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Band 1 der zweibändigen Serie über Seelenwandler und Dämonen Im kanadischen Vancouver löst die Privatdetektivin Lee ihre Fälle auf ungewöhnliche Weise: Sie kann ihre Seele vom Körper trennen und mit ihr wandern. So ist es für sie ein Kinderspiel, Verdächtige unerkannt zu verfolgen und zu überführen. Ihre Gabe hält Lee für eine nützliche, wenn auch exzentrische, Laune der Natur – bis zu dem Tag, an dem der junge Winddämon Wydin auftaucht. Der behauptet, dass wandernde Seelen Dämonen in die Menschenwelt bringen. Und dass er nicht nur auf der Flucht vor einem grausamen Dämonenfürsten ist, sondern auch vor einem Orden von Dämonenjägern. Tatsächlich hat der Ordenskämpfer Kane längst Wydins Spur aufgenommen. So gerät Lee in die Strudel einer Welt, von der sie bisher nicht das Geringste ahnte …
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Kane hechtete über den hüfthohen Verkaufstresen und knallte mit der Seite auf den schmutzigen Betonboden dahinter. Sein »Fuck!« hallte in dem weiten Raum wider.
Der Wirbelwind zischte über den Tresen.
Kane rollte sich auf den Rücken, riss das Schwert hoch.
Der Luftwirbel stand an der Decke, drehte sich nach rechts, dann nach links, als ob er sich umsehen würde. Dann schoss er mit triumphierendem Geheul auf Kane zu. Um Kane herum flirrte die Luft, bildete einen Trichter. Er war inmitten eines Tornados, der ihm den Atem nahm, und japste nach Luft.
»Oh, kleines Ordenskämpferlein!«, flüsterte der Wind. »Du willst einen Pazuzu ärgern? Das wird dir nicht gelingen!«
Da war wieder Sauerstoff! Kane sog ihn tief in seine Lungen.
Doch dann legte sich ein tonnenschweres Gewicht auf seine Brust. Er ächzte. Etwas saß auf ihm, ein Alb, der ihn mit solcher Kraft auf den Beton presste, als wolle er einen Kane-förmigen Abdruck darin hinterlassen.
»Na, Ordenskämpferlein!«, säuselte es an seinem Ohr. »Wie ist es, von der Luft getötet zu werden? Der Luft, die deinen schwachen Körper am Leben erhält? Ich kann sie dir nehmen. Ich kann dich damit zerquetschen. Welchen Tod wählst du?«
»Verrecke, Dämon!«, keuchte Kane.
Ein hässliches Kichern ertönte und das Gewicht auf Kanes Brust verstärkte sich. Er meinte, seine Rippen bersten zu spüren.
Für dich, Clara! Er umklammerte den Schwertknauf, konzentrierte sich auf die gärende Wut, die ihn antrieb, ließ sie in sich aufsteigen und aus sich herausplatzen. In einem gewaltigen Kraftakt hob er die Arme, zog die glänzende Klinge durch die flirrende Luft.
»En ga-e Pa-zu-zu izrisunu usabbir! ‒ Pazuzu, ich zerbreche deine Flügel!«
Der Wind und mit ihm die Welt blieben für einen Augenblick stehen. Dann, mit einem kreischenden Zischen, hob sich das Gewicht von Kanes Brust. Der Wirbel raste zur Decke des Raums und zerbarst dort in tausende schwarze Tropfen, die auf den staubigen Beton regneten.
Kane nahm einen tiefen, belebenden Atemzug und sprang auf, das Schwert zur Abwehr erhoben.
Dort, wo die Tropfen auf den Boden trafen, flossen sie zu einer dunklen Gestalt zusammen, etwa so groß wie Kane, mit einem boshaft verzerrten Gesicht und schwarz glänzenden Flügeln, die verdreht unter ihr lagen.
Der Winddämon wimmerte.
Kane trat einen vorsichtigen Schritt näher, gefasst darauf, dass sein Gegner genug Kraft hatte, um sich erneut auf ihn zu stürzen.
»Ordenskämpferlein, das wird Aremyn nie verzeihen! Seine Rache wird dich vernichten!«
Kane antwortete nicht, beobachtete den Todeskampf.
Die Brust des Schattenwesens hob sich, sank zusammen. »Nimm den Todesspruch von mir oder Aremyn wird sich rächen!«
Für einen Angriff erschien der Dämon zu schwach, aber er würde bis zum letzten Atemzug versuchen, Kane dazu zu bringen, den Bann umzukehren. »Todesspruch« nannte der Winddämon ihn, auch wenn er nur seinen Tod in dieser Welt bedeutete. Sobald er gestorben war, würde er sich im Andersreich wiederfinden, quicklebendig und gesund. In diese, Kanes, Welt würde er jedoch nie wieder zurückkehren.
»Hörst du? Aremyn wird …« Die Stimme verklang. Ein letztes Mal hob und senkte sich die Brust, dann lag Stille über dem Raum.
Kane blieb wachsam. Erst als die leblose Gestalt heller wurde, transparenter, und schließlich verblich, atmete er durch und ließ das Schwert sinken. Er steckte es in die Scheide und zog sein Handy raus, tippte auf den Eintrag von Jordan, der Ärztin und Wissenschaftlerin des Ordens. »Ich bin’s. Der Winddämon ist gebannt.«
»Gott sei Dank! Dir geht es gut?«
»Alles bestens.«
»Wo hast du ihn gestellt?«
»Er hat es bis in die Stadt geschafft. Ich bin an der Waterfront Station. In einem leer stehenden Laden.«
»Verflixt! In der Stadt hätte er einigen Schaden anrichten können. Der Laden steht noch?«
»Ja. Bevor ich mit der Bannung begonnen habe, habe ich den Wind beschworen. Aber sonderbarerweise hat der Dämon gar nicht erst versucht, den Sturm zu entfesseln.«
»Vielleicht wusste er, dass er gegen die Beschwörung nichts ausrichten kann.«
»Möglich. Ich glaube, er war nicht darauf aus, aufzufallen. Ich bin den Phänomenen gefolgt, die er durch seinen Flügelschlag verursacht hat – diese plötzlichen Fallwinde, bei denen die Baugerüste umgestürzt sind. Aber er hat kein einziges Mal bewusst Schaden angerichtet! Dann wäre es weiß Gott nicht bei den Gerüsten geblieben.«
»Was wollte der Dämon hier, wenn nicht Tod und Chaos verursachen?«
»Er hat mit Aremyn gedroht. Der würde sich angeblich für die Bannung rächen. Möglich, dass der ihn geschickt hat.«
»Also kein Dämon, der Spaß haben wollte, sondern einer mit einem Auftraggeber? Mist!«
»Ja.« Kane begann, durch den Raum zu wandern, dessen mit Brettern vernagelte Schaufenster bis unter das Dach reichten. Eines der Dachfenster war zerbrochen. Eine Pfütze stand auf dem Boden darunter. »Bleibt die Frage, mit was Aremyn ihn beauftragt hat. Was auch immer es sein mag: Er wird sich nicht auf einen einzigen Dämon verlassen, damit dieser Auftrag erledigt wird, oder?«
»Sicher nicht. Aber wieso ein Winddämon? Keiner der Winddämonen, die wir in den letzten Jahren gebannt haben, hat Aremyn erwähnt. Was also hat dieser jetzt mit dem Fürsten der Feuerdämonen zu schaffen?«
»Wenn es darum geht, sich der Kräfte eines Dämons zu versichern, macht Aremyn keinen Halt vor Stammesgrenzen. Boal ist das beste Beispiel dafür! Der ist ein Winddämon und dient ihm seit Jahrtausenden als Magier.« Kane spähte unter das einzige Mobiliar im Raum, den Verkaufstresen, der bis auf ein paar von Feuchtigkeit gewellte Rechnungsvordrucke leer war.
