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Fliegen bedeutet der siebenundzwanzigjährigen Anna Riedl alles. Doch dann stürzt sie mit ihrem Kleinflugzeug ab und wird lebensgefährlich verletzt in die Sauerbruch-Klinik eingeliefert. Dort vertraut Dr. Peter Kersten die Patientin seinem neuen Kollegen Timo Haupt an. Er weiß, dass er sich auf den jungen Unfallchirurgen voll und ganz verlassen kann, auch wenn er spürt, dass diesen etwas belastet. Die schwierige OP verläuft gut, Annas Leben ist gerettet. Allerdings es ist fraglich, ob sie je wieder laufen oder gar fliegen kann. Timo Haupt macht sich heftige Vorwürfe: Hat er beim entscheidenden Schritt der Operation versagt, wie schon einmal bei einem anderen Patienten?
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Seitenzahl: 126
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Operation Lebensglück
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
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In der Notaufnahme beginnt eine Liebe, die stärker ist als jedes Schicksal
Von Caro Stein
Fliegen bedeutet der siebenundzwanzigjährigen Anna Riedl alles. Doch dann stürzt sie mit ihrem Kleinflugzeug ab und wird lebensgefährlich verletzt in die Sauerbruch-Klinik eingeliefert. Dort vertraut Dr. Peter Kersten die Patientin seinem neuen Kollegen Timo Haupt an. Er weiß, dass er sich auf den jungen Unfallchirurgen voll und ganz verlassen kann, auch wenn er spürt, dass diesen etwas belastet.
Die schwierige OP gelingt, Annas Leben ist gerettet. Allerdings es ist fraglich, ob sie je wieder laufen oder gar fliegen kann. Timo Haupt macht sich heftige Vorwürfe: Hat er beim entscheidenden Schritt der Operation versagt – so, wie schon einmal bei einem anderen Patienten?
Der Wind rüttelte an der kleinen Piper PA-28, was die angehende Berufspilotin Anna Riedl an eine Achterbahnfahrt aus ihrer Kindheit erinnerte. Damals hatte der Wagen ähnlich hin und her geschwankt, als er an Fahrt aufgenommen und die erste Kurve genommen hatte. Die Fahrt hatte damit geendet, dass sie sich in einen Mülleimer übergeben hatte, während ihr Vater ihr die Haare aus dem Gesicht gehalten hatte.
Doch nun befand sie sich nicht mehr auf dem Rummel, sondern in einem einmotorigen Leichtflugzeug, dreitausendfünfhundert Fuß, also gut eintausend Meter, über festem Boden. Diese geringe Höhe genügte bereits, damit die Welt unter ihr in einem milchigen Weiß verschwand, während über ihr bedrohliche graue Wolken hingen.
Das darf doch nicht wahr sein. Vor ihrem Abflug aus Memmingen, nahe München, hatte die Siebenundzwanzigjährige zweimal die Wettervorhersage geprüft. Südlich von Frankfurt war leichter Schneefall gemeldet worden, jedoch hatte es keine einzige Warnung vor Vereisung gegeben. Ganz zu schweigen von einer Sturmwarnung. Und trotzdem befand sie sich nun mitten in dem Unwetter.
Schneeflocken klatschten gegen die Cockpitscheibe und lösten sich im nächsten Moment zu glitzernden Schlieren auf. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus, und sie musste erneut an die Achterbahnfahrt denken. Zu Beginn war der Wagen steil bergauf gefahren, um gleich darauf in die Tiefe zu stürzen.
Anna schob das Steuerhorn leicht nach vorne. Sie spürte die Vibrationen der Turbulenzen durch ihre Handschuhe, was ihre Finger kribbeln ließ. Die Höhenruder reagierten träge. An der Flügelvorderkante hatte sich bereits ein dünner Reif aus Eis gebildet, der die Strömung störte und den Auftrieb minderte. Noch war das nicht kritisch, aber wenn sie falsch handelte, konnte das zu einem massiven Problem werden, über das sie besser nicht nachdachte, solange sie sich in der Luft befand.
