Dich erfüllen - J. Kenner - E-Book

Dich erfüllen E-Book

J. Kenner

4,5
9,99 €

Beschreibung

An der Seite von Damien fühlt sich Nikki zum ersten Mal geborgen, aber auch immer wieder herausgefordert. Mit ihm erlebt sie erfüllende Leidenschaft und tiefe Nähe. Endlich hat Damien ihr sein dunkelstes Geheimnis anvertraut. Doch Intrigen erschüttern die Beziehung und stellen ihre Liebe auf eine harte Probe. Als Damien mit seinem schlimmsten Albtraum konfrontiert wird, droht Nikki ihn für immer zu verlieren …

Roman 3 der Stark-Serie

Noch nicht genug von Nikki und Damien? Entdecken Sie auch die Stark Novellas!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 460

Bewertungen
4,5 (92 Bewertungen)
61
13
18
0
0



 

Zum Buch

Aus dem erotischen Abenteuer zwischen Nikki Fairchild und Damien Stark ist eine tiefe Bindung entstanden. Ihr Verlangen ist stärker denn je zuvor, und voller Leidenschaft geben sie sich ihrer Lust hin. Doch dann wird Damien des Mordes an seinem ehemaligen Tennislehrer angeklagt, und die Schatten seiner Vergangenheit drohen ihn ein­zu­holen. Gegen alle Widerstände versucht Nikki, ihn zu schützen, auch wenn sie dafür alles aufs Spiel setzen muss – selbst ihre Liebe zu Damien …

»Dich erfüllen ist eine Liebesgeschichte voll sinnlicher Leidenschaft, die ihre Leser verführt.« Romantic Times Book Reviews

Zur Autorin

J. Kenner wurde in Kalifornien geboren und wuchs in Texas auf, wo sie auch heute mit ihrer Familie lebt. Nach einem Studium der Rechtswissenschaften war sie für verschiedene Anwaltskanzleien tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Ihre Trilogie um Nikki Fairchild und Damien Stark begeisterte nicht nur die Leser in den USA, auch in Deutschland wurden die bisher erschienenen Bände Dir verfallen und Dir ergeben sofort SPIEGEL-Bestseller.

 

J. KENNER

Dich

ERFÜLLEN

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christiane Burkhardt

Diana

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel bei Bantam Books,an imprint of The Random House Publishing Group, a division of Random House, Inc., New York

Deutsche Erstausgabe 05/2014

Copyright © 2013 der Originalausgabe by Julie Kenner

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by Diana Verlag,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Redaktion: Kristof Kurz

Covergestaltung: t. mutzenbach design

Covermotiv: VerisStudio / shutterstock.com

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN 978-3-641-12140-2

V003

www.diana-verlag.de

 

1

Panisch schrecke ich aus dem Schlaf. Ich sitze in einem dunklen Zimmer aufrecht im Bett. Das gedämpfte Licht eines Digitalweckers zeigt kurz nach Mitternacht. Ich keuche und habe die Augen weit aufgerissen – trotzdem kann ich kaum etwas erkennen. Die Überreste eines fast vergessenen Albtraums erfüllen mich mit Entsetzen. Gleichzeitig sind sie so substanzlos, dass sie sich sofort in Luft auflösen, sobald ich versuche, mich zu erinnern.

Keine Ahnung, was mir solche Angst eingejagt hat. Ich weiß nur, dass ich allein bin und mich fürchte.

Allein?

Rasch drehe ich mich um und greife nach rechts. Aber noch bevor meine Finger die kühlen, kostbaren Laken berühren, weiß ich, dass er nicht da ist.

Auch wenn ich in Damiens Armen eingeschlafen bin: aufgewacht bin ich allein.

Jetzt kenne ich zumindest die Ursache meines Albtraums: Es ist dieselbe Angst, die mir schon seit Wochen Tag und Nacht im Nacken sitzt. Die Angst, die ich hinter einem an­gestrengten Lächeln verberge, wenn ich Tag für Tag neben Damien sitze, während seine Anwälte seine Verteidigungsstrategie erörtern. Und die Abläufe eines Mordprozesses nach deutschem Recht durchgehen. Und ihn förmlich anflehen, Licht ins Dunkel seiner Kindheit zu bringen, weil sie ganz genau wissen, dass diese Geheimnisse seine Rettung sind.

Aber Damien schweigt, und die Angst, dass ich ihn verlieren werde, dass er mir genommen wird, droht mich zu überwältigen.

Aber es ist nicht nur die Angst, die mich belastet, sondern auch die bedrückende Gewissheit, dass ich nicht das Geringste tun kann, um ihm zu helfen. Ich kann nur warten und hoffen.

Aber ich hasse es zu warten, und Hoffnung allein hilft auch nicht weiter: Die Hoffnung ist wie das Schicksal – für meinen Geschmack viel zu unvorhersehbar. Ich will etwas tun, aber der Einzige, der etwas unternehmen kann, ist Damien, und bisher weigert er sich standhaft.

Und genau das ist das Schlimmste. Obwohl ich die Gründe für sein Schweigen kenne, kann ich meinen Ärger nicht un­terdrücken. Denn letzten Endes setzt Damien nicht nur sein ­eigenes Leben aufs Spiel. Sondern auch meines. Unseres.

Uns läuft die Zeit davon. Sein Prozess beginnt in wenigen Stunden, und wenn er seine Verteidigungsstrategie nicht doch noch ändert, werde ich diesen Mann höchstwahrscheinlich verlieren.

Ich kneife die Augen zu, halte die Tränen zurück. Die Angst kann ich verdrängen, aber meine Wut ist unberechenbar, sodass ich befürchte zu explodieren, so sehr ich auch versuche, mich zu beherrschen. Und je stärker ich das versuche, desto schlimmer könnte mein Ausbruch schließlich werden.

Als Anklage erhoben wurde, hat Damien versucht, Schluss zu machen, mich zu verstoßen. Er dachte, so könnte er mich schützen. Aber da hat er sich getäuscht – und ich bin ihm bis nach Deutschland gefolgt, um ihm das klarzumachen. Inzwischen bin ich seit drei Wochen hier und habe es noch keinen Tag bereut. Ich bezweifle auch nicht, dass er mir die Wahrheit gesagt hat, als ich bei ihm auf der Schwelle stand. Nämlich, dass er mich liebt.

Aber das zu wissen hilft nicht gegen meine bösen Vor­ahnungen. Die beschleichen mich vor allem nachts, wenn ich alleine aufwache und weiß, dass er sich mit einem Glas Whiskey zurückgezogen hat, obwohl ich ihn lieber in meinen Armen hätte. Er liebt mich, ja. Aber gleichzeitig habe ich Angst, er könnte mich erneut verstoßen. Nicht mit einer brutalen Geste, sondern Schritt für Schritt, ganz allmählich.

Ach, was soll’s!

Ich verlasse das angenehm kühle Bett. Ich bin nackt und beuge mich vor, um nach dem weißen, weichen Morgenmantel zu greifen, den mir das Hotel Kempinski zur Verfügung stellt. Damien hat ihn mir gestern Abend nach unserer gemeinsamen Dusche abgestreift, und wir haben ihn einfach an Ort und Stelle liegen lassen – neben dem Bett.

Allerdings nicht den Gürtel – den muss ich zwischen den zerwühlten Laken suchen. Sex mit Damien ist immer sehr intensiv, aber je näher der Gerichtsprozess rückt, desto ungestümer ist er: So als könnte Damien den Ausgang der Verhandlung kontrollieren, indem er mich kontrolliert.

Langsam reibe ich über meine Handgelenke. Die gestrige Nacht hat keine Spuren darauf hinterlassen, aber nur, weil Damien vorsichtig ist.

Von meinem Hintern kann ich das nicht gerade behaupten. Der brennt immer noch, und ich spüre seine Hände nach wie vor auf meiner Haut. Ich mag das – diese Nachwirkungen ebenso wie das Wissen, dass er meine Unterwerfung genauso braucht wie ich meine Hingabe.

Ich entdecke den Gürtel am Fußende. Letzte Nacht hat er mir damit die Hände auf den Rücken gefesselt. Jetzt binde ich ihn um meine Taille und genieße den weichen Stoff nach dem unsanften Erwachen. Auch das Zimmer beruhigt mich, die Einrichtung ist perfekt bis ins letzte Detail. Poliertes Holz, geschickt eingesetzte kleine Deko-Objekte und Kunst, wohin das Auge schaut. Doch im Moment nehme ich diese Vorzüge kaum wahr, denn ich denke nur an Damien.

