschen Vorstellungen ausgeräumt waren, doch die Beziehungen mochten dann einfacher zu handhaben sein.

»Darf ich einen Vorschlag machen?«

»Aber sicher«, antwortete Golowko.

»Lassen wir die Fachsimpelei. Erzählen Sie mir lieber etwas über diesen Saal, und ich lasse mir derweil den Champagner schmecken. Das spart uns beiden morgen eine Menge Zeit, wenn wir unsere Kontaktberichte abfassen müssen.«

»Gut. Soll ich Ihnen einen Wodka holen?«

»Danke, der Sekt ist vorzüglich. Einheimisches Gewächs?«

»Ja, aus Georgien«, sagte Golowko stolz. »Schmeckt besser als Champagner aus Frankreich, finde ich.«

»Ein paar Flaschen würde ich schon gerne mit nach Hause nehmen«, gestand Ryan zu.

Golowkos Lachen war ein heiteres, machtbewußtes Bellen. »Ich werde dafür sorgen. So, der Palast wurde 1849 fertiggestellt, Baukosten elf Millionen Rubel, damals eine beträchtliche Summe. Der letzte große Palast, der erbaut wurde, und meiner Meinung nach der schönste …«

Ryan war natürlich nicht der einzige, der einen Rundgang im Saal machte. Die meisten Mitglieder der amerikanischen Delegation hatten ihn noch nie gesehen. Russen, die sich bei dem Empfang langweilten, führten sie herum und erklärten. Mehrere Mitglieder der Botschaft zockelten hinterher und behielten das Ganze im Auge.

»Nun, Mischa, was hältst du von den amerikanischen Frauen?« fragte Verteidigungsminister Jasow seinen Referenten.

»Was uns da entgegenkommt, ist nicht unattraktiv, Genosse Minister«, bemerkte der Oberst.

»Aber es ist nicht genug an ihnen dran – ah, Ihre schöne Elena war ja auch dünn. Eine wunderbare Frau ist sie gewesen, Mischa.«

»Nett, daß Sie sie nicht vergessen haben, Dimitri Timofejewitsch.«

»Hallo, Oberst!« rief eine der Amerikanerinnen auf Russisch.

»Ah, Mrs. …«

»Foley. Wir haben uns im letzten November beim Hockey kennengelernt.«

»Kennen Sie die Dame?« fragte der Verteidigungsminister seinen Referenten.

»Mein Großneffe Michail spielt in der Juniorenliga, und ich wurde zu einem Spiel eingeladen. Hallo, was tun Sie hier?«

»Mein Mann arbeitet an der Botschaft. Dort drüben ist er und führt Journalisten herum. So etwas habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen!« Ihre glänzenden Augen sprachen von mehreren Gläsern – vermutlich Champagner, dachte der Minister. Sie sah aus, als spräche sie diesem Getränk gerne zu, war aber attraktiv genug und hatte sich die Mühe gemacht, ein annehmbares Russisch zu lernen, was für Amerikaner ungewöhnlich war.

»Die Böden sind so schön, daß es fast ein Frevel ist, auf ihnen zu laufen. So etwas gibt es bei uns zu Hause nicht.«

»Bei Ihnen gab es zu Ihrem Glück auch keine Zaren«, erwiderte Jasow als guter Marxist. »Aber als Russe muß ich gestehen, daß ich auf den Kunstsinn der Romanows stolz bin.«

Mrs. Foley wandte sich zurück an Mischa.«Diese Orden trugen Sie bei unserer letzten Begegnung nicht«, sagte sie und wies auf drei goldene Sterne an seiner Brust.

»Vielleicht habe ich meinen Mantel nicht ausgezogen

»Er trägt sie nämlich immer«, versicherte ihr der Marschall. »Ein Held der Sowjetunion geht nie ohne seine Orden. Oberst Filitow ist der einzige lebende Mann, der sich drei dieser Orden an der Front verdient hat.«

»Wirklich? Was muß man tun, um gleich drei zu bekommen?«

»Gegen Deutsche kämpfen«, erwiderte der Oberst knapp.

»Deutsche töten«, warf Jasow unverblümt ein. »Mischa ist einer der besten Panzeroffiziere, die je gelebt haben.«

Nun wurde Oberst Filitow tatsächlich rot. »Wie viele andere Soldaten tat ich in diesem Krieg nur meine Pflicht.«

»Auch mein Vater wurde im Krieg ausgezeichnet. Er leitete zwei Kommandounternehmen und rettete Männer aus Kriegsgefangenenlagern auf den Philippinen. Er sprach nie viel darüber, bekam aber einen Haufen Orden. Erzählen Sie Ihren Kindern von diesen glänzenden Sternen?«

Filitow erstarrte. Jasow nahm ihm die Antwort ab.