»Ruhig bleiben«, murmelte sie sich selbst zu. »Einfach weiter atmen und entscheiden.«
Nie panisch werden, wenn der Himmel sich gegen dich stellt. Die Stimme ihres Vaters war in ihrem Kopf so deutlich, als säße er direkt neben ihr. Flugzeuge stürzen nicht wegen des Unwetters ab, sondern nur, wenn die Person im Cockpit Angst bekommt.
Anna atmete hörbar aus. »Okay.« Sie warf einen Blick auf das Navigationsdisplay. Bis Frankfurt waren es noch knapp fünfzig Kilometer. Die Distanz war schaffbar, wenn sie sich nur weiter konzentrierte und nicht in Panik geriet.
Trotzdem verfluchte sie sich innerlich, dass sie sich freiwillig für die Flugzeugüberstellung gemeldet hatte. Das Flugzeug musste dringend zur Jahresprüfung, und Frankfurt war die nächstgelegene zertifizierte Station für diesen Typ. Die Werkstatt hatte am Vortag noch einmal angerufen, um zu bestätigen, dass sie auf sie warteten.
Und es war wichtig, dass die Vereinsmaschine geprüft wurde. Nicht nur, da ohne gültige Wartungsfreigabe Flüge mit der Maschine nicht mehr erlaubt waren. Davon abgesehen konnte jeder noch so kleine Defekt, der unentdeckt blieb, in der Luft schnell lebensgefährlich werden.
Eigentlich hätte ihr Vereinskollege Ralf den Flug übernehmen sollen, doch seine Frau lag seit den frühen Morgenstunden in den Wehen, weshalb er sie verständlicherweise nicht allein lassen wollte.
Stattdessen hatte Anna übernommen, da sie ohnehin noch Flugstunden für ihre Berufspilotinnenlizenz sammeln wollte. Sie befand sich in der fortgeschrittenen Phase ihrer Ausbildung und besaß bereits eine Lizenz als Privatpilotin. Der Flug war daher als genehmigter Überland-Solo-Flug geplant gewesen, also eine ideale Gelegenheit, Verantwortung zu übernehmen und zu zeigen, dass sie auch anspruchsvollere Strecken allein meistern konnte.
Eine weitere Bö riss an der Maschine.
Anna schnappte erschrocken nach Luft. Ihr Blick huschte zum Horizontanzeiger, einem kleinen künstlichen Flugzeug auf dem Display. Das Gerät bildete den natürlichen Horizont nach und zeigte an, wie das Flugzeug in der Luftlage stand, also ob es stieg, fiel oder zur Seite kippte. Gerade bei schlechter Sicht oder wenn man sich in den Wolken befand, konnte das kleine Gerät zum Lebensretter werden.
In Annas Fall kippte der Horizontanzeiger gefährlich nach rechts. Sie korrigierte und gab leicht Gas. Der Propeller heulte auf. Gleichzeitig dröhnte das Motorengeräusch dumpf in ihrem Körper und ließ ihr Herz vibrieren.
»Wir haben es fast geschafft. Lass mich jetzt bitte nicht im Stich.« Es war Anna stets merkwürdig vorgekommen, wenn Piloten mit ihren Maschinen sprachen. Aber nun wurde ihr allmählich klar, was hinter dieser Angewohnheit steckte.
Solange man sich allein in der Luft befand, war das Flugzeug der einzige Verbündete, den man hatte. Sie musste nicht nur in ihre eigenen Fähigkeiten vertrauen, sondern auch in die Maschine. Denn nur gemeinsam würden sie diesen Flug überstehen. Wenn einer von ihnen aufgab, bedeutete dies unweigerlich auch das Ende des anderen.
Anna presste die Lippen fest aufeinander und konzentrierte sich darauf, die Piper weiter gerade zu halten. Da rauschte auf einmal das Funkgerät.
»Delta-Echo-Alpha-Lima-Romeo, hier Tower Frankfurt«, hörte sie die knisternde Stimme eines Fluglotsens über ihr Headset. »Sicht unter tausend Fuß.« Damit meinte er, dass die Sichtweite nur etwa dreihundert Meter betrug. In der Luftfahrt wurden Höhen in Fuß angegeben, damit weltweit einheitliche Angaben galten und es zu keinen Missverständnissen kam. »Melden Sie Ihre Position«, forderte sie der Fluglotse auf.
