Bildvagabunden: Feuerpalast - S.C. Keidner - E-Book

Bildvagabunden: Feuerpalast E-Book

S.C. Keidner

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Beschreibung

Der abschließende Band der Fantasy-Reihe um die Reise durch magische Bilderwelten Caro und Ryu sind in Abkhinda angelangt, wo die Gilde der Bildvagabunden residiert, großzügig unterstützt vom Tanios, dem Herrscher des Landes. Mit dem Wissen der Gilde über die Welten, angesammelt über Jahrhunderte in einer riesigen Bibliothek, wollen sie nun endlich den Weg nach Hause finden. Doch der Tanios, der Abkhinda mit harter Hand regiert, hat andere Vorstellungen: Ryus Drachenfeuer soll ihm helfen, eine erstarkende Rebellion niederzuschlagen. Und dann ist da noch Banor, der Zentaur, der ihnen nach Abkhinda gefolgt ist, um sich zu rächen …

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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Kapitel 1

Auf halber Höhe des Hügels blieben sie unter einer windzerzausten Eiche stehen.

Im Westen färbte die sich dem Horizont zuneigende Sonne Meer und Himmel glühend rot. Über die Ebene gen Osten, die sie von der Ruine oben auf der Hügelkuppe noch weit überblickt hatten, trieb der feuchte Wind aschefarbige Regenschleier durch die abendliche Dämmerung. Aus dem Dunst tauchte eine mit grauen Steinen gepflasterte Straße auf, über die sich ein steter Strom aus Kutschen, Wägen und Fußgängern ergoss. Sie verlief zu Füßen des Hügels hin zu einer überdachten Brücke, an deren Aufgang Säulen mit brennenden Feuerschalen standen und die über den breiten Kanal in die an einer weiten Bucht liegende Stadt führte.

In ihrem geschäftigen Hafen hatten unzählige Schiffe festgemacht, von Segelschiffen mit zwei oder drei Masten bis hin zu vielen kleineren Booten, von denen einige im Begriff waren, in die bewegte See auszulaufen. Vor dem Hafen lag einem Bollwerk gleich die Felseninsel, auf der der Palast thronte, der ihre Blicke bereits an der Ruine auf sich gezogen hatte. Vor dem Rot des Sonnenuntergangs wirkte der Prachtbau wie ein Scherenschnitt. Mit seinen zahllosen Stockwerken verjüngte er sich nach oben, sodass Caro einen verrückten Augenblick lang glaubte, sie blickte auf eine der Pyramiden des Horts. Fensterreihen, von denen viele bereits erleuchtet waren, durchbrachen die Mauern, die mit den steilen Klippen abschlossen. Es gab vier Türme, die von den oberen Palastebenen überragt wurden. Auf ihnen loderten Flammen. Der Damm, der das Festland mit dem Palast verband, endete an einem Platz vor dem Eingangsportal, um den rundherum Feuer brannten.

Feuer gab es auch inmitten der Stadt. Sie warfen flackernde Schatten auf die Mauern dreier großer Gebäude, die nahe beieinander lagen, eines Tempels, eines gedrungenen Kastenbaus und eines quadratisch angelegten Bauwerks mit Türmen an den Ecken. Alle anderen Häuser schienen in der Dämmerung zu einer graubraunen Masse zu verschmelzen.

»Feuer statt Fahnen«, sagte Caro.

»Und an der Brücke gibt es Wachen.« Ryu hatte erspäht, was sie erst jetzt mühsam erkannte: An den Feuersäulen standen reglose Gestalten, die vom Strom der Reisenden umflossen wurden.

Sie seufzte. Natürlich. Wieso kann es nicht einmal einen Ort geben, zu dem wir wollen und der nicht bewacht ist?

Doch ein anderer Weg, um in die Stadt zu gelangen, war nicht zu erkennen. Der Kanal nahm jenseits des Hafens, an der Küste, seinen Anfang. Dort hatte man ihn mit einer Staumauer zum Meer hin verschlossen. In die andere Richtung verschwand er bereits im Nebel. Er umschloss die gesamte Stadt, wie sie von der Ruine aus gesehen hatten. Falls es weitere Brücken in die Stadt gab, bewachte man die sicher auch.

»Wir müssen irgendwie an denen vorbeikommen.«

»Versuchen wir, uns im Schutz der Dämmerung und der vielen Reisenden an ihnen vorbeizudrücken.«

Kurze Zeit später wanderten sie neben einem mit Heu beladenen Ochsenkarren, von dem sie hofften, er würde sie vor den Augen der Wachen verbergen. Das erschien bitte nötig. Umhänge und Kleider wie das Caros schien man nicht zu kennen. Die Menschen hier trugen Tuniken und Hosen in Schwarz, Grau oder Braun. Rucksäcke gab es ebenso wenig. An ihrer Stelle balancierte man Körbe auf den Köpfen. Zudem hatten Fußgänger und Kutscher allesamt dunkle Haut und schwarze Haare. Selbst Ryus gebräuntes Gesicht stach hervor, von Caros blonden Locken ganz zu schweigen. Viele verstohlene Blicke trafen sie und mehr als einmal wandte jemand hastig den Kopf ab, wenn er sich beim Starren ertappt sah. Aber ändern ließ sich ihr Äußeres nun einmal nicht und sie mussten in die Stadt, um Erkundigungen über die Gilde anzustellen, der Grund, warum sie überhaupt hergekommen waren.

Caro zog die Kapuze ihres Umhangs hoch, versuchte, wenigstens ihr Haar zu verdecken.

»Hoffen wir, dass das gut geht«, murmelte Ryu.

»Lass uns doch über Nacht die Wachen beobachten«, flüsterte sie. »Vielleicht kommen wir tagsüber besser an denen vorbei. Oder wir könnten uns andere Kleidung besorgen!«

»Woher sollen wir die nehmen? Und all die anderen marschieren zur Stadt hin, niemand verlässt sie. Die Wachen können uns bereits sehen. Da fällt es noch viel mehr auf, wenn wir jetzt umkehren. Bleiben wir im Schatten des Wagens. Dann sollten sie nicht viel von uns erkennen können.«

Ryus rechte Hand verschwand unter dem Umhang, wo er, wie sie wusste, den Knauf des Schwerts umklammert hielt.

Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Keiner der Reisenden schien den Wachen Beachtung zu schenken und so starrte auch sie angelegentlich auf das graue Pflaster. Vom still stehenden Wasser des Kanals stieg Modergeruch auf. Sie machten einen Schritt nach dem anderen, erreichten den von Flammen beschienenen Teil der Straße, passierten die Feuersäulen und …

»Ihr zwei da! Anhalten!«

Caro erstarrte. Einen Augenblick gab sie sich der Hoffnung hin, der Wachposten hätte jemand anderen angerufen. Doch da kam der Mann schon auf sie und Ryu zu, während seine Kameraden weiterhin die Straße im Blick behielten. Die anderen Reisenden schienen mit einem Male einen großen Bogen um sie zu schlagen.

Der Wächter war untersetzt und in Schwarz gekleidet. Über einer dicken Tunika trug er einen Rumpfschutz aus ineinander verschlungenen eisernen Bändern. Die Hosen, genäht aus dem gleichen Stoff wie die Tunika, waren in Strümpfe aus rauer Wolle gestopft. Schwere Halbstiefel, ein visierloser Helm mit einer darauf eingravierten Flamme und ein langes Krummschwert vervollständigten seine Ausstattung.

Er musterte sie gemächlich von oben nach unten.

»Wo kommt ihr her?«, wandte er sich dann an Ryu.

»Aus dem Norden«, sagte der ruhig. »Aus einem kleinen Weiler ohne Namen.«

»Seid ihr dort angekommen?«

Ryu räusperte sich. »Angekommen?«

»Ihr seid doch Bildvagabunden, oder?«

Sie kennen die Bildvagabunden?!

