Bildvagabunden: Tempelstadt - S.C. Keidner - E-Book

Bildvagabunden: Tempelstadt E-Book

S.C. Keidner

0,0
3,49 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Band 2 der Fantasy-Reihe um die Reise durch magische Bilderwelten Nach der Flucht von Abanyama setzen Caro und Ryu ihre Suche nach dem Bild fort, mit dem sie Talamhceo endlich verlassen können. Ausgerechnet im großen Tempel von Drymaron soll es zu finden sein, inmitten von Priestern, die auf der Jagd nach Zauberwesen sind, seien es nun Drachen, Hexen oder Dämonen. Aber von den Priestern bei der Bildersuche erkannt und getötet zu werden, ist nicht die einzige Gefahr, der sie ins Auge sehen müssen. Roul, Herr von Abanyama, will nicht von Caro ablassen und verfolgt sie erbarmungslos …

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2026

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kapitel 1

»Die Herberge!«

Das Wirtshaus war im sturmgepeitschten Regen lediglich als Silhouette hinter Wasserschleiern zu erahnen. Beim Näherkommen löste sich der graue Schattenriss in geweißte Wände, ein Strohdach und die in einen steinernen Bogen eingelassene Tür aus dunklem Holz auf. Die Planen und Verdecke der zahlreichen Wägen und Kutschen auf dem verschlammten Platz davor glänzten in dem aus Bleiglasfenstern fallenden Licht. Eine Plane knatterte in den Böen.

Ryu blieb abrupt stehen. »Sollen wir es wirklich wagen?«

Caro fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, ein vergeblicher Versuch, das Wasser wegzuwischen, das ihr in eisigen Rinnsalen über die Haut lief. Ihre Stiefel sanken tief im Matsch ein und der schwere gefilzte Umhang würde dem Regen nicht mehr lange standhalten. Sie betrachtete die erleuchteten Fenster und die Schatten, die sich dahinter bewegten.

Bisher hatten sie Menschen gemieden und des Nachts Unterschlupf unter Felsen oder in Dickichten gesucht. Aber hier, auf den windigen Ebenen, weit weg von den Bergen und Hügeln, in denen sie ihren Weg durch Talamhceo, das Nebelland, begonnen hatten, gab es dergleichen kaum. Als der Sturm zu toben begann, hatten sie noch gehofft, er würde zum Abend hin nachlassen. Aber das war nicht passiert und so hatten sie beschlossen, sich die Herberge näher anzusehen, um zu entscheiden, ob sie in ihr übernachten sollten.

»Wir könnten weiterwandern«, machte Caro einen halbherzigen Versuch, vorsichtig zu sein. Sie konnten nicht sagen, auf wen sie treffen würden. Drinnen, wo es warm und trocken war. »Vielleicht finden wir ja doch einen halbwegs geschützten Felsvorsprung.«

»Das könnten wir.« Von Ryus Gesicht war unter der dicken Kapuze nur der wild wuchernde Bart zu sehen. »Es wäre sicherer.«

Sie seufzte. Bestimmt gab es in der Herberge einen Kamin mit einem lodernden Feuer! »Aber sieh dir all die Kutschen an! Viele Wanderer und Reisende sind dort eingekehrt! Wir würden nicht auffallen.«

Ein Zögern. »Das ist richtig.«

»Und auf dem Reiseweg ist es nicht unbedingt sicherer. Wie häufig haben wir Reiter gesehen, die nachts unterwegs waren?«

»In Sturm und Regen wird kaum jemand unterwegs sein.«

»Nicht unbedingt. Jemand, der es eilig hat, macht keine Rast, ganz gleich, wie schlecht das Wetter auch ist.«

Eine Sturmböe fegte über sie hinweg. Die Regentropfen versetzten ihren Wangen boshafte, eisige Nadelstiche.

»Möglicherweise, ja. Wenn wir nur wüssten, wer die Leute sind, die hier haltgemacht haben. Es könnten Abgesandte von Abanyama unter ihnen sein.«

»Vielleicht. Aber werden die auf uns achten? Rouls Späher suchen eine Frau, die allein unterwegs ist, kein Paar. Und mit unseren Umhängen und dem Tragekorb sehen wir aus wie ganz normale Reisende.«

Er senkte den Kopf, ein erstes Zeichen des Nachgebens.

»Gehen wir hinein«, sagte sie fest. »Spätestens in Drymaron können wir den Menschen nicht mehr aus dem Weg gehen. Wieso nicht jetzt damit anfangen, ihre Nähe zu suchen? Wie gesagt, es werden viele Menschen dadrinnen sein, niemand wird sich für uns interessieren.«

Er schwieg, dann nickte er ergeben. »Du hast recht. Es ist niemandem geholfen, wenn wir uns im Regen eine Lungenentzündung holen.«

Sie drückte sich hinter ihm zwischen den Kutschen hindurch, erleichtert, endlich dem Sturm zu entrinnen. Hoffentlich war niemand von Abanyama in der Herberge! Sicherheitshalber zog sie die Kapuze tiefer ins Gesicht, nur für den Fall.

Die Tür war schwer, öffnete sich knarrend. Stimmengewirr, Ausdünstungen ungewaschener Körper und der Geruch nach nassem Hund schlugen ihnen aus dem Gastraum entgegen, der die gesamte Fläche der Herberge einnahm. Seine hölzerne Decke wurde von dicken Pfeilern aus geschwärzten Balken getragen. Von ihr hingen riesige Lüster mit Dutzenden Kerzen, die den Raum erleuchteten. Grob gezimmerte Tische und Bänke, dicht besetzt mit Reisenden, waren in langen Reihen aufgestellt. An einer Stirnseite sorgte ein Kaminfeuer für stickige Wärme, an der anderen stand der Wirt, ein beleibter Riese mit wirrem Haar, hinter der Theke. Er wischte mit einem nicht sonderlich sauber wirkenden Tuch immer wieder die Flecken weg, die sich beim Auffüllen der als Trinkgefäße dienenden Humpen bildeten. Ein junger Mann war mit der Aufgabe betraut, die Humpen unter den Gästen zu verteilen. Ähnlich wurde es mit dem Essen gehalten, das eine rotgesichtige Frau in einem Kessel über dem Kaminfeuer zubereitete und den Gästen in Schalen hinstellte.

Bis auf diejenigen, die neben der Tür saßen und ob des kalten Luftzugs und der Regentropfen, die mit Caro und Ryu eindrangen, das Gesicht verzogen, beachtete sie niemand. Die Gäste waren Reisende wie sie selbst, viele von ihnen in abgetragenen Kapuzenumhängen aus dichter Wolle. Es gab einige Wohlhabendere, die sich durch saubere Kleidung in leuchtenden Farben auszeichneten. Sie saßen an einem Tisch nahe dem Feuer und zahlten für dieses Privileg wahrscheinlich einige Münzen mehr.

