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Abschluss der Serie über Seelenwandler und Dämonen Die gefangenen Seelen wurden vor knapp einem Jahr aus Aremyns Kerkern befreit. Doch Lee und Kane können sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen: Für den Orden gilt es, die Jünger Aremyns in unserer Welt auszuschalten. Und im Andersreich machen die Widerständler um Wydin den Kriegern des Dämonenfürsten das Leben schwer. Eine Entdeckung in der Wildnis der kanadischen Pazifikwälder spitzt die Situation für Lee und Kane dramatisch zu. Zur gleichen Zeit machen sich Wydin und sein Vetter Div auf den Weg, um einen Pakt mit Aufständischen einzugehen – damit Aremyn endlich besiegt wird …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Im kanadischen Vancouver löst die Privatdetektivin Lee Fälle auf ungewöhnliche Weise: Sie hat die Gabe, ihre Seele vom Körper zu trennen und mit ihr zu wandern. Für Lee ist dies eine nützliche – wenn auch exzentrische – Laune der Natur, über die sie nicht viel nachdenkt.
Als sie eines Tages einen Verdächtigen in Seelengestalt beobachtet, taucht zu ihrem großen Erstaunen der junge Winddämon Wydin auf. Er behauptet, aus einer Dämonenwelt namens Andersreich geflüchtet zu sein, die von dem grausamen Fürsten Aremyn terrorisiert wird. Aremyn gebietet nicht nur über seinen eigenen Stamm, die Feuerdämonen, sondern hat auch die Stammesgebiete der Wind- und Erddämonen erobert. Einzig die Wasserdämonen widerstehen seinen Angriffen und Widerständler machen ihm das Leben schwer. Wydin musste fliehen, als Aremyns Schergen ihn gefangen nehmen wollten, um mehr über die Widerstandsaktivitäten seines Vetters Div aus ihm zu pressen. Das Andersreich, so berichtet Wydin weiter, ist Aremyn allerdings nicht genug. Mithilfe der Krieger aller Dämonenstämme will er eine riesige Armee aufstellen, die die Menschheit unterwerfen soll. Denn einst, vor tausenden von Jahren, herrschten die Dämonen über die Erde, bis sie von den Menschen unter der Führung eines Ordens von Kämpfern in das Andersreich vertrieben wurden. Aremyn, wie alle Dämonen unsterblich, ist seitdem bestrebt, die Herrschaft über die Erde wieder an sich zu reißen.
Wydin floh durch eines der die Menschenwelt mit dem Andersreich verbindenden Portale. Die Portale können nur von Seelen durchschritten werden und sind für Dämonen, die keine Seelen haben, eigentlich unüberwindbare Hindernisse. Doch der Magier Boal, für den Wydin als Gehilfe arbeitete, hat einen ›Verbindungszauber‹ erschaffen, der es Dämonen erlaubt, sie an der Seite einer Seele zu durchqueren.
Mit seiner Flucht zu den Menschen ist Wydin jedoch nicht in Sicherheit. Die Portale werden von den Nachfahren der Ordenskämpfer bewacht, die die Dämonen von der Erde vertrieben haben. Sie jagen Dämonen, denen es trotz der Portalbewachung gelingt, in der Menschenwelt unterzutauchen.
Kurze Zeit später nimmt der Ordenskämpfer Kane Lee und Wydin gefangen. Lee erfährt, was ihre Gabe, mit der Seele zu wandeln, bedeutet: Sie ist ein Abkömmling eines der sieben Ordensgründer. Aus diesen Nachfahren rekrutiert der Orden seine Kämpfer. Lee schließt sich dem Orden an und taucht unter Kanes Anleitung in eine Welt aus Magie und Schwertkampf ein.
Wydin hingegen droht das Schicksal der Bannung, was ihn in die Hände Aremyns liefern und seinen sicheren Tod bedeuten würde. Doch dann erzählt er von vier Seelen, die in Aremyns Kerkern in Ketema, der Hauptstadt des Reichs der Feuerdämonen, festgehalten werden. Es sind die Seelen von Ordenskämpfern, die vor zehn Jahren im Andersreich verschwanden. Wydin erklärt sich bereit, den Kämpfern bei der Befreiung der Seelen zu helfen.
Torin, der Großmarschall des Ordens, Kane und Lee machen sich in Seelengestalt und gemeinsam mit Wydin durch das Portal auf den Weg nach Ketema. Sie treffen auf die Widerständler um Wydins Vetter Div, die sich ihnen anschließen und sie in Ketema mit der dortigen Widerstandsgruppe um den Feuerdämon Tan bekanntmachen. Tan hilft den Ordenskämpfern, in den Palast und die Kerker Aremyns einzudringen. Obwohl sie verraten werden, gelingt die Befreiung der vier Seelen, unter ihnen Torins Sohn Ian. Ian erzählt, dass Aremyn von Dämonenanhängern bei den Menschen gesprochen hat, die seine Rückkehr in die Menschenwelt vorbereiten sollen.
Wydin schließt sich dem Widerstand an. Die Ordenskämpfer kehren durch das Portal nach Hause zurück. Aber nur Lee und Kane kommen dort an. Torins Körper hat ohne Seele nicht überlebt und die Körper der vier Kämpfer sind schon vor langer Zeit verstorben. Ihre Seelen sind mit dem Durchschreiten des Portals ins Seelenreich gegangen.
Mit Lees und Kanes Rückkehr tritt der Kampf des Ordens in eine neue Phase: Sie müssen die Anhänger der Dämonen in der Menschenwelt finden und verhindern, dass sie Aremyn bei deren Eroberung helfen.
Wie zu Tode erschrockene Echsen stoben die Feuerdämonenkrieger an den Küstenfelsen hoch. Die Schwerter hatten sie fallen gelassen, um sich mit hastigen Griffen an dem rissigen, mit Gräsern und Sträuchern durchsetzten Stein nach oben zu krallen. Einem rutschte die Hand ab. Einen Augenblick hing er mit dem freien Arm in der Luft rudernd am Felsen. Der Grasbüschel, den er mit den Fingern der anderen Hand umklammerte, löste sich. Der Krieger rutschte laut fluchend zurück zum Fuß der Klippen, hinein in die Meereswasserpfützen, die von den aufgepeitschten Wogen hinterlassen worden waren.
»Gleich haben wir ihn!«, schrie Wydin triumphierend. Er stürmte den anderen voran auf den Krieger zu, bereit, ihm das Schwert in den Leib zu rammen.
Der Feuerdämon riss die Hände hoch. Zwei Flammenkugeln schossen auf Wydin zu. Er warf sich zu Boden, doch da hörte er schon das ihm inzwischen wohlbekannte Zischen von in Wasser vergehendem Feuer. Minali hatte eine Riesenwoge an das Ufer geschickt und die Feuerbälle ertränkt. Das Wasser schlug über Wydin zusammen und für einige Momente gab es um ihn herum nichts als graugrüne Nässe und ein erstickendes Rauschen. Er umklammerte einen Felsbrocken, um nicht von dem heftigen Sog fortgerissen zu werden.
Die Welle verging. Er sprang auf und hielt inne, wie Div und die anderen neben ihm auch. Denn schon kam die nächste Woge. Sie schoss an Wydin und seinen Kameraden vorbei und raste schäumend auf den Feuerdämonenkrieger zu, der verzweifelt versuchte, erneut an den Felsen nach oben zu kommen. Die Woge formte sich zu einer Vielzahl von Gischthänden, die den Krieger an Armen, Beinen und Rumpf ergriffen. Er wehrte sich heftig, aber die Hände zogen ihn erbarmungslos mit sich, erst über die Kiesel des Strands, die unter seinen wilden Tritten davonsprangen, dann hinaus in das vom Sturm aufgewühlte Meer. Sein aus Wut und Verzweiflung geborenes Gebrüll brach ab, als er in die Tiefe gezogen wurde.
Wydin schauderte. Er mochte sich nicht vorstellen, wie es war, nach Luft zu ringen und nur Wasser in sich hineinzusaugen. Der Feuerdämon konnte nicht atmen und doch nicht sterben. Während er vergeblich nach Luft japste, würden ihn die Gischthände unerbittlich dorthin ziehen, wo Minalis Krieger warteten, um ihm mit ihren weiß schimmernden Schwertern, geschmiedet in den kalten Eisfeuern des Meeresgrunds, den Kopf abzuschlagen, die einzige Art und Weise, einen Dämon zu töten.
Die anderen Feuerdämonen hatten keine Kraft darauf verschwendet, sich nach ihrem Kameraden umzudrehen oder ihm gar zur Hilfe zu eilen. Eben noch sah Wydin, wie sie über den oberen Rand der Felsen kraxelten und verschwanden.
Div nickte Rhat zu. Der breitete die Flügel aus und flog dicht an den Klippen hoch, um unter Mühen auf der Felsenkante zu landen. Der Sturm, der da oben pfiff, zerrte an seinen Flügeln, Kleidern und Haaren. Er kauerte sich nieder, den Blick landeinwärts gerichtet. Nach einer Weile angespannten Schweigens, das vom Pfeifen des Winds in den Felsenlöchern untermalt wurde, schwebte er wieder zu ihnen herunter. »Sie laufen um ihr Leben«, sagte er mit zufriedener Miene. »Sie werden die Kunde der Niederlage in Aremyns Kriegerlager tragen!«
Im Wasser erhob sich eine weitere Riesenwoge. Sie erstarrte, bevor sie das Ufer erreichte, und nahm die Gestalt einer Frau an. Ihr langes, wehendes Haar war von der Farbe des Meeresschaums und ihre Kriegerkluft gefertigt aus dem schuppigen Leder der Seeechsen. Minali, die Oberste der Krieger der Wasserdämonen, deren Stimme war wie das Meeresdonnern, hob eine Hand mit Schwimmhäuten zwischen den Fingern. »Wir haben sie vertrieben! Feiert diesen Sieg, tapfere Winddämonen!«
Wydin, Div und die anderen jubelten. Minali sank lächelnd ins Meer zurück und wurde wieder eins mit dem aufgepeitschten Wasser.
