Die Janus-Vergeltung - Robert Ludlum - E-Book

Die Janus-Vergeltung E-Book

Robert Ludlum

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Beschreibung

Ein neuer Einsatz für Covert One!

Bei einer Medizinerkonferenz in Den Haag verüben Terroristen ein Blutbad. Covert-One-Lieutenant Jon Smith kann mit knapper Not entkommen. Doch der Anschlag war nur ein Ablenkungsmanöver, um den hochgefährlichen pakistanischen Warlord Oman Dattar aus seiner Haft zu befreien. Das Team von Covert One muss alles daran setzen, ihn aufzuhalten. Denn Dattar schmiedet einen Racheplan, der nicht weniger zum Ziel hat als den Untergang der Vereinigten Staaten von Amerika.

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Seitenzahl: 518

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Das Buch

Das Grand Royal Hotel in Den Haag wird von einer Gruppe maskierter Schwerbewaffneter überfallen. Jon Smith von der Spezialeinheit Covert One, der für eine Medizinerkonferenz angereist war, nimmt die Verfolgung der Terroristen auf. Zeitgleich werden weitere Anschläge in der ganzen Stadt verübt: am Bahnhof, am Flughafen und am Internationalen Strafgerichtshof, wo gerade der pakistanische Warlord Oman Dattar wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt wird. Dattar kann entkommen und sinnt auf Rache. Die Anschläge von Den Haag waren erst der Anfang …

Die Autoren

Robert Ludlum erreichte mit seinen Romanen, die in mehr als 30 Sprachen übersetzt wurden, weltweit eine Auflage von über 280 Millionen Exemplaren. Robert Ludlum verstarb im März 2001. Die Romane aus seinem Nachlass erscheinen bei Heyne. Ein ausführliches Werkverzeichnis finden Sie am Ende des Buchs.

Jamie Freveletti ist Anwältin, Kampfsportlerin und Extremlangstreckenläuferin. Für ihre Thriller wurde sie unter anderem mit dem Barry-Award ausgezeichnet. Sie lebt in Chicago.

www.jamiefreveletti.com

 

ROBERT LUDLUM

JAMIE FREVELETTI

DIE JANUS-

VERGELTUNG

ROMAN

Aus dem Amerikanischen

von Norbert Jakober

Wilhelm Heyne Verlag

München

 

Die Originalausgabe THE JANUS REPRISAL

erschien 2012 bei Grand Central Publishing, New York

Vollständige deutsche Erstausgabe 11/2013

Copyright © 2012 by Myn Pyn, LLC

Copyright © 2013 der deutschsprachigen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Alexandra Klepper

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung eines Motivs von © Thinkstock

Satz: Christine Roithner Verlagsservice, Breitenaich

ISBN: 978-3-641-12051-1

www.heyne.de

 

Für Klaus

 

 

Kapitel eins

Lieutenant Colonel Jon Smith öffnete die Augen. Am Fuß seines Hotelbetts stand eine schattenhafte Gestalt und hielt eine Pistole in der Hand. Der rote Punkt des Laservisiers flirrte in wilden Kreisbewegungen über die Daunendecke zu seiner Brust herauf, als wäre der Angreifer betrunken. Smith rollte sich blitzschnell nach rechts und warf sich auf den Boden, landete mit einem dumpfen Poltern auf dem Teppich und federte den Sturz mit den Händen ab. Eine schallgedämpfte Kugel durchbohrte das Kopfkissen.

Smith griff nach seiner Waffe auf dem Nachttisch, zog die Hand aber rasch zurück, als der rote Laserpunkt über seine Fingerknöchel strich. Der Killer feuerte erneut, und die Kugel verfehlte Smiths Finger nur knapp, zertrümmerte den Wecker und schlug in die Gipskartonwand dahinter ein.

Smith wich zur Seite aus, doch der Killer folgte ihm und drückte wieder und wieder ab, wild und ungezielt. Die Kugeln krachten in die Wand, und Smith flüchtete sich in den Spalt zwischen dem Schrank und dem Klapptisch, auf dem sein Koffer lag. Hier hatte ihn der Angreifer zwar nicht mehr in der Schusslinie, doch seine eigene Waffe war jetzt ebenso außer Reichweite wie die Zimmertür. Der Killer ging hinter dem Bett in Deckung, wohl in der Annahme, Smith könnte eine zweite Waffe besitzen.

Smith drückte sich im Dunkeln mit dem Rücken an die Wand, zwang sich zur Ruhe und überlegte, was er tun sollte. Er befand sich in einem Vorort von Den Haag, um an einer Konferenz der Weltgesundheitsorganisation zum Thema Infektionskrankheiten in der Dritten Welt teilzunehmen. Das USAMRIID, das militärische Forschungsinstitut für Infek­tionskrankheiten, für das er als ausgebildeter Arzt arbeitete, besaß auf diesem Gebiet große Erfahrung, und Smith sollte am nächsten Tag einen Vortrag über das Cholerarisiko in Katastrophengebieten halten. Nun nahm die Routineveranstaltung plötzlich einen lebensbedrohenden Verlauf, und er hatte keine Ahnung, warum.

Smiths Koffer lag offen auf dem Klapptisch, darin seine noch ordentlich gefalteten Kleider. Unter dem Tisch standen seine Schuhe. Er atmete tief durch, schnappte sich einen Schuh und warf ihn quer durch den Raum nach der Lampe auf dem Tisch. Er hörte ein Krachen und das Splittern von Glas, als die Lampe vom Tisch gefegt wurde und auf dem Boden zerbarst. Der Laserpunkt tanzte über die Tischplatte. Der Killer hatte den Köder geschluckt.

Smith zögerte keinen Augenblick und sprang zur Tür. Angst und Adrenalin ließen das Blut in seinen Ohren pochen. Der Angreifer feuerte erneut, doch Smith war jetzt ein bewegliches Ziel und schwerer zu treffen. Rechts neben ihm schlug eine Kugel in die Gipskartonwand ein. Er erreichte die Tür, riss sie auf und sprang auf den Flur hinaus, blinzelnd im grellen Licht der Deckenlampen.

Als er losrennen wollte, um zu den Aufzügen zu gelangen, sah er zwei Männer mit Sturmgewehren, die Gesichter mit Kapuzen verhüllt, etwa zehn Meter entfernt vor einer der Türen stehen. Der eine blickte zu Smith herüber, hielt die Waffe jedoch auf das Zimmer gerichtet. Er wandte sich wieder der Tür zu und murmelte etwas, worauf beide Männer in die Tür feuerten. Das Stakkato der Feuerstöße hallte durch den Flur. Der erste Mann trat die Tür ein, und beide verschwanden im Zimmer.

Hunderte Gedanken wirbelten Smith durch den Kopf. Was ging hier vor? Der Killer in seinem Zimmer war still und leise mit seiner schallgedämpften Waffe eingedrungen, während die beiden Männer hier draußen sich gar nicht erst bemühten, unbemerkt zu bleiben.

Smith wollte gerade loslaufen, da sah er, wie sich weiter vorne die Tür des Notausgangs öffnete. Sie schwang nach außen, und Smith blickte in die Augen eines weiteren maskierten Angreifers. Die Tür seines eigenen Zimmers stand noch immer weit offen. Er flüchtete zurück in den Raum und zog sie zu. Tief geduckt sprang er nach links, stieß mit dem Kopf gegen die Tischkante und trat in eine Glasscherbe der zerbrochenen Lampe. Er biss die Zähne zusammen, als die Scherbe tief in seinen Fuß schnitt und warmes Blut aus der Wunde strömte.

Kein Laut kam von dem Killer, der ihn angegriffen hatte.

Draußen auf dem Flur hallten erneut Schüsse, dazwischen Schreie von anderen Hotelgästen. Eine Explosion ließ den Boden erbeben. Als der Lärm verebbte, lauschte er angestrengt in die Richtung des Killers. Nichts. Smith kauerte im Dunkeln und bemühte sich, seine Atmung zu beruhigen, während das Adrenalin durch seine Adern pumpte.

Sein Handy leuchtete auf und begann zu klingeln. Smith erstarrte. Es lag auf dem Nachttisch, und im schwachen gelben Licht des Displays sah er den Angreifer am Fußende des Betts liegen. Das Klingeln wurde lauter und drängender. Smith eilte um den Tisch herum, vorbei an dem reglosen Killer und zum Nachttisch hinüber. Er schnappte sich seine Pistole, hielt sie in Richtung des Betts und knipste die Nachttischlampe an.

Der Killer rührte sich nicht. Smith blickte auf das Handydisplay. »Anacostia Yacht Club«, stand da, gefolgt von einer Nummer, die, wie Smith wusste, eine Tarnung darstellte. Der Anruf kam von seinem zweiten Arbeitgeber, Fred Klein, dem Leiter von Covert One, einer geheimen Sondereinheit von Spezialisten aus verschiedenen Fachgebieten, die sich dem Kampf gegen den Terrorismus verschrieben hatten. Klein rief nicht oft an und nie ohne zwingenden Grund. Eine weitere Explosion erschütterte das Hotel, gefolgt von Schreien und dem Sirenengeheul von Einsatzfahrzeugen, noch fern, aber immer lauter.

Smith nahm das Handy und drückte die Empfangstaste, die Waffe weiterhin auf den reglosen Killer gerichtet.

»Was geht hier vor, Klein?«

»Verlassen Sie sofort das Hotel. Die CIA hat gerade gemeldet, dass es angegriffen werden soll.« Wieder hallte automatisches Gewehrfeuer durch den Flur, diesmal noch lauter und von beiden Seiten. »Sind das Schüsse?«, fragte Klein.