»Essen, Trinken, Unterkunft?«, rief ihnen der Wirt entgegen.

Sie drängten sich zwischen den Bänken zur Theke, wobei sie achtgeben mussten, nicht auf die Hunde zu treten, die zu Füßen ihrer Herren lagen und darauf hofften, die Reste der Mahlzeiten vertilgen zu können.

»Könnt Ihr uns beherbergen?«, fragte Ryu. Sie hatten ausgemacht, dass er der Wortführer sein sollte. Frauen galten in Talamhceo wenig. Anfangs hatte Caro sich darüber geärgert, aber dann den Vorteil erkannt. Als Frau wurde sie kaum beachtet und konnte unbemerkt beobachten. So flogen ihre Augen jetzt über die Gästeschar, insbesondere über die bessergestellten Reisenden am Feuer.

»Ja, aber Ihr müsst im Gastraum nächtigen. Die Liegen oben sind alle vergeben.«

»In Ordnung. Was schulden wir Euch?«

»Drei Sensi für Euch und Eure Frau zusammen. Zahlbar sofort.« Sensi waren die kupfernen Münzen, von denen ihnen Scadaman und Takia eine Handvoll mitgegeben hatten. Dann gab es die silbernen Sikkas, von denen eine so viel wert war wie zehn Sensi. Ryu kramte in seiner Umhangtasche, förderte drei Sensi zutage und schob sie dem Wirt über die Theke zu.

»Setzt Euch da in die Ecke.« Der Wirt deutete mit dem Kopf zum Ende des Tisches neben der Theke. Augenscheinlich achtete er darauf, dass sich Gleich zu Gleich gesellte. An dem ihnen zugewiesenen Tisch, der an der Wand stand, saßen Paare, an den meisten anderen ausschließlich Männer und an einem nur Frauen. Und dann gab es natürlich die Tafel für die wohlhabenden Reisenden am Kamin.

Caro klemmte den Tragekorb zwischen Bank und Wand ein, bevor sie sich mit Ryu niederließ. Ihre Umhänge behielten sie an, wie die anderen Gäste dies auch taten, und würden sich später zum Schlaf in sie wickeln. So mussten sie nicht die Decken hervorkramen und vermieden es, ihren Tischnachbarn Einblicke in den Tragekorb zu gewähren. Dessen Inhalt, unter anderem das Schwert, wäre einigen durchaus seltsam vorgekommen. Außerdem verbargen die Kapuzen der Umhänge nicht nur ihre Gesichter, sondern auch Ryus Augen. Noch war der Gastraum hell, sodass sie nicht auffielen, aber sobald die Lichter erloschen, musste er vorsichtig sein. Ihr bernsteinfarbener Schimmer würde weit mehr Aufsehen erregen als das Schwert.

Ryu sah sie fragend an. Caro schüttelte kurz den Kopf. Sie hatte niemanden von Abanyama bemerkt, sei es, dass sie ihn aus der Zeit ihrer Gefangenschaft erkannt hätte oder er ein Kleidungsstück mit dem Wappen der Festung trug, einem schwarzen Turm. Und es gab keine Priester in weißen Gewändern.

»Hier is’ der Met!« Der junge Mann knallte zwei Humpen vor ihnen auf den Tisch, die prompt überschwappten. »Da kommt Chana mit’m Eintopf.« Schon standen zwei Schalen mit Holzlöffeln vor ihnen. Schweigend machten sie sich über den Eintopf her, in dem Stücke vom Lamm und zerkochtes Gemüse schwammen. An Gewürze glaubte man in der Herberge anscheinend genauso wenig wie an Salz. Aber das Essen wärmte und der Met schmeckte gut.

»Wohin des Weges?«, erkundigte sich ein älterer Mann, der Ryu gegenübersaß, nachdem er sie interessiert gemustert hatte.

»Drymaron«, sagte Ryu. »Und Ihr?«

»Auch. Weswegen reist Ihr bei diesem Wetter?«

»Wir kehren zurück in die Stadt, um nach Arbeit zu suchen. Wir haben den Sommer über bei Bauern gearbeitet, aber im Winter gibt es dort nichts zu tun«, begann Ryu mit der Geschichte, die sie sich mit Takia und Scadaman ausgedacht hatten und die, so hatten die beiden Zauberer versichert, alles andere als ungewöhnlich sei. Viele arme Städter verdienten sich ihr Brot im Sommer bei den Bauern und kehrten im Winter nach Drymaron zurück, nicht nur reicher an Münzen, sondern auch bepackt mit wertvollen Vorräten wie gepökeltem Lammfleisch, getrocknetem Obst oder Getreide zum Brotbacken. In Drymaron angekommen, lebten die meisten von im Armenviertel Kabus und hielten sich mit Gelegenheitsarbeiten über Wasser, um im nächsten Frühjahr wieder aufs Land zu ziehen.

Der Mann wiegte den Kopf. »Das geht Mira und mir genauso.«

Die verhärmte Frau neben ihm lächelte Caro schüchtern an. Sie lächelte zurück.

»Wisst Ihr schon, wo Ihr arbeiten werdet?«, fragte Ryu.

»Wir wollen es am Hafen in Drymaron versuchen, die suchen immer Arbeiter.«

»Das haben wir uns auch überlegt.« Ryu zögerte. »Oder vielleicht im Tempel.«

Der Mann rümpfte die Nase. »Hm. Nun ja, es stimmt, sie stellen Unterkunft und Essen und sie zahlen gut. Aber für die Priester arbeiten? Man hört seltsame Dinge. Sie behandeln Arbeiter und Diener schlecht. Es soll Arbeiter gegeben haben, die zur Strafe für Nachlässigkeit geopfert wurden!«

»Deswegen sind wir nicht sicher, ob wir das machen sollen. Vielleicht, wenn alle Stricke reißen. Das Geld ist gut, wie Ihr sagt.«

»Das ist es. Wo seid Ihr über den Sommer gewesen?«

»In einem entlegenen Dorf in den Hügeln. Ich habe Schafe gehütet, geschoren und geschlachtet. Alma hier hat den Frauen geholfen.«

Caro runzelte die Stirn. Ihr gefiel nicht, wie Ryu über sie hinwegredete, auch wenn es unter den Männern in Talamhceo gang und gäbe war, ihre Frauen derart zu behandeln. Doch schon spürte sie seinen sanften Händedruck unter dem Tisch, eine kleine Entschuldigung. Aber sie hätte schwören können, dass ein kurzes Grinsen um seine Lippen zuckte.