»Sechsundzwanzig Krieger Aremyns haben wir gerade besiegt!« Wydin vermochte es kaum zu fassen.
»Es ist unglaublich!« Div steckte sein Schwert ein und die anderen taten es ihm nach. »Noch im letzten Jahr dachte ich, unser Widerstand wäre zum Scheitern verurteilt! Und jetzt haben wir sie verjagt! Nun ja, aus diesem Teil des Landes, aber das war nur der Anfang!«
»Seien wir nicht übermütig«, warnte Dabayl. »In diesem Augenblick gibt es keine Feuerdämonen zwischen der Nordküste und dem nördlichsten Kriegerlager Aremyns. Das heißt aber nicht, dass Aremyn keine Krieger mehr schicken wird! Bisher sind immer welche nachgekommen!«
»Sicher«, entgegnete Wydin. »Doch es werden immer weniger Trupps! Es scheint, dass Aremyn keine Krieger mehr an uns verschwenden will.«
»Und selbst falls er noch welche schickt«, sagte Div. »Minalis Späher in den Bächen und Flüssen werden uns warnen und wir sie vertreiben! Bis keine mehr nachkommen!«
»Jawohl!«, brüllte Dabayl und wieder jubelten sie.
Die Feuerdämonenkrieger waren entlang der Küste zu den Morgeninseln vorgedrungen, wo der Palast Kansus, des Fürsten der Wasserdämonen, einer riesigen Bienenwabe gleich an himmelragenden Klippen hing. Seine Räume und Säle waren in die Felsen geschlagen worden, und Gänge und Stiegen zogen sich tief unter die Wasserlinie in prächtig eingerichtete Grotten. Die Krieger hatten Kansu und seine Söhne und Töchter entführen wollen, damit Aremyn sie zum Treueschwur zwingen konnte, wie er es schon mit den Fürsten der Winddämonen und der Erddämonen gemacht hatte. Denn für seinen Plan, die Menschenwelt zu erobern, brauchte er Krieger. Die Wasserdämonen waren der größte der vier Stämme, die das Andersreich besiedelten, und hatten die schlagkräftigste Armee, die über das Wasser, das mächtigste Element, gebot.
Diese Armee war der Grund, wieso Aremyn lange mit kriegerischen Akten gegen die Wasserdämonen gezögert hatte. Stattdessen hatte er Kansu seinen Plan, gemeinsam die Menschenwelt zu erobern, schmackhaft machen wollen. Er, Aremyn, könne über die Landmassen der Menschen herrschen und Kansu über die Meere. Das aber war vom Fürsten der Wasserdämonen abschlägig beschieden worden. »Ich habe kein Interesse an der Menschenwelt und die Menschen werden kein Interesse daran haben, von Aremyn beherrscht zu werden«, hatte er angeblich gesagt. So war Aremyn dazu übergegangen, die Unterstützung der Wasserdämonen mit Gewalt einzufordern. Doch seine Krieger waren immer wieder zurückgeworfen worden und auch der Entführungsversuch war nun gescheitert.
»Kommt!«, sagte Div. »Holen wir Alii und Sami ab. Dann kehren wir zum Quartier zurück. Wir müssen uns ranhalten, wollen wir es vor Sonnenuntergang erreichen.«
Sami, der mit seinen knapp elf Jahren zu jung war, um zu kämpfen, hatte im Quartier bleiben sollen und ihnen hinterhergewunken, als sie den Unsichtbarkeitszauber wirkten, um unerkannt zum Treffpunkt mit Minalis Kriegern zu fliegen. Dort angekommen erschreckte sie ein heftiges, aus dem nichts kommendes Niesen. Es war Sami, der sich ebenfalls unsichtbar zu dem Treffen begeben hatte.
»Ich will kämpfen!«, rief er, nachdem sie ihm nach dem ersten Schrecken befohlen hatten, sich sichtbar zu machen.
»Du bist zu jung dafür!«, brüllte seine Schwester Alii. »Und überhaupt: Bist du vollkommen verrückt geworden?! Wir dachten schon, ein Krieger Aremyns hätte sich an uns herangeschlichen! Dabayl hätte dich beinahe mit dem Schwert aufgespießt!«
Nach weiterem Geschrei war Sami unter Aliis Aufsicht in einer Grotte nahe dem Kampfplatz zurückgelassen worden. Alii musste dem Jungen gründlich den Kopf gewaschen haben. Als sie an der Grotte ankamen, war Sami ungewöhnlich wortkarg, während aus Aliis Augen immer noch Blitze zu zucken schienen, als sei sie ein veritabler Feuerdämon.
Keiner sagte etwas zu der eisigen Stille zwischen Bruder und Schwester. Div legte den Kopf zurück und betrachtete den Himmel, über den graue Wolken rasten. »Der Wind weht zu stark. Wir können nicht fliegen. Also, auf zum Fußmarsch!«
Ein gemeinschaftlicher Seufzer ertönte. Aber Div hatte recht. Bei Sturm zu fliegen, war viel zu gefährlich. Man konnte weit abgetrieben werden.
Der Marsch würde sie quer über eine ins Meer ragende Landzunge führen. Die Insel, auf der sie ihr Quartier aufgeschlagen hatten, lag vor dem jenseitigen Ufer dieses nördlichsten Teils des Winddämonenreichs. Das Land war einsam und eben und bewachsen mit kniehohen Büschen, deren Blüten es bis zum Horizont violett färbten. Hügel oder gar Berge gab es keine zu erklimmen. Die Wanderung war daher nichts Besonderes, aber sie waren müde und durchnässt und der Weg war lang.
»Auf!«, wiederholte Div streng.
Sie kletterten einen schlammigen Pfad an den Klippen hoch und zogen los, die Köpfe gegen den Wind gesenkt und die Flügel eng angelegt. Während des Marsches erzählten sie Sami und Alii von dem Kampf.
»Feuerkugeln? Wirklich? Hast du sie mit einem Zauber zerstört, Wydin?«, fragte Sami begierig. Er war von den Zaubern fasziniert, die Wydin während seiner Zeit als Gehilfe Boals, dem Magier Aremyns, aufgeschnappt hatte, und konnte nicht genug über sie hören. Leider verstand er nicht, dass kaum einer der Zauber, die Wydin kannte, ihnen im Kampf gegen Aremyn nützte.
Div und Dabayl grinsten. Sie erwarteten eine scharfe Zurechtweisung des Jungen, aber den Gefallen tat Wydin ihnen nicht. Alii hatte Sami bereits den Kopf abgerissen – im übertragenen Sinne –, da brauchte er das nicht auch noch zu machen.
»Ich kenne keinen Zauber gegen Feuerkugeln, Sami. Boal hat in meiner Gegenwart Magie gegen Seelen entwickelt, nicht aber gegen Dämonenkrieger.«
»Du kennst den Unsichtbarkeitszauber! Der wirkt bei Dämonen!«
»Ja, aber ich kenne ihn nur, weil er Teil des Verbindungszaubers ist und ich zufällig hörte, wie Boal ihn einst erwähnte.«
Allein in seinem Haus in Wydins Dorf lebend, hatte Boal die Angewohnheit entwickelt, Selbstgespräche zu führen, die Wydin mitbekam, während er für den Magier putzte und ihm bei seinem Handwerk half. Boal vergaß in diesen Reden nie, auf die großen Taten hinzuweisen, die er vollbracht habe, um Aremyns Invasion der Menschenwelt vorzubereiten. Eine davon war der Verbindungszauber. Ein mächtiger Menschenmagier hatte einst die Portale, die vom Andersreich in die Menschenwelt führten, für Körper verschlossen. Nur Seelen gelang es noch, sie zu durchschreiten. Dämonen lebten zwar ewig, aber sie hatten im Gegensatz zu den Menschen keine Seelen, was die Portale zu unüberwindbaren Hindernissen für sie machte. Der von Boal erschaffene Verbindungszauber gaukelte den Portalen allerdings vor, dass ein Dämon, der sich mit einer Menschenseele verband, ebenfalls eine Seele war. Und so konnte der Dämon dann durch die Portale wandern.
Die Erwähnung des Verbindungszaubers brachte Sami auf die Menschen und ihre Welt. Er diskutierte mit Dabayl, wie gern er einmal dorthin reisen würde. »Ich würde es machen wie Wydin damals! Ich warte am Portal in den Windbergen, bis eine Menschenseele erscheint, und verbinde mich mit ihr. Sie bringt mich in die Menschenwelt. Dort löse ich die Verbindung und erforsche alles. Dann kehre ich mithilfe einer weiteren Seele ins Andersreich zurück. Das ist doch ganz einfach!«
»So einfach nun auch wieder nicht«, sagte Dabayl. »Aremyns Krieger bewachen das Portal. Die würden dich dort nicht in aller Ruhe auf eine Seele warten lassen! Und der Menschenorden bewacht das Portal auf der anderen Seite. Wenn sie dich erwischen, bannen sie dich! Dann kommst du zwar ins Andersreich zurück, aber du kannst nie wieder in die Menschenwelt gehen. Oder, viel schlimmer, sie schlagen dir den Kopf ab! Dann bist du tot!«
»Aber ich bin doch nur ein Junge! Niemand würde mir etwas antun, oder? Ich …«
Wydin hörte nicht mehr zu. Seine Gedanken begannen zu mäandern wie die langen Flüsse des Winddämonenreichs. Es waren die Erwähnung Boals und des Ordens, die ihn an den weiten Weg erinnerten, den er in diesem ihm so kurz erscheinenden Jahr gegangen war. Vom gehorsamen Hausdiener Boals zum Gefangenen und dann zum Verbündeten des Ordens. Und jetzt Widerstandskämpfer. Auch Div, Dabayl und die anderen hatten sich verändert. Vorbei waren die Zeiten der verweigerten Huldigungen und in Tavernen geschwungenen Reden gegen Aremyn und seinen Eroberungszug, mit dem sich der Fürst der Feuerdämonen die Länder der Erd- und Winddämonen einverleibt hatte.
