Die Kinder des Wüstenplaneten - Frank Herbert - E-Book

Die Kinder des Wüstenplaneten E-Book

Frank Herbert

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Beschreibung

Die Bürokraten missbrauchen die wirklichen Absichten der Menschen, die sie eingesetzt haben.

Der Djihad, der Heilige Krieg der Fremen, ist vorüber. Das Imperium trägt den Keim des Zerfalls in sich, seit sein Gründer Paul Atreides, genannt Muad’dib, nach Fremenart in die Wüste gegangen ist, um zu sterben. Er hat die Gabe, seherisch in die Zukunft zu blicken, seinen Kindern, den Zwillingen Leto und Ghanima, vererbt. Doch trotz dieser ungeheuren Kräfte sind sie verletzliche Kinder, und sie müssen sich nicht nur mit den Schatten der Vergangenheit auseinandersetzen, die sie heimsuchen, sondern auch mit Attentätern, die sie töten und das Imperium zerschmettern wollen. Da kommt eines Tages ein blinder Prediger aus der Wüste. Er prophezeit den Untergang und erhebt seine Stimme gegen die starre Religion. Ist er der wiedererstandene Muad’dib? Oder ein tödliches Werkzeug der Gegner des Imperiums?

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FRANK HERBERT

DIE KINDER

DES

WÜSTENPLANETEN

DER WÜSTENPLANET

DRITTER ROMAN

1

Die Lehren Muad'dibs sind zu einem Spielfeld von Pharisäern, Abergläubischen und Korrupten geworden. Er brachte uns bei, ein ausgeglichenes Leben zu führen und vertrat eine Philosophie, die dem Menschen half, erfolgreich den Problemen eines sich stetig ändernden Universums zu begegnen. Seine Ansicht war, dass sich in einem fortschreitenden Universum auch der Mensch mitentwickelt und dass diese Evolution wechselnden Prinzipien unterworfen ist, die allein die Ewigkeit bestimmt. Doch wie soll eine verderbte Urteilskraft einen solchen Geist praktizieren können?

Worte des Mentaten Duncan Idaho

Auf der Oberfläche des schweren Teppichs, der den felsigen Untergrund des Höhlengangs bedeckte, erschien ein Lichtstrahl, dessen Quelle nicht erkenntlich war und nur auf dem Objekt seiner Suche zu existieren schien. Wie ein forschender Kreis mit einem Durchmesser von zwei Zentimetern glitt er hin und her, sich verbreiternd und wieder zusammenziehend. Er traf auf die Seitenwand eines grünen Betts, verharrte und glitt dann zögernd höher.

Unter der grünen Decke lag ein Kind mit rostrotem Haar und einem Gesicht, das die gesunden Rundungen eines Babys aufwies, obwohl es keines mehr war. Es hatte einen edel geschnittenen Mund und – obwohl es an sich nicht den üblichen fleischigen Körper der Fremdweltler aufwies – entbehrte völlig der hageren Ausgezehrtheit der traditionellen Fremen. Als der Lichtschein über die geschlossenen Lider hüpfte, regte sich das Kind. Sofort ging das Licht wieder aus.

Jetzt war lediglich noch ein gleichmäßiges Atmen zu hören, und – kaum hörbar im Hintergrund – das monotone plitsch-plitsch-plitsch tröpfelnden Wassers, das von einer Windfalle, weit oberhalb der Höhle, in einem Wasserbecken aufgefangen wurde.

Erneut leuchtete das Licht in der Kammer auf. Der Strahl war nun weitaus länger und heller. Und jetzt konnte man auch die Quelle erkennen, aus der er kam. Jemand bewegte sich hinter ihr: eine vermummte Gestalt stand im Eingang der Höhle, ließ den Strahl durch den Raum schweifen, fragend und suchend. Es war etwas Bedrohliches an diesem Lichtstrahl, eine ruhelose Unzufriedenheit, aber dennoch vermied er es, das schlafende Kind noch einmal zu berühren. Prüfend glitt er über die von Wandbehängen unsichtbar gemachten Felswände und blieb auf einer Ausbeulung haften.

Wieder erlosch das Licht. Die vermummte Gestalt bewegte sich lautlos voran. Jeder, der im Sietch Tabr nicht fremd war, hätte in diesem Moment erkennen können, dass es sich bei ihr um Stilgar handelte, den Naib der örtlichen Gemeinschaft und Leibwächter der elternlosen Zwillinge, die dazu ausersehen waren, eines Tages die Stelle ihres Vaters Paul Muad'dib einzunehmen. Es kam öfters vor, dass Stilgar während der Nacht die Quartiere der Zwillinge inspizierte, wobei er in der Regel zuerst den Raum aufsuchte, in dem Ghanima schlief, und anschließend zu Leto ging, um sich davon zu überzeugen, dass auch ihm nichts geschehen war.

Ich bin ein alter Narr, dachte Stilgar. Seine Finger glitten über die kalte Oberfläche der Taschenlampe, bevor er sie hinter seiner Schärpe verschwinden ließ. Das Ding irritierte ihn jedes Mal, wenn er glaubte, sich darauf verlassen zu können. Es handelte sich um ein Produkt des Imperiums, ein Instrument zur Auffindung größerer lebender Körper. Und dennoch konnte es ihm nicht mehr zeigen als die schlafenden Kinder in ihren königlichen Räumen.

Stilgar wusste, dass seine Gedanken und Gefühle sich kaum von der Wirkungsweise der Lampe unterschieden. Auch sein Inneres war nicht in der Lage, die ständige Rastlosigkeit zu vertreiben. Es war, als würde eine mächtigere Kraft diese Regungen kontrollieren und ihn in eine Lage versetzen, in der er überall nur noch Gefahren witterte. Hier lagen die Bezugspunkte jener grandiosen Träume vor ihm, die das ganze bekannte Universum beherrschten; der kostbarste Besitz aller Zeiten, die weltlichen Autoritäten und mächtigsten aller mystischen Glücksbringer: die göttliche Authentizität von Muad'dibs Vermächtnis. In diesen Kindern – in Leto und seiner Schwester Ghanima – hatte sich eine erschreckende Macht konzentriert. Durch sie lebte auch Muad'dib weiter, obwohl er längst tot war.

Leto und Ghanima waren mehr als neun Jahre alte Kinder: sie stellten eine natürliche Kraft dar und waren Objekte von Verehrung und Angst. Sie waren die Kinder Paul Atreides', der zu Muad'dib und später zum Mahdi aller Fremen geworden war. Muad'dib war zum Auslöser einer Bewegung geworden, die die Fremen in einem Djihad von diesem Planeten durch das Universum hatten aufbrechen lassen. Sie hatten es sich dabei in einem religiösen Kreuzzug unterworfen und auf jeder Welt, die sie betraten, deutliche Zeichen ihres Sieges hinterlassen.{1}

Dennoch sind Muad'dibs Kinder Wesen aus Fleisch und Blut, dachte Stilgar, und zwei kurze Stöße mit meinem Messer würde ihr Leben zum Erlöschen bringen. Ihr Wasser würde dann wieder dem Stamm gehören.

Der Gedanke versetzte ihn in Schrecken.

Muad'dibs Kinder umzubringen!

Aber die Jahre der Selbstbeobachtung hatten ihn weise gemacht. Stilgar kannte die Quelle solch schrecklicher Gedanken. Die linke Hand der Verdammnis war dafür verantwortlich, keinesfalls die rechte der Gesegneten. Das Ayat und Burhan des Lebens hatte viele Rätsel für ihn bereitgehalten. Einst war er stolz darauf gewesen, von sich selbst als von einem Fremen zu denken, die Wüste für einen Freund zu halten und diesen Planeten bei dem Namen zu nennen, den er Leuten seines Volkes verdankte: Dune. Nie wäre er auf die Idee gekommen, ihn Arrakis zu nennen, wie er auf den Sternenkarten des Imperiums verzeichnet war.