Smith ging um das Bett und den Mann am Boden ­herum zur Tür. Er schloss ab und schob zusätzlich den Sicherheitsriegel vor, dann wandte er sich wieder dem Killer zu. Der Mann trug keine Maske. Er war etwa fünfundzwanzig, hatte schwarze Haare und ein breites asiatisches Gesicht. Smith ging in die Hocke und legte zwei Finger an die Halsschlag­ader, um den Puls zu fühlen. Er spürte nichts. Er drückte von beiden Seiten auf den Kiefer des Mannes, um den Mund zu öffnen und nach einer Zyanidkapsel zu suchen. Nichts. Smith konnte nicht erkennen, woran der Mann gestorben war.

»Die CIA ist ein bisschen spät dran. Sie sind schon da. Warum sind sie hinter mir her?« Smith nahm das Handy in die linke Hand und begann den Toten zu durchsuchen.

»Sie sind nicht hinter Ihnen persönlich her, sondern hinter amerikanischen und internationalen Zielpersonen. Es ist einfach ein unglücklicher Zufall. Die CIA warnt schon seit Monaten vor einem Anschlag in Europa, aber dass die WHO-Konferenz das Ziel ist, habe ich jetzt erst erfahren. Sehen Sie zu, dass Sie irgendwie aus dem Hotel kommen! Schnell!«

Klein hatte recht. Die Medien hatten darüber berichtet, dass kleine Terrorzellen einen Anschlag planten, doch Smith hatte sich nicht viel dabei gedacht. Die amerikanischen Geheimdienste werteten täglich Hunderte Informationen aus, doch die meisten führten zu nichts. Solche Berichte waren oft viel zu vage, um etwas damit anfangen zu können. Außerdem erforderte es sein Beruf, dass er auch nach Europa reiste.

»Wie viele sind es?«, fragte Smith.

»Angeblich mindestens dreißig. In jedem Stockwerk zwei bis vier.«

Vom Flur drangen Schreie herein. Eine Frau begann zu heulen, ein Schuss ertönte, und sie verstummte.

»Nehmen sie Geiseln?«

»Nein. Sie töten jeden, der ihnen unterkommt. Beeilen Sie sich!«

Das Hotel erzitterte von einer erneuten Explosion, und der Feueralarm schrillte los – so laut, dass Smith zusammenzuckte. Ein Sprinkler an der Wand hinter seinem Bett begann Wasser zu sprühen. Zwei weitere schalteten sich über dem Tisch und neben der Tür ein.

In den Taschen des Toten entdeckte Smith ein Ersatzmagazin für die schallgedämpfte Pistole, ein Bündel Euroscheine sowie drei Fotos. Das erste zeigte eine Frau auf der Straße, offensichtlich ohne ihr Wissen aufgenommen. Sie war mit einem marineblauen Hosenanzug bekleidet, trug eine Aktentasche und hatte langes, schwarzes, im Nacken zusammengebundenes Haar. Sie wirkte attraktiv, aber auch Respekt einflößend und entschlossen.

Das zweite Foto war ein Schnappschuss eines Mannes, den Smith kannte und bewunderte: Peter Howell, Ex-Agent des britischen Geheimdienstes MI6.

Das dritte Bild zeigte Smith.

 

 

Kapitel zwei

Noch während Smith mit Klein telefonierte, eilte er zum Fenster, die Euroscheine und die Fotos in der einen Hand, die Pistole in der anderen.

»Sieht ganz so aus, als wären sie doch hinter mir her. Jedenfalls gab es hier jemanden, der’s auf mich abgesehen hatte. In meinem Zimmer liegt ein Toter, der ein Foto von mir in der Tasche hatte, dazu eins von Peter Howell und eins von einer Frau, die ich nicht kenne.«

»Ein Toter? Haben Sie ihn getötet?«

»Ich hab ihn nicht angerührt. Er ist einfach … gestorben.« Smith zog den Vorhang mit dem Pistolenlauf zurück. Die Straße war voll mit Einsatzfahrzeugen, ihre Blinklichter warfen gespenstische rote Lichtblitze auf die Hauswände. Die Einsatzkräfte hatten das Hotel in einem gewissen Sicherheitsabstand umstellt. »Hören Sie, ich versuche, lebend hier rauszukommen, aber für den Fall, dass ich’s nicht schaffe, stecke ich die Fotos ein. Sorgen Sie dafür, dass Ihre Leute meine Sachen mitnehmen und Howell verständigen. Sie müssen auch die Frau finden und warnen.« Die Tür zu seinem Zimmer erzitterte, als jemand dagegentrat.

»Sehen Sie zu, dass Sie da rauskommen!«, rief Klein »Ich werde …«

Smith beschloss, nicht länger zu warten. Er zielte und feuerte in die Zimmertür. Die 9-mm-Kugel durchschlug das Holz, und Smith hörte einen Mann aufschreien. Ins Schwarze getroffen, dachte er. Einen Moment lang war Stille, dann folgte wütendes Gewehrfeuer. Die Kugeln pfiffen zusammen mit Holzsplittern durchs Zimmer, doch Smith stand in einem 45-Grad-Winkel zur Tür, sodass die Schüsse ins Leere gingen. Die Kugeln schlugen in das Kopfteil des Betts und die Wand darüber ein.

Smith steckte das Handy, die Geldscheine und die Fotos ein. Er hatte in einer Kordelzughose und einem T-Shirt geschlafen und war barfuß. In diesem Moment war er froh, dass er seine übliche Vorsichtsmaßnahme eingehalten hatte: Er buchte nie Zimmer, die höher lagen als im dritten Stock. Es gehörte zu Smiths Prinzipien, derartige Vorsichtsmaßnahmen ausnahmslos immer umzusetzen, weil man nie wusste, wann sie einem das Leben retten konnten. Heute war es soweit.

Das Hotel war ein stattliches Gebäude, vor über hundert Jahren auf einem rechteckigen Grundstück an der Nordsee erbaut. Die Vorderfront war zur Stadt gerichtet, die Hinterseite zum Strand. Smiths Zimmer lag am Ende des Flurs mit fünf Zimmern auf der einen Seite und zehn auf der anderen. Von seinem Zimmer blickte man in der einen Richtung auf die Stadt hinaus, in der anderen war die Aussicht von einem Mauervorsprung verstellt. Smith öffnete einen Fensterflügel, stellte einen Fuß auf die Fensterbank, hielt sich am Vorhang fest und stieg hinauf.

Die Angreifer traten wütend gegen die Tür. Smith feuerte erneut, und das Gepolter erstarb. Vermutlich waren die Angreifer überrascht, dass ein Hotelgast eine Waffe besaß und auch noch damit umzugehen wusste. Dank seines militärischen Hintergrunds war Smith nicht nur im Schießen, sondern auch im Nahkampf ausgebildet. Jetzt, mit Anfang vierzig, trainierte er nicht mehr regelmäßig, doch das bedeutete nicht, dass er sich nicht verteidigen konnte.

Smith war groß und schlank, und er musste sich bücken, um auf der Fensterbank stehen zu können. Er streckte den Kopf zum Fenster hinaus.

Einen Meter unter dem Fenster verlief ein dekorativer, fünfzehn Zentimeter breiter Sims, etwa einen Meter über ihm ein weiterer. Ein rascher Blick auf die Einsatzfahrzeuge in der kreisförmigen Auffahrt verriet ihm, dass er von dieser Seite keine Hilfe erwarten konnte. Keines der Autos stand näher als fünfzehn Meter beim Hotel, die meisten etwas weiter entfernt. Erneut begannen die Angreifer die Tür zu bearbeiten, und diesmal gab sie nach – doch der Sicherheitsriegel hielt stand. Smith sah eine Hand durch den Spalt greifen. Höchste Zeit zu verschwinden.

Er steckte die Pistole hinten in den Hosenbund und stieg zuerst mit einem Bein, dann mit dem anderen durch das Fenster. Vorsichtig ließ er sich mit dem Gesicht zur Wand hinunter, bis er mit den Zehen den Sims berührte. Er hielt sich am Fenster fest und bewegte sich langsam nach rechts, auf die Mauer zu, die an der Ecke vorstand.

Rasch erreichte er den Rand des Fensters und zögerte. Er schwitzte trotz der kühlen Frühlingsluft und atmete tief durch. Einen Moment lang konnte er sich nicht vorstellen, das Fenster loszulassen und sich an dem schmalen Mauervorsprung festzuhalten. Alles in ihm wehrte sich dagegen, den sicheren Halt des Fensters aufzugeben, und seine Finger schienen sich nicht lösen zu wollen. Sobald er hinübergriff, musste er es um die Ecke schaffen, wenn er nicht in den Tod stürzen wollte.

Der Schweiß lief ihm an der Seite herunter, und er schluckte schwer. Er hörte die Zimmertür bersten, als es den Terro­risten schließlich gelang, den Sicherheitsriegel aus der Verankerung zu brechen. Er zwang sich, eine Hand vom Fenster zu lösen, und griff nach dem schmalen Mauervorsprung. Seine Fingerspitzen klammerten sich an den Stein.

»Los.« Er flüsterte sich das Wort laut zu, und das riss ihn aus seiner Erstarrung. Zentimeter für Zentimeter hangelte er sich am Sims entlang. Gerade als er die Ecke erreichte, beugte sich ein maskierter Terrorist aus dem Fenster, das Sturmgewehr in der Hand.