Nein, aus ihnen waren Kämpfer geworden.
Eines Abends hatten sie um das Feuer versammelt beratschlagt, wie sie sich Waffen besorgten, um sich gegen die Schergen Aremyns zu verteidigen, die Widerständler jagten. Mehr im Scherz hatte Wydin gesagt, man könne Straßenwächtern die Schwerter wegnehmen. Immerhin seien sie viele und wenn sie Straßenwachen auflauerten, die einzeln oder zu zweit unterwegs waren, da müsste das doch möglich sein, oder? Einigen hatte dieser Gedanke nicht gefallen und sie waren gegangen. Andere, die unbedingt kämpfen wollten und durch Getuschel in ihren Heimatdörfern auf sie aufmerksam geworden waren, hatten sich ihnen angeschlossen. Wie Alii und Sami.
Und so war es gekommen, dass sie allein reisende Krieger und Straßenwächter an engen Felsendurchgängen oder an Flussfurten überfielen, Stellen, an denen die sich bloß schwer zu wehren vermochten. Sie achteten darauf, nur Feuerdämonen zu überfallen. Winddämonen, die in den Dienst Aremyns getreten waren, kämpften fliegend, eine Kunst, die Wydin und die anderen nicht beherrschten, was einen Kampf zu ihren Ungunsten hätte ausgehen lassen.
Die Krieger und Straßenwächter, die zumeist als Boten unterwegs waren, erleichterten sie um ihre Besitztümer und legten sich einen Vorrat an Schwertern zu. Mit denen übten sie unablässig. Einen Wettstreit um Eleganz beim Fechten hätten sie zwar nicht gewonnen, aber ihr Können wuchs im Laufe der Zeit und mit ihm ihre Zuversicht. Bald überfielen sie nicht mehr nur einzelne Krieger und Straßenwachen, sondern gingen auch gegen kleine Trupps vor.
Dann kam der Tag, an dem Wydin zum ersten Mal tötete.
Sie ließen ihre Opfer, soweit das ging, unversehrt, und beraubten sie nur ihrer Waffen, Münzen – und Stiefel. Das Gestein, das überall im Norden aus der Erde ragte, hatte scharfe Kanten und bohrte sich unangenehm in die Fußsohlen. So brauchte der von ihnen Beraubte lang, um zu seinen Kameraden zurückzukehren. Tauchten schließlich rachsüchtige Krieger an der Stelle des Überfalls auf, waren Wydin und die anderen längst über alle Berge und Wind und Regen hatten ihre Spuren verwischt.
Dann kam ein Überfall auf einen Straßenwächter auf einem den Windbergen vorgelagerten Höhenzug. Der Mann, ein Feuerdämon, wehrte sich heftig. Er brüllte und stach um sich, erwischte Dabayl am Bein. Dabayl stürzte. Der Straßenwächter hob die Klinge, um sie auf Dabayls Hals niedersausen zu lassen. Wydin riss sein Schwert hoch und verstand erst, dass er die Kehle des Straßenwächters durchschnitten hatte, als dessen Kopf den steilen Pfad hinunterrollte wie ein losgetretener Stein. Wydin blieb reglos stehen und sah dem Kopf hinterher. Der hüpfte makaber von einer Seite des Pfades zur nächsten und dann, in einer Kehre, geradeaus über eine Felsenkante.
Er wird lange stürzen, dachte Wydin, das dort ist eine tiefe Kluft. Wo er wohl seinen letzten Ruheplatz finden wird? Vielleicht in einer Felsspalte? Oder trägt ihn der Fluss da unten mit sich fort und spült ihn ins Meer?
»Du … du hast mein Leben gerettet«, holte ihn Dabayls krächzende Stimme in die Wirklichkeit zurück. »Ich danke dir, Wydin!«
Wydin nickte stumm und wartete auf das, was das Wissen, jemanden getötet zu haben, mit ihm anstellen würde. Aber da war nichts. Er hatte einen Feind niedergestreckt, weil der seinen Kameraden hatte töten wollen. So war das im Krieg. Und so hatte Wydin das Töten gelernt.
Ihre Überfälle waren nicht ohne Folgen geblieben. Bald trauten sich Aremyns Krieger und Straßenwächter nur in größeren Trupps in den Norden. Das machte die Überfälle ungleich schwerer, denn gegen zehn oder zwanzig ausgebildete Kämpfer vorzugehen, war etwas anderes als gegen einzelne Reisende.
Doch da kamen die Wasserdämonen ins Spiel. Mit ihnen hatten sie zunächst nur Handel getrieben. Sie tauschten die Münzen, die sie den Kriegern und Straßenwachen stahlen, gegen Fisch und essbare Wasserpflanzen. Aber Minali hatte von den Überfällen erfahren und brachte sie mit ihnen in Verbindung. Gemeinsam mit ihrem Stellvertreter Aisu suchte sie sie auf und man beschloss, künftig zusammen zu kämpfen. In Aisu fanden sie einen Lehrer, der ihre Schwertkampffähigkeiten verfeinerte, auch wenn er ihnen nicht beibringen konnte, fliegend zu kämpfen. Sie schlossen sich Minalis Kriegern an, wurden Teil eines Heeres, das größere Feindtruppen überfiel. Während die Wasserdämonen aus dem Meer, aus Flüssen, Seen oder Bächen heraus über Aremyns Leute herfielen, attackierten die Widerständler sie am Boden. In der Folge zogen sich Aremyns Krieger und Straßenwächter immer mehr aus diesem nördlichsten Teil des Winddämonenreichs zurück und wagten nur noch einzelne, gezielte Missionen.
Manchmal fragte Wydin sich, was Lee und die anderen Ordenskämpfer zu all dem sagen würden. Sie hatten die Widerständler als tapfer in Worten, aber nicht in Taten erlebt, bis Tan, Div und er ihnen bei der Befreiung der Seelen aus Aremyns Kerkern in Ketema, der Hauptstadt des Feuerdämonenreichs, geholfen hatten. Für Div und ihn war dies eine Initiation gewesen. Die Überfälle auf die Krieger und Straßenwachen Aremyns erschienen als natürliche Fortsetzung davon.
Auch Tan, von dem sie über Boten hörten, war mutiger geworden. Seine Pamphlete über eine neue Ordnung für das Feuerdämonenreich waren eines Tages an den Häuserwänden Ketemas aufgetaucht. Die Straßenwachen hatten sie abgerissen, nur um sie am nächsten Morgen zwei oder drei Straßen entfernt erneut vorzufinden. Wieder wurden die Pamphlete abgenommen und wieder über Nacht ersetzt. So ging es einige Zeit. Dann änderten Tan und seine Mitstreiter ihre Strategie und pinselten ihre Parolen in grellen Farben auf die Mauern.
Nun schwärmten jeden Tag Arbeiter aus dem Palast Aremyns, um die Parolen zu übermalen. Außerdem hatte man Kopfgelder auf die Widerständler ausgesetzt. Daraufhin wurden viele Bewohner Ketemas denunziert. Rasch stellte sich aber heraus, dass es den Denunzianten darum gegangen war, missliebige Nachbarn oder geschäftliche Konkurrenten aus dem Weg zu räumen. Mit dem Widerstand hatten die jedoch nichts zu schaffen gehabt. Die Denunzianten wurden zur Strafe für ihr falsches Zeugnis in die Kerker geworfen und vergessen. Daraufhin wagte niemand mehr, jemand anderen als Widerständler anzuzeigen, und Tan und seine Mitstreiter malten weiterhin unverdrossen Parolen an die Hauswände Ketemas.
Wydin lächelte in sich hinein. Ja, wir sind wahrlich einen weiten Weg gekommen.
»Der Vermisste ist … was?«
Sie bogen auf die 99 ein. Nur wenige Autos waren unterwegs. Die flirrende Sommerhitze hatte die Menschen in die heruntergekühlten Einkaufszentren Vancouvers getrieben.
»Ein Urbexer. Kurz für ›Urban Explorer‹.« Lee drehte am Gebläseauslass. Kalte Luft schlug ihr ins Gesicht, eine Wohltat nach einem Vormittag in einem stickig heißen Zimmer ohne Klimaanlage.
»Was soll das denn sein?«
»Das sind Leute, die in verlassene Gebäude einsteigen und sich dabei filmen. Die Videos laden sie auf ihren Social Media-Kanälen hoch. Wie Youtube.« Sie verkniff sich ein Grinsen. Kane gehörte zu den Menschen, die sich weigerten, Social Media-Profile anzulegen.