»Ah ja, Schafschur, das ist einträglich. Wir waren auf einem großen Bauernhof südlich von Abanyama. Ich war Stallknecht und Mira hat im Haus gearbeitet. Mein Name ist übrigens Fergal.«

»Ilker«, stellte sich Ryu unter seinem falschen Namen vor. »Ihr seid in der Nähe von Abanyama gewesen? Da wollten wir zuerst auch hin, haben uns dann aber anders entschieden.«

»Ja, man muss früh im Jahr da sein. Es zieht viele Tagelöhner in die Gegend dort. Aber nächsten Sommer gehen wir woanders hin.« Fergal beugte sich vertraulich über die Tischplatte. »Auf Abanyama hat ein Drache gewütet!«

Caro verschluckte sich. War ihre Geschichte schon so weit gedrungen? Sie musste husten und Fergal nickte ernst. »Ganz recht! Ein Drache!«

Wenn Fergal wüsste, dass er dem Drachen gegenübersitzt!

»Aber die sind doch alle längst getötet worden!«, rief Ryu.

»Ha! Anscheinend nicht! Nein, es wird gemunkelt, dass Roul, der Herr der Festung, wieder einmal eine Jocosa gefunden hatte. Ihr kennt die Geschichte?«

»Ich habe davon gehört. Er glaubt, in irgendwelchen Frauen seine verstorbene Geliebte, also Jocosa, zu sehen, und verschleppt sie nach Abanyama. Er ist verrückt, wenn Ihr meine Meinung hören wollt.«

»Ja, das ist Roul in der Tat. Nun ja, es hat sich herausgestellt, dass diese Jocosa eine Hexe war!«, erzählte Fergal, vollkommen ahnungslos, dass die Jocosa neben dem vermeintlichen Ilker saß und sich gerade einen Löffel Eintopf in den Mund schob. »Sie hat sich für ihre Gefangennahme gerächt und den Drachen heraufbeschworen, der die Mauern zerstört und ein paar der Ritter getötet hat. Die Hexe ist natürlich verschwunden, der Drache ebenso und Roul wird für immer gelähmt sein. Ihr Fluch soll ihn getroffen haben, als er versuchte, ihre Flucht zu verhindern. Ich sage Euch, besser tot als das!«

»In der Tat«, pflichtete Ryu ihm bei. »Es ist eine Dummheit ohnegleichen, eine Hexe zu entführen!«

»Tja, ganz richtig im Kopf war Roul noch nie, wenn ich den Worten unseres Bauern Glauben schenken darf.«

»Dann werden wir die Gegend um Abanyama im nächsten Sommer meiden. Wer weiß, was Roul trotz seiner Lähmung noch anstellt, um den Zorn von Hexen und Drachen auf sich zu ziehen.«

»Das habe ich mir auch gedacht. Man würde denken, dass Roul daraus gelernt hat, es gut sein zu lassen! Aber nein, wie es scheint, ist er wild entschlossen, die Hexe in die Finger zu kriegen!«

Ryu schüttelte den Kopf. »Wie kann man nur so dumm sein! Er wird die Hexe nicht fangen können!«

»Das denke ich auch. Na ja, seine Späher suchen überall nach der Frau.«

»Wie wollen sie sie denn finden? Eine Hexe wird sich jederzeit ein anderes Aussehen geben können!« Ryu senkte die Stimme. »Vielleicht hat sie sich in den Wirt der Herberge verwandelt. Was bedeuten würde, dass sie auf Äußerlichkeiten nicht sonderlich Wert legt.«

Mira und Caro kicherten. Fergal grinste breit und sagte: »Eben! Deswegen helfen ihnen ja die Priester aus Drymaron. Gegen eine Hexe, die Drachen heraufbeschwören kann, kommen die Ritter allein nicht an.«

Caro gelang es, ihre Miene reglos zu halten. Auch das hatte Takia ihnen prophezeit: »Die Priester werden alles tun, um euch einzufangen.«

Die Flucht eines Drachens und einer vermeintlichen Hexe von Abanyama war ein weiterer Tiefschlag für die Priester und die von ihnen verehrten Götter gewesen. Bereits zehn Jahre zuvor hatten die seit dem verlorenen Glaubenskrieg aus dem Verborgenen handelnden Zauberer der alten Götter – unter ihnen Takia und ihr Vertrauter Scadaman – den Priestern und den ihnen hörigen Stadträten und Festungsherren einen schweren Schlag versetzt. Ihr Zaubernebel zog unweigerlich jede Nacht auf. Er machte alles Unrecht ungeschehen, das den unter der Knechtschaft der Festungen und Städte leidenden Bauern geschah. Tributzahlungen wie Feldfrüchte oder Schafe, die den Bauern gewaltsam abgenommen wurden, befanden sich am nächsten Morgen wieder in den Scheunen und Ställen. Ja, sogar die Männer und Frauen, die beim Versuch, ihr Hab und Gut zu schützen, getötet worden waren, wachten am nächsten Tag gesund und munter in ihren Betten auf. Dieser Nebel, den die Priester trotz der Zauberkräfte, die ihnen zur Verfügung standen, nicht hatten umkehren können, und jetzt Caros Flucht kratzten empfindlich an der Autorität der neuen Götter.

»Was sollen die Priester gegen einen Drachen ausrichten können?«, fragte Ryu.

Fergal zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben sie Zauber gegen Drachen? Alles Unfug, natürlich. Hätte Roul die Hexe nicht erbost, dann wäre all das nicht passiert.«

Caro aß einen Löffel Eintopf. Zumindest schien man auf Abanyama nicht zu ahnen, dass der Drache ein Gestaltwandler war und nicht ein von einer Hexe herbeigezaubertes Wesen. Aber sie und Ryu waren auf dem Weg zum großen Tempel in Drymaron, dem Zentrum der Macht in Talamhceo, was Glauben und den Kampf gegen Zauberwesen anging. Falls man sie dort als Hexe diffamierte, würde sie auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden. Und wer konnte schon sagen, was Ryu drohte, sollte man ihn als Drachen erkennen.

»Nun, wie Ihr sagtet, scheint es Roul gleich zu sein, ob er sie erbost hat oder nicht. Besser, man bleibt Abanyama fern«, meinte Ryu.

