6,99 €
Was würde einen heute älteren Menschen erwarten, wenn er noch weitere zwanzig Jahre leben würde? Wie würde die politische Landschaft lokal und weltweit aussehen, insbesondere die machtpolitische? Wie werden die Menschen dann in zwanzig Jahren miteinander verkehren, friedfertiger, sozialer oder das Gegenteil, noch egoistischer, noch rücksichtsloser als in der heutigen Zeit? Wir verfolgen das Leben eines dannzumal 105.jährigen, der sehr selbstbewusst, mit hintergründigem Humor und wachem Geist das Geschehen um ihm herum wahrnimmt. Um auf dem Laufenden zu bleiben, verweigert der Mann hartnäckig moderne Kommunikationsmedien zu konsultieren, er liest nur täglich sehr ausgiebig Tageszeitungen. Als ehemaliger Zeitungsredaktor und Journalist glaubt er, sich das schuldig zu sein. Schlussendlich findet der seit langem als Wittwer lebende Greis noch seine grosse Liebe, die ihn und sie glücklich macht. Beiläufig passiert im Alters- und Pflegeheim gehobenen Stils, das sich Residenz nennt, ein Mord, der erst ganz am Ende der Geschichte aufgelöst werden kann.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2026
HERMANN GRABHER
Der Zeitungsleser
ROMAN
© 2026 Hermann Grabher
ISBN
Softcover
978-3-384-83272-6
ISBN
Hardcover
978-3-384-83273-3
ISBN
E-Book
978-3-384-83274-0
Druck und Distribution im Auftrag des Autors durch:
tredition GmbH
Heinz-Beusen-Stieg 5
D-22926 Ahrensburg
Das Werk, einschliesslich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für den Inhalt ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:
Hermann Grabher
Kobelstrasse 3
CH 9442 Berneck (St.Gallen)
Kontaktadresse nach EU-Produktions-Sicherheitsverordnung:
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
1 Kaspar Kern feiert Geburtstag
2 Kaspar Kerns Augenstern
3 Eine Nacht des Schreckens
4 Viel Action an diesem Morgen
5 Die unheilige Familie
6 Samstagabend
7 Sonntag
8 Spital
9 Emotionen
10 Im Mittagsschlaf gestört
11 Zwischen Abendbrot und Abendgebet
12 Dienstag Aktivitäten
13 Verdächtigungen
14 Besinnliches und Sportliches
15 Spitalbesuch
16 Tagesausklang
17 Konkurrenzgebaren
18 Kern erfährt bislang Unbekanntes
19 Die Direktorin
20 Schach und andere Spiele
21 Unerfreuliche Tatsachen
22 Zeitungsschlagzeilen und leere Wohnung
23 Reha
24 Desaster und neue Perspektive
25 Übersicht gewinnen
26 Das Korn im Strohhaufen finden
27 Das Ende einer Ära
28 Frohe Weihnachten
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
1 Kaspar Kern feiert Geburtstag
28 Frohe Weihnachten
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
138
139
140
141
142
143
144
145
146
147
148
149
150
151
152
153
154
155
156
157
158
159
160
161
162
163
164
165
166
167
168
169
170
171
172
173
174
175
176
177
178
179
180
181
182
183
184
185
186
187
188
189
190
191
192
193
194
195
196
197
198
199
200
201
202
203
204
205
206
207
208
209
210
211
212
213
214
215
216
217
218
219
220
221
222
223
224
225
226
227
228
229
230
231
232
233
234
235
236
237
238
239
240
241
242
243
244
245
246
247
248
249
250
251
252
253
254
255
256
257
258
259
260
261
262
263
264
265
266
267
268
269
270
271
272
273
274
275
276
277
278
279
280
281
282
283
284
Der Stock, mit dem ich euch schlage, sind meine Worte
1 Kaspar Kern feiert Geburtstag