»Ähem … warum?«
Lee lachte. »Du bist echt altmodisch!«
»Danke für die Blumen. Aber wozu macht man Filme von unbewohnten Gebäuden? Und wieso sieht die sich jemand an?«
»Urbexer finden leer stehende Häuser und Fabriken spannend, je älter und verlassener, desto besser. Sie erforschen sie. Sie verdienen mit ihren Filmen sogar Geld! Über Werbung oder Sponsoring.«
»Sachen gibt’s. Es ist also gut möglich, dass der Vermisste in einer Bruchbude die Treppe runtergestürzt ist und jetzt hilflos dort liegt?«
»Seine Schwester meint das jedenfalls. Die Polizei nicht. Die waren zögerlich, die Vermisstenanzeige aufzunehmen.«
»Wieso das?«
»Weder die Polizei noch seine Eltern glauben, dass ihm etwas passiert ist. Jason, so heißt er, kam nämlich vor drei Jahren auf die unglückselige Idee, dass ein bisschen Publicity nicht schaden würde. Er verschwand bei einer Wanderung in den Bergen. Erst nach einer großangelegten Suchaktion, über die lang und breit in den Medien berichtet wurde, tauchte er wieder auf. Er behauptete, sich in den Wäldern verlaufen und von Beeren und Wurzeln ernährt zu haben. Für die Presse war das gleich wieder eine tolle Story – ein Siebzehnjähriger, der in der Wildnis überlebt hat! Blöd nur, dass sich dann einer von Jasons Freunden verplapperte. Jason war die ganze Zeit über bei ihm gewesen und hatte sich diebisch über die Berichte von seinem Verschwinden und den steilen Anstieg seiner Videoaufrufe gefreut.«
»Verstehe. Die Polizei glaubt, das ist jetzt eine ähnliche Aktion.«
»Ja, und die Eltern auch. Dazu kommt, dass er angekündigt hat, für ein bis drei Wochen oder vielleicht sogar länger unterwegs zu sein. Er hat seine Schwester, Jenny, vor vierzehn Tagen angerufen, und ihr zum Geburtstag gratuliert. Seitdem hat sie nichts mehr von ihm gehört. Sie sagt, das sei untypisch für ihn. Er würde sich normalerweise alle zwei oder drei Tage bei ihr melden, wenn er nicht da ist.«
»Er hat nicht gesagt, wo er hinwollte?«
»Nein. Aber er wollte in der Gegend bleiben.«
»Bis auf die Tatsache, dass man ihn dann nicht in Kalifornien suchen muss, grenzt es das nur wenig ein. Die Eltern wissen nicht mehr?«
»Nein.«
»Aber machen die sich denn keine Sorgen? Wenn das mein Kind wäre …« Er verstummte. Seine Finger packten das Lenkrad fester, die Knöchel wurden weiß.
Lee zupfte unruhig am Anschnallgurt. Familie war eines der No-Go-Themen für Kane, erinnerte es ihn doch an seine eigene, zerstörte. Sie verwünschte sich dafür, es, wenn auch unbeabsichtigt, aufgebracht zu haben.
»Nein, aber vielleicht ändert sich das, falls er verschwunden bleibt«, entgegnete sie in geschäftsmäßigem Ton, als sei sie sich seines Unbehagens nicht bewusst. »Jason versteht sich nicht mit seinen Eltern und die Sache mit dem vermeintlichen Verschwinden damals hat da nicht geholfen. Er teilt sich eine Wohnung mit seiner Schwester. Die beiden studieren an der University of British Columbia. Natürlich hat Jenny versucht, ihn anzurufen. Aber über seine Handynummer bekommt man nur eine Ansage, dass der Teilnehmer nicht zu erreichen sei. Und von Jasons Drohne gibt es keine GPS-Signale.«
»Drohne, wow.« Der Griff um das Lenkrad hatte sich wieder gelockert. Kane setzte den Blinker und zog an einem Wohnmobil vorbei. »Technisch hochgerüstet, der junge Mann. Das heißt, dass beides nicht zu orten ist?«
»Sie haben es versucht. Fehlanzeige.«
»Das will nichts heißen. GPS-Signale können beispielsweise durch dicke Wände gestört werden.«
»Das sagt die Polizei auch. Sie haben eine Suchmeldung nach ihm und seinem Wagen rausgegeben und seine Freunde und Bekannten befragt. Bisher ohne Ergebnis.«
»Diese Jenny hofft, dass du ihn schneller findest als die Polizei.«
»Genau. Und weil sie befürchtet, dass Jason für die Polizei weniger wichtig ist als verschwundene Kinder oder aus einem Heim getürmte demente Senioren. Er ist ja mit Ansage abgetaucht. Jedenfalls habe ich den Vormittag damit verbracht, Jasons PC zu durchforsten und mir seine Videos anzusehen. Ich hatte gehofft, auf einen Hinweis zu stoßen. Aber da war nichts.«
»Wie sind die Filme?«
»Die sind ganz gut gemacht. Die Gebäude, in die Jason eingestiegen ist, ähneln sich zwar alle – abblätternder Putz, Wasserlachen auf dem Fußboden, solche Dinge eben. Aber Jasons Spekulationen, wozu ein Raum einmal gedient haben mochte und was mit den Bewohnern des Gebäudes geschehen ist, sind unterhaltsam.«
»Welche Gebäude hat er denn gefilmt?«
»Das ist nicht einfach rauszufinden. Urbexer halten die Lage der Gebäude, die sie erforschen, so geheim wie möglich. Jason ist da keine Ausnahme. Anhand seiner Aufnahmen lässt sich nur schwer sagen, wo die Gebäude liegen. Ich habe es versucht und Google alles abverlangt. Aber bis auf das Riverview Hospital habe ich keinen der Orte identifiziert, von denen er Videos gedreht hat.«
»Riverview? Die alte Psychiatrie draußen in Coquitlam?«
»Ja. In seinem Film behauptet Jason, dass es dort spukt. Man hört angeblich Stimmen und Schritte und sieht die Geister ehemaliger Patienten.«
Kane grinste. »Hat er die gefilmt? Die Geister, meine ich?«
»Natürlich nicht! Das Aufregendste war der Schluss, als ihn ein Wachmann vom Gelände gejagt hat.«
»Schöne Vorstellung. Und wie helfen dir die Filme, ihn zu finden? An die Orte, die er schon gefilmt hat, wird er doch nicht zurückkehren, oder?«
»Sicher nicht. Aber es hilft mir, zu verstehen, wie er tickt. Er konzentriert sich auf Großgebäude, wie ehemalige Krankenhäuser oder leer stehende Hotels. Wohnhäuser interessieren ihn nicht.«
»Dann wird er eher im städtischen Umfeld zu finden sein, also in oder um Vancouver. Weiter draußen sind Großgebäude rar gesät.«
»Das ist auch meine Annahme. Von Jenny habe ich außerdem eine Liste mit den Namen seiner Freunde bekommen. Das sind alles Urbexer. Vielleicht können sie mir Tipps geben, wo er zu finden ist. Sie haben Jenny und der Polizei zwar gesagt, dass sie nichts wissen, aber möglicherweise gibt es doch den einen oder anderen Hinweis.«
Das grelle Sonnenlicht wich einem angenehmen Halbdunkel. Sie hatten den Stanley Park erreicht, dessen hohe Bäume die Straße wie einen grünen Tunnel umschlossen.
Lee sah verwirrt auf. In ihrem Eifer über den neuen Auftrag – endlich mal wieder ein Fall, in dem es nicht um fremdgehende Ehepartner ging! – hatte sie nicht auf den Weg geachtet. Kane hatte sie wie jeden Freitag aus der Detektei abgeholt, um sie für das Wochenende ins Ordenshaus mitzunehmen. Allerdings lag der Stanley Park nicht auf der Route nach Deep Cove. »Wieso fahren wir hier entlang? Das ist ein großer Umweg.«
»Ich will kurz bei einem Informanten vorbei. In West Bay.«
Sie nickte. Kane hatte ganze Regimenter von Informanten. Da gab es Obdachlose, Inhaber kleiner Läden und Restaurants, Bauarbeiter, Sportler in den Parks, die Liste war endlos. Kane verstand es, diesen Leuten Informationen über Phänomene zu entlocken, die auf einen Dämon hinwiesen – ohne, dass das Wort ›Dämon‹ über seine Lippen kam. Seine Informanten hielten ihn wohl für einen Wetterfanatiker, der sich für Luftwirbel, Sturmwinde oder unerklärliche Brände interessierte. Sie berichteten ihm, ob und wo sie solche Phänomene erlebt hatten, und ohne die geringste Ahnung, dass sie ihm Anhaltspunkte auf Verstecke von Dämonen gaben. Wie Winddämonen, die mit ihren Flügeln in der Menschenwelt den Sturm entfachen konnten.
Seit ein paar Monaten begleitete Lee Kane zu den Plaudereien mit seinen Quellen. In dieser Zeit hatte niemand von Auffälligkeiten berichtet.
Verwunderlich war das nicht. An den meisten Portalen ins Andersreich war es still geworden. Nur durch das im syrischen Mari schienen in letzter Zeit mehr Dämonen als gewöhnlich zu kommen. Warum das so war, darüber hatten sie während der Videokonferenzen mit den anderen Ordensgemeinschaften zu Genüge spekuliert. War Aremyn so sehr mit den Geschehnissen in den eroberten Reichen beschäftigt, dass er durch deren Portale erst einmal keine Späher zu den Menschen schickte? Oder gingen seine Späher nun ausschließlich durch das Portal in Mari, das ihre Entsendung bequem machte, weil es direkt aus dem Reich der Feuerdämonen in die Menschenwelt führte? Was auch immer es sein mochte: Da sie kaum Dämonen hinterherjagen mussten, hatte der Orden nun die Manpower, um sich nach den Anhängern Aremyns umzusehen – nach Dämonenzirkeln und vielleicht dem einen oder anderen sich seit Jahren versteckt haltenden Dämon, die die Rückkehr Aremyns in die Menschenwelt vorbereiteten. Die Ordensmission ins Andersreich im letzten Jahr hatte bestätigt, dass es diese Anhänger gab. Hinweise, wo man sie aufspürte, hatten sie damals allerdings keine erhalten. So waren sie trotz aller Anstrengungen, diese Leute zu finden, nicht einen Schritt weitergekommen.
Nun also wieder ein Versuch mit einem Informanten.
»Welcher Informant ist das?«
»Eine Informantin. Sie heißt Debbie. Debbie Richter.« Er zögerte. »Keine Ahnung, ob sie uns helfen kann. Es ist ein Schuss ins Blaue, ehrlich gesagt. Aber wir dürfen nichts unversucht lassen.«
»Da bin ich mal gespannt«, sagte Lee.