Fergal nickte. »Ja, ich …«

Die Tür flog auf. Dieses Mal protestierten die Gäste, die plötzlich in einem Schwall kalter, nasser Luft saßen, lautstark. Der schwarz gekleidete Mann, der die Tür hinter sich zuschlug, ignorierte sie. Er schüttelte seinen Umhang aus, wobei wieder einige Gäste Wassertropfen abbekamen, und hielt auf den Wirt zu, der ihm seine Frage »Essen, Trinken, Unterkunft?« entgegenrief.

»Alles«, sagte der Mann und lehnte sich gegen die Theke, kaum drei oder vier Schritte entfernt von Caro und Ryu. »Ich will eine Liege.«

»Keine Liegen mehr, nur der Gastraum«, entgegnete der Wirt. »Ein …«

»Ich will eine Liege!«, unterbrach ihn der Mann barsch. »Ich bin unterwegs im Auftrag von Roul, Herr auf Abanyama! Ich werde nicht zusammen mit dem Pöbel übernachten!«

Caro schluckte und lehnte sich vorsichtig nach hinten, sodass Ryu sie verdeckte. Sie kannte den Mann nicht, was aber nicht bedeutete, dass er sie auf Abanyama nicht gesehen hatte. Zugegeben, Roul hatte darauf geachtet, sie mit so wenig Festungsbewohnern wie möglich in Kontakt kommen zu lassen. Außerdem hatten Takia und Scadaman ihr die Haare dunkel gefärbt und es mit ihrem Kräutersud geschafft, dass sie sich nicht mehr wild lockten. Trotzdem musste sie aufpassen. Unauffällig zog sie sich die Kapuze tiefer ins Gesicht.

»Pöbel!«, knurrte Fergal leise. »Der kann …«

Ryu schüttelte kaum merklich den Kopf und Fergal verstummte.

Der Bote hatte Fergal nicht gehört. Er war zu beschäftigt damit, den Wirt zu drangsalieren, um eine Liege zu bekommen, und bestand darauf, dass sich jemand um sein Pferd kümmerte, das draußen im Regen stand. Der junge Mann wurde schließlich rausgeschickt, um das Pferd im Stall unterzubringen und zu füttern. Eine Liege gab es wie durch ein Wunder auch, wobei Caro sich fragte, welcher Reisende heute Nacht entgegen seinen Vorstellungen im Gastraum schlafen musste. Dafür zahlte der Bote einen Sikka, woraufhin der Wirt einen Humpen mit Met vor ihn stellte und zum Tisch der Bessergestellten deutete. »Ihr könnt Euer Essen da zu Euch nehmen.«

»Ich trinke hier und esse nachher oben auf meiner Liege.«

Der Wirt krauste die Stirn, sagte aber nichts.

Der Bote trank und ließ dabei die Blicke durch den Raum schweifen. Caro beeilte sich, wie Mira auf den Tisch vor sich zu starren, und auch Ryu und Fergal beschäftigten sich angelegentlich mit ihrem Essen.

Der Mann wurde gesprächig, nachdem er bekommen hatte, was er wollte. »Viel los hier heute Nacht, oder?«

Der Wirt grunzte. »Bei dem Wetter ist das kein Wunder.«

»Das könnt Ihr laut sagen. Reisen macht da keinen Spaß.«

»Wohin des Weges?«

»Zum großen Tempel nach Drymaron, natürlich wegen der verdammten Hexe.« Der Bote knurrte einen Fluch. »Und das so kurz vor Einsetzen des Winters!«

»Was will man machen?«

»In der Tat. Habt Ihr hier Frauen, die allein unterwegs sind?«

Der Wirt deutete zu dem einzig mit Frauen besetzten Tisch. »Die da.«

Der Bote musterte die Frauen scharf. Die taten, als bemerkten sie seine Blicke nicht, und beugten sich über die Eintopfschalen. Der Mann wandte sich ab und nahm einen tiefen Schluck aus dem Humpen. »Nein, von denen ist es bestimmt keine. Wäre ja auch zu schön gewesen.« Er schob dem Wirt den Humpen zu. »Ich gehe nach oben. Lasst mir mein Essen hochbringen.«

»Eure Liege ist die neben der Treppe. Chana bringt Euch gleich Euren Eintopf.«

Sie sahen dem Boten nach, wie er sich durch den Raum kämpfte, um durch eine Türöffnung neben dem Kamin zu verschwinden. Caro erlaubte sich ein vorsichtiges Aufatmen. Der Kerl hatte sie nicht erkannt. Morgen früh mussten sie zusehen, dass sie erst nach dem Boten aufbrachen, um von ihm auf dem Reiseweg nicht überholt zu werden und womöglich seine Aufmerksamkeit zu erregen. Aber für heute waren sie sicher.

»Pöbel!«, knurrte Fergal wieder. »Ein Gutes hat das Auftauchen der Hexe: Es hat die Herren in ihre Schranken gewiesen.«

»Nun, das hat schon der Zaubernebel getan«, meinte Ryu.

»Da sprecht Ihr wahr. Als ich zum ersten Mal sah, wie sich des Nachts alles auflöst … Es war sehr sonderbar, die Häuser, die Menschen und die Tiere waren fort und nur wir Tagelöhner aus Drymaron allein auf weiter Flur. Syn sei Dank war der Sommer warm und trocken. Wir konnten draußen schlafen und hatten, falls es doch mal regnete, eine Plane, unter die wir uns legen konnten. In anderen Jahren hatten wir nicht so viel Glück.«

»Das war bei uns genauso«, flunkerte Ryu und Caro verbiss sich ein Grinsen. »Die Bauern, für die wir gearbeitet haben, waren um den Nebel sehr dankbar. Einmal kamen des Nachts Reiter in das Dorf. Als sie nichts vorfanden, sind sie weitergeritten. Ich glaube, dass sie Schafe stehlen wollten.« Caro erinnerte sich an die Begebenheit in Takias Dorf, in jener Nacht kurz nach ihrer Ankunft in Talamhceo. Bis heute wussten sie nicht, wer die Reiter gewesen waren.