»Stimmt auch wieder. Also, warum versichert sich Aremyn dieser Kräfte? Was ist sein Plan?«
»Nun ja, er will in unsere Welt zurückkehren, das wissen wir. Die Winddämonen sind womöglich Spione. Aber was spionieren sie für ihn aus? Oder suchen sie etwas oder jemanden? Falls ja, was oder wen?« Kane hielt kurz inne. »Wenn wir doch mehr über das Andersreich wüssten! Unsere Informationen über die Dämonen sind komplett veraltet! Wir müssen …«
Sie fiel ihm ins Wort: »Nicht, Kane. Nicht wieder die alte Diskussion!«
»Jordan, wir können diese Diskussion nicht vermeiden! Wir müssen, verflucht noch eins, wissen, was im Andersreich vor sich geht! Dann könnten wir einordnen, was dieser Winddämon hier vorhatte! Und müssten keine lustigen Ratespielchen veranstalten!« Er wusste, er klang verbittert. Aber es war nun einmal frustrierend!
»Torin wird keiner Mission ins Andersreich zustimmen. Und auch sonst niemand im Orden.«
Das weiß ich. Kane schwieg und trat in einen Flur, an dem die Hinterzimmer des Ladens lagen, ein Büro mit einem verstaubten Computerschreibtisch, dem die Tastaturplatte fehlte, ein WC und einen Raum mit einer Küchenzeile. Der Hinterausgang am Ende des Flurs stand offen. Diese Tür hatte er selbst mit Gewalt geöffnet, um sich Zutritt zu dem Laden zu verschaffen. Der Dämon hatte wohl das zerborstene Dachfenster als Ein- und Ausstieg benutzt.
Jordan räusperte sich. »Lass es uns besprechen, wenn du zurück bist. Gibt es Überreste, die wir analysieren können?«
»Nein, er ist nach der Bannung verblichen wie jeder andere Dämon auch.«
»Ich werde das Schwert trotzdem untersuchen. Bring es mir ins Labor. Wann bist du zurück?«
»In etwa einer Stunde. Ich schaue mich noch um. Vielleicht finde ich Hinweise darauf, was der Dämon hier wollte. Bis dann.«
Kane ging noch einmal schnell durch sämtliche Räume. Hinterlassen hatte das Schattenwesen nichts. Was habe ich erwartet? Schriftliche Anweisungen von Aremyn?
Er drückte die zerbrochene Hintertür zu, ging um den Flachdachbau herum und sah sich um. Niemand da. Das Schwert verstaute er rasch im Kofferraum und stieg dann in das am Straßenrand geparkte Auto. Im lebhaften Feierabendverkehr würde er länger als die üblichen dreißig Minuten brauchen, um Deep Cove zu erreichen – Zeit genug, um sich Gedanken über den Winddämon zu machen. Und das, was Aremyn plante.
»Keine Kameras!« Denise Haydens manikürte Finger krallten sich um die Armlehnen des Stuhls.
»Ms Hayden …«
»Denise.«
»Denise, wir müssen den Dieb Ihrer Entwürfe gerichtsfest überführen! Sie haben vorhin gesagt, Sie wollen die fragliche Person zur Verantwortung ziehen! Das geht nur mit Beweismaterial. Wie Kameraaufnahmen!«
»Nein, nein, keine Kameras! Leah, ich bin kreativ tätig! Meine Kreativität versandet, wenn ich den ganzen Tag beobachtet werde!«
Lee bot ihr nicht an, sie bei ihrem Spitznamen zu nennen. Denise war eine Klientin, keine Freundin. »Es wären doch Ihre Angestellten, die beobachtet werden! Nicht Sie!«
»Nein, auch ich werde von den Kameras beobachtet! Das ist gar nicht zu verhindern! Ich kann so nicht arbeiten! Können Sie die Angestellten nicht observieren? Und feststellen, ob sie die Entwürfe tatsächlich an Paggett verkaufen? Ich meine, die müssen doch übergeben werden, oder?«
Lee betrachtete ihre Klientin abwägend.
Stan Muller, ein alter Haudegen von Privatdetektiv, hatte Denise Hayden an sie verwiesen. Denise gegenüber hatte er behauptet, er habe so viele Fälle, dass er dem ihren nicht gerecht werden könne. Lee hatte er gesagt, Denise sei ihm »zu irre«.
Nun verstand sie, was er gemeint hatte. Der Fall war nicht sonderlich komplex. Denise Hayden entwarf Bademoden. Seit einiger Zeit brachte eine Firma namens Paggett Fashion Badekleidung auf den Markt, die den neuesten unveröffentlichten Entwürfen Denise Haydens erstaunlich ähnlich sah. Denise vermutete, dass eine ihrer Angestellten die Entwürfe weitergab. Für Geld.
Ja, solche Fälle ließen sich relativ einfach lösen. Außer, die Klientin machte Vorschriften, welche Ermittlungsmethoden man zu wählen habe. »Wir stellen versteckte Kameras in Ihrem Atelier auf«, war Lees Vorschlag gewesen, nachdem Denise ihr erklärt hatte, dass die Paggett-Modelle, die einigen aus ihrer Frühjahrs-Kollektion ähnlich sahen, zum ersten Mal im letzten Winter aufgetaucht waren. Und dann war ein Teil der Sommerkollektion kopiert worden. Lee hatte sich Namen, Adressen und Handynummern der Angestellten, alles Frauen, notiert. Jeder schien Zugang zu allem zu haben, bis auf den Safe, dessen Kombination nur Denise kannte und in den sie jeden Abend die Entwürfe einschloss. Was wenig nützte, musste man doch tagsüber mit ihnen arbeiten und gab jeder der Angestellten damit die beste Gelegenheit, sie zu kopieren oder zu fotografieren, wenn niemand hinschaute.
Lee versuchte es noch einmal. »Aber mit Kameras lässt sich der Schuldige schnell ermitteln. Und das wahrscheinlich innerhalb weniger Tage! Die Geräte sind so klein, die bemerkt niemand.« Auch die Designerin nicht.