Ryu fing sich schnell, auch wenn ihm die Überraschung ins Gesicht geschrieben stand. »Ja. Entschuldige, wir wussten nicht, dass man die Bildvagabunden hier kennt.«

Der Wachmann zuckte mit den Achseln. »Ihr wollt zur Gilde?«

»Ja. Kannst du uns den Weg weisen?«

»Einfach der Straße folgen bis zum Avanoa-Platz. Da liegt das Bantinhaus. Das Haus der Gilde.« Der Mann nickte ihnen zu und stiefelte zu seinen Kameraden zurück.

»Ähem, danke«, sagte Caro zu seinem sich entfernenden Rücken, da zog Ryu sie schon am Ärmel weiter.

Sie eilten über die Brücke, folgten einer Kutsche unter die Überdachung. Das Rollen der Wagenräder hallte von den Wänden wider, in die man Bogenöffnungen eingelassen hatte, die für ein diffuses Licht sorgten.

»Ich glaube es nicht!«, wisperte Caro und widerstand der Versuchung, sich nach den Wächtern umzusehen. »Sie kennen die Bildvagabunden!«

»In der Tat. Ich hätte alles erwartet, nur das nicht.«

»Das ist unheimlich! In allen Welten mussten wir uns verstecken. Und hier kennen sie die Bildvagabunden?!«

Vielleicht war es dieses Gefühl der Unwirklichkeit, warum sich die unendliche Erleichterung nicht einstellte, die sie hätte empfinden müssen. Sie hatten die Gilde der Bildvagabunden gefunden! Sie würden möglicherweise bald Antworten auf all ihre Fragen bekommen! Doch sollte es tatsächlich so einfach sein? Nachdem sie auf ihrer bisherigen Wanderung nur mit Tricksereien und Schlichen weitergekommen waren?

Ryu erging es anscheinend ähnlich. Schweigend betrachtete er die Gasse, der sie nach der Brücke folgten. Die aus einem graubraunen Material gebauten Häuser schienen heruntergekommen, in vielen Wänden gab es Risse und Wasserflecken. Fenster waren häufig mit Brettern vernagelt. Der modrige Geruch, der über dem Kanal gehangen hatte, war von Fäkaliengestank abgelöst worden, der schmutzigen Rinnsalen nahe den Hauswänden entstieg.

Sie kamen an einer Schenke vorbei, aus der grölender Gesang ertönte. Ein Betrunkener war auf die Straße getorkelt. Seine Bemühungen, stöhnend und mit dem Kopf gegen eine Wand gelehnt den Hosenlatz zu öffnen, ließen sie die Schritte beschleunigen.

Die Gasse mündete in einen Platz. Gegenüber, an seinem anderen Ende, lag der Tempel, der sich über einem dreistufigen Unterbau erhob. Die Stufen waren aus weißem Stein gearbeitet und führten in eine Säulenhalle. Zwischen den Säulen standen unzählige brennende Feuerschalen. Der Giebel war mit einem in kräftigem Rot, Blau und Braun bemalten Relief verziert, in dem ein Mann von einer auf einer Wolke sitzenden Frau eine Schale mit Feuer in Empfang nahm.

Zur rechten Seite des Tempels lag der Kastenbau, zur linken das Gebäude mit den Türmen. Vor ihnen brannten ebenfalls Feuerschalen, die man auf hohe Ständer gestellt hatte. Die restlichen den Platz umgebenden Häuser waren deutlich gepflegter als die in der Gasse. Ihre Fenster hatten Scheiben aus grünlich schimmerndem Glas und die Wände waren weiß oder grau getüncht.

Auf dem Platz herrschte das lebhafte Treiben eines Markttages. Mit Tuch überspannte Stände gab es wenige. Zumeist auf Tischen und auf dem Pflaster ausgebreiteten Decken bot man Gemüse, Obst, Fleisch, Fisch und Getreide, aber auch Stoffe, Schmuck oder Werkzeuge wie Hämmer und Zangen feil. Die ersten Verkäufer begannen bereits, ihre nicht verkauften Waren zusammenzupacken. Andere versuchten, sie noch mit lauthals kundgetanen Angeboten an den Mann oder die Frau zu bringen. Da preiste jemand den besten Käse südlich der Broces-Sümpfe an. Jemand anderes verkaufte seine Suppe nun zum sagenhaften Preis von nur zehn Siliva. Eine feiste Frau wedelte mit etwas Blutigem vor Ryus Nase. »Frisch erlegter Riffhai!«, rief sie.

Ryu lehnte kopfschüttelnd ab und hielt einen Jungen an, der einen Korb voller Früchte auf dem Kopf trug. »Entschuldige. Kannst du mir sagen, wo ich das Bantinhaus finde?«

»Da drüben!« Der Junge zeigte zu dem Gebäude mit den Türmen und verschwand in der Menge.

»Viele Worte machen sie nicht«, murmelte Ryu und nahm Caros Hand. »Komm, versuchen wir unser Glück.«

Sie drängten sich durch die Menschenmassen, hielten an einem Tisch den Atem an, auf dem Fische lagen, die dem Geruch nach bereits vor längerer Zeit gefangen worden waren, und standen schließlich vor der Tür des Gebäudes mit den Türmen. An ihr hing ein Klopfer in der Form eines Wandersmannes.

»Somit sind alle Zweifel beseitigt. Wir sind in Abkhinda und haben die Gilde gefunden«, sagte Ryu.

Da war sie, die Erleichterung, die Caro vermisst hatte, gepaart mit einer steigenden Spannung. Was da kommen mochte? Standen sie kurz davor, auf schnellstem Wege nach Hause zu reisen? Sie konnte sich das Grinsen nicht verkneifen. Ryu erwiderte den Druck ihrer Finger und lächelte leise. Dann hob er mit seiner freien Hand den unter dem Wandersmann hängenden Messinggriff und ließ ihn gegen das Holz fallen. Ein dumpfer Schlag ertönte.

Sie warteten. Eine Horde barfüßiger Kinder rannte kreischend vorbei, sie trieben einen hölzernen Ball vor sich her. An einem der Tische begann ein Marktschreier, den dort angebotenen Kohl in höchsten Tönen zu loben.

Die Tür öffnete sich knarrend. Ein dürres Männlein mit über die Glatze gekämmten Haarsträhnen lugte durch den Spalt und keifte: »Wir kaufen nichts!«

»Wir wollen nichts verkaufen«, sagte Ryu. »Wir sind Bildvagabunden, wir …«

»Ach, entschuldigt!« Das Männlein riss die Tür weit auf und gab den Blick frei in eine Halle, von deren Decke ein riesiger Messingleuchter mit flackernden Öllichtern hing. »An Markttagen kommen alle möglichen Leute vorbei und wollen Dinge an der Tür verkaufen! Heute hatten wir schon Angebote für pfundweise Lammfleisch, Fisch und Gemüse! Und dann war jemand da, den ich nur schwer verstanden habe, aber ich glaube, er wollte Taxonechsenleder verkaufen. Oder Taxonechsenfleisch. Er sprach in der Mundart der Tei, die verstehe ich so schlecht. Sie verschlucken alle Vokale. Oder ihr Dialekt hat gar keine Vokale, ich weiß es nicht. Es war ein Albtraum, den Kerl loszuwerden und …«

Er winkte sie hinein, ohne sein Geplapper über dreiste Haustürverkäufer zu unterbrechen. Eine Haarsträhne war ihm während seiner Rede von der Glatze gerutscht und hing nun auf der Schulter. Eine zweite Haarsträhne machte sich daran, der ersten zu folgen.

