Die Ehe des Dr. Jorg - Liebesroman - Marie Louise Fischer - E-Book

Die Ehe des Dr. Jorg - Liebesroman E-Book

Marie Louise Fischer

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Beschreibung

Mit ihrem Mann, dem Arzt Richard, und ihrer kleinen Tochter führt die junge Inge ein glückliches und sorgloses Leben. Bis zu dem Tag, an dem Richard die attraktive Olga vor dem Ertrinken rettet und dabei selbst schwer verletzt wird. Von dieser Stunde an wird er zu einem respektlosen Tyrann, zudem flirtet er hemmungslos mit Olga - Inge erkennt ihren einst liebevollen Mann nicht mehr wieder. Ist das das Ende ihrer großen Liebe?-

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Marie Louise Fischer

Die Ehe des Dr. Jorg - Liebesroman

Saga

Die Ehe des Dr. Jorg - LiebesromanDer Ehe des Dr. Jorg (Unfallstation) Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de) Originally published 1968 by Lichtenberg Verlag, Germany Copyright © 1968, 2019 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726355185

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk

– a part of Egmont www.egmont.com

1

Das Rasseln des Weckers riß Dr. Richard Jorg aus tiefstem Schlaf. Ohne die Augen zu öffnen, streckte er den linken Arm aus, tastete nach dem Läutwerk und stellte es ab. Er drehte sich, genoß die wohlige Wärme des Bettes, räkelte sich tiefer in die Kissen.

Ganz allmählich erwachte er zu vollem Bewußtsein. Er hörte, wie seine Frau leise hereinkam.

„Du mußt aufstehen, Richard“, sagte sie so nahe seinem Ohr, daß ihre Locken ihn kitzelten. „Es ist höchste Zeit.“

„Schon?“ murmelte er schlaftrunken.

„Es ist gleich sechs“, sagte sie eifrig. „Du mußt . . .“

Aber da hatte er sie auch schon an sich gezogen und verschloß ihren Mund mit einem langen Kuß. Sie zappelte in seinen Armen, stemmte ihre Fäuste gegen seine Brust und versuchte ihn in die Lippen zu beißen. „Nicht jetzt, Richard“, protestierte sie. „Doch nicht jetzt!“

Er öffnete die Lider, sah ihr kleines helles Gesicht mit den runden braunen Augen unter den sanft gebogenen Wimpern ganz nahe vor sich. Ihr über alles geliebtes Gesicht.

„Und warum nicht?“ fragte er, ohne sie loszulassen.

„Weil du aufstehen mußt, Richard.“

Aber er spürte, wie ihr Körper unter seinen zärtlichen Händen schon weich wurde, nachgab. Nur noch wenige Augenblicke, und ihr Widerstand würde gebrochen sein.

„Du kommst zu spät in die Klinik“, sagte sie nur noch. Aber es klang nicht mehr wie ein Protest.

„Das laß nur meine Sorge sein, Liebling.“

„Das Wetter ist schauderhaft, du mußt ganz vorsichtig fahren. Also, wirklich, Richard, warum können wir nicht . . . du bist schrecklich!“

Er lächelte sie an. „Möchtest du, daß ich mich ändere?“

„Nein“, sagte sie atemlos. „Nein, Richard . . .“ Sie schlüpfte zu ihm unter die Decke, preßte ihren Kopf mit dem verwuschelten Haar fest an sein Herz.

Er wollte sie wieder küssen, aber in diesem Augenblick begann drüben in der Küche der Wasserkessel zu pfeifen, erst zart und zurückhaltend, dann immer heftiger und fordernder. Der Pfiff steigerte sich zu einem ohrenbetäubenden, anhaltenden Crescendo.

„Evchen wird wach werden!“

Mit einem dumpfen Plopp schoß drüben die Pfeife des Wasserkessels in die Luft. Sie hörten sie auf den Küchenfliesen aufschlagen.

„Na siehst du“, grinste er. „Erledigt sich alles von selbst.“

„O Richard“, rief Inge. „Wie komisch! Was sind wir doch für Kindsköpfe! Ein uraltes Ehepaar wie wir . . .“

„Aus dem Munde der Unmündigen kommt die Wahrheit“, sagte er. „Aber was hilft’s . . . aufstehen müssen wir ja doch. Also, machen wir’s kurz und schmerzlos.“

Er schwang seine langen Beine aus dem Bett. „Tummle dich, Alte. Wir holen’s nach, verlaß dich drauf.“

Sie turnte über das Fußende des Bettes und angelte nach ihren Pantöffelchen, während Richard schon seinen Morgenrock angezogen hatte und ins Bad hinübereilte.

Inge trat an ihren Toilettentisch, preßte die Hände gegen die erhitzten Wangen, fuhr sich mit dem Kamm durch die seidigen Locken, zog ihren hellen geblümten Morgenrock glatt, lief dann in die Küche.

Sie hatte gerade den kleinen Tisch in der Eßecke fertig gedeckt, als Richard Jorg hereinkam, nach Rasierwasser duftend, pfeifend und fröhlich.

„Sag mal“, meinte er und setzte sich, „hat es dir eigentlich nie leid getan? Ich meine, daß du dich für mich entschieden hast? Wenn du einen soliden Beamten geheiratet hättest, brauchtest du nicht drei Abende in der Woche allein zu sein, weil dein Mann Dienst hat. Sonntags hättest du ihn immer bei dir. Und außerdem verdient jeder tüchtige Autoschlosser heute mehr Geld als ich.“

Sie legte den Finger an die Nase und sagte mit gespieltem Ernst:

„Mir scheint, verehrtester Herr Doktor, Sie leiden an Minderwertigkeitskomplexen. Ein schwerer Fall. Was für eine Therapie schlagen Sie vor?“

Dr. Jorg ging sofort auf das Spiel ein. „Sie müssen mal mit meiner Frau reden, Herr Professor“, sagte er. „Sie ist so verdammt kühl und abweisend. Ich muß sie jedesmal regelrecht verführen, bis sie . . .“

„Du Scheusal!“ Inge sprang so heftig auf, daß der Küchentisch wackelte und Dr. Jorg rasch zugreifen mußte, um Kanne und Kaffeetasse in Sicherheit zu bringen. „Wie kannst du so etwas sagen!“ Sie lief zu ihm, schwang sich auf seine Knie, schlang ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund, lange, innig und voll zärtlicher Leidenschaft . . .

Dr. Richard Jorg glaubte diesen Kuß noch auf den Lippen zu spüren, als er fünfzehn Minuten später am Steuer saß und seinen Wagen startete.

Es war ein kalter, düsterer Wintermorgen. Die Scheinwerfer durchdrangen den Bodennebel und die Finsternis nur meterweit.

Normalerweise brauchte Dr. Jorg von dem Vorort Baldham, in dem er mit seiner Familie wohnte, gut zwanzig Minuten bis zur Unfallklinik in der Stadt. Aber an diesem Morgen dauerte die Fahrt wesentlich länger. Er konnte kilometerweit nur Schrittempo fahren. Erst als er die Peripherie Münchens erreicht hatte, wurde es besser. Der Bodennebel löste sich auf, Straßenlaternen und Fenster leuchteten beruhigend.

Er wollte gerade in das Portal des großen, modernen Unfallklinikgebäudes einbiegen, als ein Krankenwagen mit Blaulicht und Martinshorn heranraste, mit quietschenden Reifen rechts einbog und in der Einfahrt verschwand. Ehe Dr. Jorg ihm folgen konnte, kam schon der zweite Unfallwagen in rasender Fahrt hinterher.

Dr. Jorg unterdrückte einen Fluch. Der Tag fing ja gut an. Kein Wunder bei diesem Wetter.