Wie einfach das alles noch gewesen ist, solange unser Messias nur ein Traumbild war, dachte er. Dadurch, dass wir ihn endlich fanden, verloren wir zahllose messianische Träume. Jeder, der für ihn in den Djihad gezogen ist, wartet nun auf einen neuen Führer.

Stilgar warf einen kurzen Blick in den unbeleuchteten Schlafraum.

Wenn mein Messer all diese Leute befreien würde, würden sie dann auch aus mir einen Messias machen?

Leto bewegte sich ruhelos in seinem Bett.

Stilgar seufzte. Er hatte den Großvater des Jungen – von dem dieser seinen Namen erhalten hatte – leider nur zu kurz gekannt, um zu wissen, was manche Leute sagten: dass die moralische Kraft, die der Enkel aufwies, auf ihn zurückzuführen sei. Welche Auswirkungen würde diese Rechtschaffenheit auf diese Generation haben? Stilgar fühlte sich unfähig, diese Frage zu beantworten.

Er dachte: Sietch Tabr gehört mir. Ich bin der Herrscher, ein Naib der Fremen. Ohne mich hätte es Muad'dib gar nicht gegeben. Und was die Zwillinge angeht ... durch Chani, ihre Mutter, die auch meine Blutsverwandte war, fließt mein Blut auch in ihren Adern. Auch ich bin in ihnen – wie Muad'dib, Chani und all die anderen. Was haben wir unserem Universum nur angetan?

Es war Stilgar nicht möglich zu sagen, wieso ihn in Nächten wie diesen solche Gedanken heimsuchten und wieso er sich anschließend schuldig fühlte. Er versuchte, sich in der eigenen Robe zu verstecken. Die Realität des Jetzt hatte mit dem einstigen Traum nicht mehr das geringste zu tun. Die freundliche Wüste, die sich einst von Pol zu Pol erstreckt hatte, war auf die Hälfte ihrer einstigen Größe reduziert worden. Das mythische Paradies der Vergangenheit – der Traum einer sprießenden, grünenden Umgebung – erfüllte ihn mit Unbehagen. Es war anders als der einstige Traum. Und so wie der Planet sich verändert hatte, wusste Stilgar, war auch er nicht derselbe geblieben. Er war viel gerissener als der einstige, einfache Stammeshäuptling. Und er wusste auch mehr, ob es sich nun um die hohe Politik handelte oder die grundsätzlichen Konsequenzen kleinster Entscheidungen. Dennoch schien das neue Wissen und die Gerissenheit nur eine dünne Tünche zu sein, die seinen alten, metallenen Kern überlagerte, aber nicht zum Schweigen bringen konnte. Noch immer war der Kern in ihm, sprach zu ihm und forderte ihn auf, zu den Tagen der sauberen Geschäfte zurückzukehren.

Die Morgengeräusche des Sietch überlagerten nun seine Gedanken. Die Leute in den Höhlen erwachten und standen auf. Stilgar fühlte einen kühlen Luftzug auf den Wangen und vergegenwärtigte sich, dass die ersten jetzt dabei waren, die Türsiegel zu öffnen und in das Morgengrauen hinauszutreten. Die Kühle der Brise verdeutlichte ihm die Sorglosigkeit der Leute. Sie war ein Zeichen der Zeit. Die Höhlenbewohner waren ebenfalls schon dazu übergegangen, der harten Wasserdisziplin jener alten Tage zu entsagen. Warum auch nicht, wenn man Regen auf diesem Planeten hatte, wenn man Wolken sehen konnte, wenn es sogar schon soweit gekommen war, dass acht unvorsichtige Fremen in einem Wadi von einem plötzlichen Sturzbach erwischt worden und ertrunken waren? Bis zu diesem Ereignis hatte das Wort ertrunken in der Sprache des Wüstenplaneten nicht einmal existiert. Aber diese Welt war nicht länger ein Wüstenplanet; sie war Arrakis ... außerdem begann heute der Morgen eines ereignisreichen Tages.

Stilgar dachte: Jessica, die Mutter Muad'dibs und die Großmutter der königlichen Zwillinge, kehrt heute auf unsere Welt zurück. Warum beendet sie ihr selbstgewähltes Exil ausgerechnet zu dieser Zeit? Warum tauscht sie die Schönheit und Sicherheit des Planeten Caladan gegen die Gefahren von Arrakis ein?

Und es gab noch andere Sorgen: Würde sie seine Zweifel bemerken? Sie war eine Bene-Gesserit-Hexe und Absolventin der besten Schule dieser Organisation und eine Ehrwürdige Mutter. Frauen wie sie waren scharfsinnig und gefährlich. Würde sie ihn auffordern, sich in das eigene Messer zu stürzen?

Würde ich ihr gehorchen?, fragte sich Stilgar.

Es war schwer, diese Frage zu beantworten. Er dachte an Liet-Kynes, den Planetologen, der als erster den Traum entwickelt hatte, aus dem Wüstenplaneten Arrakis eine grüne Landschaft zu machen, in der die Menschen leben konnten und in der sie jetzt lebten. Er war Chanis Vater gewesen. Ohne ihn hätte es weder einen Traum, noch Chani, noch die Zwillinge gegeben. Das Resultat dieser zerbrechlichen Kette erfüllte ihn mit Bestürzung.

Wie kam es, dass wir uns alle hier getroffen haben?, fragte sich Stilgar. Wieso passten wir zusammen? Was war unser Ziel? Ist es meine Pflicht, all dies zu beenden, dieses großartige Zusammenspiel zu zerstören?

Stilgar drängte das schreckliche Bedürfnis in sich nun nicht mehr beiseite. Er hatte jetzt die Wahl, darüber zu entscheiden, ob er bereit war, auf alle Liebe seiner Familie zu verzichten, um das zu tun, was ein Naib gelegentlich tun musste: eine tödliche Entscheidung zugunsten des Stammes zu treffen. Einerseits bedeutete ein solcher Mord höchsten Verrat und eine Abscheulichkeit ersten Ranges. Immerhin sind es nur Kinder! Aber andererseits waren sie genau das nicht. Sie hatten Melange gegessen, an den allgemeinen Sietch-Orgien teilgenommen, die Wüste nach Sandforellen abgesucht und all die anderen Spiele mitgespielt, mit denen sich die Kinder der Fremen beschäftigten ... Und außerdem saßen sie im Königlichen Rat. Obwohl sie dem Alter nach noch Kinder waren, hatte man ihnen dort einen Sitz zugewiesen. Sie mochten dem Körperbau nach Kinder sein – was ihr Bewusstsein anbetraf, waren sie es nicht: sie verfügten über mehr Erfahrung als alle anderen Menschen auf diesem Planeten und waren bereits vor ihrer Geburt mit einem vollen Bewusstsein ausgestattet gewesen. Es war die genetische Erinnerung und die schreckliche Bewusstheit der Kinder, die sie mit ihrer Tante Alia gemein hatten, dass sie sich von allen anderen Menschen unterschieden. Es war dieser Unterschied gewesen, der Stilgar in vielen Nächten nicht hatte ruhen lassen, der seine Gedanken in Bewegung gehalten und ihn dazu gezwungen hatte, seine ruhelose Runde zu machen. Und jetzt wurden ihm seine Zweifel zum ersten Mal bewusst. Die Unfähigkeit, eine Entscheidung zu treffen, war auch eine Entscheidung, das war ihm klar. Noch bevor die Zwillinge und ihre Tante das Licht der Welt erblickt hatten, war ihnen das gesamte Wissen ihrer Vorfahren zuteil geworden. Schuld daran war die Drogenabhängigkeit ihrer Mütter Chani und Jessica gewesen. Lady Jessica hatte, bevor das Gewürz Einfluss auf ihren Metabolismus nahm, nur einem Sohn das Leben geschenkt: Paul Muad'dib. Später war dann Alia gekommen, was erst im Nachhinein verständlich wurde. Die zahllosen Generationen, die die Bene Gesserit ihrem Zuchtplan unterworfen hatten, brachten schließlich Muad'dib hervor: den Kwisatz Haderach. Allerdings war ihnen unbekannt gewesen, welche Auswirkungen die Melange auf sein Leben haben würde. Oh, natürlich waren sie nicht so blind gewesen, um diese Möglichkeit nicht zu sehen, aber sie hatten sie verdrängt und mit dem Wort abscheulich belegt. Und diese Tatsache war die Erschreckendste. Wenn etwas als abscheulich bezeichnet wurde, musste es dafür auch einen Grund geben. Und wenn Alia den Beinamen die Abscheuliche trug, musste das auch für die Zwillinge gelten, denn auch Chani hatte ihr Leben dem Gewürz unterworfen. Sie hatte es von klein auf zu sich genommen – deswegen hatten ihre Gene die von Muad'dib ergänzt.

