Die Geister von Beelitz - Susanne Goga - E-Book

Die Geister von Beelitz E-Book

Susanne Goga

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Beschreibung

Ein elegantes Sanatorium, eine tödliche Krankheit, ein lautloser Mörder Berlin/Brandenburg 1929: In den idyllisch gelegenen Lungenheilstätten Beelitz sollen sich die vielen Tuberkulosekranken aus der nahen Großstadt erholen. Doch mysteriöserweise verschwinden aus diesen Heilstätten immer wieder Patienten und so beschließt Leo Wechsler, sich dort selbst umzusehen. Ein gefährlicher Auftrag, denn in den labyrinthischen Gängen ist nicht nur ein erbarmungsloser Mörder unterwegs, auch die hoch ansteckende Tuberkulose ist ein gefährlicher Gegner ... Fesseld, historisch, atmosphärisch – ein Krimihighlight! Die ›Leo Wechsler-Reihe‹ von Susanne Goga:  - Leo Berlin - Tod in Blau - Die Tote von Charlottenburg - Mord in Babelsberg - Es geschah in Schöneberg - Nachts am Askanischen Platz - Der Ballhausmörder - Schatten in der Friedrichstadt - Der Teufel von Tempelhof - Die Geister von Beelitz

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Der Doktor kam herein und rieb sich die Hände. Er schaute in die Runde. »Die Patienten in den Einzelzimmern sind ruhiggestellt«, sagte er. Was er damit meinte, war klar. Sie hatten Spritzen bekommen. Scopolamin hieß das Mittel, es haute den stärksten Mann um. Von denen war kein Aufstand mehr zu erwarten.

Blieben die im Tagesraum, die dieses grauenhafte Getöse veranstalteten. Die Tür bebte, hielt aber stand. Sie war stabil, hoffentlich stabil genug.

 

Von Susanne Goga

sind bei dtv außerdem erschienen:

Leo Berlin

Tod in Blau

Die Tote von Charlottenburg

Mord in Babelsberg

Es geschah in Schöneberg

Nachts am Askanischen Platz

Der Ballhausmörder

Schatten in der Friedrichstadt

Der Teufel von Tempelhof

Susanne Goga

Die Geister von Beelitz

Kriminalroman

Prolog

Juni 1929

Er schaute an die hölzerne Decke der vorn offenen Liegehalle. Ein leichter Wind wehte durch die Luken der Dachkonstruktion. Vor ihm öffnete sich der Blick auf eine Wiese und lichten Kiefernwald, der mit seiner frischen, aromatischen Luft den Patienten bei der Genesung helfen sollte. Hinter ihm befand sich eine Glaswand, durch die genügend Licht fiel, um das Lesen zu ermöglichen.

Hier gab es keine rauchenden Schlote, keine Dämpfe, die in den Fabriken aufstiegen und die Menschen, die dort arbeiteten, umwaberten. Keine feuchten Wände und Decken, keine Wäsche, die in Wohnungen zum Trocknen hing und schwarzen Schimmel wachsen ließ. Keine fauligen Kartoffeln und lappiges Gemüse, kein Brot, von dem man die schlechten Stellen abgeschnitten hatte.

Die Menschen, die in solchem Elend wohnten und an Tuberkulose erkrankten, schickte man nach Beelitz, damit sie sich fern der Großstadt erholen und – das war der eigentliche Gedanke dahinter – ihre Arbeitskraft zurückerlangen konnten. Viele erlebten zum ersten Mal, was es hieß, sich ausreichend und gesund zu ernähren, sich auszuruhen, statt von früh bis spät in der Fabrik zu schuften oder Haushalt und Kinder zu versorgen und dazu noch Heimarbeit zu übernehmen.

Er war oft genug in solchen lichtlosen Wohnungen gewesen. Die im Souterrain und unter dem Dach waren am schlimmsten, weil darin Kälte und Feuchtigkeit oder drückende Hitze ein unerbittliches Regiment führten. Und während die Tuberkulose Menschen aller gesellschaftlichen Schichten befiel, wütete sie dort, wo die Leute arm waren und auf engem Raum zusammenlebten, am erbarmungslosesten.

Er begann zu husten und griff rasch nach dem Blauen Heinrich, der neben seinem Liegestuhl auf dem Boden stand.

»Klingt doch ganz passabel«, sagte Bootsmann Klaus, als der Aufseher gegangen war. »Kein Blut dabei, Fritz?«

Er schüttelte den Kopf und dachte an die Diagnose, die man ihm gestellt hatte: Beginnende, noch geschlossene Lungentuberkulose beider Lungenspitzen, einhergehend mit körperlicher Schwächung. Zur Wiederherstellung der Arbeitskraft wird ein Aufenthalt in einer Lungenheilstätte empfohlen.

Er stellte die Flasche neben den Liegestuhl. Sie zu handhaben, zu entleeren und zu säubern, hatte er schnell gelernt.

Nur an den Namen Fritz musste Leo Wechsler sich noch gewöhnen.

1

Ende Mai 1929

Leo blieb vor der Eckkneipe stehen und zögerte kurz. Er hatte Joachim seit drei Wochen nicht gesehen und fühlte sich alles andere als wohl in seiner Haut. Ihre unterschiedlichen politischen Ansichten hatten ihrer Freundschaft nie im Weg gestanden. Sie hatten oft hitzig diskutiert und am Ende mit einem Bier die Feststellung besiegelt, dass sie in manchen Dingen eben nicht einer Meinung waren. Diesmal aber war es anders.

Dreiunddreißig Tote in den ersten Maitagen, darunter gänzlich Unbeteiligte wie ein Journalist aus Neuseeland und ein SPD-Mann, der sein Fenster nicht schnell genug geschlossen hatte, als ihn ein Polizist dazu aufforderte. Alle erschossen von der Berliner Schutzpolizei. In der Kösliner Straße waren auch bewaffnete Kriminalbeamte in Zivil eingesetzt worden, die mit ihrem Feuer Kommunisten von den Barrikaden vertrieben hatten. Leo wusste nicht, ob sie Menschen getötet hatten, doch es waren seine Kollegen, er war einer von ihnen. Besonders bitter war die Rolle, die die SPD bei alldem gespielt hatte. Polizeipräsident Zörgiebel, der im Dezember alle Versammlungen und Demonstrationen im Freien verboten hatte, somit auch die Mai-Kundgebungen, war SPD-Mitglied. Und auch der preußische Innenminister Grzesinski, der das Demonstrationsverbot im März auf ganz Preußen ausgedehnt hatte, war ein SPD-Mann. Natürlich galt das Verbot für alle Organisationen, auch die Sturmabteilung der NSDAP, nur war die Symbolkraft des 1. Mai für die Linken ungleich wichtiger

Dreiunddreißig Tote, fast zweihundert Verletzte, und niemand, wirklich niemand wollte die Verantwortung übernehmen. Leo ahnte, dass auch niemand dafür bestraft werden würde.

Aber er konnte nicht ewig vor der Kneipentür stehen bleiben. Zudem hatte er es sich zum Prinzip gemacht, unangenehmen Gesprächen nicht auszuweichen. Er ertrug es schwer, Dinge vor sich herzuschieben, das war schon immer so gewesen. Diese Begegnung aber würde schwierig, und er hoffte sehr, dass er und Joachim weiter Freunde bleiben konnten.

Leo drückte energisch die Tür auf. Der Holzboden war mit Sand bestreut, der unter seinen Schuhen knirschte. Drinnen schlug ihm der vertraute Geruch von Tabak, Bier und Buletten entgegen, die die Wirtsfrau in der winzigen Küche briet.