»Oberst Filitows Söhne sind seit einigen Jahren tot.«

»Das tut mir leid!« rief Mrs. Foley und meinte das auch so.

»Es ist schon lange her.« Er lächelte. »Ich erinnere mich noch an Ihren Sohn bei diesem Spiel – ein prächtiger junger Mann. Lieben Sie Ihre Kinder, Sie werden sie nicht ewig haben. Würden Sie mich nun einen Augenblick entschuldigen?« Mischa entfernte sich in Richtung Toiletten. Mrs. Foley schaute den Minister betroffen an.

»Ich wollte ihn nicht treffen –«

»Sie konnten es ja nicht wissen. Mischa verlor im Abstand von wenigen Jahren seine Söhne und seine Frau. Ich begegnete ihr als junger Mann – reizendes Mädchen, Mitglied des Kirow-Balletts. Traurig. Genug. In welcher Mannschaft spielt Ihr Sohn noch einmal?« Ihr hübsches junges Gesicht verstärkte Marschall Jasows Interesse für Hockey noch.

Nach einer Minute fand Mischa die Toilette. Selbstverständlich wurden Amerikaner und Russen zu verschiedenen geschickt. Filitow wusch sich die Hände und schaute in den goldgerahmten Spiegel. Dabei hatte er nur einen Gedanken: Schon wieder. Wieder ein Auftrag. Er seufzte und ordnete seine Kleidung. Eine Minute später war er wieder draußen in der Arena.

»Entschuldigen Sie«, sagte Ryan, der beim Umdrehen mit einem älteren Herrn in Uniform zusammengestoßen war. Golowko sagte etwas in Russisch, das Ryan nicht mitbekam. Der Offizier machte eine Erwiderung zu Jack, die höflich klang, und ging hinüber zum Verteidigungsminister.

»Wer war das?« fragte Jack seinen russischen Begleiter.

»Der Oberst ist persönlicher Referent des Ministers«, erwiderte Golowko.

»Für einen Oberst ein bißchen alt, nicht wahr?«

»Er ist ein Kriegsheld. Wir zwingen nicht alle diese Männer in den Ruhestand.«

»Das ist wohl fair«, kommentierte Jack und ließ sich weiter über den Saal informieren.

Nach Mitternacht löste sich der Empfang auf. Ryan bestieg die ihm zugewiesene Limousine. Auf der Rückfahrt zur Botschaft sagte niemand etwas. Alle spürten die Wirkung des Alkohols, und in Autos, die leicht zu verwanzen waren, redete man in Moskau nicht. Zwei Männer schliefen ein, und auch Ryan wäre beinahe von Müdigkeit übermannt worden. Wach hielt ihn die Gewißheit, daß sie in fünf Stunden abflogen, und angesichts dieser Tatsache blieb er lieber müde, um dann im Flugzeug richtig schlafen zu können – etwas, das er erst seit kurzem fertigbrachte. In der Botschaft angekommen, zog er sich um und ging hinunter in die Kantine, um Kaffee zu trinken und sich Notizen zu machen.

Die Ergebnisse der vergangenen vier Tage waren erstaunlich positiv. Ein Vertragsentwurf lag auf dem Tisch. Wie alle ähnlichen Papiere der letzten Zeit waren sie von den Sowjets eher als Verhandlungswerkzeug denn als Verhandlungsdokument gedacht. Einzelheiten standen bereits in der Presse, und schon lobten gewisse Kongreßmitglieder im Plenum die Fairneß des Vorschlags. Warum ging man nicht einfach darauf ein?

In der Tat, warum nicht? fragte sich Jack und lächelte ironisch. Verifizierbarkeit war ein Grund. Der andere … Gab es denn einen anderen? Gute Fragen. Warum hatten die Russen ihre Haltung so radikal geändert? Es gab Hinweise, daß Generalsekretär Narmonow die Verteidigungsausgaben reduzieren wollte, aber entgegen den Vorstellungen in der Öffentlichkeit tat man das nicht bei Kernwaffen. Kernwaffen waren angesichts ihrer Wirkung billig, eine höchst kostengünstige Methode, Menschen zu töten. Ein Kernsprengkopf und seine Rakete waren zwar nicht billig, aber doch sehr viel billiger als die vergleichbare Vernichtungskraft von Panzern und Artillerie. War Narmonow aufrichtig an der Verringerung der Atomkriegsgefahr gelegen? Doch diese Gefahr ging nicht von den Waffen an sich, sondern wie immer von den Politikern und ihren Fehlern aus. War das Ganze nur symbolisch gemeint? Mit Symbolen konnte Narmonow leichter aufwarten als mit Substanz, sagte sich Ryan. Und wenn das Angebot nur symbolisch war – an wen richtete es sich dann?