Das Schlafzimmer geht in einen riesigen Ankleidebereich mit angeschlossenem Bad über. Ich werfe einen Blick in beide Räume, rechne aber nicht damit, ihn dort zu finden. Anschließend gehe ich weiter in den Wohnbereich. Der große Raum verfügt über zahlreiche bequeme Sitzgelegenheiten und einen runden Tisch, der im Moment mit jeder Menge Unterlagen und Ordnern bedeckt ist. Es sind Akten über die Firma, die Damien von hier aus weiterführt, obwohl unsere ganze Welt unterzugehen droht, und juristische Papiere, die Damiens Anwalt Charles Maynard ihm zum Lesen ge­geben hat.

Ich lasse den Morgenmantel an Ort und Stelle zu Boden fallen und schlüpfe in das fantastisch gemusterte Etuikleid, aus dem Damien mich gestern Abend formvollendet geschält hat. Für ein paar Stunden konnten wir der Realität entfliehen, indem wir auf Münchens berühmter Maximilianstraße eingekauft haben. Ich habe so viele Schuhe und Kleider erworben, dass ich eine eigene Boutique damit eröffnen könnte.

Ich fahre mir durchs Haar, während ich quer durchs Zimmer zum Telefon gehe. Ich zwinge mich, nicht noch vorher das Bad aufzusuchen, um mein Make-up aufzufrischen, denn bestimmt ist es verschmiert. Das fällt mir überraschend schwer, denn das Mantra, dass eine Dame nie das Haus verlässt, ohne perfekt zurechtgemacht zu sein, wurde mir von klein auf eingebläut. Aber mit Damien an meiner Seite habe ich es geschafft, meine Vergangenheit hinter mir zu lassen. Im Moment ist es mir wichtiger, ihn zu finden, statt frischen Lippenstift aufzutragen.

Ich greife zum Hörer und wähle die Null vor. Gleich darauf antwortet mir eine Stimme auf Englisch mit deutschem Akzent: »Guten Abend, Miss Fairchild.«

»Ist er an der Bar?« Ich muss nicht erst dazusagen, wer gemeint ist.

»Ja. Soll ich ihm ein Telefon an den Tisch bringen lassen?«

»Nein, nicht nötig. Ich komme gleich runter.«

»Sehr gut. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?«

»Nein, danke.« Ich will gerade auflegen, als ich es mir anders überlege. »Moment!« Ich erwische ihn gerade noch, bevor er auflegt, und erkläre ihm meinen Plan, mit dem ich Damien von seinen Dämonen ablenken will.

Trotz des altehrwürdigen Gebäudes und der vornehmen Einrichtung ist das Hotel topmodern ausgestattet. In seinen vier Wänden fühle ich mich ganz wie zu Hause. Ungeduldig warte ich auf den Aufzug und werde noch ungeduldiger, als ich in der Kabine stehe. Die Fahrt scheint ewig zu dauern, und als sich die Türen endlich zur eleganten Lobby öffnen, gehe ich direkt auf die Bar im altenglischen Stil zu.

Obwohl es Sonntag und schon recht spät ist, wimmelt es in der Bar des Hotels Vier Jahreszeiten nur so von Leuten. Eine Frau steht neben dem Klavier und singt den Gästen leise etwas vor. Ich beachte sie kaum, rechne auch nicht damit, Damien zwischen den Zuhörern zu entdecken.

Stattdessen durchquere ich den von rotem Leder und Holz beherrschten Raum und wehre einen Kellner ab, der mich zu einem Platz führen will. Ich bleibe kurz neben einer Blondine in meinem Alter stehen, die Champagner trinkt und zusammen mit einem Mann lacht, der ihr Vater sein könnte, es aber bestimmt nicht ist.

Langsam drehe ich mich um, spähe durch den Raum. Damien ist nicht unter den Leuten am Klavier. Er sitzt weder an der Bar noch in einem der roten Ledersessel, die um die Tische gruppiert sind.

Langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen: Vielleicht ist er in dem Moment gegangen, in dem ich gekommen bin? Dann gehe ich einen Schritt nach links und merke, dass das, was ich für eine Wand gehalten habe, nur eine durch eine Säule hervorgerufene optische Illusion ist. Jetzt kann ich den Rest des Raumes sehen, einschließlich des brennenden ­Kamins auf der anderen Seite. Davor stehen ein kleines Zweiersofa und zwei Sessel. Hier entdecke ich auch Damien.

Sofort atme ich auf, bin so erleichtert, dass ich mich fast an der Blondine festgehalten hätte. Damien sitzt in einem der Sessel, hat dem Raum den Rücken zugekehrt und schaut in die Flammen. Seine Schultern sind so breit und kräftig, als könnten sie die Last der ganzen Welt tragen. Doch ich wünsch­te, das wäre nicht nötig.

Ich gehe auf ihn zu, meine Schritte werden vom dicken Teppich gedämpft und von der Gesprächskulisse übertönt. Wenige Meter hinter ihm bleibe ich stehen und spüre die magnetische Anziehungskraft, die mich immer erfasst, sobald ich in Damiens Nähe komme. Die Sängerin gibt jetzt das Lied »Since I fell for you« zum Besten. Ihre klare Stimme dringt bis in den letzten Winkel und klingt so traurig, dass ich Angst habe, nach all dem Stress der letzten Wochen in Tränen auszubrechen.

Nein. Ich bin hier, um Damien zu trösten, nicht umgekehrt. Bestärkt von diesem Gedanken gehe ich auf ihn zu. Als ich endlich bei ihm bin, lege ich ihm eine Hand auf die Schulter und beuge mich vor, bis meine Lippen sein Ohr streifen. »Ist das eine Privatparty, oder darf hier jeder mitfeiern?«

Ich höre sein Lächeln schon, bevor ich es sehe. »Das hängt ganz davon ab, wer fragt.« Er dreht sich nicht zu mir um, macht aber eine einladende Geste. Ich umschließe seine Hand, und er führt mich sanft um seinen Sessel herum, bis ich vor ihm stehe. Ich kenne jedes Detail im Gesicht dieses Mannes. Sämtliche Ecken und Kanten. Ich kenne seinen Mund, seine Mimik. Ich kann die Augen schließen und die seinen heraufbeschwören, dunkel vor Leidenschaft, funkelnd vor Lachen. Ich brauche nur einen Blick auf sein nachtschwarzes Haar zu werfen, um seine dicken Locken zwischen den Fingern zu spüren. Nichts an ihm ist mir fremd, und trotzdem trifft mich jeder Blick von ihm wie ein elektrischer Schlag, durchzuckt mich mit einer Gewalt, die mich in die Knie gehen lässt.

Objektiv betrachtet sieht er fantastisch aus. Aber es ist nicht allein sein Aussehen, das mich so überwältigt, sondern auch seine Präsenz, sein Selbstvertrauen, die starke Sinnlichkeit, die er unwillkürlich verströmt.

»Damien«, flüstere ich, da ich seinen Namen dringend in den Mund nehmen muss.

Langsam formen seine herrlich breiten Lippen ein Lächeln. Er zieht an meiner Hand, zieht mich auf seinen Schoß. Seine Schenkel sind muskulös, und ich setze mich freudig darauf, schmiege mich aber nicht an ihn. Ich möchte mich so weit zurücklehnen, dass ich sein Gesicht sehen kann.

»Willst du darüber reden?« Ich weiß, wie seine Antwort lauten wird, halte aber trotzdem gebannt den Atem an und bete zu Gott, dass ich mich täusche.

»Nein«, sagt er. »Ich möchte dich einfach nur festhalten.«

Ich lächle, als wären seine Worte zutiefst romantisch, zeige ihm nicht, wie sehr sie mich enttäuschen. Ich brauche seine Berührung, das schon. Aber ich will noch mehr als das.

Ich streiche über seine Wange. Er hat sich seit gestern nicht rasiert, und seine Bartstoppeln fühlen sich rau an. Sofort durchzuckt mich ein Stromschlag, mein Brustkorb zieht sich zusammen, mein Atem geht schneller. Werde ich jemals in seiner Nähe sein können, ohne ihn zu begehren? Ohne mich danach zu sehnen, seine Haut auf meiner zu spüren?

Es ist kein sexuelles Begehren im eigentlichen Sinne – zumindest nicht ausschließlich. Es ist ein dringendes Bedürfnis. Als hinge mein Leben davon ab, als wären wir zwei Hälften einer Einheit und könnten ohne den anderen nicht über­leben.