Joachim lehnte an der Theke und wandte den Kopf, als die Tür aufging. Die Schirmmütze schräg auf dem Kopf, eine blonde Haarsträhne verwegen in der Stirn. Leo trat näher, Joachim senkte den Blick. Einen Moment schien es, als wollte er der Begegnung ausweichen, doch dann begriff Leo, dass sein Freund ähnlich nervös war wie er.

Sie gaben sich die Hand.

Auf Joachims Zeichen stellte der Wirt ein frisch gezapftes Bier auf die Theke. Sie stießen, immer noch wortlos, miteinander an.

»Es tut mir leid«, sagte Leo leise. Völlig unzureichende Worte für das brutale Vorgehen der Polizei, auch wenn die Kommunisten es provoziert hatten. Sie hatten gegen das Demonstrationsverbot verstoßen, keine Frage, doch das rechtfertigte nicht, blindwütig in die Menge zu schießen und auf unbeteiligte Menschen einzuschlagen.

»Danke, dass du gekommen bist. Ich dachte schon, mit uns wär’s vorbei.«

»Nicht wegen Politik«, sagte Leo spontan, wobei ihm im nächsten Augenblick klar wurde, dass dies durchaus ein Grund sein konnte, aus dem man sich zerstritt. Manchmal verliefen die Risse mitten durch eine Familie.

»Aber eure Leute haben gewaltigen Mist gebaut, das will ich dir mal sagen. Wie es aussieht, war sogar die Kripo dran beteiligt«, erwiderte Joachim. »Und das alles auf Anordnung der SPD. Bei der Wahl in Sachsen haben wir doch gesehen, was passiert, wenn sich die Arbeiterparteien zerstreiten. Davon profitieren nur die Nazis. Die haben sich verdreifacht. Und die SPD geht hin und verbietet unseren Roten Frontkämpferbund. Wie sollen wir uns denn gegen die SA wehren?«

Leo überlegte sich seine nächsten Worte sehr genau. Ob sie helfen oder etwas erklären würden, war eine andere Frage, doch Joachim sollte wissen, dass es auch Nichtkommunisten gab, die auf seiner Seite standen.

»Clara saß weinend im Wohnzimmer, als ich am 1. Mai vom Dienst gekommen bin. ›Wie können die so was machen?‹, hat sie gefragt. Ich wusste natürlich, was sie meinte. Kommunisten und Sozialdemokraten schlagen sich gegenseitig die Köpfe ein, überschütten sich mit Hass und heftigen Vorwürfen, statt sich dem gemeinsamen Gegner zuzuwenden.«

Joachim sah ihn prüfend an. »Sind die Braunen denn noch der gemeinsame Gegner?«

Die Frage traf Leo wie ein Hieb in den Magen. Er kannte sehr wohl das neue Schlagwort, mit dem die Kommunisten die SPD bezeichneten – Sozialfaschisten.

»Ja, das sind sie. Für mich auf jeden Fall.«

»Gut, dass Clara sich Gedanken macht. In der SPD gibt es sicher viele Anständige wie sie, die das nicht gutheißen. Aber die oben, die das Sagen haben, verraten unsereinen.« Er hielt kurz inne. »Und wie denken sie bei dir auf der Arbeit?«

Leo schaute stumm in sein Bier. »Die Meinungen waren geteilt«, sagte er schließlich. Ihm war klar, dass diese Antwort nicht ausreichte. »Viele Kollegen waren der Ansicht, dass die Kommunisten nur bekommen haben, was sie verdienen. Weil sie sich nicht an die Regeln gehalten haben, weil sie ständig auf Unruhe aus sind, weil sie die Regierung fortwährend provozieren. Von denen waren auch einige im Einsatz.« Er zog die Schultern hoch und ließ sie wieder sinken. Wie konnte er ehrlich sein, ohne es sich mit Joachim zu verderben? »Sie haben nicht ganz unrecht, finde ich.«

»Und was ist mit Kütemeyer? Diese Lügengeschichte hat doch erst zum Demonstrationsverbot geführt«, entgegnete Joachim.

Hans Georg Kütemeyer war ein SA-Mann gewesen, der nach Hitlers Sportpalastrede im vergangenen November mit linken Bauarbeitern in Streit geraten war. Man hatte ihn verprügelt. Stunden später war er völlig betrunken in den Landwehrkanal gestürzt und dabei umgekommen. Obwohl die Polizei zweifelsfrei festgestellt hatte, dass es sich entweder um einen Unfall oder einen Selbstmord gehandelt hatte, behauptete der Gauleiter der NSDAP, Joseph Goebbels, Kütemeyer sei von Kommunisten ermordet worden. Polizei und »Judenpresse« würden den Mord vertuschen. Die politische Stimmung wurde durch die Kampagne derart aufgeheizt, dass schließlich am 13. Dezember das Demonstrationsverbot verhängt worden war.

»Ich weiß, ich habe die Sache verfolgt. Goebbels verbreitet sein Gift und hat damit Erfolg, das macht mir Sorgen.« Leo holte tief Luft. »Was ich nicht verstehe und nicht gutheiße, ist die Tatsache, dass die Polizei sich verhalten hat, als wärt ihr ein Kriegsgegner, den es mit solch brutalen Mitteln zu bekämpfen gilt. Das ist durch nichts zu entschuldigen.«

Er sah Joachim schon an, dass noch etwas Unangenehmes nachkam. Und prompt sagte dieser: »Aber du hast nicht protestiert.«

Oh, der Gedanke war ihm durchaus gekommen, aber als Kollegen für den bewaffneten Einsatz angefordert wurden, war völlig klar gewesen, dass sein Protest nichts ausgerichtet hätte. Als er seinen Kollegen gegenüber seine Betroffenheit äußerte, hatte Hasselmann ihn mit einem Blick bedacht, als wollte er sagen: Von Ihnen habe ich nichts anderes erwartet. Jakob Sonnenschein und Oskar Neufeld schienen seine Meinung zu teilen, doch sie alle wussten, dass drei Kriminalbeamte nichts ausrichten konnten, wenn der preußische Innenminister und der Polizeipräsident Tausende Polizisten gegen die KPD losschickten.

Jemandem wie Joachim mochte es feige erscheinen, aber es hätte ganz zweifellos keinen Sinn gehabt, allein ins Büro von Polizeipräsident Zörgiebel zu marschieren und gegen die Gewaltausbrüche der Polizei zu protestieren. »Nein«, sagte er nur.

Joachim sah ihn fest an. »Das passt nicht zu dir.«

Damit spielte er auf Leos Neigung an, sich im Zweifelsfall auch gegen die Polizei zu stellen, wie er es während des Spartakusaufstands getan hatte und beim Pogrom im Scheunenviertel vor sechs Jahren. Aber da war er einzelnen Schupos entgegengetreten, weil er die Gewalt unmittelbar miterlebt hatte. Diesmal ging es um eine Entscheidung seines obersten Vorgesetzten und der Regierung.