Die sich schließende Tür sperrte den Lärm des Markttags aus. Die Wände der Halle des Bantinhauses waren mit dunklem Holz vertäfelt. Auf ihrem Steinboden lagen bunte Wollteppiche. Das wenige Mobiliar, eine Kommode, ein wuchtiger Schrank und zwei Tischchen mit Vasen darauf, schimmerte in einem satten Braun. Rechts gab es einen Steinbogen, hinter dem sie eine mit Öllampen beleuchtete Wendeltreppe und eine schwarze Holztür erkannten. Nach links ging ein langer Gang ab, an dem es zahlreiche Türen gab.

»… aber was rede ich da? Das alles interessiert euch bestimmt nicht! Mein Name ist Pagi, ich verwalte den Haushalt der Gilde.« Das Männlein fuhr sich mit der Hand über den Kopf, bemerkte die launischen Haarsträhnen und wischte sie mit einer ungeduldigen Bewegung wieder über die Glatze.

»Das ist Ryu. Ich bin Caro. Wir sind heute an der Tempelruine auf dem Hügel vor der Stadt angekommen.«

»Ach, wie interessant! In den vorangegangenen Wochen sind einige Bildvagabunden eingetroffen. Der letzte war Stigan, davor, glaube ich, kam Fene an. Oder war es Zita? Ich kann mich nicht erinnern, es passiert so viel, da weiß ich nicht, wo mir der Kopf steht! Sie werden es euch selbst erzählen. Lasst euren Packen hier an der Wand stehen, ihr könnt ihn nachher abholen, wenn ihr in eure Räume geht. Ich bringe euch zu Cynbel, damit er euch begrüßt. Er steht der Gilde vor. Ich werde euch Räume zuweisen. Ihr wollt doch bleiben, richtig? Benötigt ihr einen Raum oder zwei?«

»Ja, wir möchten bleiben. Wir brauchen nur einen Raum.«

»Umso besser!«, begann Pagi unbekümmert seine nächste Rede. »Wir haben derzeit viele Bildvagabunden hier, da ist es gut, wenn wir so viele wie möglich in einen Raum stecken können. Die meisten kommen ja allein, aber es gibt auch Gruppen, von denen man annehmen könnte, sie würden einen der beiden Schlafsäle teilen können. Aber nein, jeder will seinen eigenen Raum! Wenn das so weitergeht, braucht die Gilde bald ein neues Haus! Cynbels Amtsraum liegt am Ende des Flurs da, folgt mir! Cynbel wird euch herumführen und mit den anderen bekannt machen. In diesem Trakt sind die Räume, in denen die Gilde verwaltet wird, also die Geldkammer, die Führung der Bücher, die Korrespondenz, die Waffenkammer und so weiter und so fort. In den anderen Trakten gibt es die Küche und den Speiseraum, die Bibliothek, den Weltenraum und Vorratskammern. Dann haben wir natürlich auch Säle für Festivitäten. Hinter dem Haus liegen die Ställe, wir haben unsere eigenen Schafe und Ziegen. Und es gibt ein paar Pferde für die Kutschen. Die Schlafräume liegen in den Türmen. Ihr werdet weit oben schlafen, die begehrten Räume, zu denen man nicht viele Stufen steigt, sind allesamt belegt. Wenn jemand aus diesen Räumen weiterzieht, könnt ihr gerne dorthin umziehen, falls ihr mögt! Gegessen wird im Speiseraum. Dort findet ihr auch zwischen den Mahlzeiten stets eine Kleinigkeit zu essen vor. Das hier ist Cynbels Amtsraum!« Er pochte kraftvoll an eine der vielen Türen des Flurs und stieß sie gleichzeitig auf. »Cynbel, zwei Bildvagabunden, die gerade eben angekommen sind!«

»Hab Dank, Pagi.«

Ein kräftiger Mann erhob sich bei ihrem Eintritt. Sein grau meliertes Haar trug er schulterlang, bekleidet war er mit einer einfachen schwarzen Tunika und Hose. Er hatte hinter einem Schreibtisch gesessen, auf dem sich Bücher und Papier stapelten. Regale voller Bücher zogen sich an den Wänden entlang. Auf einem rotschwarzen Wollteppich vor dem Schreibtisch standen hartlehnige Stühle.

Der Mann lächelte. »Ich heiße euch in Abkhinda willkommen. Bitte, setzt euch. Mein Name ist Cynbel, ich bin der Vorsteher der Gilde.«

Noch etwas betäubt von Pagis Monolog stellten Caro und Ryu sich vor und ließen sich auf zwei Stühlen nieder. Hinter sich hörten sie das Geräusch der sich schließenden Tür.

Cynbel fuhr fort: »Manchmal frage ich mich, ob Pagi während seiner Reden überhaupt Luft holt. Aber er ist ein hervorragender Hausverwalter. Er wird euch nachher euer Zimmer zeigen. Wenn es euch an etwas mangelt, sei es Essen, Kleidung oder Decken, sagt es ihm. Ihr seid gerade angekommen?«

»Ja, an dem verfallenen Tempel auf dem Hügel vor der Stadt«, sagte Caro.

»Ein interessanter Ankunftsort. Aus welcher Welt?«

»Aus dem Dämmerreich.«

Cynbel hob die Augenbrauen. »Es gibt ein Bild, das vom Dämmerreich nach Abkhinda führt? Wo befindet es sich?«

»An dem Ort, den man Hort nennt«, erklärte Ryu. »Dort leben die Nasiya. Sie träumen sich mithilfe von Apparaturen, die die Magie der Bilderrahmen nutzen, in die Welten. Diese Träume werden als Visionen gesehen, auf Pergament gemalt und im Hort aufbewahrt. Uns ist es gelungen, den Rahmen aus einer Apparatur, die nicht mehr genutzt wurde, zu entfernen. Da das Bild in ihm nicht mehr vorhanden war, haben wir kurzerhand eine Vision, von der wir gehört hatten, sie stelle Abkhinda dar, in ihn eingepasst. Und sind tatsächlich damit hier angekommen.«

Caro nickte. Ihr war diese Kurzform der Ereignisse recht. Die dramatischen Umstände ihrer Flucht aus dem Hort taten hier nichts zur Sache. Und was Banor anging: Sollte der Zentaur sich selbst erklären, falls er beschloss, die Gilde aufzusuchen.

»Erstaunlich! Man kann mit beliebigen Bildern in den Rahmen reisen!«, rief Cynbel. »Soviel ich weiß, hat das noch nie jemand versucht.«

»Das hätten wir auch nicht, hätte es eine andere Wahl gegeben. Es bestand durchaus die Möglichkeit, dass der Rahmen durch das Herausschneiden des ursprünglichen Bilds beschädigt worden wäre«, sagte Ryu.

»Gut, dass es gelungen ist. Wir werden euch befragen und euer Wissen aufschreiben. Wieso seid ihr hergekommen? Wie können wir euch helfen?«

»Wir hoffen, mehr über die Weltenreisen zu erfahren und so …« Caro stockte. Da war sie, die Angst, dass Cynbel gleich eine betroffene Miene aufsetzen und sagen würde, die Gilde könne ihnen bedauerlicherweise nicht helfen. Dass der Weg zurück in ihre Welten auf immer versperrt sei.

»… zurück nach Hause zu finden. Wie jeder hier«, ergänzte Cynbel lächelnd.

»Also geht das?«

»Es gab in der Vergangenheit immer wieder Bildvagabunden, die mithilfe des Wissens aus dem Weltenraum die Reise zurück in ihre Heimat angetreten haben. Ob sie sie je erreichten, kann ich nicht sagen. Wir haben nie wieder von ihnen gehört, wie denn auch? Niemand wird sich erneut auf den Weg machen, um uns von seiner Heimreise zu berichten. Deswegen: Ja, es scheint möglich zu sein, der Beleg dafür fehlt uns allerdings. Wenn ihr meint, ihr wüsstet, wie ihr eure Welt erreicht, dann müsst ihr es versuchen. Und auf das Beste hoffen.« Cynbel zog ein in rotes Leinen gebundenes Buch aus dem Stapel vor sich. »Aber jetzt bringen wir euch erst einmal unter. Und ich führe euch durch das Haus. Habt ihr Waffen?«

»Ein Schwert«, sagte Ryu.