Mit Damien bin ich glücklicher als je zuvor. Gleichzeitig auch unglücklicher. Weil ich jetzt erst weiß, was echte Furcht ist.

Ich zwinge mich zu einem Lächeln, denn ich darf mir auf keinen Fall anmerken lassen, wie groß meine Angst ist, ihn zu verlieren. Aber vergebens – Damien kennt mich viel zu gut.

»Du hast Angst«, sagt er, und die Traurigkeit, die in seiner Stimme mitschwingt, genügt, um mich dahinschmelzen zu lassen. »Du bist die Einzige, die ich nicht verletzen will, und trotzdem mache ich dir Angst.«

»Nein«, erwidere ich. »Ich habe keine Angst.«

»Lügnerin!«, sagt er sanft.

»Du hast vergessen, dass ich dich in Aktion erlebt habe, Damien Stark. Du bist eine verdammte Naturgewalt. Dich kann niemand einsperren. Gut möglich, dass sich das hier noch nicht rumgesprochen hat, aber ich weiß Bescheid. Du wirst heil aus dieser Sache rauskommen und als freier Mann nach Hause fliegen. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« Ich spreche aus, was ich selbst glauben will. Aber er hat recht: Ich bin wahnsinnig verängstigt.

Damien durchschaut mich natürlich sofort. Sanft streicht er mir eine Strähne hinters Ohr. »Du solltest aber Angst haben. Nach so einem Fall lecken sich die Staatsanwälte alle zehn Finger.«

»Aber du warst erst vierzehn«, wende ich ein.

»Deshalb falle ich ja auch nicht unter das Erwachsenenstrafrecht.«

Ich runzle die Stirn. Auch wenn er erst vierzehn war, hat er unter Umständen eine zehnjährige Haftstrafe zu erwarten.

»Aber du hast Merle Richter nicht umgebracht!« Denn genau darum geht es schließlich.

Seine Miene verdüstert sich. »Wahrheit ist relativ. Sobald ich den Gerichtssaal betreten habe, ist der Richterspruch die einzige Wahrheit.«

»Dann musst du eben dafür sorgen, dass der Richter die echte Wahrheit erfährt. Meine Güte, Damien, du hast deinen Trainer nicht umgebracht. Und selbst wenn, darfst du auf mildernde Umstände hoffen.« Erst kürzlich hat Damien mir erzählt, was passiert ist: Merle Richter und er haben gekämpft, und als Richter vom Dach gestürzt ist, hat Damien gezögert. Er hat sich nicht von der Stelle gerührt, um dem Mann zu helfen, der ihn so viele Jahre missbraucht hat.

»Oh, Nikki!« Damien zieht mich an sich, legt mir den Arm um die Taille und zieht mich so energisch auf seinen Schoß, dass mir die Luft wegbleibt. »Du weißt genau, dass ich nicht tun kann, was du von mir verlangst.«

»Ich verlange gar nichts«, sage ich, was allerdings wenig überzeugend klingt. Schließlich flehe ich ihn förmlich an. Und das weiß Damien auch. Trotzdem versagt er mir meinen Wunsch.

Wut steigt in mir auf, aber bevor ich die Beherrschung verliere, presst er den Mund auf meine Lippen. Der Kuss ist intensiv, leidenschaftlich und übermächtig. Heißes Begehren durchströmt mich. Es lässt weder meine Wut noch meine Angst verschwinden, aber es lindert sie. Deshalb schmiege ich mich an ihn und wünsche mir, die Geborgenheit seiner Umarmung nie mehr verlassen zu müssen.

Ich spüre seine angespannten Muskeln unter mir, die Erektion in seiner Jeans, als ich das Gewicht verlagere und mich vorbeuge, ihn noch heftiger küsse und mir wünsche, wir wären in unserer Suite statt in einer öffentlichen Bar.

Gleich darauf löse ich mich atemlos von ihm. »Ich liebe dich.«

»Ich weiß«, erwidert Damien, und ich warte vergeblich dar­auf, dass er meine Liebeserklärung erwidert.

Mein Herz zieht sich kurz schmerzhaft zusammen, und ich zwinge mich zu einem Lächeln. Das fällt mir als ehemaliger Schönheitskönigin nicht weiter schwer. Ich ringe mir ein strahlendes Laufsteg-Lächeln ab – die Art Lächeln, die für die Öffentlichkeit gedacht ist und nicht für Damien.

Ich sage mir, dass er einfach nur müde ist, glaube aber selbst nicht daran. Damien Stark überlässt nichts dem Zufall. Und obwohl es mir unmöglich ist, seine Gedanken zu lesen, kenne ich ihn gut genug, um seine Beweggründe zu erraten. Am liebsten würde ich aufspringen und ihn anschreien. Ihn anflehen, mich nicht wegzustoßen. Ich möchte schreien, dass ich ihn verstehe, dass er mich nur beschützen will, weil er weiß, dass er den Prozess verlieren, mir entrissen werden kann. Aber merkt er denn nicht, wie sehr mich sein Verhalten verletzt?

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Damien mich liebt. Ich befürchte nur, dass diese Liebe nicht ausreichen könnte. Nicht, wenn er fest vorhat, mich zu verlassen – im abwegigen Versuch, mich zu schützen.

Deshalb bleibe ich ruhig. Das ist kein Kampf, den ich gewinnen kann. Aber ich kann zumindest nach meinen Regeln kämpfen.

Selbstbewusst lächle ich noch breiter und rutsche von seinem Schoß, reiche ihm die Hand. »Sie müssen morgen um zehn im Gerichtssaal sein, Mr. Stark. Sie sollten mir lieber folgen.«

Er steht auf, sieht mich misstrauisch an. »Willst du mir etwa damit sagen, dass ich meinen Schlaf brauche?«

»Nein.«

Er lässt seinen Blick über mich gleiten, worauf mein Körper reagiert, als hätte er mich tatsächlich berührt. »Gut«, sagt er, und dieses eine Wort eröffnet nicht nur unzählige Mög­lich­keiten, sondern lindert auch die nackte Angst, die mich erfüllt.

Ich lasse zu, dass meine Mundwinkel nach oben wandern. »Nein. Das meine ich auch nicht damit.«

Die Verwirrung auf seinem Gesicht entlockt mir ein aufrichtiges Lächeln, aber er hat keine Chance, nachzufragen, da der Portier auftaucht. »Es ist alles vorbereitet, Miss Fairchild.«

Mein Lächeln wird breiter. »Danke. Ihr Timing ist perfekt.«

Ich ergreife die Hand eines sehr verwirrten Mannes und führe ihn quer durch die Lobby, folge dem Portier vors Hotel. Dort steht neben einem nervösen Pagen ein kirschroter Lamborghini.

Damien dreht sich zu mir um. »Was ist denn das?«

»Ein Mietwagen. Ich dachte, eine kleine Abwechslung könnte dir guttun. Die A 9 ist nur wenige Kilometer entfernt: Ein schneller Wagen, eine deutsche Autobahn – ich dachte, das ist genau das Richtige für dich.«

»Jungs und ihr Spielzeug?«

Ich senke die Stimme, damit der Portier mich nicht hören kann. »Da wir bereits recht interessantes Spielzeug auf dem Zimmer haben, dachte ich, so eine Luxuskarre könnte dir gefallen.« Ich führe ihn zum Pagen neben der offenen Beifahrertür. »Angeblich reagiert sie schon auf die kleinste Berührung, außerdem kann ich mir vorstellen, wie sehr du es genießen wirst, Macht über sie auszuüben.«

»Tatsächlich?« Er mustert mich durchdringend, seine Augen glühen förmlich bei dieser »Inspektion«. »Genau das mag ich: Reaktionsfreudigkeit. Power. Kontrolle.«

»Ich weiß«, erwidere ich und gleite auf den Beifahrersitz, wobei ich mehr als nur ein Stück Oberschenkel zeige.

Kurz darauf sitzt Damien hinterm Steuer und lässt den extrem starken Motor an.

