Die Erben des Grals - S.C. Keidner - E-Book

Die Erben des Grals E-Book

S.C. Keidner

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Beschreibung

Auf dem belagerten Montségur des Jahres 1244 erfährt Alazaïs, dass sie eine Reliquie finden soll, den Kelch, in den einst das Blut Christi floss und den ihr Onkel Guillaume Jahre zuvor im Heiligen Land stahl. Nur: Ihr Onkel ist mitsamt dem Kelch verschwunden und die Belagerer sind fest entschlossen, jedem Bewohner des Montségurs den Garaus zu machen. Ein Zauber, mit dem Alazaïs Jahrhunderte später im viktorianischen England wiedergeboren werden soll, um auf die Jagd nach dem Kelch zu gehen, scheint der rettende Ausweg aus dieser verzweifelten Lage zu sein. Dumm nur, dass einer der Belagerer, der Tempelritter Pierre de Montfort, ebenfalls in den Bann des Zaubers gerät. Pierre hat noch eine Rechnung mit Guillaume offen und ganz eigene Vorstellungen, was den Kelch angeht …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Oktober 1243

Der Tod hat so viele Farben!

Die herbstlich bunten Wälder umgaben das feindliche Lager im Tal weit unter ihr. Hunderte von Flaggen wehten im böigen Wind über den weißgrauen Zelten. Da waren die blauen Fahnen von Hugues d’Arcis, des Seneschalls König Ludwigs, und seiner Männer. Zwischen ihnen blitzten die Banner der Tempelritter auf. Die roten Kreuze auf ihren schwarzweißen Wimpeln wirkten von hier oben wie Blutspritzer. Dazu kamen Sprengsel von Silber, Grün, Gelb oder Grau von den Flaggen all der anderen Edelleute, die sich dem Zug gegen den Montségur angeschlossen hatten.

Seit dem Frühjahr war der Berg umstellt. Die Belagerer hatten das Festungsdorf auf seinem Gipfel seither mehrfach angegriffen, waren aber an den Festungsmauern und am bitteren Willen der Dörfler, ihren Glauben und ihre Leben zu verteidigen, gescheitert. Erzürnt über ihre Misserfolge verfielen sie schließlich auf die älteste aller Belagerungsstrategien: Das Dorf sollte ausgehungert werden. Sie untersagten jedem, den gewundenen Weg zu erklimmen, der zum Tor führte, und machten es den Bauern der Umgebung so unmöglich, die Erzeugnisse ihrer Felder im Dorf zu verkaufen. Nur der Felsenpfad an der jenseitigen Flanke des Montségurs, den der Feind nicht kannte, war offen. Die Knechte, die des Nachts auf ihm abstiegen und durch die Lücken des Belagerungsrings schlichen, brachten zwar Vorräte ins Dorf, aber das ersetzte kaum, was Träger und Packpferde über den Weg zum Tor hätten transportieren können. Noch waren die Vorratskammern gefüllt, doch die Säcke mit Mehl und dem Dörrobst, die Fässer voller Öl und der eingesalzene Fisch wurden stetig weniger.

Wenn wir nicht gerettet werden, sterben wir, sei es des Hungers oder durch das Schwert.

Alazaïs presste das Auge fester gegen den Spalt im Holz der mit Palisaden gekrönten Wehrmauern. Jean Vitry, der auf diesem Mauerabschnitt Wache stand, hatte ihr mit strenger Miene untersagt, über die Palisadenpfähle zu schauen: »Womöglich sitzen Armbrustschützen in den Büschen am Hang!« So war ihr Blick eingeschränkt, aber er reichte, um ihr die Bewegungen im Feindeslager zu zeigen. Kleine Gestalten bewegten sich zwischen den Zelten. Von Feuern aufsteigende Rauchsäulen wurden vom Wind zerfasert. Jenseits des Lagers zog sich der Wald an einer Höhe nach oben. Dahinter verloren sich Bergzüge in der Ferne.

Sie richtete sich auf. »Tagsüber werden sie sowieso nicht zurückkommen. Sie werden nachts auf dem geheimen Pfad hochklettern.«

»Das sagst du stets! Und doch hältst du hier immer wieder nach ihnen Ausschau!«, entgegnete Sibylle spitz. Sie hatte sich geweigert, durch den Spalt zu spähen, und gesagt, sie träume des Nachts von den Belagerern, da wolle sie sie bei Tageslicht nicht auch noch betrachten.

»Vielleicht sehen wir etwas, das auf ihre Rückkunft deutet! Wie eine Gruppe von Wanderern auf den Höhenzügen!«

»Auf den Höhenzügen wuchert dichter Wald! Auf ihnen erkennt man nichts! Gehen wir endlich zurück! Ich muss gleich zu den Unterweisungen für die Geisttaufe.«

Alazaïs seufzte. Sibylle hatte recht. Zeugin von Onkel Guillaumes Rückkehr würde sie auf diese Weise kaum werden. Und doch würde es sie immer wieder hertreiben. So lange, bis er wirklich und wahrhaftig vor mir steht!

Sie raffte ihren langen Rock und kletterte vorsichtig die unebenen Steinstufen hinunter. Sibylle folgte ihr. Jenseits der Wehrmauer, einer von dreien, die das Dorf schützten, stieg der von Felsbrocken übersäte Hang steil an. Auf ihm lagen aus groben grauen Steinen erbaute Häuser verstreut. Die kleineren bestanden zumeist nur aus einem ummauerten Raum, während die größeren über ein weiteres Stockwerk aus von Holzstreben gehaltenem Lehmwerk verfügten. Pfade wanden sich zwischen ihnen nach oben, hin zum wuchtigen Turm auf der Bergspitze mit dem daran anschließenden Saal.

»Sag.« Sibylle zögerte. »Wann wirst du endlich mit den Vorbereitungen für die Geisttaufe beginnen? Wir wollten sie doch gemeinsam aufnehmen! Nun gehe ich schon seit dem Frühjahr zu den Unterweisungen, aber du nicht. Was hält dich davon ab?«

Alazaïs zog unbehaglich die Schultern hoch. Ja, sie hätte sich mit ihren neunzehn Jahren auf die Geisttaufe, das Consolamentum, vorbereiten sollen. Auch Onkel Guillaume wünschte sich dies sehnlichst für sie.

»Natürlich, du selbst musst die für dich richtige Zeit dafür bestimmen!«, fuhr Sibylle hastig fort. Es ziemte sich nicht, anderen vorzuschreiben, ob und wann sie einen gewichtigen Schritt wie das Consolamentum taten. »Aber bedenke, die Geisttaufe ist der einzige Weg, um sich von allem verderbten Irdischen zu befreien! Nur so machst du dich für den Übergang in das himmlische Geistesreich bereit! Was, wenn die Belagerer uns überrennen und töten und du hast die Geisttaufe nicht empfangen?! Der Weg in den Himmel ist dir dann versperrt!«

»Das weiß ich!«

Aber Sibylle sprach eifrig weiter: »Nur mit der Geisttaufe wirst du zu einer wahren Angehörigen unseres Glaubens! Zu einer Vollkommenen! Das willst du doch, oder?«

»Natürlich will ich das.« Diese Lüge fiel ihr trotz der vielen Male, die sie sie schon ausgesprochen hatte, schwer. Dabei war der Eintritt in den Stand der Vollkommenen, der Perfecti, die es neben den Bauern, Handwerkern und Rittern auf dem Berg gab, das höchste Ziel vieler ihrer Glaubensgenossen. Ähnlich wie die Mönche und Nonnen der Kirche trugen die Vollkommenen einfache schwarze Gewänder und feierten ihre eigenen Bußgottesdienste. Sie studierten das Johannesevangelium und lieferten sich gelehrte Diskurse darüber. Sie hielten sich an strenge Speisevorschriften und arbeiteten hart. Aber das war es nicht, was Alazaïs vor der Geisttaufe zurückschrecken ließ. Das war etwas anderes. Was sie Sibylle nicht sagen konnte. »Es ist nur … Ich möchte eben warten, bis mein Onkel wieder da ist. Er wäre enttäuscht, begänne ich mit den Vorbereitungen, bevor er zurückkehrt.« Noch während sie so sprach, fragte sie sich, wie sie es Onkel Guillaume gegenüber rechtfertigen würde, bei seiner Rückkunft nicht mitten in jenen Vorbereitungen zu stecken.

Sibylle nickte langsam. »Das verstehe ich. Er ist schließlich der Einzige, der dir geblieben ist. Aber schiebe es nicht zu lang hinaus! Es geht um dein Seelenheil!« Sie strich mit den Händen an ihrem grauen, knöchellangen Kleid hinunter, das über der Taille geschnürt war, und rückte das um Kopf und Hals geschlungene Tuch zurecht. »Sehe ich ordentlich aus?«

»Das tust du.«

Ihre Freundin lächelte und eilte davon, hin zum Saal, um sich in die Geheimnisse der Vollkommenen einweihen zu lassen.

Alazaïs hingegen schlug den Weg zu dem Häuschen ein, das sie sich mit Onkel Guillaume und ihrer Ziehmutter, der Magd Melisende, teilte.