Kaspar Kern feiert Geburtstag. Der Mann ist an diesem Freitag, 1. September 2045, 105-jährig. Peter Pan, der Gemeindepräsident des Ortes, macht im Namen der Gemeindebehörde seine Aufwartung in der Seniorenresidenz Golden Ager. Pan überbringt dem Jubilar eine Grussbotschaft samt Blumen und guten Wünschen für weiterhin beste Gesundheit. Peter Pan heisst eigentlich Petar Panatschikov, was auf seine russische Abstammung hindeutet. Weil der Nachname für viele Bürger zu kompliziert ist, verwendet er eine Abkürzung. Seniorenresidenz Golden Ager? Ja, Residenzen nennen sich heute jene Häuser bevorzugt, die früher als Alters- und Pflegeheime bezeichnet wurden. Der Grund ist der Mainstream, der in den letzten Jahren zunehmend befand, dass dem Wort Heim ein eher negativer Touch anhänge, so in Richtung Anstalt. Eine Stätte eben für Menschen, die man lieber aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit weghaben möchte. Und ausserdem: Begriffe in einer anderen Sprache als deutsch wurden in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend bevorzugt, prioritär englisch. Insbesondere die Jungen lieben diese Sprache, die Älteren weniger, die sehr Alten eher nicht. Seit Jahren ist es behördliche Pflicht, schon in der Grundschule Englisch-Unterricht anzubieten. Und die Kinder lassen sich von diesem Englisch noch so gern umgarnen, ganz im Unterschied zu diesem vermaledeiten Französisch, das in diesem Land westlich des Röstigrabens gesprochen wird. Französisch? MON DIEU, diese Aussprache, diese Grammatik! In Folge dieser ersten Englisch-Dusche ahnen die Jugendlichen zumindest im weitesten Sinn, was die Song-Interpretinnen zur aktuell beim Volk beliebtesten Musik als Beiklang dazu schreien. Immer vorausgesetzt, dass diese Musik wirklich als Musik bezeichnet werden kann, was nicht wenige Alte in Frage stellen.
Kaspar Kern bedankt sich mit eher zurückhaltenden Worten für die Aufwartung des Gemeindeoberhaupts. Er meint in seiner für ihn typischen Art, die eine kritische ist, dass dieser Besuch nicht notwendig gewesen wäre. Der Gemeindevorsteher habe hiermit wohl seine kostbare Zeit für etwas sehr Nebensächliches vergeudet. Damit habe Peter Pan diese Zeit nicht für Prioritäres seines Pflichtenheftes nützen können.
Diese Worte formuliert Kern nicht aus einer Position der Bescheidenheit heraus, sondern sie sollten wohl eher als eine Art Rüge aufzufassen sein. Kern unterscheidet stets zwischen Wichtigem und Unwichtigem im Leben. Der Mann gibt sich selbst an seinem Jubeltag nicht anders als so wie immer, alles und jegliches kritisch zu hinterfragen. Es ist eine Art verbohrte Sturheit, allerdings nicht ohne eine Prise Liebenswürdigkeit und hintergründigem Humor begleitet, je nach Gemütslage mehr oder weniger. Hat aber nichts mit Altersdemenz zu tun, vielleicht eher das Gegenteil.
Kern spricht den Herrn Gemeindevorsteher bei dieser Fünfminutenfeier nicht in der Höflichkeitsform an, als Herr Gemeindepräsident Pan, sondern mit seinem Vornamen Peter. Denn Kern kennt den Mann schon seit dieser noch Windeln um seinen damals kleinen Allerwertesten trug. Seine Geburt fand nach Kerns Pensionierung statt. Pans Familie und seine wohnten einst einen Steinwurf voneinander entfernt an der gleichen Strasse im Ort. Pans Vater war ein russischer Dissident, der noch vor der Jahrtausendwende Abschied von seinem Heimatland nehmen musste. Einmal hatte ihm dieser Peter als Bub einen Streich gespielt, der noch immer wie ein lästiger Stachel in Kerns zwischenzeitlich immer noch dünner werdenden Haut steckt: Der kleine Bengel hatte damals in Kerns Garten einen Haufen mit dürrem Astmaterial angezündet, den Kern als Igelbehausung im Herbst aufgeschichtet hatte. Immerhin war noch kein Igel im Bau. Der Alte kann hartnäckig nachtragend sein! Er sagt, man möge dies nicht als eine negative Charaktereigenschaft auffassen. Weil es sich um eine impulsiv auftretende Anwandlung handle, nicht willentlich gesteuert. Es schalte sich jeweils sein gut entwickelter Gerechtigkeitssinn ein, von seinem noch immer proper funktionierenden Hirn her ausgelöst.
Kern gibt zu, fallweise ein komplizierter Mensch zu sein. Allgemein betrachtet sei er aber durchaus einfach gestrickt und er entscheide sich bei zwei Lösungen meist für die weniger komplizierte.