»Wenn du nur schnell genug fährst, fühlt es sich fast an wie Sex«, sage ich provozierend. Und weil ich es einfach nicht lassen kann, füge ich hinzu: »Auf jeden Fall ist es ein einma­liges Vorspiel.«

»Ja, wenn das so ist, Miss Fairchild …«, kontert er mit einem jungenhaften Grinsen, das mich für alles entschädigt, »… sollten Sie sich lieber gut festhalten.«

 

 

2

Obwohl es fast Mitternacht ist, herrscht auf den engen Münchener Straßen viel Verkehr. Der Motor des Lamborghini heult auf und schnurrt dann wieder. Bei so viel gestauter Kraft wirkt er wie ein nervöses Rennpferd vor dem Start. Genauso fühle ich mich auch, weil ich daran gehindert werde, Damiens Probleme zu lösen.

Ich schmiege mich in den rotledernen Schalensitz, drehe den Oberkörper ganz leicht nach links, um ihn im Auge zu behalten. Trotz des zähfließenden Verkehrs, der mich an seiner Stelle zum Wahnsinn treiben würde, ist Damien entspannt und beherrscht. Seine Rechte liegt locker auf dem Schaltknüppel, die Finger leicht gekrümmt. Ich atme langsam ein, stelle mir vor, wie sie mein nacktes Knie berühren. Seit ich Damien kenne, verliere ich mich gern in solchen Tagträumen. Ehrlich gesagt finde ich das auch gar nicht weiter schlimm.

Seine Linke umklammert das Lenkrad, und trotz der extremen Belastungen, denen wir gerade ausgesetzt sind, wirkt er lässig und selbstbewusst. Ich sehe sein Profil – sein markantes Kinn und seinen fantastischen Mund, der sich gerade zur Andeutung eines Lächelns verzogen hat.

Sein Dreitagebart und sein zerzaustes Haar verleihen ihm in der gedämpften Wagenbeleuchtung etwas Rebellisches. Das kommt nicht von ungefähr: Damien ist wirklich ein Rebell. Er gehorcht nur seinen eigenen Regeln. Das ist eine der Eigenschaften, die ich ganz besonders an ihm schätze. Deshalb fällt es mir ja auch so schwer zu akzeptieren, dass er sich nicht verhält wie ein normaler Angeklagter, denn dann wäre seine Situation eine ganz andere.

Wir stehen an einer Kreuzung, die Ampel vor uns springt auf Grün. Damien tritt aufs Gas und wechselt dann so abrupt die Spur, dass ich mich an den Haltegriff klammere. Er schaut mich an, und ich sehe nichts als Begeisterung in seinem Blick. Bereitwillig erwidere ich sein Lächeln. In diesem Moment habe ich das Gefühl, dass uns nichts passieren kann. Ich empfinde nichts als Freude und Freiheit und wünsche mir, dass dieser Zustand niemals endet. Dass wir immer so weiterfahren – nur wir beide, bis in alle Ewigkeit.

Gut möglich, dass ich mich in Zukunftsträumen verliere, aber Damien lebt ausschließlich in diesem Moment. Ich sehe, wie sich seine Muskeln anspannen, wie meisterhaft er den Wagen beherrscht, dessen Grenzen auslotet und den unglaublichen Motor schon auf Hochtouren bringt, bevor er ihn auf der Autobahn so richtig ausfahren kann.

Ich schlucke und rutsche nervös auf meinem Sitz hin und her. Ich wollte eigentlich nur einen Witz machen, als ich sagte, Autofahren sei wie Sex. Aber da habe ich mich anscheinend getäuscht.

»Du lächelst«, sagt er, ohne mich anzusehen.

»Ja«, gebe ich zu. »Weil du glücklich bist.«

»Weil ich bei dir bin«, gibt er zurück. »Warum sollte ich da nicht glücklich sein?«

»Sprich weiter!«, fordere ich ihn auf. »Mit Schmeicheleien kommt man bei mir sehr weit.«

»Das will ich doch hoffen!« Seine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern, aber das genügt, um mir eine körperliche Reaktion zu entlocken. Mir wird heiß, Schweißperlen treten mir auf die Stirn. Meine Brüste fühlen sich so schwer an, als müssten sie von Damiens Händen gestützt werden, und meine inzwischen steifen Brustwarzen zeichnen sich verführerisch unter meinem Seidenetuikleid ab.

Seine Bemerkung mag ziemlich eindeutig gewesen sein, enthält jedoch unzählige Bedeutungsnuancen. Denn letztlich wissen wir beide, dass es keinen Ort gibt, an den ich mich nicht bereitwillig von Damien entführen lassen würde.

»Wir sind da«, verkündet Damien, und ich zucke kurz zusammen, weil er das Gegenteil von dem gesagt hat, was ich gerade denke. Doch er wollte mich nur darauf hinweisen, dass wir die A9 erreicht haben. Rasch nimmt er die Autobahnauffahrt, sodass mich die Beschleunigung tief in den Sitz drückt. Ich schnappe nach Luft, denn das Tempo und der Mann neben mir machen mir Herzklopfen. »Hast du ein Ziel?«, fragt er, während er in einen höheren Gang schaltet.

Ich schaue kurz zu ihm hinüber und sehe, dass sich die Tachonadel bereits der Hundertfünfundsiebzig-Stundenkilometer-Marke nähert. »Ein Ziel?«

Er hebt amüsiert die Brauen. »Das war doch deine Idee, oder etwa nicht? Ich dachte, du hättest vielleicht ein bestimmtes Ziel im Auge.«

»Ich habe kein Ziel«, gestehe ich, während ich mir die Schuhe abstreife und die Füße auf den Sitz ziehe. »Ich will einfach nur mit dir auf und davon.«

»Das gefällt mir! Und ich weiß auch genau, wie ich es anstellen muss, um uns zum Abheben zu bringen.« Bei diesen Worten funkeln mich seine Augen dermaßen vielsagend an, dass ich laut lachen muss.

»Du bist ja pervers!«

»Aber nur dir zuliebe!«, gibt er zurück. Ich umarme meine Knie, und er streckt den Arm aus, fährt mit den Fingern über das smaragdbesetzte Platinfußkettchen, das er mir geschenkt hat, damit ich nie vergesse, dass ich ihm gehöre. Als ob ich das jemals vergessen könnte!

Seine Hand wandert weiter zu meinem Schenkel, seine Berührung ist sanft und sinnlich. Es ist nur eine schlichte Liebkosung, aber ich reagiere ziemlich heftig darauf: Stromstöße durchzucken mich, konzentrieren sich zwischen meinen Beinen und stimulieren meine Brustwarzen. Wie leicht es doch fällt, sich den lustvollen Berührungen, der Sehnsucht und dem Begehren hinzugeben! Es ist, als würde ich hungrig durch die Wüste irren, und er wäre reinstes Manna.

Doch die Berührung geht viel zu früh zu Ende, als er zum Radio greift und die Sender wechselt, bis laute Techno-Musik den Wagen füllt. Er schaltet einen Gang höher, und mit heulendem Motor schlängelt sich Damien zwischen den wenigen anderen Fahrzeugen hindurch. Ich lehne mich zurück, gebe mich dem Rhythmus hin und betrachte den Mann, der mich liebt. Den Mann, den auch ich liebe und der nur mir gehört.

Aber das entspricht nicht ganz der Wahrheit: Würde er tat­sächlich nur mir gehören, könnte ich ihn einfach mitnehmen, ihn retten. Dann könnten wir diese ganzen juristischen Pro­bleme einfach hinter uns lassen.

Aber das ist unmöglich, und diese unausweichliche Wahrheit geht mir durch Mark und Bein, sorgt dafür, dass mein Glücksrausch bösen Vorahnungen weicht.

Ich drehe mich so, dass ich aus dem Beifahrerfenster die Bäume vorüberziehen sehe: seltsame, von unseren Scheinwerfern hervorgerufene, tanzende Schatten. Ich bekomme Gänsehaut, der ungewohnte Anblick macht mich nervös. Als wären wir auf dem Weg in die Unterwelt. Doch selbst die Unterwelt wäre mir lieber als der grausame Bann der Realität.

Ich will einfach weiterfahren – immer weiter nach Osten, wo in etwa fünf Stunden die Sonne aufgehen wird. Ich will den Wagen bis an seine Grenzen bringen und nie mehr anhalten. Im Moment befinden wir uns in einem schützenden Kokon, sicher vor den dunklen, nach uns greifenden Schatten. Aber sobald wir anhalten … Sobald wir zurückkehren …

Nein. Ich atme tief ein. Ich muss stark sein. Nicht nur mir, sondern auch Damien zuliebe. »Wir sollten umkehren«, sage ich, aber meine Stimme ist so leise, dass sie die laute Musik kaum übertönt. Ich schalte das Radio aus, und gleich darauf herrscht völlige Stille.