»Das kommt in die Waffenkammer.« Cynbel hob die Hand, als Ryu protestierend den Mund öffnete. »Das Tragen von Waffen ist im Haus der Gilde nicht gestattet. Mach dir keine Sorgen. Wir vermerken, dass es sich um dein Schwert handelt, und geben es dir zurück, wenn du abreist.«

Ryu sah unbehaglich aus.

»Wieso kann die Gilde in Abkhinda eigentlich so offen auftreten?«, fragte Caro rasch, bevor er einen Streit um das Schwert beginnen konnte. Sie fand nichts Schlimmes daran, die Waffe in einer Waffenkammer zu hinterlegen. Ryu dachte darüber vollkommen anders. Immer war er auf der Hut, sich verteidigen zu müssen. Vielleicht gab es bei Gardisten ja ein Gen, das für diese Vorsicht verantwortlich war.

»Wir haben ein sehr gutes Verhältnis zum Tanios, dem Herrscher des Landes«, erklärte Cynbel und kritzelte mit einer Schreibfeder in das Buch. »Abkhinda wird von dem Oberhaupt der Familie der Kuni regiert. Vor langer Zeit hat ein Bildvagabund, ein Mann namens Gaizka, dem damaligen Tanios das Leben gerettet. Gaizka hat die Gilde gegründet und ihm wurde das Bantinhaus überlassen. Seitdem stehen die Bildvagabunden unter dem Schutz der Kuni. So können wir uns frei bewegen und dieses Haus unterhalten.«

»Das erklärt die Hilfsbereitschaft der Wachen an der Brücke«, meinte Ryu. »Wir hatten befürchtet, im Kerker zu enden, als sie uns anhielten. Aber sie haben uns nur den Weg zum Bantinhaus gewiesen.«

Cynbel lachte auf. »Die Wachen erkennen die meisten Bildvagabunden an der Kleidung und vielfach, wie bei euch auch, an der Hautfarbe. Wie ihr sicherlich bemerkt habt, sind die Abkhindaner dunkelhäutig. Dem Tanios wird über eure Ankunft berichtet werden.« Er hob den Kopf. »Aus welcher Welt kommt ihr ursprünglich? Ich will das noch erfassen.«

»Ryu kommt aus dem Marmorpalast und ich von der Erde«, sagte Caro.

»Ah, ja, diese beiden Welten sind im Weltenraum vermerkt!«

Ihre Welten waren der Gilde bekannt! Da sollte sich doch auch ein Weg dorthin finden lassen, oder? »Sind vielleicht Bildvagabunden von der Erde hier? Oder aus dem Marmorpalast?«, fragte sie eifrig. »Und wie planen wir schnellstmöglich unsere Heimreise?«

»Eure Heimreise besprecht ihr mit Sousa und Tome, die für den Weltenraum und die Bibliothek verantwortlich sind. Ich stelle sie euch gleich vor. Und nein, soviel ich weiß, ist lange kein Bildvagabund aus euren Welten in Abkhinda gewesen. Wenigstens nicht, seit ich Vorsteher der Gilde bin, und das ist schon eine ganze Weile.«

»Wo kommst du her, Cynbel?«

»Ich stamme aus der Welt Asti. Ihr werdet sicherlich noch nie von ihr gehört haben! Sie ist weder sonderlich fortschrittlich, noch habe ich irgendwelche magischen Fähigkeiten. Wie sieht das bei euch aus? Habt ihr spezielle Gaben?«

Caro schüttelte verneinend den Kopf, während Ryu zögernd sagte: »Ich bin ein Gestaltwandler. Das scheint in allen Welten außerhalb des Marmorpalasts als magische Fähigkeit zu gelten.«

»Ah, ein weiterer Gestaltwandler! Es gibt hier häufiger welche. In was wandelst du dich?«

»In einen Drachen.«

Cynbel stieß einen leisen Pfiff aus. »Ein Drache? Sehr interessant!«

Ryu räusperte sich und sah von Cynbel weg, zum Fenster, das auf den Avanoa-Platz zeigte.

Caro lächelte. Er hätte sich längst daran gewöhnen müssen, aber es war ihm stets peinlich, wenn andere von seinen gestaltwandlerischen Fähigkeiten beeindruckt schienen.

Der Vorsteher der Gilde legte die Feder weg und klappte das Buch zu. »Kommt. Ich führe euch durch das Bantinhaus und dann zeigt Pagi euch, wo ihr schlafen werdet.«

*

Die Wut hatte Banor angetrieben und ihn im gestreckten Galopp an der felsigen Küste entlang gejagt. Fort von der Tempelruine und von Caro und Ryu, über kiesbedeckte Strände, auf schwindelerregende Klippen, an die sich schäumend die Wellen warfen, und durch morastige Bäche, die sich ins Meer ergossen. Erst als die Dunkelheit anbrach, hielt er an einem Kiesstrand inne. Er atmete schwer. Sein Körper war schweißgebadet.

Er watete einige Schritte in den Ozean, um seine schmerzenden Hufe und Beinmuskeln in den kalten Wellen zu betäuben, legte den Kopf zurück und starrte in den Nachthimmel. Die Wolken, die über dem Hügel mit der Tempelruine gehangen hatten, waren weitergezogen. Oder er war so weit gerannt, dass er ihnen davongelaufen war. Jetzt leuchteten weiß glühende Sternhaufen im Nachtblau über ihm. Die Weisen lasen die Schicksale der Mavrosryk aus den Sternen und ihren Bewegungen. Banor hingegen war ein Krieger, der nur gelernt hatte, sich anhand der Sternbilder zu orientieren, die über den unendlichen Grasebenen seiner Heimat kreisten. Könnte er die Botschaften der Sterne lesen, was würden sie ihm zuflüstern?

Er schnaubte und senkte den Kopf, betrachtete die schwarze Fläche des Meeres vor sich. Die Sterne brauchte er nicht, um sich einzugestehen, dass er gefangen war. In einer Sphäre, einer anderen Welt. Falls die beiden Sphärenreisenden ihn nicht angelogen hatten, war es wahrscheinlich, dass er den heimatlichen Sternenhimmel nie wieder sehen würde. Er war ein Sphärenreisender, ein Bildvagabund wie Caro und Ryu auch, verdammt zur ewigen Wanderung von Welt zu Welt.

Oder hatten die beiden ihm ein Ammenmärchen gesponnen?

Er hatte die Waffenkammern des Horts sprengen wollen und war von Ryu daran gehindert worden, hatte sich mit ihm geschlagen. Der Kerl war stark, stärker als jeder Soumrak, den Banor je kennengelernt hatte. Immer noch spürte er am Rumpf und im Gesicht die Schmerzen der Hiebe, die er hatte einstecken müssen. Würde Ryu ihn wegen der Schlägerei, vielleicht aus Rachegelüsten heraus anlügen? So schätzte Banor ihn nicht ein. Der Mann schien ihm ehrlich und geradeheraus zu sein.

Er lachte bitter auf, ein hartes Geräusch, das sich in das Wellenrauschen mischte. Warum spekulierte er darüber, ob Caro und Ryu ihn angelogen haben mochten?

Sieh dich um! Sieh die Sterne über dir!

Er war nicht mehr im Hort. Er hatte ein Bild in dem Schuppen berührt und war an der Ruine gelandet, die sich in einer anderen Welt befand. Hatte sich mit Caro und Ryu gestritten und war davongaloppiert.

All das ist keine Schimäre. Es ist Wirklichkeit.

Hyla. Werde ich sie je wieder sehen?