Er gab Gas, fuhr in den Hof der Klinik ein, stoppte, sprang aus seinem Auto und schloß es ab. Im Vorbeilaufen sah er, wie eine Trage aus der Hintertür des zweiten Unfallwagens in den Vorbereitungsraum der Klinik geschoben wurde. Der erste Unfallwagen schoß schon wieder aus dem Hof hinaus. Dr. Jorg nahm die Stufen zum Haupteingang mit wenigen großen Schritten, rannte ins Ärztezimmer, warf Ulster und Jacke ab und schlüpfte in seinen Kittel.

Er säuberte sich im großen Waschraum die Hände und hastete in den Vorbereitungsraum.

„Na endlich“, sagte sein Kollege vom Nachtdienst, ein großer, hagerer Mann, zehn Jahre älter als Dr. Jorg. „Ich dachte, ich müßte noch mal ’ran “

„Entschuldigen Sie bitte, Kollege.“

„Macht nichts. Bei diesem Wetter! Hauptsache, Sie sind da.“

Dr. Jorg warf einen Blick über den Vorbereitungsraum. Vier Tragen standen da, auf denen man im ersten Moment nichts anderes erkennen konnte als blutverschmierte menschliche Bündel.

„Was ist passiert?“ fragte er.

„Schauen Sie sich’s an, Kollege. Schöne Schweinerei.“

Ein Beamter der Funkstreife, der sich bis jetzt im Hintergrund gehalten hatte, salutierte leicht. „Verkehrsunfall auf der Olympiastraße“, meldete er. „Einen englischen Sportwagen hat’s auf die linke Straßenseite geschleudert. Er ist dabei frontal gegen einen VW geprallt.“

„Na, viel Spaß“, sagte der Kollege und zog sich zurück.

Niemand sonst hatte Dr. Jorgs Eintritt beobachtet. Die Krankenpfleger waren damit beschäftigt, die Kleidung der Verletzten aufzuschneiden und zu entfernen. Zwei Schwestern taten das gleiche bei einer Frau, die auf der hintersten Trage in nächster Nähe der Rampentür lag.

Oberarzt Dr. Müller und der Assistent Dr. Köhler hatten bereits mit der Untersuchung begonnen. Dr. Jorg war Stellvertreter des Oberarztes. Ein seit Jahren erprobtes, gut eingespieltes Team.

Dr. Jorg versäumte nicht eine Sekunde. Er wandte sich sofort der ihm am nächsten stehenden Trage zu. Der Verletzte war schon entkleidet, ein blonder junger Mann mit gut ausgebildeter Muskulatur. Sein Gesicht zeigte Schürfspuren, geronnenes Blut und Straßenschmutz. Der linke Arm lag völlig verdreht, mit der Handfläche nach oben. Es sah aus, als gehörte der Arm gar nicht zu dem Mann. Der Patient war bewußtlos.

„Das ist der Fahrer des Sportwagens“, sagte der Polizist. „Er wurde acht bis zehn Meter aus dem Auto ’rausgeschleudert.“

Dr. Jorg hob die Augenlider des Bewußtlosen nacheinander an. Der Pupillenreflex war noch da. Aber das hatte so kurz nach dem Unfall nicht allzuviel zu besagen. Er hob den linken Arm des Verletzten und ließ ihn fallen; er schien nur noch durch Haut mit dem Körper verbunden zu sein. Auch der linke Fuß und der Unterschenkel waren gebrochen.

„Kopf röntgen“, sagte Dr. Jorg zu dem neben ihm stehenden Pfleger. „In drei Ebenen. Alles andere hat Zeit. Verständigen Sie den Anästhesisten.“

Während zwei Pfleger die Trage behutsam aufhoben und zum Aufzug transportierten, wandte sich Dr. Jorg an den Oberarzt, der einen anderen Verletzten untersuchte.

„Verdacht auf Schädelbasisfraktur“, sagte Dr. Jorg. „Reflexe sind erhalten. Ich habe ihn zum Röntgen geschickt.“

Dr. Müller nickte leicht. „Schauen Sie sich mal diesen Mann hier an. Es ist der Beifahrer des VW.“

Der Verletzte sah aus geweiteten, erschreckten und doch stumpfen Augen zu den Ärzten auf.

„Können Sie sich an den Unfall erinnern?“ fragte der Oberarzt. „Waren Sie bewußtlos?“ Er tastete dabei nach dem Puls des Verletzten, der schwach und sehr schnell ging.

„Unfall?“ murmelte der Schwerverletzte verständnislos. „Ich weiß nicht. Wo bin ich hier?“

„Schockzustand“, sagte Dr. Jorg leise.

Der Oberarzt nickte. Ein schwerer Wundschock war bei solchen Verletzungen nichts Ungewöhnliches.

Dr. Jorgs Augen überflogen den Körper des Patienten. Schnittwunden, Quetschungen, außerdem ein schwerer Oberschenkelhalsschaftbruch.

Dr. Jorg winkte eine Schwester herbei. „Dolantin“, befahl er und legte eine Staubinde an den linken Arm des Verletzten, während die Schwester die Spritze aufzog. Dr. Jorg spritzte eine Ampulle Dolantin. „Infusion“, sagte er dann. „Plasma-Expander.“

Die Schwester schüttete den Blutersatz in einen gläsernen Behälter, Dr. Jorg schloß den dünnen Schlauch an die Vene. Nur auf diese Weise konnte der Kreislauf des Schwerverletzten gestützt werden.

„So“, sagte Dr. Jorg. „Bleiben Sie bitte bei dem Patienten. Kontrollieren Sie den Puls. Wenn er sich einigermaßen erholt hat, kommt er zum Röntgen. Schädelaufnahmen, das rechte Bein in zwei Ebenen.“

„Jawohl, Herr Doktor.“

Dr. Jorg wandte sich zu der Patientin auf der Trage neben der Tür. Dr. Köhler hatte sie untersucht. Ein schönes junges Mädchen. Ihr blondes Haar war verklebt, ihr Gesicht durch eine große Schnittwunde auf der rechten Wange entstellt. Sie blickte verstört ins Leere.

Dr. Jorg zog es das Herz zusammen. Unwillkürlich trat das Bild seiner jungen Frau vor sein inneres Auge. Wenn Inge so vor ihm läge . . .

Commotio leichteren Grades“, erläuterte der Assistenzarzt. „Und natürlich noch Schock Kann sich an nichts mehr erinnern, spricht aber schon bedeutend klarer als vorhin. Ich habe Dolantin gegeben.“

Dr. Jorg räusperte sich. „Erbrechen?“ fragte er.

„Einmal. Außer Hautabschürfungen und dem Schnitt da in der Wange hat sie nichts abbekommen.“

„Nichts?“ fragte Dr. Jorg. „Ich denke, das genügt. Gehen Sie in den zweiten Operationssaal und versorgen Sie zunächst die Schnittwunde. Etwaige Kontrollaufnahmen vom Schädel und so weiter haben bis morgen Zeit.“

Das Mädchen begann zu sprechen, mit einer Stimme, die von weither zu kommen schien. „Wo ist Peter?“ fragte sie. „Mein Freund . . .“

Dr. Jorg beugte sich über die Patientin. „Machen Sie sich keine Sorgen. Mit ihm ist alles in Ordnung.“

Er gab den Pflegern einen Wink, die Trage hinauszubringen.

Dr. Jorg folgte dem Oberarzt ins Röntgenzimmer. Die Aufnahme vom Schädel des Sportwagenfahrers mußte jetzt fertig sein.