Damien wirft einen kurzen Blick zu mir herüber, und ich sehe, wie seine Freude Besorgnis weicht. »Was ist denn?«

»Wir sollten umkehren.« Ich versuche, energisch zu klingen, aber meine Stimme ist nach wie vor unnatürlich leise, so als würde ich ihn unterbewusst dazu auffordern, einfach davonzurasen. »Du musst dich ausruhen.« Ich ringe mir die Worte mit Mühe ab, versuche, einigermaßen normal zu klingen. »Morgen wird ein anstrengender Tag.«

»Ein Grund mehr, so lange weiterzufahren, wie es nur geht.«

Ich dränge die Tränen zurück. »Damien.«

Ich erwarte, dass er etwas Tröstendes sagt. Mir versichert, dass alles gut wird. Stattdessen streicht er mir einfach bloß über die Wange, und die Geste lässt mich erzittern, lässt neue Tränen in mir aufsteigen. Ich balle die Hände zu Fäusten und kämpfe gegen den drohenden Heulkrampf an. Ich darf die Beherrschung nicht verlieren. Nicht jetzt. Nie! Wenn ich Damien verliere, darf ich weinen. Aber solange das noch nicht entschieden ist, möchte ich einfach nur jede Sekunde in seiner Gegenwart verbringen.

Ich ringe mir ein beinahe aufrichtiges Lächeln ab und sehe ihn an.

»Bald.« Er steigt aufs Gas, und der Wagen beschleunigt.

»Wohin fahren wir?«

»Das verrate ich dir noch nicht. Aber ich möchte dir etwas zeigen.«

Ich muss ziemlich verwirrt aussehen, denn er lacht leise. »Keine Sorge. Wir werden nicht vor dem Gesetz fliehen.«

Ich ziehe eine Grimasse. Fast wünschte ich, es wäre so.

Seine Linke hält weiterhin das Steuer, doch seine Rechte liegt plötzlich auf meinem Knie. Die Berührung ist eher besitz­ergreifend als sexuell. So als müsste er sich einfach nur davon überzeugen, dass ich da bin. Ich lehne mich zurück, bin hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, seine Streicheleinheiten zu genießen, und dem Verlangen, ihn anzuschreien. Ihn anzuflehen, sich doch verdammt noch mal zu verteidigen. Denn Damien ist niemand, der einfach nur stillhält und sich fertigmachen lässt. Niemand, der sich in sein Schicksal fügt.

Und auch niemand, der die Frau verletzt, die er liebt.

Und trotzdem tut er das alles.

Diese grausamen, gefährlichen Gedanken wirbeln durch meinen Kopf, während die Lichter der Stadt hinter uns verschwinden und bis zum Horizont nur noch Wald zu sehen ist. Der Wagen ist erstaunlich leise, und ich bin müde. Nicht nur, weil es schon so spät ist, sondern auch, weil mich so vieles belastet. Ich schließe die Augen und entspanne mich, nur um mich bald darauf wieder überrascht aufzurichten, als ich merke, dass er angehalten und den Motor ausgemacht hat.

»Was ist?« Mir ist schwindelig, und mir dröhnt der Kopf. »Was ist passiert?«

»Du hast ein Schläfchen gemacht«, sagt Damien.

Ein Schläfchen?

Ich runzle die Stirn. »Wie lange?«

»Bestimmt eine halbe Stunde.«

Auf einmal bin ich hellwach und sehe mich um. Wir scheinen auf dem Parkplatz eines Traditionslokals mit großem Biergarten zu stehen. Das Lokal hat schon geschlossen, die leeren Biertische wirken eher unheimlich als anheimelnd. »Wo sind wir?«

»Beim Seehaus Kranzberg.« Ich muss genauso verwirrt aussehen, wie ich mich fühle, denn er grinst. »Einer meiner Lieblingsorte in der Nähe von München. Alain, Sofia und ich sind immer hierhergekommen, als Alain den Führerschein hatte. Später bin ich selbst hergefahren. Ich verbinde viele Erinnerungen damit«, fügt er seltsam gedämpft hinzu.

»Aber es hat geschlossen«, erwidere ich verständnislos.

»Wir wollen ja auch nichts essen«, sagt er. Er steigt aus und geht um den Wagen herum, um mir die Tür aufzuhalten. Er hilft mir hinaus, und ich richte mich würdevoll auf.

»Wozu sind wir dann hier?«

»Komm mit!«

Ich mustere sein Gesicht, schwer zu sagen, was in ihm vorgeht. Er nimmt meine Hand und führt mich einen schmalen Pfad hinunter, der sich zwischen hohen Laubbäumen hindurchschlängelt. Die grünen Blätter wirken im Mondschein fast schwarz. Ich habe keine Ahnung, wohin wir gehen, aber dann biegen wir ab, und es verschlägt mir den Atem: Ein See liegt vor uns, mitten in der Wildnis. Der Mond spiegelt sich darin, sodass man glaubt, hineintauchen zu können. »Wie schön!«, sage ich.

»Willkommen am Kranzberger See! Ich habe stundenlang hier gesessen. Hier auf der Bank, um dem Wasser, den Vögeln und dem Wind zu lauschen. Dann habe ich die Augen geschlossen und mich fortgeträumt.« Bisher hat er auf den See geschaut, aber jetzt sieht er mich an. »Ich wollte ihn dir zeigen.« Es tut mir leid, will er damit sagen.

Ich schlucke und nicke überwältigt. »Danke.«

Er hebt unsere verschränkten Hände und küsst meine Handfläche. Diese Geste ist so zärtlich und sanft, so unglaublich romantisch, dass ich mir wünsche, wir könnten für immer hierbleiben, uns von der Nacht verschlingen lassen – als wären wir ganz allein auf der Welt.

Ein Zittern durchläuft mich, und ich wende mich ab. Ich habe mich so sehr in diesen Mann verliebt, dass ich eine Riesenangst habe, ihn zu verlieren. Eine Riesenangst davor, dass uns alles Schöne, das wir trotz unserer schlimmen Vergangenheit erleben dürfen, wieder genommen wird. Ich presse die Lippen zusammen, um nicht vor Angst aufzuschreien, denn genau das würde ich jetzt am liebsten tun – so lange schreien, kreischen und weinen, bis Damien tut, was er tun muss, um diese Sache wieder in Ordnung zu bringen. Um diesem Albtraum ein Ende zu bereiten.

Aber das tue ich nicht. Stattdessen stehe ich wie erstarrt da – wohl wissend, dass ich bei der geringsten Bewegung die Fassung verlieren würde. Ich fühle mich explosiv und brandgefährlich. Und im Moment ist eine Explosion das Letzte, was wir gebrauchen können.

»Nikki.« Wenn er ihn ausspricht, klingt mein Name ganz weich. Er lässt meine Hand los und stellt sich hinter mich. Seine Hände ruhen angenehm schwer auf meinen Schultern. Ich spüre, wie seine Lippen sanft meinen Scheitel berühren, wie seine Finger zärtlich über meine nackten Arme streichen. »Ich habe dich wütend gemacht – damals, an unserem ersten Abend bei Evelyn. Dabei hätte ich es belassen müssen. Ich hätte gehen und nicht zurückschauen sollen.«

Mein Mund ist trocken, es schnürt mir die Kehle zu. Ich will das nicht hören, will nicht hören, dass er sich auch nur ansatzweise wünschen könnte, nie mit mir zusammen gewesen zu sein. Selbst wenn dieser Wunsch dem Bedürfnis entspringt, mich zu schützen. »Nein«, sage ich. Mehr bringe ich nicht heraus, und meine Stimme klingt heiser, erstickt.

Er dreht mich zärtlich zu sich um, drückt seine Hand an meine Wange. »Es zerreißt mir schier das Herz, diese Angst in deinen Augen zu sehen.«

Seine Worte sind sanft und zärtlich, fühlen sich aber an wie ein Schlag in die Magengrube. Entsprechend reagiere ich auch, überrasche uns beide, indem ich ihn ohrfeige.

»Hör auf damit!«, rufe ich. Jetzt ist es endgültig um meine Selbstbeherrschung geschehen. »Hör endlich auf damit! Glaubst du etwa, das wäre die Lösung? Wenn wir nie zusammengekommen wären? Verdammt noch mal, Damien! Ich liebe dich so sehr, dass es wehtut. Und du glaubst, du brauchst mich bloß zu verhätscheln? Ich will keinen Trost, ich will, dass du endlich etwas tust!« Mit beiden Händen trommle ich gegen seine Brust und atme scharf aus, als er meine Handgelenke packt und so festhält, dass es schmerzt.