Es schmerzte sie, Sibylle zu belügen. Aber dieses eine Geheimnis musste das ihrige bleiben! Konradins Bild erstand vor ihr, wie er sich ihr näherte, wenn sie sicher waren, dass niemand sie bemerkte. Dann berührte er sie und küsste sie. Ja, Konradin war es, den sie wollte, mit all ihrem Herzen! Für immer! Ich will ihn heiraten dürfen!

Doch wie so vieles war die Ehe den Vollkommenen verwehrt. Deswegen hatten sie und Konradin ihre Liebe allen gegenüber verschwiegen. Erführe Onkel Guillaume davon, geriete sie in mächtige Bedrängnis. Er würde zu verhindern wissen, dass sie Konradin weiterhin sah oder sprach, nur, damit aus ihr eine Vollkommene würde. Warum ihr Onkel dies so sehr wünschte, hatte er ihr nie gesagt. Vermutlich, dachte sie, wäre er selbst gern ein Vollkommener geworden. Aber als Ritter tötete er und Vollkommene durften nicht töten. So war er von diesen Ehren ausgeschlossen und wollte sie umso mehr für sie, seine Nichte.

Der Auftrag, der ihn vom Montségur weggeführt hatte, war ihr anfangs gar nicht unlieb gewesen. Es war leichter geworden, sich heimlich mit Konradin zu treffen. Aber nach den langen Wochen, die ihr Onkel nun schon fort war, wuchsen ihre Sorgen um sein Wohlbefinden. Er war zusammen mit einem anderen Ritter namens Michel de Nemors und zwei Knechten im Sommer aufgebrochen, um die Hilfe des Grafen de Toulouse gegen die Belagerer zu erbitten. Der Graf weilte derzeit in Rom. »Er ist unser mächtigster Verbündeter«, hatte Onkel Guillaume gesagt. »Er wird uns mit seinem Heer von den Belagerern befreien.« Jetzt war es Oktober. Von den vier Boten hatten sie nichts mehr gehört oder gesehen. Und der Graf war nicht gekommen.

Sie stieß die Tür des Häuschens auf, das man über einer Felsklippe errichtet hatte.

Geboren worden war sie hier nicht. Ihre Familie hatte ein Gutshaus und ausgedehnte Ländereien besessen. In einer schicksalhaften Nacht während des Kreuzzugs gegen ihre Glaubensgemeinschaft, die die Kirche »Katharer« nannte, hatte sie als kleines Mädchen ihre Eltern und all diesen Besitz verloren. Nur Onkel Guillaume, Melisende und sie hatten überlebt und sich auf den Montségur retten können. Onkel Guillaume war wie ein Vater für sie und das machte es schwer, sich seinen Wünschen zu widersetzen. Sie schlief jede Nacht mit Gewissensbissen ein und erwachte des Morgens mit ihnen. Auch ihre Gebete hatten ihr keinen Ausweg aus dem Dilemma um Konradin und ihre Liebe zu ihm gewiesen.

Der Wohnraum wurde von dem Tageslicht, das durch das einzige Fenster fiel, kaum erhellt. Die meisten Möbel, die sie einmal besessen hatten, waren zu Brennholz geworden. Der Kamin brannte allerdings nicht, denn es galt, Holz zu sparen. Mit Decken verhangene Türöffnungen führten in die winzigen Schlafkammern. In einer Ecke befand sich die Kochstelle mit von den Dachbalken hängenden Kräuterbündeln und einem steinernen Herd. Hier saß Melisende an dem letzten vorhandenen Tisch. Sie sortierte mit flinken Händen Äpfel.

»Da bist du ja endlich! Setz’ dich dahin. Wir müssen alle Äpfel mit braunen Stellen entfernen. Dass du mir ja keinen übersiehst! Sonst verfaulen auch die anderen!«

Nun, Äpfel zu sortieren war zwar lästig, aber immerhin besser, als Melisende bei der Zubereitung der Heiltränke und Wundsalben zu helfen, mit denen sie hartnäckigen Husten, schmerzende Knochen und blutende Wunden behandelte. Die Kräuter, die dabei verwendet wurden, mochten für sich allein aromatisch sein, doch wenn Melisende sie in heißes Öl oder in Zwiebelsud warf, breiteten sich bald übelriechende Dämpfe aus.

Alazaïs setzte sich auf den zweiten der grob gezimmerten Stühle und begann mit der Jagd nach verfaulten Äpfeln.

*

Pierre de Montfort stapfte an den Felsen entlang, schlug Zweige, die sich ihm vorwitzig entgegenstreckten, mit einer ungeduldigen Handbewegung fort. Der Wald verlor sich zu seiner Linken in einer Finsternis, die selbst das Tageslicht nicht zu mildern vermochte und in ihm den Drang erweckte, sich von dieser Ansammlung aus Eichen, Kastanienbäumen und Fichten fernzuhalten, in der man nur zu schnell einem Bären oder einem Wolf gegenüberstand. Die grauen Felswände zu seiner Rechten waren durchsetzt von Rissen und Spalten, aus denen Gräser und Disteln wuchsen. Ihre mächtige Höhe, knapp dreitausend Fuß, war durch die herbstlich verfärbten Baumkronen kaum zu erahnen. Aber ganz gleich, ob dreitausend oder zehntausend Fuß: Diese Felsen waren Pierre und den anderen Belagerern des Montségurs ein Dorn im Auge, schützten sie die Häuser der Ketzer auf der Bergspitze doch besser, als es tausende Bewaffnete konnten.

An einer knorrigen Eiche, die sich bog, als beutele sie eine Sturmböe, hielt er inne. »Und?«

Karl de Chalençon nickte ihm grüßend zu. »Es ist zäh. Arnaud ist bislang am weitesten gekommen. Aber von einem Pfad gibt es keine Spur.« Er deutete auf den Jungen, der auf einem Vorsprung drei Mannshöhen über ihnen hockte. Die beiden anderen Knappen hatten kaum eine Mannshöhe geschafft. Einer umklammerte eine Felsenspitze und tastete erfolglos mit dem lederbeschuhten Fuß nach Halt. Pierres Knappe Guido saß auf einem Felsabsatz unterhalb von Arnaud und schien nicht recht zu wissen, wo er hinsollte.

»Hoffen wir, dass sie es schaffen«, sagte Pierre.

»Der Tod der Ketzer ist Gottes Wille. Er wird uns den Weg weisen.«

Pierre neigte den Kopf. Gottes Wille würde geschehen. Hatte Er nicht vor zwei Tagen den Händler geschickt, dessen Geschichte ihnen neue Hoffnung gab?

Pierre und seine Tempelbrüder waren im Frühsommer dem Aufruf des Erzbischofs von Narbonne gefolgt, die letzten Katharer zu vernichten. Kirche und Krone kämpften seit Jahrzehnten gegen die Ketzer, doch auch der Kreuzzug, der vierzehn Jahre zuvor beendet worden war, hatte nicht vermocht, ihren teuflischen Glauben auszulöschen. Viele derer, die den Kreuzzug überlebt hatten, waren auf den Montségur geflüchtet. Dort hatte man sie mehr oder weniger in Frieden gelassen. Aber im Frühjahr 1242 war den Ketzern in den Kopf gekommen, loszuziehen und in Toulouse zwei Inquisitoren mit Streitäxten zu erschlagen. Einen solchen Angriff auf die Kirche und auf die Ordnung, die die französische Krone in Okzitanien eingerichtet hatte, durfte man nicht auf sich beruhen lassen. Krone und Papst riefen zum Zug gegen den Montségur auf. Die Templer hatten sich mit den Truppen des französischen Königs unter Hugues d’Arcis zusammengetan und so stellten sie mit tausenden Bewaffneten eine stattliche Macht dar. Doch das Festungsdorf, in dem es ihren Schätzungen nach nur ein paar hundert Seelen gab, erwies sich als uneinnehmbar. Jeder Versuch, die Wehrmauern zu überrennen, war gescheitert, und die Erinnerung daran, wie sie sich wie geprügelte Hunde immer wieder hatten zurückziehen müssen, ließ Pierre wütend mit den Zähnen knirschen.

Jener Händler nun hatte von Ketzern berichtet, die in den Dörfern um den Montségur auftauchten und Mehl, Saatkörner oder Gemüse kauften. Er behauptete, sie kletterten irgendwo an der jenseitigen Flanke des Bergs, da, wo die Felsen steil abfielen, herunter und wieder hinauf.

Hugues d’Arcis hatte sofort in den Dörfern rundherum kundtun lassen, jeden wie einen Ketzer zu behandeln, der dabei ertappt wurde, einem Ketzer Waren zu verkaufen. Das bedeutete die peinliche Befragung durch die Inquisition und danach den Scheiterhaufen. Zugleich war die Zahl der Wachposten am Berg erhöht worden. Außerdem hatte d’Arcis sich, wenn auch zögernd, mit dem Vorschlag Pierres einverstanden erklärt, nach einem verborgenen Pfad am Felsen zu suchen. »Aber wir verschwenden nicht allzu viele Männer daran! Sicherlich habt Ihr recht damit, einen Pfad finden zu wollen, de Montfort. Ich glaube indes, dass es keinen wirklichen Pfad gibt. Die Ketzer lassen sich womöglich an Seilen herab und werden mit ihnen wieder nach oben gezogen. Aber wir dürfen nichts unversucht lassen!« Nun, Pierres Hoffnung war eine andere: Dass es den Ketzern gelang, ohne Seile auf einem geheimen Weg am Berg zu klettern. Ihnen, den Belagerern, würde das dann auch glücken.