Das Röntgenbild lag in der Dunkelkammer auf der Mattscheibe. Es zeigte einen Wust von Schattierungen und komplizierten Linien.

„Schädelbasisbruch“, sagte Dr. Jorg gepreßt. „Wie ich befürchtet hatte.“

„Ja, leider“, sagte Dr. Müller.

Sie betrachteten noch die Aufnahmen von den beiden anderen Ebenen des Schädels. Dann verließen sie wortlos das Zimmer und fuhren zum Erdgeschoß hinauf, wo der blonde junge Mann in tiefer Bewußtlosigkeit lag. Er war unruhig geworden, die Pfleger hatten ihn auf dem Untersuchungsbett anschnallen müssen. Der Puls ging jetzt sehr schnell, die Atmung unregelmäßig.

„Sieht übel aus“, sagte Dr. Köhler. Er bemühte sich fortwährend, den Kreislauf des Patienten zu stützen.

Dr. Müller und Dr. Jorg untersuchten die Pupillen. Die rechte war klein, die linke weit und starr. Sie sahen sich an. Beide wußten Bescheid.

„Subdurales Hämatom“, sagte Dr. Jorg.

Dr. Müller nickte.

Die starre, erweiterte Pupille war ein sicheres Symptom für einen verstärkten Hirndruck auf der linken Seite. Dieser Hirndruck konnte nur von einer Blutstauung unter der Hirnhaut, einem subduralen Hämatom, herrühren. Bei dem Unfall mußten Hirngefäße verletzt worden sein. Das Blut staute sich, weil es keinen Ausweg fand.

„Wir müssen eine Trepanation zur Entlastung vornehmen“, sagte Dr. Jorg.

„Ja“, entschied Dr. Müller. „Operation. Wollen Sie das machen, Kollege?“

Dr. Jorg begriff, daß der Oberarzt den Fall für hoffnungslos hielt. Aber man mußte alles versuchen.

„Alles fertig machen zur Operation“, ordnete er an.

„Äußerste Beeilung, wenn ich bitten darf!“

„Viel Glück, Kollege“, sagte Dr. Müller. „Ich schicke Ihnen einen Assistenten.“

Dr. Jorg ging in den Waschraum, bürstete und wusch seine Hände zehn Minuten lang unter fließendem, heißem Wasser. Für eine Hirnoperation brauchte er Fingerspitzengefühl. Mit Gummihandschuhen war da nichts zu machen.

Der Assistent kam herein. Dr. Jorg erläuterte ihm mit wenigen präzisen Worten den Fall. Eine Lehrschwester half den beiden Ärzten in die sterilen grünen Kittel, knöpfte sie von hinten zu, setzte ihnen die sterilen grünen Kappen auf und band ihnen den Atemschutz vor, die sogenannte „Schnauze“. Dr. Jorg setzte sich noch eine kleine Stirnlampe auf. Hintereinander betraten die beiden Ärzte den OP.

Der Patient lag im schattenlosen Licht der Operationslampen. Sein Körper war mit sterilen Tüchern abgedeckt, das Kopfhaar völlig abrasiert, die ganze Schädeldecke mit Benzin und Alkohol gereinigt. Die Verletzung war jetzt deutlich sichtbar; ein etwa drei Zentimeter langer Bruch der Schädeldecke.

Dr. Jorg setzte sich auf den drehbaren Operationssessel hinter den Kopf des Patienten, der auf einer aufgeblasenen weichen Stütze lag.

Der Anästhesist hatte eine Dauertropfinfusion am Knöchel des Patienten angelegt. Eine Hohlnadel, die in die Vene führte, war durch ein Schlauchsystem mit einem Behälter verbunden. So konnten dem Patienten die notwendigen Medikamente tropfenweise zugeführt werden.

Außerdem hatte der Narkosearzt eine Intubation durch den Mund direkt in die Luftröhre eingeführt . . . ein biegsames Rohr, das mit dem Narkosegerät in Verbindung stand. Da der Patient in tiefer Bewußtlosigkeit lag, war eine Narkose zwar nicht nötig; aber man konnte ihm auf diesem Wege während der ganzen Operation Sauerstoff zuführen.

Dr. Jorg warf dem Anästhesisten einen fragenden Blick zu. „Wie sieht’s aus?“

„Schlecht, leider. Ich habe alles versucht, den Kreislauf anzuregen. Aber . . .“ Der Anästhesist zuckte mit den Schultern.

„Tun Sie weiter, was Sie können“, sagte Dr. Jorg. Er wandte sich an die OP-Schwester: „Skalpell!“ Dann führte er den ersten bogenförmigen Schnitt aus. Es blutete unerwartet stark. „Sauger!“ forderte Dr. Jorg.

Der Anästhesist betätigte den Sauger. Das blutende Gefäß wurde sichtbar. Dr. Jorg ergriff es mit der Pinzette. „Strom!“

Der Assistent legte die elektrische Nadel an das Gefäß und verödete es. Die Blutung war gestillt.

Dr. Jorg hatte den Hautlappen jetzt zurückpräpariert, halbmondförmig klappte er ihn herunter. Der Knochendeckel lag frei und mit ihm die Bruchstelle.

Die OP-Schwester reichte ihm den elektrischen Bohrer. Dr. Jorg legte zwei Bohrlöcher an, so daß ein Rechteck entstand, dessen eine Seite die Bruchstelle bildete.

„Handsäge!“

Die OP-Schwester reichte sie Dr. Jorg. Er sägte vorsichtig von Bohrloch zu Bohrloch und hob das Knochenstück heraus. Eine jüngere Schwester nahm es in Empfang und legte es in physiologische Kochsalzlösung.

Jetzt sah man die Hirnhaut. Sie war stark gespannt. Blauschwarz schimmerte die Blutung durch.

Der Assistent spülte das Operationsgebiet, entfernte Knochensplitter.

Dr. Jorg nahm das haarscharfe kleine Skalpell und ritzte die starke Dura an, die Hirnhaut. In dickem Schwall spritzte das gestaute Blut heraus. Nach und nach verschwand der Hirndruck.

Zwar konnte in dieser Minute niemand sagen, der Patient sei endgültig gerettet. Aber dem sicheren Tod war er zunächst einmal entrissen.

Der Assistent begann die blutenden Gefäße elektrisch zu verschorfen, bis das Operationsgebiet keine Nachblutung mehr zeigte.

Dr. Jorg füllte Hirnflüssigkeit auf und vernähte die Dura. Dann stand er auf und ging. Seine Arbeit war getan. Das Einfügen des Knochendeckels und die Kopfhautnaht konnte er dem Assistenten überlassen.

„Versorgen Sie auch noch den Arm und den linken Fuß“, sagte er, bevor er den OP verließ. „Der Junge wird sie ja hoffentlich noch brauchen.“

Im Waschraum half ihm die Lehrschwester aus dem blutverschmierten Kittel. Dr. Jorg bestellte sich eine Tasse Brühe und eine Schnitte Brot, wusch sich die Hände und zündete sich eine Zigarette an.

Doch das war die einzige Erholungspause, die sich Dr. Richard Jorg an diesem Vormittag gönnen durfte.

Danach ging es ununterbrochen weiter. Knochenbrüche, Schnittverletzungen, Quetschungen. Eine Frau, die versucht hatte, sich zu vergiften. Ein Kind mit schweren Verbrennungen.

Dr. Jorg war ganz überrascht, als plötzlich Dr. Willy Markus vor ihm stand, um ihn abzulösen.