»Euch haben sie nicht gefunden?«

»Nein, nein. Der Nebel hat uns versteckt.«

»Da hattet Ihr Glück. Vielleicht hätten die Reiter Euch verschleppt in ihrer Wut, nichts Brauchbares gefunden zu haben.«

»Vielleicht, ja. Manchmal wäre es nicht das Schlechteste, in den Nebel zu gehen. Wenn man entführt wird oder Schlimmeres, wacht man am nächsten Tag wieder wohlbehalten zu Hause auf. Und wir müssten uns keine Gedanken machen, was wird, falls Wegelagerer uns die Vorräte und das hart verdiente Geld rauben. Es wäre am nächsten Tag wieder da.«

»Das wäre wunderbar! Aber der Zauber wirkt ja leider nicht bei den Bewohnern von Drymaron. Oder auf den Festungen.«

»Und auch nicht bei allem, was seit dem Wirken des Zaubers neu gebaut wurde.«

Fergal lachte auf. »Wie diese Herberge und Syn sei Dank dafür! Stellt Euch vor, in dem einen Moment sitzen wir noch hier und im nächsten im Sturm!«

Ryu grinste. »Ja, wir hätten uns für unsere sauer verdienten Münzen eine Nacht im Schlamm gekauft!«

*

Dort am Fenster, auf der Bank, hatte sie gesessen und in ihren geliebten Garten geschaut. Das Kaminfeuer hatte sie gewärmt und die weichen Laken des Himmelbetts ihre schlanken Glieder des Nachts umschmeichelt. Ihr Lachen war von den Wänden widergehallt und in dem Sessel, in dem er saß, hatte sie sich ausgeruht.

Jocosa.

Auf dem Tischchen neben dem Sessel lagen die Bücher, die er ihr geschickt hatte. Und ihre Stickarbeit. Staub gab es nicht. Das Gemach wurde auf sein Geheiß hin jeden Tag gründlich gesäubert.

Jocosa, Geliebte, wo bist du?

Roul griff nach dem Stickrahmen, verzog das Gesicht. Die Bewegung schmerzte.

Ein Kissenbezug war in den Rahmen gespannt. Sie hatte begonnen, mit einem roten Faden ein Muster zu sticken. War der Bezug für das Ehebett gedacht gewesen? Bestimmt war er das! Sie hatte sich auf die Hochzeit gefreut, wollte ihn im Sommer zwischen Blumen heiraten!

Joco …

Das Klopfen unterbrach seine sehnsuchtsvollen Gedankengänge.

Natürlich, Alwin. Mal wieder.

»Roul, was tust du hier?« Alwin warf einen missbilligenden Blick auf den Stickrahmen in seiner Hand. »Gill sagte mir, du hättest ihm befohlen, dich in dieses Gemach zu bringen. Du solltest im Bett bleiben! Noch musst du dich schonen!«

Ärger stieg in ihm hoch. »Onkel, ich weiß selbst, was gut für mich ist und was nicht.«

»Dein Unfall ist erst vierzehn Tage …«

»Onkel, verschone mich! Ich mag jetzt ein Krüppel sein, ja. Das heißt aber nicht, dass ich nicht in der Lage wäre, zu entscheiden, was ich will!«

Alwin seufzte. »Entschuldige, Neffe. Ich mache mir nun einmal Sorgen um dich.«

»Was willst du von mir? Oder war es tatsächlich die Sorge um mich, die dich hergebracht hat?«

Alwin zögerte.

Roul grinste spöttisch. Natürlich sind es nicht die Sorgen um seinen Neffen, die ihn umtreiben.

»Ich will dir Bericht erstatten. Zwei der Späher, Pen und Jani, sind zurück. Sie haben nichts gefunden.«

»Wo haben sie gesucht?«

»Pen war bei den alten Höhlenflüssen. Und Jani auf der Festung Ebon.«

Dass Jocosa nicht auf Ebon aufgetaucht war, verwunderte ihn nicht. Warum sollte der Drache sie dorthin bringen? Aber die Drachenhorte in den alten Höhlenflüssen? Waren sie nicht ein gutes Versteck für einen flüchtigen Drachen? Vor Urzeiten hatten sich unterirdische Flüsse durch diese Felsengänge gewunden, die sich meilenlang durch das Gebirge zogen. Nachdem sie ausgetrocknet waren, hatten die Drachen dort bis zu ihrer Vernichtung durch die Priester gehaust. Da Pen noch am Leben war, gab es in den Höhlen wohl wirklich keine Drachen mehr. Es konnte aber auch bedeuten, dass Pen sich das Ganze nur aus sicherer Entfernung angesehen hatte.

»Bist du sicher, dass Pen die Höhlenflüsse genau untersucht hat?«

»Ich kann lediglich wiedergeben, was er mir gesagt hat, Neffe.«

»Er und Jani sollen zusammen losreiten. Ich will einen Beweis, dass sie in den Höhlenflüssen waren und sie aufs Genaueste erforscht haben.«

»Neffe! Wie in Syns Namen sollen sie das machen?«

»Sie sollen einen Drachenstein mitbringen. Die gibt es nur in den Höhlenflüssen.«

»Neffe …«

»Das war ein Befehl, Alwin.«

Alwin stockte. »Natürlich, Neffe. Ich werde sie losschicken. Aber ich finde, dass wir uns auf die Frau kon…«

»Nenne sie bei ihrem Namen! Jocosa!«

»Entschuldige, natürlich. Wir sollten uns darauf konzentrieren, Jocosa zu finden, nicht den Drachen. Sie ist es, die du willst. Wenn wir dabei einen Drachen vernichten, umso besser. Aber lass uns das wahre Ziel – Jocosa – nicht aus den Augen verlieren.«

Es war nicht das erste Mal, dass Alwin dies sagte. Aber Roul hatte Bedenken. Während der ganzen Jahre, in denen er Jocosa gesucht hatte, war es Alwin gewesen, der ihm immer wieder die Suche ausreden wollte. Der ihm sagte, er könne Jocosa nicht finden.

Gut, dass er nicht auf seinen Onkel gehört hatte, denn dann wäre er im Zauberwald Jangala nicht auf sie gestoßen. Sie war verwirrt gewesen und hatte ihn nicht erkannt, aber das war verständlich nach allem, was sie durchgemacht haben musste. Je länger sie auf Abanyama gewesen war, desto mehr kam die Jocosa zum Vorschein, die er liebte. In der Art, wie sie sich kleidete. Wie sie den Garten und die Blumen genoss. Wie sie angefangen hatte, die Hochzeit zu planen. All dies hatte der Drache zerstört, indem er Jocosa entführte.

Und Alwin schwang sich nun zum Sucher Jocosas empor. Nachdenklich strich Roul über das Muster im Kissenbezug. Dieser Stimmungsumschwung kam so plötzlich. Was wollte Alwin erreichen?

»Roul, es macht mehr Sinn, die Frau, Jocosa, zu suchen anstatt einen Drachen. Es ist möglich, dass sie den Drachen heraufbeschworen hat. Dass er nichts weiter als eine grauenvolle Erscheinung war, eine Illusion, die längst vergangen ist!«

»Jocosa ist keine Hexe! Sie hat das Untier nicht heraufbeschworen!« Roul hatte vergessen, dass er nie wieder würde aufspringen können. Der heftige Schmerz, der ihm bei dem Versuch, genau das zu tun, durch den Rumpf fuhr, ließ ihn nach Luft schnappen und in sich zusammensacken. Seine mit Hölzern geschienten Beine blieben reglos, unbeteiligt.