Er betete inbrünstig um Erfolg ihres Vorhabens. Und wieso sollte ihnen der nicht beschieden sein? Es gab zwei Wege, wie sie siegen konnten. Entweder sie entdeckten den geheimen Pfad, gelangten über ihn in das Ketzerdorf und eroberten es. Oder aber sie hungerten die Belagerten aus. Ganz gleich wie, wir werden die Ketzer bezwingen! Und ich werde endlich meinen Schwur erfüllen!

Der Schwur war Pierres höchsteigener Grund gewesen, sich dem Zug gegen den Montségur anzuschließen. Er gedachte, einem ganz bestimmten Mann den Tod zu bringen. Kurz vor dem Aufruf des Erzbischofs war an sein Ohr gedrungen, eben jener Mann habe sich dort oben auf dem Montségur verkrochen, und er hatte sich den Belagerungstruppen frohen Herzens angeschlossen.

Der Händler war nicht nur ein Fingerzeig für den Willen Gottes, dass sie den Montségur einnahmen. Nein, er war auch ein Zeichen, dass Pierre nach all den Jahren den Ketzer und Dieb töten würde, dessen Knappe er einst gewesen war.

Dezember 1243

»… mindern. Wir werden die Vorräte einsammeln. Künftig, wenn die Sonne untergeht, wird es eine Mahlzeit für alle hier im Saal geben, die einzige des Tages. Jeder erhält dieselbe Menge. Sollten weitere Rationierungen notwendig sein, werden die kämpfenden Männer bei der Vergabe bevorzugt«, sagte der Befehlshaber des Montségurs, Pierre Roger de Mirepoix.

Empörte Rufe erhoben sich.

»Ich soll meine Vorräte mit denjenigen teilen, die schlecht gewirtschaftet haben? Da sage ich nein!« Das war Sibylles Vater.

»Wenn jemand keine Ziege hat, weil er sich nicht um die Ziege kümmern will, dann braucht er nicht die Milch meiner Ziege!«, rief einer von hinten.

»Natürlich, sollte es zum Schlimmsten kommen, dann bevorzugen sie die Ritter und alle anderen haben gefälligst zurückzustecken! Wer backt das Brot der Ritter? Wer bereitet ihre Mahlzeiten zu?« Melisendes bittere Beschwerde wurde von den entrüsteten Rufen der Menge übertönt.

»Ruhe!«, donnerte de Mirepoix.

Augenblicklich verstummten alle. Der scharfe Blick des Befehlshabers wanderte über die Menge. »Wir werden die Vorräte einsammeln! Wir werden das Essen zuteilen! Wir müssen uns vorbereiten, um vielleicht noch eine lange Zeit von den Vorräten zu leben!«

»Wer sagt mir, dass das Essen gerecht verteilt wird?«, fragte jemand.

»Richtig! Und wieso können nicht mehr Knechte am Berg absteigen und uns Nahrung besorgen?!«, rief ein anderer.

»Ich sagte, Ruhe!«, brüllte de Mirepoix. »Wem nicht gefällt, was ich beschließe, der wird den Montségur verlassen und der Gnade der Belagerer ausgeliefert sein! Habe ich mich klar ausgedrückt?«

Nun wagte niemand mehr, seine Stimme zu erheben.

»Wir sammeln die Vorräte«, wiederholte de Mirepoix. »Jeder von euch gibt das ab, was er hat. Einmal am Tag bereiten Mägde, die ich auswähle, ein Essen zu, das wir, wie gesagt, zum Sonnenuntergang in diesem Saal ausgeben. Die Tiere werden in dem Stall an meinem Haus untergebracht. Von mir benannte Knechte versorgen sie.« Er räusperte sich. »Wir werden weiterhin versuchen, über den geheimen Abstieg neue Vorräte zu beschaffen. Aber erinnert euch: Die Belagerer haben den Bauern und Kaufleuten der Umgebung untersagt, mit uns zu handeln. Sie ahnen wohl, dass wir einen Weg in die Täler haben. Es ist gefährlich für unsere Knechte geworden, in den Dörfern nach Vorräten zu fragen. Sie würden von den Dörflern vielleicht gar an die Belagerer verraten werden!«

Wieder erhob sich Gemurmel, aber dieses Mal klang es beunruhigt.

De Mirepoix hob die Hand und es wurde still. »Damit das Essen gerecht verteilt wird, erfolgt seine Zubereitung und Ausgabe unter den Augen der Bischöfe.« Er verneigte sich knapp zu den beiden hageren Männern, die neben ihm standen, die Hände vor den Körpern gefaltet.

Viele nickten. Ein Bischof würde nicht betrügen oder seine Freunde bei der Essensvergabe bevorzugen. Ein Ritter fragte, ob man wisse, welcher Art die noch vorhandenen Vorräte seien.

Alazaïs’ Gedanken schweiften ab. Konradin stand ein paar Schritte von ihr entfernt. Von hier aus sah sie nur seine dunklen Locken und die breiten Schultern unter dem Lederüberwurf, den er über einem grauen, weiten Hemd trug. Er hatte sich neben Jean d’Adhémar gestellt, dessen Knappe er war.

Er ist so alt wie ich, aber ob er je in den Ritterstand erhoben wird? Der Wille der Belagerer war klar: Sie wollten alle hier töten. Konradin würde den Ritterschlag womöglich nicht mehr erleben. Auch sie konnte bald schon tot sein. Sie hätte davor keine Angst haben sollen. Die Seelen der Menschen waren, wie Onkel Guillaume ihr erklärt hatte, Gefangene ihres Körpers. Sobald ein Körper starb, wurde die Seele in einem anderen Körper wiedergeboren. Diesen Kreislauf – nur eine der Überzeugungen ihrer Gemeinschaft, die die Kirche als Ketzerei bezeichnete – fand Alazaïs zwar einleuchtend, aber aus einem rätselhaften Grund nahm er ihr nicht die Angst vor dem Tode und den Schmerzen, die ihn begleiten würden.

Konradin drehte den Kopf, fing ihren Blick auf und nickte, lächelte. Sie schob die Todesgedanken beiseite. Das Nicken war ihr Zeichen, sich an ihrem geheimen Platz zu treffen.

Melisendes Aufmerksamkeit war auf de Mirepoix gerichtet. Alazaïs nickte lächelnd zurück. Konradin zwinkerte ihr zu und wandte sich wieder nach vorne.

Der Befehlshaber benannte die Ritter und Knechte, die die Vorräte aus den Häusern holen würden, und entließ sie. Draußen war es eisig. Die Wolken, die den Himmel den ganzen Tag über bedeckt hatten, waren weitergezogen und die Wintersonne neigte sich dem Horizont zu.

Melisende stapfte mit grimmiger Miene den Pfad zum Häuschen entlang. Alazaïs folgte ihr eilig, wobei sie sich den Kopf zerbrach, mit welcher Entschuldigung sie sich zu ihrem Stelldichein mit Konradin verabschieden sollte. Die Gründe für Entschuldigungen gingen ihr aus. Man konnte nicht allzu häufig im Hühnerstall nach Eiern suchen oder Wasser aus dem Brunnen holen.

»So ein Unfug!«, sagte Melisende, kaum dass sie außer Hörweite waren. »Meine Vorräte gebe ich nicht her!«

»Du wirst es müssen.«

»Nichts muss ich! Ich habe deinem Onkel versprochen, mich um dich zu kümmern! Dazu gehört, dass ich dir jeden Tag eine Mahlzeit auftische!«

»Aber Melisende! Ich bin keine fünf Jahre mehr alt! Ich …«

»Außerdem«, unterbrach die Magd sie unbeeindruckt von ihrem Einwurf, »wie soll ich Heiltränke brauen? Soll ich jedes Mal de Mirepoix fragen, wenn ich Beifuß oder Pfefferminze benötige? Nein, nein, nein!«

»Deine Kräuter sammeln sie sicherlich nicht ein. Kräuter stillen keinen Hunger!«

»Das sagst du! Die Ritter, die die Vorräte einsammeln, werden anderes sagen! Nein! Ich verstecke unsere Vorräte!«

»Die Ritter sind keine Dummköpfe! Sie werden dir nicht glauben, wenn du sagst, wir hätten keine Vorräte mehr! De Mirepoix wird dich bestrafen!«

»Das wird er nicht. Er braucht mich und meine Heilkünste! Alle haben wir Hunger, alle werden wir von Tag zu Tag schwächer! So viele sind an Schnupfen und Husten erkrankt, weil sie kaum essen! Und was ist mit denen, die wegen des ständigen kalten Winds an Knochenschmerzen leiden? Wie soll ein Ritter, dessen Knochen schmerzen, uns verteidigen?«

Alazaïs blieb stehen. »Du kannst dich de Mirepoix’ Befehl nicht widersetzen!«

»Und ob ich das kann!«

»Aber …«

»Nein«, wiederholte Melisende, die ebenfalls innegehalten hatte. »Ich mache es, wie ich es gesagt habe!«

»Melisende, ich befehle dir …«

»Du, junge Dame, hast mir nichts zu befehlen! Mein Herr ist dein Onkel, Guillaume de Péreille, und sonst niemand! Er hat beim Abschied gesagt, ich solle auf dich aufpassen! Das heißt, du gehorchst mir und nicht umgekehrt!«

»Das heißt es ganz und gar nicht!«

Zwei Vollkommene, die trotz der Winterkälte keine Mäntel umgelegt hatten, kamen auf sie zu. Alazaïs und Melisende traten zur Seite, um sie vorbeizulassen, und neigten die Köpfe zum Gruß. Die Vollkommenen nickten huldvoll zurück.