„Nanu?“ sagte er. „Ist es schon zwei Uhr?“

„Zwanzig vor“, erklärte der Kollege und Studienfreund und zeigte lächelnd seine weißen, ebenmäßigen Zähne. „Aber einen Junggesellen wie mich macht ein Sonntag im Winter sowieso halb verrückt. Ich hatte nichts Besonderes vor heute mittag. Und da dachte ich, dir läge viel daran, so schnell wie möglich zu deiner Frau nach Hause zu kommen.“

„Danke, Willy. Vielen Dank.“

„Laß nur. Und grüß Inge von mir.“

„Wird gemacht. Servus.“ Richard Jorg ging zum Ärztezimmer, zog sich um und eilte hinaus zu seinem Wagen. Er war dem Kollegen ehrlich dankbar.

Früher waren sie unzertrennlich gewesen. Richard Jorg und Willy Markus. Als Junggesellen hatten sie zusammen gewohnt, sich immer blendend verstanden, manche Verrücktheit miteinander ausgeheckt. Bis Willy Markus seinem Freund eines Tages seine Freundin Inge vorstellte. Ein bildhübsches blondes, blutjunges Mädchen. Sie hatten sich angesehen, Inge und Richard Jorg, und beide waren ein bißchen verlegen geworden.

Willy Markus hatte es zunächst nicht bemerkt, er schlug in aller Harmlosigkeit einen Ausflug zu dritt vor. Man kam danach noch öfter zusammen, obwohl Richards Befangenheit Inge gegenüber immer größer wurde. Er wehrte sich gegen die Liebe, die heimlich in ihm wuchs, er hatte alles andere vor, als seinem besten Freund das Mädel auszuspannen.

Doch nach Wochen war Willy Markus zu ihm gekommen und hatte gesagt: „Du Richard . . . ich komme mit Inge nicht mehr recht klar. Wir haben uns im Grunde nichts mehr zu sagen, und ich fürchte, alter Junge, daran bist du schuld. Halt, sag jetzt nichts. Sie hat mir gestanden, daß sie dich liebt. Und du hast auch Feuer gefangen, mach mir nichts vor. Was sollen wir uns lange herumquälen . . . passiert ist passiert. Ich strecke die Waffen, meinen Segen habt ihr. Wenn ihr ’nen Trauzeugen braucht . . .“

So rasch und so einfach war das gegangen. Willy Markus benahm sich großartig. Aber ein Knacks in der Freundschaft war geblieben.

Er zündete sich eine Zigarette an, bevor er sich ans Steuer setzte. Der Wagen sprang nicht gleich an, er mußte die Starterklappe ziehen. Dann fuhr er an und kurvte auf die Straße hinaus.

Draußen vor der Stadt lastete immer noch der Nebel. Dr. Jorg nahm Gas weg und schaltete das gelbe Nebellicht ein. Nach einiger Zeit lichteten sich die Schwaden etwas. Er sah, daß ein rotes Kabriolett wenige Meter vor ihm fuhr. Am Steuer saß eine Frau. Er konnte nur erkennen, daß sie dunkles Haar hatte und eine Pelzkappe trug.

Die Fahrbahn war naß und glänzend. Dr. Jorg mochte nicht überholen, es war zu glatt. Er wollte gerade in den zweiten Gang zurückschalten, um noch langsamer zu fahren, als die Dame vor ihm plötzlich ihr Tempo beschleunigte. Der Abstand zwischen den beiden Autos vergrößerte sich.

Das rote Kabrio hatte jetzt das Ufer eines kleinen Sees erreicht. Die Böschung fiel steil zum Wasser ab, die Straße war durch ein Geländer abgesichert. Eine scharfe Kurve kam heran.

Dr. Jorg sah, wie der Wagen vor ihm bremste und gleichzeitig ins Schleudern geriet. Das Heck schlingerte hin und her, die Fahrerin verlor die Gewalt über das Steuer. Das rote Kabrio scherte nach rechts aus, durchbrach das Geländer und stürzte in die Tiefe.

Der ganze Vorgang hatte sich in Sekundenschnelle abgespielt. Wäre nicht das zersplitterte Geländer gewesen . . . Dr. Jorg hätte sich einbilden können, einer Täuschung zum Opfer gefallen zu sein.

Er brachte seinen Wagen zum Stehen, sprang hinaus, lief zum Geländer, starrte in die Tiefe. Das rote Kabriolett schwamm mit dem Verdeck nach oben auf dem Wasser. Wahrscheinlich hatte es sich im Fallen überschlagen und war dann doch mit der Bauchseite unten angekommen. Aber es sank von Sekunde zu Sekunde tiefer, das Wasser drang unerbittlich ein.

Was tun? Die Funkstreife oder die Feuerwehr verständigen? Ehe die kamen, war es zu spät. Wenn die Fahrerin nicht selbst genug Geistesgegenwart besaß, sich aus dem sinkenden Fahrzeug zu befreien, war sie verloren.

Angestrengt spähte Dr. Jorg in die Tiefe. Die Fenster des Wagens waren noch über Wasser. Aber im Inneren war nicht die geringste Bewegung zu erkennen.

Er raste zu seinem Auto zurück, riß sein Fahrtenmesser aus dem Handschuhkasten, hastete die Straße entlang bis zum Ende des Geländers und stolperte den Abhang zum See hinunter.

Das Auto war in der Zwischenzeit schon tiefer gesunken.

Dr. Jörg zögerte den Bruchteil einer Sekunde. Dann streifte er Schuhe und Mantel ab und watete in das eiskalte Wasser hinein.

Die Kälte drang ihm sofort bis auf die Knochen. Aber er überwand sich mit zusammengebissenen Zähnen, watete weiter, bis er den Boden unter den Füßen verlor, schwamm dann in kräftigen Stößen auf das immer tiefer sinkende Fahrzeug zu, packte den Türgriff, schwang sich auf den vorderen Kotflügel, der schon tief unter Wasser gedrückt war, und schlitzte das Verdeck des Autos auf.

Jetzt sah er die Fahrerin. Sie hing ohnmächtig über dem Steuer. Ihr Körper lag schon bis zur Brust im Wasser.

Es gelang ihm mit unendlicher Anstrengung, den leblosen Körper in den vor Nässe schweren Kleidern hochzustemmen und auf den unzerstörten Teil des Verdecks zu legen. Lieber Gott, betete er innerlich, nur noch ein paar Minuten! Laß das Auto nicht jetzt versinken, nicht jetzt! Nur noch ein paar Minuten . . . Er wußte: Wenn das Auto zu früh unterging, würde der Strudel sie beide unweigerlich mit hinabziehen.

Mühsam kletterte Dr. Jorg auf den Kofferraum, packte die leblose junge Frau unter den Achseln und zerrte sie hoch.

Er zog die Bewußtlose ins Wasser und schwamm auf dem Rücken dem Ufer zu, mit Beinstößen, die ihm das letzte an Energie abforderten. Er hatte gerade wieder Boden unter den Füßen gewonnen, als das Auto gurgelnd in die Tiefe des Sees verschwand.

Auf seinen Armen trug er die Gerettete zum Ufer, erreichte keuchend und zitternd, völlig am Ende seiner Kräfte, die Böschung, glaubte schon, es geschafft zu haben . . . da glitt er auf einem nassen Stein aus. Er drehte sich im Kampf um sein Gleichgewicht um sich selber, die junge Frau entglitt seinem Griff. Beide stürzten zu Boden.

Dr. Jorg spürte einen jähen, heftigen Schmerz an der Stirn. Ein Feuerwerk roter und gelber Sterne blitzte vor ihm auf und erlosch. Nacht umfing ihn. Er verlor das Bewußtsein.

Später, viel später hörte Dr. Richard Jorg eine vertraute Männerstimme über sich: „Mensch, Richard, alter Junge!“

Er riß die Augen auf. Dr. Willy Markus lächelte besorgt auf ihn herab.