Narmonow hatte Charisma und Macht. Was für ein Mann war er? Worauf wollte er hinaus? Ryan schnaubte. Dafür war er nicht zuständig. Ein anderes CIA-Team war hier in Moskau damit befaßt, Narmonows politische Verwundbarkeit zu untersuchen. Seine Aufgabe, die leichtere, war es, die technische Seite zu analysieren. Nur kannte er leider die Antworten auf seine eigenen Fragen noch nicht.

Golowko saß bereits wieder in seinem Büro und machte sich in Langschrift umständlich Notizen. Ryan, schrieb er, würde dem Verhandlungsangebot widerstrebend zustimmen. Und da Ryan das Ohr des Direktors hatte, bedeutete das wahrscheinlich auch, daß die CIA seiner Empfehlung folgen würde. Der Nachrichtendienstoffizier legte den Stift hin und rieb sich die Augen. Mit einem Kater aufzuwachen, war an sich schon schlimm genug, aber wach bleiben zu müssen, um mit ihm den Sonnenaufgang willkommen zu heißen, war mehr, als man von einem sowjetischen Offizier verlangen konnte. Er fragte sich, warum seine Regierung das Angebot überhaupt gemacht hatte und warum die Amerikaner so bereitwillig darauf einzugehen schienen. Selbst Ryan, der es doch eigentlich besser wissen sollte. Was hatten die Amerikaner im Sinn? Wer manövrierte hier wen aus? Eine ausgezeichnete Frage.

Er kehrte zurück zu Ryan, dem Mann, auf den er am vorhergehenden Abend angesetzt worden war. Weit gekommen war er für sein Alter, ein Rang, der dem eines Obersten im KGB oder GRU entsprach, und erst fünfunddreißig. Was hatte er geleistet, um so schnell nach oben zu kommen? Golowko zuckte die Achseln. Vermutlich Beziehungen, die waren in Washington ebenso wichtig wie in Moskau. Mut besaß der Mann – den hatte er vor fünf Jahren bei dieser Geschichte mit den Terroristen in London bewiesen. Außerdem war er ein fürsorglicher Familienvater, etwas, das Russen mehr respektierten, als die Amerikaner glauben wollten – das implizierte Beständigkeit und somit Berechenbarkeit. Und vor allem, dachte Golowko, war Ryan ein Denker. Warum leistete er dann keinen Widerstand gegen einen Pakt, von dem die Sowjetunion mehr profitierte als Amerika? Trifft unsere Einschätzung der Situation etwa nicht zu? schrieb er. Wissen die Amerikaner etwas, das uns unbekannt ist? Oder: Wußte Ryan etwas, das Golowko noch verborgen war? Der Oberst runzelte die Stirn und dachte dann an etwas, das er wußte, Ryan aber nicht. Der Gedanke provozierte ein schwaches Lächeln. Das gehörte alles zu dem großen Spiel.

»Sie müssen die ganze Nacht marschiert sein.«

Der Bogenschütze nickte ernst und stellte den Rucksack ab, unter dem er fünf Tage lang geächzt hatte. Er war fast so schwer wie der, den Abdul geschleppt hatte. Der junge Mann stand kurz vorm Zusammenbruch, wie der CIA-Offizier feststellte. Beide Männer suchten sich Sitzkissen.

»Trinken Sie etwas.« Der CIA-Mann hieß Emilio Ortiz, war ebenfalls dreißig Jahre alt und hatte die Muskeln eines Schwimmers, mit denen er sich ein Stipendium an der University of California erkämpft hatte. Ortiz verfügte über eine seltene Sprachbegabung: War er nur zwei Wochen einer Sprache, einem Dialekt oder einem Akzent ausgesetzt gewesen, konnte er als Einheimischer durchgehen. Zudem war er ein einfühlsamer Mann, der die Sitten der Menschen, mit denen er arbeitete, respektierte. So bot er auch jetzt kein alkoholisches Getränk an, sondern Apfelsaft.

»Allahs Segen über dieses Haus«, sagte der Bogenschütze, als er das erste Glas geleert hatte. Dem Mann stand die Erschöpfung ins Gesicht geschrieben, aber anmerken ließ er sich nichts. Anders als sein junger Träger schien der Bogenschütze gegen solche menschlichen Schwächen gefeit zu sein.

»Möchten Sie etwas essen?« fragte er.