Joachims Enttäuschung tat weh, doch Leo wollte sich nicht billig aus der Affäre ziehen. »Ich kann zu meiner Rechtfertigung nur sagen, dass es keinerlei Diskussion gab. Es wurde angeordnet, es geschah. Das klingt vielleicht wie eine Ausrede, aber es ist so. Allerdings war ich bei Gennat und habe ihm klar gesagt, was ich von den Gewalttaten halte. Er sieht es wie ich. Aber wir konnten nichts tun.«

Joachim trank sein Glas aus und stellte es auf die Theke. Er schien mit sich zu ringen. »Leo, ich will dir nicht die Schuld an etwas geben, das die da oben zu verantworten haben. Danke, dass du so ehrlich mit mir warst. Und, na ja, bei uns war es auch schwierig. Es wurden Flugblätter verteilt, auf denen stand, das Demonstrationsverbot wäre aufgehoben, nur um die Leute auf die Straße zu bekommen. Die Welt am Abend hat das Gerücht auch verbreitet. Ich selbst hab hier im Unterbezirk Moabit dagegengesprochen.«

Leo sah ihn überrascht an. »Du warst gegen die Demonstrationen?«

»Ja doch. Eine blöde Idee.« Joachim lachte bitter. »Ich und ein paar andere sind dafür eingetreten, uns wie angeordnet nur in geschlossenen Räumen zu treffen. Gibt ja genug davon. Hab noch gesagt, die Arbeiter müssen zusammenhalten gegen die Braunen. Die hauen nur auf uns drauf, nie auf die Polizei, und machen sich damit lieb Kind. Aber wir wurden überstimmt. Und dann hat die Polizei alle Befürchtungen bestätigt, hat alles Schlimme, das man ihr vorwirft, zu hundert Prozent erfüllt. Ist doch verrückt, oder?« Joachim schüttelte den Kopf. »Ich weiß, dass dich das nicht kaltlässt, Leo. Und mir ist unsere Freundschaft wichtig. Also reden wir über was anderes.«

Er hob die Hand und gab dem Wirt ein Zeichen. »Noch zwei Weiße. Versöhnungsbier.«

Sie stießen miteinander an, dann stellte Joachim sein Glas ab und sah Leo endlich richtig ins Gesicht. »Wie geht’s denn der Familie? Alle gesund?«

»Bestens.«

»Und ist Ilse noch glücklich mit ihrem Fiedler?«

Leo musste lachen, als sein Schwager, Cellist in der Berliner Staatskapelle, so schnöde herabgewürdigt wurde. »Ja, mit ihm hat sie einen echten Volltreffer gelandet. Er mit ihr aber auch.«

»Das freut mich, sie hatte es ja nicht immer leicht«, sagte Joachim. »Da war doch mal dieser Waffenschieber, ist Jahre her, du hast mir damals davon erzählt.«

Leo schlug sich an die Stirn. »Richtig, wie hieß der doch gleich? Schneider, Bruno Schneider. Aber mit Richard hat sie es wirklich gut getroffen. Ist auch ein prima Schwager.«

Joachim trank einen großen Schluck und sagte dann: »Apropos Schwager, da fällt mir eine kuriose Geschichte ein, die wollte ich dir schon länger erzählen. Rudi, der Mann meiner Schwester, war doch in dieser Lungenheilstätte, in Beelitz, du erinnerst dich?«

»Sicher. Wie geht’s ihm?«

»Schon besser. Arbeitet wieder. Ist auch nicht ansteckend, die Kinder haben sich gefreut wie Bolle, dass sie wieder auf seinen Schoß dürfen. Jedenfalls hat er mir neulich was Komisches erzählt. Er hatte sich mit einem anderen Patienten angefreundet. Sie haben sich die Zeit mit Kartenspielen und so weiter vertrieben. War kein sonderlich netter Mensch, sagt Rudi, aber diese Tuberkulosekuren sind furchtbar langweilig, das verbindet. Rudi wurde zwei Monate nach ihm entlassen und ist nach einer Weile zu dem Kumpel hin, um zu sehen, wie’s ihm geht.«

Er legte eine dramatische Pause ein, und Leo sah ihn fragend an.

»Stell dir vor, er war verschwunden.«

»Wie bitte?«

»Na ja, Rudi hat bei ihm an der Tür geklingelt. Die Frau macht auf. Er fragt nach ihr. Sie sieht ihn wütend an und sagt, ihr Mann wär nie aus Beelitz zurückgekommen, der sollte sich zum Teufel scheren.«

Vielleicht hatte der Mann die lange Untätigkeit in der Kur genutzt, um über sein Leben nachzudenken, und war zu dem Schluss gelangt, dass er nicht zu seiner Frau zurückwollte, dachte Leo. So etwas kam vor. Eine schwere Krankheit bedeutete einen tiefen Einschnitt, da kamen viele ins Grübeln. Das sagte er Joachim auch.

»Kann schon sein«, meinte der, »ich dachte einfach, das wär eine Geschichte für dich.«

Leo grinste. »Berufskrankheit, was?«

»Genau«, grinste Joachim zurück. »Der Mann war einer von denen, die gern über die Stränge schlagen, sie hätten ihn dort in Beelitz mehr als einmal fast rausgeworfen. Hat einen Kasten Bier spendiert, als feststand, dass er gehen durfte. Und anzügliche Bemerkungen gemacht von wegen, dass er im Bett endlich wieder loslegen kann. Dabei ist er Familienvater.«

Das alles war ein wenig seltsam, dachte Leo, aber natürlich kein Fall für die Polizei. Er tippte auf einen Ehemann, der keine Lust mehr auf die Ehe hatte. »Weißt du, wie der Mann hieß?«

»Das hat Rudi nicht erwähnt.«

»Und den anderen Patienten gegenüber hat der Mann auch nichts gesagt?«

Joachim schüttelte den Kopf. »Weiß ich nicht. Ich hab Rudi dort mal besucht. Das ist eine Riesenanlage, sag ich dir, eine Welt für sich, die haben sogar ein eigenes Heizkraftwerk und alles. Mitten im Wald. Man kommt sich vor, als wäre Berlin ganz weit weg. Aber wenn ich ehrlich bin – mir waren da zu viele kranke Leute.«

»Verstehe. Übrigens, ich habe dir doch von dem Mädchen erzählt, das ich bei dem Fall in Tempelhof kennengelernt habe? Mit Erikas Mutter geht es zu Ende.«

In einer Ecke stimmten einige Gäste ein Lied an, und Leo musste sich vorbeugen und lauter sprechen, damit Joachim ihn hören konnte. »Ilse will sich um das Mädchen kümmern. Sie hat sie schon öfter in dem Kloster besucht, in dem sie untergebracht ist.«

Joachim sah ihn über den Rauch seiner Zigarette hinweg erstaunt an. »Will sie die Kleine zu sich nehmen?«

»Ich glaube schon. Sie war bei der Fürsorge und hat sich erkundigt. Als Erika bei uns war, habe ich sofort gemerkt, dass die beiden sich verstehen. Ilse wollte gerne Kinder, aber für eigene ist es wohl zu spät.«

»Meine Grete sagt auch, mit über vierzig will sie keine mehr. Aber wir haben unsere vier, mit denen wollen wir zufrieden sein. Die machen genug Arbeit.«

Leo sah ihn nachdenklich an. »Anfangs wird es sicher nicht einfach, wenn das Mädchen gerade erst die Mutter verloren hat.« Er erinnerte sich, wie es nach Dorotheas Tod gewesen war, als Marie und Georg nach ihrer Mutti gefragt hatten und er Worte finden musste, die sie verstehen konnten, ohne ihnen etwas vorzumachen oder falsche Hoffnungen zu wecken. »Zum Glück ist sie schon dreizehn und sehr verständig.«

»Und sie hat jahrelang nicht bei ihrer Mutter gelebt, oder?«

»Nein, sie ist seit Jahren im Kloster vom Guten Hirten. Schon viel zu lange, wenn du mich fragst. Ich habe zumindest dafür gesorgt, dass sie ihre Mutter regelmäßig sehen darf. Mehr konnte ich nicht erreichen, auch wenn ich es falsch finde, dass Erika nicht bei ihr leben darf.«

Joachim zog die Augenbrauen hoch. »Du hast dich mit der Fürsorge angelegt?«

Leo zuckte mit den Schultern. »Ich habe versucht, meinen nicht vorhandenen Einfluss als Polizist geltend zu machen. Immerhin habe ich die Besuche durchsetzen können.«

Sein Freund stieß ihn an. »Im Grunde deines Herzens bist du ein anständiger Kerl. Auch wenn du Polizist und nicht in der KPD bist.«

Damit war ihr Abkommen besiegelt, sich von der Politik nicht auseinanderbringen zu lassen. In diesem Moment stimmten die Gäste in der Ecke »Brüder, zur Sonne, zur Freiheit« an, und zwar so grauenhaft falsch, dass Joachim, der in einem Arbeiterchor sang, heftig zusammenzuckte.