„Wo bin ich?“ fragte Dr. Jorg mühsam.

„Na, schau dich mal um. Du solltest dich doch hier auskennen. Nein, liegenbleiben, bitte . . . Ich habe nicht gesagt, daß du gleich aufstehen sollst.“

Dr. Jorg sah weiße Kittel um sich, bekannte Gesichter, helles, schattenloses Licht. „Bin ich . . .“, stammelte er.

„Sehr richtig, alter Junge.“ Markus grinste. „Du bist in der Unfallklinik! Im Vorbereitungsraum, wenn du es genau wissen willst.“

„Was . . . was ist denn passiert?“

„Genau das möchte ich von dir wissen“, erwiderte der Kollege.

„Wasser . . . kaltes, trübes Wasser . . .“

„Sehr richtig!“ Dr. Markus reinigte mit einer Desinfektionsflüssigkeit das Gesicht des Kollegen. „Eigentlich hätten wir einen Schnappschuß von dir machen sollen“, meinte er. „Wie du aussahst, als sie dich hier hereinschoben . . . ich dachte, mich laust der Affe.“

Die scharfe Flüssigkeit brannte in der Wunde. Dr. Jorg zuckte zusammen.

„Nur eine Platzwunde“, sagte Dr. Markus beruhigend. „Du hast Glück gehabt. Ein Pflaster drauf, und schon ist’s passiert!“ Er legte die Staubinde um Richards linken Arm. Die Injektionsnadel drang in die Vene.

„Was machst du denn da?“ fragte Dr. Jorg.

„Ich verpasse dir eine Ampulle Dolantin. Scheinst ja einen argen Schock bekommen zu haben. Bleib still liegen, hörst du? Ärzte sind bekanntlich die schwierigsten Patienten.“

„Wo ist diese Frau?“ fragte Dr. Jorg. „Die aus dem Wagen . . . im See . . .“ Langsam, ganz langsam kam die Erinnerung wieder.

„Die du gerettet hast, meinst du wohl.“

„Ich habe . . .“

„Genau. Du bist der Held des Tages. Du sahst eine junge Dame im See versinken, und schon hast du dich wie ein Kavalier in die Fluten gestürzt. Meine Hochachtung, alter Junge.“

„Ja, so war es“, murmelte Dr. Jorg. „Jetzt weiß ich wieder alles. Ich habe das Verdeck aufgeschnitten und sie ’rausgeholt. War ein verdammtes Stück Arbeit.“

„Kann ich mir denken.“ Dr. Markus zog die Spritze heraus, nahm die Staubinde ab und gab beides einer Schwester. Er begann den Leib des Patienten abzutasten. „Schmerzen?“ fragte er.

„Ach, woher denn?“

„Na, erlaube mal. Du könntest dich doch verletzt haben“

„Aber wie denn? Wasser hat schließlich weder Kanten noch Ecken. Wenn ich nicht auf den blöden Steinen am Ufer ausgerutscht wäre . . . also wirklich, Willy, mir fehlt nichts, außer dieser kleinen Beule an der Stirn.“

„Na schön. Dann werde ich dich jetzt mal zum Röntgen schicken.“

„Röntgen?“ Dr. Jorg fuhr auf. „Bist du denn wahnsinnig? Wegen dem kleinen Bums?“

„Bloß als Vorsichtsmaßnahme. Du solltest doch selbst am besten wissen . . .“

„Na hör mal. Seit wann wird hier jeder geröntgt, der sich den Schädel gestoßen hat?“

„Nicht jeder. Aber bei dir möchte ich ganz sichergehen.“ Dr. Markus grinste. „Schließlich bist du ein besonders wertvolles Mitglied der menschlichen Gesellschaft.“

„Laß die Witze!“

„Ganz im Ernst, alter Junge.“

Dr. Jorg zog sich die rauhe Wolldecke um die nackten Schultern. „Alles, was ich brauche, ist ein heißes Bad und ein Aspirin! Wenn ihr mich noch länger hier so herumliegen laßt, hole ich mir den Tod! Und falls du mich wirklich ins Röntgenzimmer schleppen willst, springe ich von der Trage . . . laß dir das gesagt sein!“

„Na schön“, sagte Dr. Markus. „Auf deine Verantwortung.“

„Und tu mir einen Gefallen: Sieh zu, daß meine Sachen im Trokkenraum wieder in Ordnung gebracht werden. Wo sind übrigens mein Mantel und meine Schuhe? Ich hatte sie ausgezogen, bevor ich . . .“

„Alles da. Keine Sorge.“

„Um so besser. Übrigens, in der Tasche vom Mantel müssen meine Zündschlüssel sein. Kannst du jemanden losschicken, der mein Auto holt?“

Dr. Markus hob die dichten schwarzen Augenbrauen. „Du hast doch nicht etwa vor, allein nach Hause zu fahren?“

„Doch. Sobald ich mich einigermaßen erholt habe.“

„Also hör mal . . .“

„Ich bin nicht krank.“

Dr. Markus zuckte die Achseln. „Schon möglich“, sagte er. „Deinem Dickschädel kann ein kleiner Stoß bestimmt nichts ausmachen.“

Dr. Jorg wandte sich an die Krankenpfleger. „Ab geht’s“, befahl er. „Ins Bad!“

Dr. Markus lief ijhm nach. „Hör mal“, sagte er. „Wird Inge sich keine Sorgen machen, daß du nicht nach Hause gekommen bist? Soll ich sie nicht wenigstens anrufen?“

Dr. Jorgs Augen wurden dunkel. Wie hatte er seine Frau vollkommen vergessen können? Das war noch nie zuvor geschehen.

„Doch“, sagte er betroffen, „tu das . . .“

„Wird gemacht.“

„Aber bitte, erzähl ihr nichts von dem Unfall. Sag einfach, ich hätte noch länger hier zu tun. Ich möchte sie nicht beunruhigen.“

„Ob das richtig ist?“ fragte Dr. Markus zögernd.

„Laß das meine Sorge sein. Schließlich bin ich mit ihr verheiratet und nicht du!“

Dr. Markus sah ihn ganz verdutzt an. So hatte Richard Jorg noch nie mit ihm gesprochen. In einem so schroffen, beinahe haßerfüllten Ton. Na ja, der Schock, dachte Willy Markus. Er wird schon wieder vernünftig werden.

Gegen sechs Uhr abend erwachte Dr. Jorg. Er hatte gebadet, in einem Ärztezimmer geschlafen und fühlte sich wesentlich besser. Nichts war zurückgeblieben als dumpfer Kopfschmerz und eine innere Unruhe, die es ihm nicht erlaubte länger liegenzubleiben.

Er klingelte einer Schwester, verlangte seinen Anzug, seinen Mantel, seine Schuhe, bat um eine Tasse Kaffee. Er nahm eine Tablette.

Gerade als er das Zimmer verlassen wollte, trat Dr. Markus ein. „Wollte bloß mal sehen, wie es dir geht.“

„Hast du eine Zigarette für mich?“ fragte Dr. Jorg.

Dr. Markus reichte ihm ein Päckchen. „Kannst du behalten. Habe ich extra für dich besorgen lassen.“

„Danke“, sagte Dr. Jorg. Er riß das Päckchen auf, steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, hielt dem Kollegen das Päckchen hin, der sich ebenfalls bediente und dann sein Feuerzeug aufspringen ließ.

„Streichhölzer habe ich auch nicht“, sagte Dr. Jorg.