»Nein!« Denise schüttelte vehement den Kopf. Ihr langes blondes Haar umflog sie wie ein Strahlenkranz. »Ein für alle Mal: So kann ich nicht arbeiten!«
Eine weitere Diskussion erschien sinnlos. »In Ordnung. Nutzen wir andere Methoden, um den Schuldigen zu ermitteln. Wir werden die PCs und das Netzwerk Ihres Ateliers überwachen. Vielleicht werden die Entwürfe von dort an Paggett oder einen Mittelsmann versendet. Oder jemand hat Spionagesoftware installiert. Außerdem werde ich die Angestellten observieren. Aber die Überführung des Schuldigen dauert so länger als mit Kameras.«
»Keine Kameras«, wiederholte Denise. »An Spionagesoftware habe ich noch gar nicht gedacht!«
»Das kommt heutzutage leider häufig vor. Sie nutzen Programme, um Ihre Mode zu entwerfen?«
»Teils, teils. Meist zeichne ich die Entwürfe von Hand, aber ich habe auch ein CAD-Programm. Aber nur ich benutze es. Meine Angestellten arbeiten mit den fertigen Entwürfen und mit Schnittmustern. Das Passwort für das Programm kennt keine von ihnen.« Denise schwieg kurz. »Na ja, vielleicht hat eine mal gesehen, wie ich es eingegeben habe. Können Sie denn beweisen, wer die Entwürfe stiehlt, falls Sie solche Software finden?«
»Es kommt darauf an. Wir werden die Software entfernen, sofern es sie geben sollte. Aber es kann durchaus passieren, dass derjenige, der sie installiert hat, nicht zu finden ist.«
Denise seufzte. »Wenigstens würde der Diebstahl dann aufhören. Aber am liebsten würde ich den Schuldigen und Paggett auf Schadenersatz verklagen. Angenommen, es ist eine der Angestellten. Falls die die Entwürfe über ihre E-Mail verschickt, kann man doch feststellen, ob Paggett dahintersteckt, oder?«
»Falls die Schuldige Entwürfe direkt von ihrer Firmen-E-Mail an Paggett schickt und nicht nur an einen Mittelsmann, dann ja. Aber sie könnte auch Handyfotos machen und diese von ihrem Handy verschicken. Oder einen ausgedruckten Entwurf in der Handtasche mitgehen lassen. Das würden wir durch die Überwachung der Firmen-PCs nicht erfassen.«
»Dann überwachen Sie die Handys! Oder hören Sie sie ab!«
»Das ist illegal. Ein privates Handy darf nur überwacht werden, wenn der Handyinhaber zugestimmt oder ein Gericht es angeordnet hat. Ist das nicht der Fall, sind derartig erworbene Beweise in einem Gerichtsverfahren nicht als Beweismittel zugelassen. Ihr Vorhaben, den Schuldigen auf Basis solcher Beweise zu verklagen, würde scheitern«, sagte Lee in einer Imitation besten Beamtenjargons. Und mir würde man die Lizenz entziehen.
»Das Überwachen der PCs des Ateliers und der Firmen-E-Mails wäre nicht illegal?«
»Nicht, wenn Sie Ihr Einverständnis dazu geben. Ihnen gehört die Firma. Damit haben Sie das Recht, entsprechende Software auf den PCs zu installieren.«
»Ah. In Ordnung, machen wir es so. Also Software und Observationen. Wann, glauben Sie, werden Sie den Schuldigen ermittelt haben?«
»Das ist schwer zu sagen. Falls Sie mir heute den Auftrag erteilen, schlage ich vor, dass wir uns in zwei Wochen treffen. Dann sichten wir die Informationen, die ich bis dahin gesammelt habe, und entscheiden, wie es weitergeht. Sollte sich vor Ablauf der zwei Wochen etwas ergeben, sage ich Ihnen natürlich sofort Bescheid.«
Denise nickte.
»Ich brauche noch Namen und Adressen derjenigen, die Zugang zum Atelier haben. Wie Putzkolonnen oder den Sicherheitsdienst. Und die Namen von Leuten, die häufiger im Atelier auftauchen und länger dort warten als ein paar Minuten.«
»Ich schicke Ihnen die Infos zur Security und den Putzleuten, sobald ich zurück im Atelier bin. Ansonsten gibt es Paketboten und Lieferanten, aber die sind immer schnell wieder verschwunden.«
»In Ordnung. Ich kann den Auftrag übernehmen, wenn Sie ihn mir geben wollen. Nur ein Hinweis: Mein IT-Experte würde Ihre PCs untersuchen, ob sich dort Spionagesoftware befindet. Das wäre der allererste Schritt.«
»Ja, natürlich. Muss er dazu ins Atelier kommen?«
»Nein, wenn Sie uns den notwendigen Zugang geben, wird er das aus der Ferne erledigen.«
»In Ordnung.«
»Okay.« Lee hüstelte. »Nur, um sicherzugehen: Sie haben mit niemandem außer Stan Muller und mir über Ihren Verdacht gesprochen? Also, dass jemand Ihre Entwürfe stiehlt?«
»Nein, natürlich nicht!«
»Auch nicht in der Familie? Oder mit Ihren Freunden?«
»Nein, da halte ich die Arbeit ganz raus.«
»Okay. Noch eine letzte Frage. Leben Sie mit jemandem zusammen? Der über Sie möglicherweise an die Entwürfe kommen könnte?«
Eine leichte Röte stieg in Denise’ Wangen. »Ich verstehe, Sie müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Aber nein, ich lebe allein. Und ich nehme die Entwürfe sowieso niemals mit nach Hause.«
»Dann weiß ich Bescheid, danke. Heute ist Freitag. Ich nehme an, an den Wochenenden wird bei Ihnen nicht gearbeitet?«
»Nein.«
»Dann macht es Sinn, die Observierung am Montag aufzunehmen. Aber erst einmal zur Auftragserteilung …«
Nachdem Denise sich verabschiedet hatte, griff Lee zum Telefon und drückte eine Schnellwahltaste.
Ryder meldete sich sofort. »Guten Tag! Wenn Sie wünschen, dass ich einen Regierungscomputer hacke, drücken Sie bitte die Eins! Wünschen Sie die Installation bösartiger Software bei einem Konkurrenten, drücken Sie bitte die Zwei! Sind Sie eine Privatdetektivin, die einen mies bezahlten Job für mich hat, legen Sie bitte wieder auf!« Seine Stimme wurde untermalt vom Tastenklappern eines Keyboards.
Lee lachte. »Den Gefallen tue ich dir nicht, mein Lieber! Im Gegenteil, ich drohe mit einem neuen Auftrag. Interessiert?«
»Es wäre ja auch zu schön, um wahr zu sein. Schieß los.«
Sie gingen den Fall durch und Ryder versprach, sich sofort daranzusetzen. »Schick mir die Zugangsdaten. Ich melde mich, sobald ich das System des Ateliers durchforstet habe.«
Die nächsten Stunden verbrachte Lee am PC. Keine von Denise’ Angestellten war vorbestraft. Die Profile auf Instagram und Facebook deuteten nicht auf einen plötzlichen Geldsegen hin, der sich in neu erworbenen Autos oder Luxusurlauben spiegelte. Auf LinkedIn fanden sich keine Profile der Angestellten und damit keine Hinweise auf Verbindungen zu Paggett in einem professionellen Netzwerk.
Schließlich legte sie für jede Verdächtige ein Datenblatt an, in das später die Observationsergebnisse eingetragen werden würden. Doch Observationen waren erst der zweite Schritt. Es gab da etwas, mit dem sie sich zu Beginn jedes Falles gerne orientierte. Diese besondere Maßnahme war weder legal noch illegal. Sie wurde in keinem Gesetz erwähnt. Weil niemand von ihr wusste.
Sie würde sich im Atelier umsehen. Am Montag. Auf ihre Weise.
In seiner Hast, sich so weit wie möglich vom Portal zu entfernen, rannte Wydin, begleitet vom Keuchen seines eigenen Atems und dem Knacken abgestorbener Zweige, die unter seinen Stiefelsohlen zerbarsten. Er preschte durch dichte Wälder mit Bäumen, deren Kronen hoch über seinem Kopf schwebten. Das bleiche Mondlicht drang kaum durch das Blätterwerk. Äste schlugen ihm ins Gesicht und er stolperte über ausladende Wurzeln. Dann hörten die Bäume auf und er kletterte einen steilen Hang voller Felsen und Gesteinsbrocken hoch. Er rutschte ab, als sich ein Stein unter seinem Stiefel löste und den Hang hinabsprang, ein in der Stille der Nacht ohrenbetäubendes Geräusch. Weiter! Er kraxelte noch geschwinder über das Gestein. Endlich hatte er es überwunden und eilte auf einem Pfad, der sich zwischen mächtigen Bäumen und Felsbrocken schlängelte, den Berg weiter hinauf. Die Bäume standen weniger eng beieinander und er war versucht, die Flügel auszubreiten und zu fliegen. Aber nein, er durfte nicht auffallen! Wenn in der Menschenwelt, dann bewege dich wie ein Mensch.