Sein Herz zog sich zusammen. Im Labyrinth unter dem Hort hatte er sich einreden können, dass er zu ihr zurückkehren würde. Jetzt ginge das nicht mehr. Er würde sie nicht wiedersehen. Was ihn dabei am meisten schmerzte, war das Wissen um ihre Pein und Trauer. Niemand außer ihm und den beiden Sphärenreisenden wusste, was geschehen war. Was Hyla und seine Kameraden, die Zentaurenkrieger, anging, war er spurlos verschwunden. Auf immer. Hyla würde ihren Kopf mit einem schwarzen Tuch bedecken und trauern, ein Gedanke, der ihm unerträglich war.

Was hatte Ryu an der Tempelruine gesagt? Er könne versuchen, durch die Welten zu reisen, um in das Dämmerreich zurückzugelangen? Irgendetwas von einem Marmorpalast und einem nebligen Land, die er durchqueren müsste, hatte der Kerl gefaselt. Und dass es in dieser Welt hier, in der er in einer kalten Nacht an diesem einsamen Strand stand, eine Gilde der Bildvagabunden gebe, die Wissen über die Weltenreisen hatten, Wissen, das ihm helfen konnte. Sollte er zur Gilde gehen?

»Beim großen Asbol!«, brüllte er in die Weite des Meeres hinaus. Ihm widerstrebte es, sich kampflos diesem Schicksal zu fügen und wie Caro und Ryu durch die Sphären zu treiben. Er tänzelte wütend aus dem Wasser, stolperte über Treibholz, stieß einen Fluch aus.

Erst einmal würde er sich einen Ruheplatz für die Nacht suchen. Dann würde er weitersehen.

Kapitel 2

Cynbel führte sie strammen Schrittes durch das Haus der Gilde. Er sprach schnell und ließ ihnen kaum Zeit, sich all das, was er ihnen zeigte, genauer zu betrachten. Und zu sehen gab es viel.

Das Bantinhaus, benannt nach dem vornehmen Adligen, der es dem Gründer der Gilde, Gaizka, überlassen hatte, wie Cynbel erläuterte, war ursprünglich eine um einen Hof gebaute Wehranlage gewesen. Die vier hohen Türme bildeten seine Ecken und in den Flügeln dazwischen lagen unzählige Räume über zwei Stockwerke verteilt. »Wir beschäftigen Abkhindaner, um das Haus in Ordnung zu halten, also Köche, Putzleute, Gehilfen und so fort. Pagi stammt ebenfalls von hier, ihm unterstehen die Bediensteten.«

An der Waffenkammer hielten sie und der Vorsteher schloss die eisenverstärkte Tür auf. »Hier bringen wir dein Schwert unter, Ryu.«

In der Kammer gab es unzählige auf Regalen, in Schränken und an Hängevorrichtungen untergebrachten Waffen. Da waren Schwerter, Langbögen, Armbrüste, Streitäxte und Messer aller Art. Und es gab Waffen, die Ryu nicht kannte, wie eine silberne Scheibe mit einem zackigen Rand, bei der er Schwierigkeiten hatte, sich vorzustellen, inwiefern sie ein Kampfgerät war.

Cynbel zeigte auf eine leere Schwerthalterung. »Hänge dein Schwert dorthin. Auf dem Schild darüber mache ich einen Vermerk.« Er griff nach einem auf einem Bord liegenden Stück Kreide und schrieb Ryus Namen auf das Täfelchen über der Halterung. Die Schrift, die er nutzte, sah mit ihren Bögen seltsam fremd aus, war aber dennoch gut zu lesen.

Ryu tat es ungern, aber er hängte das Schwert an die Wand. Und fühlte sich mit einem Mal merkwürdig nackt und verletzbar.

Caro lächelte ihm zu. »Du bekommst es ja wieder.«

Zeit, darüber zu grübeln, hatte er nicht. Cynbel eilte ihnen bereits voraus, deutete auf Türen, in Räume oder Treppen hinauf, während er erklärte, was es damit auf sich hatte. Sie liefen an der Küche, dem Speiseraum und den Vorratskellern vorbei, an Ställen und Remisen. Es gab einen prächtig ausgestatteten Saal, in dem die Gilde Feste beging, dann andere, mit Sesseln und Diwanen eingerichtete Räume, in denen man sich des Nachts vor Kaminfeuer setzen konnte, wenn einem noch nicht der Sinn danach stand, sich zurückzuziehen. Und dann war da, einen ganzen Flügel einnehmend, die Bibliothek.

»Hier stehen die Reiseberichte von Bildvagabunden, die Weltenbeschreibungen und Abhandlungen über die Entstehung der Bilder und der Welten«, sagte Cynbel.

In dem lang gezogenen Raum musste es Tausende Bücher in deckenhohen Regalen geben! Die Regale bedeckten nicht nur die Wände, sondern waren auch kreuz und quer im ganzen Raum verteilt, sodass man die Bibliothek nur in einem Zickzackkurs durchlaufen konnte. Die Bücher waren in rotes, braunes oder grünes Leinen mit goldener Schrift darauf gebunden, die im Licht der an den Regalen angebrachten Öllampen schimmerte. Die oberen Bücherreihen erreichte man nur mit Trittleitern, die an einigen Regalen lehnten. Zahlreiche kleine Tische mit Stühlen daran standen in versteckten Ecken. An einigen von ihnen saßen Männer und Frauen über Papiere gebeugt, vor sich Stapel von Büchern. Teppiche dämpften das Geräusch der Schritte.

»Wow!«, hörte Ryu Caro murmeln und auch er konnte sich des Staunens nicht erwehren. Wie viele Bildvagabunden hatten die Welten durchwandert, wenn es derart viele Bücher darüber gab?! Und das waren nur die Wanderer, denen es gelungen war, Abkhinda zu erreichen!

Cynbel stellte ihnen Tome vor, den Bibliothekar, den sie oben auf einer Trittleiter stehend vorfanden, von der er eilig zu ihnen herunterstieg. Beim Sprechen strich Tome fortwährend über seinen braunen Rauschebart.

»Kommt morgen vorbei!«, sagte er. »Wir haben viel Arbeit vor uns. Ihr müsst mir eure Reise schildern, die ich in einem eigens euch gewidmeten Buch festhalten werde. Und ihr müsst die Berichte über die Erde und den Marmorpalast durchlesen und mir sagen, was in ihnen falsch oder veraltet ist! Das ist wichtig, damit zukünftige Bildvagabunden, die gedenken, durch eure Welten zu reisen, nicht in die Irre geleitet werden.«

Ryu und Caro versprachen, gleich morgen früh in der Bibliothek zu sein. Dann verabschiedeten sie sich rasch, denn Cynbel war schon zwischen den Regalen verschwunden, hin zu einer unscheinbaren Tür. Er lächelte verheißungsvoll, als er sie aufzog. »Nun, Caro und Ryu, zeige ich euch das Herzstück des Bantinhauses, den Weltenraum.«

Der Weltenraum war ein fensterloser, von zahlreichen Öllampen erhellter Saal. Es handele sich bei ihm um den ehemaligen Innenhof, den man habe überdachen lassen, erklärte Cynbel. Das steinerne Pflaster hatte man belassen. An einigen Stellen ließen sich unter dem Wandanstrich die Umrisse zugemauerter Türen und Fensteröffnungen erahnen. Das einzige Mobiliar bestand aus einem in eine Ecke gerollten Gerüst auf Rädern. Es hatte drei aus dicken Brettern gebildete Etagen, die man über eine angenagelte Holzleiter erreichte. Auf dem untersten Brett standen Tonkrüge, die von rundherum angebrachten Latten am Herunterfallen gehindert wurden. Die meisten dieser Krüge waren mit Lederstücken verschlossen, doch aus einigen lugten die Köpfe von Pinseln in verschiedenen Größen.