„Kriegst du sicher von einer Schwester, wenn du schön ,Bitte! Bitte!‘ machst. Hier ist übrigens dein Zündschlüssel. Das Auto steht im Hof.“

„Danke“, sagte Dr. Jorg und ließ die Schlüssel in die Hosentasche gleiten.

„Ich habe Inge angerufen“, sagte Dr. Markus. „Ich habe ihr nichts von dem Unfall erzählt, obwohl . . .“ Er unterbrach sich. „Danke“, sagte Dr. Jorg.

„Du mußt ihr jetzt nur noch plausibel machen, warum du die nächsten Tage frei hast.“

Dr. Jorg runzelte die Stirn. „Habe ich?“

„Strenger Befehl vom Chef. Du hast nicht eher wieder zum Dienst zu erscheinen, bis du vollkommen auskuriert bist.“

Dr. Jorg wollte aufbegehren. Aber dann sagte er mit erzwungener Gelassenheit: „Na, wenn schon. Ich denke, ich werd’s einige Zeit ohne den Rummel hier aushalten können.“

„Bestimmt.“

Dr. Jorg drückte seine Zigarette aus. „Also dann . . . Dank für alles. Wiedersehen.“

„Richard“, sagte Dr. Markus und hielt den Kollegen am Arm fest.

„Was gibt’s?“

„Möchtest du dich nicht doch noch röntgen lassen? Es dauert ja nur ein paar Minuten, und . . .“

Dr. Jorg brauste auf. „Ich begreife nicht, warum du mir das dauernd einreden willst!“

„Weil ich in Sorge um dich bin“, sagte Dr. Markus ruhig.

„Sag lieber, weil du mich ausschalten willst!“

„Aber Richard! Spinnst du plötzlich?“

„Meinst du, ich hätte nicht längst bemerkt, daß du gegen mich intrigierst?“ schrie Dr. Jorg. „Du willst Oberarzt werden, du willst mich hier mies machen, du willst dich rächen wegen Inge . . . Glaubst du, ich bin blöd und sehe das nicht?“

„Richard!“ rief Dr. Markus entsetzt. „Was redest du denn da? Alles kann man mir vorwerfen, wirklich alles . . . aber doch nicht, daß ich ein Streber bin!“

Plötzlich glätteten sich Dr. Jorgs verzerrte Züge. „Entschuldige“, sagte er. „Ich weiß wirklich nicht, was da über mich gekommen ist. Mir scheint, ich bin wirklich noch ein bißchen durcheinander. Ich habe es nicht so gemeint.“

„Schon gut!“ sagte Dr. Markus verletzt.

Die beiden Männer sahen sich noch einen Augenblick schweigend an. Jeder suchte nach Worten, um die plötzlich entstandene Feindschaft zu überbrücken. Aber sie begriffen beide, daß sie sich nichts mehr zu sagen hatten.

Dr. Jorg drehte sich um und ging.

2

Die Heimfahrt verlief glatt und ohne Zwischenfälle.

Aber als er den Wagen vor seinem kleinen Haus parkte, überkam ihn ein seltsames Gefühl. Es war ihm, als wäre er nicht nur einen Tag, sondern sehr lange, eine Ewigkeit nicht mehr hier gewesen. Er blickte hoch, zählte die Fenster, betrachtete lange den gelben Verputz, der an einigen Stellen abzubröckeln begann . . . und immer stärker wurde dieser merkwürdig beklemmende Eindruck.

Alles schien verändert.

Er klingelte nicht wie sonst, um seine Ankunft anzukündigen, sondern schloß einfach die Haustür auf. Fast wunderte er sich, daß der Schlüssel paßte.

Auch der Hausflur war verändert. Er schien enger und dunkler, als er ihn in Erinnerung hatte. Zum erstenmal sah er, daß der Garderobenspiegel nicht blankgeputzt, daß der Teppich abgestoßen war. Und es ärgerte ihn.

Aus dem Wohnzimmer drangen die Stimmen seiner Frau und seiner kleinen Tochter. Ihre Fröhlichkeit traf ihn wie eine Kränkung. Es kostete ihn Überwindung, hineinzugehen.

Inge und Evchen hockten auf dem Fußboden, mitten in einer Puppenschneiderei, die blonden Köpfe eng beieinander, plaudernd und sehr vergnügt.

Dr. Jorg erstarrte. Der Anblick seiner Familie ließ ihn seltsam kalt.

In ihm war keine Freude mehr, keine Zärtlichkeit. Es war ihm, als sähe er auf zwei fremde Wesen, die ihm niemals etwas bedeutet hatten.

Jetzt erst sah Inge ihn in der Tür stehen, war fast im gleichen Augenblick auf den Beinen, lief zu ihm hin und umschlang ihn. „Richard“, rief sie, „Liebster, da bist du ja schon! Wir hatten dich gar nicht kommen gehört!“

„Tut mir leid, wenn ich euch gestört habe“, erwiderte er gepreßt.

„Wie kannst du so etwas denken! Nur . . . Willy Markus hatte gesagt, es könnte spät werden, und deshalb . . .“

Sie hob ihr Gesicht zu ihm auf, ihr liebevolles kleines Gesicht mit den braunen weit auseinanderstehenden Augen, den winzigen Sommersprossen auf der kecken Nase. Aber Dr. Richard Jorg empfand nichts bei diesem Anblick, gar nichts, geradeso, als wenn jedes Gefühl in ihm abgestorben wäre. Er mußte an sich halten, sie nicht brutal von sich zu stoßen.

Jetzt erst entdeckte sie das Pflaster auf seiner Stirn. Ihre großen Augen weiteten sich noch. „Was ist mit dir, Richard? Hast du dich verletzt?“ fragte sie erschrocken.

„Gestoßen“, sagte er ablehnend, „nichts von Belang.“

„Aber . . . wie ist denn das passiert?!“

„Nur einfach so.“

Sie strich zart mit den Fingerspitzen über das Pflaster, zog ihre Hand aber sofort zurück, als er zusammenzuckte.

„Tut es weh, Liebster?“

„Nicht der Rede wert!“ Er war erleichtert, als es ihm gelang, sie mit sanftem Druck von sich zu schieben.

Aber inzwischen war Evchen auf ihn zugekrabbelt. „Papi! Papi!“ schrie die kleine vergnügt und zog sich an seinem Hosenbein in die Höhe.

Inge hob ihr Töchterchen hoch, hielt sie dem Vater entgegen. „Gib Papi ein Küßchen, Liebling“, sagte sie, „aber ganz zart . . . Papi hat Weweh!“

Evchen schob ihre vollen runden Lippen zu einem Schnütchen vor, und Dr. Richard Jorg sah mit Ekel, daß ihr Mündchen mit Schokolade verschmiert war. Aber es gab keine Möglichkeit, dieser schmatzenden feuchten Berührung auszuweichen.

Danach aber wandte er sich rasch beiseite, rieb sich die Wange. „Ich glaube, du solltest sie waschen“, sagte er gezwungen.

Inge sah von ihrem Mann auf das Kind, das immer noch verlangend die Ärmchen nach seinem Vater ausstreckte. Sie war wie vor den Kopf geschlagen. Es war das erstemal, daß Richard Jorg sein Töchterchen nicht in die Arme nahm, es nicht abküßte und mit ihm spielte und spaßte.

„Nun steh nicht da wie eine Meduse“, sagte er, „sieh lieber zu, daß ich endlich etwas zu essen bekomme!“

„Ja, natürlich . . . sofort . . .“, sagte sie verwirrt und wollte, mit dem Kind auf dem Arm, aus dem Zimmer.