Die Verabschiedung des Gemeindeammanns durch den Jubilar erfolgt unter den gegebenen Umständen nüchtern und kurz. Peter Pan zuckt die Achsel, murmelt: «Du liegst schon richtig, hoch geachteter Kaspar, Zeit ist Geld! War wohl nie wichtiger als heute. Diesbezüglich hat uns die KI-Ära wirklich nicht weitergebracht! Vielleicht noch eher das Gegenteil!»
Kaspar Kern nennt solche Sätze Floskeln, die man von sich gibt, wenn man sich dem Ende einer Diskussion nähert und man sich nichts weiteres mehr zu sagen habe.
Kern verdiente sein Brot einst als Journalist. Redaktor nannte man den Beruf zu seiner Zeit, allenfalls Reporter. Kern behielt seine Tätigkeit noch drei Jahre über sein Pensionsalter hinaus, weil er einerseits seinen Beruf liebte und andererseits schlecht loslassen konnte. Kern verbrachte sein Berufsleben lang treu bei ein und derselben Zeitung, einem parteiunabhängigen Blatt mittlerer Auflagenstärke. Kerns Zeitungsartikel wurden damals bevorzugt gelesen, nach dem Motto: Kern liest man gern. Diese waren gut recherchiert und süffisant geschrieben. Kern schrieb so, wie sein Hirn ausgerichtet war, das auch heute noch immer unverändert gleich tickt. Kern galt schon damals als eher sperriger Typ, der geradezu manisch glaubte, alles hinterfragen zu müssen. So ohne Grund wird man nicht Zeitungsschreiber.
Kaspar Kern dankt seinem Herrgott täglich am Morgen für seinen nach wie vor hoch intakten Hippocampus, sein Gedächtnisnetzwerk. Noch immer kann er sich auf jenes verlassen, was in seiner oberen Stube eingelagert ist und was jederzeit wie wohl geordnete Schubladen herausgezogen werden kann. Kerns einzige Einschränkung ist das nachlassende Namensgedächtnis bei Personen. Kern findet diesen seinen zunehmend auftretenden Mangel
beschämend, peinlich. Körperlich ist der Mann noch immer einigermassen auf der Höhe – kein Gehstock, kein Rollator, kein Wank. Altersbereinigt betrachtet ist sein Zustand bemerkenswert. Dies nicht zuletzt auch als Folge ärztlicher Kunst, denn sowohl die beiden Knie- wie auch die beiden Hüftgelenke sind aus Titan, schon vor vielen Jahren ausgewechselt.
Jetzt, 37 Jahre nach der Quittierung des Berufslebens, liest kaum jemand mehr eine Zeitung in Papierform. Alles ist elektronisch. Die Gründe dieses Wandels muss man nicht explizieren, jeder kennt sie. Kaspar Kern verabscheut diesen Zustand, doch auch er weiss, ändern lässt er sich nicht. Ob als stiller Protestschrei oder nicht, Kern liest täglich mehrere Zeitungen, alle ausschliesslich in Papierform, keine elektronisch, obwohl auch er nicht ohne Handy und PC auskommt. Kern sagt, allein schon das Rascheln des Zeitungspapiers beim Umblättern erzeuge eine erotische Wirkung. Keine Ahnung, was er damit meint. Ein Kollege, Hobby-Psychologe, sagte einst, dass er wohl unter einem Trauma leide, das er nicht abstreifen könne. Trauma welcher Art, bitte? Das Fazit eines anderen Kollegen lautete knapp und trocken: Kern hat einen Knall. Auch in diesem Fall stellte sich die Frage, was mit dem Wort Knall gemeint sei. Insbesondere die Titel, die Überschriften, die über den Zeitungsartikeln prangen, haben es Kern angetan. Er analysiert jede einzelne Schlagzeile exakt, professionell, stellt sie in Bezug zum nachfolgenden Text. Kerns Ansicht ist, dass die Überschriften viel über den IQ-Status des Schreibers aussagen würden. Nach seiner Ansicht gebe es grundsätzlich nur zwei Sorten von Headlines, nämlich sehr gute, von denen leider wenige, und sehr schlechte, davon mehr. Der Rest sei tumbes Mittelmass, besser zu überfliegen statt zu sezieren. Doch Kern gibt zu bedenken, dass jedem Zeitungsschreiber nie viel Zeit zum Überlegen gewährt werde, alles müsse schnell geschehen, meist unter Termindruck, was eben nicht immer das beste Resultat bewirke. Und heute gelte noch immer, was schon gestern und vorgestern galt: Was heute passiert, steht morgen im Blatt. Dies werde nie zu ändern sein.