»Aufhören! So geht das nicht. Wenn schon, dann richtig.«

Leo sah ihm lächelnd nach, als er hinmarschierte, sich vor den Männern aufbaute und zu dirigieren begann.

Sie zerschlugen die schweren Eichenstühle, die mit Ketten am Boden befestigt waren. Sie zertrümmerten ihr Essgeschirr, der Lärm hinter den Türen war unbeschreiblich. Die Kranken in den Einzelzimmern brüllten und hämmerten gegen die Türen, die von innen mit Eisenblech verkleidet waren. Man hörte das Reißen und Bersten von Stoff, als sie die Decken und Matratzen zerstörten.

Angefangen hatte es am Abend, als die Kranken sich nach dem Essen weigerten, schlafen zu gehen. Man hatte ihnen, weil die Unzufriedenheit so groß war, schon ein wenig Brot zusätzlich gegeben, das man an den vorhergehenden Tagen wohlweislich abgezweigt hatte. Aber es reichte nicht aus. Was sie forderten, waren Kartoffeln, immer wieder Kartoffeln.

Der Doktor hatte gesagt, dass man sie irgendwie ruhigstellen müsse, sonst würde die Hölle losbrechen. Doch alle Mühe war vergebens. Woher das Essen nehmen, wenn es einfach nicht genug gab?

Ja, die Rationen für Leute, die in Fabriken arbeiteten, und für die Soldaten an der Front waren reichlicher. Aber das hier waren Männer, die sich nicht nützlich machten, die nicht wertvoll für die Allgemeinheit waren, so hatte der Doktor es jedenfalls ausgedrückt. Die lebten auf Kosten aller anderen und sollten froh sein, wenn sie überhaupt was zu essen bekamen.

2

Dienstag, 4. Juni 1929

Als Leo ins Büro kam, sah Fräulein Meinelt von ihrer Schreibmaschine auf und sagte lächelnd: »Guten Morgen. Ab heute sind wir ja wieder vollzählig.«

Da flog auch schon hinter ihm die Tür auf, und Robert Walther kam mit einem Blumenstrauß herein, den er Fräulein Meinelt mit einer schwungvollen Geste überreichte. Sie wurde ein bisschen rot, als sie die Blumen entgegennahm.

»Sie haben mir gefehlt«, sagte er. »Niemand tippt so gefühlvoll wie Sie.«

Er sah Leo an. Ein kaum merkliches Zögern, dann gaben sie einander die Hand.

»Willkommen zurück, Robert.«

»Es tut gut, wieder hier zu sein«, sagte Walther und räusperte sich verlegen. »Ich hoffe, du erwartest keine Blumen.«

Leo ging lachend in sein Büro und stellte die Aktentasche neben den Schreibtisch, bevor er den Sommermantel auszog und an den Türhaken hängte. »Solange du ordentlich schuftest und mir ab und zu eine Erbsensuppe bei Aschinger ausgibst, reicht mir das völlig.«

Der leichte Ton war wieder da. Ein Jahr hatte es gedauert, bis Walther sich rehabilitiert hatte und ins Polizeipräsidium am Alexanderplatz zurückgekehrt war, zuerst in Ludwig Werneburgs Kommission und nun wieder in die Inspektion A. Leo hoffte sehr, dass Roberts Krise, ausgelöst durch den Verlust seiner Freundin Jenny, die sich einen einflussreichen Förderer als Geliebten genommen hatte, überwunden war. Dann stünde der guten Zusammenarbeit nichts mehr im Wege, es sei denn –

Die Verbindungstür ging auf, und Oskar Neufeld erschien auf der Schwelle. Er schaute von Leo zu Walther und sagte freundlich: »Guten Morgen.«

Walther trat auf ihn zu und streckte die Hand aus. »Auf gute Zusammenarbeit, Kollege.«

»Die wünsche ich uns auch. Willkommen zurück.«

Leo merkte erst jetzt, dass er die Luft angehalten hatte, und entspannte sich. Vor seiner Versetzung war Walther dem Kollegen Neufeld, der damals von der Politischen Polizei zu ihnen gekommen war, äußerst feindselig begegnet. Offenbar standen die Zeichen jetzt auf Neuanfang, das sollte ihm sehr recht sein.

»Herr Oberkommissar«, sagte Neufeld, »Sie möchten möglichst umgehend zum Kriminalrat kommen.«

Was mochte Gennat von ihm wollen? Sie hatten keinen aufsehenerregenden Fall, und seines Wissens hatten weder er noch die Kollegen sich danebenbenommen. Am besten, er erledigte das sofort.

Fräulein Steiner, Gennats Sekretärin, begrüßte ihn freundlich und nickte zur Tür nebenan. »Der Herr Kriminalrat erwartet Sie schon.« Ihre Stimme klang gelassen, ihre Miene war heiter, also schien keine Katastrophe in der Luft zu liegen.

Zu Leos Überraschung war der Kriminalrat nicht allein. Bei ihm saß ein Mann um die fünfzig, der einen gut geschnittenen grauen Anzug trug. Er war körperlich das genaue Gegenteil von Gennat, drahtig und schlank. Leo hatte ihn noch nie gesehen.

Gennat erhob sich ächzend vom Sofa und streckte Leo die fleischige Pranke entgegen. Dann deutete er auf den Stuhl gegenüber und auf die Kaffeetassen samt Kanne, die bereitstanden. Kuchen gab es um diese frühe Stunde noch nicht.

»Darf ich bekannt machen. Oberkommissar Wechsler. Und das ist Herr Egon Piontek von der Landesversicherungsanstalt Berlin. Wir sind alte Freunde.«

Leo gab Piontek die Hand und setzte sich. Landesversicherungsanstalt Berlin? Ein alter Freund von Gennat? Jetzt war er wirklich neugierig geworden. Er schaute abwartend zwischen den Männern hin und her.

Gennat trank erst einen Schluck von seinem Kaffee, dann sagte er: »Es ist eine etwas ungewöhnliche Angelegenheit, Wechsler. Da dachte ich natürlich gleich an Sie.«

Es sollte wohl ein Kompliment sein, wenngleich Leo nicht sicher war, ob er sich darüber freute. Eine ungewöhnliche Angelegenheit konnte auch etwas Unangenehmes sein, das niemand sonst übernehmen wollte und für das man aus unerfindlichen Gründen seine Fähigkeiten brauchte. Mit der nächsten Bemerkung hatte er allerdings nicht gerechnet.

»Sie erwähnten mal, Ihr Vater sei Gemüsehändler gewesen.«

Leo zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Ja, das stimmt.«

»Hm.« Gennat löffelte sich mehr Zucker in den Kaffee und rührte klirrend um. »Ich erinnere mich an Zeiten, in denen Sie mit Kollegen wie von Malchow gern mal aneinandergerasselt sind. Von wegen Adelsklub und so weiter.«

Worauf wollte der Chef hinaus?