Melisende wartete, bis die beiden außer Hörweite waren. Dann zischte sie: »Doch, das heißt es! Und jetzt Schluss damit! Ich muss mich beeilen, um alles versteckt zu haben, bis sie kommen!«

Alazaïs sah ihr hilflos hinterher. Für Melisende galt nur das Wort Onkel Guillaumes. Nicht, weil sie seine Magd war. Nein, sie und Alazaïs’ Onkel waren Bettgefährten. In der Enge, in der sie lebten, war es unausweichlich gewesen, mitzubekommen, wie Melisende häufig des Nachts in Onkel Guillaumes Schlafkammer huschte und kurze Zeit später Keuchen und andere sonderbare Geräusche aus dem Raum drangen. Alazaïs hatte lange nicht begriffen, was die beiden da trieben, bis Sibylle ihr kichernd erzählte, wie sie ihre Eltern »dabei« beobachtet hatte. Alazaïs hatte ihr nicht von Onkel Guillaume und Melisende berichtet, genauso wenig, wie sie den beiden sagen würde, dass sie von ihren Liebesspielen wusste, aber sie hatte da zumindest verstanden, was in jener Kammer vor sich ging. Die Vorstellung trieb ihr stets die Schamesröte ins Gesicht.

Doch Melisende hatte Onkel Guillaume auch geholfen, Alazaïs großzuziehen. Sie hatte sie im Lesen und Schreiben unterrichtet. All die Dinge, die Onkel Guillaume ihr nicht erklären wollte, hatte Melisende ihr erklärt. Was es mit dem monatlichen Blutfluss auf sich hatte. Wie eine Geburt verlief. Melisende war dagewesen, wenn Onkel Guillaume zu den geheimnisvollen Ritten aufbrach, deren Ziele er nie nennen mochte und die ihn wochenlang vom Montségur fernhielten. Melisende war wie eine Mutter für sie. Nie wäre es ihr in den Sinn gekommen, sie für ihre Aufsässigkeit zu bestrafen, wozu sie jedes Recht gehabt hätte.

Da erinnerte sie sich an Konradins Lächeln. Sie lebte auf. Wenn Melisende derart mit den Vorräten beschäftigt war, konnte sie sich ohne langatmige Entschuldigungen fortschleichen! Sie sah sich unauffällig um und hastete zwischen den Häusern davon.

*

»Sire, da vorne!« Arnaud, der neben ihm am Felsen hing, deutete mit dem Kopf nach rechts. »Da könnt Ihr Euch bequem aufrichten!«

Pierre, dem ein Fluch auf der Zunge gelegen hatte, sah es nun auch. Gerade noch war es ihm erschienen, er käme nicht weiter, doch da waren ein steinerner Vorsprung, auf den sich die Füße setzen ließen, und genügend Risse, um die Finger in sie zu krallen.

Karl de Chalençon und Armand d’Ivry unter ihm pfiffen und johlten.

Nachdem die Knappen bei ihrer Suche nach dem Pfad viel zu langsam vorankamen, hatte Pierre ungeduldig beschlossen, die Erkundung der Bergflanke nicht mehr allein ihnen zu überlassen. Er hatte seinem Knappen Guido befohlen, sich stattdessen wieder um Waffen und Pferde zu kümmern, und dann seinen Platz eingenommen, voller Gewissheit, dass es jenen geheimen Pfad gab.

Karl und Armand überzogen ihn seitdem mit gutmütigem Spott. Ein Ritter, der trotz der winterlichen Kälte nur mit der knielangen Tunika, Beinlingen und leichten Stiefeln bekleidet am Felsen herumkrabbelte! Das war ein Anblick, der für viel Gelächter sorgte. Einmal, weil Pierre in den ersten Tagen seiner Kletterversuche häufiger unfreiwillig am Felsen hinunterrutschte, als ihm lieb gewesen war. Und zum anderen, weil ein Knappe ihn, den gestandenen Ritter, anleitete.

Arnaud hatte errötend zugegeben, als Kind viel mit den Hirten, die die Ziegen seiner Familie hüteten, in den Bergen unterwegs gewesen zu sein. »Den ganzen Tag Ziegen zu bewachen, war langweilig. Da haben wir uns abgelenkt, indem wir kletterten.« So hatte Pierre Arnaud mit der Erlaubnis von dessen Ritter, Karl de Chalençon, aufgetragen, ihn beim Klettern anzuleiten. In den ersten Tagen war Arnaud schüchtern gewesen, aber dann gewann er an Selbstvertrauen und gab Pierre Anweisungen. Die waren bitter nötig. Pierre erkannte brüchigen Stein erst, wenn der unter ihm nachgab. Er lernte, sich besser nicht an Grasbüscheln festzuhalten, weil er die mit seinem Gewicht aus den Rissen zog und unweigerlich den Halt verlor. Arnaud brachte ihm bei, nicht am Fels nach oben zu stürmen, die Bergspitze als Ziel vor Augen. »Klettert bedächtig, Sire! Es wäre fatal, wenn Ihr einen Tritt verfehltet, weil Ihr zu hastig seid!« Nasser Felsen war ähnlich verhängnisvoll und verlangte die volle Aufmerksamkeit des Kletternden, erfuhr er.

Sie hatten mit Pierres Kletterversuchen an den Felsen begonnen, die die Knappen bereits erfolglos nach Pfaden zum Ketzerdorf abgesucht hatten. Hier konnte Pierre sich auf das Klettern konzentrieren, ohne von der Suche nach dem geheimen Aufstieg abgelenkt zu werden. Nachdem er sich sicher fühlte, hatten sie mit den Stellen an der Bergflanke weitergemacht, an denen sie noch nicht gesucht hatten. Sie teilten sich diese Stellen zwischen zwei Knappen Armand d’Ivrys und eben Pierre und Arnaud auf.

Bei der Klippe, die sie heute erkundeten, hatte Pierre Zweifel, ob sie dort den Pfad fänden. Zu steil ragten die Felsen in den Himmel, neigten sich sogar drohend nach vorne, als wollten sie die Kletterer jeden Augenblick unter sich begraben. Pfade waren keine zu erkennen. Er verharrte. Auch das war eine Lehre Arnauds: Lieber sah man sich drei- oder viermal um, bevor man entschied, wie es weiterginge. Eine rasch getroffene, aber falsche Entscheidung bedeutete im schlimmsten Fall den Tod. Aus dieser Höhe würde er zwar schwerlich in den Tod stürzen, konnte sich aber durchaus Arme und Beine brechen, was ähnlich unerfreulich wäre.

»He!«, brüllte Armand. »Traust du dich nicht weiter? Schlottern dir die Knie?«

Pierre ignorierte ihn und das Gelächter Karls. Schräg über sich hatte er etwas gesehen, das sein Herz schneller klopfen ließ. Es war von unten erschienen wie ein Spalt, der sich langsam ansteigend im Felsen hinaufzog. Jetzt erkannte er: Es handelte sich mitnichten um einen Spalt! Hier hatte sich ein Felsen auf den anderen getürmt, wobei der obere zurückgesetzt vom unteren war. So hatte sich ein schmaler Vorsprung gebildet, der vom Fuß des Bergs eben aussah wie eine Felsspalte. Pierre hangelte sich über zwei Steinzacken zu ihm hoch und hielt überrascht inne. Der Vorsprung war vier Fuß breit! Und er zog sich gemächlich nach oben, ein bequemer Pfad, wie man ihn sich nur wünschen konnte! Er kletterte auf ihn, erhob sich und winkte Arnaud zu. »Komm her! Hier ist ein Weg!«

Das Gelächter verstummte.

»Ein Weg?«, rief Karl.

Pierre antwortete ihm nicht, sondern stieg vorsichtig weiter. Der Stein schien fest zu sein, aber sicher gab es Stellen, an denen er bröckelte und wo man aufpassen musste, um nicht abzustürzen. Vertrocknete Grashalme, viele von ihnen abgeknickt, sprossen aus zahlreichen Rissen. Waren sie von jemandem niedergetrampelt worden? Nicht so eilig! Das können Ziegen gewesen sein. Oder der Wind hat die dürren Halme geköpft.