»Nikki.« Jetzt hat seine Stimme so gar nichts Tröstendes mehr an sich. Sie klingt heiser und gefährlich, und ich weiß, dass ich zu weit gegangen bin. Aber das ist mir egal. Ginge es nach mir, könnte ich ihn in diesem Moment gar nicht genug provozieren, denn ich will endlich zu ihm durchdringen. Diese Mauer, die er um sich herum aufgebaut hat, durchbrechen und ihm irgendwie klarmachen, dass er sich – nein, uns – nur retten kann, wenn er sich eine anständige Verteidigungsstrategie zurechtlegt.

»Man wird dich hinter Gitter bringen.« Meine Stimme ist klar und deutlich. »Meine Güte, Damien, hast du denn gar keine Angst? Ich habe so viel Angst, dass ich morgens kaum noch aus dem Bett komme!«

Er starrt mich an, als würde ich Chinesisch sprechen. »Ich soll keine Angst haben?« In seinen Worten schwingt kaum verhohlene Wut mit. Ich weiß nicht, ob sie gegen mich gerichtet ist oder nicht, aber sie ist stark genug, dass er zittert. »Ist es das, was du denkst?«

Ich mache automatisch einen Schritt rückwärts, aber er hindert mich daran. Seine Finger graben sich tief in meine Haut und halten mich fest. »Glaubst du das wirklich? Meine Güte, Nikki, ich habe furchtbare Angst, von dir getrennt zu werden. Dich nicht mehr berühren und küssen, dich nicht mehr lachen hören und ansehen zu können. Nicht mehr mit dir zusammen sein zu können.«

Ich bin so fasziniert von seinen Worten, dass ich gar nicht bemerke, dass er mich gegen einen Baum gedrängt hat. Durch den dünnen Stoff meines Kleides kann ich die raue Rinde spüren. Damiens Hände gleiten besitzergreifend über meine Arme, dann weiter zu meinem Oberkörper, fassen mir schließlich grob an die Brust. Heißes Verlangen steigt in mir auf.

Damien beugt sich vor, seine Lippen berühren meine Wange. »Ich kann alles ertragen, bis auf den Gedanken, dich zu verlieren.« Sein Mund befindet sich direkt an meinem Ohr. Seine Hand wandert weiter nach unten, streicht langsam über meinen Schenkel und schiebt den dünnen Stoff hoch.

»Ich soll keine Angst haben?«, wiederholt er flüsternd, während sich seine Hand über meiner Scham wölbt. Ich trage keine Unterwäsche, sodass er leicht in mich eindringen kann. Ich beiße mir auf die Unterlippe, bin dankbar, dass er mich festhält, denn mein Körper fühlt sich an wie flüssiges Feuer.

»So viel Angst wie jetzt hatte ich noch nie in meinem Leben«, sagt Damien. Danach schließt sich sein Mund über meinen Lippen, und seine Finger bewegen sich in mir im Rhythmus seines Kusses. Einen wunderschönen, seligen Moment lang verliere ich mich ganz in seinem Kuss, in seinen Armen. Ich habe vollkommen vergessen, wo wir sind und war­um. Es gibt nur noch Damien und die sinnliche, tröstende Wärme seines Körpers.

Dann überkommt mich ein anderes Gefühl, stärker als mein Verlangen und die verzweifelte Sehnsucht, die mein Herz schneller schlagen lassen und dafür sorgen, dass meine Vagina sich um ihn herum zusammenzieht. Ich schubse ihn von mir.

»Wie kannst du es wagen, Angst zu haben! Verdammt noch mal, Damien, wie kannst du auch nur behaupten, du hättest Angst, mich zu verlieren, wenn du das Problem ganz einfach lösen könntest! Du kannst es locker aus der Welt schaffen, und dann fahren wir wieder nach Hause.«

Er starrt mich an, und ich sehe eine überwältigende Traurigkeit in seinen Augen. »Oh, Baby! Was würde ich nicht darum geben, dir deine Angst nehmen zu können.«

»Wieso würde?«, sage ich. »Du kannst mir diese Angst nehmen, und das weißt du auch, aber du tust es nicht! Und das macht mich stinksauer!«

Ich schreie ihn an. Schreie wie eine Furie. Ich hasse mich dafür. Verdammt, in diesem Moment hasse ich sogar Damien.

Tränen laufen mir über das Gesicht, und meine Beine drohen unter mir nachzugeben. Damien fängt mich auf, lässt mich sanft auf die Knie gehen. Eine absurde Situation. Da­mien wird immer da sein, um mich aufzufangen. Zumindest habe ich das einmal gedacht. Jetzt bin ich mir da nicht mehr so sicher. Zum ersten Mal fühle ich mich einsam in Damiens Armen.

»Ich habe nachgedacht.« Seine Stimme ist leise und ernst.

Ich erstarre. Nie hätte ich gedacht, dass sich Hoffnung so kalt und leblos anfühlen könnte. »Worüber?«, frage ich vorsichtig.

Er zögert so lange, dass ich schon gar nicht mehr mit einer Antwort rechne. Als er endlich fortfährt, spricht er mit stockender Stimme. »Ich habe dich so lange begehrt. Und jetzt, wo ich dich habe, setze ich alles aufs Spiel.«

Ja!, will ich rufen. Ja! Ich merke, dass ich die Nägel in weiche, feuchte Erde grabe, zwinge mich, meine Finger erschlaffen zu lassen und keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Ich will mich schließlich nicht zu früh freuen.

»Im Gegensatz zu Maynard und dir glaube ich nicht, dass das Problem gelöst ist, wenn ich vor Gericht erzähle, was Richter mir angetan hat. Aber vielleicht sollte ich es versuchen. Wenn die Anklage daraufhin fallen gelassen wird, lohnt es sich vielleicht, mein Innerstes nach außen zu kehren. Obwohl ich mein Leben lang um meine Privatsphäre gekämpft habe.«

Ich höre die Bitterkeit in seiner Stimme und möchte seine Hand nehmen. Aber ich verzichte darauf, halte nach wie vor still.

»Es ist schließlich keine Schande, ein Opfer zu sein. Aber warum macht es mir dann so viel aus, dass die ganze Welt erfährt, was er mit mir angestellt hat? Warum lässt es mich nicht kalt, wenn die Medien genüsslich über die schlimmen Nächte meiner Kindheit berichten werden? Über all die entwürdigenden Dinge, zu denen er mich gezwungen hat. Dinge, von denen ich noch nicht einmal dir erzählt habe. Dinge, die ich nur zu gern vergessen würde.«

Er schaut mir in die Augen, aber ich sehe nur seine markanten, ernsten Gesichtszüge. »Doch wenn das bedeutet, dass ich auf freiem Fuß bleibe und mit dir zusammen sein kann – sollte ich es dann nicht laut von den Dächern schreien? Es in die Welt hinausposaunen? Im Fernsehen und in Talkshows? Dafür sorgen, dass es auf den Titelseiten der Zeitungen steht? Sollte ich meinen privaten Albtraum dann nicht der ganzen Welt zum Fraß vorwerfen?«

Etwas Kühles streift meine Wange, und ich merke, dass ich weine.

»Nein«, flüstere ich angesichts der grausamen Wahrheit. Doch genau so ist Damien: ein Mann, der nach seinen eigenen Regeln lebt. Und genau deshalb habe ich mich in ihn verliebt. »Nicht einmal meinetwegen«, sage ich. »Nicht einmal, wenn dich das vor dem Gefängnis bewahrt.«

Ich kneife die Augen zusammen, und neue Tränen quellen zwischen meinen Wimpern hervor.

Sein Daumen streicht über meine Wange.

»Verstehst du mich?«

»Nein«, sage ich, meine aber ja. Und als ich die Augen wieder aufmache, sehe ich, dass er mich begreift. Er kommt näher, und mir stockt der Atem. Ich habe einen kleinen Schluckauf, schmecke Tränen, als er mich mitten auf den Mund küsst, sanft und zärtlich. Dann hält er meinen Hinterkopf und zieht mich mit dem anderen Arm auf seinen Schoß.