Anna sollte also ihren Standort melden, damit sie wussten, wo sie sich befand, falls sich die Situation weiter verschlechterte oder sie Hilfe brauchte. Anna griff zum Kartenhalter am Steuerknüppel, um die Koordinaten abzulesen.
Sie drückte auf den Knopf des Funkgeräts.
»Hier Delta-Echo-Alpha-Lima-Romeo, Position südlich Taunus, etwa fünf Kilometer westlich von ...« Ihre restlichen Worte gingen in einem Rauschen unter. Ein grelles Warnsignal piepste. Die Sinkrate war zu hoch.
Annas Herz blieb stehen. Eine Sekunde lang starrte sie auf das Warnsignal, unfähig, darauf zu reagieren. Sie verlor zu schnell an Höhe und befand sich zu knapp über dem Gelände. Vermutlich wegen der Vereisung, einem Strömungsabriss oder weil sie gegen den Wind ankämpfen musste. Womöglich auch wegen allem zusammen.
Wenn sie nicht sofort reagierte, würde sie abstürzen.
Endlich zog sie das Steuerhorn an sich, doch die Maschine reagierte nur träge. Der Höhenmesser fiel weiter.
Zweitausendfünfhundert Fuß.
Zweitausenddreihundert ... zweitausendeinhundert.
Der Schnee wirbelte immer dichter um sie herum und verwischte ihre Sicht zu einem undurchdringlichen weißen Nebel.
»Komm schon. Es ist nicht mehr weit.« Sie klopfte gegen das Armaturenbrett. Die Bewegung schenkte ihr etwas Zuversicht, auch wenn sie sich den Grund dafür nicht erklären konnte. Vielleicht erinnerte sie sie an ihren Vater, der ihr auf den Rücken geklopft hatte, nachdem sich ihr Magen nach der Achterbahnfahrt beruhigt hatte.
Doch die Piper schien sich von ihrer Geste nicht beeindrucken zu lassen. Denn die Kontrollleuchte für die Vergaservorwärmung blinkte mit einem Mal hektisch auf und warnte sie davor, dass sich Eis im Vergaser bildete.
Anna zog an einem kleinen Hebel am unteren Armaturenbrett. Dadurch wurde warme Luft aus dem Bereich um den Auspuff in den Vergaser geleitet, um so das Eis zu schmelzen, bevor der Motor ins Stottern geriet.
Trotzdem ruckelte der Motor kurz auf, was Anna einen gehörigen Schrecken verpasste, lief dann aber wieder stabiler.
Erleichtert atmete sie aus. »Gut gemacht.« Sie tätschelte erneut das Armaturenbrett in der irrsinnigen Hoffnung, dass ihr die Maschine dadurch weiterhin positiv gewogen war.
Das Adrenalin kribbelte weiter durch ihre Adern, weshalb sie Mühe hatte, klar zu denken. Obwohl es im Cockpit kalt war, schwitzte sie so sehr, dass ihre Kleidung unangenehm auf ihrer Haut klebte. Unwillkürlich wanderten ihre Gedanken erneut zu ihrem Vater. War es ihm ähnlich ergangen, als ...
Eine besonders heftige Bö traf die Maschine und warf sie zur Seite. Bevor Anna darauf reagieren konnte, schnitt ihr der Gurt in die Schulter.
Sie keuchte erstickt auf.
Der Horizontanzeiger überschlug sich beinahe. Ihr wurde schwindlig, aber sie versuchte dennoch, den Kurs abzufangen und die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen.
Sobald das Flugzeug wieder halbwegs ruhig war, sah sie sich hektisch um. Wo befand sie sich?
Anna sah auf den Kompass, doch die Nadel drehte sich wild im Kreis. »Nicht doch!« Der klassische Magnetkompass in Kleinflugzeugen wurde durch Flüssigkeit gedämpft und reagierte empfindlich auf Schwankungen, Neigung und Beschleunigung. Bei klarer Sicht war das zwar lästig, aber zumindest konnte man noch oben und unten voneinander unterscheiden.
Doch Anna sah nur eine weiße Wand vor sich, hinter der Horizont, Himmel und Boden nicht mehr zu erkennen waren. Sie hatte keine Ahnung, in welche Richtung sie flog. Gleichzeitig musste sie immer weiter gegen den Wind ankämpfen, der an der Maschine zerrte, als wollte er sie zu Fall bringen.