Er kam zu einem Felsüberhang, an dem der Pfad eine scharfe Biegung machte.

»Sire!« Arnaud hatte ihn eingeholt. Er klang aufgeregt. »Das ist sicher der Weg, den wir suchen!«

»Sehen wir ihn uns an!«

Pierre ging wieder voran, stetig am Berg nach oben. Verglichen mit der Kraxelei, um bis zu dem Pfad zu gelangen, war das hier lächerlich. Der Anstieg war sanft. Karl und Armand waren nurmehr weiße Flecken zwischen grauem Stein und den entlaubten Kronen der Bäume. Bald würde er sie nicht mehr sehen. Es dunkelte. Die Wintersonne versank bereits hinter den Höhen.

Er hielt inne. Der Pfad gabelte sich, verlief sowohl in einer gewundenen Kurve nach oben als auch geradeaus weiter. Welches war der richtige Weg? Vorsicht siegte über den Triumph, womöglich den geheimen Pfad in das Festungsdorf entdeckt zu haben. »Arnaud, wir kehren um. Der Weg teilt sich. Außerdem dunkelt es. Ich will nicht in der Finsternis hinuntersteigen müssen.«

Nach unten gelangten sie schnell und selbst die letzten Fuß, die sie vorhin mühsam erklettert hatten, brachten sie rasch hinter sich. Die beiden Ritter erwarteten sie mit gespannten Mienen. Und ohne Gelächter und Gejohle, wie Pierre selbstzufrieden feststellte. Armands Knappen, die den Aufstieg ein Stück weiter entfernt gesucht hatten, standen bei ihnen.

»Erzähl!«, verlangte Armand. »Ist es der Pfad, den wir suchen?«

»Bestimmt! Bis auf seinen Anfang hier unten ist er leicht zu begehen, gabelt sich aber weiter oben. Wir müssen ihn genauer erforschen, doch es ist inzwischen zu dunkel dafür.«

»Du musst Hugues d’Arcis berichten! Jetzt wird uns endlich Erfolg beschieden sein!«

Pierre sah nach oben. Der Pfad war nicht zu erahnen und dabei so leicht zu erreichen! »Wir holen einen Wachposten her. Er soll sich verstecken. Die Ketzer sollen nicht argwöhnen, dass wir den Weg entdeckt haben. Sie würden ihn ungangbar machen. Das gilt es zu verhindern.«

*

Konradin war kurz nach Alazaïs an dem versteckten Platz angelangt, der unter einer Felsnase lag, zu deren Füßen der Berg steil abfiel. Dort unten war die hintere Wehrmauer errichtet worden. Durch ihr Tor gelangte man zum Anfang des geheimen Abstiegs ins Tal. Kaum jemand kam her, denn hier gab es nur vom Wind zerrupfte Grasbüschel und kalten Stein. Die eigentümliche Gestalt des Felsens schützte vor neugierigen Blicken aus allen Richtungen: Vom Dorf, von der Wehrmauer und von dem Weg aus, der sich in einigen Schritten Entfernung zur Mauer hinunterschlängelte.

Die Sonne versank blutrot hinter den Höhenzügen. In dem finsteren Tal unterhalb des Montségurs waren die Fackeln und Feuer des Heerlagers aufgeflammt, von dem man von hier nur den westlichen Teil sah. Alazaïs erinnerten die Lichter an die Wolken von Glühwürmchen, die in Sommernächten über die Berghänge tanzten. Sommernächte, die weit entfernt schienen und deren Wiederkehr sie vielleicht nie erleben würde. Schaudernd schmiegte sie sich enger an Konradin, der den Arm um sie gelegt hatte. Die Geborgenheit, die sie sonst fühlte, wenn sie bei ihm war, wollte sich nicht einstellen. Auch Konradin wirkte abgelenkt. Er starrte schon eine ganze Weile schweigend vor sich hin.

Es wird schlimmer werden. Das ist es, was de Mirepoix uns gesagt hat mit seinem Gerede über die Vorratshaltung. Sie verspürte den Drang, es auszusprechen: »Wie lange wird es noch gehen? Wie lange, bis sie uns getötet haben?«

Sein Arm spannte sich an. »Sie töten uns nicht! Sie können den Berg nicht erobern!«

»Sie brauchen ihn nicht zu erobern. Wir verhungern. Dann erreichen sie, was sie wollen. Unseren Tod.«

»Ach, was! Dein Onkel und die drei anderen kommen bald mit den Männern des Grafen de Toulouse zurück. Sie verjagen die Belagerer. Verhungern werden wir nicht!«

»Die vier sind schon so lange weg! Was, wenn sie nicht zurückkehren?«

Er drückte sie an sich. »Natürlich kehren sie zurück! Vielleicht verstecken sich die Männer des Grafen schon da unten in den Wäldern! Vielleicht pirschen sie sich gar gerade an!«

»Falls der Graf uns hilft«, wagte sie, das Undenkbare auszusprechen.

Es gab unter den Rittern einige, die derart hinter de Mirepoix’ Rücken unkten.

Wie sein Vater vor ihm war Graf Raymond de Toulouse ein starker Unterstützer ihrer Gemeinschaft gewesen. Als der Papst zum Kreuzzug gegen sie aufgerufen hatte, griffen das Haus Toulouse und seine Männer zu den Waffen und verteidigten sie. Genützt hatte das nichts. Ihre Gemeinschaft war aufgerieben worden. Der Graf hatte, wie all die anderen Ritter auch, die sie unterstützten, einen Großteil seiner Ländereien verloren und die Inquisition vernichtete die letzten Gläubigen, die noch in dem ihm verbliebenen Herrschaftsbereich ausgeharrt hatten.

Fortan hatte der Graf alles darangesetzt, die verlorenen Gebiete wiederzuerlangen, und sich gar einem Aufstand gegen den französischen König angeschlossen. Doch der war fehlgeschlagen. Auch Raymonds Verhältnis zum Heiligen Stuhl hatte sich nicht verbessert. Im Gegenteil. Nicht nur war er als Beschützer von Ketzern exkommuniziert worden. Nein, auch waren im letzten Jahr zwei Inquisitoren ausgerechnet in Toulouse getötet worden – von Pierre Roger de Mirepoix und einigen Rittern des Montségurs. Die Morde waren Rache für Todesurteile, die über drei ihrer Glaubensgenossen verhängt worden waren. Alle hier hatten gejubelt, als man von dem gelungenen Streich berichtete. »Das wird sie lehren, uns ihre Inquisitoren zu schicken!«, hatte Onkel Guillaume zufrieden gesagt. Für Raymond de Toulouse hatte das jedoch weiteren Ärger mit dem Heiligen Stuhl bedeutet, da man ihn für das Attentat mitverantwortlich machte. Doch dann starb der Pontifex und Innozenz IV. wurde zum neuen Papst gewählt. Raymond schöpfte Hoffnung, sein Verhältnis zum Heiligen Stuhl verbessern zu können, und war im Frühjahr nach Rom gegangen.

Wieso, fragten die Zweifler auf dem Montségur, solle der Graf die Wiederherstellung eines Einvernehmens mit der Kirche gefährden, indem er Ketzern zu Hilfe eilte? Die am Stammsitz des Grafen vom Heiligen Stuhl gesandte Inquisitoren ungehindert hatten töten können? Weswegen jetzt der Montségur von einem tausende Männer umfassenden Heer belagert wurde?

»Unsinn!«, entgegneten die Befürworter des Hilfeersuchens. Der Streit Raymonds war mit dem verstorbenen Papst gewesen! Der neue Papst würde nicht die Fehden des alten weiterführen! Raymond würde ihnen zu Hilfe eilen!