 

 

Kapitel drei

Randi Russell stand im Lagezentrum der CIA in McLean, Virginia, umgeben von acht Flachbildschirmen an den Wänden und sechzehn Computern auf Schreibtischen. Mindestens zehn Leute hielten sich in dem fünf mal vier Meter großen Raum auf. Es war neun Uhr abends Eastern Standard Time, und ihr ganzes Team hatte sich versammelt, als die ersten Berichte von Schüssen in Den Haag eingetroffen waren. Ihre besten Leute saßen an den Computern und verfolgten die Lageberichte der verschiedenen Internet-Nachrichtendienste, während andere die herkömmlichen Medienberichte studierten, die live vom Ort des Geschehens gesendet wurden. Randi selbst hatte rund um die Uhr herauszufinden versucht, was das genaue Ziel des Anschlags sein würde. Sie war gerade erst nach Hause gefahren, um ein wenig zu schlafen, als ihr Telefon klingelte und sie erfuhr, dass das, wovor sie gewarnt hatten, eingetroffen war. Sie war rasch in Jeans, Schuhe und ein Baumwollhemd geschlüpft und hatte sich sofort wieder ins Auto gesetzt. Auf der Fahrt nach McLean hatte sie gebetet, dass man die Terroristen stoppen würde, bevor sie allzu viele Unschuldige töten konnten.

Rastlos ging sie vor den Bildschirmen auf und ab und verfolgte, wie die holländische Polizei mit einer Situation umging, der sie nicht gewachsen war. Sie überlegte, wie ihr Team helfen konnte. Die Livebilder von CNN zeigten das Grand Royal Hotel, wo im fünften Stock Flammen aus ­einem Fenster schlugen. Man hörte Gewehrschüsse und ­Explosionen, und der CNN-Korrespondent kommentierte das Geschehen mit angespannter Stimme.

»Die Hotelgäste liefern ständig neue Informationen. Es scheint in jedem Stockwerk einen Terroristen zu geben.« Jana Wendel, die erst vor Kurzem von der Yale University angeheuert worden war, verfolgte die Webseite eines Nachrichtendienstes, der laufend kurze Lageberichte lieferte. Seit dem Beginn des Anschlags war die Webseite zweimal zusammengebrochen, aber gleich wieder erschienen, um weitere dra­matische Neuigkeiten zu berichten. »Sie haben auf meinen Mann geschossen, er verblutet, bitte schicken Sie schnell Hilfe zu Zimmer 602«, lautete die letzte Meldung. Jana Wendel nahm sich sichtlich zusammen, doch Randi sah, dass sie Tränen in den Augen hatte. Der Mann neben ihr, Nicholas Jordan, war ebenfalls neu im Team und überwachte die europäische Ausgabe der Webseite. Auch er schien den Tränen nahe. Doch ihre Emotionen hinderten sie nicht daran, ihre Arbeit zu tun.

»Wo ist Andreas Beckmann?«, fragte Randi in die Runde.

»Unterwegs«, antwortete einer ihrer Leute.

»Er soll beim Hotel in Position gehen, so nahe wie möglich.« Beckmann war CIA-Scharfschütze, einer der wenigen, die zurzeit in den Niederlanden stationiert waren.

Randi Russell befand sich nur vorübergehend in McLean aufgrund eines neuen Programms, das der Director of Na­tional Intelligence ins Leben gerufen hatte. Das Amt des DNI war eine Konsequenz der Anschläge von 2001 in New York und Washington. Er war direkt dem Präsidenten unterstellt und erstattete ihm seit 2005 täglich Bericht. Der DNI beschäftigte sich hauptsächlich mit der Korrektur von Versäumnissen und Schwächen im Geheimdienstwesen, die die Katastrophe von 9/11 erst möglich gemacht hatten. Das jüngste Programm sollte die Kommunikation zwischen den Agenten draußen im Einsatz und McLean verbessern. Randi hatte ihre Fähigkeiten in vielen Feldeinsätzen unter Beweis gestellt. In ihrer jüngsten Mission hatte sie mitgeholfen, ein wachsendes Problem in Afrika zu bereinigen. Daraufhin hatte die CIA beschlossen, sie von dem Kontinent abzuziehen, bis die Erinnerung an sie verblasst war. Man hatte ihr eine Beratungstätigkeit im Hauptquartier übertragen, dazu die Leitung einer kleinen Gruppe von Agenten in ganz Europa. Obwohl sie in der neuen Rolle im Grunde als Managerin fungierte, fand sie zu ihrer eigenen Überraschung Freude daran, stets das Gesamtbild im Auge zu behalten und bedeutende strategische Entscheidungen zu treffen. Manchmal packte sie an ihrem Schreibtisch die Ungeduld, doch als erfahrene Agentin wusste sie aus vielen Einsätzen, wie wichtig es war, eine Kommandozentrale hinter sich zu haben, die einen unterstützte und nicht behinderte.

Die CNN-Kameras konzentrierten sich auf den dritten Stock des Gebäudes, wo ein Mann an einem offenen Fenster stand. Er stieg heraus und hielt sich an der Fassade fest. Der CNN-Korrespondent kommentierte die Szene.

»Ein Hotelgast versucht gerade, dem Albtraum zu entkommen, der sich im Grand Royal abspielt«, berichtete der Reporter. Randi ärgerte sich über diese Art der Berichterstattung. Die Situation war schlimm genug – die Drama­tisierung durch die Medien war absolut überflüssig.

Ihr direkter Vorgesetzter, der Director of European Operations, trat zu ihr. Dr. George Cromwell war Anfang sechzig, hatte seine gesamte berufliche Laufbahn in der CIA absolviert und würde in zwei Jahren in den Ruhestand treten. Er trug ein zerknittertes Hemd und eine Khakihose, nachdem er überstürzt aus der Behaglichkeit des Heims ins Hauptquartier geeilt war.

»Wenn er abstürzt, ist er tot«, bemerkte Cromwell. Randi nickte. Der Mann auf dem Fenstersims war nur mit einer schwarzen Kordelzughose und einem schwarzen T-Shirt bekleidet. Barfuß bewegte er sich auf dem schmalen Sims, ohne hinunterzusehen. Die CNN-Kamera ging näher heran und zeigte das Profil des Mannes. Randi erschrak.

»Was ist?«, fragte Cromwell.

»Das ist Jon Smith.« Randi trat näher an den Flachbildfernseher. Smiths Bild füllte den 42-Zoll-Bildschirm.

»Kennen Sie ihn?«, fragte Cromwell.

»Er ist bei der Army und war vor ihrem Tod mit meiner Schwester Sophia verlobt.« Wendel und Jordan blickten von ihren Computerbildschirmen auf. Jana Wendel warf ihrem Kollegen einen kurzen Blick zu und hob die Augenbrauen, ehe sie sich wieder ihrem Monitor zuwandte.

Randi Russell blickte sich im Raum um. »Ich brauche eine Liste der Hotelgäste. Die hatten wir doch hier?« Ein Mitarbeiter reichte ihr die Unterlagen. Sie überflog die erste Seite, dann die zweite und die dritte. Schließlich zeigte sie auf einen Namen und zeigte ihn Cromwell. »Da ist er.«

»U.S. Army. Ist er Arzt?«, wollte Cromwell wissen.

Russell nickte. »Und Mikrobiologe. Ein Experte auf seinem Gebiet.« Sie winkte Jordan zu.

»Haben wir einen direkten Draht zur Feuerwehr? Verbinden Sie mich bitte. Aber benutzen Sie die Tarnidentität.« Randis Tarnung umfasste einen falschen Namen und ein falsches Bild auf der CIA-Homepage, wo sie als Direktorin der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit vorgestellt wurde. Unter diesem Titel hatte sie in den vergangenen Wochen Mitteilungen über aktuelle Bedrohungsszenarien an verschiedene europäische Geheimdienste verschickt.

Randi Russell begann wieder auf und ab zu gehen, während sie auf die Verbindung mit der Feuerwehr vor Ort wartete. Sie beobachtete mit einem flauen Gefühl im Magen, wie Smith sich langsam an der Fassade entlangschob. Ihr Verhältnis zu Smith war nicht ganz unbelastet, doch es hätte sie tief getroffen, ihn hier in den Tod stürzen zu sehen. Endlich meldete sich der Brandmeister.

»Hier ist Brandweercommandant van Joer.« Er sprach Englisch mit britischem Akzent.

»Herr Brandmeister, können Sie eine Leiter zu dem Mann bringen? Schnell?«

»Tut mir leid, das geht nicht. Ich habe die Anweisung, meine Männer vom Haus fernzuhalten. Sie haben keine kugelsicheren Westen, und es ist zu befürchten, dass die Ter­roristen sie töten würden, bevor sie eine Leiter in Position bringen können. Wir warten auf unser Einsatzteam, das die Situation zuerst unter Kontrolle bringen soll.«

»Aber er kann jeden Moment abstürzen.«

»Es tut mir leid. Außerdem trägt er eine Waffe. Es könnte sein, dass er zu den Terroristen gehört.«

»Nein, nein, er ist einer von uns.«

»Aber er ist bewaffnet …«

»Natürlich ist er bewaffnet! Er ist von der United States Army.«

»Was macht er mit einer Waffe bei einer WHO-Konferenz?«

Randi zögerte. Sie wusste, dass Smith in seiner geheimen Tätigkeit für Covert One oft zu Krisenherden und Konflikten geschickt wurde, doch in diesem Fall konnte seine Anwesenheit in dem Hotel wirklich reiner Zufall sein. Als Arzt und Mikrobiologe geriet er ebenfalls des Öfteren in kritische Situationen, und so könnte es auch in diesem Fall gewesen sein.