Ihm begegnete allerdings niemand. Doch allein war er nicht. Ein ums andere Mal sah er glühende Augen im Dickicht, die blitzartig verschwanden, und hörte das Prasseln brechenden Holzes, als ein von ihm aufgestörtes Tier tiefer in den Wald floh. Dazu kamen dunkle Rufe, von denen er hoffte, dass es harmlose Nachtvögel waren, und einmal ein entferntes Heulen, das ihn an die räudigen Steppenwölfe erinnerte, die über die kargen Nordebenen des Andersreichs schnürten. So stieg er immer weiter nach oben und kam endlich auf den verwitterten Felsen einer alles überragenden Bergkuppe an.
Er drehte sich einmal um seine eigene Achse. Und erstarrte vor Staunen.
In seinem Rücken lagen bewaldete Bergketten mit vom Mond hell beschienenen Gipfeln. Vor ihm aber breitete sich ein funkelndes Juwel aus. Eine Stadt! Mit tausenden Lichtern! Die ersten leuchteten zu Füßen des Bergs auf und zogen sich hin bis zu einem schwarzen Band, auf dem sich nur einzelne Lichtpunkte bewegten. Jenseits des Bands aber schimmerte es in allen Schattierungen von Gold.
Atemlos vor Ehrfurcht betrachtete Wydin diese Pracht. Sicher, auch in seinem Dorf gab es Lichter, geworfen von Feuern, Lampen oder Fackeln. Aber das hier, das war viel, viel mehr! Viel mehr Häuser und viel mehr Licht! Nach rechts lagen höhere Häuser, die besonders hell strahlten. Nach links gab es niedrigere Häuser, die dunkler waren. Das schwarze Band war eine Wasserstraße, begriff er, und die sich darauf bewegenden Lichter Kähne.
Er zwang sich, die Augen von den Lichtern abzuwenden. Er konnte nicht hierbleiben. Zwar war es auf diesem Berg einsam, aber bald würde es Tag werden. Vielleicht kamen dann Menschen her.
Was in Pazuzus Namen sollte er machen?
Er ließ sich auf einen Stein fallen, befahl seine wieder aufflammende Angst in einen hinteren Winkel seines Kopfs, und legte Daumen und Zeigefinger an die Nasenwurzel. Seine Gedanken wanderten zurück zu den Stunden, die der Grund waren, dass er nun hier saß.
Er war wie jeden Tag seiner Arbeit bei Boal nachgegangen. So stolz war er darauf gewesen, dass Boal ihn als Gehilfen hatte haben wollen, ihn, einen Jungen, der außer dem, was ihm in den Unterweisungen beigebracht worden war, kein Wissen hatte! Sicher, die Arbeit war nichts Großartiges. Er hielt Boals vornehmes Haus sauber und half dem Magier bei seinem Handwerk. Aber was hatte Vater gesagt? »Wenn Boal dich als guten Arbeiter schätzt, wird er dich sicher zu seinem Lehrjungen machen!«
So hatte er dem Magier am heutigen Morgen getrocknetes Echsenfleisch und ein Glas Graubeerenwein zum Frühstück serviert. Danach reinigte er die Kupferbecher, in denen Steinpulver, Öle und Sand aufbewahrt wurden.
Boal saß derweil über seinen Büchern und sinnierte über Zauber, wobei er aus alter Gewohnheit vor sich hin murmelte. Wydin lauschte mit halbem Ohr. Nicht so sehr, weil es ihn interessierte, was der Magier sagte, sondern damit er keine Anweisung überhörte. Denn auch wenn es schien, als redete Boal selbstvergessen vor sich hin, hatte Wydin in dem Jahr bei ihm gelernt, dass er genau aufpasste, was um ihn herum geschah.
So auch heute. Gerade hatte Wydin den letzten Kupferbecher mit einem Tuch getrocknet und auf das Regal gestellt, da sagte Boal: »… nein, nein, nein, verflixt! ›Ko‹, nicht ›Cho‹! Es geht um Seelen! SEELEN! Da wird ›Cho‹ nicht reichen! Der Zauber muss ein ›Ko‹ enthalten! Wydin, jetzt geh und putze den Flur! Aber wenn ich ›Ko‹ nehme, kann ich es nicht mit ›jio‹ zusammentun, die beiden schwächen einander! Wenn ich …«
Wydin ging ohne ein Wort, wie Boal es von ihm erwartete. Er nahm einen Eimer und ein grobes Tuch, holte Wasser vom Becken in der Küche, nahm von der Steinseife und wischte den Flur, der das Haus von vorne bis hinten durchlief. An der Hintertür angelangt trat er in den Garten, um das Putzwasser auszuschütten, als die Eingangstür mit einem Knall gegen die Wand flog. Schwere Stiefel trampelten auf den frisch geputzten Fliesen und die gebrüllte Frage an den Magier, wo Wydin sei, schallte durch das ganze Haus.
Wydin wusste sofort, weswegen sie gekommen waren.
Wegen Div. Sie holten Divs Sippe.
Er schleuderte den Eimer von sich und rannte los, erhob sich nach drei Schritten Anlauf in die Lüfte. Mit panischem Flügelschlag schoss er in den Himmel, raste über die Dächer des Dorfs, so schnell, dass sie unter ihm zu einer grauen Masse verschmolzen. Vorbei am trüben Weiher vor dem Dorf und über die kargen Felder hinein in die Steinebene. Am Horizont zeichneten sich die Gipfel der Windberge als rauchgraue Silhouette ab.
Hinter ihm erklangen die wütenden Rufe seiner Verfolger. Sie hatten sich ebenfalls in die Lüfte erhoben.
Nicht fliegen! Sie sehen dich in der Luft meilenweit! Laufen! Du musst dich verstecken!
Aber wo? Die Ebene bot keine Verstecke. Erst nahe den Windbergen gab es Felsenklippen und riesige Gesteinsblöcke, in deren Höhlen und düsteren Durchgängen man sich verbergen konnte. Die musste er aber erst einmal erreichen! Schneller! Sein Flügelschlag wurde heftiger.
Halfen ihm Boals Zauber? Hatte Boal irgendwann Kampfzauber vor sich hingebrabbelt? Wydin konnte sich nicht erinnern. Außerdem ging es bei Boal meist um Zauber für Seelen. Diese Zauber nützte ihm angesichts der Tatsache, dass seine Verfolger Dämonen waren, überhaupt nichts! Nun, anscheinend kannten sie auch keine Zauber, denn sonst hätten sie ihn längst gefangen.
Er warf einen hastigen Blick über die Schulter. Die Verfolger, drei an der Zahl, schienen zurückzufallen. Ich bin schneller als sie! Vielleicht kann ich sie abhängen! Das gab ihm ein Quäntchen Hoffnung, aber trotzdem erschien ihm jede Meile, die er hinter sich brachte, wie einhundert, nein, wie eintausend Meilen.
Endlich tauchten die ersten Felsen auf. Er riskierte einen Blick zurück. Zu seiner großen Erleichterung waren die Verfolger zu Punkten am Horizont zusammengeschmolzen. Doch diese Erleichterung wich rasch einer Ahnung von dem, was sie vorhatten. Sie wussten, dass seine Flügel müde wurden, und blieben in Sichtweite, bis er erschöpft war und sie ihn ohne große Anstrengungen auflesen konnten. Ich brauche ein Versteck!
Kurzentschlossen landete er, rannte durch einen steinernen Tunnel und sprang über ein ausgetrocknetes Bachbett. Er musste sich so weit wie möglich von der Stelle entfernen, an der sie ihn zuletzt gesehen hatten! Die Muskeln seiner Beine brannten wie Feuer, aber er zwang sich immer weiter. Er kannte sich hier aus, hatte als Knabe gemeinsam mit den anderen Jungen und Mädchen seines Dorfs zwischen den Felsen gespielt. Seine Verfolger ahnten von all den versteckten Spalten hoffentlich nichts!