Konradin seufzte. »Du solltest nicht auf das hören, was Otton und Bertrand de Padaillan von sich geben. Die zwei sind Miesepeter.«

»Jean de Nesle ist derselben Meinung!«

»Dein Onkel aber ganz anderer! Hörst du auf ihn oder auf die anderen?!«

»Natürlich höre ich auf Onkel Guillaume! Er sagt, der Graf werde uns helfen!«

»Siehst du! Es wird alles gut werden, glaube mir!«

Sie lächelte. Konradin schaffte es stets, ihre gedrückte Stimmung zu heben. »Aber ich mache mir Sorgen um meinen Onkel«, gab sie zu. »Er ist schon so lange weg! Und er war in sonderbarer Stimmung, als er ging.«

»Das waren die drei anderen auch. D’Adhémar sagte, Michel de Nemors meinte, er wisse nicht, ob er jemals zurückkehren werde.«

»Onkel Guillaume sagte Ähnliches: Er habe einen schweren Weg vor sich. Aber er habe einer Verantwortung gerecht zu werden. Er sagte, es müsse ihm gelingen. Ein Scheitern sei fatal.«

»Das ist zutreffend. Sie müssen unser aller Leben retten.«

»Mich hat die Erwähnung seines Scheiterns erschreckt. Onkel Guillaume hat dieses Wort vorher nie benutzt! Deswegen hat es sich mir eingeprägt.« Sie atmete durch. »Du hast recht. Unser aller Leben hängt an den vier. Doch hätten sie nicht längst zurück sein müssen? Wird es nicht mit jedem Tag wahrscheinlicher, dass sie … dass ihnen etwas passiert ist?«

»Das ist natürlich möglich. Aber es handelt sich bei ihnen um zwei Ritter und zwei erfahrene Knechte! Sie verstehen es, Gefahren zu meiden!«

»Oder sie sind noch immer in Rom. Weil der Graf de Toulouse sich weigert, uns zu helfen. Und sie versuchen, ihn umzustimmen.«

»Sag’ so etwas nicht! Der Graf de Toulouse wird uns helfen! Überlege doch: Es wird gedauert haben, bis dein Onkel und die anderen den Grafen erreicht haben. Dann haben sie debattiert, wie er uns am besten zu Hilfe eilt. Und dann hat der Graf seine Männer zusammentrommeln müssen, um sie auf den Feldzug vorzubereiten. Sie brauchen Waffen und Proviant! Und dann muss er mit ihnen herreiten. All das dauert!«

Es wieder und wieder durchzukauen, änderte nichts. »Lass uns nicht mehr darüber sprechen. Wir können nur warten.«

»Ja, aber mache dir nicht allzu viele Sorgen um Guillaume. Er ist ein Ritter! Er war Templer, bis er sich uns angeschlossen hat! Er hat im Heiligen Land gekämpft und weitaus gefährlichere Dinge überlebt als einen Botenritt nach Rom.«

»Wenn sie nicht gar zu Fuß gegangen sind! Sie wussten nicht, ob sie sich Pferde beschaffen könnten, ohne dass das dem Feind auffällt.«

»Das würde die Verzögerung auch erklären. Denke nicht zu sehr darüber nach. Wir wissen nicht um die Gründe, warum es dauert.«

»Es ist schwierig, Onkel Guillaume aus meinen Gedanken zu verbannen. Alles im Haus erinnert an ihn.«

»Ich weiß, wie du dich fühlst. Auch ich habe keine Familie mehr.«

Sie legte den Kopf an seine Schulter. »Es tut mir leid, Konradin. Das war herzlos von mir. Ich habe Onkel Guillaume und Melisende! Aber du gar niemanden!«

Konradins Eltern waren vor Jahren gestorben und Geschwister hatte er keine. Seitdem kümmerte sich Jean d’Adhémar um ihn. Doch der Ritter war eher ein strenger Lehrherr als ein gütiger Vater.

»Melisende ist eine Magd!«

»Wieso spielt es eine Rolle, dass sie eine Magd ist? Sie hat meinem Onkel die Treue gehalten, als die Ländereien meiner Familie in Flammen aufgingen, und sie hat mich aufgezogen.«

»Aber … sie ist sonderbar. Sie braut Tränke! D’Adhémars Magd, die alte Agnes, sagt, sie murmele dabei heidnische Beschwörungen. Wie eine Hexe!«

Alazaïs versteifte sich. Es sähe Agnes, einem dürren Weib mit krummem Rücken, ähnlich, auf ihrer Suche nach Verfehlungen, die sich weitertratschen ließen, durch Fenster zu spähen! Hatte sie Melisende etwa bei der Zubereitung ihrer Salben und Heiltränke belauert? Jemandem, der nie Zeuge dessen gewesen war, mochte es vorkommen, als brodele dort auf dem Herd ein Hexentrank, in dem Melisende vor sich hinmurmelnd und umgeben von übelriechenden Dampfschwaden rührte, wobei ihr einziges Besitztum, das geheimnisvolle Buch mit dem rissigen Ledereinband, aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Onkel Guillaume hatte dieses Gebaren stets ignoriert und so machte auch Alazaïs das. Allerdings hatte sie nicht widerstehen können und sich das Buch einmal angesehen, als Melisende in die Dörfer gegangen war. Es gab keine Bilder in ihm und es war in einer anderen Sprache als Okzitanisch verfasst, weswegen sie nicht sagen konnte, was in ihm geschrieben war. Aber sie liebte Melisende und sie vertraute ihr. In dem Buch ständen Anweisungen, wie ein Trank zu brauen oder eine Salbe herzustellen waren! Sicher behandelte es nichts, was Menschen schadete! Melisende würde niemandem Böses antun! Sie war keine Hexe!

Daher lachte sie nun auf und hoffte, dass dieses Lachen echt klang. »Die alte Agnes! Das wirft ein seltsames Licht auf sie. Warum ist sie in der Lage, heidnische Beschwörungen zu erkennen? Nur Hexen kennen derartige Beschwörungen, oder? Heißt das, Agnes ist eine Hexe?«

Konradin grinste. »Das werde ich sagen, sollte sie es noch einmal behaupten!« Er wurde ernst. »Trotzdem, Melisende kennt Dinge, die sonst niemand kennt. Es ist nicht nur Agnes, die sich wundert, wie sie in den Besitz dieses Wissens gekommen ist.«

»Agnes ist zweimal mit dem Stock gezüchtigt worden, weil sie Lügen verbreitete! Wer glaubt denn noch, was sie sagt?«

»Es ist nicht nur Agnes! Auch andere reden über Melisende!«

Sie rückte ein Stück von ihm ab. »Und über was zerreißen die sich das Maul?!«

»Eben darüber, wieso eine Magd viel mehr als jeder Bader von der Magie der Heilung versteht! Wie hat sie sich dieses Wissen angeeignet? Woher kommt sie, dass sie all das weiß?«

»Sie dient meiner Familie seit langer Zeit! Auf unseren Ländereien hatte sie ein Kräuterfeld. Da wird sie einiges über die Heilwirkung der Kräuter gelernt haben.« Sie erinnerte sich daran, wie Melisende einmal einen neuen Trank gebraut und ob dessen Geschmack das Gesicht verzogen und großzügig Honig hineingetan hatte. »Die Tränke, die sie braut, hat sie an sich selbst ausprobiert! Also wenn sie Husten hatte, braute sie einen Trank gegen Husten. Sie hat ihn verbessert und wieder probiert. So ging es immer weiter, bis sie einen wirksamen Heiltrank hatte.«

»Du meinst, wie ein Koch, der einen Braten mit jeder Zubereitung schmackhafter macht?«

»Genauso! Der Koch will einen immer besseren Geschmack und Melisende eine immer bessere Heilwirkung.«

»Deswegen wirken ihre Tränke und Salben wohl so gut.«

»Es gibt einige hier, die nicht mehr am Leben wären, gäbe es Melisende nicht.«

»Sie hat einem der Knappen das gebrochene Bein gerichtet und ihm einen Trank gegen den Schmerz gegeben.«

»Andernfalls wäre das Richten sehr qualvoll für ihn geworden.«

»Hat sie jenen schmerzstillenden Trank auch selbst ausprobiert?«

»Ja, natürlich. Was willst du mir mit all diesen Fragen sagen, Konradin? Magst du Melisende nicht leiden?«

»Doch, doch! Es ist nur, was Agnes sagte. Wie du es erklärt hast, macht es viel Sinn. Wenn Agnes oder sonst jemand noch einmal etwas über Melisende verbreiten, weiß ich nun, was ich entgegnen werde.«

»Du kannst Agnes und den anderen sagen, dass sie gezüchtigt werden, wenn sie lügen. Dafür wird de Mirepoix sorgen!«

»Vor dem hat Agnes Angst!«

»Das wundert mich nicht. Was war die Lüge, die sie über ihn erzählt hat? Er sei ein geheimer Diener des Papstes? Und er und sein Vetter haben diese Festung nur zu dem Zweck gebaut, um die versprengten Gläubigen unserer Gemeinschaft anzulocken? Damit man uns bequem vernichten könne?«

»Das hat ihr die zweite Züchtigung mit dem Stock eingebracht. D’Adhémar hat überhaupt nicht gefallen, was sie da tratscht! So etwas kann ihm arge Scherereien bereiten!«

»Die erste Züchtigung war, weil sie behauptet hat, Louis Chabot sei mit Marguerite Rohan … nun ja, er hat mit ihr …« Hitze kroch in ihre Wangen. Aussprechen mochte sie nicht, was die beiden Vollkommenen getrieben haben sollten, wenn es nach Agnes ginge.

»Agnes ist ein arglistiges Weib. Ich werde ihr den Mund verbieten, was Melisende angeht. Die Erinnerung an die Stockschläge wird sie davon abhalten, ihr lügnerisches Maul noch einmal aufzureißen!«

*

D’Arcis war voll des Lobes. »Wir haben einen Weg in die Festung! Gut gemacht, de Montfort!«

Unter den versammelten Rittern erhob sich beifälliges Gemurmel und Pierre erfüllte eine gewisse Selbstgefälligkeit. Ihm war womöglich beschieden, eine ausschlaggebende Wende in der Belagerung herbeigeführt zu haben! Doch gleich darauf schämte er sich. Es stand einem Christen nicht zu, sich derart über andere zu erheben!