Alwin hob beschwörend die Hände. »Neffe, entschuldige, so war das nicht gemeint! Was ich meine ist, dass wir Jocosa fin…«

»Willst du sie etwa finden, um sie den Priestern zu übergeben? Rabanus und seinen Kumpanen?«, fauchte Roul. Er krallte sich am Tisch fest. Der Schmerz verebbte.

»Roul.«

»Ich werde sie ihnen nicht überlassen! Sie ist keine Hexe! Sie wird mich ehelichen!«

»Roul. Bitte.« Jetzt schwang Ärger in Alwins Stimme mit. »Natürlich werde ich nicht gegen deine Wünsche handeln! Aber Fakt ist, dass ein Drache just in dem Moment auftauchte, in dem sie von Abanyama floh und …«

»Wie häufig muss ich es denn noch sagen? Sie hat ihn nicht heraufbeschworen! Der Drache hat Jocosa verzaubert, hat ihr eingeredet, dass sie vor mir fliehen muss! Warum wäre sie sonst geflohen? Überlege doch: Wenn Jocosa eine Hexe ist, wieso hat sie gewartet, um uns eine Probe ihrer Hexenkunst zu geben? Sie hätte ihre Hexenkunst bereits bei der Ankunft auf Abanyama ausgeübt!« Erschöpft lehnte er sich zurück und hob matt die Hand, als Alwin sprechen wollte. Wie oft hatte er Alwin und dem Priester, Rabanus, dies in den letzten Tagen im Streit an den Kopf geworfen? Jocosa war keine Hexe! Es machte keinen Sinn! Wann verstanden die beiden es endlich? »Der Drache hat Jocosa entführt. Er wird sie in den Höhlenflüssen versteckt haben! Sie harrt verzweifelt ihrer Befreiung durch uns! Deswegen müssen wir den Drachen unbedingt finden! Wenn wir ihn haben, haben wir auch Jocosa!«

Eine Pause, dann fragte Alwin: »Wieso sollte ein Drache Jocosa entführen?«

Roul starrte seinen Onkel ungläubig an. »Wegen ihrer Schönheit. Weil sie eine begehrenswerte Frau ist. Warum sonst?«

Alwin holte tief Luft, als müsste er sich beruhigen. »Roul. Es gibt keine Drachen mehr. Irgendjemand hat den Drachen heraufbeschworen. Die Priester, mit dem Bewahrer des Glaubens an ihrer Spitze, sind der Ansicht, dass es Jocosa war und dass sie eine Hexe ist. Ob das stimmt, kann ich nicht sagen. Was ich allerdings weiß, ist: Wenn du Jocosa weiterhin gegenüber den Priestern verteidigst, erweckst du den Anschein, nicht alles dafür zu tun, sie zu finden. Das setzen die Priester mit Untreue gegenüber dem Tempel gleich. Dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Priester sich nach einem neuen Statthalter für die östlichen Lande umsehen. Du weißt, was mit dem alten Statthalter passiert ist, als dein Vater, mein Bruder Wyot, damals zum Herrn über Abanyama gemacht wurde, oder?«

»Statthalter von Priesters Gnaden!«, höhnte Roul. »Das war mein Vater und ich bin es auch. Mir ist es gleich, Alwin! Schau mich nicht so an! Es stimmt, ich gebe darauf nichts. Meine geliebte Jocosa ist verschwunden! Und ich bin ein Krüppel. Wie lange werden die Priester und Drymaron einen Krüppel als Statthalter dulden? Los, sag es mir!«

»Solange wir die Tribute an Drymaron zahlen, passiert uns …«

Roul schnaubte. »Tribute! Das, was wir als Tribute zahlen, kommt von unseren eigenen Feldern und aus unseren eigenen Herden. Und von den Familien der Bediensteten, die fürchten, dass wir ansonsten ihren Vettern und Cousinen das Leben auf der Festung schwer machen. Der verfluchte Nebel hat die Bauern unangreifbar gemacht, alles, was wir ihnen als Tribut gegen ihren Willen abknöpfen, findet über Nacht den Weg zurück zu ihnen, das weißt du.«

»Na und? Der Tempel erhält von uns Tribute, das ist es, was zählt! Aber das kann jeder andere Statthalter auch, Roul! Ja, der Tempel will diese Frau, Jocosa, töten! Wenn du dich dem Tempel nicht fügst, was das angeht, dann bist du leicht ersetzbar! Der Tempel verlangt von seinen Statthaltern absolute Loyalität! Die er von dir gerade nicht bekommt!«

»Das ist mir gleich, Alwin! Ich habe nichts mehr, um das es sich lohnt zu kämpfen! Jocosa ist verschwunden! Ich bin ein Krüppel! Sollen sie mich doch ersetzen! Ich werde ihnen nicht helfen, Jocosa zu töten! Ich werde sie vor ihnen beschützen, wenn ich sie gefunden habe!«

»Das kannst du nicht ernst meinen! Die Pries…«

Roul lachte höhnisch auf. »Dir geht es nur um dich, Alwin, gib es doch zu! Du bist mein Ritter! Wenn sie mich ersetzen, dann müssen auch meine Ritter gehen! Du fürchtest um dein bequemes Leben hier auf Abanyama!«

Er hatte ins Schwarze getroffen: Alwin erbleichte.

Jeder Ritter war durch den Treueeid an seinen Herrn gebunden. Verließe der Herr Abanyama, dann gingen die Ritter mit ihm. Dabei war es unerheblich, ob er in die Städte, auf eine neue Festung oder gar in die Verbannung zog. Nur der Tod des Herrn hob den Eid auf. Es gab kaum einen Ritter, der ihn davor brach. Sicher, er, Roul, hatte einmal zu den wenigen gehört, die das getan hatten, damals, als er seinen Vater umbrachte und sich die Statthalterposition aneignete. Er hatte es geschafft, dass der Tempel ihn akzeptierte und ihm die meisten von Vaters Rittern folgten, Alwin eingeschlossen. Aber Vater hatte durch seine Willkür und Grausamkeit viel dazu beigetragen. Sein grausamster Akt war es gewesen, Jocosa auf dem Scheiterhaufen … Nein, nein, nein! Er schloss gepeinigt die Augen. Dieses Bild war schmerzhafter als alles, was er in den Tagen, seit der Drache Abanyama heimgesucht hatte, ertragen musste. Nein! Die Frau auf dem Scheiterhaufen damals war nicht Jocosa! Jocosa lebt! Sie ist bis vor wenigen Tagen hier gewesen! In diesem Gemach!