Ihre Kehle schnürte sich zu. Sie sah nicht, wohin sie überhaupt flog, und hatte völlig die Orientierung verloren. Durch die plötzliche Schwankung vorhin konnte sie sich auch nicht mehr auf ihren Gleichgewichtssinn verlassen, da ihr Innenohr womöglich falsche Signale sendete. Ohne sichtbaren Horizont konnte das Innenohr nicht mehr zwischen aufwärts, abwärts oder Kurvenflug unterscheiden. Das Gehirn glaubte, man flöge geradeaus, obwohl das Flugzeug tatsächlich kippte oder sank. In so einer Situation verloren viele Piloten die Kontrolle.
Schau auf die Instrumente. Vertrau den Zahlen. Die Stimme ihres Vaters war wieder deutlich zu hören. Tränen brannten in ihren Augen. Was hätte sie nicht dafür gegeben, wenn er jetzt bei ihr hätte sein können. Gemeinsam hätten sie den Weg aus diesem Sturm gefunden.
Konzentrier dich auf die Zahlen.
Der Höhenmesser sank soeben auf tausendachthundert Fuß.
Ein weiterer Alarmton ertönte und warnte sie vor, dass sie sich gefährlich nahe über dem Boden befand. Allerdings konnte sie durch den Schnee nicht erkennen, ob sich das Gelände unter ihr für eine Notlandung eignete.
Reflexartig riss sie das Steuerhorn nach oben. Der Motor heulte auf, das Flugzeug vibrierte beängstigend laut.
Dann knallte es. Etwas stieß heftig gegen ihren Rücken. Ein brennender Schmerz schoss durch ihren Körper.
Annas Kopf knallte gegen das Steuerhorn. Sie glaubte, wieder die Stimme ihres Vaters zu hören, doch er war zu weit entfernt, als dass sie seine Worte verstanden hätte.
***
Dr. Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme der Sauerbruch-Klinik, ließ sich seufzend mit einer Tasse Kaffee auf das Sofa im Bereitschaftsraum sinken. Er sah auf seine Uhr. Ausnahmsweise war er etwas zu früh dran für seine Verabredung mit seiner Lebensgefährtin Dr. Lea König. Sie arbeitete als Kinder- und Jugendpsychologin in der Klinik, weshalb sie es sich zur Gewohnheit gemacht hatten, sich im Bereitschaftsraum zu einem späten Frühstück zu treffen, wenn es denn die Zeit erlaubte.
Es war früher Vormittag, und bislang war die Schicht ruhig verlaufen. Wenn es nach ihm ging, konnte es für den Rest des Tages so weitergehen, da er auch ohne Notfälle genug zu tun hatte.
Auf seinem Schreibtisch stapelten sich schon wieder unzählige Bestellformulare für Medikamente und medizinisches Gerät, die er absegnen musste. Ganz zu schweigen von den Zeitaufzeichnungen seines Teams, die er sichten und freigeben sollte.
Ohne sich die Aufzeichnungen anzusehen, wusste er bereits jetzt, dass er bei der nächsten Besprechung wieder betonen musste, Überstunden abzubauen und den angestauten Urlaub zu verbrauchen. Ansonsten würde ihm Emil Rohrmoser, der Verwaltungsdirektor der Klinik, einen weiteren Vortrag über Budget, Personalkosten und gesetzliche Vorschriften halten.
»Ist der Kaffee nicht gut?«
Peter blickte auf. Vor ihm stand Dr. Timo Haupt, ein junger Unfallchirurg, der von München nach Frankfurt versetzt worden war. Die Gründe für diesen Wechsel waren Peter nicht ganz klar, es war lediglich die Rede davon gewesen, dass Timo aus privaten Gründen darum gebeten hatte.
Er hatte den jungen Kollegen jedoch bewusst nicht darauf angesprochen. Private Dinge sollten auch privat bleiben, wenn jemand nicht darüber sprechen wollte. Timo schien ohnehin nicht der Typ zu sein, der viel über sich erzählte. Zumindest hatte Peter in den vergangenen Wochen kaum etwas über den jungen Chirurgen erfahren, das nicht bereits in seinem Lebenslauf aufgezählt wäre. Aber vielleicht gehörte er einfach zu jenen Personen, die sich mit persönlichen Anekdoten zurückhielten.