»Als Nächstes gilt es, den Aufstieg zu erkunden«, fuhr d’Arcis fort. »Um festzustellen, wie wir auf ihm in die Festung gelangen. Ihr erwähntet die eine Weggabelung, de Montfort, aber möglicherweise gibt es noch weitere solcher. Wie erforschen wir das, ohne dass die Ketzer gewarnt werden?«

»Sie werden den Weg sicher von den Wehrmauern aus beobachten«, warf ein junger Ritter ein, den Pierre nicht kannte. Er war kein Templer, sondern gehörte zu den Männern des Königs.

»Nicht unbedingt«, meinte Karl. »Wir müssten sehr hoch am Berg sein, bevor sie uns von ihren Mauern aus bemerken.«

»Da stimme ich dir zu«, sagte Pierre. »Es gibt zu viele Plateaus und Vorsprünge, die ihnen den Blick auf das versperren, was am Fuß oder gar auf halber Höhe des Berges vorgeht. Wir müssen trotzdem aufpassen, wenn wir den Pfad und seine Abzweigungen erkunden! Nicht dass uns die Ketzer auf ihm entgegenkommen! Verstecken könnten wir uns dann wohl kaum, es sei denn, es fände sich just eine bequeme Höhle. Darauf sollten wir nicht bauen.«

»Vielleicht überwachen die Ketzer den Pfad ab einem bestimmten Punkt. Also bevor man zur Wehrmauer gelangt.« Das war Armand.

D’Arcis nickte. »Das ist auch zu bedenken. Wird eine Erkundung des Nachts helfen, damit sie uns nicht sehen?«

Ein älterer Ritter namens Nicolas de la Baume wiegte nachdenklich den Kopf. »Es ist gefährlich, in der Dunkelheit an den Felsen zu klettern. Man hat keine Hand frei, um eine Fackel zu tragen. Außerdem würde der Lichtschein weithin sichtbar sein.«

»Die Ketzer kommen wohl stets des Nachts vom Berg«, setzte einer der Templer hinzu. »Am Tage ist die Gefahr für sie zu groß, entdeckt zu werden, wenn sie an unseren Wachposten vorbeischleichen.«

»Das heißt, tagsüber könnten wir die Felsen bis zu einem gewissen Punkt erkunden«, fasste d’Arcis zusammen. »Bis man Wachen sieht oder in Sichtweite des Festungsdorfs kommt. Was machen wir dann? Wie können wir den Pfad in seiner vollen Länge erkunden? Denn das müssen wir, um den Angriff zu planen.«

»Greifen wir über den Pfad an?«, fragte der junge Ritter eifrig.

»Nein. Wir werden das Heer dort nicht hochbringen können. Aber eine Handvoll Männer schon. Die dringen in das Dorf ein und öffnen der Hauptmacht die Tore. Dafür müssen wir wissen, wie der Pfad verläuft, von seinem Anfang bis zu seinem Ende. Und wie die Wehrmauer da, wo er auf das Dorf trifft, beschaffen ist. Also noch einmal: Wie erreichen wir das?«

Pierre kam ein Gedanke. »Wie wäre es, wenn ein Späher den Felsen beobachtet? Aus einem Versteck heraus? Steigen das nächste Mal Ketzer des Nachts hinab, wartet er auf ihre Rückkehr und hängt sich an ihre Fersen. Sie führen ihn an allen Gabelungen des Pfads vorbei zum Dorf. Dann kennen wir den gesamten Weg zur Festung!«

»Aber was, falls just, wenn diese Ketzer wieder am Berg nach oben steigen, andere Ketzer nach unten gehen?«, warf der junge Ritter ein. »Unser Späher könnte von denen, die herabsteigen, entdeckt werden!«

»Das denke ich nicht. Die Ketzer wissen um unseren Ring aus Wachposten. Sie werden nur vereinzelte kleine Trupps herunterschicken, um uns zu entgehen, und warten, bis der eine Trupp wieder da ist, bevor sie den anderen schicken. Alles andere wäre zu auffällig.«

D’Arcis nickte. »Ich stimme Euch zu, de Montfort. Euer Vorschlag ist gut: Unser Späher folgt den Ketzern bis zu den Häusern. Er wird erfahren, wo die Wachen stehen und er kennt den Weg, weiß, wie er zu begehen sein wird und wie groß die Gefahr ist, gesehen zu werden. Außerdem erkundet er die Beschaffenheit der Wehrmauer dort. Mit diesem Wissen werden wir unser weiteres Vorgehen festlegen!«

Zustimmendes Gemurmel erklang.

»Der Späher darf von den Ketzern nicht bemerkt werden! Er muss in der Lage sein, seinen Weg in der Dunkelheit zu finden! Und wie lange wird es dauern, bis die Ketzer wieder an der Bergflanke herabsteigen? Womöglich werden wir auf diese Weise das Ketzerdorf erst nach langen Wochen angreifen können! Wollen wir wirklich so lange warten?« Der junge Ritter hatte jenen gewichtigen Gesichtsausdruck aufgesetzt, den Kleingeistige zur Schau trugen, wenn sie der Meinung waren, sie seien die Einzigen, die eine strittige Angelegenheit durchblickten.

Armand und Karl hoben die Augenbrauen und de la Baume räusperte sich. D’Arcis war schneller: »Es eröffnet sich uns endlich eine Möglichkeit, das Dorf einzunehmen. Die werden wir nicht ohne Not aufs Spiel setzen. Wenn es dauert, dann dauert es.« Er wandte sich an Pierre. »Wir machen es, wie Ihr sagtet. Ihr werdet jener Späher sein. Sucht ein Versteck, von dem aus Ihr den Pfad überwacht. Und macht einen Wachplan. Auch wenn die Ketzer wohl nur des Nachts vom Berg steigen, will ich Tages- und Nachtwachen aufstellen. Zur Sicherheit.«

»Ja, Sire.«

»Dann müssen wir die Männer bestimmen, die später den Pfad hochgehen werden, um dem Heer die Tore zu öffnen. Sie sollen sich im Klettern ertüchtigen. Wir wissen nicht, ob man während des Aufstiegs nicht doch irgendwo klettern muss wie zu Beginn des Pfads. De Montfort, Ihr sucht die Männer aus. Wir brauchen genügend Kämpfer, um denen, die die Tore öffnen werden, den Rücken freizuhalten, falls notwendig.«

»Ja, Sire.«

»Wer kann ihnen das Klettern beibringen?«

Pierre sah Karl an. »Mit de Chalençons Erlaubnis schlage ich seinen Knappen Arnaud vor.«

Karl nickte und d’Arcis sagte: »Einverstanden. Richtet die Wachen ein und beginnt, die Männer für jene Vorhut auszuwählen. Ich wünsche, jeden Morgen einen Bericht über die Fortschritte zu hören.«

Pierre verließ hinter den anderen das Zelt d’Arcis’. Es gelang ihm kaum, seine Miene unbeweglich zu halten, war ihm doch nach Jubilieren zumute! Nicht nur, dass die Belagerung eine derart günstige Wendung nahm! Nein! Er stand kurz davor, den Mann zu stellen, den er bereits so lange jagte!

Karl klopfte ihm auf die Schulter. »Gut gemacht, alter Freund. Verzeih’ den Spott, den wir über dich ergossen haben. Wie können wir das wieder gutmachen?«

Pierre grinste. »Du und Armand werden zu den Männern der Vorhut gehören. Die das Klettern erlernen.«

Seine Freunde brachen in Gelächter aus.

»Das ist eine harte Strafe«, sagte Armand, nachdem er sich beruhigt hatte. »Von einem Knappen angeleitet zu werden, hätte ich mir nie träumen lassen!«

»Keine Sorge. Ich werde Arnaud anweisen, euch beiden gegenüber keine Gnade zu zeigen.«

»Du wirst unsere Kletteranstrengungen natürlich überwachen und … Bemerkungen zu ihnen machen, oder?«

»Das lasse ich mir nicht entgehen, meine Freunde!«

*

Die Kräuterbündel, die über dem Herd an den Dachbalken gehangen hatten, waren verschwunden. Eine Kerze spendete ein zaghaftes Licht. Melisende saß mit in den Händen vergrabenem Kopf am Tisch.

Alazaïs, die noch Konradins Arme um sich zu spüren vermeinte, verging das versonnene Lächeln. »Melisende!«, rief sie erschrocken. Sie zog einen Stuhl heran und setzte sich, legte der Magd eine Hand auf den Arm. »Was ist passiert?«

Melisende nahm die Hände herunter. Aus ihren Augen sprach flammende Wut. »Ich war kaum angelangt, da kamen sie schon! Ich habe nichts mehr beiseiteschaffen können! Sie haben alles mitgenommen, unsere Vorräte, die Kräuter, die beiden Hühner und unser Holz! Und sie sagten, wir müssen den Tisch und die Stühle abgeben! Für Brennholz! Die Zimmerleute würden kommen, sie zerschlagen und mitnehmen.«

»Das ist doch nicht schlimm! Wir werden die Mahlzeiten eh’ im Saal zu uns nehmen. Wenn wir nicht kochen, brauchen wir auch den Tisch und die Stühle nicht!«

»Das ist es nicht! Ich kann keine Heiltränke mehr brauen! Ich habe sie angefleht, mir die Kräuter und ein wenig Holz dazulassen für ein Feuer. Aber nein! Sie sagten, ich solle de Mirepoix fragen. Wenn er es erlaube, bekäme ich Kräuter und Holz.« Melisende lachte gequält auf. »De Mirepoix! Der gestattet das doch nur, wenn es darum geht, seinen Männern das Leben zu retten! Solange die nicht verwundet oder an Schüttelfrost erkrankt sind, darf ich keine Heiltränke brauen, glaub’ es mir!«

»Unsinn! Er wird es dir gestatten, wenn du ihn bittest!«

Melisende schüttelte den Kopf.