»Er ist Spezialist für Infektionskrankheiten. Wahrscheinlich hat ihn die WHO eingeladen.«

»Es tut mir sehr leid, aber ich kann meine Männer nicht der Gefahr aussetzen.«

»Ms. Russell, Beckmann ist in Position. Ich verbinde«, meldete Jana Wendel.

Randi blickte wie gebannt auf den Bildschirm. Smith hatte es fast bis zur Ecke geschafft, als im Fenster zu seiner Linken das Gesicht eines maskierten Mannes auftauchte. Der Terrorist hielt ein Sturmgewehr aus dem Fenster und rich­tete es auf Smith.

»Beckmann, feuern Sie«, befahl Randi.

 

 

Kapitel vier

Smith drehte den Kopf und blickte in die Augen eines Mannes, der sich anschickte, ihn zu töten. Er erwartete, irgend­eine Emotion in seinem Gesicht zu erkennen. Vielleicht Zorn, weil Smith ihm fast entkommen wäre, oder Genug­tuung, weil er ihn doch noch erwischt hatte – doch da war nichts als kalte Berechnung. Ein Schuss krachte, und der Kopf des Mannes wurde zurückgerissen. Blut spritzte aus einem Loch in seiner Schläfe. Die austretende Gehirnmasse wurde von der Kapuze aufgefangen. Der Killer sackte nach vorne und hing leblos im offenen Fenster. Seine Finger lösten sich vom Gewehr, das in die Tiefe fiel und klappernd am Boden aufschlug.

»Danke, wer immer du bist«, flüsterte Smith.

Ein weiterer Angreifer steckte den Kopf aus dem Fenster.

Dumm, dachte Smith. Erneut krachte ein Schuss, und auch der zweite Mann sackte zusammen. Er hatte sich nicht so weit herausgebeugt und fiel rücklings ins Hotelzimmer zurück.

Smith hörte die Reaktion der Polizisten und Feuerwehrleute in seinem Rücken. Eine männliche Stimme aus einem Lautsprecher wiederholte immer wieder den gleichen Satz auf Niederländisch, und aus dem Augenwinkel sah Smith, wie Bewegung in die Menge kam. Ein Beobachter mit Kamera trat zurück, das Objektiv weiter auf das Hotel und auf Smith gerichtet. Die Einsatzkräfte vergrößerten ihren Abstand zum Hotel. Mit einer rettenden Leiter war nicht so bald zu rechnen.

Smith konzentrierte sich wieder darauf, zur Hausecke zu gelangen. Seine Finger schmerzten und seine Oberarme brannten von der Anstrengung, sich an dem schmalen Mauervorsprung festzuhalten. Er fand zwar mit den Zehen Halt auf dem Sims, doch seine Waden schmerzten von der starren Position. Er erreichte die Ecke, griff vorsichtig mit der Hand um den senkrechten Wandvorsprung herum und fand Halt auf der anderen Seite. Jetzt konnte er wenigstens die Arme ausstrecken und seine Oberarmmuskeln entlasten.

Er wechselte auf die andere Seite und sah ein weiteres Fenster vor sich. Eine verirrte Kugel hatte ein Loch durch die Scheibe geschlagen. Die Vorhänge waren zugezogen, doch Smith konnte durch einen schmalen Spalt ins Zimmer blicken. Der Fuß eines Mannes hing über die Bettkante. Er bewegte sich nicht. Vermutlich hatten die Terroristen das Zimmer schon aufgesucht, und der Mann war tot.

Smith blickte nach unten, auf der Suche nach einer Markise oder irgendetwas, auf das er springen konnte und das eine einigermaßen weiche Landung versprach. Da war nichts. Er konnte nicht weiter. Das Brennen in seinen Gliedern wurde immer stärker, und in den Waden kündigte sich ein Krampf an. Vorsichtig löste er eine Hand vom Sims, griff nach hinten und zog die Pistole aus dem Hosenbund. Er drehte die Waffe um und schlug neben dem Einschussloch mit dem Griff gegen die Scheibe. Doch er konnte aus seiner Position nicht wuchtig genug zuschlagen, und das Glas hielt stand.

Smith war kein Fitnessfanatiker, aber ein kurzes tägliches Training war ihm wichtig, um in Schuss zu bleiben. Sich hier draußen auf dem Sims zu halten, beanspruchte seine Muskeln jedoch aufs Äußerte, und er wusste nicht, wie lange er noch durchhalten würde. Langsam stieg die Panik in ihm auf, die er bis jetzt hatte unterdrücken können. Er schluckte schwer, doch er musste weitermachen, solange seine Kraft ausreichte.

Wieder krachte ein Schuss, und das Fenster erzitterte, von einer Kugel nur wenige Zentimeter über dem bestehenden Loch durchbohrt. Smith schloss rasch die Augen, um sich gegen die Glassplitter zu schützen. Der Schütze, der die Terroristen außer Gefecht gesetzt hatte, feuerte nun auf die Fensterscheibe. Ein zweiter Schuss explodierte in der Dunkelheit, und im Fenster erschien ein weiteres Loch, das das Dreieck vervollständigte. Smith spürte neue Hoffnung aufkeimen. Der Scharfschütze wusste, wie man ein Fenster knackte. Drei Schüsse, im Dreieck angeordnet, vermochten selbst kugelsicheres Glas zu überwinden. Langsam gab die Scheibe nach – lange Sprünge breiteten sich von den Einschusslöchern aus. Smith zog seine Waffe und schlug gegen die Scheibe, um den Zerfall zu beschleunigen. Endlich brach das Glas. Er hangelte sich zu der Öffnung und seufzte erleichtert, als er mit der Hand den Fensterrahmen erreichte. Er schwang ein Bein über den Rahmen und ließ sich auf der anderen Seite hinunter.

Smith sank auf den Teppich und lag einige Sekunden schwer atmend am Boden. Von draußen kam erleichterter Applaus, doch er war nicht in der Stimmung, um mit den Polizisten und Rettungskräften zu feiern. Er befand sich wieder mitten im Zentrum der Katastrophe, mit einem Toten im Zimmer, und ohne zu wissen, was ihn draußen erwartete. Die Terroristen wüteten immer noch im Hotel.

Der Sprinkler sprühte Wasser auf ihn herab, doch der Alarm war verstummt. Als das Handy in seiner Tasche klingelte, zuckte er überrascht zusammen. Er griff in die Tasche und zog es hervor. Auf dem Display stand »Unbekannt«. Smith zögerte, doch dann dachte er sich, es könnte Klein von einem anderen Telefon sein. Er drückte die Empfangstaste, hob das Handy ans Ohr und schwieg.

»Mr. Smith, hier spricht der Mann, der gerade die Terroristen ausgeschaltet und das Fenster eingeschossen hat. Darf ich Sie um einen Gefallen bitten? Könnten Sie die Kugeln einsammeln, wenn Sie sie finden? Die beiden, die ich für die Terroristen benutzt habe, explodieren und lassen sich nicht mehr zu einem Schützen zurückverfolgen. Aber die beiden für das Fenster waren ganz gewöhnliche Kugeln.«

Smith stand auf, während er der Stimme des Anrufers lauschte. Das Englisch des Mannes war mit einem leichten Akzent gefärbt, der deutsch oder schweizerisch sein mochte, und er sprach so ruhig und gelassen, als gehörte es zu seinem normalen Arbeitsalltag, Terroristen zu erschießen.

»Warum brauchen Sie sie?«, fragte Smith.

»Mein Arbeitgeber möchte nicht, dass jemand Fragen über meine Rolle hier stellt. Ich dürfte eigentlich keine Leute auf ausländischem Boden erschießen, nicht einmal die größten Verbrecher.«

Smith hatte anfangs gedacht, der Mann würde für Covert One arbeiten, doch jetzt war ihm klar, dass das nicht sein konnte. Covert One war eine Sondereinheit, die jenseits der üblichen bürokratischen Genehmigungsprozesse agierte. Smith bezweifelte, dass es für diese Geheimorganisation eine Regel gab, wonach keine Terroristen auf fremdem Boden eliminiert werden durften.

Er blickte sich auf der anderen Seite des Betts nach den beiden Kugeln um, die das Dreieck vervollständigt hatten, und fand sie schließlich in der Wand. Er klemmte das Handy zwischen Ohr und Schulter, zog die Projektile aus der Wand und steckte sie ein.

»Ich hab sie. Woher haben Sie meine Nummer?«

»Von meinem Arbeitgeber. Ich glaube zwar nicht, dass sich im dritten Stock noch Terroristen aufhalten, trotzdem ist es nicht ratsam, dort zu bleiben. Ich würde vorschlagen, Sie kommen über die Nordtreppe herunter. Bis dahin bin ich auch dort und gebe Ihnen Feuerschutz. Die holländische Polizei versucht, das Haus abzuriegeln, aber ich habe vorhin eine zweite Gruppe von Terroristen gesehen, die sich vom Hotel entfernt. Die Nacht ist noch lange nicht vorbei.«

Smith überlegte, wie viele Schützen in der Lage sein mochten, mit einer solchen Präzision zu arbeiten wie dieser Mann. Er kam zu dem Schluss, dass der Anrufer entweder einer europäischen Spezialeinheit oder einem Geheimdienst angehörte. Die Tatsache, dass er von »ausländischem Boden« gesprochen hatte, deutete darauf hin, dass er kein Holländer war.

»CIA, Mossad oder MI6?«, fragte Smith.

»Ich habe die Anweisung, Sie – wenn irgend möglich – sicher aus dem Hotel zu bringen. Sie können mir vertrauen.« Der Mann war der Frage ausgewichen, aber Smith beschloss, ihm zu glauben. Er hatte ihm gerade das Leben gerettet, ­außerdem waren seine eigenen Optionen gerade ziemlich eingeschränkt.