Dr. Jorg wies auf die Puppenschneiderei – Schere, Nadel, Faden und zahllose Stoffetzchen, die über den Fußboden verstreut waren. „Und das da soll einfach so liegenbleiben?“

Seine junge Frau starrte ihn an. Noch nie hatte er in einem solchen Ton mit ihr gesprochen. Flammender Zorn stieg in ihr auf. „Was willst du nun wirklich“, fragte sie bebend, „daß ich aufräume oder dir etwas zu essen mache?“

Er explodierte. „Daß du diesen verdammten Haushalt in Ordnung hältst!“ brüllte er. „Und ich finde, das ist nicht zuviel verlangt! Du hockst den ganzen Tag hier herum, während ich mich abplage, damit ihr ein gutes Leben führen könnt! Und was finde ich, wenn ich nach Hause komme? Ein Durcheinander, daß es einen grausen kann!“

Seine Wut verrauchte so schnell, wie sie ausgebrochen war. Kaum hatte er zu Ende gesprochen, als er schon gar nicht mehr begriff, was in ihn gefahren war. Er hätte gern alles zurückgenommen, aber dazu war es zu spät.

Inge hatte das Kind zu Boden gesetzt und begann hastig, alle Utensilien einzusammeln und in den großen bunten Karton zu stopfen. Dann verließ sie, immer noch schweigend, Evchen an der Hand, das Wohnzimmer. Wenig später hörte er ein Weinen – aber er konnte nicht ausmachen, ob es von seiner Frau oder seinem Kind kam.

Er warf sich in einen Sessel, streckte die Beine weit von sich, zündete eine Zigarette an. Er überlegte, ob er sich bei Inge entschuldigen sollte.

Aber wozu denn? dachte er. Sie ist wirklich die Unordnung in Person. Alles, was ich gesagt habe, war ja vollkommen richtig. Ich bin bisher viel zu nachsichtig mit ihr gewesen. Es war längst an der Zeit, ihr mal die Meinung zu sagen.

Aber es hielt ihn nicht in dem kleinen Zimmer. Er fühlte sich beengt, als wenn die vier Wände ihn erdrücken wollten. Kaum daß er seine Zigarette ausgeraucht hatte, stand er auf und ging in die Küche hinüber.

Inge hatte Brot, Butter, kalten Braten und eine Flasche Bier auf den Tisch gestellt. Sie war gerade dabei, eine Scheibe Braten für Evchen in winzige Stückchen zu schneiden. Das Kind saß mit verweinten Augen auf seinem Stühlchen.

Einen Augenblick sah er auf Inges gesenkten Kopf. Er glaubte, sie gekränkt und verletzt zu haben, und dieses Gefühl tat ihm seltsamerweise wohl, schaffte ihm geradezu eine gewisse Erleichterung.

Aber da sah sie ihn an und lächelte. „Verzeih mir“, sagte sie, „du hattest ganz recht! Ich bin wirklich eine Schlampe, aber ich werde mich bessern . . . großes Ehrenwort!“

Er wußte nicht, was er darauf erwidern sollte, setzte sich wortlos zu Tisch, schenkte sich ein Glas Bier ein.

„Das ist der Braten von heute mittag“, sagte sie, „er ist ein bißchen trocken geworden, weil ich ihn zu lange im Rohr gelassen habe . . . ich dachte ja immer, du müßtest jeden Augenblick kommen.“

„Mach mir nur Vorwürfe!“

„Aber das tue ich doch gar nicht, Richard, ich versuche nur, dir zu erklären . . . Liebster, warum müssen wir uns heute dauernd zanken?“

„Meine Schuld ist es nicht.“

Evchen war noch zu klein, um zu verstehen, was zwischen den Eltern vorging. Aber sie spürte das Unheil, das in der Luft lag. Der böse und gereizte Ton, den sie bisher nie gehört hatte, erschreckte sie. Sie begann wieder zu weinen.

„Evchen“, sagte Inge verzweifelt, „bitte, sei brav . . . iß dein Broti! Papi ist ja nicht böse . . .“

„Zum Kotzen!“ sagte er laut, schob seinen Teller mit einer brüsken Bewegung von sich und sprang auf.

Er stürzte zur Tür hinaus, ohne sich noch einmal umzusehen.

Eine Stunde später saß Inge Jorg im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Allein.

Eine Revuesendung lief, und Inge war jung genug, um normalerweise an Tanz und Schlagern Freude zu haben. Aber an diesem Abend nahm sie nichts von dem wahr, was sich vor ihr auf der Mattscheibe abspiegelte.

Sie dachte an Evchen, die sich in den Schlaf geweint hatte, und an ihren Mann, der sich so seltsam benommen hatte. Nie zuvor hatte sie ihn so erlebt, und nie hatte sie sich nur vorgestellt, daß er sich so benehmen könnte.

Es war ihr, als wenn sie mit einem wildfremden Mann verheiratet wäre – nicht mehr mit dem fröhlichen, verliebten, verständnisvollen Richard Jorg, wie sie ihn gekannt hatte, sondern mit einem ganz anderen, von dessen Existenz sie bisher nichts geahnt hatte.

Ihre Mutter und ihre Freundinnen hatten ihr oft erzählt, daß die Männer erst in der Ehe plötzlich ihr wahres Gesicht zeigen – aber es war doch nicht möglich, daß ein Mensch sich an einem einzigen Tag so vollständig änderte! Noch am Morgen war er doch ganz wie immer gewesen. Wie wäre es möglich, daß er jetzt plötzlich so verwandelt war!?

Irgend etwas mußte geschehen sein im Lauf dieses Tages, irgendeine fremde feindliche Macht mußte von ihm Besitz genommen haben.

Dann wurde ihr bewußt, daß der Fernsehapparat noch immer lief. Sie wusch sich im Bad, huschte leise ins Schlafzimmer, schlüpfte in ihr Nachthemd und unter die Decke. Sie lag ganz still und hielt den Atem an.

Richard hatte kein Wort gesagt, aber sie spürte, daß er noch nicht schlief.

„Richard“, flüsterte sie, und ihre Hand tastete zu ihm hinüber.

„Hm“, murmelte er undeutlich.

Sie nahm allen Mut zusammen und rutschte hinüber, schlang ihre Arme um ihn und kuschelte ihren Kopf an seine Brust.

Aber er zog sie nicht wie sonst enger an sein Herz, sondern er lag, ohne sich zu bewegen, still und stumm, wie versteinert.

Sie streichelte ihn mit sanften, zärtlichen Händen. „Richard“, flüsterte sie, „Richard . . . weißt du denn nicht, wie sehr ich dich liebe?“

Sie spürte seine Lippen auf ihrer Stirn, trockene, harte Lippen. „Ich dich auch“, sagte er gepreßt, „aber geh jetzt schön brav wieder in dein Bett. Ich bin furchtbar müde.“

„Bist du mir noch böse?“

„Nein“, sagte er, „aber verschwinde jetzt. Bitte.“ Er rollte sich zur Seite.

Jetzt erst begriff sie, daß es ihm ernst war mit seiner Abweisung. Sie kroch in ihr Bett zurück, tief gedemütigt. Sie preßte die Zähne so fest zusammen, daß ihre Kiefer schmerzten.

Jetzt nur nicht weinen, dachte sie, nur das nicht jetzt noch! Lange lag sie mit weitoffenen Augen im Dunkeln, kaum einen halben Meter entfernt von dem Mann, den sie liebte, und doch durch einen Abgrund von ihm getrennt.

Sie wußte, daß auch er nicht schlief, aber sie wagte es nicht, noch einmal das Wort an ihn zu richten.

Am nächsten Morgen sah alles anders aus.