»Dann gehe ich zu ihm! Mir wird er es nicht abschlagen!«

»Nein! Das erlaube ich nicht! Ich will nicht, dass du es dir mit ihm verscherzt! Das ist allein meine Angelegenheit, hörst du?!«

»Ich werde es mir nicht mit ihm verscherzen! Ich werde ihn bitten, dir die Kräuter und Holz zu überlassen! Oder nur die Kräuter und wir zerschlagen einen Stuhl für das Holz! So wie wir es mit den anderen Möbeln gemacht haben!«

»Nein! Du hast gehört, was er gesagt hat! Diejenigen, die sich seinen Befehlen widersetzen, sollen gehen! Du wirst nicht mit ihm sprechen!«

Alazaïs öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Melisende umzustimmen, war aussichtslos. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, de Mirepoix als ihren Feind zu sehen. Nichts würde sie davon abbringen.

»Lassen wir das«, fuhr die Magd brüsk fort. »Wo bist du gewesen?«

»Ich habe mit Sibylle geplaudert und darüber die Zeit vergessen«, sagte Alazaïs rasch.

»Du hättest hier sein sollen!«

»Um was zu machen? Wir haben keine Hühner und keine Vorräte mehr, die uns beschäftigt halten!«

Melisende seufzte. »Da gebe ich dir recht. Wenn doch dein Onkel endlich zurück wäre! Er hätte zu verhindern gewusst, dass sie mir die Kräuter wegnehmen!« Sie verknotete die Finger ineinander und starrte blicklos vor sich hin.

Alazaïs zögerte. Dann fragte sie leise: »Glaubst du, ihm und den anderen ist etwas passiert?«

Noch nie hatte sie mit Melisende über den Botengang ihres Onkels gesprochen, genauso wenig wie über die Ritte, die er davor unternommen hatte. Onkel Guillaume pflegte sie beide darüber in Kenntnis zu setzen, dass er den Montségur wieder einmal verließe, ohne zu erwähnen, wann er zurückzukehren gedenke. Sie hatten die Ritte als gegeben hingenommen und nie den Drang verspürt, sie zu bereden.

»Ach, Unsinn! Dein Onkel ist versiert im Reisen. Er kann auf sich aufpassen!«

»Die vier sind schon so lange fort!«

»Das wird am Grafen de Toulouse liegen. Außerdem hat dein Onkel noch einen anderen Auftrag.« Melisende schlug sich die Hand vor den Mund, als gelänge es ihr dadurch, diese Worte zurückzunehmen. Sie ließ die Hand sinken. »Vergiss, was ich gesagt habe, Kind! Ich … ich habe gedankenlos geplappert!«

Alazaïs vermochte nicht zu fassen, was sie da hörte. »Onkel Guillaume hat noch einen Auftrag?! Welcher Auftrag soll das denn sein?!«

»Nein, es wäre ihm nicht recht, wenn …«

»Melisende! Ich sterbe vor Sorge um Onkel Guillaume! Nun sagst du mir, er habe noch einen anderen Auftrag?! Ich will wissen, was das ist!« Sie war tief getroffen, von ihrem Onkel nicht ins Vertrauen gezogen worden zu sein. Hielt er sie für ein kleines Mädchen, von dem man alles Unangenehme und Gefährliche fernhalten musste?!

»Ach, Kind.«

»Melisende, bitte!«

»Es wird deinem Onkel gar nicht recht sein!«

»Das ist mir gleich! Sage mir, was er vorhat!«

Melisende biss sich auf die Lippen, dann senkte sie gottergeben den Kopf. »Eines Tages wirst du es ja doch erfahren.« Sie holte Luft. »Du weißt, dein Onkel war einmal ein Templer.«

»Natürlich. Er ist aus dem Orden desertiert.«

»Das ist richtig. Er ist ein treuer Anhänger unseres Glaubens geworden. Nun, er will andere Templer von diesem Weg überzeugen. Sie sollen den Orden verlassen und sich zu unserem Glauben bekehren.« Während sie das sagte, sah Melisende auf die Tischplatte.

Alazaïs wurde kalt. Ihr Onkel wollte Templer, die widerspruchslos dem Papst gehorchten, für einen Glauben gewinnen, den die Kirche als Ketzerei verurteilte? Gegen den sie einen Kreuzzug unternommen hatten? Sie würden ihn ohne viel Federlesens töten! »Das ist Wahnsinn!«

»Das mag sein. Doch es geht darum, den wahren Glauben zu verbreiten. Und die Kirche, die uns verfolgt, zu schwächen. Jeder Templer, der dem Orden abschwört, ist ein Dolchstoß in die Eingeweide der Kirche.«

»Ja, schon, aber … wieso jetzt erst? Wieso hat er damit nicht schon viel früher angefangen? Weiß der Befehlshaber davon?!«

»Natürlich weiß de Mirepoix davon! Und dein Onkel hat nicht erst jetzt damit begonnen! Auf all seinen Ritten verbreitet er das Wort.« Melisende erhob sich, lächelte schwach. »Dein Onkel will es von dir fernhalten, damit du dir keine unnötigen Gedanken machst. Bitte, zerbrich dir nicht den Kopf. Und verrate es niemandem!« Sie zog ihr dickes wollenes Tuch enger um die Schultern. »Ich miste den Hühnerstall aus. Mit dem Dung geben wir den Beeten zusätzlichen Schutz gegen die Winterkälte.«

Alazaïs starrte ihr hinterher. Sie bezweifelte nicht, was Melisende ihr da gesagt hatte. Onkel Guillaume war tief gläubig. Er betete mehrmals am Tag und verwickelte sich mit den Bischöfen gerne in Dispute über die Auslegung des Johannesevangeliums. Auf seinen Ritten traf er die verschiedensten Menschen und natürlich würde er versuchen, sie von seinem Glauben zu überzeugen! Sie ärgerte sich, nicht selbst darauf gekommen zu sein.

Nur, es war eine Sache, dass Melisende nichts von diesen Bemühungen Onkel Guillaumes erzählt hatte. Er würde ihr Stillschweigen befohlen haben. Dem durfte sie sich nicht widersetzen, auch wenn sie sich nun verplappert hatte. Doch sie war Alazaïs’ Blicken und mit der Flucht in den Hühnerstall ihren Fragen ausgewichen. Als ob sie mir etwas verschweigt. Aber was bloß?

*

Die Wachnächte waren alles andere als vergnüglich.

Sie hatten sich zwischen Büschen einen Beobachtungsposten geschaffen. Um unbemerkt zu bleiben, durfte kein Feuer entzündet werden, und sie versuchten, sich mit Fellen und Decken warmzuhalten. Doch die Kälte, die der eisige Nordwind mit sich brachte, ließ sich kaum abhalten, vor alle Dingen dann, wenn man wie Pierre in Erwartung eines Aufstiegs am Felsen über den Untergewändern nur Tunika, Beinlinge und Stiefel trug.

Zudem stand der junge Ritter, der die vielen Zweifel und Einwände geäußert hatte, auf d’Arcis’ Befehl Wache mit Pierre. Er hieß Bertrand de Got. Vermutlich bestrafte d’Arcis ihn damit für seinen Vorwitz und die Wichtigtuerei, denn anders war die Gewittermiene, mit der de Got jeden Abend am Posten auftauchte, nicht zu deuten. Er und Pierre beschränkten sich auf ein Nicken, wenn sie mit der Wache begannen, und ein weiteres Nicken, wenn sie sich morgens, nachdem die Tageswache gekommen war, voneinander verabschiedeten. Pierre war das Schweigen zwischen ihnen recht. Reden durften sie ohnehin nicht, da Laute weit am Felsen trugen. Außerdem legte er keinen Wert darauf, den jungen Neunmalklugen näher kennenzulernen. So hing jeder den eigenen Gedanken nach, gestört nur hin und wieder von entfernten Rufen aus dem Heerlager oder dem Prasseln brechender Zweige, wenn Hirsche oder Wildschweine das Unterholz durchstreiften.

Pierre grübelte über die Eroberung des Ketzerdorfs. Wären die Ketzer in der Lage, eine Verteidigung aufzubauen, überfiele man sie des Nachts durch das offene Tor? Wie sähe diese Verteidigung aus? Aber dann wanderten seine Gedanken unweigerlich zu dem Mann, den er jagte. Wo würde er ihn da oben finden?

---ENDE DER LESEPROBE---