Decke und Wände des Weltenraums waren nachtblau getüncht. Auf sie hatte man unzählige goldene Kreise gemalt. Über jedem Kreis stand in verschnörkelter Schrift eine Bezeichnung und sein Inneres zeigte Bilder. Manchmal gab es in einem Kreis nur ein Bild, manchmal mehrere. Ein Gewirr goldener Linien entspann sich zwischen den Kreisen. Sie nahmen jeweils an einem Bild innerhalb eines Kreises ihren Anfang und endeten an der Umrandung eines anderen Kreises. Goldene Pfeile wiesen die Richtung der Linien. All dieses Gold glitzerte im Schein der Öllichter und vermittelte das unwirkliche Gefühl, unter einem mit Tau besprenkelten Spinnennetz zu stehen, das ein gelber Mond beschien.

Caros Flüstern durchbrach die Stille. »Das Netz der Welten, die von Bildvagabunden bereist worden sind!«

»Ganz richtig!« Cynbel stand der Stolz auf dieses Werk ins Gesicht geschrieben. »Hier findet ihr alle Welten, in denen Bildvagabunden gewesen sind und die Kunde davon nach Abkhinda getragen haben. Jeder Kreis entspricht einer Welt. In ihm seht ihr das Bild oder die Bilder, die in dieser Welt zu finden sind. Die goldenen Linien zeigen, welche Welten man durch die Bilder erreicht. Im Laufe der Zeit ist aus wenigen einzelnen Kreisen diese Weltenkarte geworden. Die stetig erweitert wird. Mit jedem Bildvagabunden, der zum Bantinhaus kommt.« Er bemerkte, wie ihre Blicke suchend über Wände und Decke flogen und lächelte. »Der Marmorpalast und die Erde sind, glaube ich, da hinten zu finden.«

Sie folgten ihm eilig. Bald sähen sie, ob es gelänge, nach Hause zu reisen! Welche dieser unzähligen Linien würde ihnen den Weg weisen? Aus einem unbestimmten Gefühl heraus, sich wappnen zu müssen, wollte Ryu nach dem Schwert greifen, aber das war ja nun in der Waffenkammer.

»Da ist die Erde, ungefähr auf Augenhöhe, neben Mata. Der Marmorpalast ist zwei Köpfe darüber. Das Dämmerreich, aus dem ihr gekommen seid, liegt da oben in der Ecke.«

Ryu fand den Kreis, über dem ›Marmorpalast‹ stand. Darinnen waren vier Bilder gemalt. Sie zeigten das ihm wohlbekannte Schiff, eine Werkstatt, eine Landschaft aus Eis und Schnee und eine Dampf speiende Maschine. In den Marmorpalast führten gar acht Linien. Kein Wunder, dass sich so viele Bildvagabunden dort tummelten! Er entdeckte den Pfeil von der Erde zum Marmorpalast. Die anderen Welten jedoch, aus denen man in den Marmorpalast gelangte, verloren sich im Kreisgespinst an der Decke des Saales. Abkhinda und mit ihm einen Weg zum Marmorpalast entdeckte er nicht. Wir brauchen Muße, um die Wege zwischen den Welten zu studieren.

Caro stand vor dem Kreis mit dem Namen ›Erde‹. In ihm wurden sieben Bilder dargestellt. Ryu erkannte das des Marmorflurs, dann gab es eines mit einer Gebirgslandschaft, eines mit Nebelschwaden über einem See im Morgengrauen, eines mit einer Ruine ähnlich der, an der sie angekommen waren, zwei, die düstere Innenräume von Häusern zeigten, und eines mit einer lieblichen Landschaft, in der Zitronenbäume und Weinreben wuchsen. Bis auf die, die zum Kreis des Marmorpalasts führte, verschwanden die goldenen Linien, die an den Bildern ihren Anfang nahmen, im Weltengewirr. Zur Erde zeigten zwei Linien. Eine kam aus einer Welt mit dem Namen Noray. Ihr Kreis beinhaltete das Bild eines wuchtigen Baus mit einer steinernen Rosette über dem Eingangsportal. Die andere kam aus einer Welt namens Shado mit dem Bild einer Brücke aus grauen Steinbögen.

Ryu zeigte auf diese Bilder. »Kennst du jene Bauwerke?«

»Ich bin mir nicht sicher. Dieses Portal könnte zu der Kathedrale Notre Dame in Paris gehören. Aber die Brücke? Von dieser Art gibt es viele.«

»Ist diese Kathedrale nahe deinem Zuhause?«

»Nein, aber wären wir erst einmal da, könnten wir es innerhalb von Stunden erreichen.« Sie deutete auf das Bild mit Eis und Schnee in dem Kreis des Marmorpalasts. »Es gibt keine Linie, die von diesem Bild fortführt!«

»Das heißt, dass noch keiner der Bildvagabunden, die nach Abkhinda gelangt sind, durch dieses Bild gereist ist«, erklärte Cynbel. »Wir können nicht sagen, in welche Welt es den Reisenden bringt.«

»Schau, so sind wir gereist«, sagte Ryu. »Von den verlorenen Inseln ins Nebelland. Dort soll es vier Bilder geben, auch wenn wir nur drei gesehen haben. Das Bild des Schlosses, das ins Dämmerreich führt, eines nach Ryma, eines nach Gaia und eines in eine Welt namens Varg. Keines der Bilder führt in unsere Welten!«

»Oh, Mann! Dann sind wir dank Alwin mit dem besten Bild gereist!«

Cynbel sah verwirrt aus und Caro fügte erklärend hinzu: »Wir sind im Nebelland in ein Bild geraten, das wir nicht hatten nehmen wollen. Wegen jemandem namens Alwin. Das, von dem wir dachten, es führte in meine Welt, führt nach Gaia.«

»Das mit der Szene aus dem Marmorpalast hätte uns nach Ryma gebracht«, ergänzte Ryu und erstarrte. Aber es sind doch …

Caro sprach es aus. »Es sind Dasa zu sehen auf dem Bild. Die angekettete Drachen beaufsichtigen. Wir haben gedacht, es handele sich um eine alte Ansicht des Marmorpalasts, so, wie Gaia eine alte Ansicht der Erde hätte sein können, aber …«

»Es ist eine dem Marmorpalast ähnliche Welt. In der es Drachen und Dasa gibt«, ergänzte Ryu. Er wollte sich nicht ausmalen, wie es ihnen ergangen wäre, hätten sie das Bild nach Gaia oder gar nach Ryma gewählt.

»Wo sich wohl das Bild nach Varg befindet? Es soll eine Felsenschlucht zeigen«, sagte Caro. »In der Alkimia hängt es nicht.«

»Wer weiß, das Nebelland ist groß. Vielleicht wurde es gar vernichtet. Während der Hexenverfolgungen.« Ryu blickte hinauf zum Kreis für das Dämmerreich. »Es soll zwei Bilder im Dämmerreich geben. Wir haben zwei leere Rahmen im Hort gefunden. Falls es sich um die Rahmen jener Bilder handelt, dann kann man vom Dämmerreich aus nicht mehr in diese Welten reisen.«

»Sousa, der Meister des Weltenraums, muss die Karte abändern. Beschreibt ihm das Bild, mit dem ihr nach Abkhinda gelangt seid, und er wird es hinzufügen«, sagte Cynbel.

»Welchen Weg müssen wir denn nun nehmen, um in unsere Welten zu reisen?«, fragte Ryu.