Der Schlaf hatte Inge Jorg Vergessen und Entspannung geschenkt. Sie mußte über sich selber lächeln, wenn sie daran dachte, welch eine Tragödie sie aus der schlechten Laune ihres Mannes gemacht hatte. Er war einfach übermüdet und erschöpft gewesen, und sie, statt darauf einzugehen und Rücksicht auf ihn zu nehmen, hatte erwartet, daß er genauso munter wie sie selber wäre, die den ganzen Tag nicht viel anderes getan hatte, als auf ihn zu warten.

Sie sprang aus dem Bett, eilte in die Küche, setzte Kaffeewasser auf, deckte den Frühstückstisch. Sie nahm die Pfeife vom Kessel, noch bevor das Wasser kochte, sah sich noch einmal um, ob auch alles in Ordnung war, und eilte dann ins Schlafzimmer. Richard schlief. Das blonde Haar stand verstrubbelt über seiner hohen Stirn, er wirkte im Schlaf wie ein trotziger Schuljunge.

Sie beugte sich über ihn, küßte ihn auf die Augen, die Stirn, die Nase, den Mund. „Richard“, flüsterte sie nahe an seinem Ohr, „aufstehen!“

Als er nur knurrte, fügte sie vergnügt hinzu: „Es ist Zeit zur Schule!“

Er streckte nicht die Arme nach ihr aus wie sonst, machte keinen Versuch, sie an sich zu ziehen, sondern öffnete die Augen und sah sie an – mit einem Blick, der aus unendlicher Ferne zu kommen schien.

„Warum weckst du mich?“

„Es ist gleich sechs. Du mußt aufstehen.“

„Aber ich brauche doch heute gar nicht zum Dienst.“

„Nicht? Davon hast du mir ja kein Wort erzählt. Das ist ja herrlich!“

„Bestimmt“, sagte er und hatte die Augen schon wieder geschlossen, „endlich kann ich mal ausschlafen!“ Er rollte sich zur Seite, wühlte seinen Kopf tiefer in sein Kissen.

Sie hatte keine Lust mehr zu schlafen. Sie trank den Kaffee, der eigentlich für ihren Mann bestimmt gewesen war und rauchte eine Zigarette.

Richard war nicht mehr zufrieden mit ihr. Aber sie würde ihm schon zeigen, was für eine gute Hausfrau sie war. Sie entschloß sich, im Wohnzimmer heute morgen einen ganz gründlichen Hausputz zu veranstalten, und wenn er dann aufstand, würde alles blitzen und blinken, so daß er sie einfach loben mußte!

Unternehmungslustig stand sie auf, räumte das Geschirr in den Spülstein, zog einen blauen Baumwollkittel an, band sich ein buntes Tuch um das lockige Haar und machte sich im Wohnzimmer an die Arbeit. Sie räumte sämtliche Stühle und Sessel heraus, rollte den Teppich zusammen und fuhrwerkte voller Begeisterung herum. Sie merkte gar nicht, wie die Zeit verging und daß es allmählich draußen hell wurde. Plötzlich stand ihr Mann – in Schlafanzug und Hausschuhen – in der Tür, sah sich mit gerunzelter Stirn um.

„Richard“, sagte sie unbefangen, „du bist schon auf? Warte eine Sekunde, ich mache dir rasch das Frühstück!“

„Darf ich fragen, was das hier werden soll, wenn es fertig ist?“

„Ich mache Hausputz!“

„Ausgerechnet heute, wo ich dienstfrei habe?“

„Aber ich bin doch in einer halben Stunde fertig, und dann hast du es hier ganz gemütlich!“

„Ich möchte lieber wieder ins Bett.“

„Ach so!“ sagte sie verwirrt. „Also dann mache ich wohl lieber erst das Schlafzimmer!“

„Na, dann kann ich mich ja grad so gut anziehen!“ Er drehte sich auf der Türschwelle um und schlurfte ins Bad.

Beinahe wäre sie ihm nachgelaufen, aber dann tat sie es doch nicht. Schon wieder traten ihr die Tränen in die Augen, diese blöden Tränen! Sie wischte sich mit dem Handrücken darüber.

Es hatte keinen Zweck. Sie konnte es ihm nicht recht machen. Das Beste war es, beschloß sie, ihn sich einfach ausknurren zu lassen. Er würde schon von selber wieder zur Vernunft kommen.

Sie bereitete ihm das Frühstück, leistete ihm dabei aber keine Gesellschaft, und er machte auch keine Anstalten, sie dazu aufzufordern. Sie putzte das Wohnzimmer weiter, jetzt aber nicht mehr so gründlich, sondern schnell, damit er einen Raum hatte, wo er sich aufhalten konnte. Dann holte sie ihr Töchterchen herunter, wusch es, zog es an, gab ihm zu essen. Sie wollte es zu ihrem Mann bringen, aber als sie einen Blick ins Wohnzimmer tat, saß er, anscheinend in ein Buch vertieft, und da wagte sie nicht, ihn zu stören. Sie hielt es für besser, das Kind bei sich zu behalten.

Kurz vor Mittag – Inge wollte gerade den Auflauf aus dem Rohr nehmen – klingelte es an der Wohnungstür. Sie lief hin und öffnete.

Eine junge Dame stand draußen – hochelegant von den Spitzen ihrer hochhackigen Pumps bis zu dem kleinen Hut auf ihrem dichten blauschwarzen Haar. Sie trug einen schwarzen Mantel mit einem hellen Nerzkragen, eine große Krokodilledertasche unter dem Arm.

Inge fühlte sich auf einmal sehr schäbig, fast unangezogen in ihrem einfachen Kittel. „Sie wünschen?“ fragte sie.

„Ich bin Olga Krüger“, erklärte die Fremde in einem Ton, als wenn Inge ihren Namen unbedingt kennen müßte.

„Ich weiß nicht . . .“, sagte Inge unsicher.

„Ich möchte zu Herrn Dr. Jorg.“

„Ach so . . .“, sagte Inge, aber sie war immer noch so verwirrt, daß sie gar nicht daran dachte, das elegante Fräulein Krüger hereinzubitten.

Sie trat unaufgefordert, mit größter Selbstsicherheit näher, drückte die Tür hinter sich ins Schloß. „Würden Sie mich bitte dem Herrn Doktor melden?“

Inge begriff plötzlich, daß die Fremde sie für eine Hausangestellte zu halten schien, und das Blut schoß ihr in die Stirn. „Mein Mann“, sagte sie mit Nachdruck, „fühlt sich nicht ganz wohl.“

„Oh, er ist doch nicht ernsthaft krank?“

„Nein, nein, nur . . .“

Olga Krüger lächelte, und regelmäßige perl weiße Zähne leuchteten zwischen ihren vollen, sehr sorgfältig nachgezogenen Lippen. „Ich bin nämlich die Frau, der er gestern das Leben gerettet hat . . . sicher hat er Ihnen doch davon erzählt?“

Inge rang nach Atem. „Ja natürlich“, behauptete sie – um keinen Preis wollte sie sich der anderen gegenüber eine Blöße geben.

„Das war eine wirkliche Heldentat“, sagte Fräulein Krüger, „Sie können sehr stolz auf Ihren Mann sein!“

Inge gab sich einen Ruck. „Bitte, kommen Sie herein . . . hier geradeaus geht es ins Wohnzimmer!“ Sie ging voran, öffnete die Tür. „Richard“, sagte sie mit erstickter Stimme, „ein Fräulein Krüger möchte dich besuchen, es ist die Dame, der du gestern das Leben gerettet hast!“

Richard Jorg blickte befremdet auf. Dann legte er rasch das Buch beiseite und erhob sich. Er verbeugte sich steif.

„Ich freue mich, daß es Ihnen schon wieder so gut geht . . .“