Wie immer gibt es täglich vieles, worüber sich Kaspar Kern in der heutigen Zeit wundert, was ihm Sorgen bereitet, ihn auch aufregen kann. Solches, an dem er schon zu seiner Aktivzeit Anstoss nahm, und anderes, das nach seiner Ansicht gerade jetzt gegen Mitte des 21. Jahrhunderts mehr oder weniger aus dem Ruder zu laufen scheine.
Das heutige, das aktuelle Beispiel ist nach Kerns persönlicher Wahrnehmung bei ihm nur zu oft wiederkehrend: Noch immer verharrt das Pensionsalter in der Schweiz bei 65 Jahren, für Männer wie für Frauen. Dies, obwohl die durchschnittliche Lebenserwartung stetig in einer steilen Kurve ansteigt – moderne Medizin und zunehmend bewusst gewählte gesunde Lebensgestaltung sei Dank. Andererseits ist die Proportion von Erwerbstätigen, jenen Menschen, die in die Alters- und Hinterbliebenenversicherung, die AHV einzahlen, gegenüber der Masse an Rentenbezieherinnen, aus dem Gleichgewicht geraten. Wie sollte man diese Unbalance wieder ins Lot bringen? Die Linken im Parlament wehren sich dagegen, das Rentenalter zu erhöhen. Die Rechten im Parlament wehren sich gegen die laufend höher werdenden Zuschüsse aus dem Bundeshaushalt, die notwendig sind, um zu verhindern, dass die AHV pleitegeht.
Kaspar Kern erinnert sich, dass schon vor dreissig Jahren immer wieder Mahner auf die Gefahr einer Unterfinanzierung der AHV hinwiesen, die aber in der Tat lange nicht stattfand. Weil die stete Zuwanderung von neuen Arbeitskräften aus dem Ausland das Manko egalisierte. Doch die Zeiten änderten sich seither aufgrund der geopolitischen Weltlage. Der Zuzug junger, arbeitsfähiger Ausländer ist abgeflaut, der Schweizer Arbeitsmarkt aus unterschiedlichen Gründen weit nicht mehr so attraktiv wie einst. Der Redlichkeit halber – darauf legt Kern Wert - ist zu sagen, dass ihn dieses spezielle Thema allerdings und vielleicht sogar vornehmlich noch aus einem anderen Grund beschäftigt, einem persönlichen nämlich: Ihm ist bange, dass die Rentenzahlungen dereinst einmal versiegen könnten, oder zumindest gekürzt würden, er dadurch zu einem Sozialfall verkommen könnte. Und mit ihm Abertausende andere Menschen dieses Landes, allesamt ebenfalls rechtschaffen wie er. Die Realität ist bitter genug: Sein Erspartes wird bald aufgebraucht sein. Der Aufenthalt in der Residenz ist kostspielig, wenngleich die Direktorin permanent jammert, die Kosten würden aus dem Ruder laufen und eigentlich müsste die Residenz die Gebührenansätze anheben, was allerdings die Pensionäre und Pensionärinnen auf die Barrikade bringen könnte. In Kerns Lebenskalkulation war nicht vorgesehen, ein solch hohes Alter zu erreichen.