Da, die kleine Höhle! Er warf sich in den schmalen Hohlraum unter einem scharfzackigen Felsen. Die Höhle war flach und lang und so konnte er sich in ihr ausstrecken, musste aber aufpassen, sich nicht den Kopf zu stoßen.
Mit ängstlichen Augen spähte er in den diesigen Himmel. Würden sie sein Versteck finden? Er lauschte angespannt. Bis auf seine sich nur langsam beruhigenden Atemstöße hörte er nichts und der Himmel blieb leer. Doch er ließ sich nicht täuschen. Sie würden die Felsen planvoll abfliegen, um ihn zu finden. Oder sich an verschiedenen Stellen postieren, um zu warten, bis er aus seinem Versteck gekrochen kam.
Plötzlich erklang Flügelrauschen. Wydin presste sich auf den sandigen Boden. Jemand flog in sanften Kurven über den Felsen, seine ausgebreiteten Flügel schwarz wie das Echsenleder seiner Uniform. An einer Seite blitzte das Silber einer Schwertklinge auf. An der anderen waren eiserne Handfesseln an einem Gürtel befestigt. Die Wydin verrieten, mit wem er es zu tun hatte. Sie haben Straßenwächter geschickt, um mich zu holen! Keine Krieger! Deswegen hatten seine Verfolger keine Zauber verwendet, um ihn zu fangen. Solche Zauber kannten nur die Krieger. Aber man hatte wohl gedacht, dass Straßenwächter genügen würden, um einen einfachen Hausdiener zu ergreifen.
Der Blick des Straßenwächters strich über Wydins Versteck hinweg. Wydin hielt die Luft an. Er hatte Glück: Nach weiteren Flugkurven verschwand der Straßenwächter. Wydin blieb. Nicht bevor es dunkel wurde, würde er sich aus diesem Versteck wagen! Aber wohin sollte er dann gehen? Sie würden ihn überall suchen!
Das Einzige, was ihm einfiel, waren die Windberge. In den einsamen Klüften unterhalb der sturmumtosten Gipfel ließ es sich trefflich verstecken. Er kannte sich dort aus. Unter dem Mantel der Dunkelheit würde er unentdeckt in ihnen verschwinden können.
Wie alles, das man sich sehnlichst herbeiwünscht, kam die Dunkelheit an diesem Tag viel zu langsam. Mehr als einmal war er drauf und dran, sich auf den Weg zu machen, sagte sich, dass die Straßenwächter längst weitergezogen waren, aber er bezwang seine Unruhe. Er brauchte die Dunkelheit, wie man in eisigen Wintern einen dicken Umhang benötigte.
Dann endlich, nachdem er sichergestellt hatte, dass sich vor keiner der beiden Mondscheiben fliegende Silhouetten abzeichneten, kroch er aus der Höhle. Sein Gang war zunächst wankend, aber bald hatten sich die vom langen Warten steif gewordenen Beinmuskeln an die Bewegung gewöhnt und er trabte im Laufschritt zwischen Felsen und über Geröll. Es fühlte sich albern an, zu laufen, wenn man doch fliegen konnte. Aber dann würden sie ihn vielleicht sehen! Es wäre dumm, anzunehmen, dass sie das Weite gesucht hatten.
Er kam zu einem Felsentor, das sich in einen zwischen den Höhen der Windberge verlierenden Canyon öffnete. Die Düsternis des Canyons war Wydin mehr als willkommen und er tauchte hastig in sie ein. Er würde kurz Halt machen. Seine Füße schmerzten. Die leichten Stiefel aus Echsenleder waren nicht dazu gemacht, lange Strecken zu Fuß bequem zurückzulegen.
Hier, in der relativen Sicherheit der einsamen Berge, verdrängte erstmals die Wut seine Angst. Heute Morgen noch hatte er zufrieden gelebt! Nun war er ein Flüchtling! Schuld daran war allein Div! Div, sein unnützer Vetter! Div, der, nachdem Lamas, der Fürst der Winddämonen, von Aremyn gestürzt worden war, nichts Besseres zu tun gehabt hatte, als aufrührerische Reden gegen Aremyn zu halten und die Huldigungen zu verweigern! Die Sippe hatte versucht, ihn davon abzuhalten, aber Div hatte sie als Feiglinge beschimpft. Und weitergemacht. Sie hatten gehofft, dass er wenigstens klug genug war, sich nicht von Aremyns Schergen fangen zu lassen. Diese Hoffnung war wohl geplatzt. Die Sippe würde für Divs Verhalten mitverantwortlich gemacht. Das war einer der Winkelzüge Aremyns, um seine Untertanen vom Aufstand abzuhalten. Denn wer wagte schon, das Leben seiner Eltern, Kinder oder Vettern aufs Spiel zu setzen?
Wydin knirschte mit den Zähnen. Div hat es gewagt.
Wieder suchten seine Augen den schmalen Himmelsstreifen über dem Canyon ab. Fliegende Schatten waren keine zu sehen. Vorsichtig, aber eilig ging es weiter. Der Canyon wurde enger und endete an einer Felswand. Bis auf das Geräusch des Winds, der am Fuß der Berge bereits frisch blies, war es still. Nach oben würde sich der Wind verstärken bis hin zum ewigen Sturm, der über den Gipfeln tobte.
Von hier ginge es nur fliegend weiter. Anders ließen sich die steilen Wände nicht bewältigen. Doch bevor er losflog: Sollte er dem verzweifelten Einfall wirklich nachgeben, der ihm in der Höhle kauernd durch den Kopf geschossen war?
Sein verzagtes Auflachen mischte sich unter das Jaulen des Windes. Was bliebe ihm denn übrig? Die Schergen Aremyns würden hohe Belohnungen auf ihn und alle anderen Flüchtigen seiner Sippe aussetzen. So wurden zuverlässig all die gefunden, die sich vor Aremyn verbargen. Auch ihn, Wydin, würde über kurz oder lang jemand verraten, versteckte er sich in einem Dorf oder einer Stadt. Sie würden ihn exekutieren oder in Verliese sperren, aus denen es kein Entkommen gab.
Nur in den Windbergen wäre er vor Verrat sicher. Hier hielt sich niemand auf, wenn es nicht unbedingt sein musste. Aber in den Bergen gab es weder Nahrung noch Wasser. Flüsse, Bäche, Echsen oder Büsche mit essbaren Früchten suchte man vergeblich. Da waren nur Gestein und Wind. Jedes Mal, wenn er die Berge verließe, um sich Proviant zu beschaffen, geriete er in Gefahr, gefangen zu werden. Doch in den Bergen gab es eines der Portale, die in die Menschenwelt führten. Es wurde bewacht. Die Wächter hatten die Aufgabe, die Menschenwelt auszuspähen. Dafür verbanden sie sich mit den Menschenseelen, die das Portal durchschritten. Was, wenn es ihm gelänge, an den Wächtern vorbei durch das Portal in die Menschenwelt zu gehen? Dort wäre er vor Aremyn sicher.