Ich keuche überrascht auf, und er nutzt die Gelegenheit, um mir seinen Mund fest auf die Lippen zu pressen, bis un­sere Zungen sich finden. Sein Kuss wird immer intensiver und fordernder. Ich greife in sein seidiges Haar und überlasse mich meiner Leidenschaft. Morgen werden meine Lippen schmerzen, aber ich kann dem Kuss nicht widerstehen, der uns beide entflammt.

Als er sich endlich von mir löst, atme ich schwer. Meine Lippen fühlen sich geschwollen, wund, aber fantastisch an. Ich frage mich, ob ich vorher jemals richtig geküsst worden bin. Ob mich selbst Damien jemals richtig geküsst hat. Und will in diesem Moment einfach nur mehr.

In stummem Verlangen beuge ich mich vor, aber er hebt mein Kinn.

»Du bist mein Ein und Alles, Nikki. Vergiss das nie! Das musst du mir glauben.«

»Ich weiß«, flüstere ich. Ich sehe, wie ihn ein Zittern durchläuft, wie seine Muskeln sich verhärten, als er mich an sich zieht und festhält. Ich schmelze in seinen Armen dahin, liebe diesen Mann so sehr, dass es wehtut.

»Du bist mein Ein und Alles«, wiederholt er. »Aber ich kann dir nicht treu sein, wenn ich mir selbst nicht treu bin.«

»Ich weiß«, murmle ich in sein T-Shirt. »Ich verstehe.« Ich lege den Kopf in den Nacken und schaue ihm in die Augen. »Aber deswegen tut es nicht weniger weh.«

»Dann lass mich den Schmerz lindern.« Er schiebt mich von sich und beugt sich dann vor, um mich auf die Mundwinkel zu küssen. »Tut es dort weh?«

Ich schüttle den Kopf, während mir Tränen in die Augen treten, und muss trotz allem lächeln.

»Nein? Hier vielleicht?« Seine Lippen streifen mein Kinn, und ich ringe nach Luft, löse mich unter seinen süßen Berührungen förmlich auf.

»Nein«, sage ich.

Als Nächstes finden seine Lippen mein Halsgrübchen. Ich lege den Kopf in den Nacken, damit er es besser erreichen kann, und spüre, wie mein Puls wild an seinen Lippen pocht. »Hier auch nicht«, flüstere ich.

»Schwierig«, sagt er. »Wie soll ich deinen Schmerz lindern, wenn ich nicht weiß, wo genau es wehtut?«

»Einfach weitersuchen!«

»Ich werde nie damit aufhören«, verspricht er. Sein Mund wandert weiter nach unten, verharrt über meinem Herzen, das wild in meiner Brust schlägt. »Aber hier bestimmt nicht«, sagt er und fährt mit seiner Suche fort, während ich lache. Ein Lachen, das gleich darauf von einem ungehemmten Lustschrei abgelöst wird, als sich seine Lippen um meine Brust schließen.

»Damien!«

Er hat die Arme um meinen Rücken geschlungen und hält mich, während er am Seidenstoff meines unvorstellbar teuren Kleides saugt. Dabei streifen seine Zähne meine empfindlichen Brustwarzen, und ich drücke den Rücken durch, wobei mir schwindelig wird vor Lust.

»Hier?«, murmelt er, ohne seine Lippen von meinem Körper zu nehmen.

»Ja«, sage ich. »O Gott, ja.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher«, sagt er, als sich sein Mund von mir löst. »Ich sollte lieber weitersuchen.«

Sanft schiebt er mich von seinem Schoß und bettet mich ins weiche Gras. Dann geht er vor mir in die Knie.

»Damien!«, murmle ich. »Was machst du …«

Er legt mir einen Finger auf die Lippen und beugt sich dann vor, bis sein Mund erneut meine Brust berührt. Ich stöhne auf vor Lust.

»Hab ich’s dir nicht gesagt?«, verkündet er. »Ich werde die Stelle finden, wo es wehtut, sie küssen und deinen Schmerz lindern.«

Diesmal schließt sich sein Mund über meiner linken Brust, während sich seine Hand um meine rechte wölbt. Es ist, als führten glühende Drähte bis in den kleinsten Winkel meines Körpers. Seine Fingerspitzen scheinen Funken zu sprühen und sorgen dafür, dass sich mein Körper leidenschaftlich aufbäumt.

Viel zu früh verändert er seine Position. Seine Lippen lösen sich von meiner Brust, wandern sanft weiter nach unten – durch nichts von meiner Haut getrennt als von einer dünnen Lage Seidenstoff.

Sein Mund ist auf meinem Bauch, seine Zähne knabbern an meinem Nabel. Seine Hände sind über mein Kleid geglitten, jetzt raffen sie es hoch. Der weiche Stoff gleitet über meine Haut, während Damiens Lippen ihren Weg nach unten fortsetzen. Seine Küsse sind federleicht auf meiner Hüfte und dann auf meiner Scham, bevor sie noch tiefer wandern, immer tiefer. Unwillkürlich gehe ich ins Hohlkreuz, und mir stockt der Atem, als seine Zunge spielerisch über meine Klitoris gleitet. Dann schließt sich sein Mund heiß und fordernd darüber.

Seine Hände wandern zu meinen Schenkeln, seine Daumen fahren über meine Narben, bevor sie die weiche Haut zwischen meinen Beinen liebkosen. Er spreizt sie, öffnet mich noch weiter. Ich möchte meine Hüften bewegen, mich lustvoll unter seinem ach so intimen Kuss winden, aber er hält mich fest – dort, wo er mich haben will. Ich führe eine Hand zum Mund und beiße mir auf den Daumen, werfe den Kopf hin und her, während sich meine Lust unter seinem erfahrenen Mund, unter seiner erfahrenen Zunge langsam, so quälend langsam steigert.

Plötzlich komme ich zum Höhepunkt, bäume mich auf und öffne den Mund. Doch mein Schrei wird von Damien gedämpft, der weiter nach oben gerutscht ist und mich jetzt mit seinem Körpergewicht zu Boden drückt. Sein Mund schließt sich über meinem, und ich schmecke meine eigene Erregung. Ich küsse ihn leidenschaftlich, wie ausgehungert, und stöhne empört auf, als er sich zurückzieht. Er drückt die Hände in die weiche Erde neben mir, stemmt sich hoch und schaut mir dabei in die Augen. Ich sehe die Leidenschaft darin, die jedoch schnell einer gewissen Verspieltheit weicht.

»Ist es so besser?«, fragt er grinsend.

»O ja!«, sage ich und will mich aufsetzen.

»Nein«, sagt er. »Leg dich wieder hin.«

Amüsiert ziehe ich die Brauen hoch. »Auf einmal so forsch, Mr. Stark! Was genau wollen Sie von mir?«

»Ich will Sie nackt sehen«, sagt er. Das Spielerische ist genauso schnell verschwunden, wie es gekommen ist. Es hat einer solch hitzigen Begierde Platz gemacht, dass ich wieder ganz feucht werde.

»Oh.«

Langsam hebt er den Saum meines Kleides. Ich wehre mich nicht. Stattdessen drehe ich mich so, dass er mir das Kleid über den Kopf ziehen kann. Er lässt es fallen und zieht dann sein weißes T-Shirt aus, bevor seine Finger zu den Knöpfen seiner Jeans wandern.

»Ich werde dich ficken, Nikki. Gleich hier, auf der warmen Erde, unter freiem Himmel. Ich werde dich nehmen, während uns das Universum zuschaut. Denn du gehörst mir, wirst mir immer gehören – egal, was passiert.«

»Ja«, sage ich, obwohl das keine Frage war, sondern ein Befehl. »O ja!«

Seine Hände gleiten über mich, und er sieht mich bewundernd an. Ich weiß, dass ich nicht unattraktiv bin, aber wenn Damien mich anschaut, fühle ich mich mehr als nur schön. Dann fühle ich mich außergewöhnlich.

Ich strecke den Arm aus, streiche über seine Wange und sehe, wie sein Blick immer leidenschaftlicher wird. Ich fasse in sein Haar, packe seinen Hinterkopf und ziehe seine Lippen auf meine. Unser Kuss ist so gierig und wild wie die Natur um uns herum. Ich ziehe ihn an mich, kann gar nicht genug von ihm bekommen. Seine Hände streicheln mich, streicheln meine Brüste und fahren mir zwischen die Beine. Das Stöhnen, das er ausstößt, als er merkt, wie feucht ich bin, lässt meinen Körper vibrieren.