Ach ja, auch die Direktion des Hauses macht seine Aufwartung aus Anlass von Kerns Geburtstag. Die Frau Direktor Alice Hürlimann gratuliert und übergibt ein Blumengebinde und ein Geschenkpaket an Kern. Er weiss genau, was sich im sorgfältig verpackten und mit einer bunten Schleife umschnürten Päckchen befindet, weil das Geschenk in den letzten zehn Jahren stets unverändert das gleiche war: Spezialkosmetik zur Regeneration der Haut – Antiwrinkling Creme! Ab dem 95. Geburtstag ist dies das fantasievolle Präsent des Hauses für jeden, jede, der oder die das Glück hat, es erleben zu dürfen. Und Kern kennt auch den stets identischen Spruch der Hürlimann: «Damit Sie sich auch im neuen Lebensjahr weiterhin an Ihrer Gesundheit, ihrem frischen Aussehen erfreuen können!» In Kerns Toilettenkästchen stehen alle zehn Antiwrinkling Cremen noch unberührt. Eigentlich hätte er sie schon längst entsorgen sollen, denn sie nehmen jenen Platz ein, der eigentlich für Wichtiges gebraucht würde. Der Grund, weshalb Kern die Cremen nicht anwendet, ist einfach erklärt: Er ist der Ansicht, dass seine Gesichtsfalten ausschliesslich Lachfalten seien. Und diese wiederum würden zur Gestaltung seines positiven Gesichtsausdruckes sehr wesentlich beitragen. Ergo: Hätte er diese Creme benützt, er vielleicht eine geglättete Visage erreicht hätte zum Preis, dass er seiner positiven Ausstrahlung verlustig gegangen wäre. Und seinen Allerwertesten wollte Kern damit auch nicht einschmieren, wie ihm Karl, sein Zimmernachbar, empfahl, weil dieser wahrscheinlich exakt gleich schrumpelig sei wie der seinige. Kern winkte ab mit dem Gegenargument, dass in den letzten zwanzig Jahren niemand seinen Hintern zu Gesicht bekommen habe, ausser vielleicht sein Hausarzt beim Hämorriden-Check.
2 Kaspar Kerns Augenstern
Kaspar Kern freut sich täglich auf jede Mahlzeit im gediegenen Restaurant der Residenz Golden Ager. Der Grund ist nicht die zu erwartende Gaumenfreude – sein Appetit hält sich in Grenzen, sondern der Umstand, dass am gleichen Tischchen für zwei Personen eine weibliche Person die Zeit mit ihm teilt. Es ist jene Frau, die er gerne sieht, sie heisst Ivana Stern. Die Dame ist nahe siebzig, jünger aussehend, sehr hübsch. Ihre auffallend glatte, faltenlose Haut ist beeindruckend, ihre dunkeln Augen sind strahlend, ihr schwarzes Haar ist eine Fülle. Die Tragik in ihrem Fall ist, dass sie im Rollstuhl sitzt, aus diesem Grund in vielen Lagen des Lebens auf fremde Hilfe angewiesen ist.
Wer meint, Siebzigjährige seien alt, sollte seine Meinung wohl relativieren. Kaspar Kern ist fünfunddreissig Jahre älter! Kern könnte somit mit Leichtigkeit der Vater von Frau Stern sein, biologisch betrachtet sogar der Grossvater. Sie beide – Kaspar und Ivana - sind sich inzwischen ziemlich nahe, nicht körperlich, ausschliesslich auf der mentalen, der geistigen Ebene. Die Liebe, oder vielleicht realitätsnäher ausgedrückt, die gegenseitige Zuneigung ist platonisch, wie nicht anders erwartet werden kann bei einem Greis in der letzten Phase seines Lebens und einer körperlich beeinträchtigten weiblichen Person. Kaspar und Ivana sprechen sich mit dem Vornamen und in der Höflichkeitsform an. «Kaspar, würden Sie mir bitte freundlicherweise die Butter reichen…». Dies ist eine Auffälligkeit in einer Zeit in unserer Welt, in der man sich vornehmlich duzt. In der Tat ist es eine abnorme Besonderheit, die aus dem Rahmen fällt, ein Anachronismus, den beide, sie wie er, bewusst zelebrieren. Sie beide haben es nicht so mit neuzeitlichen Strömungen.
Ivana Stern stammt aus Deutschland, ihre Familie kommt eigentlich ursprünglich aus Ostpreussen, heute Polen, sei, wie man allgemein vernimmt, jüdischen Glaubens. Dass Ivanas Vater einst den Holocaust überlebte, war eine Verkettung mehrerer glücklicher Umstände, vielleicht noch eher ein Wunder oder sogar mehrerer. Ivana spricht Schweizerdeutsch mit einem schwäbischen Akzent, was Kaspar sonderbarerweise hochattraktiv findet. Die Frau lebt schon seit Jahrzehnten in der Schweiz, ist mit einem Mann verheiratet, der Doppelbürger ist: Schweizer und Israeli. Ivanas Mann lebt sein eigenes Leben seit ihrem Unfall mit gravierenden Folgen, auf Distanz zu ihr, hat sich weitgehend von ihr verabschiedet. «Was soll ich bitte mit einer gelähmten Frau anstellen!» Geschieden sind sie nicht, Herr und Frau Stern. Niemand kann sich erinnern, dass der Ehemann seine Angetraute Ivana je in der Residenz Golden Ager besucht hat. Dabei wohnt sie schon seit 5 Jahren in diesem Haus.