Alwin räusperte sich. »Ja, Roul, ich fürchte um unsere Stellung, das stimmt. Aber bedenke auch, dass alles, was wir jetzt machen, Auswirkungen auf unser zukünftiges Tun haben wird! Gesetzt den Fall, dass wir Abanyama verlassen müssten: Wie wollen wir Fuß fassen, wenn wir das Vertrauen der Priester verloren haben? Sollten wir das überleben, wohlgemerkt?«

»Ich dachte, ich hätte gerade hinlänglich klargemacht, dass mir das gleich ist«, entgegnete Roul frostig. Wann war dieses irrsinnige Gespräch endlich vorbei? Wann konnte er sich wieder seinen Träumereien über Jocosa hingeben?

»Dir mag es gleich sein, Roul, mir ist es das nicht.« Alwin schwieg kurz und setzte langsam hinzu: »Und Jocosa auch nicht.«

Roul schreckte hoch. Ein Stechen fuhr durch seine Brust. »Jocosa? Gibt es da etwas, das du mir nicht gesagt hast?«

»Nein, ich habe dir alles gesagt. Aber bedenke: Wenn wir Abanyama jetzt verlassen müssten, wie willst du Jocosa helfen, sollten die Priester ihrer habhaft werden? Als Statthalter hast du Macht und Ansehen. Als Statthalter, den man von seiner Festung verjagt hat, bis du entweder tot oder ein Niemand.« Wieder pausierte Alwin kurz. »Wenn sie beschließen, Jocosa zu töten, dann kannst du nichts machen, um sie zu retten.«

Roul durchfuhr es eiskalt. Alwin hatte recht! Die Priester würden Jocosa töten, wenn sie sie in die Finger bekämen! Sie hielten sie für eine Hexe! Hexen verbrannte man auf dem Scheiterhaufen! Und er saß hier und tat sich selbst leid! Er musste Jocosa vor den Priestern finden und sie in Sicherheit bringen! Das ginge nur, wenn er die Macht dazu hatte! Als Herr von Abanyama.

Diese Gedanken mussten sich in schneller Abfolge auf seinem Gesicht gespiegelt haben, denn Alwin nickte ernst und sagte: »Genau. Ganz gleich, ob du Statthalter sein möchtest oder nicht: Nur als Statthalter kannst du Jocosa vor den Priestern bewahren. Dafür aber musst du den Priestern das Gefühl geben, dass du loyal bist.«

»Das heißt, sie müssen glauben, ich tue alles dafür, dass Jocosa auf den Scheiterhaufen kommt«, murmelte Roul geschlagen. Ihm war übel. Nie würde er zulassen, dass sie starb! Er wollte sie als seine Gemahlin heimführen!

»Denk darüber nach«, sagte Alwin versöhnlich. »Noch kannst du ihr helfen, denn noch haben die Priester dich nicht aufgegeben. Ich habe mit Rabanus gesprochen. Wegen deiner Krankheit hat er Verständnis für dich, aber seine Geduld wird nicht lange anhalten. Du musst ihm das Gefühl geben, dass du auf seiner Seite bist. Auch wenn das nicht der Fall sein sollte.«

Rabanus, der Priester der Festung, der nichts lieber machte, als Drymaron über die Vorgänge auf Abanyama auf dem Laufenden zu halten und der ihn in den letzten Tagen mit seinen Vorträgen zu seinen Verpflichtungen gegenüber dem Tempel belästigt hatte. Musste er ihm wirklich vorgaukeln, dass er Jocosa auf den Scheiterhaufen zu bringen gedachte? »Danke, Alwin. Bitte, lass mich allein. Und schicke Pen und Jani zu den alten Höhlenflüssen.«

»Das werde ich, Neffe.«

Alwin verneigte sich knapp und marschierte hinaus. Roul starrte hinter ihm her, bis die Tür ins Schloss fiel. Das erleichterte Grinsen, das sich auf dem Gesicht seines Onkels ausbreitete, sah er nicht mehr.

Kapitel 2

Nach den endlosen Ebenen mit ihrem weiten Himmel, deren Einförmigkeit nur von dem braunen Band des Reisewegs durchbrochen wurde, war der Anblick Drymarons wie ein Schock. Caro und Ryu hielten überwältigt inne, als der Weg am Nachmittag ihres dritten Wandertages nach der Herbergsübernachtung in eine meilenweite Senke abfiel, in der sich die Stadt entlang eines glitzernden Flusses ausbreitete.

Am anderen Ende der Senke, fast genau ihrem Standpunkt gegenüber, ragte ein quaderförmiges Gebäude aus dem Häusermeer. Die in es führende Treppe war selbst aus der Entfernung gut zu erkennen. Davor lag ein großer lehmfarbener Platz, um den sich zahllose kleinere Gebäude wie durcheinandergeworfene Würfel gruppierten. Um all dies zog sich eine mächtige Mauer.

Das war der große Tempel. Die Straßen der Stadt liefen sternförmig auf ihn zu, wie die breite Allee, die an dem dunklen Einschnitt des Tors der Tempelanlage endete. Viele andere Straßen schienen hingegen nichts weiter zu sein als düstere und enge Gassen. Gesäumt wurden sie von unzähligen einstöckigen Häusern mit Dachterrassen, auf denen sich kahle Bäume im Wind wiegten, die umgeben waren von den braunen Rechtecken abgeernteter Beete.

Der Fluss wurde überspannt von einer Vielzahl von Brücken. Dort, wo er die Stadtmauern hinter sich ließ, lag der Hafen mit seinen Anlegestellen. Hier reihten sich Schiffe auf, von Ruderbooten hin zu Kuttern und Fischerkähnen. Weit in der Ferne, in der sich die Senke zu ihrer Rechten verlor, mündete der Fluss in ein anderes Gewässer. Das musste der Strom Chayra sein, den Scadaman erwähnt hatte.

In die Stadtmauer waren Wachtürme eingelassen. Der Reiseweg endete an einem riesigen Tor, an dem sich Fußgänger, Reiter, Pferde- und Ochsenwagen drängten, um in die Stadt gelassen zu werden.

Ryu kniff die Augen zusammen. Die Wächter am Tor waren zahlreich. Sie trugen dunkle Rüstungen und Schwerter, deren Schneiden in der Sonne aufblitzten. Bei ihnen standen Gestalten in weißen Gewändern, Priester, die Ausschau nach Zauberern und Zaubern der alten Götter hielten.