»Ich musste erst in dieses Milieu hineinfinden«, sagte Leo diplomatisch.

»Sie wohnen in einer Arbeitergegend«, fuhr Gennat gemächlich fort. Raus mit der Sprache, hätte Leo am liebsten gerufen. »Würden Sie sagen, dass Sie unter Arbeitern und kleinen Angestellten leben könnten, ohne aufzufallen?«

Nun war Leo auch ein kleines bisschen belustigt. »Ich lebe seit meiner Geburt in einer Gegend mit Arbeitern und kleinen Angestellten und bin dort meines Wissens bisher nicht groß aufgefallen, Herr Kriminalrat. Und Herr Piontek«, fügte er rasch hinzu.

Gennat nickte zufrieden. »Das ist gut. Übernimm du mal, Egon.«

Piontek setzte sich kerzengerade hin und sah Leo an. »Was wissen Sie über die Beelitz-Heilstätten?«

Leo beschloss, sich auf die abrupten Wechsel einzulassen und abzuwarten, wohin die beiden mit ihren Fragen wollten. »Ich war nie dort, habe aber davon gehört. Sie sind für Lungenkranke, stimmt’s?«

»Nicht nur. Es gibt dort insgesamt vier Bereiche – zwei Lungenheilstätten, jeweils eine für Männer und Frauen, und zwei Sanatorien, in denen andere Krankheiten behandelt werden. Die Lungenheilstätten werden von der Landesversicherungsanstalt Berlin betrieben, deren Vorstandsmitglied ich bin. Ich bin heute in einer recht heiklen Angelegenheit hier, die mich auch persönlich betrifft«, sagte Piontek zu Leos Erstaunen. »Mein Neffe Peter Grigat wurde kürzlich in Beelitz behandelt. Im Mai hat man ihn entlassen. Er verabschiedete sich von Mitpatienten und Personal, bekam seine Papiere, das Übliche. Zwei Tage später kam seine Ehefrau Mina zu mir, völlig verzweifelt und unter Tränen, und sagte, der Peter sei immer noch nicht zu Hause. Sie hatte am Bahnhof auf ihn gewartet, doch er kam nicht, weder mit dem angekündigten Zug noch mit einem späteren. Dabei hatte er ihr noch kurz vor seiner Entlassung eine Ansichtskarte geschickt und geschrieben, wie sehr er sich freue, wieder nach Hause zu kommen. Peter ist ein echter Familienmensch«, erklärte Piontek. »Die für meinen Neffen zuständige Fürsorgestelle rief in Beelitz an, als er sich nicht zur Nachuntersuchung vorstellte, und erfuhr, dass man Peter ordnungsgemäß entlassen hatte. Daraufhin sorgte ich dafür, dass Mina ihn offiziell als vermisst meldete. Die Polizei hat die Anzeige aufgenommen, sich angeblich auch umgehört, aber es kam nichts dabei heraus.«

Leo horchte auf. Er erinnerte sich an das Gespräch mit Joachim in der Kneipe, an den Bekannten von dessen Schwager, der ebenfalls vor Kurzem aus Beelitz entlassen worden und nicht zu seiner Familie zurückgekehrt war.

»Ich habe Mina gefragt, ob ihr irgendetwas an Peter aufgefallen sei, ob er etwas Ungewöhnliches gesagt oder getan hätte. Sie erinnerte sich lediglich an eine Bemerkung, die er bei einem ihrer Besuche gemacht hatte. Er hatte von Geistern reden hören, die in den Wäldern ihr Unwesen trieben. Menschen würden verschwinden. Er hat es natürlich als Märchen abgetan, das man sich aus Langeweile erzählte. Aber vielleicht gibt es doch einen konkreten Ausgangspunkt für diese Legende?«

»Ich weiß von einem ähnlichen Fall.« Leo berichtete, was ihm Joachim erzählt hatte.

»Interessant«, sagte Gennat. »Als Herr Piontek mir von seinem Neffen und der Bemerkung über die Geister erzählte, habe ich jemanden an die Kartei der Vermisstenstelle gesetzt.«

Leo hörte gespannt zu.

»Dabei kam Folgendes heraus: Vor einem halben Jahr wurde ein gewisser Eberhard Rauenstein aus Beelitz entlassen. Drei Tage später meldete sich seine Ehefrau beim nächstgelegenen Polizeiamt und erklärte, ihr Mann sei nicht nach Hause gekommen. Die Angelegenheit wurde an unsere Zentralstelle für vermisste Personen weitergeleitet. Die Heilstätte erteilte die gleiche Auskunft wie bei Herrn Pionteks Neffen: Abschlussuntersuchung, Aushändigung eines Schreibens an die Fürsorgestelle, fertig, aus. Das könnte der Mann gewesen sein, von dem Ihr Freund gesprochen hat.«

Leo meinte ein wenig skeptisch: »Nun ja, es handelt sich um erwachsene Männer, die können aus allen möglichen Gründen abgängig sein.«

Gennat hob streng den Zeigefinger. »Ich bin noch nicht fertig. Anfang 1928 gab es einen ähnlichen Fall. Der Mann hatte keine Familie, meldete sich aber nicht wie vorgesehen nach seiner Entlassung bei der Fürsorgestelle, die daraufhin Anzeige erstattete. Der Assistent, den ich mit den Nachforschungen beauftragt habe, ist bis 1924 zurückgegangen und auf insgesamt fünf derartige Fälle gestoßen.«

»Und keiner davon wurde näher untersucht?«

Gennat zuckte mit den Schultern. »Sie sind doch ein alter Hase, Wechsler. Wenn es keine ausdrücklichen Hinweise auf ein Verbrechen gibt, kann die Polizei wenig tun. Jeder Erwachsene kann seinen Aufenthaltsort frei wählen und auch Frau und Kinder verlassen, wenn ihm danach ist.«

Doch Piontek hatte einen Einwand. »In der Theorie mag das so sein, aber die Wirklichkeit sieht anders aus. Ich kenne Peter, der konnte es tatsächlich kaum erwarten, endlich wieder bei Mina und den Kindern zu sein. Dass er eine andere Frau haben sollte, halte ich für ausgeschlossen.« Sein Gesicht verriet, wie nah ihm die Sache ging.

»Gibt es denn irgendeinen Anhaltspunkt, wohin er verschwunden sein könnte?«

Piontek schüttelte den Kopf. »Keinen.« Er zögerte und warf Gennat einen Seitenblick zu, offenbar hatten sie das schon früher diskutiert. »Und falls Peter sich etwas angetan hätte, was ich nie und nimmer glaube, hätte man doch seine Leiche gefunden.«

»Selbst wenn, würde das nur seinen Fall erklären. Was aber ist mit den anderen vier?« Leos Interesse war geweckt. »Was sagt denn die Landesversicherungsanstalt dazu?«

Gennat schenkte Kaffee nach. »Egon?«

Piontek räusperte sich. »Wir sorgen uns um das Wohl der Patienten, aber auch um den guten Ruf unserer Behörde und der Heilstätten. Der LVA ist sehr daran gelegen, die Vermisstenfälle aufzuklären, doch möchten wir dabei größtmögliche Diskretion wahren, damit das Vertrauen der Bevölkerung in die Heilstätten und die LVA als solche nicht erschüttert wird.« Er seufzte. »Ich wusste mir keinen Rat, darum habe ich mich an Kriminalrat Gennat gewandt.«

Gennat nickte. »Worauf ich vorgeschlagen habe, einen Kriminalbeamten nach Beelitz zu schicken, um herauszufinden, ob es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Oder gar eine Serie von Verbrechen. Der Polizeipräsident war sofort einverstanden.«

Das war nicht weiter verwunderlich, dachte Leo. Zörgiebel hatte zurzeit keinen leichten Stand. Von der KPD hatten die jüngsten Vorfälle schnell den Namen »Blutmai« erhalten. Die Polizei musste schwer daran arbeiten, ihren Ruf wiederherzustellen, falls das überhaupt möglich war.