Ivana Stern war Ärztin, eine Spezialistin auf dem Gebiet der Reproduktions-Medizin. Der Fachbegriff lautet In-Vitro-Fertilisation. Rückblickend ist sie stolz auf das Resultat ihrer Arbeit: Sie hat hunderten Kindern zum Leben verholfen, hunderte Eltern glücklich gemacht. Sie sagt, dass dies ihre Ersatzleistung an den Reproduktionsmechanismus der Natur sei, weil sie keine eigenen Kinder geboren habe.
Kaspar Kern liebt nicht nur Ivanas attraktives Äusseres, mindestens ebenso so wichtig ist ihm ihr Intellekt, ihr Allgemeinwissen, vor allem aber ihr konziliantes Wesen. Ivanas diesbezügliche Meinung ist allerdings gespalten. Ihre Erfahrung sei, so sagt sie, dass Intelligenz nicht immer der Schlüssel zum Glück sei. Im Fall des Verhältnisses zu ihrem Gatten zum Beispiel sei sie, die Intelligenz, im Gegenteil ein entscheidender Fallstrick gewesen, wenngleich auch ihr Gatte alles andere als ein Dummkopf sei, doch zugegebenermassen ohne Wenn und Aber ihr intellektuell unterlegen. Männer würden solches nur schlecht ertragen können, meint Ivana aufgrund der Erfahrung ihres Lebens.
Kern erliegt nicht der Versuchung auf diesen Hirnschmalz-Challenge aufzuspringen. Er ist überzeugt, dass er in einem entsprechenden Wettstreit mit Ivana abfallen würde. Der Vergleich eines Homo Normalo mit eher bescheidenem Schulrucksack gegen eine hoch dekorierte Wissenschafterin würde für Ersteren in jedem Fall zu seinen Ungunsten ausgehen. Weshalb sich in Bescheidenheit zu üben, die vernünftigere Option sei.
Für Kern scheint es, als hätte sich Ivana einstweilen mit ihrer körperlichen Behinderung arrangiert. Sie beklagt sich nie. Ihre Resilienz wird von allen innerhalb der Residenz – Mitbewohner wie Pflegende - bewundert. Ihr Motto lautet: Sich nicht unterkriegen lassen, den Augenblick geniessen, so wie er ist, das Positive aufnehmen, das Negative ausblenden!
Was Kaspar Kern anbelangt, möchte Ivana Stern nicht viele Worte verlieren. «Er ist ein patenter, liebenswürdiger Mensch mit natürlicher Empathie - mir gegenüber! Allgemein ist er etwas kratzbürstig, ja, manchmal sogar aufmüpfig, weil er mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn ausgestattet ist. Aber gerade auch diesen Charakterzug liebe ich an ihm», sagt sie. «Sein Hippocampus ist der Wahnsinn! Und ja, er ist ein attraktiver Mann – ein ausgesprochen charmanter Herr gesetzten Alters!»
Kern sinniert: «Ist schon höchst eigenartig, dass es dumme und gescheite Menschen gibt. Und alles ist eigentlich weitgehend Zufall, weil Vererbung!»
Ivana lächelt. «Der Mensch verfügt über etwa zwanzigtausend proteinkodierte Gene und bei 99,9 Prozent der Menschen sind die Gene identisch. – Und doch sind die Individuen so krass unterschiedlich!»
Kern: «Ist das viel oder wenig, zwanzigtausend Gene?»
Ivana: «Das ist erstaunlich wenig. Ein Wasserfloh hat dreissigtausend, ein Kohlkopf hunderttausend!»