»Bin schon unterwegs«, sagte er.

Er warf einen Blick auf den toten Mann auf dem Bett, machte sich aber nicht die Mühe, ihn zu untersuchen; der riesige Blutfleck auf dem Hemd, wo die Kugel eingedrungen war, ließ keine Fragen offen. Er checkte seine Waffe und eilte zur Tür, ohne zu wissen, was ihn draußen erwartete.

 

 

Kapitel fünf

Nathaniel Fred Klein nickte im Vorbeigehen dem Secret-Service-Agenten zu, der den Eingang zum Weißen Haus ­bewachte. Klein war etwa sechzig, mittelgroß, schlank und ­hatte ein zerfurchtes, hageres Gesicht. Mit seinem zerknitterten Anzug, seiner allgegenwärtigen Tabakspfeife und seinen durchdringenden Augen, die einen hellwachen Geist verrieten, wirkte er auf Außenstehende eher wie ein Universitätsprofessor oder ein Angehöriger eines Washingtoner Think­tanks. Er hatte einen aufrechten, leichtfüßigen Gang, und ein aufmerksamer Beobachter bemerkte vielleicht, dass er eine gewisse Autorität ausstrahlte. Und tatsächlich managte Klein als Leiter von Covert One eine der geheimsten Organisationen im amerikanischen Geheimdienstwesen. Covert One ­finanzierte sich aus Steuermitteln, die heimlich umgeleitet wurden, in die kein Überwachungsausschuss Einblick hatte und über die allein der Präsident verfügte. Er war es auch, der über die Aktivitäten der Organisation entschied, seit er sie im Zuge eines Terroranschlags ins Leben gerufen hatte. Damals hatten die Täter ein Virus verbreitet, das beinahe eine Pandemie ausgelöst hätte. Klein leitete das Tagesgeschäft der Einheit und war nun zu einer privaten Sitzung unterwegs, die der Präsident einberufen hatte. Er schritt durch die Gänge des Weißen Hauses zum Oval Office und wurde durch einen weiteren Wächter mit einem Kopfnicken eingelassen.

Präsident Castilla erhob sich an seinem Schreibtisch und trat Klein entgegen. Der ehemalige Gouverneur von New Mexico war Ende vierzig, fit und engagiert. Er wirkte jung genug für die Anforderungen des Amts, aber reif genug, um die dafür nötige Erfahrung mitzubringen. Klein hatte ihn als umsichtigen, intelligenten Mann kennengelernt, doch ihm fiel auf, dass das Grau in seinen schwarzen Haaren zugenommen hatte. Das Amt forderte seinen Tribut, davon blieb auch Castilla nicht verschont. Die jüngsten Meldungen aus Den Haag brachten neue Sorgen.

»Gut, dass du da bist«, begrüßte ihn Castilla und schüttelte ihm die Hand. »Du hast die Bilder aus Den Haag ­gesehen?«

Klein nickte. »Ob du’s glaubst oder nicht, ich habe einen Covert-One-Agenten vor Ort. Er hat an der WHO-Konferenz teilgenommen.«

Castilla hob eine Augenbraue. »Ist er aus dem Hotel rausgekommen?«

»Er war der Mann auf dem Fenstersims. Ich habe nichts mehr von ihm gehört, seit er wieder hineingeklettert ist.«

Castilla sah ihn bestürzt an. »Ich hatte schon Sorge, wir müssten live im Fernsehen mit ansehen, wie ein Terrorist einen Unschuldigen umbringt. Ich brauch dir nicht zu erklären, was für ein Coup das für die Terroristen gewesen wäre.«

»Der Scharfschütze hat großartige Arbeit geleistet. War er von einer holländischen Spezialeinheit?«

Castilla schüttelte den Kopf. »Nein, von der CIA. Er ist noch vor Ort, wechselt aber die Position. Die Terroristen schwärmen angeblich aus.«

Castilla winkte Klein zu einem Sitzbereich mit vier Stühlen und einem Kaffeetisch in der Mitte.

»Das ist nicht gut. Hat sich jemand zu dem Anschlag bekannt?«

»Noch nicht. Die größeren Terrororganisationen bestreiten sogar, etwas damit zu tun zu haben.«

»Das will was heißen.«

»Die CIA glaubt, dass die WHO-Konferenz kein zufälliges Ziel ist. Meine Sorge ist, dass es ihnen in Wirklichkeit um einen der Wissenschaftler oder um die biologischen Produkte geht, die einige mitgebracht haben.«

»Mein Agent hat Fotos in der Tasche eines Angreifers gefunden.« Klein berichtete dem Präsidenten von dem Tele­fonat mit Smith.

Castilla lehnte sich in seinem Stuhl zurück. »Lassen wir den MI6-Agenten einmal beiseite und konzentrieren wir uns auf die Frau. Kann es sein, dass sie an der Konferenz teilgenommen hat? Eine Wissenschaftlerin?«

»Das ist durchaus möglich. Sobald ich die Fotos habe, lasse ich sie analysieren.«

»Es gibt noch mehr schlechte Neuigkeiten. Der Generaldirektor der WHO hat mich angerufen. Drei Wissenschaftler haben Proben eines neuen Choleraerregers mitgebracht, außerdem einen resistenten Erregerstamm von Hepatitis B und ein paar besonders unangenehme Kolibakterien. Sie sollten an einen sicheren Ort gebracht werden, um von einem internationalen Biologenteam analysiert zu werden. Die Proben sollten eigentlich so klein sein, dass sie für Terroristen kaum interessant wären, doch wir haben gerade erfahren, dass sich die Cholerabakterien erstaunlich schnell vermehren können. Wenn dieses Material in die Hände der Terroristen gelangt, müssen wir davon ausgehen, dass sie irgendwo das Trinkwasser damit verseuchen werden. Das könnte ein Massensterben zur Folge haben.«

»Sind das die einzigen Proben, über die wir uns Sorgen machen müssen?«

Castilla dachte einen Augenblick nach. »Ansonsten war da nur unbedenkliches Material – von lebenden Hefekulturen bis zu Bakterien, die man als Energiequelle nutzen kann.«

»Wo werden sie aufbewahrt?«

»Vor Ort im Hotelsafe in zwei verschlossenen Kühlboxen. Die harmlosen Bakterien ebenso wie die resistenten Stämme. Weil die Proben so klein sind, hielt man zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für unnötig. Außerdem ist der Hotelsafe einer der sichersten überhaupt. Da drin haben schon mehrere Königsfamilien ihren Schmuck aufbewahren lassen. Angeblich hält er sogar kleinen bis mittleren Explosionen stand. Man befürchtet allerdings, dass die Terroristen irgendwie an den Code gekommen sein könnten. Covert One muss versuchen, die Proben zu retten, ebenso die Wissenschaftler, von denen sie stammen. Wir müssen das Zeug in Sicherheit bringen, bevor die Terroristen es zur Biowaffe umfunktio­nieren.«

Klein stand auf. »Ich schicke sofort ein Team los. Einen Mann haben wir ja schon vor Ort.« Er schritt zur Tür. »Falls er lebend rauskommt.«

 

 

Kapitel sechs

Smith öffnete die Zimmertür und lugte hinaus. Von weiter oben hörte man gedämpfte Schüsse, doch in diesem Stockwerk schien es ruhig zu sein. Er eilte zu seinem eigenen Zimmer zurück. Er brauchte eine Waffe, zusätzlich zu der Be­retta in seiner Hand, und die toten Terroristen würden für ihre vermutlich keine Verwendung mehr haben. Die Tür hing schief in den Angeln, und er trat mit der Pistole im Anschlag ein. Der Killer lag immer noch am Fußende des Betts, einer der Terroristen hing im offenen Fenster, der andere lag darunter.

Smith trat zu ihnen, blieb aber abrupt stehen, als er einen vierten Terroristen reglos am Boden liegen sah, seine AK-47 noch in den Händen. Smith näherte sich ihm vorsichtig und versuchte zu erkennen, ob der Mann sich vielleicht nur tot stellte. Er bückte sich, schob die Finger unter die Skimaske und zog sie herunter. Der Mann war Anfang dreißig, hatte eine dunkel getönte Haut und schwarzes Haar; er stammte vermutlich aus dem Nahen Osten. Smith tastete nach einem Puls. Nichts. Er suchte den ganzen Körper ab, fand aber keine Wunde. Der Mann trug eine kugelsichere Jagdweste mit mehreren Taschen. Smith durchwühlte sie alle und fand Reservemunition für das Gewehr und einen Hotelzimmerschlüssel. Er drehte den Mann um und suchte nach einer Eintrittswunde am Rücken. Schließlich öffnete er den Mund des Toten, fand aber auch bei ihm keine Selbstmordkapsel. Weder dieser Mann noch der andere am Fußende des Bettes zeigten irgendwelche äußeren Ursachen ihres Todes. Smith hatte jedoch keine Zeit, sich weiter mit der Frage zu beschäftigen.