»Das kann warten«, erwiderte der Bogenschütze und griff nach seinem Rucksack. »Ich habe acht Raketen abgeschossen und sechs Flugzeuge getroffen, aber eines hatte zwei Motore und entkam. Von den fünfen, die ich zerstörte, waren zwei Hubschrauber und drei Jagdbomber. Der erste Hubschrauber, den wir abschossen, war der neue Mi-24 Hind, von dem Sie uns erzählten. Sie hatten recht. Er hat einige neue Ausrüstungen. Hier sind ein paar Teile.« Der Bogenschütze holte sechs grüne Platinen für den Laserdesignator hervor, der nun zur Standardausrüstung des Mi-24 gehörte. Der Captain der US-Army, der bislang schweigend im Schatten gestanden hatte, trat vor, um sie zu untersuchen. Mit leicht zitternden Händen griff er nach den Gegenständen.

»Haben Sie auch den Laser?« fragte er in ungelenkem Paschtu.

»Er wurde zwar schwer beschädigt, aber ich habe ihn.« Der Bogenschütze drehte sich um. Abdul schnarchte. Er hätte beinahe gelächelt, aber dann fiel ihm ein, daß auch er einen Sohn hatte.

»Sind die neuen Raketen da?« fragte der Bogenschütze.

»Ich kann Ihnen zehn geben. Es ist ein leicht verbessertes Modell mit fünfhundert Metern größerer Reichweite. Und ich habe auch Rauchraketen da.«

Der Bogenschütze nickte ernst, und seine Mundwinkel verzogen sich zu etwas, das in einer anderen Zeit der Beginn eines Lächelns gewesen sein mochte.

»Dann kann ich mir jetzt vielleicht ihre Transportflugzeuge vornehmen. Die Rauchraketen funktionieren vorzüglich, mein Freund. Jedesmal treiben sie die Eindringlinge näher zu mir. Und der Feind hat diese Taktik noch nicht durchschaut.« Aha, kein Trick also, sondern eine Taktik, dachte Ortiz. Jetzt will er also Transportflugzeuge angreifen, hundert Russen auf einen Streich töten. Himmel, was haben wir aus diesem Schullehrer gemacht? Der CIA-Mann schüttelte den Kopf. Das war nicht seine Angelegenheit.

»Sie sind müde, mein Freund. Ruhen Sie sich aus. Essen können wir später. Bitte ehren Sie mein Haus, indem Sie hier übernachten.«

»Es ist wahr«, bestätigte der Bogenschütze. Zwei Minuten später war er eingeschlafen.

Ortiz und der Captain gingen die mitgebrachten Geräte durch. Darunter fanden sie ein Wartungshandbuch für die Laserausrüstung des Mi-24 und Sprechtafeln. Bis zur Mittagszeit war alles katalogisiert und zum Versand an die Botschaft bereit; von dort aus würde es sofort nach Kalifornien geflogen und einer kompletten Analyse unterzogen werden.

Die VC-137 der Air Force hob pünktlich ab. Es handelte sich um eine Sonderausführung der guten alten Boeing 707; das vorgestellte ›V‹ besagte, daß sie für den Transport von VIP-Passagieren gedacht war, und die Kabinenausstattung spiegelte dies auch wider. Jack lag auf der Couch und ergab sich seiner Müdigkeit. Zehn Minuten später wurde er an der Schulter gerüttelt.

»Der Chef will Sie sprechen«, sagte ein Teammitglied.

»Schläft der denn nie?« grollte Jack.

Ernest Allen hatte den größten Raum in der Maschine, eine Kabine direkt über den Flügeln mit sechs gepolsterten Drehsesseln. Auf dem Tisch stand eine Kaffeekanne. Wenn ich jetzt keinen Kaffee trinke, dachte Ryan, rede ich bald unzusammenhängendes Zeug. Trinke ich welchen, kann ich nachher nicht mehr schlafen. Nun ja, fürs Schlafen wurde er nicht bezahlt. Ryan goß sich eine Tasse ein.

»Läßt sich das verifizieren?« fragte Allen ohne Umschweife.

»Das kann ich noch nicht sagen«, erwiderte Jack. »Es ist nicht nur eine Frage der nationalen technischen Mittel. Die Überwachung der Zerstörung so vieler Raketen –«

»Man bietet uns beschränkte Vor-Ort-Inspektion an«, bemerkte ein jüngeres Mitglied des Teams.

»Das ist mir klar«, versetzte Jack. »Die Frage ist nur: Bedeutet das überhaupt etwas?« Und die andere Frage ist: Warum sind sie plötzlich mit etwas einverstanden, das wir schon seit über dreißig Jahren verlangen …? »Die Sowjets haben viel Arbeit auf ihre mobilen Startrampen verwandt. Und wenn sie nun mehr haben, als wir wissen? Meinen Sie vielleicht, wir könnten ein paar hundert mobile Raketen ausfindig machen?«

»Unsere neuen Satelliten tasten die Erdoberfläche mit Radar ab, und dann –«

»Das wissen die Russen auch, und dieser Art von Überwachung können sie sich entziehen, wenn sie wollen – Moment: Wir wissen, daß unsere Flugzeugträger den russischen Seeaufklärungssatelliten RORSAT ausweichen können und das auch tun. Schiffe bringen das fertig, warum dann nicht auch Züge?« gab Jack zu bedenken. Allen gab keinen Kommentar und überließ seinen Untergebenen das Argument. Schlauer alter Fuchs.