Eines scheint festzustehen: Kern ist in Ivana verliebt. Ob auch Ivana in Kaspar verliebt ist, das weiss niemand so genau, selbst Kaspar weiss es nicht, weil sich die Frau diesbezüglich bisher noch nie dezidiert ausgedrückt hat. Unabhängig davon hat Frau Stern nahezu unbegrenztes Vertrauen in Kern. Abends, wenn sie im Bett liegt und nicht einschlafen kann, weil sie vielleicht von Schmerzen geplagt ist, oder von unguten Gedanken getrieben, greift sie zum Telefon und bittet Kaspar um Gesellschaft. Dann setzt sich der Mann geduldig auf einen Stuhl neben das Bett seines Augensterns, hält Ivanas Hand und summt altbekannte Kirchenlieder. Er summt, weil er der Ansicht ist, zu wenig schön singen zu können, seine Stimme ist in den letzten Jahren etwas brüchig geworden. Und Kirchenlieder sind es, nicht weil er besonders fromm ist, sondern weil er diese seit seiner Kindheit kennt und die Texte und die Melodien in der Zwischenzeit nie geändert haben. Andere Lieder wären ihm auch gar nicht geläufig, weil er in der Musikszene nicht zuhause ist.
Kaspar Kern richtet mit seinen Fingern den Geburtstags-Blumenstrauss, der in der Mitte des Tisches in einer Vase steht. «Er hat etwas gelitten im Laufe dieses Tages!» Kern ist für Ordnung, wie die meisten Menschen, die im Sternzeichen der Jungfrau geboren sind.
Noch vor dem abschliessenden Dessert berichtet Kern Neuigkeiten in einer Form an Stern, die einem Rapport auf professionellem Level nicht unähnlich sind: «Was ich heute gelesen habe: Die Amerikaner haben den Beschluss gefasst, die beiden grossen Parteien zu einer Einheitspartei zu fusionieren. Sowohl der Senat wie auch das Repräsentantenhaus stimmten dafür! In Zukunft wird es keine Republikaner und keine Demokraten mehr geben, sondern nur noch die alles umfassende America First Party- Wenn das nicht die Bombe des Tages ist!»
Ivana Stern verzieht den Mund. «Nun sind sie so weit, wie wir früher mit der Sowjetunion oder der DDR waren, und noch immer mit der Volksrepublik China sind. Die Saat geht auf, die einst der republikanische US-Präsident Donald Trump in seiner zweiten Amtszeit 2024 bis 2028 gesät hat. Er war der wohl eigenartigste Präsident, welcher die Vereinigten Staaten je zu erdulden hatten. Zusammen mit seinem Vize Vance kam es zu Fehlentscheidungen am laufenden Band. Diese führten schliesslich zum zwischenzeitlichen Niedergang der USA und ruinierte die Weltwirtschaft zumindest vorübergehend. Dabei verkaufte sich Donald der Narziss als unfehlbarer Retter der Nation, als Befreier allen Übels und als Friedensfürst! Alles ist noch vor meinen Augen, als wäre es gestern passiert, weil es so bizarr war!»
«Der Mann ist nicht alt geworden. Sein tadellos sitzender Anzug, seine meist rote Krawatte, sein goldenes Besteck in seinem Luxusanwesen Mar al Lago nützten ihm nichts, als er an der Himmelstür anklopfte und um Einlass bat! Irdische Pracht ist vergänglich, wie irdische Macht! Das musste auch Vladimir Putin erfahren, jener Herrscher, der Russland in der gleichen Epoche ins Elend trieb!»
«Und noch viele andere Wahnsinnige seiner Zeit mehr!»
«Nicht jeder wird hundertfünf!»
Kaspar Kern lächelt. «Ivana, ich erzähle Ihnen hiermit einmal mehr eine Geschichte, die sich wirklich zugetragen hat. 2025 fand die Auslosung der Partien der Fussball-Weltmeisterschaft 2026 in den Vereinigten Staaten, in Kanada und Mexiko statt. Ich wollte das damals ziemlich erfolgreiche Schweizer Fussballteam original live verfolgen und stellte einen Antrag für Tickets für die drei Ausscheidungspartien der Vorrunde. Prompt bekam ich eine Absage – nicht von der FIFA, die hätte Eintrittskarten für mich bereitgestellt, sondern von der Immigrationsbehörde der Vereinigten Staaten. Durch die Buschtrommel erfuhr ich später, dass man meinen Leserbrief, den ich kurze Tage zuvor an eine Schweizer Tageszeitung geschickt hatte und der veröffentlicht wurde, jenseits des Teichs nicht goutiert hatte!»
«Was stand in diesem Brief?»
«Ich regte mich auf meine Art auf, weil der damalige FIFA-Präsident Gianni Infantino, übrigens ein Schweizer, eine Fantasie-Trophäe an Donald Trump überreichte, die er Friedenspreis nannte. – Friedenspreis! – Wenige Tage zuvor hatte der Präsident den Befehlt erteilt, zivile Boote vor Venezuela mit Mann und Maus zu versenken, weil es Schmugglerboote mit Rauschgift für Amerika gewesen seien, wie er diese Aktion begründete, was allerdings nie bewiesen wurde!»