Er zog dem Terroristen die AK-47 aus den Händen und nahm auch die Reservemunition an sich. Als er das Magazin einstecken wollte, stellte er fest, dass die Taschen seines Pyjamas bereits mit dem Geld, den Fotos und seinem Handy gefüllt waren. Er legte Waffe und Munition auf den Teppich und eilte zu seinem Koffer. Das Sprinklersystem hatte aufgehört zu sprühen, doch die Army-Uniform, die ganz oben lag, war völlig durchnässt. Smith grub etwas tiefer und zog Unterwäsche, Socken und das Schulterholster für seine Beretta hervor. Aus dem Schrank nahm er eine schwarze Cordhose, ein langärmeliges graues T-Shirt und eine kurze schwarze Jacke. Diese Sachen waren wenigstens trocken. Er zog sich rasch an, legte das Holster an und griff nach seinen Laufschuhen. Smith zögerte. Die Schuhe waren ebenfalls schwarz, eine gute Farbe, um im Dunkeln nicht aufzufallen, doch sie waren an den Fersen mit reflektierenden Streifen versehen. Er warf einen Blick auf den einen Anzugschuh unter dem Koffer – er schien trocken zu sein, doch der andere, den er nach dem Eindringling geworfen hatte, war völlig durch­nässt. Schließlich zog er die Laufschuhe an. Die Leuchtstreifen würde er irgendwie abdecken, wenn er mehr Zeit hatte. Er steckte seine Brieftasche und den Pass in eine Tasche, das Handy, die Fotos und das Geld in eine andere, und schnappte sich die AK-47 und die Munition.

Doppelt bewaffnet kehrte Smith auf den Flur zurück und rannte zur Nordtreppe. Er drückte die Tür auf und trat auf den Treppenabsatz. Rauchwolken hingen in der Luft, und der Ruß kratzte bei jedem Atemzug im Hals. Rasch lief er die Metalltreppe hinunter, stoppte auf dem nächsten Absatz und legte eine Hand an die Brandschutztür. Das heiße Metall verbrannte ihm die Handfläche, und er riss sie rasch zurück. Der dichte Rauch trieb ihm Tränen in die Augen, und er eilte so geräuschlos wie möglich weiter. Das Gebäude erbebte, als er die letzten Stufen vor dem Erdgeschoss nahm, und der Putz bröckelte von den Wänden. Der Qualm war nun so dicht, dass Smith das Gefühl hatte, pure Asche einzuatmen. Er erreichte eine Ecke und schob sich vorsichtig weiter, mit dem Rücken zur Wand, die AK-47 im Anschlag. Im nächsten Augenblick sah er in die Mündung eines Gewehrs.

Für einen Moment stand die Welt still. Smiths Finger krümmte sich reflexartig um den Abzug. Sein Blick traf den des Mannes. Grüne Augen blickten unter einer dunklen Wollmütze hervor. Smith sah etwas darin aufleuchten, als würde der Mann ihn erkennen.

»Mr. Smith?«, flüsterte der Unbekannte.

Smith nickte kurz.

»Danke, dass Sie nicht abgedrückt haben. Ich bin Andreas Beckmann. Ich habe die zwei Männer am Fenster erschossen.« Erneut ließ eine Explosion das Haus erzittern.

»Geben Sie mir Deckung!« Smith ging an Beckmann vorbei und stieg weiter nach unten, das Gewehr von links nach rechts schwenkend. Auf dem nächsten Treppenabsatz drückte er sich gegen die Wand, und Beckmann ging wieder in Stellung. Sie erreichten das Erdgeschoss und übernahmen abwechselnd die Führung, bis sie zur letzten Tür gelangten.

Smith drückte die Tür einen Zentimeter auf. Kühle Luft strömte herein und vermischte sich mit dem schweren Rauch im Treppenhaus. Es war angenehm, wieder frischen Sauerstoff einatmen zu können. Er spähte hinaus. Vor ihm erstreckte sich die Hotellobby. Hier war das Zerstörungswerk der Terroristen deutlich zu erkennen.

Der Parkettboden, die Marmorsäulen und die samtbezogenen Sitzmöbel zeigten die Spuren einer Handgranate, die mitten in der Lobby detoniert sein musste. Überall lagen umgekippte Stühle, und ein Sofa, das Smith beim Hereinkommen aufgefallen war, war völlig zertrümmert. Die Explosion hatte ein riesiges Stück aus der Säule in der Mitte der Lobby herausgerissen und einen tiefen Krater in den Parkettboden geschlagen.

»Ist die Luft rein?«, fragte Beckmann.

»So weit ja. Gehen wir.«

Mit dem Rücken zur Wand bewegte sich Smith durch die Halle, nach der geringsten Bewegung Ausschau haltend. Das Gewehr im Anschlag, näherte er sich der Tür zur Freiheit. Beckmann folgte ihm mit dem gleichen lautlosen Tritt. Smith hörte ein Geräusch von vorne und signalisierte Beckmann, stehen zu bleiben. Fünf Meter vor ihm mündete die Lobby in den breiteren Abschnitt mit dem Empfangstisch. Von hier aus war nicht zu erkennen, ob dort jemand lauerte. Eine dicke Marmorsäule etwa zwei Meter von der Wand entfernt würde ihm Deckung bieten, doch um dahinter zu gelangen, musste er vollkommen schutzlos durch die Halle laufen. Er überlegte, ob es dunkel genug war, um mit seinen dunklen Klamotten ungesehen zu bleiben.

»Ich geh zur Säule«, entschied Smith. Beckmann nickte.

Smith duckte sich, holte tief Luft und war mit zwei langen Sätzen bei der Säule. Er drückte sich an den kühlen Stein. Beckmann folgte zwei Sekunden später und hockte sich neben ihm mit dem Rücken zur Säule. Smiths Herz hämmerte, doch er erkannte sofort, dass er das Risiko zu Recht eingegangen war.

Drei Männer standen Schulter an Schulter am anderen Ende der Lobby und blickten sich um. Alle drei trugen Strumpfmasken und hielten Maschinenpistolen im Anschlag. Der Empfangstisch hinter ihnen war völlig zertrümmert ebenso wie die mahagonigetäfelte Wand dahinter. Durch ein riesiges Loch sah Smith in das Büro dahinter.

»Wir haben Gesellschaft«, flüsterte er Beckmann zu.

»Wie viele?«

»Sechs. Drei Wachen und drei weitere.«

Beckmann drehte sich um und blickte über Smith hinweg.

Die drei anderen waren ebenfalls maskiert und standen vor dem Hotelsafe. Der Stahlkasten war mit schwarzem Staub bedeckt, schien die Explosion jedoch unbeschadet überstanden zu haben. Die Safetür war geschlossen. Ein Mann hielt ein Stück Papier vor sich und tippte mit der anderen Hand eine Zahlenkombination ein. Die Tür öffnete sich mit einem hörbaren Klicken. Der Terrorist griff hinein und nahm eine Kühlbox heraus. Auf einem Aufkleber an der Seite stand: Achtung, Bakterienproben.

»Warum wollen sie diese Behälter unbedingt haben?«, flüsterte Beckmann.

Smith schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht, aber sie sind zu sechst, wir nur zwei. Es gefällt mir zwar nicht, dass sie das Zeug mitnehmen, aber ich kämpfe auch nicht gern in Unterzahl.«

»Denk nicht mal dran«, warnte Beckmann.

Smith wusste, dass er recht hatte. Er zählte fünf Uzi-Maschinenpistolen und eine AK-47 gegen seine Beretta und seine AK sowie Beckmanns Gewehr. Ein Blutbad war garantiert, und der Ausgang klar. Am Ende wäre nichts erreicht, außer dass er und Beckmann tot wären.

»Wir lassen sie gehen und folgen ihnen«, meinte Smith.

Die Männer nahmen zwei weitere Behälter heraus, ehe sie sich mit ihren Waffen im Anschlag vom Safe abwandten und die Tür offen stehen ließen. Sie verschwanden im hinteren Bereich des Hotels. »Wie wollen sie von hier wegkommen? Das Hotel ist umstellt«, wunderte sich Smith.

»Nicht die Rückseite«, erwiderte Beckmann. »Dort geht es zum Strand, und ihre Scharfschützen überwachen beide Seiten. Die holländische Polizei bleibt auf Abstand. Sie warten auf die Spezialeinheit.«

»Dann müssen die Terroristen per Boot gekommen sein«, meinte Smith.

Beckmann nickte. »Ich bin auch von der Strandseite gekommen. Wir sollten auf diesem Weg verschwinden. So­lange die Polizei nicht weiß, dass wir keine Terroristen sind, würde ich lieber nicht durch die Tür rausgehen.«

»Okay, gehen wir.« Smith schritt quer durch die Lobby zum Safe, stieg über die Zweige eines umgestürzten Baums in einem großen Terrakottatopf. Er blickte in den Tresor: Die einzelnen Fächer waren mit Nummern von 1 bis 50 markiert. Fast alle Fächer enthielten etwas zur Aufbewahrung. Smith griff hinein und nahm eine flache Schmuckschatulle aus Fach 36. Er öffnete die Schatulle und sah eine atem­beraubende Saphirhalskette mit einem großen Stein in der Mitte, eingefasst von Diamanten. Daneben eine schwere Goldkette, ebenfalls mit Diamanten versehen. Smith staunte, dass die Terroristen diese Schätze nicht angerührt und stattdessen Kühlboxen mit Bakterienproben mitgenommen hatten.

»Interessant, dass sie den Schmuck ignoriert haben«, fand Beckmann. »Das ist ein Vermögen wert. Was ist in den Kühlboxen?«

»Was immer es ist, es muss mehr wert sein als Diamanten.« Smith legte die Halsketten zurück, schloss die Safetür und vergewisserte sich, dass sie wieder verriegelt war. Was immer den Besitzern der Wertgegenstände widerfahren war – er hoffte, jemand würde die Stücke den Familien übergeben.

»Sehen wir zu, dass sie keinen zu großen Vorsprung bekommen.« Smith eilte zu einer Tür, die auf eine kleine Terrasse und von dort zum Strand hinaus führte. Es waren keine Wachposten zu sehen, also trat er nach draußen. Fußspuren im Sand verrieten, wohin die Terroristen gelaufen waren, und Smith und Beckmann folgten ihnen. Ein kühler Wind schlug ihnen entgegen, und Smith genoss die frische Luft in vollen Zügen.