»Das kannst du sein, das verspreche ich dir.«
*
Debbie lebte in einem Holzhaus. Es hatte weder Garage noch Auffahrt und so parkte Kane den Wagen auf der Straße. Der Weg auf das Grundstück wurde von wild wuchernden Sträuchern gesäumt und die dichten Kronen von Birken, Lärchen und Fichten warfen Schatten auf die vom Moos grün schimmernden Dachschindeln. Auf der steinernen Terrasse standen mit Blumen bepflanzte Terrakottatöpfe und ein Liegestuhl. Die Luft war erfüllt von Vogelgezwitscher.
»Ein Häuschen in seinem eigenen Wäldchen!«, rief Lee entzückt. »Es ist wunderschön!«
»Das ist es.« Er klopfte an das Glas der Terrassentür.
Eilige Schritte ertönten. Die Tür wurde aufgerissen. Debbie blitzte ihn mit in die Seiten gestemmten Fäusten an. »Da bist du Halunke ja endlich einmal wieder!«
Er grinste. »Hallo, Debbie.«
Sie legte den Kopf schief, dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus und sie hob die Arme. »Ach, komm her und lass dich drücken!«
Sie umarmten sich und der Rosenduft, den er für immer mit ihr verbinden würde, umfing ihn. »Gut siehst du aus, Debbie!«
Bei seinem letzten Besuch war ihr graues Haar lang gewesen. Jetzt hatte sie es zu einem kurzen Pixie schneiden lassen. Die Brille mit den riesigen runden Gläsern war knallrot. Dazu passend trug Debbie eine rote Leinenhose und ein weißes T-Shirt. Sie war barfuß.
Debbie strahlte und trat einen Schritt zurück, musterte ihn von oben bis unten. »Du auch, mein Lieber. Wer ist denn das da? Ach, was frage ich?! Da Kane uns nicht gegenseitig vorstellen will: Ich bin Debbie!«
Lee schüttelte die von Altersflecken bedeckte Hand, die ihr hingehalten wurde. »Hallo, ich heiße Lee.«
»Nett, dich kennenzulernen, Lee! Kommt rein! Ich habe vorhin Eistee gemacht, der wird euch guttun!«
Hinter der Terrassentür öffnete sich der Wohn-Essbereich. Die Küche – mit Herd, Oberschränken, einem riesigen Kühlschrank, einem Esstisch und der Speisekammertür – wurde vom Rest des Raums durch einen Tresen abgetrennt. Auf ihm standen bunt lackierte Blechdosen, in denen Kochlöffel und Messer steckten. Eine Türöffnung führte neben der Küche in einen Flur. Die Wände des Wohnraums waren mit Aquarellen von Meeresküsten, Wäldern, Seen und Bergen übersät. Dominiert wurde der Raum aber von einem aus Feldsteinen gemauerten Kamin, vor dem eine Couch, zwei Ohrensessel und ein niedriger Tisch standen. Die Bezüge der Polstermöbel waren dunkelblau und mit gelben Sonnenblumen bedruckt. Dazu kamen unzählige Kissen mit Blumenmotiven.
Bob, der schokoladenbraune Labrador, lag auf seinem üblichen Platz vor dem Kamin. Er klopfte zur Begrüßung mit dem Schwanz auf den kühlen Fliesenboden, hob aber nicht einmal den Kopf.
»Setzt euch, setzt euch!« Debbie deutete auf Couch und Sessel. »Kümmert euch nicht um Bob, der liegt schon den ganzen Tag so rum. Ihm ist es zu heiß!«
»Hey, Bob!« Kane bückte sich und kratzte den Hund hinter den Ohren, was dieser mit einem zufriedenen Seufzer geschehen ließ.
Lee trat zu einem der Aquarelle, der Ansicht einer felsigen Küste im Nebel. Dann ging sie zum nächsten, das von einem Sonnenuntergang dramatisch orangerot beleuchtete Bergkuppen zeigte. »Hast du die Bilder gemalt, Debbie? Die sind toll!«
»Vielen Dank! Ja, Aquarelle sind mein großes Hobby.«
Debbie kam mit einem Tablett um den Tresen und stellte es auf den Tisch an der Couch. Sie nahmen ihre Gläser und ließen sich nieder, Debbie mit einem zufriedenen Seufzer nicht unähnlich dem ihres Hundes.
Kane trank einen großen Schluck. Nach der Fahrt durch die Hitze war der Eistee eine willkommene Abkühlung.
»Dein Haus gefällt mir richtig gut! Wie lange lebst du schon hier?«, fragte Lee.
»Oh, schon jahrelang! Es war ein absoluter Glückstreffer. Die Häuser in dieser Ecke kann man sich eigentlich kaum leisten. Aber der Mann, der es an mich verkauft hat, hat mir einen sehr guten Preis gemacht. Das Grundstück ist riesig, weißt du, und die anderen Interessenten wollten das Haus abreißen und ein größeres bauen. Aber das wollte er nicht.« Debbie kicherte. »Er war ein wenig eigen und ich bin es auch. Wir haben uns verstanden.«
Lee lachte.
Debbie wandte sich an Kane. »Was führt euch her? Wie ich dich kenne, ist das kein Höflichkeitsbesuch.«
Er schüttelte den Kopf. »Wir brauchen deine Hilfe.«
»Bei was?«
»Bei der Informationsbeschaffung. Wir brauchen alles über Dämonenzirkel. Also Leute, die auf die Rückkehr der Dämonen hoffen und vielleicht gar schon mit ihnen zusammenarbeiten, um sie in unsere Welt zu holen.« Er spürte Lees erstaunten Seitenblick mehr, als dass er ihn sah. Auf der Heimfahrt würde er ihr erklären, warum er Debbie gegenüber so offen über Dämonen sprach.
»Dämonenzirkel?« Debbie zog die Augenbrauen hoch. »Ad hoc kann ich darüber nichts sagen.«
»Es wäre toll, wenn du dich unter deinen ehemaligen Klienten umhören könntest. Aber nur, falls du bereit dazu bist!«, setzte er eilig hinzu, was ihm einen weiteren erstaunten Seitenblick Lees einbrachte.
Debbie machte eine wegwerfende Handbewegung. »Natürlich bin ich das. Das weißt du! Wieso fragt ihr nach Dämonenzirkeln?«
»Wir haben Hinweise darauf, dass Aremyn mit der Hilfe solcher Zirkel zurückkommen will. Deswegen müssen wir sie finden. Bevor sie Schaden anrichten.«
»Macht Sinn. Habt ihr irgendetwas über diese Leute? Namen, Treffpunkte, so etwas?«
»Nein, nichts, außer dass die Dämonen versuchen, mehr über unsere Kampfkraft rauszufinden. Welche Waffen die Menschheit hat. Wie sie funktionieren. So etwas.«
»Himmel! Das klingt, als stünde eine Dämoneninvasion bevor!«
»Sie steht nicht unmittelbar bevor«, sagte er grimmig. »Aber sie ist in Planung.«
»Von wem habt ihr das alles?«
»Von Aremyn persönlich. Und von Ian. Torins Sohn.«
Debbie verschüttete beinahe ihren Eistee. »Bitte was? Von Aremyn selbst? Und von Ian? Der ist doch damals in Seelengestalt ins Andersreich gegangen. Und verschwunden! Mit den drei anderen zusammen! Ihre Körper sind Wochen später gestorben!«
»Stimmt. Wir haben Ian und die anderen im letzten Herbst befreit. Aremyn und sein Magier Boal haben ihre Seelen gefangen gehalten.«
»Himmel!«, wiederholte Debbie und sank im Sessel nach hinten. »All die Jahre waren die Seelen der vier im Andersreich gefangen?! Und ihr seid dorthin gegangen?!«
Er lächelte. »Es war ein spannendes Abenteuer.«
»Von dem du mir erst fast ein Jahr später erzählst! Das zeigt, wie lange du mich nicht mehr besucht hast!«
Ihm wurde unbehaglich zumute. Es stimmte, was sie sagte. Er war vor anderthalb Jahren das letzte Mal bei ihr gewesen. Und kam jetzt angefahren und verlangte, dass sie sich für ihn umhörte. Nicht die feine englische Art. Andererseits gab es einen guten Grund, warum er so selten bei Debbie war. Den er ihr gegenüber nicht benennen wollte. Und es mit Lee, die ihnen aufmerksam lauschte, auch nicht konnte. »Tut mir leid, Debbie. Aber es war viel los. Die Zeit ist nur so geflogen.« Das klang lahm, das wusste er.
»Hm«, machte sie. »Nun gut. Also schmiedet Aremyn tatsächlich Invasionspläne.«
Er nickte, erleichtert, dass sie nicht weiter auf der Häufigkeit seiner Besuche herumritt. »Überraschend ist es nicht. Wir haben immer gewusst, dass er unsere Welt zurückerobern will. Wir müssen ihn stoppen. Bevor er es schafft, Horden von Kriegern durch die Portale zu schicken.«
»Das heißt, wie bisher können nur menschliche Seelen die Portale durchschreiten. Aber Boal arbeitet eifrig daran, die Portale für Körper gangbar zu machen.«
»Ja. Bis jetzt ohne Erfolg. Und wir haben die Magie der Portale immer noch nicht ergründet und können sie demzufolge weder verschließen noch zerstören.«
»Was die beste Lösung wäre. Wenn die Dämonen dann noch Hilfe bei uns haben, wird es kritisch. Ich höre mich um. Sobald ich etwas erfahre, melde ich mich bei dir.«
»Vielen Dank, Debbie. Sei vorsichtig! Diese Leute sind nicht ungefährlich.«
»Kane, ich kann auf mich aufpassen!«
»Das weiß ich doch. Aber es geht um Dämonen und ihre Jünger. Wenn denen jemand in die Quere kommt, fackeln die sicher nicht lang.«
Debbie sah ihn streng an. »Als ob ich das nicht wüsste!«
»Ich wollte es nur gesagt haben.« Er hielt inne. »Wann sehen wir dich mal wieder im Ordenshaus?«
»Die Antwort darauf kennst du, Kane.«
Ja, er kannte sie. Debbie hatte geschworen, das Ordenshaus nie wieder zu betreten. Trotzdem fragte er sie jedes Mal aufs Neue, in der Hoffnung, dass sich etwas geändert hatte.