«Der damalige Venezuelanische Präsident Nicolas Maduro war allerdings alles andere als ein Heiliger!»
«Er war ein Halunke, ein Unterdrücker des Volkes, dem jedes Mittel recht war, um an der Macht zu bleiben. Er bezahlte schliesslich – wie uns bekannt ist – seinen Preis. Heute sitzen die Amis dick auf den gigantisch grossen Ölquellen des Landes, die in der heutigen Zeit allerdings nur noch von beschränkter Wichtigkeit sind. Denn die Nachfrage nach Öl ist bekanntlich sehr rückläufig? Immerhin wurde mit dieser Aktion der Flüchtlingsstrom aus Venezuela Richtung Norden gebremst! Viele Menschen kehrten freiwillig in ihr Land zurück und fanden vornehmlich in der Touristik-Industrie ihr Auskommen. Die Amerikaner fahren auf die schönen Strände und die Natur dieses Landes ab! Wenngleich sich auch in den Vereinigten Staaten immer weniger Menschen Ferien leisten können!»
«Sie haben somit die Fussballspiele damals 2026 nicht verfolgen können, Kaspar?»
«Ich habe sie verfolgt – via Television! Und ich war richtig glücklich, dass man mir zuvor die Eintritte in die Stadien vorenthalten hatte. Denn die Spiele waren von bedenklicher Qualität, mit einem Wort eher unzumutbar. Damit sparte ich viel Geld, denn die Eintrittspreise für den Besuch der Stadien, wie auch alles drumherum, die Flugtickets, die Hotels, die landesinternen Reisekosten waren für die Besuchenden so hoch, dass man es als Unverschämtheit bezeichnen konnte!»
Weil Ivana Stern aus Erfahrung weiss, dass Kerns Explikationen – einmal Fahrt aufgenommen - immer weiter und weiter gehen würden, stoppt sie sanft den Redefluss ihres Gegenübers.
«Ich bin müde, Kaspar. Können Sie mich in einer Stunde in meinem Zimmer besuchen? Ich würde es ausserordentlich schätzen, wenn Sie mir die Hand halten würden und Sie mich in meinen seligen Schlaf summen würden!»
«Ich werde zu Ihnen kommen und summen, meine Liebe! Sie können sich darauf verlassen. Und ich werde Ihnen eine Tasse Beruhigungstee – meine Spezialmischung - mit Bienenhonig zubereiten! Das wird Ihnen guttun!»
3 Eine Nacht des Schreckens
Mitten in der Nacht wird Kaspar Kern durch ungewohnten Lärm vor seiner Zimmertür aus dem Schlaf gerissen. Erst möchte er lieber im warmen Bett verbleiben, aber dann obsiegt bei ihm die Neugier. Er erhebt sich, schlüpft in die Pantoffeln und wirft den Morgenmantel um. Bevor er in den Gang hinaustritt, entledigt er sich noch seines Wassers, das bei ihm nächtlich im Durchschnitt dreimal drückt. Seit seiner Prostata-Operation hat er dieses Problem gut im Griff.
Kern trifft ungewöhnlich viele aufgeregte Menschen zu ungewöhnlicher Zeit in den Gängen der Residenz an. Es ist nach Mitternacht. Bei der Mehrzahl der Leute handelt es sich um Personal des Hauses.
Auf Kerns Frage nach der Ursache der Aufregung, gibt man ihm zur Antwort: „Eine Bewohnerin der Residenz ist die Stiege runtergefallen. Sie scheint verletzt zu sein!“
Kern begibt sich ins Stiegenhaus, richtet seinen Blick nach unten und sein Atem stockt. Was er zu Gesicht bekommt, erschreckt ihn zutiefst, lässt seinen Puls ansteigen. Oben auf der Plattform, auf der er sich befindet, steht ein verlassender Rollstuhl. Die Handbremse ist angezogen, wie er sich vergewissert. Und die Person, die mehrere Stockwerke weiter unten regungslos bäuchlings am Boden liegt, ist eine Frau, die auf Distanz Ivana ähnlichsieht. Kerns erster Gedanke ist: So darf ihr Leben nicht enden. Nein!