Es war ein furchterregender Gedanke. Die Menschenwelt kannte er nur aus Erzählungen. Die Alten schilderten sie als Paradies, das die Dämonen mit ihren Kräften beherrschten wie Götter. Er, Wydin, ein Winddämon, konnte in ihr mit seinen Flügeln den Sturm entfesseln und sich damit die Menschen untertan machen. Auch Boal sprach in seinen gemurmelten Reden oft von den Menschen. Er hatte in den alten Tagen, bevor die Dämonen aus ihr vertrieben worden waren, in der Menschenwelt gelebt, und war voller Hass auf den Orden, der dort die Portale bewachte und Dämonen bannte. »Falls der Orden sie überhaupt findet!«, hatte er einmal verächtlich gesagt. »Die Ordenskämpfer sind keine Gegner für uns!«
Wieso Boal das sagte, hatte Wydin nie verstanden, aber es wäre ihm nicht im Traum eingefallen, den Magier zu fragen. Der Orden erschien ihm durchaus als würdiger Gegner. Die Portale waren nach der Vertreibung der Dämonen ins Andersreich von den Ordensmagiern verschlossen worden. Gegen Körper, nicht aber gegen wandernde Seelen. Es war eine einfache und effektvolle Lösung gewesen. Menschen hatten Seelen. Dämonen waren seelenlos. Dämonen konnten also nicht durch ein Portal gehen, Menschen hingegen schon. Mit ihrer Seele. Aremyn hatte Boal vor langer Zeit die Aufgabe gestellt, die Portale für Körper wieder gangbar zu machen, damit er mit seinen Kriegern durch sie gehen konnte. Aber Boal hatte nur den Verbindungszauber vollbracht. Mit dem einzelne Dämonen in die Menschenwelt gelangten, indem sie sich an der Seite einer Seele versteckten.
Wenn Wydin all das so überdachte, war es keine schlechte Idee, sich zu den Menschen zu flüchten. Die Straßenwachen würden ihn dort nie finden. Und mit seinen Kräften hatte er in der Menschenwelt wenig zu befürchten, zumindest weniger als im Andersreich, wo er ab sofort vogelfrei war. Er müsste nur diesem Orden entgehen, wo er schwankte, ob er Boals abfälligen Reden darüber Glauben schenken sollte. Doch er rief sich zur Ordnung. Boal war ein mächtiger Magier und viele tausend Jahre alt! Er wusste, wovon er sprach, wenn er sagte, der Orden sei kein Gegner für die Dämonen! Wer war er, Wydin, das infrage zu stellen? Es sollte ihm doch gelingen, die Ordenskämpfer zu meiden!
Blieb, ungesehen an den Portalwächtern Aremyns vorbeizukommen. Ob und wie ihm dies gelänge, ließe sich nur sagen, nachdem er das Portal in Augenschein genommen hatte. Versteckt und aus sicherer Entfernung. Aremyn hatte verfügt, dass sich außer den Wächtern niemand den Portalen nähern durfte. Die Portalwächter waren Krieger. Bemerkten sie ihn, konnten sie ihn mit Magie überwältigen und den Straßenwachen übergeben.
Den Weg zum Portal in den Windbergen kannte er. Bis Aremyn es vor einigen Jahren unter Bewachung gestellt hatte, war es das Ziel von Mutproben junger Winddämonen gewesen. Auch Wydin hatte unter dem Gejohle seiner Freunde die geheimnisvollen Steinzeichnungen berührt. Die ihn, entgegen dem, was sein Vater behauptete, nicht in den Felsen gezogen hatten.
Er holte tief Luft, tat einen letzten Rundumblick und erhob sich mit kräftigem Flügelschlag in die Lüfte. Er blieb nahe genug an der Felswand, um von Weitem nicht sofort gesehen zu werden. Es war einsam, doch beim Gedanken an seine Verfolger wurden seine Flügelschläge hastiger. Die Wand flog an ihm vorbei, dann hatte er sie hinter sich gelassen, stieg an einem steilen Geröllhang empor, der wiederum an einer sich nach vorne neigenden Felswand endete. Sein Flug wurde durch den stärker werdenden Wind mühsamer und gefährlicher. Er achtete auf genügend Abstand, um von den Böen nicht gegen die Felsen geworfen zu werden. Ab und an sah er sich nach Verfolgern um. Dann kam eine letzte Wand. Auf dem Plateau unterhalb der Felsenspitze, in der auf halber Höhe das Portal lag, brannte das Feuer der Wachen. Der steife Wind warf die Flammen hin und her.
Wydin hielt im Schatten der Felsen inne.
Die Wachen waren zu zweit und Winddämonen wie er auch. Das Portal in den Windbergen erreichte man nur fliegend, weswegen es den Kriegern Aremyns, allesamt Feuerdämonen, verwehrt war, es zu nutzen. Im Dorf tuschelte man, Aremyn habe die Winddämonen nur unterworfen, um sich den Zugang zum Portal und zu Lamas’ Kriegern zu sichern, und später mit deren Hilfe die Menschenwelt zu erobern. Was er allein mit den Kriegern der Feuerdämonen nicht schaffen würde.
Die Portalwächter erschienen Wydin nicht sonderlich aufmerksam. Sie redeten und lachten, anstatt die Umgebung und das Portal zu beobachten. Trotzdem behielt er sie im Blick, als er in den Schatten bis zur Felsenspitze flog. Die Wachen schienen nicht auf die Idee zu kommen, sich auch nur einmal umzusehen. Das ermutigte ihn, sich dem Portal vorsichtig von oben zu nähern. Es war nur an seinen Steinzeichnungen zu erkennen, die wie ein Bogen in den Felsen geritzt worden waren. Sie zeigten Menschen, Tiere und Berge mit Wäldern. Wydin hatte sich immer gefragt, wie es sich anfühlte, in Wäldern zu sein, die sich über Meilen hinziehen sollten. Im Andersreich gab es keine Wälder, sondern nur hin und wieder Ansammlungen von einigen wenigen, windzerzausten Bäumen.
Etwas oberhalb des Portals gab es einen schmalen Vorsprung, hinter dem sich ein Spalt im Stein öffnete. Er landete darauf und schob sich in den Spalt. Als Knabe hatte er in ihm stehen können, jetzt aber kauerte er mit unterschlagenen Beinen dort. Der Vorsprung lag zwar nur wenige Schritte über dem Plateau, aber die Dunkelheit in dem Spalt würde ihn, Wydin, vor den Augen der Krieger verbergen.
Aber die Wächter ignorierten ihre Umgebung immer noch. Sie saßen dicht am Feuer, über dem eine Echsenkeule brutzelte, hielten die Hände an die wärmenden Flammen und unterhielten sich angeregt.
Jetzt hieß es warten. Womöglich mehrere Tage und Nächte. Wie viele Seelen das Portal durchschritten und wie häufig sie hier auftauchten, wusste er nicht. Wie sie aussahen, hingegen schon, Boal hatte Seelen zu Genüge beschrieben. Wydin spitzte die Ohren, vielleicht sagten die Wächter etwas, das ihm half!
»… er durch das Portal gegangen ist«, sagte der eine.
»Besser Vertas als wir! Er ist ein solcher Arschkriecher! Immer will er sich beim Obersten und bei Aremyn lieb Kind machen! Deswegen hat er sich doch sofort mit der Seele verbunden! Gut, dass er gegangen ist. Jetzt haben wir unsere Ruhe«, sagte der andere, schnitt ein Stück Fleisch von der Keule ab und steckte es in den Mund.
Wydins Magen machte einen Satz, doch er maßregelte sich sofort. Hunger konnte er sich jetzt nicht leisten! Mühsam seinen fordernden Magen ignorierend, zwang er sich, seine Aufmerksamkeit auf die Wachen gerichtet zu halten.