Stilgars Gedanken kamen allmählich zu einem Schluss. Es gab für ihn keinen Zweifel, dass die Kräfte der Zwillinge die ihres Vaters noch übertrafen. Die Frage war nur: gegen wen würden sie sie richten? Der Junge sprach von der Fähigkeit, sein eigener Vater zu sein und hatte versucht, es zu werden. Auch wenn er nur ein Kind war: Leto besaß Erinnerungen an Dinge, die normalerweise nur sein Vater hatte haben können. Und wenn dazu noch das Wissen all jener längst vergangenen Vorfahren kam – wer konnte wissen, ob darunter nicht Ansichten und Vorstellungen existierten, die unvorstellbare Gefahren für die Menschheit heraufbeschwören konnten?

Abscheulichkeiten, hatten die heiligen Hexen der Bene Gesserit gesagt. Und dennoch waren sie begierig darauf, alles über das Leben der Zwillinge zu erfahren. Die Hexen verlangten nach Sperma und Ovum, ohne das störende Fleisch, das es erzeugte. War das der Grund dafür, dass Lady Jessica zu diesem Zeitpunkt zurückkehrte? Obwohl sie seinerzeit, um ihren herzoglichen Gefährten zu beschützen, mit der Schwesternschaft gebrochen hatte, mehrten sich nun die Gerüchte, dass sie inzwischen wieder in den Schoß dieser Organisation zurückgekehrt war.

Ich könnte alle diese Träume schlagartig beenden, dachte Stilgar. Und es würde nicht einmal schwierig sein.

Und erneut fragte er sich, wie weit es gekommen war, dass er einen solchen Gedanken ohne Reue haben konnte. Waren Muad'dibs Kinder etwa verantwortlich für die Träume, die die Gehirne anderer beherrschten? Nein. Sie waren nichts anderes als die Linse, durch die das Licht in das Universum fiel und dunkle Schatten projizierte.

Plötzlicher Schmerz verführte Stilgar dazu, all das von sich abzuschütteln und wieder in den alten Kategorien der Fremen zu denken: Gott wird uns ein Zeichen geben. Es gibt keinen Grund, voreilig zu handeln. Es ist allein seine Aufgabe, uns einen Ausweg zu zeigen, auch wenn manche darauf nicht warten wollen.

Es war die Religion Muad'dibs, die Stilgar am meisten zu schaffen machte. Warum hatte man ihn zu einem Gott hochstilisiert? Weshalb hatte man einen Menschen vergöttert, von dem man wusste, dass er aus Fleisch und Blut bestand? Muad'dibs Goldenes Lebenselixier hatte ein bürokratisches Monster erzeugt, welches das Leben der Menschen beeinflusste wie keines zuvor. Regierung und Religion waren eins. Brach jemand ein Gesetz, beging er gleichzeitig eine Sünde. Die offen ausgesprochene Kritik an einem Gesetz kam einer Gotteslästerung gleich. Setzte sich jemand zur Wehr, war ihm das Fegefeuer sicher und rief sofort die selbstgerechten Glaubensfanatiker auf den Plan.

Und das, obwohl es Menschen waren, die Gesetze erließen.

Traurig schüttelte Stilgar den Kopf. Er bemerkte nicht einmal die Bediensteten, die den Schlafraum betreten hatten, um mit ihrer allmorgendlichen Arbeit zu beginnen.

Er legte eine Hand auf das Crysmesser, das an seiner Hüfte befestigt war und dachte an die Vergangenheit, die diese Waffe symbolisierte, und die Rebellen, mit denen er sympathisierte, obwohl sie mehr als einmal auf seine eigenen Anweisungen hin niedergemacht worden waren. Er fühlte sich zutiefst verwirrt und wünschte sich in diesem Augenblick nichts sehnlicher als eine Rückkehr zu jenen alten Tagen, welche die Messerklinge in ihm heraufbeschwor. Aber es gab keine Möglichkeit, die Entwicklung, die im Universum in der Zwischenzeit stattgefunden hatte, wieder zurückzudrehen. Er dachte an ein großes maschinelles Projekt, das in einem leeren Raum stattfand. Selbst wenn sein Messer jetzt niederfuhr, konnte er damit nicht gegen die mächtige Maschinerie angehen. Er würde eine kleine Störung hervorrufen, und die Folge davon würde ein kleines Chaos sein, dem nur eine andere Form von Befehl und Gehorsam folgen würde.

Stilgar seufzte. Erst jetzt bemerkte er die Bewegungen der ihn umgebenden Leute. Ja, auch diese Diener repräsentierten die Art der Ordnung, in deren Mittelpunkt sich die Kinder Muad'dibs befanden. Sie bewegten sich von einem Augenblick in den nächsten hinein, waren stets zur Stelle, wenn die Notwendigkeit es erforderte. Versuche ihnen nachzueifern, sagte sich Stilgar. Warte auf die Dinge, die da kommen werden.

Und er dachte: Ich bin nichts als ein Diener. Und mein Herr ist der gnädige Gott. Und er rief sich in Erinnerung zurück: ›Sicherlich. Wir haben ihnen breite Bänder um den Hals gelegt, auf dass ihr Blick gen Himmel gerichtet sei. Wir haben vor ihnen und hinter ihnen eine Barriere errichtet. Wir haben sie zugedeckt, auf dass ihnen die Sicht verwehrt ist.‹

So stand es geschrieben in der alten Fremenreligion.

Stilgar nickte.

Um zu sehen, um den nächsten Schritt, der getan werden musste, vorauszuahnen, wie Muad'dib es in seinen Visionen vermocht hatte, diese Gabe erforderte eine entgegengesetzte Kraft. Daraus erwuchsen neue Möglichkeiten der Entscheidung. Ungefesselt zu sein, konnte eine Laune Gottes bedeuten. Es war nur eine weitere Unfassbarkeit jenseits menschlichen Vorstellungsvermögens.

Stilgar nahm die Hand vom Messergriff und stellte fest, dass seine Finger zitterten. Die Klinge, die einst im riesenhaften Maul eines Sandwurms als Zahn geleuchtet hatte, verblieb in ihrer Scheide. Stilgar wusste jetzt, dass er die Kinder nicht töten würde. Er war zu einer Entscheidung gelangt. Es war besser, sich an jene alte Tugend zu halten, der er sich sein ganzes Leben lang unterworfen hatte: der Loyalität. Es war besser, sich an jene Dinge zu halten, an die man glauben konnte, als an jene, die man verstehen musste. Besser das Jetzt als einen ungewissen Zukunftstraum. Der bittere Geschmack, der sich plötzlich in seinem Mund breitmachte, sagte ihm, wie leer und wie aufrührerisch manche dieser Träume sein konnten. Nein, dachte er.