»Die CIA wird sich also dagegen aussprechen – verdammt, dabei ist das die größte Konzession, die die Sowjets je gemacht haben!«

»Gut, es ist also ein massives Zugeständnis. Das wissen wir hier alle. Doch ehe wir akzeptieren, sollten wir sicherstellen, daß sie nicht etwas konzediert haben, das inzwischen irrelevant ist. Es gibt auch noch andere Überlegungen.«

»Sie werden sich also dagegen aussprechen?«

»Nein, ich empfehle nur, daß wir uns Zeit lassen und unsere Köpfe benutzen, anstatt uns von der Euphorie mitreißen zu lassen.«

»Aber der Vertragsentwurf ist – ist fast zu gut, um wahr zu sein.« Der Mann hatte gerade Ryan recht gegeben, ohne es allerdings zu merken.

»Dr. Ryan«, sagte Allen, »was halten Sie von dem Abkommen, unter der Voraussetzung, daß die technischen Details zu Ihrer Zufriedenheit geregelt werden können?«

»Sir, vom technischen Standpunkt aus gesehen hat eine fünfzigprozentige Reduzierung der abwerfbaren Kernsprengköpfe überhaupt keine Auswirkung auf das strategische Gleichgewicht. Sie wäre –«

»Das ist doch Wahnsinn!« wandte der jüngere Mann ein.

Jack streckte den Arm aus und zielte mit dem Zeigefinger auf ihn. »Sagen wir mal, ich habe nun eine Pistole auf Ihre Brust gerichtet, eine Browning mit dreizehn Patronen. Ich erkläre mich einverstanden, sieben Patronen aus dem Magazin zu nehmen, aber damit bleibt mir immer noch eine mit sechs Patronen geladene Waffe, die auf Ihre Brust zielt – fühlen Sie sich jetzt sicherer?« Ryan lächelte. »Also, ich persönlich nicht, und darum geht es hier. Wenn beide Seiten ihre Inventare um die Hälfte reduzieren, bleiben noch immer fünftausend Sprengköpfe, die unser Land treffen können. Dieses Abkommen würde also nur den Overkill-Faktor reduzieren. Wenn wir aber anfingen, über eine Reduzierung auf jeweils tausend Sprengköpfe zu reden, fände ich, daß wir auf dem rechten Weg wären.«

»Halten Sie denn ein Limit von tausend Sprengköpfen für erreichbar?« fragte Allen.

»Nein, Sir. Manchmal wünsche ich mir das, aber andererseits sagt man mir, ein Limit von nur tausend Sprengköpfen könnte einen Atomkrieg ›gewinnbar‹ machen, was das auch immer bedeuten mag.« Jack zuckte die Achseln und schloß: »Sir, wenn das gegenwärtige Abkommen zur Unterzeichnung kommt, wird es sich besser ausnehmen, als es in Wirklichkeit ist. Mag sein, daß sein symbolischer Wert an sich schon einen Gewinn darstellt; dieser Faktor sollte berücksichtigt werden, aber das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Die finanziellen Einsparungen auf beiden Seiten werden real sein, aber angesichts der Gesamtausgaben für die Verteidigung doch ziemlich gering. Beide Seiten behalten die Hälfte ihrer gegenwärtigen Arsenale – und selbstverständlich die modernere und wirkungsvollere Hälfte. Das Resultat bleibt konstant: Einen Atomkrieg könnte keine Seite überleben. Ich sehe nicht, daß dieser Vertragsentwurf die ›Kriegsgefahr‹, was immer das sein soll, reduziert. Dazu müßten die verdammten Dinger entweder ganz abgeschafft oder irgendwie funktionsunfähig gemacht werden. Und wenn Sie mich fragen, müßte erst letzteres getan werden, ehe man das erste versuchen kann. Dann wird die Welt sicherer – vielleicht.«

»Und es beginnt ein ganz neues Wettrüsten.«

»Sir, dieses Rennen hat schon längst begonnen.«

2

»Es gehen gerade neue Bilder von Duschanbe ein«, erfuhr Ryan am Telefon.

»Gut, ich komme in ein paar Minuten rüber.« Jack erhob sich und ging über den Korridor zu Admiral Greers Büro. Sein Chef stand mit dem Rücken zu der grellweißen Schneedecke auf dem Hügelland vor der CIA-Zentrale.