Plötzlich erinnerte sich Leo, wie Gennat die Unterhaltung eröffnet hatte. »Was bezweckten Sie eigentlich vorhin mit den Fragen zu meiner Herkunft?«

Gennat faltete die dicken Hände vor sich auf dem Tisch. »Menschen verschwinden aus den unterschiedlichsten Gründen aus ihrem bisherigen Leben. Jedoch sind Verbrechen nicht immer auszuschließen. Falls in Beelitz wirklich etwas faul ist und wir mit einer ganzen Kommission dort auftauchen und Fragen stellen, wären der oder die möglichen Täter gewarnt. Und Herr Piontek hat bereits erwähnt, dass es dem Vertrauen in die Heilstätten nicht zuträglich wäre. Andererseits können wir fünf verschwundene Personen nicht einfach ignorieren, und ich fühle mich ihm als Freund und Kriminalbeamter verpflichtet.« Er sah Leo an. »Ich weiß, es ist eine ungewöhnliche Maßnahme, jemanden inkognito als Patienten dort einzuschleusen, aber sie erscheint mir für diesen besonderen Fall geeignet.«

Das war nun eine echte Überraschung. »Und da haben Sie an mich gedacht?«, fragte Leo.

Gennat nickte. »Sie haben momentan keinen dringenden Fall. Und mit Ihrer Erfahrung und Ihrem gesellschaftlichen Hintergrund könnten Sie sich gut dort einfügen.«

»Aber wie soll das gehen?«, fragte Leo, der zu seinem eigenen Erstaunen gar nicht daran dachte, das Ansinnen in Zweifel zu ziehen, sondern gleich praktische Erwägungen anstellte. »Dazu bräuchte es ein gefälschtes Attest, gefälschte Röntgenbilder und Laborergebnisse. Ein bisschen Husten wird kaum reichen, um in Beelitz aufgenommen zu werden. Außerdem müsste jemand vor Ort eingeweiht sein, um die Scharade aufrechtzuerhalten.«

Gennat sah ihn lächelnd an. »Sie denken in den richtigen Bahnen, Wechsler. Herr Piontek hat zugesagt, das alles in Absprache mit seinen Vorstandskollegen zu regeln. Ein vertrauenswürdiger Arzt, der eine entsprechende Diagnose stellt, Röntgenbilder, die von einem anderen Patienten stammen, das ist nicht weiter schwer. Und es wird sich auch eine Kontaktperson dort finden.« Er lächelte. »Ich vertraue Ihnen absolut.«

Leo spürte, wie etwas in ihm keimte, ihn lockte. Ihn reizte der Gedanke, in eine fremde Rolle zu schlüpfen. Nicht dass er mit seinem Leben unzufrieden gewesen wäre, aber der Gedanke, vorübergehend zu einem lungenkranken Arbeiter oder kleinen Angestellten zu werden, der sich in Beelitz behandeln ließ, und dabei einem Rätsel auf den Grund zu gehen, faszinierte ihn. Er musste ein Lächeln unterdrücken. Und verspürte ein leises Kribbeln, das sich in seinem ganzen Körper ausbreitete und das er schließlich als das erkannte, was es war: Erregung.

»Ich kenne Ihre Erfolge, Herr Oberkommissar, der Kriminalrat hat mir davon erzählt«, sagte Piontek. »Dass Sie gut mit Menschen umgehen können. Dass Sie nicht lautstark auftreten und mit der Tür ins Haus fallen. So jemand wäre genau richtig.«

Gennat nickte bekräftigend. »Wechsler ist der beste Mann. Und alles, was zurzeit ansteht, lässt sich von den Kollegen bewältigen.« Er sah Leo lauernd an, als hätte er bereits gemerkt, dass der angebissen hatte.

»Geben Sie mir Bedenkzeit bis morgen?«

»Natürlich.«

Es war eine berufliche Entscheidung, doch Leo würde sie nicht treffen, ohne vorher mit Clara zu sprechen. Die Meinung seiner Frau bedeutete ihm viel, er wollte sie nicht einfach übergehen. Außerdem verdunkelte ein Gedanke seine gespannte Erwartung, den er gern beiseitegeschoben hätte, dem er sich aber stellen musste. Also konnte er es auch sofort hinter sich bringen.

»Eine Sache wäre da allerdings«, sagte er vorsichtig. »Wie gefährlich ist dieser Einsatz, was die gesundheitliche Seite betrifft?«

»Es ist absolut verständlich, dass Sie danach fragen«, sagte Gennat. »Meine Beamten in ernste Gefahr zu bringen, verbietet sich natürlich. Herr Piontek wird diese Seite der Angelegenheit mit seinen Medizinern klären und mir Bericht erstatten. Sie überlegen es sich, und ich kümmere mich unterdessen um alles andere. Einverstanden?«

»Ja, Herr Kriminalrat.« Leo erhob sich. »Auf Wiedersehen, Herr Piontek.«

Als er das Büro verließ, kämpften in ihm Erregung, Vorfreude und die Sorge, sich auf etwas einzulassen, dessen Folgen er nicht absehen konnte.

 

»Ich kann das nicht einfach vergessen«, stieß Clara hervor, als sie nach der Versammlung mit Elly Kaiser zur Straßenbahn ging. »Dreiunddreißig Tote, das ist wie in den schlimmsten Zeiten nach dem Krieg.« Seit den Maiunruhen waren vier Wochen vergangen, doch Clara fühlte sich seitdem innerlich zerrissen. Sie war mit großen Hoffnungen in die SPD eingetreten, wohl wissend, dass Idealismus und Realpolitik wenig miteinander zu tun hatten. Wenn bei Straßenschlachten bewaffnete Männer von SA und Rotem Frontkämpferbund aufeinander losgingen, war das eine Sache. Bei den Unruhen in den ersten Maitagen jedoch waren zumeist unbewaffnete Demonstranten das Ziel polizeilicher Gewalt gewesen. Und jene, die dafür verantwortlich waren, nicht zuletzt der Polizeipräsident persönlich, gehörten der SPD an und schienen die Eskalation der Gewalt trotzdem nach wie vor richtig zu finden. Sie hatte mehr als einmal mit Leo darüber gesprochen, der selbst entsetzt über die Vorfälle war und dies auch seinem Chef gegenüber geäußert hatte. Doch er hatte keinen Einfluss auf das, was auf den Straßen Berlins geschah, und Mitglied einer Partei war er auch nicht. Letztlich blieb Clara mit ihrer Zerrissenheit allein.

In ihrer Leihbücherei und Buchhandlung versuchte sie, das Geschehene auszublenden, räumte die Regale auf, sichtete Neuerscheinungen und jene, die von den Verlagen für dieses Jahr angekündigt waren: Rechts und links von Joseph Roth, ein neuer Novellenband von Heinrich Mann und der Roman Alexander seines Neffen Klaus, das war mal eine schöpferisch begabte Familie. Auch sollte Ende Juli Menschen im Hotel von Vicki Baum als Buchausgabe erscheinen, nachdem schon der Vorabdruck in der Berliner Illustrirten seit März Furore machte.