2

FRAGE: »Hast du den Prediger gesehen?«

ANTWORT: »Ich sah einen Sandwurm.«

FRAGE: »Was ist mit diesem Sandwurm?«

ANTWORT: »Er gibt uns die Luft, die wir atmen.«

FRAGE: »Und warum zerstören wir dann sein Land?«

ANTWORT: »Weil Shai-Hulud (der göttliche Sandwurm) es uns befiehlt.«

›Das Rätsel von Arrakis‹,

von Harq al-Ada

Wie es bei den Fremen üblich war, erwachten die Zwillinge eine Stunde vor Sonnenaufgang. Sie gähnten und reckten sich wie in geheimer Übereinkunft in ihren angrenzenden Zimmern und fühlten die Aktivität der anderen Höhlenbewohner um sich. Sie hörten die Diener in den Vorräumen leise das Frühstück bereiten, ein einfaches Mahl aus Datteln und Nüssen, die mit einer Flüssigkeit getränkt waren, die hauptsächlich aus Gewürz bestand. Die Leuchtgloben warfen einen sanften, gelben Schein aus den Vorräumen in ihre Zimmer. Die Zwillinge kleideten sich rasch an. Jeder spürte die Nähe des anderen, ohne ihn zu sehen. Als hätten sie sich abgesprochen, schlüpften sie in ihre Destillanzüge, die sie vor dem scharfen Wüstenwind schützten.

Gleichzeitig erschienen sie in ihrem Frühstückszimmer. Die Bediensteten schwiegen wie auf Kommando. Leto trug über der grauen Glätte des Destillanzuges eine schwarze Kapuze, seine Schwester eine grüne. Die Verschlüsse zeigten das Wappen der Atreides' – einen goldenen Falken mit Augen aus roten Juwelen.

Als sie die Schmuckstücke sah, sagte Harah, eine von Stilgars Frauen: »Ich sehe, ihr habt euch zu Ehren der Ankunft eurer Großmutter heute besonders herausgeputzt.« Bevor Leto ihr antwortete, zog er seinen Teller zu sich heran. Er musterte Harahs dunkles, von Wind und Wetter gegerbtes Gesicht und erwiderte schließlich kopfschüttelnd: »Woher willst du wissen, dass wir das für sie getan haben? Genauso gut könnten wir uns doch auch selbst eine Ehre erweisen.«

Harah sah ihn an und entgegnete ohne mit einer Wimper zu zucken: »Meine Augen haben die gleiche Farbe wie deine.«

Ghanima lachte laut auf. Harah war gar nicht so leicht beizukommen, fand sie. In dem einen Satz hatte sie schlagfertig eine ganze Antwort untergebracht, die lautete: »Versuche nicht, mich auf den Arm zu nehmen, mein Junge. Du magst zwar von königlichem Geblüt sein, aber dennoch tragen wir beide das Zeichen der Melangeabhängigkeit. Unsere Augen sind blau und enthalten kein Weiß. Welcher Fremen benötigt mehr Ehre als diese?«

Leto lächelte und wiegte nachdenklich den Kopf. »Meine liebe Harah«, sagte er dann, »wenn du etwas jünger wärst und nicht bereits Stilgar gehörtest – ich würde sicherlich um dich werben.«

Harah nahm den kleinen Sieg mit einem gleichmütigen Lächeln hin. Dann gab sie den bereitstehenden Dienern das Zeichen, die Räumlichkeiten für die bevorstehenden Aktivitäten des heutigen Tages vorzubereiten. »Esst euer Frühstück«, wies sie die Zwillinge an. »Ihr werdet heute eine Menge Kraft brauchen.«

»Dann bist du also damit einverstanden, dass wir nicht zu sehr herausgeputzt für unsere Großmutter sind?«, fragte Ghanima mit vollem Mund.

»Du brauchst sie nicht zu fürchten, Ghani«, sagte Harah.

Leto schluckte einen Bissen hinunter und warf Harah einen prüfenden Blick zu. Die Frau machte auf ihn einen kindlich schlauen Eindruck. Dass sie ihr Spielchen so schnell durchschaut hatte, machte ihn nachdenklich. »Ob sie annimmt, dass wir sie fürchten?«, fragte er.

»Das muss nicht so sein«, erwiderte Harah. »Aber ihr solltet nicht vergessen, dass sie einst unsere Ehrwürdige Mutter war. Ich kenne ihre Fähigkeiten.«

»Was hat Alia angezogen?«, fragte Ghanima.

»Ich bin ihr noch nicht begegnet«, sagte Harah knapp und wandte sich ab. Leto und Ghanima wechselten einen nur ihnen verständlichen Blick und beugten sich über das Frühstück. Dann gingen sie hinaus und bogen in den großen Hauptgang ein.

In einer der vorzeitlichen Sprachen, die sie aufgrund ihrer genetischen Erinnerung kannten, sagte Ghanima: »Dann haben wir also ab heute eine Großmutter.«

»Es gefällt Alia überhaupt nicht«, erwiderte Leto.

»Wem macht es schon Spaß, eine solche Position, wie sie sie innehat, aufzugeben?«, fragte Ghanima.

Leto lachte weich. Es war ein seltsamer Klang aus der Kehle eines Kindes. »Es geht um mehr als das.«

»Ob die Augen ihrer Mutter in der Lage sind, das zu sehen, was wir gesehen haben?«

»Warum nicht?«, fragte Leto.

»Ja ... Das könnte es sein, was Alia fürchtet.«

»Wer durchschaut das Abscheuliche besser als jemand, der selbst abscheulich ist?«, fragte Leto.

»Wir können uns auch irren«, meinte Ghanima.

»Aber das tun wir nicht.« Und Leto zitierte aus dem Azhar-Buch der Bene Gesserit: »Es gibt einen Grund, der auf schrecklicher Erfahrung beruht, dass wir die Vorgeborenen abscheulich nennen. Denn wer weiß, welche vergessene und verdammte Person aus der finsteren Vergangenheit ihr Denken beeinflussen kann?«

»Ich kenne die Geschichte«, sagte Ghanima. »Aber wenn sie stimmt, warum werden wir dann nicht von diesen vergangenen Kräften beeinflusst?«

»Vielleicht deswegen, weil unsere Eltern uns davor bewahren«, meinte Leto.

»Und wieso ist niemand da, der Alia ebenso beschützt?«

»Ich weiß nicht. Möglicherweise deswegen, weil einer ihrer Elternteile noch lebt. Es könnte auch deshalb so sein, weil wir ganz einfach noch jung und stark sind. Vielleicht werden wir mit zunehmendem Alter auch zynischer ...«

»Wir müssen sehr vorsichtig gegenüber dieser Großmutter sein«, erwiderte Ghanima.

»Sollen wir nicht über diesen Prediger erzählen, der über unseren Planeten wandert und von Häresie spricht?«

»Du glaubst doch nicht etwa auch, dass er unser Vater ist?«

»Ich habe bisher noch kein Urteil über ihn abgegeben. Aber Alia fürchtet ihn.«

Ghanima schüttelte erregt den Kopf. »Ich glaube nicht an diesen gräulichen Unfug!«

»Du besitzt ebenso viele Erinnerungen wie ich«, fuhr Leto fort. »Und du kannst glauben, was du glauben willst.«

»Du glaubst, es ist deswegen, weil wir es noch nicht gewagt haben, uns der Gewürztrance, der Alia sich unterwirft, hinzugeben.«

»Genauso ist es.«

Dann schwiegen sie und reihten sich in den Menschenstrom ein, der in den Hauptgang hineinfloss. Es war kühl im Sietch Tabr, aber da die Destillanzüge einigermaßen wärmten, konnten sie es sich erlauben, die Kapuzen zurückgeschlagen zu tragen und ihr rotes Haar zu präsentieren. Die Gesichter der Zwillinge straften das Vorhandensein unterschiedlicher Gene Lügen: beide wiesen die gleichen Züge auf, hatten den gleichen Mund. Ihre Augen leuchteten in jenem charakteristischen Blau, das allen Gewürzessern zu eigen war.