»Was gibt’s, Jack?« fragte der Admiral.

»Es geht um Duschanbe. Das Wetter hat überraschend aufgeklart. Sie sagten doch, Sie wollten verständigt werden.«

Greer schaute auf den Monitor in einer Ecke seines Zimmers. Das Gerät stand neben dem Computerterminal, das zu benutzen Greer sich weigerte – zumindest, wenn jemand ihm bei seinen Versuchen, mit den Zeigefingern und, an guten Tagen, einem Daumen zu tippen, zusah. Er hätte sich die Echtzeit-Satellitenbilder live in sein Büro übertragen lassen können, vermied das aber in letzter Zeit. Warum, wußte Jack nicht. »Okay, marschieren wir rüber.«

Ryan hielt dem stellvertretenden CIA-Direktor die Tür auf, und sie wandten sich nach links zum Ende des Korridors auf der Direktionsetage im obersten Stockwerk des Gebäudes. Hier befand sich der Direktionsaufzug, der den Vorteil hatte, daß man nicht zu lange auf ihn warten mußte.

»Immer noch Schwierigkeiten mit der Umstellung?« fragte Greer. Ryan flog ungern und war erst seit einem knappen Tag wieder zurück.

»Nein, ich habe mich völlig erholt, Sir. Flüge in westlicher Richtung machen mir nicht soviel aus.« Trotzdem war er froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

Die Tür ging auf, und die beiden gingen durch das Gebäude zu dem neuen Anbau der Abteilung für Bildanalyse.

Der Vorführraum hätte Hollywood Ehre gemacht. Das Minikino hatte rund dreißig Sitze und eine Riesenleinwand. Art Graham, der Leiter der Abteilung, erwartete sie.

»Gutes Timing. Noch eine Minute, dann haben wir die Bilder.« Er sprach kurz am Telefon mit dem Vorführraum. Die Leinwand wurde sofort hell.

»Schwein gehabt. Das sibirische Hoch drehte scharf nach Süden ab und stoppte die Warmfront wie eine Mauer. Perfekte Sichtverhältnisse. Die Bodentemperatur ist etwa Null, und die relative Luftfeuchtigkeit kann auch nicht viel höher sein!« Graham lachte in sich hinein. »Wir haben den Vogel eigens in Position manövriert, um das auszunutzen. Er war bis auf drei Grad direkt über der Anlage, und ich bezweifle, daß der Iwan Zeit hatte, diesen Überflug vorauszusehen.«

»Da ist Duschanbe«, flüsterte Jack, als ein Teil der Tadschikischen Sowjetrepublik sichtbar wurde. Die erste Übersicht bekamen sie durch Weitwinkelkameras. Insgesamt hatte der umlaufende Aufklärungssatellit KH-14 elf Übersichten aufgenommen. Der Vogel war erst seit drei Wochen im Orbit und entstammte der neuesten Generation von Spähern. Duschanbe – vor ein paar Jahrzehnten noch Stalinabad – war eine der uralten Karawanenstädte. Nach Afghanistan waren es keine hundert Meilen; Timur-Lengs legendäres Samarkand lag nicht weit im Nordwesten, und vielleicht war Scheherazade vor tausend Jahren hier durchgezogen.

Doch mit dem Seidenhandel hatte das gegenwärtige Interesse der CIA an Duschanbe nichts zu tun. Nun kam ein Bild von einer der hochauflösenden Kameras, die erst in ein tiefes Gebirgstal spähte, wo Beton und Stein eines Wasserkraftwerks einen Fluß stauten. Obwohl der Damm nur fünfzig Kilometer südöstlich von Duschanbe lag, liefen die Hochspannungsleitungen nicht zu dieser Stadt mit 500 000 Einwohnern, sondern führten zu einer Reihe von Berggipfeln fast in Sichtweite der Anlage.

»Das sieht aus wie die Fundamente einer neuen Mastengruppe«, merkte Ryan an.

»Ja, parallel zur ersten«, stimmte Graham zu. »Die Anlage erhält neue Generatoren. Nun, wir wußten ja die ganze Zeit, daß sie nur die Hälfte der verfügbaren Leistung des Wasserkraftwerks liefert.«

»Wie lange dauert es, bis der Rest ans Netz geht?« fragte Greer.

»Da muß ich erst bei einem unserer Fachberater fragen. Der Bau der Hochspannungsleitung nähme nur ein paar Wochen in Anspruch. Ich gehe davon aus, daß die Fundamente für die neuen Generatoren schon liegen. Nun müssen nur noch die Aggregate eingebaut und angeschlossen werden. Höchstens sechs Monate noch, vielleicht acht, wenn das Wetter schlecht wird.«

»So schnell?« fragte Jack verwundert.