»Wo lang?«, fragte er, als sie die Straße erreichten.

Beckmann deutete mit dem Kinn nach links. »Richtung Bahnhof. Zuerst zum Park, dann sehen wir weiter.« Smith nickte und lief voraus. Er seufzte erleichtert, als sie ohne Zwischenfälle den Park erreichten. Beckmann winkte ihn in den Schatten eines Baums, zog ein Handy hervor und wählte eine Nummer. »Ich habe ihn hier«, meldete er. Nach einem kurzen Gespräch reichte er Smith das Handy. »Meine Chefin möchte kurz mit Ihnen sprechen.«

Smith nahm das Telefon entgegen. »Hier Smith.«

»Wie kommt es, dass du immer da bist, wenn irgendwo auf der Welt etwas Schlimmes passiert?«

Smith hörte die Stimme, die der seiner verstorbenen Verlobten Sophia Russell so ähnlich war, und spürte wie jedes Mal eine Welle von bittersüßen Emotionen. Im nächsten Augenblick war da vor allem Erleichterung darüber, dass Randi Russell auf seiner Seite war. Er kannte sie gut und wusste um ihre Fähigkeiten.

»Danke für die Unterstützung. Einen Moment lang war es ziemlich eng.«

»Gern geschehen. Beckmann sagt, er hat noch mehr Terroristen auf dem Weg zum Bahnhof gesehen. Kannst du dir ein Auto besorgen? Dann steig ein und verschwinde, so schnell du kannst.«

»Soll ich Beckmann mitnehmen?«

»Ich fürchte, ich kann nicht auf ihn verzichten. Wenn du ihn in die Nähe des Bahnhofs bringst, wär ich dir dankbar. Er kommt schon zurecht. Wir müssen den Terroristen folgen.«

»Wer hat sich zu dem Anschlag bekannt?«

»Bis jetzt niemand.«

»Irgendeine Idee?«

»Mehrere. Wir glauben, es hat mit der WHO-Konferenz zu tun, obwohl wir nicht wissen, auf wen sie es abgesehen hatten. Kannst du dir vielleicht vorstellen, wem von den Teilnehmern der Anschlag gegolten haben könnte?«

Smith dachte nach. Vielleicht war er das Ziel. Er fragte sich, ob er Randi von dem ersten Killer und den Fotos er­zählen sollte. Sie kannte Peter Howell und konnte ihn über den MI6 warnen, aber durch seine jahrelange Tätigkeit für Covert One war er vorsichtig geworden. Sie wusste von der Organisation, doch er nahm an, dass sie von einem CIA-­Telefon anrief. Covert One kam in der Hierarchie der Geheimdienste nicht vor, und niemand – auch nicht die CIA – wusste von der Existenz der Sondereinheit. Er würde ihr mehr erzählen, wenn er sicher war, dass niemand mithörte. Für den Moment behielt er die Information für sich und überließ es Klein, der Spur der Fotos nachzugehen und herauszufinden, wer das Ziel des Anschlags war. Er ging in Gedanken die Liste der teilnehmenden Wissenschaftler durch.

»An der Konferenz haben viele Spezialisten für Infektionskrankheiten teilgenommen. Wir hatten alle schon in verschiedenen Katastrophengebieten zu tun. Jeder von uns könnte mit seiner Arbeit irgendwann mächtige Leute in instabilen Regionen verärgert haben.«

»Stimmt, aber irgendetwas an der Sache hier kommt mir merkwürdig vor.« Smith hörte, wie jemand im Hintergrund etwas zu ihr sagte. Als sie sich wieder an ihn wandte, klang ihre Stimme angespannt. »Sag Beckmann, er soll den Bahnhof vergessen. Fahrt zum Flughafen.«

»Warum?«

»Dort ist gerade eine Bombe hochgegangen.«

 

 

Kapitel sieben

Oman Dattar saß auf dem Bett in seiner Zelle in einem Spezialtrakt des Gefängnisses des Internationalen Strafgerichtshofs in Scheveningen und verfolgte die CNN-Berichterstattung über den Angriff auf das Grand Royal Hotel, nur wenige Kilometer entfernt. Das Bild war auf dem kleinen, an einem Regal festgeschraubten Fernseher nicht ideal, aber doch ausreichend, um den ganzen Umfang der Zerstörung zu zeigen. Gut gelaunt beobachtete er, wie die Flammen aus dem Hausdach schlugen und die Reporter mit aufgeregten Stimmen das Geschehen kommentierten. Man musste ihnen klarmachen, dass sie einen Mann wie ihn nicht einfach einsperren konnten. Verbrechen gegen die Menschlichkeit! Es war ein Skandal, dass der Internationale Strafgerichtshof und die Vereinten Nationen es wagten, ihm deswegen den Prozess zu machen.

Dabei hatte er nichts anderes getan, als das pakistanische Gebiet, das er kontrollierte, von unerwünschten Elementen zu säubern. Verbrechen gegen die Menschlichkeit? Die Personen, deren Tod er anordnete, waren für ihn keine Menschen, deshalb konnte es kein Verbrechen sein, sie zu töten. Gewiss, er schnitt jenen die Hand ab, die es wagten, die Waffe gegen ihn zu erheben, aber schließlich war »Auge um Auge« ein Prinzip, das schon in der Bibel, dem heiligen Buch des Westens, erwähnt wurde. Trotzdem bezeichneten sie sein Vorgehen als barbarisch. Sie verurteilten seinen Einsatz von Kindersoldaten, dabei benutzten die Banden im Westen selbst Kinder, um mit Drogen zu handeln, und die Verantwortlichen wurden nie auf die gleiche Weise zur Rechenschaft gezogen wie er hier. Auch der Vorwurf des Kanniba­lismus war lächerlich – schließlich ging es um Leute, die ohnehin tot waren; außerdem machte es einen stärker, das Fleisch seiner Feinde zu essen.

Er hatte für die Zerstörung des Hotels gut bezahlt, und er würde noch mehr zahlen für die folgenden Taten, mit denen er dem Internationalen Strafgerichtshof und den Ländern, die ihn unterstützten, eine Lektion erteilen würde. Doch sein größter Zorn richtete sich gegen die Vereinigten Staaten und Großbritannien. Die USA hatten sich am stärksten für seine Festnahme und Auslieferung in die Niederlande eingesetzt, und Großbritannien hatte sich bereit erklärt, ihn im Anschluss an den Prozess auf britischem Boden zu inhaftieren. Beide Länder waren für seine Festnahme verantwortlich, also würden beide bestraft werden.

Er sah, wie die Kamera auf einen Mann schwenkte, der am Fenstersims hing. Als sie näher heranging, stand er auf, weil er nicht glauben konnte, was er da sah. Es war unmöglich, dass Jon Smith noch lebte und durch ein Fenster zu entkommen versuchte. Dattar spürte, wie die Wut in ihm hochkochte, während sich der amerikanische Arzt langsam am Sims entlanghangelte.

Das metallische Geräusch eines Tors, das geöffnet wurde, lenkte ihn vom Bildschirm ab. Er ging zur Zellentür, lugte durch das kleine Fenster und seufzte zufrieden, als er die vier Gefängniswärter kommen sah. Die ersten beiden waren von hier, die zwei dahinter kamen wahrscheinlich aus Großbritannien. Er war zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, und es war Zeit, ihn zu überstellen. Der hollän­dische Wärter schloss die Zellentür auf.

»Umdrehen und die Hände an die Wand.« Er sprach Englisch. Dattars Englisch war makellos. Er hatte seine Ausbildung in Amerika absolviert und war eine Zeit lang der Liebling in Washington gewesen. Er hatte ihnen gesagt, was sie hören wollten: dass er an ihre Regierung glaubte und dass sie seinem Heimatland die Demokratie bringen würde. Das war natürlich gelogen, und als sie dahinterkamen, hatten sie es sehr eilig gehabt, ihn festzunehmen.

Er drehte sich um und legte die Hände an die Wand. Der holländische Wärter trat ein, nahm seine Hände und fesselte sie mit Handschellen hinter Dattars Rücken. Aus dem Fernseher ertönte das Geräusch einer Explosion. Dattar sah den Mann lächelnd an.

»Ihr Land wird angegriffen. Offensichtlich sind nicht alle einverstanden mit dem, was hier passiert.«

Der Wärter schwieg.

Der Spezialtrakt war vom Haupthaus getrennt und verfügte über einen eigenen Eingang. Gegenwärtig waren außer Dattar noch zwei Ex-Machthaber aus kleinen afrikanischen Ländern hier inhaftiert. Die Haftbedingungen solcher Führungsfiguren unterschieden sich stark von denen der übrigen Insassen, was den Einwohnern der jeweiligen Regionen nicht verborgen blieb. Die Leute in Dattars Heimat beklagten sich lautstark darüber, dass ein Kriegsverbrecher Annehmlichkeiten wie elektrisches Licht, weiche Matratzen und warmes Wasser in der Zelle genoss, während die Bevölkerung, die er terrorisiert hatte, im Elend lebte und kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser hatte. Viele forderten, er solle in seine Provinz zurückgebracht werden, um sich dort einem Gericht zu stellen, doch die Vereinten Nationen hatten das abgelehnt, weil die Korruption dort so groß sei, dass er bald wieder frei sein würde.

Sie führten ihn den Gang entlang – ein Mann ging voraus, einer an seiner Seite, und zwei folgten ihm. Die kleine Gruppe durchschritt den dunklen Korridor und passierte mehrere Sicherheitskontrollen. Sie gelangten zur Hintertür, wo ein rotes Licht leuchtete.