Doch sobald sie die Ladentür hinter sich abschloss, kreisten die Gedanken wieder. So wie jetzt, nach der Versammlung.

Elly legte ihr beschwichtigend die Hand auf den Arm. »Du sollst das auch nicht vergessen, Liebes. Meine ganze Familie ist in der SPD, ich bin mit ihr aufgewachsen, und glaub mir, ich habe so manches Mal mit der Partei gehadert. Sie ist wie eine Mutter, die man oft zum Teufel wünschen möchte und von der man sich dann doch gern wieder in die Arme schließen lässt. Vielleicht empfinde ich nicht ganz so stark wie du, weil ich schon einiges miterlebt habe. Gleich nach dem Krieg hatten wir Noske, den Bluthund, und auch den haben wir überstanden. Ich bin in der SPD geblieben, weil sie trotz allem ein Zuhause für mich ist.«

Sie standen an der Haltestelle, der Abend war warm und duftete nach Linden, und Clara fragte sich, ob sie überhaupt politisch sein musste. Doch bevor sie die Frage laut äußern konnte, fielen ihr all die Dinge ein, die sie nach und nach in diese Richtung gedrängt hatten: Leos Freund Joachim, der vor einigen Jahren von Nazis verprügelt worden war; ein schwarzer Jazzpianist, der mit Leos Kollegen Neufeld bekannt war und von SA-Leuten auf dem Weg zum Bahnhof Zoo angegriffen und beleidigt worden war; die judenfeindlichen Ausschreitungen im Scheunenviertel, die sie nicht vergessen hatte; der alltägliche Hass der nationalsozialistischen Presse und ihrer politischen Redner. Den Kommunisten konnte sie sich nicht anschließen, weil sie bezweifelte, dass deren Vorstellung von einer gerechten Gesellschaft mit ihrer übereinstimmte. Und sie hatte furchtbare Dinge aus der Sowjetunion gehört, die einem die KPD als Paradies auf Erden verkaufen wollte.

Elly stieß sie sanft an. »Du kannst offen deine Meinung sagen. Schreib einen Brief an die Parteiführung, rede bei der Mitgliederversammlung, veröffentliche einen Artikel. Nimm nicht kampflos hin, was dich quält.«

Die Straßenbahn hielt klingelnd an. Die Frauen umarmten einander. »Danke«, sagte Clara, »ich überlege es mir.«

Sie winkte Elly, als die Bahn sich ruckend in Bewegung setzte.

Ein ruhiger Rest des Abends mit Leo, das würde ihr jetzt guttun, dachte Clara dankbar, als sie die Wohnungstür aufschloss. Sie stellte ihre Tasche ab, hängte die Jacke an die Garderobe und trat ins Wohnzimmer.

Die Ärzte aus der Heilanstalt nebenan waren verzweifelt, wenn wieder jemand an Hunger oder an Tuberkulose starb. Sie brachten sogar manchmal Essen von zu Hause mit und steckten es den Schwestern und Pflegern zu, damit sie es an die Kranken weitergaben. Sie waren der Ansicht, dass die Insassen hilflos waren und es nicht verdient hatten, schlechter behandelt zu werden als andere.

Aber das stimmte nicht so ganz. Der Doktor hatte erklärt, dass manche Menschen wertvoller für die Gesellschaft waren als andere. Und dass die, die wertvoller waren, auch besseres Essen verdienten. Beispielsweise die Soldaten an der Front, die fürs Vaterland kämpften. Die konnte man nicht hungern lassen. Und wenn zu wenig da war für alle, hungerten eben andere.

Jedenfalls war der Lärm ganz fürchterlich. Man konnte Angst bekommen. Der Gedanke, sie könnten die Türen aufbrechen und mit selbst gefertigten Waffen herausstürmen. Man konnte hören, wie sie die Möbel zertrümmerten. Sie wollten sich das Essen mit Gewalt holen.

3

Dienstag, 4. Juni 1929/Mittwoch, 5. Juni 1929

Leo saß ohne Weste und Schuhe im Sessel, die Hemdsärmel aufgekrempelt. Clara hielt kurz inne, bevor auch sie die Schuhe abstreifte, ihn auf die Stirn küsste und sich auf die Armlehne des Sessels setzte.

»Du siehst aus, als hättest du einen anstrengenden Tag gehabt«, sagte er.

Sie nickte. »Und du?«

Er zuckte mit den Schultern. »Ach, nicht schlecht.«

Clara stand auf, holte sich ein Glas Wasser aus der Küche und setzte sich im Schneidersitz vor Leos Sessel. »Raus mit der Sprache. Die Partei macht mir momentan wenig Freude, also war es nicht der angenehmste Abend. Ich möchte jetzt nicht erraten müssen, was dich bewegt.«

Leo lachte, wie immer, wenn sie ihn so mühelos durchschaute. Dann holte er tief Luft wie vor einem Sprung ins kalte Wasser. »Gennat hat mich gebeten, eine ungewöhnliche Aufgabe zu übernehmen. Sie reizt mich.« Das war falsch herausgekommen, und er verzog flüchtig das Gesicht. »Ich will damit sagen, ich wäre seiner Meinung nach gut geeignet.«

Clara zog eine Augenbraue hoch. »Nun sag schon«, meinte sie etwas müde. Als er zu Ende gesprochen hatte, stand sie auf und stellte sich mit verschränkten Armen vor vor ihn hin.

Leo versuchte, in ihrem Gesicht zu lesen – Unverständnis, Wut, Überraschung, eine Mischung von allem?

»Das ist nicht dein Ernst«, sagte Clara.

Was sollte das? Er hatte immer offen mit ihr sprechen können, sie hatte nie Einwände oder Bedenken bezüglich seiner Ermittlungen geäußert. Natürlich hätte es auch nichts geändert, es war sein Beruf, aber er fühlte sich einfach besser, wenn sie auch mit den Schattenseiten und Gefahren seiner Arbeit einverstanden war.

»Doch, das ist es. Gennat hat mich ausdrücklich empfohlen. Und dieser Piontek scheint ehrlich besorgt. Wenn Patienten in Beelitz Gefahr droht, muss der Täter ermittelt werden.«

»Es ist gefährlich, Leo«, sagte Clara beschwörend. »Und zwar auf eine Weise, die nichts mit dem gewöhnlichen Alltag eines Polizisten zu tun hat. Du bist schon öfter im Dienst verletzt worden. Das hat mich erschreckt, aber ich wusste, dass so etwas vorkommen kann. Das hier ist aber etwas völlig anderes.«

»Warum?« Er ahnte es, doch nun meldete sich auch sein Widerspruchsgeist. Er wollte keinen Streit, nicht abends, nicht mit Clara, vor allem nicht mit Clara, und fühlte sich doch herausgefordert.

»Weil du dich anstecken könntest, Herrgott noch mal!« Die Worte barsten förmlich aus ihr heraus. »Das ist ein unsichtbarer Feind, dem du nicht mit deiner Dienstwaffe oder den Fäusten beikommen kannst. Du weißt selbst, wie gefährlich diese Krankheit ist, und wenn nicht, dann frag Magda. Die hat im Laufe der Jahre genügend Patienten an die Tuberkulose verloren.«

Sie atmete heftig, und Leo spürte den Drang, ihr begütigend die Hand auf die Schulter zu legen, ahnte aber, dass Clara das nicht begrüßen würde. Er wusste nicht, ob es nur an dem Unmut lag, mit dem sie schon die Wohnung betreten hatte, oder ob er etwas übersah, das diese heftige Reaktion auslöste. Und dann begriff er. Es war sein Fehler gewesen, und ihre nächsten Worte verrieten ihm, dass er recht hatte.