Er erhob sich. »Vielen Dank für deine Hilfe, Debbie.«
»Sehr gerne, Kane. Und Lee, du bist jederzeit willkommen, auch ohne diesen Halunken da im Schlepptau.«
»Danke, Debbie. Das weiß ich zu schätzen. Bis demnächst dann.«
Von Bob, dessen Schwanz im Stakkato auf die Fliesen klopfte, verabschiedeten sie sich mit einem Ohrenkraulen. Sie liefen schweigend zurück zum Wagen und stiegen ein. Die Türen hatten sich kaum geschlossen, da fragte Lee: »Wer ist Debbie? Und warum weiß sie über die Dämonen und den Orden Bescheid?«
Er ließ den Motor an. »Sie war einmal eine Ordenskämpferin und mit einem anderen Kämpfer verheiratet. Er hieß Miles. Ein Dämon hat ihn getötet.«
Lee schwieg. Dann sagte sie: »Sie wollte nach dem Tod ihres Mannes nicht mehr weitermachen, richtig?«
»Sie hat es nicht ertragen.«
»Durfte sie den Orden einfach so verlassen? Was ist mit dem Schwur?«
»Der Schwur besagt nicht, dass man für immer im Orden bleiben muss. Man darf nur nichts über ihn verlauten lassen, wenn man sich von ihm zurückzieht. Debbie hat es zwar nach Miles Tod nicht mehr im Orden ausgehalten, aber sie hilft uns hin und wieder als Informantin.«
»Wie ist Miles gestorben?«
»Er wollte einen Dämon bannen. Das ist schiefgegangen. Der Dämon hat Miles zu Tode gefoltert. Auf grausame Art und Weise. Seine Leiche war grässlich verstümmelt. Wir konnten ihn nur anhand einer Kette identifizieren, die er getragen hat.« Was der Dämon mit Miles gemacht hatte, würde er Lee nicht sagen. »Grausam« beschrieb es nicht einmal ansatzweise, wenn jemandem fast alle Knochen gebrochen und er dann bei lebendigem Leib gehäutet wurde. »Debbie hat ihn gefunden.«
»Großer Gott«, murmelte Lee. »Habt ihr den Dämon erwischt?«
»Ja. Paul hat ihn später gebannt. Jedenfalls: Debbie war lange Sozialarbeiterin und hat sich um Kinder und Jugendliche aus problematischen Verhältnissen gekümmert. Hat sie von prügelnden oder trinkenden Eltern weggeholt und Pflegefamilien für sie gesucht. Deswegen kennt sie Gott und die Welt. Mein Gedanke war, dass sie von all meinen Informanten diejenige ist, die am ehesten Zugang zu labilen Menschen hat. Also Menschen, die für abwegige Dinge zugänglich sind. Wie Verschwörungstheorien. Oder eben Versprechungen eines Dämons.«
»Das macht Sinn. Aber ist es nicht rücksichtslos, sie als Informantin zu nutzen? Es erinnert sie doch jedes Mal an Miles’ Tod, wenn einer vom Orden bei ihr auftaucht!«
»Das tut es. Weswegen wir sie nur fragen, wenn es absolut nicht anders geht. Wie du gerade gehört hast, sind wir sehr lange nicht bei ihr gewesen. Und sie will uns auch helfen. Ich denke, für sie ist das eine Art Rache an den Dämonen. Aber es fällt ihr schwer.« Er stockte, doch dann beschloss er, es auszusprechen. »Ich frage sie nur ungern. Sie hat mir in meiner ersten Zeit beim Orden geholfen, über den Tod meiner Frau und Tochter hinwegzukommen. Es ist ein scheußliches Gefühl, sie allein dadurch, dass man bei ihr auftaucht, an Miles zu erinnern. Aber wie du weißt, kommen wir nicht weiter. Sie kann uns vielleicht helfen.«
»Wir brauchen alle Hilfe, die wir kriegen können.«
Er nickte, dankbar, dass sie zu seiner toten Familie nichts sagte. Andere Frauen hätten versucht, in ihn zu dringen und gefragt, wie es ihm ginge mit seiner Trauer. Nicht aber Lee. Sie akzeptierte, dass er darüber nicht sprechen wollte. Das mochte er an ihr. Und fragte sich manchmal, ob seine Gefühle für sie über »mögen« nicht längst hinaus waren.
Bevor seine Gedanken in diese Richtung abschweifen konnten, zwang er sie zurück zu dem, weswegen sie mit Debbie gesprochen hatten. Knapp ein Jahr war seit ihrer Mission ins Andersreich vergangen. Sie waren den Anhängern der Dämonen nicht einen Millimeter näher gekommen. Maria verbrachte ganze Nächte in der Bibliothek, um das Internet nach Hinweisen zu durchforsten. Alle anderen suchten in ihren Informantennetzwerken nach Spuren. Aber bis auf jede Menge Wissen über den einen oder anderen harmlosen Zirkel, dessen Mitglieder sich zu vermeintlich dämonischen Ritualen zusammenfanden, hatte das nichts gebracht. Debbie war eine der letzten Möglichkeiten. Ob ihre Nachforschungen etwas brachten, war allerdings fraglich. Die meisten ihrer Kontakte – Sozialarbeiter und ehemalige Pflegekinder – hatten mit Dämonen wohl nichts am Hut. Aber vielleicht gab es den ein oder anderen, der etwas in der Richtung gehört oder gesehen hatte.
»Was Hilfe bei unserer Suche angeht«, fuhr Lee langsam fort. »Ich habe da eine Idee, Kane. Es ist etwas, das ich schon seit längerem überlege. Vielleicht wäre es an der Zeit, es auszuprobieren.«
»Welche Idee ist das?«
»Ich nutze manchmal einen Hacker für meine Aufträge. Seine Methoden sind nicht ganz legal, aber er kann in Systeme einbrechen und kennt sich mit dem Darknet aus. Vielleicht könnte er …«
»Halt!«, unterbrach er sie. »Wir werden niemanden von außerhalb des Ordens in unsere Nachforschungen einbeziehen! Das weißt du, Lee!«
»Debbie und die anderen Informanten gehören nicht zum Orden!«
»Sicher, aber Debbie ist eine ehemalige Ordenskämpferin und damit ein Sonderfall. Und wir befragen alle anderen so, dass sie nicht ahnen, um was es in Wirklichkeit geht!«
»Das können wir mit dem Hacker genauso machen! Wir bringen ihm den Auftrag so bei, dass wir nichts verraten. Aber er könnte helfen! Die Dämonenjünger werden bestimmt im Web unterwegs sein. Im Geheimen! Ryder wäre in der Lage, einschlägige Foren oder Chats zu finden und sich in sie zu hacken!«
»Wie sollen wir ihn auf die Suche schicken, ohne dass er merkt, was dahintersteckt?«
»Ich könnte eine Geschichte fabrizieren. Dass ich nach einem vermissten Teenager suche. Der sich in den Wochen vor seinem Verschwinden in eine okkulte Welt aus dämonischen Ritualen, Pentagrammen und so einem Zeug verstrickt hat. Bei Teenies ist das alles andere als abwegig.«
Die Idee an sich war nicht schlecht. An die Fähigkeiten eines professionellen Hackers, der sich in die elektronischen Tiefen des Internets grub, kamen die der Ordensmitglieder nicht heran, weder in Deep Cove noch in einem der anderen Ordenshäuser weltweit. Angehende Ordenskämpfer hatten andere Qualitäten als die eines Hackers. Da war in allererster Linie die Abstammung von einem der sieben Ordensgründer, von dem sie die Gabe geerbt hatten, ihre Seelen vom Körper zu trennen und mit ihnen zu wandern. Außerdem sollten Aspiranten fit sein und willens und fähig, sich im Schwertkampf, im Schießen und im Kampfsport und nicht zuletzt magisch ausbilden zu lassen. Auf berufliche Qualifikationen wurde kein Wert gelegt. So hatten sie im nordamerikanischen Orden mehrere Ranger, eine Dozentin, eine Ärztin und Wissenschaftlerin, einen angehenden Studenten der Literaturwissenschaften, Lee, die Detektivin, und ihn, Kane, den ehemaligen Unternehmensberater. Aber keinen Hacker.
Doch überzeugt war er nicht von Lees Argumenten. »Du denkst, das glaubt dieser Ryder?«
»Er ist verrückte Sachen gewöhnt. Er wird mir diese Teenagergeschichte abkaufen, ganz sicher!«
Vielleicht war es einen Versuch wert. »Schlag es bei der Besprechung morgen früh vor. Mal sehen, was die anderen dazu sagen.«
Die Höhle, die Wydin und seine Kameraden zu ihrem Quartier gemacht hatten, war über Äonen aus den Küstenfelsen einer der nördlichen Inseln gewaschen worden. Ihr Eingang lag oberhalb eines mit Felsen und Steinen übersäten Strands. Ganz gleich, mit welcher Wucht sich das Meer an das Ufer warf, erreichten seine Wogen die Höhle nicht. Das Wellenrauschen war in ihr nur leise zu hören und der Geruch von Tang und brackigem Wasser hing in der Luft. Feiner weißer Sand bedeckte den Boden. Hinten in dem runden Raum stieg ein schmaler Gang einer Röhre gleich im Felsen hoch. Jemand Feingliedrigem wie Sami mochte es gelingen, in ihm aufzusteigen, hin zu einer Öffnung in den steilen Klippen, aber sie nutzten den Gang als Abzug für die Feuerstelle. Die Decken, in die sie sich des Nachts wickelten, lagen neben dem Feuer und dann hatten sie noch genug Platz für ihre Vorräte und die Waffen. Trinkwasser holten sie mit Echsenlederbeuteln aus einer Quelle im Inselinnern.