»Sie befragen jeden, der hineinwill«, sagte Caro leise. Sie hatte die Kapuze ihres Umhangs zurückgeschlagen. Die schwarz gefärbten Haare hingen ihr strähnig auf die Schultern.

Sie hatten nicht gewagt, sich abgesehen vom Nötigsten zu waschen. Die Tagelöhner, denen sie begegnet waren, hatten ungepflegt ausgesehen. Nach der langen Wanderung unterschieden sie sich in nichts mehr von ihnen, was es hoffentlich erleichterte, ohne Verdacht zu erregen, in die Stadt zu gelangen. Noch besser wäre es für Caros Schutz gewesen, hätten Fergal und Mira sie begleitet, denn in einer größeren Gruppe würde man sie nicht vermuten. Aber die beiden hatten eine weitere Nacht in der Herberge verbracht, da Fergal eine leichte Verletzung am Fuß auskurieren wollte, bevor er weiterwanderte.

»Ja. Sie scheinen Reisende, die zu Fuß unterwegs sind, nicht zu durchsuchen.« Unten am Tor winkten die Wachen ein paar Wanderer weiter, die wie Caro Tragekörbe geschultert hatten, und hielten einen Wagen an. Dessen über der Ladefläche angebrachte Plane wurde hochgehoben und der Wagen sorgfältig durchsucht.

»Ein Wanderer kann schlecht jemanden in die Stadt schmuggeln, ein Wagen schon.«

Er nickte. Ihm ging es um das Schwert, das sie im Tragekorb versteckten. Sein Gewicht nicht an der Seite zu spüren, war ungewohnt. Während der Wanderung hatte er sich nackt gefühlt, ganz besonders, wenn ihnen andere Reisende begegnet waren und er aus alter Gewohnheit seine Hand vorsorglich auf den Knauf hatte legen wollen, um die Waffe schnell ziehen zu können. Doch Tagelöhner besaßen keine Schwerter und so konnte er es nicht an der Hüfte tragen. Wenigstens waren sie nicht in die Verlegenheit gekommen, sich verteidigen zu müssen. Der Reiseweg war belebt gewesen, was es Räubern und Wegelagerern erschwerte, Reisende zu überfallen. Falls jetzt allerdings einer der Wächter auf die Idee käme, den Tragekorb zu durchsuchen, und das Schwert entdeckte, würde ihre Wanderung ein jähes Ende finden.

Ein Reiter trabte vorbei und musterte sie neugierig.

»Wir sollten weitergehen«, murmelte Caro und rückte den Riemen des Korbs zurecht, als säße der unbequem und wäre der Grund für ihren Halt gewesen. »Es fällt auf, wenn wir hier rumstehen und auf die Stadt starren.«

»Ja, aber wir gehen gemächlich. Ich will sichergehen, dass sie nicht doch die Wanderer durchsuchen.«

Sie folgten dem Reiter, der das Interesse an ihnen verloren hatte. Ryu biss die Zähne zusammen. Er würde das Reden übernehmen müssen. Kurz rekapitulierte er die Geschichte, die Takia und Scadaman sich für sie ausgedacht hatten, und was Takia über die Wachen gesagt hatte. »Als ich in Drymaron war, hat jeder, der in die Stadt wollte, vor ihnen gekuscht. Nun ja, zumindest die normalen Leute. Die Priester natürlich nicht. Aber beobachtet einfach, wie sich die Leute verhalten, und macht es ihnen nach.« Dass den Wachen mit Respekt und sogar Angst begegnet wurde, schien sich nicht geändert zu haben. Die Leute sprachen nicht miteinander, während sie nervös warteten, dass die Reihe an sie kam, und antworteten leise und hastig auf die Fragen der Wächter.

Sie rückten in der Schlange langsam nach vorne. Caro verhielt sich wie die anderen Frauen um sie herum, hatte die Augen auf den Boden gerichtet. Ihre Finger waren um die Riemen des Tragekorbs gekrallt. Die Knöchel traten weiß hervor. Auch wenn sie eine Gauklerin war, es war echte und nicht gespielte Angst, das fühlte Ryu, als ob sie ihm selbst in den Eingeweiden säße. Caro befürchtete, die Priester an den Toren würden ihre Wandersteine finden, die Kristalle, mit deren Zauber sie durch die Bilderwelten reisten, denn die Priester hatten die Fähigkeit, Zauber zu spüren.

Takia hatte sie zwar, was das anging, beruhigt: »Nein, nein, Mädchen. Zauber spürt man nur, während sie wirken. Oder man nimmt ihre Spuren wahr, wenn sie vergangen sind. Deswegen hat der Priester auf Abanyama den Illusionszauber gespürt, der auf dir lag. Der Zauber wirkte nämlich, spiegelte den Bewohnern der Festung vor, dass du ein Junge warst. Euer Wanderzauber wirkt allerdings erst, wenn ihr den Rahmen eures nächsten Bildes berührt und er erwacht, um euch aus Talamhceo fortzubringen.« Sie hatte trocken aufgelacht. »Glaub mir, das werden die Priester spüren! Aber einen Stein, dessen Zauber schlummert, nein, den spüren sie nicht.«

Dennoch war Caro nervös und Ryu musste zugeben, dass er, was die Steine anging, trotz Takias beruhigender Worte ähnliche Zweifel hatte.

Die Wächter befragten den Reiter, der Ryu und Caro überholt hatte. Hinter dem Sattel hatte der ein großes Bündel befestigt. Einer der Wächter deutete darauf. Der Reiter stieg ab und öffnete das Bündel. Es handelte sich um eine Vielzahl von fest zusammengerollten Wolldecken.

»Verdammt!«, hörte Ryu einen Mann, der auf einem Pferd vor ihnen saß, seinem Begleiter zuflüstern, einem vierschrötigen Kerl auf einem schweren Gaul. »Die sehen die Bündel durch!« Seine Hand tastete nach dem Packen, den er hinter dem Sattel festgeschnürt hatte.

»Gemach!«, gab der andere zurück. »Bleib ruhig, dann passiert nichts!«

Zu spät, dachte Ryu. Einer Wache war der gewisperte Austausch aufgefallen und einer der Priester musterte die Männer stirnrunzelnd.

»Ich glaube, sie haben etwas bemerkt! Wir verschwinden und nehmen eines der anderen Tore«, murmelte der Mann und versuchte gleich, sein Pferd unauffällig aus der wartenden Menge zu lenken.

---ENDE DER LESEPROBE---