Leto sah seine Tante Alia zuerst.

»Da kommt sie«, sagte er und wechselte gleichzeitig in die Kampfsprache der Atreides' über, um seine Schwester zu warnen.

Ghanima nickte ihrer Tante, als diese vor ihnen stehenblieb, zu und sagte: »Eine Kriegsbeute grüßt ihre illustre Verwandtschaft.« Die Sprache der Chakobsa, die sie damit benutzte, übersetzte ihren Namen am treffendsten: Ghanima, die Kriegsbeute.

»Wie du siehst, geliebte Tante«, sagte Leto, »haben wir alles getan, um uns auf die Ankunft deiner Mutter vorzubereiten.«

Alia, die einzige Person des gegenwärtigen königlichen Haushalts, die sich vom Verhalten der Kinder nicht verwirren ließ, sah erst Ghanima, dann Leto an und sagte: »Achtet auf das, was ihr redet!«

Alias bronzefarbenes Haar wurde von zwei goldenen Wasserringen zurückgehalten. Ihr Gesicht war von ovaler Form, und ihre Lippen in diesem Moment aufeinandergepresst. Sie runzelte die Stirn und fuhr fort: »Ich habe euch beide davor gewarnt, euch an diesem Tag schlecht zu benehmen. Und die Gründe dafür sind euch ebenso bekannt wie mir.«

»Wir kennen deine Gründe«, sagte Ghanima, »aber vielleicht kennst du nicht die unsrigen.«

»Ghani!«, fauchte Alia.

Leto warf seiner Tante einen kurzen Blick zu und sagte: »Am heutigen Tag, dem Tag aller Tage, werden wir uns nicht als simple Kleinkinder präsentieren!«

»Niemand verlangt von euch, dass ihr die Einfältigen spielen sollt«, sagte Alia. »Aber wir sind der Ansicht, dass es dumm wäre, gefährliche Ideen in meiner Mutter zu provozieren. Irulan ist auch meiner Ansicht. Wer weiß denn, welche Rolle Lady Jessica jetzt zu spielen beliebt? Immerhin ist sie eine Bene Gesserit.«

Leto schüttelte den Kopf und fragte sich: Warum sieht Alia nicht, was wir vermuten? Ist sie uns denn so weit voraus? Und er bemerkte wieder die feinen Genmarkierungen in ihrem Gesicht, die die Anwesenheit ihres Großvaters mütterlicherseits andeuteten. Der Baron Wladimir Harkonnen war nicht gerade eine ehrenwerte Person gewesen. Die Entdeckung führte dazu, dass Leto sich plötzlich unwohl fühlte und dachte: Er war schließlich auch einer meiner Vorfahren.

»Man hat Lady Jessica dazu ausgebildet, zu herrschen«, sagte er.

Ghanima nickte: »Warum hat sie ausgerechnet diesen Zeitpunkt für ihre Rückkehr gewählt?«

Alia machte ein finsteres Gesicht. »Vielleicht kommt sie nur, weil sie ihre Enkelkinder sehen will?«

Ghanima dachte: Das ist es, was du hoffst, liebe Tante. Aber das ist sehr unwahrscheinlich.

»Sie kann hier nicht herrschen«, sagte Alia. »Sie hat Caladan. Und das sollte ihr reichen.«

Besänftigend sagte Ghanima: »Als unser Vater in die Wüste hinausging, um zu sterben, ließ er dich hier als Regentin zurück. Er ...«

»Hast du irgendwelche Beschwerden?«, verlangte Alia zu wissen.

»Es war eine vernünftige Entscheidung«, fuhr Leto anstelle seiner Schwester fort. »Denn du warst die einzige Person, die verstehen konnte, wie es ist, wenn man auf die Art geboren wird wie wir.«

»Es gehen Gerüchte um, die besagen, dass meine Mutter in den Schoß der Schwesternschaft zurückgekehrt ist«, sagte Alia. »Und ihr wisst beide sehr genau, was die Bene Gesserit davon halten ...«

»... von Abscheulichkeiten«, sagte Leto.

»Ja!« Alia presste die Zähne aufeinander.

»Einmal eine Hexe, immer eine Hexe – so sagt man«, meinte Ghanima.

Schwester, du lässt dich auf ein gefährliches Spiel ein, dachte Leto. Dessen ungeachtet sagte er, sich ganz ihrer Führung anvertrauend: »Unsere Großmutter war eine Frau von größerer Einfachheit als alle anderen ihrer Art. Du teilst ihre Erinnerungen, Alia; also musst du auch wissen, was auf uns zukommt.«

»Einfachheit!«, rief Alia aus. Kopfschüttelnd sah sie sich um, warf einen Blick auf die Menschenmengen im Hauptgang und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder den Kindern zu. »Wenn sie das wirklich gewesen wäre, würden wir jetzt nicht hier sein. Weder ihr noch ich. Ich wäre dann ihre Erstgeborene und keine dieser ...« Sie schüttelte sich und bewegte dabei die Schultern. »Ich warne euch; achtet genau darauf, was ihr sagt.« Sie schaute auf. »Da kommt meine Leibwache.«

»Und du glaubst wirklich, es sei sicherer für uns, nicht mit hinaus zum Raumhafen zu gehen?«, fragte Leto.

»Wartet hier«, entgegnete Alia. »Ich bringe sie her.«

Leto tauschte einen Blick mit seiner Schwester und sagte: »Du hast uns oft genug erzählt, dass die Erinnerungen derjenigen, die vor uns lebten, und die nun in unseren Köpfen sind, einer gewissen Nützlichkeit entbehren, was daran liegt, dass wir noch nicht genügend Erfahrungen mit unseren Körpern gesammelt haben, um sie anzuwenden. Meine Schwester und ich glauben das. Wir vermuten beide in der Ankunft unserer Großmutter einige schwerwiegende und gefährliche Veränderungen.«

»Hört nicht auf, daran zu glauben«, sagte Alia. Sie wandte sich ab, wurde von ihren Wächtern umschlossen und bewegte sich mit raschen Schritten durch den Gang, dem Empfangstor entgegen, wo sie von einem Ornithoptergeschwader erwartet wurde.

Ghanima wischte eine Träne aus ihrem rechten Auge.

»Wasser für die Toten?«, flüsterte Leto, nach dem Arm seiner Schwester greifend.

Ghanima holte tief Luft. Sie seufzte und erinnerte sich daran, wie sie ihre Tante all die Jahre über einer tiefgreifenden Untersuchung und Beobachtung unterzogen hatte. Mit dem Wissen und den Erfahrungen ihrer Vorfahren war das kein Problem für sie gewesen.

»Du glaubst, die Gewürztrance sei schuld daran?«, fragte sie und wusste bereits im Voraus, was Leto darauf antworten würde.