Dann unterbricht er den Kuss, stützt sich mit einer Hand auf, um sich über mich zu beugen. »Jetzt.« Er wartet meine Antwort gar nicht erst ab, aber meine Beine spreizen sich automatisch, und ich hebe die Hüften, um ihm entgegenzukommen, als er in mich hineinstößt. Ich schreie laut auf, nicht vor Schmerz, sondern weil einfach alles stimmt. Genau so muss es sein: ich und Damien. Damien und ich – wir gegen den Rest der Welt.

Wir bewegen uns gemeinsam, wild und wie im Rausch. Und als ich zum Höhepunkt komme, merke ich, dass mein Gesicht tränenüberströmt ist.

»Baby«, flüstert er und zieht mich an sich.

»Nein, nein!«, sage ich. »Ich bin einfach nur überwältigt.«

»Ich weiß«, sagt er und drückt mich noch fester an sich. »Ich weiß, Baby.«

Ich weiß nicht, wie lange wir so daliegen. Ich weiß nur, dass ich mich nie mehr von hier fortbewegen möchte. Viel zu früh streicht Damien über meinen nackten Arm und küsst mein Ohrläppchen. »Wollen wir zurückfahren?«

Natürlich will ich das nicht. Nie mehr. Aber ich weiß, dass Damien meinen Beistand genauso braucht wie ich seinen. Deshalb nicke ich nur und greife nach meinem Kleid. Ich reiche ihm die Hand. »Ja«, sage ich. »Lass uns zurückfahren.«

 

 

3

In meinen Träumen stürze ich immer wieder vom Dach des Gebäudes und falle endlos in die Tiefe. Damien streckt die Arme nach mir aus. Entsetzen zeichnet sich auf seinem Gesicht ab, als er versucht, mich zu erreichen – vergeblich. Er bleibt zurück, während ich unwiderruflich auf den harten, kalten Boden zustürze, auf dem ich zerschmettern werde. Währenddessen bete und hoffe ich, dass Damien kommt und mich wieder zusammensetzt, weiß aber genau, dass dem nicht so sein wird. Dass das unmöglich ist. Weil er derjenige ist, der mich von dem Gebäude gestoßen hat.

Ich wache schreiend auf, klammere mich an Damien, schlinge die Arme um ihn. Selbst das regelmäßige Schlagen seines Herzens und seine liebevollen Worte können mich nicht trösten, weil ich nicht mehr weiß, was Albtraum ist und was Realität.

Ich will nur, dass es endlich vorbei ist. Aber als wir zwei Stunden später unter Blitzlichtgewitter und den Rufen der Reporter, die uns Fragen zu dem heute beginnenden Prozess stellen, die Lobby des Kempinski-Hotels verlassen, nehme ich diesen Wunsch wieder zurück: Aus Angst, er könnte die Ka­tastrophe noch beschleunigen. Auf einmal wäre es mir lieber, diese ganzen Vorverhandlungen würden sich noch länger hinziehen. Ich möchte im sicheren Kokon unseres Hotels bleiben, der Realität entfliehen.

Seit wir zusammen sind, sind wir wie von einem schützenden Kokon umgeben. Doch so langsam dringt die Realität ein: Erst meine Mutter, die einfach so nach Los Angeles geflogen ist, um das zerbrechliche Leben zu ruinieren, das ich mir dort endlich selbst aufgebaut hatte. Dann die Paparazzi, die mich fast in den Untergang getrieben hätten, nachdem sie erfahren hatten, dass ich für eine Million Dollar als Aktmodell posiert habe. Und jetzt dieser Prozess, der alles kaputt machen wird, was Damien und ich uns aufgebaut haben.

Ich habe nicht die Absicht, Damien zu verlassen, und bin fest davon überzeugt, dass er mich auch nicht verlassen wird. Trotzdem werde ich die Angst nicht los, das Leben könnte ­etwas anderes mit uns vorhaben. Damien ist zwar der mächtigste Mann, den ich kenne, aber mit der ganzen Welt kann er es auch nicht aufnehmen.

Viel zu früh erreichen wir das Oberlandesgericht, wo Da­miens Prozess stattfinden wird. Es ist ein moderner, rechteckiger Bau aus weißen Betonplatten und Glas und somit dem, was hier gleich stattfinden wird, nur angemessen.

In den letzten Tagen bin ich mehrmals zu Vorbesprechungen hier gewesen. Doch da habe ich nicht gezittert. Heute kann ich gar nicht mehr damit aufhören. Das Zittern geht mir durch Mark und Bein, so als würde ich bis auf die Knochen frieren.

Ich hole tief Luft und rutsche zur Wagentür, die mir der Fahrer bereits geöffnet hat. Doch Damiens Hand hält mich zurück.

»Warte!«, sagt er leise. »Hier.« Er schlüpft aus seinem Jackett und legt es mir um die Schultern.

Ich schließe die Augen – nur ganz kurz, aber lange genug, um mich innerlich dafür zu ohrfeigen. Denn Damien sollte sich jetzt verdammt noch mal nicht um mich kümmern! Ich sollte mich um ihn kümmern! Deshalb drehe ich mich in der Limousine um, ziehe ihn an mich und drücke ihm einen Kuss auf die Lippen. »Ich liebe dich«, flüstere ich in der Hoffnung, dass diese schlichten Worte alles sagen, was ich jetzt nicht sagen kann.

Er sieht mir in die Augen. »Ich weiß. Und jetzt zieh das Jackett an.«

Ich nicke, verstehe die unterschwellige Botschaft: Egal was passiert, er wird nie aufhören, mich zu beschützen. Dagegen kann ich mich schlecht wehren, schließlich tue ich dasselbe für ihn.

Ich steige aus dem Wagen und richte mich auf, habe mein strahlendstes Lächeln aufgesetzt, weil wir von Reportern umzingelt sind. Sie kommen aus ganz Europa, aus den Vereinigten Staaten, ja sogar aus Asien. Ich bin darin geübt, meine wahren Gefühle zu verbergen, deswegen mache ich bestimmt einen gelassenen, selbstbewussten Eindruck. Doch in Wahrheit bin ich total verängstigt. Und daran, wie Damien meine Hand nimmt, merke ich, dass er das spürt. Ich wünschte, ich wäre stärker, aber dem ist nicht so, und das muss ich akzeptieren. Bis diese Sache auf die eine oder andere Weise vorbei ist, werden meine Nerven bis zum Zerreißen gespannt sein. Ich kann nur hoffen, dass ich anschließend in Damiens Arme sinken kann, statt allein in einen Abgrund zu stürzen.

»Mr. Stark! Miss Fairchild! Nikki! Damien!«

Lautes Stimmengewirr, manche sprechen Englisch, andere Deutsch und wieder andere Französisch.

Seit ich in München bin, wurden wir von den Medien verfolgt. Das liegt nicht nur an dem Prozess: Die Boulevardzeitungen sind genauso wild auf Damiens Liebesleben. Zum Glück schreiben sie nicht dauernd über mein Aktbild oder das Geld, das Damien mir dafür gegeben hat. Trotzdem wühlen sie begeistert im Dreck und veröffentlichen alte Fotos von Damien und seinen wechselnden Partnerinnen: Models, Schauspielerinnen, reiche Erbinnen. Damien hat mir selbst erzählt, dass er schon mit vielen Frauen im Bett war. Aber auch, dass ihm keine etwas bedeutet hat. Für ihn gibt es nur mich.

Ich glaube ihm. Trotzdem mag ich es gar nicht, diese Fotos überall am Kiosk, im Fernsehen und im Internet zu sehen.

Doch im Moment wäre ich froh, wenn sich die Medien nur wegen Damiens Bettgeschichten für uns interessieren würden. Aber die sind heute nicht das Thema. Heute will die Meute Blut sehen, es geht schließlich um Mord.

Erst als wir das Gebäude betreten haben, merke ich, dass ich die ganze Zeit über den Atem angehalten habe. Ich schaue kurz zu Damien hinüber und ringe mir ein Lächeln ab. Er schüttelt den Kopf. »Mir wäre es lieber gewesen, du wärst im Hotel geblieben.«

»Ich würde eher sterben, als dich allein zu lassen.« Auch wenn es mich im Moment fast umbringt, hier zu sein.

In den Gängen wimmelt es nur so von Anwälten und Gerichtsbeamten, alle marschieren zielstrebig irgendwohin. Ich nehme sie kaum wahr. Ehrlich gesagt nehme ich so gut wie gar nichts wahr, deshalb bin ich überrascht, als mir ein uniformierter Wärter meine Tasche