Dattar blickte in die Kamera hoch oben an der Wand und wartete, bis der Wärter vor ihm die letzte Tür geöffnet hatte. Kein Alarm ertönte. Dattar seufzte tief und trat in die Abendluft hinaus.

Das Gefängnis lag in einem waldreichen Gebiet von Scheveningen, einem Stadtteil Den Haags, nicht weit vom Grand Royal Hotel entfernt. Sie befanden sich in einem kleinen Hof, der von einer Ziegelmauer mit Stacheldraht begrenzt war. Die spitzen Stacheln funkelten im Licht der Schein­werfer in den Ecken des rechteckigen Geländes. Die beiden Wachhäuser waren mit Satellitenschüsseln und automatischen Waffen ausgestattet, die ins Hofinnere gerichtet waren. Aus diesem Gefängnis gab es unter normalen Umständen kein Entkommen.

Schweigend gelangten sie zum Hauptausgang. Ein Halbkreis aus Maschendrahtzaun war an dieser Stelle der Ziegelmauer vorgelagert und sicherte das Haupttor in drei Metern Entfernung zusätzlich ab. Der Wärter öffnete das Tor zu dem Drahtkäfig, und sie schritten hindurch. Das Sicherheitssystem sah vor, dass sich das Haupttor erst öffnete, wenn das erste geschlossen war. Der Riegel schnappte ein. Sie warteten in dem kleinen Schleusenbereich zwischen den Toren, während der Wärter einen Code eintippte, um das allerletzte Schloss zu öffnen. Mit Erleichterung vernahm Dattar das Klicken, mit dem das Tor auf die Eingabe reagierte.

Der letzte Schritt bestand darin, ihn in das Transportfahrzeug zu bringen. Der erste Wärter öffnete die Wagentür und half ihm auf die Bank. Als Dattar saß, ließ der Mann die Fußketten, die am Fahrzeugboden befestigt waren, um seine Knöchel schnappen und fesselte anschließend auch seine Hände. Als er fertig war, schloss er die Tür. Dattar lauschte dem Starten des Motors und spürte, wie sich der Wagen in Bewegung setzte. Er lächelte. Sie fuhren zum Flughafen, wo er mit einem frühmorgendlichen Charterflugzeug nach England überstellt werden sollte. Dattar lehnte sich zurück und wartete. Er hätte jetzt gern seine Uhr gehabt, um zu wissen, wann es so weit war, doch die hatten sie ihm bei der Fest­nahme abgenommen. Die Minuten vergingen, und nichts passierte. Allmählich fragte er sich, ob etwas schiefgelaufen war. Der Van holperte über ein Schlagloch und rollte weiter durch die Nacht.

Der Angriff erfolgte mit zwanzig Minuten Verspätung. Dattar hörte den Aufschrei des Fahrers und spürte einen Ruck, als die Reifen des Wagens zerschossen wurden. Er wusste, dass der Transportwagen wahrscheinlich mit speziellen Notlaufreifen ausgestattet war, mit denen man auch ohne Luftdruck weiterfahren konnte. Und wirklich rollte das Fahrzeug weiter – aber nicht mehr lange, dachte Dattar.

Er hörte Schüsse und sah das Aufblitzen einer Explosion. Der Fahrer feuerte zurück und schrie etwas in sein Funkgerät. Dattar zog den Kopf ein, so gut es ging, und drehte sich zur Wand. Wenn sie die Panzerfaust abfeuerten, wollte er nicht von den Splittern im Gesicht getroffen werden.

Eine Explosion erschütterte den Wagen, und der Vorderteil brach in Flammen aus. Der dichte Rauch trieb Dattar Tränen in die Augen und drohte ihn zu ersticken. Das gepanzerte Fahrzeug hielt einer raketengetriebenen Granate stand, ohne in tausend Stücke gerissen zu werden, doch unbeschädigt blieb es nicht. Die Seitenwand wölbte sich nach innen, und in der Abtrennung zum Fahrerhaus klaffte ein Loch. Immer mehr Rauch drang zu ihm herein, und ihm war klar, dass er schnell hier rausmusste. Wenige Augen­blicke später wurden die Heckklappen aufgerissen, und kühle Luft strömte ins Innere. Seine Männer sprangen herein und machten sich mit einem großen Bolzenschneider an die Arbeit.

Der erste Mann zog ihn aus dem Wagen.

»Ihr kommt spät«, sagte Dattar.

Der Mann nickte eifrig. »Das stimmt, aber es ging nicht anders. Das erste Team war zu schnell außer Gefecht, und wir mussten ihre Aufgabe zu Ende führen, bevor wir unsere eigene angehen konnten.« Der Mann deutete auf drei wartende Range Rover und trat zur Seite, um Dattar Platz zu machen. Sie liefen gemeinsam zu den Autos. Dattar blickte zu dem brennenden Transportwagen zurück.

»Wir haben eine Bombe mit Zeitzünder gelegt. Er wird bald weg sein«, erklärte Dattars Mann.

Sie erreichten die Fahrzeuge, und Dattar packte den Mann vorne am Hemd. Dattar war keine eins achtzig groß, doch sein stämmiger Körper war ungemein kräftig. Mit Leichtigkeit drückte er den schlanken Terroristen gegen den Wagen. Der Mann zuckte zusammen, und sein Kopf knallte gegen das Autofenster.

»Gar nichts habt ihr zu Ende geführt. Ich habe die Fernsehbilder gesehen. Smith ist aus dem Fenster gestiegen und wieder ins Haus geklettert. Das war live. Jon Smith lebt, und ich will wissen, warum.«

»Wir müssen weg. Die holländische Polizei konzentriert sich zwar noch auf das Hotel, aber nicht mehr lange. Sie werden bald hier sein.«

Dattars Wutausbrüche waren legendär, und er ließ seinem Temperament freien Lauf. Er packte den Mann an der ­Kehle. »Sag mir, warum er noch lebt.«

»Ali ist zu früh gestorben.« Die Stimme des Mannes klang angestrengt und hastig. »Er war schon krank, als er ins Hotel kam, hat geschwitzt und konnte kaum noch seine Waffe halten. Und Smith war bewaffnet. Wir haben nicht damit gerechnet, dass er an seine Waffe rankommen würde. Er muss Ali erschossen haben. Warum reist ein Arzt mit einer Waffe zu einer Konferenz?«

Dattar ließ den Mann los. »Smith ist bei der U.S. Army. Er hat seine Waffe immer in der Nähe, so wie ich. Sei froh, dass ich jetzt keine habe, sonst würde ich dir ein Loch in die Haut brennen. Ist Rajid beim Treffpunkt?«

Der Mann nickte.

Rohnen Rajid war Dattars Cousin und Stellvertreter. Dattar berief nur nahe Verwandte in sein Kabinett, weil Außenstehende zu leicht zu bestechen waren. Viele Angehörige erwiesen sich als inkompetent und korrupt, aber keiner wagte es, Dattar persönlich zu bestehlen.

Dattar setzte sich auf den Beifahrersitz des zweiten Wagens, während seine Leute in das Führungsfahrzeug und den Wagen, der nach hinten absicherte, einstiegen. In dichter Formation brausten sie los. Dass sie Smith nicht eliminiert hatten, war ein Problem, aber kein unlösbares. Es würde sich bald wieder eine Gelegenheit ergeben, ihn endgültig aus dem Weg zu räumen.

Zwanzig Minuten später erreichten sie ein abgeschiedenes Gelände in der Nähe des Flughafens, wo einige weitere schwarze SUVs warteten. Dattar stieg in einen anderen Wagen um. Rajid saß am Lenkrad und nickte Dattar zu, ehe er losfuhr. Rajid war eine Ausnahmeerscheinung in Dattars Welt, weil er weder Frau noch Kinder hatte und es auch sonst nichts zu geben schien, was ihm wichtig war. Dattar betrachtete sich selbst als rücksichtslos, doch bei Rajid fragte er sich manchmal, ob der Mann überhaupt ein Herz hatte. Er war der perfekte Dschihad-Kämpfer, doch darum ging es Dattar gar nicht, sondern allein um Geld.

»Hast du das Notebook dabei?«

Rajid nickte und reichte ihm einen schmalen Tablet-Computer. Dattar ging ins Internet und loggte sich in die Konten seiner Schweizer Bank ein. Sechs Kontonummern erschienen auf dem Bildschirm. Dattar markierte eine davon, um einen Teil des Guthabens auf ein Konto in den Niederlanden zu transferieren. Die Meldung »Überweisung kann nicht aus­geführt werden« erschien auf dem Bildschirm. Dattar runzelte die Stirn und klickte das zweite Schweizer Konto an, um die Transaktion durchzuführen. »Überweisung kann nicht ausgeführt werden«, las er auch diesmal. Sein Herz begann schneller zu schlagen, und er zitterte vor Wut und ungläu­bigem Staunen mit einem Hauch von Angst. Mit zittrigen Fingern klickte er auch das dritte, vierte und fünfte Konto an: dasselbe Ergebnis. Er schluckte trocken und wandte sich dem sechsten und letzten Konto zu. Auch mit diesem hatte er keinen Erfolg. Er suchte die Seite nach einer möglichen Ursache ab. Rechts oben sah er ein kleines Umschlag-Symbol mit dem Vermerk: »Sie haben sechs dringende Nachrichten.« Er klickte den Link an und las sie eine nach der anderen. Sie hatten alle denselben Inhalt: »Dieses Konto wurde aufgrund einer Verdachtsmeldung eines Mitgliedslands der Vereinten Nationen eingefroren.«