»Hast du eine bessere Erklärung?«

»Um des Arguments willen, bleiben wir einmal dabei. Warum war unser Vater – und selbst unsere Großmutter – kein Unterlegener?«

Leto musterte sie einen Moment lang, dann sagte er: »Du kennst die Antwort ebenso gut wie ich. Als sie nach Arrakis kamen, haben sie sich sicher gefühlt. Die Gewürztrance ... nun ...« Er zuckte die Achseln. »Keiner von beiden wurde auf dieser Welt geboren. Ihre Vorfahren kamen von anderswo. Doch Alia ...«

»Warum hat sie den Warnungen der Bene Gesserit keinen Glauben geschenkt?« Ghanima biss sich auf die Unterlippe. »Alia besaß die gleichen Informationen wie wir, also hätte sie ihre eigenen Schlüsse ziehen können.«

»Man hat sie von Anfang an als die Abscheuliche bezeichnet«, sagte Leto. »Findest du es nicht verführerisch, festzustellen, dass du viel stärker bist als all diese ...«

»Nein, das finde ich nicht!« Ghanima wandte den Blick zur Seite. Sie fühlte die prüfenden Augen ihres Bruders auf sich gerichtet und schauderte. Alles, was sie tun musste, war, die genetischen Informationen aus ihrem Gedächtnis abzurufen, und die Warnungen der Schwesternschaft nahmen konkrete Formen an. Die Vorgeborenen tendierten anscheinend dazu, Erwachsene mit zweifelhaften Verhaltensweisen zu werden. Und die mögliche Ursache ... Erneut schauderte sie.

»Es ist schade, dass wir nicht einige Vorgeborene unter unseren Vorfahren hatten«, sagte Leto.

»Vielleicht hatten wir das.«

»Aber wir hätten dann ... Ah, ja, das bringt uns wieder zu der alten, unbeantworteten Frage: Haben wir wirklich die Möglichkeit, uns restlosen Zugang zu allen Erinnerungen unserer Vorfahren zu verschaffen?«

Aus einem Gefühl heraus wurde Leto sich bewusst, wie unangenehm diese Unterhaltung für seine Schwester sein musste. Sie hatten diese Frage schon des Öfteren diskutiert, ohne jedoch zu einem Schluss zu kommen. Er sagte: »Wir müssen es ablehnen, ablehnen und nochmals ablehnen, wenn sie uns dazu drängt, unsere Erfahrungen mit der Gewürztrance zu machen. Wir müssen ungeheuer vorsichtig sein, dass wir keine Überdosis erhalten; das ist unsere beste Möglichkeit.«

»Eine Überdosis müsste schon ziemlich groß sein, um uns zu treffen«, meinte Ghanima.

»Wir können möglicherweise ziemlich viel vertragen«, stimmte Leto ihr zu. »Das sieht man schon daran, wie viel Alia benötigt.«

»Sie tut mir leid«, sagte Ghanima. »Das Gefühl in ihr, das sie dazu zwingt, muss sehr subtil sein und sie ständig bedrängen.«

»Ja«, sagte Leto. »Sie ist ein Opfer. Abscheulichkeit.«

»Wir könnten uns auch irren.«

»Sicher.«

»Ich frage mich oft«, sagte Ghanima, »ob das nächste Bewusstsein eines Vorfahren, das ich erforsche, dasjenige ist, das ...«

»Die Vergangenheit ist von uns nicht weiter entfernt als unser Kopfkissen«, sagte Leto.

»Wir sollten einen rechten Zeitpunkt abwarten, um mit unserer Großmutter darüber zu sprechen.«

»Ihre Erinnerungen in mir sagen dasselbe«, erwiderte Leto.

Ghanima warf einen Blick auf seinen Schleier.

3

Der Sietch am Rande der Wüste

Gehörte Liet und Kynes,

Gehörte Stilgar und Muad'dib.

Dann herrschte wieder Stilgar in ihm.

Die Naibs kommen und gehen,

Der Sietch jedoch bleibt.

Aus einem Lied der Fremen

Als sie die Zwillinge verließ, fühlte Alia, wie ihr Herz klopfte. Ein paar Sekunden lang hatte sie das Gefühl, bei ihnen bleiben und um ihre Hilfe flehen zu müssen. Welch närrische Schwäche! Der Gedanke daran erfüllte sie mit warnender Vorsicht. Würden die Zwillinge es wagen, einen Blick in die Zukunft zu tun? Der Pfad, der ihrem Vater zum Verhängnis geworden war, musste sie an sich abschrecken: jener nebelhafte Wind aus der Zukunft, der alle Visionen verschlüsselte und es dem Betrachter überließ, aus ihm klug zu werden.

Warum kann ich die Zukunft nicht sehen?, fragte sich Alia. Warum werde ich mir ihrer nicht klar, so oft ich es versuche?

Sie musste die Zwillinge dazu bringen, es zu tun. Sie musste sie irgendwie ködern. Noch hatten sie die Neugier von Kindern. Es kam nur darauf an, diese Neugier mit dem Bewusstsein der Jahrtausende, das in ihnen war, zu verbinden.

So wie ich es getan habe, dachte Alia.

Ihre Leibwächter entfernten das Flüssigkeitssiegel vom Empfangseingang und stellten sich in einer Reihe auf, als sie hinausging und aus ihrem Gesichtsfeld verschwand. Die Ornithopter erwarteten sie auf dem Landefeld. Ein Wind wehte über der Wüste und blies Staubwolken vor sich her. Dennoch war es ein heller Tag. Im gleichen Moment, als sie die Helligkeit der Leuchtgloben im Innern des Sietchs verließ, konzentrierten sich Alias Gedanken auf das, was sie hier draußen erwartete.

Warum kehrte Lady Jessica ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zurück? Hatte man sie auf Caladan darüber informiert, auf welchen Prämissen ihre Regentschaft beruhte?

»Wir sollten uns beeilen, Mylady«, sagte einer der Gardisten. Er musste ziemlich laut sprechen, um das Geräusch, das der Wind hervorrief, zu übertönen.

Alia erlaubte den Männern, ihr beim Einsteigen in die Maschine zu helfen, schloss die Sicherheitsgurte und lehnte sich zurück in den Sitz. Der Gedanke ließ sie nicht los.

Warum ausgerechnet jetzt?

Die Schwingen des Ornithopters griffen in die Luft. Die Maschine hob vom Boden ab und tauchte in die unteren Luftschichten ein. Alia, die in den Bewegungen irgendwie den Pomp und die Macht ihrer Position symbolisiert sah, spürte plötzlich, wie zerbrechlich ihre Stellung in Wirklichkeit war.

Warum kam sie gerade jetzt, wo ihre Pläne noch nicht völlig feststanden?

Der Ornithopter ließ die Nebelbank und die Ausläufer der Sandwolken unter sich. Alia konnte nun das Sonnenlicht auf den Schwingen der Maschine glänzen sehen. Unter ihr lag die veränderte Landschaft des Planeten: breite, grüne Zonen voller Vegetation und Fruchtbarkeit, wo einst die Ödnis dominiert hatte.

Ohne eine Vision der Zukunft, dachte sie, könnte ich durchaus dazu verdammt sein, zu versagen. Oh, was könnte ich alles tun, hätte ich die gleichen Kräfte wie Paul. Ohne die Bitterkeit, die derartige Zukunftsvisionen mit sich bringen.

Ein marternder Hunger ließ sie erzittern, und im gleichen Moment wünschte sie, die Macht abstreifen zu können. Oh, wenn sie doch nur so sein könnte wie die anderen – blind im wahrsten Sinne des Wortes, und nur dem gleichmäßigen Leben unterworfen, dem alle Menschen unterworfen waren, die auf gewöhnliche Art und Weise ins Leben getreten waren. Aber nein! Sie war als eine Atreides geboren worden, als Opfer einer äonenlangen, geplanten Linie, der ihre Mutter durch die Gewürzeinnahme beigetreten war.

Warum kehrt meine Mutter ausgerechnet heute zurück?