»Das kann euch Sousa sagen. Im Gegensatz zu mir kennt er sich bestens mit der Karte aus. Leider ist er gerade nicht da, aber morgen könnt ihr euch näher mit dem Weltenraum befassen. Ich bringe euch nun zu Pagi. Er wird euch euer Zimmer zeigen.«

Caro und wohl auch er, Ryu, blickten enttäuscht drein, denn Cynbel lächelte und setzte hinzu: »Keine Sorge, der Weltenraum läuft euch nicht davon!«

Pagi brachte sie in ein hoch in einem Turm gelegenes Zimmer, in dem ein breites eisernes Bett und ein Waschtisch standen. Er zeigte ihnen, wo sie im Keller des Turmes badeten und Wasser holten. Ryu bat den Verwalter um eine Schere und ein Rasiermesser, womit er sich endlich den langen Bart abrasierte. Dann aßen sie eine Kleinigkeit im Speiseraum und fielen müde ins Bett, wisperten kurz über den Weltenraum und ob sie Wege in ihre Welten dort fänden, bevor sie einschliefen.

Am nächsten Morgen wachten sie spät auf. Der Speiseraum war so gut wie leer, als sie ihr Frühmahl einnahmen. Zwei Männer tauschten sich lautstark über Abenteuer in einer Welt namens Gorofin aus, in der sie anscheinend ständig vor mordgierigen Vögeln geflohen waren.

Ryu und Caro hatten den beiden zur Begrüßung zugenickt und sich von dem reichhaltigen Essen genommen, darunter Haferbrei, Tee, Wasser, Früchte, Brot und Eier, das zusammen mit Besteck und Geschirr auf einer an die Wand geschobenen Anrichte stand. Die Tische waren in langen Reihen aufgestellt, mit Bänken daran. Sie wählten einen Platz mit genügend Abstand zu den beiden anderen Bildvagabunden, um nicht den Geschehnissen in der Welt Gorofin lauschen zu müssen.

»Weißt du, was Cynbel gestern vergessen hat?«, sagte Caro, die ein Ei pellte.

»Was?«

»Uns die Bilder zur Weiterreise aus Abkhinda zu zeigen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Er hat uns das Notwendigste gezeigt und selbst das in einem Schnellschritt, dass mir noch ganz schwindlig ist. Wir können Tome oder diesen Sousa danach fragen, wenn wir ihnen unsere Reisen schildern. Ehrlich gesagt, interessiert mich die Frage, wie wir nach Hause gelangen, im Moment mehr, als zu wissen, wo die Bilder für die Weiterreise hängen.«

Sie beendeten das Mahl und gingen wie verabredet zu Tome. Der Bibliothekar führte sie zu einem zwischen den Regalen stehenden Sekretär. Sie setzten sich auf wackelige Stühle und berichteten ihm von ihrer Reise und den Welten, die sie durchwandert hatten.

Tome schrieb alles sorgfältig auf einem Stoß brauner Papiere, um es später in das Buch zu übertragen, das ihre Reise beschreiben sollte. Er fragte nach den Wegen, die sie genommen hatten, den Landschaften und markanten Orientierungspunkten, den Ortschaften und den Völkern. Sie schilderten ihm die Gefahren, denen sie begegnet waren. Von einigen, wie den Vampiren der verlorenen Inseln, wusste er bereits. Andere, unter ihnen Roul und die Priester im Nebelland, waren ihm neu. Als sie das Dämmerreich, die Nasiya und die Zentauren beschrieben, ging Tome das Papier aus und er verließ sie, um neues zu holen.

Die Erwähnung der Zentauren hatte Ryu an Banor denken lassen. »Was macht dieser Banor wohl gerade?«

»Keine Ahnung. Letztlich wird ihm nichts anderes übrig bleiben, als zur Gilde zu kommen.«

»Ich habe Banor Cynbel gegenüber nicht erwähnt, weil ich nur kurz unsere Erlebnisse darstellen wollte. Hätte ich angefangen, von Asrah, Hiro, der Belagerung und den Zentauren zu erzählen, hätten wir Stunden bei ihm gesessen.«

Caro kicherte. »Oder du wolltest nicht zugeben, dich mit ihm geprügelt und dabei beinahe den Kürzeren gezogen zu haben«, stichelte sie. »Cynbel hat deine Blessuren durchaus bemerkt, war aber zu höflich, um dich darauf anzusprechen.«

»He! Ich hätte nicht den Kürzeren gezogen!« Insgeheim musste er allerdings zugeben, dass das vielleicht doch eine Rolle dabei gespielt hatte, Banor zu verschweigen. Aber nur eine kleine!

Tome kehrte mit einem Stapel neuer Papierbögen zurück und sie schilderten ihm, wie sie das Bild für die Reise nach Abkhinda konstruiert hatten und gereist waren, ließen aber Banor in stillem Einvernehmen weiterhin außen vor. Er sollte seine eigene Geschichte erzählen, falls er überhaupt zur Gilde ginge, fand Ryu.

Von den Jataras, in die die Rahmen eingebaut worden waren, wusste Tome nichts. »Der letzte Bildvagabund, der im Dämmerreich gewesen ist, er hieß Sol, hat die Weiterreise durch ein Bild mit einem See darauf angetreten«, sagte er, nachdem er erneut verschwunden und mit einem Buch über das Dämmerreich wieder aufgetaucht war. »Das Bild wurde als Servierbrett benutzt. In einem Patrizierhaus. Da hatte es einen Rahmen.«

Sol hatte das Dämmerreich vor knapp einhundert Jahren bereist. Sie spekulierten kurz, ob der Rahmen um jenes Bild einer der Rahmen in den Jataras war. Sols Bericht erwähnte den Hort nur in einem Satz als ›Tempel der Soumrak, in dem die Nasiya sich in die Sphären träumen‹. Und ob ein Bild als Servierbrett zu nutzen, damals als blasphemisch gegolten hatte, was es heute sicher war.

»Wir werden es nicht sagen können, bis ein Bildvagabund es vielleicht aus einem Geschichtsbuch im Dämmerreich erfährt und uns diese Kunde bringt«, sagte Tome.

Nachdem sie ihre Erzählung beendet hatten, nahmen sie einen schnellen Imbiss aus Früchten und Tee zu sich. Danach kehrten sie in die Bibliothek zurück, um mit Tome durch die Beschreibungen der Weltenreisen zu gehen, die sie von Peregrine, Doran und Asrah bekommen hatten. Dorans Tagebuch in dem Goethe-Band hatte Caro im Rucksack belassen. Ryu war nicht in sie gedrungen, es Tome ebenso wie die Pergamente zu übergeben. Das Buch war ihr persönliches Andenken an ihren Onkel. Die Dinge, die darinnen über den Marmorpalast und die verlorenen Inseln standen, konnten sie Tome auch so mitteilen.

Sousa, ein kleiner, dicklicher Mann mit weißem Haar, gesellte sich am späten Nachmittag kurz zu ihnen. Sie erwähnten die Bilder, die Peregrine, Doran und Asrah geschildert hatten, und die Änderungen, die er wegen der im Dämmerreich verschwundenen Bilder vornehmen musste. Doch ihre Hoffnung, mit ihm den Weg in den Marmorpalast oder zur Erde zu besprechen, zerschlug sich. Er habe leider zu tun, sagte der Meister des Weltenraums und verabschiedete sich bald. Sie sollten ihn am nächsten Tag aufsuchen.

Ryu war dies recht. In seinem Kopf hatte es unangenehm zu pochen begonnen. Auch Caro sah müde aus. Nachdem Tome sich mit den Ergebnissen des Tages zufrieden erklärt hatte, aßen sie ein schnelles Spätmahl und gingen zu Bett. Als ihm die Augen zufielen, erinnerte sich Ryu, dass sie nicht nach den Bildern gefragt hatten, die aus Abkhinda in andere Welten führten. Morgen, beschloss er, das machen wir morgen …

*

Er hatte die Nacht unter einem Baum am Ufer eines Baches verbracht, der sich in das Meer ergoss. Es hatte geregnet und sein Hemd und die Schabracke waren durchnässt. Banor hatte diese Unbequemlichkeiten nicht beachtet, denn mit seinen Gedanken war er woanders. Bei seiner Reise in diese Sphäre. Bei Caros und Ryus Behauptung, er würde seine Heimat nie wiedersehen. Bei seiner Sehnsucht nach Hyla.