»Da stimme ich dir zu. Aber freuen wir uns nicht zu früh«, meinte der erste Wächter. »Bei unserem Glück kommt eine Seele just durch das Portal, wenn der Oberste mit der Ablösung erscheint. Dann muss einer von uns gehen. Sich vor den Augen des Obersten zu verweigern, ist tödlich.«
»Na ja, der Oberste hält auch nichts davon, sich am Portal den Arsch abzufrieren und auf Seelen zu warten. Letztens, in der Taverne, da hat er davon geschwafelt, was für ein Unglück es sei, Aremyn dienen zu müssen und das Portal zu bewachen. Aber was bleibt ihm und uns übrig? Wir sind unterworfen worden. Und müssen uns fügen. Oder zumindest den Anschein erwecken, als fügten wir uns.«
»Da hast du recht.« Sein Kamerad zögerte. »Wir sind uns noch immer einig, oder? Solange es niemand bemerkt, verbinden wir uns mit keiner Seele.«
»Wir sind uns einig, keine Sorge. Ich habe genauso wenig Lust wie du, in die Menschenwelt zu gehen. Und bisher ist keine Seele durch das Portal gekommen, wenn der Oberste hier war. Hoffen wir, dass es so bleibt! Wir haben noch zwei Tage bis zur Ablösung. Sehen wir zu, dass wir bis dahin keine Seele bemerken.«
Der andere lachte. »Das sollte uns gelingen. Doch wer von uns geht, falls doch eine Seele erscheint, wenn der Oberste da ist?«
»Wir müssen es auslosen, denke ich …«
Wydin blendete die weitere Debatte zwischen den beiden aus. Die neuen Wächter, die in zwei Tagen kamen, würden die Umgebung des Portals wohl genauer in Augenschein nehmen, vor allen Dingen, da der Oberste der Krieger dabei sein würde. Bis dahin musste er verschwunden sein! Dass die Wächter die Seelen ignorieren wollten, würde ihm helfen. Aber ob bis zur Ablösung eine Seele gekommen war, mit der er fliehen konnte? Die die Wächter nicht sehen wollten? Würden sie ihre Augen dergestalt abwenden, dass sie ihn auch weiterhin nicht bemerkten?
Doch dann legten sich die Wächter schlafen. Das Übersehen der Seelen beinhaltete offenbar, dass niemand während der Nacht wachte. Da sollte es ihm doch gelingen, sich heimlich mit einer Seele zu verbinden! Wenn denn eine Seele käme.
Er streckte sich vorsichtig. Es tat gut, sich zu bewegen. Ein Grunzen vom Plateau ließ ihn erstarren. Aber der Wächter, der es ausgestoßen hatte, drehte sich nur um und schlief weiter.
Wydin wurde kalt. Auch wenn sie weit von den obersten Berggipfeln entfernt waren, pfiff der Wind schon ordentlich. Er beneidete die Wachen um ihr Feuer, dessen Wärme von den Böen verweht wurde, bevor sie an Wydins Versteck anlangen konnte.
Die Nacht verlief ereignislos, was mehr an den Nerven zerrte, als wenn etwas passiert wäre. Er horchte auf Geräusche jenseits des Tosens des Windes, aber da war nichts. Schlaf fand er keinen, im Gegensatz zu den Wächtern, die erst mit dem Morgengrauen wieder munter wurden. Sie aßen die Reste vom Fleisch vom Vorabend, machten es sich gemütlich und dösten dann vor sich hin.
Als der Abend nach einem endlos erscheinenden Tag anbrach, wüteten Hunger und Durst in Wydins Eingeweiden und seine Muskeln waren verkrampft. Da er seit dem Vortag weder etwas gegessen noch getrunken hatte, blieb es ihm wenigstens erspart, sich in der Spalte erleichtern zu müssen.
Die Wächter wurden geschäftig und zogen ein dickes Stück grünes Echsenfleisch aus ihren Bündeln. Wydin schloss die Augen, um nicht mitansehen zu müssen, wie es fettglänzend über den Flammen hing. Der Bratengeruch umfächelte verlockend seine Nase. Innerlich gequält aufheulend zwang er sich, an etwas anderes zu denken. An seine Verfolger. Ob sie zum Portal kämen?
Die Wächter legten sich nach dem Essen schlafen und Wydin war versucht, den Rest der Wächtermahlzeit zu stehlen. Nein! Zu gefährlich! Also starrte er auf die dunklen Berghöhen und versuchte, die Vorstellung zu verdrängen, wie sich seine Zähne in saftiges Echsenfleisch schlugen. Er seufzte leise und drehte den Kopf hin und her, um seine schmerzenden Nackenmuskeln zu lockern. Bei einer der Drehungen sah er es: Das eben noch dunkel daliegende Portal wurde von einem silbernen Schimmer erleuchtet. Ist das etwa …?
Ja, es war eine Seele, ein Mann, der aussah, als sei er in ein langes Gewand gehüllt. Sein Gesicht war von der Seite nicht gut zu erkennen, aber er schien einen Bart zu haben. Natürlich trugen Seelen keine Bärte, aber Boal hatte erklärt, Seelen gäben sich das Aussehen ihres Körpers.
Der Mann schwebte vom Felsen weg, verharrte aber nach einigen Schritten, als überdächte er seinen Ausflug.
Wydin beobachtete ihn atemlos.
Der Mann drehte sich um, trieb wie ein verirrter Nebelfetzen zurück zum Portal.
Durch Wydin ging ein Ruck. Jetzt war der Moment da! Die Seele konnte ihn in die Menschenwelt bringen! Wie gebannt verfolgten seine Augen sie. Nur wenige Augenblicke und sie wäre im Felsen verschwunden.
Gehen oder bleiben? Bliebe er, träfe ihn das Schicksal seiner Sippe. Ginge er, hatte er eine Chance. Glaubte er. Oder sollte er auf eine andere Seele warten und bis die einträfe, alles noch einmal überdenken? Doch wer konnte schon sagen, wann die nächste Seele käme? Und ob die Wächter dann auch schliefen? Dies ist vermutlich meine einzige Gelegenheit!
Er wisperte hastig den Zauber: »Mu-na-n-du! - Verbinde dich!«
Ein silberner Dunst formte sich, der ihn wie mit einem dicken Seil an die Seele band. Erstaunt sah er, dass seine Finger und Hände, seine Beine und sein Rumpf silbern geworden waren. Es war, als würde das dunstige Seil die Beschaffenheit der Seele in ihn leiten.
Die Seele bemerke nichts von der Verbindung, hatte Boal stolz erklärt. Sie – und jeder zufällige Beobachter – sähe ihn noch nicht einmal, denn Boal hatte einen Unsichtbarkeitszauber mit dem Verbindungszauber verwoben. Blickte ein Wächter nach oben, sobald die Verbindung geschaffen war, sähe er nur die Seele. Versuchte der Wächter dann, sich mit ihr zu verbinden, würde er scheitern. Zu Boals großem Ärger ließ sich immer nur ein Dämonenkörper mit einer Seele verbinden.
Der Dunst zog Wydin aus dem Spalt hin zu der Seele. Unwillkürlich breitete er die Flügel aus und wollte sich gleichzeitig am Felsen festkrallen, gepackt von einer plötzlichen Furcht vor dem, was ihn jenseits des Portals erwartete. Seine Hand griff durch den Stein. Der Zauber ließ ihn zu einem Geist werden, wie die Seele einer war. Er war versucht, den Gegenzauber auszusprechen, in diesen allerletzten Momenten im Andersreich. Noch konnte er vermeiden, in die Welt der Menschen gezogen zu werden, noch …!
Wydin tauchte in schwarze Düsternis, die Seele silbrig an seiner Seite. Und bevor er darüber nachdenken konnte, dass er durch festen Felsen wanderte, als sei das Gestein Luft, traten sie in eine Höhle. Geheimnisvolle Symbole an ihren steinernen Wänden erhellten sie rotglühend. Die Seele schwebte durch einen Blättervorhang hinaus auf eine mondbeschienene Wiese unterhalb eines hohen Bergs.