Gurney Halleck würde bei ihr sein – der allzeit dienstbare Söldner, der hässliche gemietete Killer, der ihr treu ergeben war und nur den Weg nach vorne ging, ein Musiker, der ebenso gut einen Menschen aus dem Weg räumen konnte, wie er andere mit den Klängen seines Balisets unterhielt. Manche Leute behaupteten, er sei in der Zwischenzeit zum Geliebten ihrer Mutter avanciert. Das war eine Behauptung, die noch zu überprüfen war; möglicherweise ergaben sich aus dem Ergebnis der Untersuchung völlig neue Aspekte.

Der Wunsch, so zu sein wie die anderen, verschwand.

Ich muss Leto dazu bringen, sich der Gewürztrance hinzugeben.

Sie erinnerte sich daran, den Jungen einst gefragt zu haben, wie er sich Gurney Halleck gegenüber benehmen würde. Und Leto, der die wahre Absicht ihrer Frage durchschaut hatte, hatte geantwortet, Halleck sei loyal bis zur Selbstaufgabe und: »Er betete meinen Vater an.«

Sie hatte trotzdem sein Zögern bei dieser Antwort registriert. Leto hatte sonst immer »ich« statt »mein Vater« gesagt. Sicher, es war manchmal schwer, die genetische Erinnerung von den Erfahrungen des eigenen Bewusstseins zu trennen. Und Gurney Halleck würde diese Trennung für Leto sicher nicht leichter machen.

Ein hartes Lächeln legte sich auf Alias Züge.

Nach Pauls Tod hatte Gurney sich dafür entschieden, zusammen mit Lady Jessica nach Caladan zurückzukehren. Seine jetzige Rückkehr nach Arrakis würde einige Verwicklungen auslösen, denn zu den bisherigen Problemen kam dann noch die Komplexität seiner Person. Er hatte schon Pauls Vater gedient. Die Reihenfolge war also folgende: von Leto I. über Paul zu Leto II. Die Bezugslinie des Zuchtprogramms der Bene Gesserit lautete: von Jessica über Alia zu Ghanima. So verlief der Stammbaum. In der allgemeinen Verwirrung der Identitäten würde Gurney also einen zusätzlichen Faktor abgeben.

Was täte er, wenn er herausfände, dass wir das Blut der Harkonnens in uns haben? Das Blut jener Familie, die er mehr hasst als alles andere im Universum?

Das Lächeln auf Alias Lippen gefror. Trotz allem waren die Zwillinge noch Kinder; Kinder mit zahllosen Eltern, deren Erinnerungen ihnen zwar allein gehörten, deren Existenz jedoch einer Reihe von Leuten ungute Gefühle vermittelte. Wenn das Schiff, das ihre Großmutter nach Arrakis brachte, zur Landung ansetzte, würden sie im Eingang des Sietch stehen und warten. Und Jessica? Würde das Flammenzeichen am Himmel ihr die Ankunft bei ihren Enkeln realistischer erscheinen lassen?

Sie wird mich fragen, welche Ausbildung sie genossen haben, dachte Alia. Werde ich die Prana-Bindu-Disziplin mit leichter Hand einsetzen können? Ich werde ihr sagen, dass sie sich selbst ausbilden – genau wie ich. Und ich werde ihr ein Zitat ihres Enkels nahebringen: »Zu den Verpflichtungen des Herrschens gehört gelegentlich auch die Anweisung zu hartem Vorgehen ... aber nur, wenn das Opfer danach verlangt.«

Alia wurde plötzlich bewusst, dass es ihre Aufgabe sein würde, die Aufmerksamkeit Jessicas auf die Zwillinge zu lenken, wollte sie erreichen, dass andere Dinge ihr entgingen.

Das würde nicht schwierig sein. Leto war Paul sehr ähnlich. Warum nicht? Er konnte Paul sein, wann immer er wollte, und sogar Ghanima besaß diese erstaunliche Fähigkeit.

Genauso wie ich meine Mutter sein kann oder jeder andere, der sein Leben mit uns teilte.

Sie wischte den Gedanken beiseite und starrte auf die unter ihr dahingleitende Landschaft hinab. Der Schildwall kam jetzt in Sicht. Dann dachte sie: Was hat sie dazu bewogen, die bequeme Sicherheit der wasserreichen Welt Caladan gegen den Wüstenplaneten Arrakis einzutauschen – auf dem ihr Herzog getötet wurde und ihr Sohn als Märtyrer starb?

Warum kam Lady Jessica ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt zurück?

Alia wusste keine Antwort, zumindest keine sichere. Sie war in der Lage, die Erinnerungen ihrer Mutter aus sich hervorzuholen, aber mittlerweile waren ihre Erfahrungen unterschiedliche Wege gegangen. Also war es unmöglich, ihre Motive zu berechnen. Die Dinge, die jemanden zu privaten Aktionen antrieben, blieben ihr verschlossen. Für die vorgeborenen, vielgeborenen Atreides bedeutete dies eine Neugeburt: in dem Moment, wo sie den Mutterleib verließen, blieb dieser eine Einheit in sich selbst, aus dem keine Erfahrungen mehr abgerufen werden konnten.

Die Tatsache, dass sie ihre Mutter gleichzeitig liebte und hasste, war für Alia nichts Außergewöhnliches. Im Gegenteil: sie empfand es als Notwendigkeit, um sich von Gefühlen wie Schuld und Tadel freizuhalten. Wo konnte Liebe oder Hass enden? Musste man die Bene Gesserit dafür tadeln, dass sie Lady Jessica auf einen bestimmten Weg geführt hatten? Wenn man das Bewusstsein von Menschen mehrerer Jahrtausende in sich hatte, schrumpften Begriffe wie Schuld zu einem Nichts zusammen. Die Schwesternschaft hatte lediglich nach dem Kwisatz Haderach gesucht: dem männlichen Gegenstück einer zu allem fähigen Ehrwürdigen Mutter ... und noch mehr. Ihr Ziel war jener Übermensch gewesen, der an vielen Orten gleichzeitig sein konnte. Und Lady Jessica, die nichts anderes als ein Bauer in ihrem kosmischen Spiel gewesen war, hatte die Stirn besessen, sich in den Partner, den man ihr zugewiesen hatte, zu verlieben. Und anstatt die Wünsche der Bene Gesserit zu erfüllen, die von ihr verlangt hatten, einer Tochter das Leben zu schenken, hatte sie einen Jungen zur Welt gebracht.

Und mich brachte sie erst zur Welt, nachdem sie bereits von dem Gewürz abhängig geworden war! Die Bene Gesserit wollen mich nun nicht mehr. Sie fürchten mich! Und das mit guten Gründen ...

Paul, ihr Bruder, der langersehnte Kwisatz Haderach, war damit eine Generation zu früh auf dem Spielfeld erschienen. Er hatte dadurch ihre jahrtausendealten Pläne durcheinandergebracht. Und jetzt mussten sie sich auch noch mit einem anderen Problem herumschlagen: der Abscheulichen, die jene Gene besaß, nach denen sie so lange gesucht hatten.

Als ein Schatten über sie fiel, schaute Alia auf. Die ihren Ornithopter begleitende Eskorte bereitete sich auf die Landung vor. Verwundert darüber, dass ihre Gedanken von einem Problem zum anderen wanderten, schüttelte sie den Kopf. Welchen Sinn konnte es haben, all diese alten Geschichten hervorzukramen und die längst gemachten Fehler gegeneinander aufzurechnen? Dies hier war ein neues Leben.