»Was willst du damit beweisen, wenn du dich absichtlich in Gefahr begibst? Was reizt dich daran, um deine Worte zu zitieren?«, fragte Clara mit bebender Stimme. »Ich kann einfach nicht glauben, dass du dich dort als Patient einschleichen musst, damit du ermitteln kannst.«

Leo zögerte, wollte sie beschwichtigen. »Die LVA wird dafür sorgen, dass das Risiko so gering wie möglich ist.« Dann kam ihm ein spontaner Gedanke. »Und ich werde zu Magda gehen und sie fragen, wie ich mich am besten vor Ansteckung schütze. Das verspreche ich.«

Er stand auf und streckte die Hand aus, was sich seltsam förmlich anfühlte. Nun aber schien es ihm die richtige Geste zu sein.

Clara blieb lange reglos stehen, dann schien sie sich zu fassen und sah hoch. Ihre grünen Augen schimmerten, doch es kamen keine Tränen. Sie ergriff Leos Hand und drückte sie sehr fest. »Ich nehme dich beim Wort.«

 

Magda Schott lehnte sich mit verschränkten Armen zurück und musterte Leo streng. »Eigentlich dachte ich, du könntest mich nicht mehr überraschen, aber ich habe mich offenbar geirrt. Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

Das war nicht ganz die Reaktion, die Leo sich von der befreundeten Ärztin erhofft hatte. »Sag mir lieber, wie ich mich möglichst gut schütze.«

Sie legte den Kopf schief. »Nun ja, die meisten Patienten, die nach Beelitz kommen, befinden sich in einem leichteren Stadium der Erkrankung, das auf eine Wiederherstellung der Arbeitskraft hoffen lässt. Was aber nicht heißt, dass du dich leichtsinnig und sorglos verhalten darfst.«

Das hatte er auch nicht vor, dachte Leo, musste sich aber in Geduld üben, wenn er Magdas Hilfe wollte. Erst die Lektion, dann die Ratschläge, daran war er gewöhnt.

»Das Gute ist, dass man dort streng auf Hygiene achtet«, fuhr sie fort. »Desinfektion wird groß geschrieben.« Sie beugte sich vor und kramte in einer Schublade. Als sie sich aufrichtete, hielt sie eine kleine blaue Glasflasche mit zwei Verschlüssen an der Ober- und Unterseite in der Hand und legte sie auf den Schreibtisch. »Der ›Blaue Heinrich‹, so eine bekommst du auch.«

»Wofür ist die?«

»Zum Reinspucken«, erwiderte Magda trocken. »Wage bloß nicht, einfach in die Gegend zu spucken, dafür werfen sie dich raus. Immer in die Flasche und dann ab damit in die Sputumvernichtung.« Sie schien seinen Blick zu bemerken. »Das erklärt man dir dort ausführlich. Es dient deiner Sicherheit, wenn du darauf achtest, dass die anderen auch ihre Flasche benutzen. Weise sie ruhig darauf hin, selbst wenn du dich damit unbeliebt machst.« Sie zählte an den Fingern ab. »So viel wie möglich im Freien aufhalten. Das ist bei den Liegekuren ohnehin der Fall, aber du solltest auch darüber hinaus möglichst viel spazieren gehen und größere Menschenansammlungen meiden. Beim Essen wird Gesellschaft unumgänglich sein, ansonsten spiel lieber den Einzelgänger.« Sie hielt inne. »Sofern sich das mit deiner Arbeit vereinbaren lässt.«

Leo zuckte mit den Schultern. »Ich weiß noch gar nicht, worauf es hinausläuft, ob wir überhaupt einen Fall haben. Die ganze Angelegenheit erscheint mir vage, aber Gennat will einem alten Freund behilflich sein. Mehr darf ich dir leider nicht sagen.«

Magda nickte. »Schon gut. Ich möchte nur, dass du gesund zurückkommst. Also, möglichst wenig Kontakt, Abstand wahren, auf Hygiene auch bei anderen achten, viel an der frischen Luft aufhalten. Falls es nicht zu warm ist, kannst du dir einen Schal umwickeln und bis zur Nase hochziehen. Das filtert die Luft ein wenig.«

»Dann gibt es natürlich noch eine entscheidende Frage: Wie überzeuge ich als Tuberkulosekranker?«

Magda sah ein bisschen traurig aus. »Das ist nicht so schwer. Du musst natürlich husten und spucken. Mit Rouge kannst du die Wangen ein wenig röten, viele Kranke haben permanent leichtes Fieber. Im Notfall kannst du auch mal unauffällig das Fieberthermometer schütteln. Du hältst es mit der Spitze nach oben und schüttelst vorsichtig. Aber du musst aufpassen, damit es nicht zu unrealistisch hoch wird. Und gib dich erschöpft und kraftlos.«

»Ich dachte, ich soll spazieren gehen?«, warf Leo ein.

Sie seufzte. »Ja, aber nicht rennen oder auf Bäume klettern, verstanden? Langsam gehen, zwischendurch abstützen oder hinsetzen, schwer atmen. Vielleicht mal appetitlos wirken. In den Heilstätten legt man größten Wert auf reichliches, nahrhaftes Essen, aber als Kranker darfst du auch mal darin stochern.«

Leo notierte sich die Stichpunkte.

Magda räusperte sich. »Eine Frage noch: Du musst doch jemanden vor Ort haben, der Bescheid weiß.«

»Ja, einen Arzt, das hat man mir bereits gesagt. Er wird mich decken, seinen Kollegen notfalls falsche Röntgenaufnahmen zeigen und so weiter.«

Magda legte die Fingerspitzen aneinander und sah ihn nachdenklich an. »Was für die Kranken schlecht ist, kommt dir entgegen: dass es immer noch keine wirksamen Medikamente gegen die Tuberkulose gibt. Gutes Essen, Ruhe und Frischluft können dir nicht schaden, unnötige Medikamente hingegen schon.«

Er wollte aufstehen, doch Magda hielt ihn mit einer Handbewegung zurück. »Was sagt Clara eigentlich dazu?«

Leos Gesichtsausdruck musste ihn verraten haben.

»Das tut mir leid. Aber wenn du den Auftrag übernehmen musst, um Menschen zu helfen, dann tu es.« Sie zögerte. »Du weißt sicher, dass Clara die Maiunruhen zu schaffen machen. Da mag es nicht ideal sein, wenn ihr Mann sich in einer Lungenheilstätte herumtreibt, aber so ist das Leben, nicht wahr?«

Leo erhob sich und griff nach seinem Hut. »Ich danke dir, Magda. Du verstehst es, einen zu tadeln und gleichzeitig zu ermutigen.«

»Was dachtest du denn? Das ist mein Beruf«, sagte sie lächelnd und öffnete ihm die Tür des Sprechzimmers.

 

Jakob Sonnenschein, Oskar Neufeld und Robert Walther hatten sich um den großen Besprechungstisch versammelt. Der Kollege Hasselmann war zu einer anderen Kommission abgestellt worden, und Leo hatte Bescheid gegeben, dass er heute später käme. Somit war die verkleinerte Runde ein Vorgeschmack auf die kommende Zeit, in der er allein in Beelitz ermitteln würde.

Walther warf einen Blick auf die Verbindungstür zu Leos Zimmer, worauf Neufeld sagte: »Sie denken auch an den Chef? Bei der Politischen arbeitet man häufig mit Spitzeln und V-Leuten, da werden auch Geheimagenten eingesetzt. Aber bei der Kripo ist es ja ungewöhnlich, verdeckt zu ermitteln.«