Und immer wieder bei der Frage, ob er es wie Caro und Ryu machen und zur Gilde der Bildvagabunden gehen sollte. Alles in ihm sträubte sich dagegen. Er wollte Ryu nicht begegnen, erinnerte der ihn doch an sein Versagen im Hort. Und, viel wichtiger, er, Banor, war ein Krieger, er war derjenige, der den Ton angab! Ganz anders als die Bildvagabunden, die wie Spielbälle willkürlich von Sphäre zu Sphäre hüpften!

Doch der kühle Krieger in ihm beschwor ihn, seinen Unmut zu zügeln. Er wollte zurück zu Hyla. Dazu brauchte er jede Hilfe, die er bekommen konnte. Sei es von einer Gilde der Bildvagabunden oder gar von Ryu, dem Sphärenreisenden, persönlich. Das war der einzig ihm offenstehende Weg, auch wenn ihm das nicht gefiel. Aber dann dachte er wieder, dass es eine andere Möglichkeit geben musste!

So waren seine Gedanken die ganze Nacht im Kreis gewandert.

Der Himmel verfärbte sich von dunkelblau zu zartrosa. Die Sterne verblassten und die ersten Möwenschreie ertönten. Er erhob sich. Zeit, die Niederlage einzugestehen und zur Gilde zu gehen. Er schöpfte Wasser mit der Hand aus dem Bach und trank. Hunger hatte er, doch den hielt er aus. Die Gilde würde ihm ja wohl zu essen geben.

Unter das Geschrei der Möwen mischte sich ein anderer Ton. Er war hoch und eigentümlich singend, erscholl wie aus weiter Ferne.

Banor stockte, richtete sich auf, lauschte. Ein derartiges Geräusch hatte er noch nie gehört. Der Ton erklang erneut, brach ab und setzte dann wieder ein. Es lag etwas Drängendes in ihm, das eine Saite in Banor rührte. Es war, als fordere jemand ihn auf, sich zu ihm zu gesellen.

Er musterte das sumpfige Land, die Klippen, den Strand. Niemand da. Gefahr drohte ihm wohl nicht. Trotzdem: Er musste dem Geräusch auf den Grund gehen, und sei es nur, um nicht unvermittelt in eine bedrohliche Situation zu geraten.

Er wandte sich in Richtung des Geräuschs und ignorierte beflissen den Gedanken, dass er damit nur den Gang zur Gilde verzögerte. Da kann ich immer noch hingehen. Aber erst will ich wissen, wer das ist.

Jenseits der felsigen Meeresküste erstreckte sich eine Ebene. Der Boden wurde landeinwärts zunehmend morastiger. Hin und wieder ragten Felsen aus ihm. Trotz der frühen Stunde tanzten Mückenwolken über dem Wasser zahlreicher Tümpel. Mannshohes Schilfgras wucherte überall. Pfade gab es keine und Banor bahnte sich mühsam seinen Weg durch die Gräser. Das seltsame Geräusch war verstummt, doch er behielt die Richtung bei, aus der es erschollen war.

Wieder einmal bog er Schilfrohre auseinander und war schon im Begriff, durch sie zu treten. Da sah er vor sich einen Tümpel, an dessen Ufer jemand stand. Jemand mit schwarzem Fell, schwarzen Hinterhufen und einen schwarzen Schweif, mit dem er nach den Mücken schlug, die ihn umschwirrten. Den Rumpf und den größten Teil des Rückens verdeckte das Schilf. Wer auch immer das war, hatte sich zum Wasser hinuntergebeugt und trank.

Wilde Freude stieg in Banor auf. War das wirklich? Hatte er einen Zentauren gefunden? Er blieb in gebührender Entfernung stehen, wollte den Zentauren nicht erschrecken, zu wertvoll war diese Begegnung für ihn in dieser fremden Welt.

Der Zentaur trank noch immer.

Banor hüstelte. »Ich grüße dich.«

Ein schlanker, langer Hals fuhr aus dem Gras hoch und ein mit schwarzem, glänzenden Fell bewachsener Kopf wandte sich ihm ruckartig zu. Zwei weit auseinanderstehende, dunkle Augen erfassten ihn, darüber zwei sichelförmige Ohren, die sich nervös drehten. Zwischen den Ohren wuchsen lange, struppige Haare, die vorne bis über die Augen fielen, und sich hinten auf dem Hals bis zum Rücken fortsetzten. Um den Kopf waren mit Metall zusammengehaltene Lederschnüre gewickelt, ähnlich den Halftern, mit denen die Mavrosryk Ochsen führten. Auf dem Rücken thronte ein sonderbares Konstrukt, ebenfalls aus Leder.

Kein Zentaur.

Mit einem Schnauben aus großen Nüstern tat das Wesen seinen Argwohn kund, hatte Kopf und Hals steil aufgerichtet. Von seinen Lippen troff Wasser.

Banor glaubte nicht, was er da sah. Er wusste von diesen Wesen. In den langen Wintern auf den weiten Grasebenen seiner Heimat, wenn der kalte Nordwind an den Tuchplanen des Zeltes zerrte, hatte sein Vater ihn und seine Geschwister um das Feuer versammelt und ihnen die Mythen des Zentaurenvolkes beigebracht. Er erzählte von Heldentaten, die Zentauren in Kämpfen mit Drachen und Ungeheuern vollbracht hatten, und von der Befreiung schöner Zentaurenfrauen aus finsteren Kerkern. Und von den Wesen, denen Asbol, der allererste Zentaur, und Banors gesamte Rasse entstammten, den Pholonen.

Einem dieser mythischen Wesen stand er gegenüber.

Er wagte nicht, sich zu bewegen. Auch der Pholone rührte sich nicht, ließ ihn nicht aus den Augen.

Nach einer langen Weile, in der sie sich still gemustert hatten, streckte Banor langsam die Hand aus. Der Pholone schnaubte erneut argwöhnisch, doch dann siegte die Neugier. Er trat einen Schritt vor und reckte den Hals, sodass er Banors Hand gerade erreichte. Banor spürte das samtweiche Maul nur kurz, dann zog sich der Pholone zurück. Seine Ohren hatten ihr nervöses Spiel aufgegeben.

»Ich bin Banor. Ich fühle mich geehrt, einem der Vorväter zu begegnen.«

Der Pholone sah ihn an.

»Was tust du hier? Was sollen dieses Halfter und das Ding da auf deinem Rücken? Wieso trägst du keine Schabracke?«

Der Pholone schüttelte den Kopf. Das Metall in dem Lederzeug klirrte.

Banor trat langsam vor.

Der Pholone rührte sich nicht.

Banor legte ihm die Hand auf den stolz geschwungenen Hals. Die struppige Mähne kitzelte auf der Haut. »Wieso bist du hier? Hast du dich verlaufen?« Wer legte einem freien Wesen ein Halfter an? Benutzten sie den Pholonen wie einen Ochsen? Wer ›sie‹ auch sein mochten? »Haben sie dich versklavt? Bist du vor ihnen geflohen?«

Der Pholone drehte den Kopf, sah in die Ferne.

»Ich helfe dir. Ich werde dir beistehen, wenn …«

Ein Ruf ertönte. Der Pholone warf sich herum, schnaubte. Dann stieß er den hohen, singenden Ton aus, der Banor hergelockt hatte, und galoppierte davon.

»Warte! Wo willst du denn hin?« Banor dachte nicht lang nach, sondern galoppierte hinterher, Unwillens, den Pholonen seines Weges ziehen zu lassen.

Der Pholone war schnell und er schien den sumpfigen Untergrund gewöhnt zu sein. Geschickt umlief er Schilfgräser und sprang über Tümpel, während Banor des Öfteren fluchend stolperte.

---ENDE DER LESEPROBE---