Dafür sprachen seine ausgezeichneten Referenzen umso mehr für ihn. Der Dreißigjährige galt bereits als brillanter Operateur und hatte in München einige schwierige Fälle lösen können.
Timo ließ sich auf dem gepolsterten Stuhl ihm gegenüber sinken. Er deutete mit dem Kinn auf die Tasse in Peters Händen.
»Du hast nur das Gesicht so verzogen, als wäre der Kaffee bitter«, fuhr Timo fort, als Peter nicht antwortete. Dabei hob er seine eigene Tasse hoch. »Ich wollte nur wissen, worauf ich mich einlasse.« Der junge Chirurg lächelte schief.
Peter schüttelte den Kopf. »Ich war nur in Gedanken. Mit dem Kaffee ist alles in Ordnung.« Demonstrativ nahm er einen Schluck.
Zwischen ihnen breitete sich Schweigen aus, was Peter jedoch nicht als unangenehm empfand. Dadurch hörte er allerdings, wie es leise gegen die Fensterscheibe klopfte. Er wandte sich halb zum Fenster um. Draußen wirbelten Schneeflocken unkontrolliert durch die Luft, während graue Wolken eine dichte Wand über dem Himmel bildeten. Peter runzelte die Stirn.
»Das Wetter ist schlechte als heute Morgen angekündigt«, sagte Timo, der Peters Gedanken offensichtlich erraten hatte.
Er wollte gerade etwas erwidern, da vibrierte sein Pager in der Kitteltasche. Peter warf einen Blick auf das kleine Display. Traumaalarm – RTH Anflug / Flugzeugabsturz – eine Patientin, Polytrauma – ETA fünf Minuten.
Der Pager konnte nur eine begrenzte Textlänge anzeigen, weshalb die Nachrichten immer so kurz wie möglich gehalten wurden. Die Nachricht mochte emotionslos wirken, aber dafür war die Bedeutung hinter den Zeilen umso schwerwiegender. Offenbar war eine Frau bei einem Flugzeugabsturz schwer verletzt worden, ein Rettungshubschrauber würde die Patientin in etwa fünf Minuten zu ihnen bringen.
Peter und Timo sprangen beinahe zeitgleich auf. Der junge Chirurg hielt seinen Pager in der einen und den Kaffee in der anderen Hand. »Wir müssen sofort in den Schockraum«, wies Peter an.
Timo nickte und stellte seine Tasse hastig ab, Kaffee schwappte auf den kleinen Couchtisch, aber darum konnten sie sich jetzt nicht kümmern. Gemeinsam eilten sie hinaus in den Flur und dann weiter Richtung Schockraum.
Auf dem Weg dorthin legte sich ein dumpfer Druck auf Peters Brust, eine Mischung aus Konzentration und Sorge, die ihn stets begleitete, wenn eine schwerverletzte Person angekündigt wurde. Sie mussten schnell handeln, durften aber gleichzeitig nichts übersehen und keinen Fehler machen. Dafür stand einfach zu viel auf dem Spiel.
Deshalb bereitete sich Peter mental auf den Eingriff vor. Verglichen mit Autounfällen, Stürzen und Bränden war bei einem Flugzeugabsturz nie ganz klar, was einen erwartete. Bei dem Aufprall konnten nicht nur Knochen verletzt werden, sondern ganze Strukturen. Meistens hatte man es nicht nur mit einer Verletzung zu tun, sondern gleich mit mehreren Frakturen, Blutungen und Quetschungen. Peter rechnete jedenfalls mit einem instabilen Becken, inneren Blutungen und einer Patientin im Schockzustand.
Falls die Frau im Schnee gelegen hatte, drohte zusätzlich Unterkühlung, die den Kreislauf noch schneller zusammenbrechen ließ. Außerdem machte sie jede Blutung gefährlicher, da das Blut bei Kälter schlechter gerann.
Atemwege sichern. Kreislauf stabilisieren. Blutverlust stoppen.