Als sie endlich am Ufer des Landes gegenüber der Insel ankamen, hatte der Sturm nachgelassen und sie konnten das aufgewühlte Meer fliegend überqueren. Zu ihrer großen Überraschung wurden sie in der Höhle von einem prasselnden Feuer empfangen. Ein stämmiger Winddämon mit breiten grauen Schwingen stellte gerade einen Rost über die Flammen.
»Tuli!«, rief Div. »Du bist zurück!«
Tuli, der Sohn eines Bauern, grinste. »Ich bin kurz vor euch angekommen und habe gesehen, wie ihr auf den Klippen drüben aufgetaucht seid. Da habe ich das Feuer angezündet und das Mahl vorbereitet.«
Auf einem Stein neben dem Feuer lagen ausgenommene Fische und die Wurzeln eines Gewächses, das die Wasserdämonen »Meerestau« nannten.
Wydin hielt seine klammen Hände an die Flammen. »Es tut gut, so empfangen zu werden! Wie ist es dir auf deiner Spähermission ergangen, Tuli?«
»Das erzähle ich euch beim Essen! Habt ihr Aremyns Krieger verprügelt?« Tuli hatte sie verlassen, bevor die Kunde über den Kriegertrupp, der sich an den Palast Kansus heranschlich, sie erreichte.
Sie berichteten ihm von dem Kampf, während sie sich am Feuer niederließen und Fische und Wurzeln auf den Rost legten.
Tuli war beeindruckt. »Das wird Aremyn hoffentlich eine Lehre sein!«
Div nickte. »Jetzt sag: Wie ist es dir ergangen?«
»Das Wichtigste zuerst: Ich bin an unseren Dörfern vorbeigekommen. Unseren Sippen geht es gut.«
Wydin senkte den Kopf und beschäftigte sich damit, die Fische auf dem Rost zu wenden. Er und sein Vetter Div wie auch Alii und Sami hatten keine Sippen mehr, über deren Befinden Tuli ihnen berichten konnte. Sie waren von Aremyn ausgelöscht worden. Dabayl und einige andere hingegen wirkten erleichtert. Seit sie im Widerstand waren, hatten sie nicht gewagt, sich den Ihren zu nähern. Aremyns Schergen würden nicht zögern, die Familien zu töten, erführen sie von deren Verbindung zu Widerständlern.
Tuli räusperte sich. »Von den Dörfern bin ich durch die schlechten Lande und die Ebene südlich der Feuerberge nach Ketema gereist. Die meiste Zeit bin ich geflogen. Das Wetter war gut und ich habe den Unsichtbarkeitszauber gewirkt. Ab und an habe ich mich an Tavernen herangeschlichen. Da habe ich einiges aufgeschnappt, aber leider nichts, was für uns von Interesse wäre. Die Reisenden unterhielten sich nur über Ernteaussichten oder einen Erdrutsch, der irgendeine Bergstraße unpassierbar gemacht hat. Aber kein Wort zu Aremyn und seinen Kriegsplänen. So bin ich nach Ketema gekommen und unsichtbar in die Stadt gelangt. In einem stillen Winkel habe ich den Unsichtbarkeitszauber aufgehoben und bin zu Tan gegangen. Er und die anderen grüßen euch! Ich hatte Glück, an dem Tag angekommen zu sein. Tan hat sich eine neue Bleibe gesucht und war dabei, sein Bündel zu packen. Er lebt jetzt noch versteckter in den dunklen Gassen als zuvor.«
»Wieso benötigt er eine neue Bleibe?«, fragte Div verwundert.
»Er sagt, ein Straßenwächter habe ihn beim Aufpinseln der Parolen beobachtet und versucht, ihm heimlich zu folgen. Tan hat ihn abgeschüttelt. Trotzdem hielt er es für sicherer, sich eine neue Bleibe zu suchen. Ich male euch nachher auf, wo man ihn jetzt findet.«
»Verwendet Tan denn nicht den Unsichtbarkeitszauber?«, fragte Wydin verwirrt. Sie hatten den Zauber mit Tan geteilt, daher war es seltsam, dass er ihn beim Aufmalen von Parolen nicht nutzte.
Tuli verzog das Gesicht. »Das habe ich ihn auch gefragt. Tan sagte nur, er wolle den Zauber nicht anwenden. Mehr nicht. Ich glaube … nun ja, ich glaube, er fürchtet sich davor. Vielleicht, dass er den Gegenzauber vergisst oder falsch hersagt und dann unsichtbar bleibt. Aber das ist nur, was ich denke! Tan hat das nicht gesagt!«, fügte er hastig hinzu.
Wydin wiegte nachdenklich den Kopf. Auch einige seiner Kameraden hier hatten Angst vor Magie, die nicht ihren Fähigkeiten als Winddämonen entsprang. Es war schwer gewesen, sie zu überzeugen, den Unsichtbarkeitszauber anzuwenden. Tarum und Rhat, die sich bei Tulis Worten vielsagend angesehen hatten, fühlten sich noch heute unwohl dabei, obwohl der Zauber ihnen nie geschadet hatte. »Was hat Tan berichtet? Von Aremyn, meine ich?«
»Aremyns Pläne haben sich nicht geändert. Er will das Andersreich unter sich vereinen und mit den Kräften aller Dämonen die Menschenwelt erobern. Es gibt aber Gerüchte, dass er von der Unterwerfung der Wasserdämonen zunächst Abstand genommen hat. Doch da seine Krieger versucht haben, Kansu zu entführen, ist das wohl Munkelei.«
»Nun, Aremyn schickt immer seltener Krieger, um gegen die Wasserdämonen vorzugehen. Wenigstens hier im Norden«, meinte Wydin. »Wer weiß, vielleicht kommen jetzt gar keine mehr!«
»Es wäre ein großer Erfolg, sollten wir seine Krieger vertrieben haben!«, sagte Div. »Doch lasst uns den Sieg erst feiern, wenn wir seines gewiss sind.«
Alle nickten.
»Wusste Tan sonst noch etwas?«, fragte Alii, während ihr Bruder damit begann, die köstlich duftenden Fische und Wurzeln auf dünne Steinplatten zu verteilen.
Tuli nahm eine der Platten entgegen. »Danke, Sami. Ja: Tan hatte Neuigkeiten aus Fuyin!«
Fuyin? Wydin hatte nur vage Erinnerungen an die Hauptstadt des Winddämonenreichs. Er war einmal dort gewesen, als er seinen Vater auf einer Handelsreise begleitet hatte. Das mochte vier oder fünf Jahre her sein.
»Welche Neuigkeiten sind das?«, fragte Div.
»In Fuyin soll es einen bewaffneten Widerstand geben!«
Wydin und Div tauschten einen perplexen Blick und griffen nach den Steinplatten, die Sami ihnen entgegenhielt. »Aber«, sagte Div vorsichtig. »Unser Fürst, Lamas, steht in seinem Palast unter Hausarrest. Plamen, der Statthalter Aremyns, regiert Fuyin mit eiserner Hand! Die Straßenwachen sind überall gegenwärtig! Wie soll sich da Widerstand formiert haben?«
»Tan sagt, die Widerständler seien Krieger. Deserteure aber auch Krieger in Aremyns Heer, die im Geheimen Informationen an den Widerstand geben.«
»Deserteure? Davon gibt es doch gar keine! Diejenigen von Lamas’ Kriegern, die sich nach der Kapitulation geweigert haben, Aremyn zu dienen, wurden getötet! Alle anderen haben Aremyn die Treue geschworen!«
»Oder sind gar in der Hierarchie nach oben gestiegen«, ergänzte Alii. »Wie Plamen. Der war vorher doch nur einer von vielen Kriegern des Winddämonenheers. Er hat nach Aremyns Machtergreifung die Chance genutzt, um einen besseren Posten mit mehr Sold zu erhalten. Solche Leute werden bestimmt keinen Widerstand leisten!«
»Ich kann nur wiederholen, was Tan gesagt hat. Ob es wahr ist, weiß ich nicht.«
Div schüttelte den Kopf. »Ehrlich? Das kann ich nicht glauben. Die loyalen Krieger sind getötet worden. Und Mitläufer würden sich niemals dem Widerstand anschließen!«
Wydin fiel etwas ein. »Doch, das kann sein! Als ich im letzten Jahr in die Menschenwelt geflohen bin, habe ich zwei Nächte am Portal ausgeharrt und dabei die Portalwachen belauscht. Wie ihr wisst, sind das Winddämonenkrieger, die nun Aremyn dienen. Weil man da oben eben nur fliegend hinkommt. Die waren gar nicht begeistert davon, das Portal zu bewachen oder gar mithilfe einer Seele in die Menschenwelt zu reisen und die Menschen auszuspähen, wie es ihr Auftrag war! Sie sprachen von ihrem Obersten, der angeblich genauso wenig davon hielte wie sie, für Aremyn tätig sein zu müssen. Was ich sagen will: Auch wenn jemand jetzt Aremyn dient, heißt das nicht, dass er von Aremyn überzeugt ist! Möglich, dass er sich ihm nur aus Furcht angeschlossen hat. Wie du ja sagtest, sind alle getötet worden, die sich dem verweigerten. Das wird viele Krieger, die Angst um das Leben ihrer Sippen oder ihr eigenes hatten, dazu bewogen haben, Loyalität gegenüber Aremyn zu heucheln. Vielleicht sind diese Leute nun so weit, sich gegen Aremyn zu stellen!«
»Das macht Sinn«, stimmte Dabayl ihm zu. »Sag, Tuli, was wusste Tan über den Widerstand? Was machen die Widerständler?«
»Sie sollen den Straßenwachen Aremyns das Leben schwer machen. Tan sagt, ihm wurde von getöteten Straßenwächtern berichtet.«
»Also machen sie es wie wir?«, fragte Sami, der inzwischen alle mit gebratenem Fisch und Meerestau beladenen Steinplatten verteilt hatte.