»Man hat Personal von zwei anderen Wasserkraftwerken abgezogen. Über diese Anlage ließ man kein Wort verlauten, nahm für ihre Fertigstellung aber Bautrupps von zwei weithin publizierten Vorhaben. Der Iwan weiß seine Anstrengungen zu konzentrieren, wenn’s sein muß. Sechs bis acht Monate, das ist eine vorsichtige Schätzung, Dr. Ryan. Es kann durchaus schneller gehen.«

»Wie hoch wird nach der Fertigstellung die Leistung sein?«

»Der Bau ist nicht besonders groß. Gesamthöchstleistung mit den neuen Generatoren? Elfhundert Megawatt, schätze ich.«

»Eine Menge Strom für diese paar Berggipfel«, sagte Ryan wie zu sich selbst, als das Bild wechselte.

Der Berg, der bei der CIA den Codenamen ›Mozart‹ trug, war beileibe nicht klein, nahm sich aber im Vergleich zum Himalaja, zu dessen westlichstem Ausläufer er gehörte, winzig aus. Zum Gipfel war eine Straße gesprengt worden, und oben hatte man auch einen Hubschrauberlandeplatz gebaut. Insgesamt bestand der Komplex aus sechzehn Gebäuden. Ein Wohnblock für die Ingenieure und ihre Familien, erst vor sechs Monaten fertiggestellt, ein Theater, ein Krankenhaus. Eine Bodenstation neben dem Gebäude mit den wenigen Geschäften empfing über Satellit Fernsehprogramme. Diese Art von für sowjetische Verhältnisse schon fast übertriebener Fürsorge war außergewöhnlich und nur hohen Parteibürokraten und bei hochwichtigen Verteidigungsprojekten Beschäftigten vorbehalten. Dem Wintersport diente die Anlage jedenfalls nicht.

Das machten die Umzäunung und die Wachtürme überdeutlich; drei parallele Zäune mit jeweils zehn Meter Abstand. Der äußere Zwischenraum war vermint, im innern patrouillierten Hunde. Am inneren Zaun standen in zweihundert Meter Abstand die Wachtürme. Die Soldaten, die sie bemannten, waren in Betonbaracken von überdurchschnittlicher Qualität untergebracht.

»Können Sie einen Wachposten herausvergrößern?« fragte Ryan.

Graham sprach in sein Telefon, und das Bild veränderte sich sofort. Mit zunehmender Vergrößerung wurde aus einem sich bewegenden Fleck ein Mann, der einen langen Mantel und vermutlich eine Pelzmütze trug. Er hatte einen großen Hund von unbestimmbarer Rasse an der Leine und eine Kalaschnikow über der rechten Schulter. Der Atem von Mann und Hund war in der kalten Luft sichtbar. Ryan beugte sich unwillkürlich vor.

»Kommen Ihnen die Schulterklappen dieses Mannes grün vor?« fragte er Graham.

Der Aufklärungsexperte grunzte. »Ja, der ist vom KGB.«

»So dicht bei Afghanistan?« fragte der Admiral nachdenklich. »Sie wissen, daß wir dort Leute im Einsatz haben. Wetten, daß die ihre Sicherheitsvorkehrungen mehr als ernst nehmen?«

»Diese Gipfel müssen ihnen wirklich wichtig gewesen sein«, bemerkte Ryan. »Siebzig Meilen weiter wohnen ein paar Millionen Leute, für die den Willen Gottes erfüllt, wer Russen tötet. Diese Anlage ist wichtiger, als wir dachten, nicht nur eine neue Einrichtung – dazu sind die Sicherheitsmaßnahmen zu umfangreich. Wozu ausgerechnet hier bauen, wo man erst eine neue Stromversorgung errichten muß und dem Feind ausgesetzt ist? Im Augenblick mag das eine Forschungsanlage sein, aber die Russen müssen Größeres damit vorhaben.«

»Zum Beispiel?«

»Angriffe auf meine Satelliten vielleicht«, meinte Art Graham.

»Haben Sie sie in letzter Zeit irgendwie gekitzelt?« fragte Jack.

»Nein, seit wir ihnen im letzten April eins auf die Rübe gegeben haben, ist zur Abwechslung mal die Vernunft am Ruder.«

Das war eine alte Geschichte. Mehrere Male waren im Lauf der letzten Jahre amerikanische Aufklärungs- und Frühwarnsatelliten ›gekitzelt‹ worden – man hatte Laser- oder Mikrowellenstrahlen auf die Satelliten konzentriert, stark genug, um die Rezeptoren zu blenden, doch nicht intensiv genug, um ernsten Schaden anzurichten. Warum hatten die Russen das getan? Nur als Test, um zu sehen, ob das im NORAD-Befehlszentrum im Cheyenne Mountain in Colorado einen Aufruhr auslösen würde? War es der Versuch gewesen, die Empfindlichkeit der Satelliten zu prüfen? Oder eine Demonstration, eine Warnung vor ihrer Fähigkeit, Satelliten zu zerstören? Oder nur pure Spielverderberei? Schwer zu sagen, was die Sowjets dachten.