Die Welt der Menschen! Mit nur einem Mond!
Es war einsam, nicht einmal ein Tier war zu sehen. Mit einem hastigen »Nin-na-n-ni! – Löse dich!« hob Wydin den Zauber auf. Der Dunst zwischen ihm und der Seele verblich. Er fiel in kniehohes Gras, rappelte sich auf und streckte Hände und Flügel. Er hatte seinen Körper wieder, konnte die Ähren des Grases berühren, ohne dass seine Finger durch sie glitten wie eben durch den Felsen!
Die Seele war stehen geblieben. Einen Lidschlag später verschwand sie abrupt.
Jetzt, auf dieser Wiese in den Bergen irgendwo in der Menschenwelt, ohne eine Seele, die ihn zurückbringen konnte, überfiel Wydin die Konsequenz seines Tuns mit aller Wucht. Seine Zuversicht, mit der er sich für die Flucht zu den Menschen entschieden hatte, bröckelte wie poröse Lavasteine unter Wagenrädern. Er war weit weg von zu Hause und den seinen. In einer Welt, die er nicht kannte, auf sich allein gestellt. Wie bei Pazuzu sollte er hier überleben?
Und es war eine sehr fremde Welt. Die Sternbilder am nachtblauen Himmel sahen anders aus als die daheim. Die Wiese war umgeben von vielen Bäumen, die einen in seiner Schwärze bedrohlich wirkenden Wald bildeten. Bergketten verloren sich über den Baumwipfeln in der Ferne. Auch das Portal sah anders aus. Zwei überwucherte Felsen bildeten die Höhle, in der es lag.
Auf der Wiese oberhalb der Felsen hatte man ein sonderbar rund geformtes Zelt errichtet. Im Innern des Zelts brannte Licht. Jemand kicherte. Dann ein leiser Schrei. »Nicht, Neil!« Eine Frau.
Die Ordenskämpfer! Sie bewachen das Portal! Wieso Ordenskämpfer bei der Wache kicherten, hatte sich Wydin zwar nicht erschlossen, aber er hatte es vorgezogen, hastig loszulaufen, um Entfernung zwischen sich und die Ordenskämpfer zu legen.
Jetzt gestand er sich ein, über die Entscheidung, das Andersreich zu verlassen, nicht genügend nachgedacht zu haben. Ja, er war Aremyn und seinen Schergen entronnen! Aber da waren seine Eltern und seine Schwester. Und natürlich Div, der an allem schuld war. Wie erging es ihnen gerade? Waren sie entkommen? Hätte er sie suchen sollen, anstatt in die Windberge zu fliehen? Wie hätte er das machen sollen? Die Schergen waren schnell gewesen. Er hätte es nie zum Haus seiner Sippe geschafft. Falls doch, wäre er dort auf weitere Straßenwachen gestoßen. Wie hätte er seiner Sippe da beistehen können? Er war kein Kämpfer, kein Krieger!
Aber vielleicht hätte er sie gar nicht im Haus angetroffen, vielleicht war ihnen die Flucht gelungen! Vielleicht hatte man sie auch gefangen und getötet. Es wäre tapferer und edler gewesen, dieses Schicksal mit ihnen zu teilen. Es beschämte ihn, sie im Stich gelassen zu haben. Zu dieser Scham gesellten sich die Trauer und ein tiefes Verlangen, nach Hause zurückzukehren.
Ich kann nicht. Ich habe kein Zuhause mehr.
Kälte stieg in ihm auf, die die warme, nach Holz duftende Luft nicht zu verdrängen vermochte. Er ließ die Flügel in den Staub sinken, stimmte den Trauergesang seiner Sippe an, und die leisen, klagenden Töne, die von Tod und Einsamkeit erzählten, flogen über Berge, Wälder und Täler bis hin zur Stadt der tausend Lichter.
Der finstere Blick Torins, des Großmarschalls, war auf Neil gerichtet, der mit hochrotem Gesicht dasaß. Nur das Rauschen der Klimaanlage und einmal ein Hüsteln durchbrachen die angespannte Stille.
Kane tat der junge Ordenskämpfer zwar leid, aber Neil hatte nun einmal Mist gebaut. Während seiner Portalwache war es einem Dämon gelungen, unbemerkt an ihm vorbeizukommen.
Es war beileibe nicht das erste Mal, dass ein Dämon durch das Portal gelangt war, ohne gesehen worden zu sein. Das passierte, wenn er mit der Seele verbunden blieb, an die er sich gehängt hatte. Wie die Seele auch war er dann für das menschliche Auge unsichtbar. Daher war es wichtig, die Steinzeichnungen in der Höhle des Portals regelmäßig zu kontrollieren. Und sich sofort auf Spurensuche zu machen, falls sie leuchteten.
Genau das hatte Neil nicht getan. Erst in der Morgendämmerung war er zum Routinecheck in die Höhle gegangen. Das leuchtende Rot der Steinzeichnungen verblasste bereits. Eine Viertelstunde später und sie hätten nie von dem Dämon erfahren. Der inzwischen einen enormen Vorsprung hatte.
Torin hatte sie zu einem Meeting in der nussbaumgetäfelten Bibliothek zusammengerufen. Nur Ashkii fehlte. Er hatte die Portalwache übernommen.
»Warum hast du den Dämon nicht bemerkt, als er aus dem Portal trat?«, begann der Großmarschall das Kreuzverhör.
»Ich denke, er hat die Verbindung mit der Seele aufrechterhalten, die ihn durch das Portal gebracht hat.«
»Das heißt, du hast den Höhlenausgang und die Wiese die ganze Zeit im Blick gehabt? Sodass du den Dämon gesehen hättest, wäre die Verbindung dort gelöst worden?«
»Nein, nicht die ganze Zeit. Ich … ich bin durchaus einmal oder zweimal … äh, weg gewesen.«
»Was heißt das? Dass du deinen Posten verlassen hast?«
»Nein… ich meine …« Neil wurde womöglich noch röter im Gesicht. »Da war ein Mädchen.«
Kane glaubte, sich verhört zu haben. Neil hatte eine Frau zum Portal gebracht?!
»Ein Mädchen?«, wiederholte Torin.
»Sie … sie weiß nichts vom Portal!«, sagte Neil hastig. »Sie dachte, ich würde dort zelten! Sie hat mich angesprochen, als ich am Elsay Lake Trail gearbeitet habe. Sie ist gewandert.«
Kane schüttelte den Kopf. Neil war wie Ashkii und Paul auch ein Park Ranger. Es gab Ranger, die die Wirkung ihrer Uniform auf Frauen weidlich ausnützten. Wenn Neil weiterhin für den Orden tätig sein wollte, musste er zusehen, dass er nicht wie jene Männer wurde.
»Wie heißt sie?«, fragte Torin.
»Äh, Olivia.«
»Und weiter? Wo wohnt sie?«
»Ich … sie sagte, sie sei aus Kalifornien. Eine Amerikanerin. Mehr weiß ich nicht von ihr. Es war eine einmalige Sache, wirklich!«
»Sie hat keine Ahnung?«
»Nein!« Schweiß glänzte auf Neils Stirn. »Sie … sie dachte, ich wäre nur ein Ranger!«
»Sie hat keine Fragen gestellt? Über die Felsen oder gar den Orden?«
»Nein! Ich schwöre!« Neils Verzweiflung war verständlich. Falls die Frau etwas vom Portal oder dem Orden ahnte, musste man sie zum Schweigen bringen. Für immer. »Sie hat die Felsen mit keinem Wort angesprochen! Und den Orden auch nicht! Es … es war nur Sex!«