»Es klingt danach. Aber die Frage ist doch: Sollen wir uns mit ihnen zusammentun? So, wie wir uns mit den Wasserdämonen zusammengetan haben?«
»Auf jeden Fall!«, rief Bogor und Rhat nickte dazu.
»Es macht den Widerstand stärker, wenn wir zusammenarbeiten«, sagte Tarum.
Div hob die Hände. »Halt! Halt! Bevor wir darüber sprechen: Wie sicher sind wir, dass dies keine falsche Information ist? Oder ist es gar eine Falle?«
»Wir können nicht sicher sein«, entgegnete Wydin. »Wenigstens nicht, bis wir es nachgeprüft haben. Also, ob es die Widerständler tatsächlich gibt.«
»Wie prüfen wir das nach? Ohne uns zu verraten?« Das war Alii.
»Indem wir nach Fuyin gehen und uns dort umsehen!«, sagte Tuli.
»Das ist gefährlich«, meinte Wydin. »Wenn wir wenigstens einen Namen hätten! Dann könnten wir gezielt vorgehen! Das ist immer noch gefährlich, aber längst nicht so, als wenn wir durch Fuyin irren, bis wir zufällig einen Widerständler finden.«
»›Wir‹? Wir können nicht alle nach Fuyin gehen. Wir müssen jemanden auswählen. Derjenige macht sich unsichtbar«, sagte Porir. »Er ist dann zwar nur in der Lage, Leute zu belauschen, aber niemand würde ihn sehen. Das wäre schon weniger gefährlich.«
Wydin nickte nachdenklich.
»Lebt jemand aus euren Sippen in Fuyin?«, fragte Bogor.
Alle schüttelten die Köpfe.
»Selbst wenn, dann könnten wir sie nicht fragen«, sagte Rath. »Wir dürfen unsere Sippen nicht noch mehr in Gefahr bringen als ohnehin schon.«
»Wir könnten uns bei Minali erkundigen, ob sie etwas gehört hat«, schlug Dabayl vor. »Sie hat ja herausgefunden, dass wir Überfälle auf Aremyns Krieger und Straßenwachen verüben. Vielleicht ist einer ihrer Späher bis Fuyin vorgedrungen und hat mehr über den Widerstand dort in Erfahrung gebracht.«
»Sie hätte uns das bestimmt gesagt. Und wie soll einer ihrer Späher in die Stadt kommen? Die Wasserdämonen bewegen sich in Gewässern. In Fuyin gibt es keine Gewässer, nur Brunnen«, sagte Div.
Sami runzelte die Stirn. »Können die Späher nicht durch Brunnen gehen?«
»Nur, wenn die Brunnen ihr Wasser aus einem unterirdischen See oder Fluss schöpfen, nicht aber, wenn sie Sickerwasser sammeln«, belehrte Bogor ihn. »Durch den See oder Fluss könnten die Wasserdämonen in den Brunnen eindringen. Aber ob die in Fuyin solche Brunnen haben?«
»Das können wir nicht sagen. Am besten, wir fragen Minali, dann wissen wir mit Sicherheit Bescheid.« Wydin griff nach dem gebratenen Meerestau auf der Steinplatte vor sich. »Jetzt lasst uns essen!«
*
»Einen Außenstehenden beauftragen?« Ashkii, der Großmarschall des nordamerikanischen Ordens, runzelte die Stirn.
Auf der Fahrt nach Deep Cove war Lee kurz davor gewesen, Kane zu gestehen, dass Ryder schon einmal in Sachen Dämonen für sie recherchiert hatte. Letztes Jahr, nachdem Wydin bei ihr aufgetaucht war, hatte er für sie nach Kane und dem Orden gesucht. Doch Kanes Unbehagen mit der Idee, Ryder zu beauftragen, hatte sie davon abgehalten und jetzt, als sie die zweifelnden Mienen um den Tisch sah, war sie froh darum.
»Wir sollten all unsere Quellen ausschöpfen, bevor wir jemand Fremdem eine Recherche anvertrauen«, sagte Maria.
»Und die Geschichte, die wir einem externen Analysten erzählen, muss wasserdicht sein«, setzte Kane hinzu. »Er darf nicht Verdacht schöpfen, dass es Dämonen gibt!«
Um den Tisch wurde mit den Köpfen genickt.
»Aber es ist gut, dass wir von einem Hacker wissen«, sagte Jordan versöhnlich. »Weiß Gott, so jemanden bräuchten wir in unseren eigenen Reihen! Aremyns Helfer haben vielleicht verschiedene Zellen überall auf der Welt gebildet und kommunizieren über das Web. Wenn es uns gelänge, diese Kommunikation aufzudecken, wären wir einen riesigen Schritt weiter! Klar, wir nutzen Handys und PCs und surfen durchs Internet, aber keiner von uns kennt sich wirklich mit Systemen und ihrer Infrastruktur aus.«
»Genug davon«, sagte Ashkii. »Wir müssen für die Zukunft darüber nachdenken, wie wir dieses Wissen aufbauen, aber das wird uns jetzt nicht helfen. Vielen Dank für deinen Vorschlag, Lee. Wir sollten das nur als allerletzte Möglichkeit in Erwägung ziehen. Einen Außenstehenden für unsere Recherchen zu nutzen, bedroht unsere Geheimhaltung. Und es könnte denjenigen in ernste Gefahr bringen.«
Lee nickte. Nach Kanes Reaktion hatte sie nichts anderes erwartet. Kane sah sie forschend an und sie nickte noch einmal kurz. Alles okay. Mit der Ablehnung der Idee kann ich leben. Sein Blick wanderte weiter.
»Also, wo stehen wir?«, fuhr der Großmarschall fort.
»Ich bin in Kontakt mit Nachfahren der Ordensgründer in den größeren Städten – Toronto, Montreal, Washington DC und so weiter. Sie sehen sich nach Dämonenzirkeln und Dämonenjüngern um. Bisher haben sie nichts rausgefunden«, sagte Paul. Diese Nachfahren, alles Seelenwandler, waren solche, die sich gegen ein Leben als Ordenskämpfer entschieden hatten, dem Orden aber mit Informationen halfen.
»Bei den anderen Ordensgruppen gibt es auch keine Fortschritte, was das angeht«, sagte Maria.
Kane räusperte sich. »Meine Kontakte in Vancouver konnten nichts berichten. Außerdem habe ich Debbie gebeten, sich umzuhören. Sie meldet sich.«
»Ich hasse es, sie da reinzuziehen, aber du hast recht, Kane, sie könnte uns helfen«, sagte Ashkii.
»Hat sie denn noch Kontakte?«, fragte Jordan. »Sie lebt ja ziemlich zurückgezogen seit damals, da weiß ich nicht, ob …«
»Sie hat Kontakte«, unterbrach Kane sie. »Wie gesagt, sie meldet sich.«
Jordan runzelte die Stirn, entgegnete aber nichts.
»Warten wir ab, was diese Nachforschungen erbringen«, sagte Ashkii. »Jordan, wie weit bist du mit deinen Analysen, was die Zauber Ytzals angeht?«
Jordan seufzte. Sie war Ärztin und Molekularbiologin und untersuchte die Magie, mit der der Orden seit Jahrtausenden Dämonen bekämpfte. Ytzal, einer der Ordensgründer, hatte während der großen Schlachten, mit denen die Dämonen aus der Menschenwelt vertrieben worden waren, Bannsprüche, Schutzzauber und Kriegsmagie erfunden. Mit Ytzals Tod aber war die Fähigkeit des Ordens, Magie zu entwickeln, verloren gegangen. Das wollte Jordan ändern.
»Ich analysiere die alten Zauber, um herauszufinden, wie sie zusammengebaut sind. Ohne großartige Ergebnisse bisher. Auch mit den Portalen bin ich nicht weiter. Ytzal hat es damals geschafft, den Teil der Magie auszuschalten, der es Körpern erlaubt, sie zu durchqueren, während Seelen ohne Probleme durch sie gelangen. Aber die Portale vollends zu verschließen oder gar zu zerstören? Keine Ahnung, ob ich da je weiterkomme.«
Die Besprechung endete mit dem Plan für die Portalwachen über das Wochenende. Lee sollte die Samstagnachtwache übernehmen. Sie musste sofort aufbrechen, um Neil abzulösen, der die Tageswache hatte. Die Fahrt und der anschließende Fußweg zum Portal, das im Hinterland des Mount Seymour lag und nur über Wanderwege erreichbar war, würden den Rest des Nachmittags in Anspruch nehmen.
Kane hielt sie zurück, als sie sich von ihm verabschiedete. »Warte kurz.«
Er sah sich um, wie um sicherzustellen, dass die anderen das Konferenzzimmer verlassen hatten, bevor er fortfuhr: »Ganz sicher, dass alles okay ist, Lee? Du hast ausgesehen, als wolltest du etwas sagen, nachdem Ashkii deinen Vorschlag abgelehnt hatte.«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich wollte nichts weiter sagen. Aber denkst du nicht auch, dass wir über das Stadium hinaus sind, in dem wir uns ausschließlich auf unsere bekannten Kontakte konzentrieren können? An wen wir uns auch wenden, keiner weiß etwas oder hat etwas gehört. Ich denke immer noch, dass Ryder einen Versuch wert ist.«
Er betrachtete sie abschätzend. »Vielleicht ist er das. Aber wir haben nie Hilfe von außen angenommen, was solche Recherchen angeht. Aus den bekannten Gründen. Da wird so eine Entscheidung nicht leichtfertig getroffen.«