Selbstverständlich beteuerten sie regelmäßig ihre Unschuld. Als ein amerikanischer Satellit über Sari Schagan vorübergehend geblendet worden war, behaupteten sie, eine Erdgas-Pipeline habe Feuer gefangen. Daß die nahegelegene Tschimkent-Pawlodar-Pipeline Öl transportierte, das war der westlichen Presse entgangen.

Der Satellitenüberflug war nun beendet. In einem Raum in der Nähe wurden zwanzig Videobänder zurückgespult, und die gesamte optische Erfassung konnte nun in Ruhe ausgewertet werden.

»Sehen wir uns ›Mozart‹ und ›Bach‹ noch einmal an«, befahl Greer.

»Tierischer Trip zur Arbeit«, stellte Jack fest. Von dem Wohl- und Stromkomplex auf ›Mozart‹ bis zu der Anlage auf ›Bach‹, dem nächstgelegenen Gipfel, war es zwar nur ein Kilometer, aber die Straße sah halsbrecherisch aus. Sie sahen nun ein Standbild von ›Bach‹. Hier betrug die Distanz zwischen innerem und äußerem Zaun mindestens zweihundert Meter, und der Boden schien aus nacktem Fels zu bestehen. Jack fragte sich, wie man dort Minen legte. Aber vielleicht war das gar nicht notwendig, dachte er. Das Gelände war mit Bulldozern und Sprengstoff planiert worden. Von den Wachtürmen mußte es aussehen wie ein Schießstand.

»Die machen Nägel mit Köpfen, was?« bemerkte Graham leise.

»Das bewachen sie also …«, meinte Ryan.

Innerhalb der Umzäunung standen dreizehn Gebäude. Auf einer Fläche von der Größe zweier Fußballplätze, die ebenfalls planiert war, sah er zehn Löcher in zwei Gruppen. Eine Gruppe war im Sechseck arrangiert, jedes Loch mit rund zehn Metern Durchmesser. Die zweite Vierergruppe war rautenförmig, die Löcher etwas kleiner, vielleicht nur siebeneinhalb Meter messend. Jedes Loch enthielt eine im Fels verankerte, viereinhalb Meter dicke Betonsäule, gekrönt von einem Metalldom aus halbmondförmigen Segmenten.

»Die Dinger lassen sich öffnen. Ich frage mich, was da drin ist.« Greers Frage war rein rhetorisch. In der CIA-Zentrale in Langley, Virginia, wußten etwa zweihundert Leute über Duschanbe Bescheid, und sie alle wollten wissen, was sich unter diesen Metallkuppeln verbarg. Die Anlagen existierten erst seit wenigen Monaten.

»Admiral«, sagte Jack. »Ich muß eine neue Schublade aufziehen.«

»Und welche?«

»Tea Clipper.«

»Kleinigkeit!« murrte Greer. »Dazu habe ja nicht mal ich Zugang.«

Ryan lehnte sich zurück. »Admiral, wenn die Russen in Duschanbe tun, womit wir uns bei Tea Clipper beschäftigen, müssen wir das unbedingt wissen. Wie sollen wir ahnen, wonach wir Ausschau zu halten haben, wenn man uns nicht sagt, wie diese Dinger aussehen?«

»Das sage ich schon lange.« Der Admiral lachte. »Aber da wird Judge Moore erst zum Präsidenten gehen müssen.«

»Gut, dann geht er eben zum Präsidenten. Was, wenn die Aktivität hier mit dem neuen russischen Abrüstungsvorschlag in Zusammenhang steht?«

»Vermuten Sie das?«

»Wer kann das sagen?« fragte Jack. »Mag ja nur ein Zufall sein. Aber ich glaube nicht an Zufälle.«

»Gut, ich werde mit dem Direktor reden.«

Zwei Stunden später fuhr Ryan in seinem Jaguar XJS, einem schönen Andenken an seine Zeit in England, nach Hause. Er liebte die seidenweiche Durchzugskraft des Zwölfzylinders so sehr, daß er seinen geliebten alten Golf außer Dienst gestellt hatte. Und wie es seine Gewohnheit war, verdrängte Ryan die Arbeit aus seinen Gedanken, schaltete hoch und konzentrierte sich aufs Fahren.

»Nun, James?« fragte der Direktor der CIA.