Auch Duncan Idaho hatte sein mentatmäßig ausgebildetes Bewusstsein mit der Frage der plötzlichen Rückkehr Lady Jessicas beschäftigt. Sein Schluss war gewesen, dass sie nur einen Grund haben konnte: sie wollte die Zwillinge der Obhut der Schwesternschaft übergeben, denn auch sie waren Träger der vielbegehrten Gene. Und es war nicht unmöglich, dass Duncan recht hatte. Zumindest war es ein Grund, um Lady Jessica dazu zu veranlassen, ihr selbstgewähltes Exil auf Caladan zu verlassen. Wenn die Schwesternschaft befahl ... Welchen anderen Beweggrund sollte sie sonst haben, um auf die Welt zurückzukehren, die in der Vergangenheit nur Schmerz für sie bereitgehalten hatte?

»Wir werden sehen«, murmelte Alia.

4

Melange (me'-lange auch ma-lanj) n-s, ursprüngl. Herk. unbek. (möglicherweise aus dem altterranischen Franzk): a) eine Mischung von Gewürzen, b) ein Gewürz von Arrakis (dem Wüstenplaneten) mit geriatrischen Eigenschaften, die zuerst von Yansuph Ashkoko, einem königlichen Chemiker, während der Periode Shakkad des Weisen entdeckt wurde; arrakisische Melange wurde ausschließlich in den tiefen Wüsten des Planeten gefunden und hatte großen Einfluss auf die prophetischen Visionen von Paul Muad'dib (Atreides), dem ersten Mahdi der Fremen; das Gewürz wurde ebenfalls von den Navigatoren der Raumgilde und den Bene Gesserit benutzt.

Königliches Wörterbuch,

fünfte Auflage

Im Morgenlicht kamen die beiden großen Katzen über die felsige Anhöhe und schritten gemächlich aus. Sie schienen nicht auf der Jagd zu sein, sondern machten den Eindruck, als seien sie auf einem gewöhnlichen Spaziergang durch ihr Revier. Es handelte sich um Laza-Tiger, eine spezielle Züchtung, die man bereits vor achttausend Jahren auf dem Planeten Salusa Secundus angesiedelt hatte. Genetische Manipulationen der einst auf Terra lebenden Tiere hatten einige ihrer ehemaligen Attribute verschwinden und dafür neue entstehen lassen. Ihre Fänge waren riesig, ihre Köpfe breit. Die Augen blickten intelligent und ihnen entging nichts. Damit sie auf unregelmäßigen Geländeformationen mehr Halt bekamen, hatte man dafür gesorgt, dass ihre Krallen länger wurden. Im ausgefahrenen Zustand maßen sie nun zehn Zentimeter und waren scharf wie Dolchklingen. Das Fell der Tiere war dünn und senffarben. Im Sand waren sie so gut wie unsichtbar.

Aber es gab noch einen weiteren Faktor, der sie von ihren Vorfahren unterschied: direkt nach ihrer Geburt hatte man Servosimulatoren in ihre Gehirne eingepflanzt. Damit waren sie völlig abhängig von jenem geworden, der das dazugehörige Steuergerät bediente.

Es war kalt. Als die Katzen anhielten, um einen Blick über das sie umgebende Terrain zu werfen, bildeten sich kleine Kondenswölkchen vor ihren Mäulern. Vor ihnen lag ein Teil von Salusa Secundus, eine Landschaft, in der man einige wenige geschmuggelte Sandforellen hielt, von denen man sich erhoffte, dass sie sich entwickelten, um eines Tages das arrakisische Gewürzmonopol zu brechen. In der unmittelbaren Umgebung der Katzen befanden sich einige lehmfarbene Felsen und vereinzelte dürre Büsche von silbergrauer Farbe. Sie warfen im Licht der Morgensonne lange Schatten.

Obwohl sie nicht die geringste Bewegung zeigten, schienen die Katzen plötzlich aufgeschreckt. Ihre Augen wandten sich langsam nach links, dann drehten sie den Kopf. Weit in der Ferne tauchten plötzlich zwei Kinder auf, die sich an der Hand hielten und gelegentlich in den Sand griffen, um sich gegenseitig damit zu bewerfen. Sie schienen gleichaltrig zu sein, etwa neun oder zehn Standardjahre, waren rothaarig und waren mit Destillanzügen bekleidet, über denen sie kostbare weiße Bourkas trugen, auf deren Säume und Kapuzen das Falkenemblem des Hauses Atreides zu sehen war. Offenbar amüsierten sie sich königlich, während sie dahinliefen. Ihre Stimmen drangen bis zum Standort der Katzen herüber. Die Laza-Tiger kannten dieses Spiel, weil es nicht das erste Mal war, dass sie es spielten, auch wenn sie sich bisher immer ruhig verhalten hatten, da das Signal der Servosimulatoren nicht gekommen war.

Auf dem Hügelrücken hinter ihnen erschien jetzt ein Mann. Er blieb stehen und ließ seinen Blick über die Szene schweifen: Katzen und Kinder. Er trug eine Sardaukar-Uniform von schwarzgrauer Farbe und trug die Insignien eines Levenbrech, des Adjutanten eines Bashar. Um seinen Hals lag ein Geschirr, an dem er den Servosimulator trug, der unter seinem Unterarm baumelte, wo er ihn leicht mit beiden Händen bedienen konnte.

Die Katzen schienen ihn nicht zu bemerken, doch sie kannten den Mann an den von ihm erzeugten Geräuschen und an seinem Geruch. Er kam den Hügel herunter, blieb zwei Schritte von den Katzen entfernt stehen und wischte sich über die Stirn. Obwohl es kalt war, bedeutete dies für ihn harte Arbeit. Erneut huschte sein Blick über die Szenerie: Katzen und Kinder. Der Offizier schob sich die blonden Haare aus dem Gesicht und berührte das in seinem Kehlkopf implantierte Mikrofon.

»Die Katzen haben sie jetzt im Blickfeld.«

Die hinter seinen Ohren eingepflanzten Empfänger übermittelten eine Antwort. »Wir sehen sie.«

»Jetzt?«, fragte der Levenbrech.

»Werden sie es ohne Jagdbefehl tun?«, erwiderte die Stimme.

»Sie sind bereit«, sagte der Levenbrech.

»Ausgezeichnet. Dann wollen wir mal sehen, ob die vier Übungen ausgereicht haben.«

»Sagen Sie mir, wenn Sie fertig sind.«

»Jederzeit.«

»Na denn«, sagte der Levenbrech.

Er berührte eine rote Taste auf der rechten Seite des Servosimulators und ging bis an den Druckpunkt. Die Katzen standen jetzt, auch ohne dass er den Knopf ganz durchgedrückt hatte, sprungbereit. Der Levenbrech hielt mit einem anderen Finger einen schwarzen Knopf in Bereitschaft, für den Fall, dass sich die Tiere gegen ihn zu wenden gedachten. Aber sie nahmen keine Notiz von ihm, sondern duckten sich und begannen zielbewusst ihren Weg nach unten zu suchen. Sie bewegten sich auf die Kinder zu, fuhren die Krallen aus und pirschten lautlos durch den Sand.

Der Levenbrech kniete sich hin und beobachtete sie. Er wusste, dass irgendwo hinter ihm ein unsichtbares Auge schwebte, das jede Bewegung in dieser Landschaft auf einen geheimen Monitor projizierte, der in einer Kuppel stand, in der sein Prinz lebte.

Die Katzen begannen jetzt zu laufen. Ihr Tempo wurde immer schneller. Die Kinder, die sich jetzt damit beschäftigten, einen felsigen Untergrund zu überqueren, hatten die ihnen drohende Gefahr noch nicht entdeckt. Eines von ihnen lachte mit heller Stimme, die in der klaren Luft weithin hörbar war. Das andere schien zu stolpern, fing sich jedoch wieder, drehte sich um und erblickte die Katzen. Plötzlich streckte es einen Arm aus und rief: »Schau!«

Beide Kinder blieben nun stehen und starrten auf das, was sich mit ungeheurer Geschwindigkeit in ihr Leben drängte. Selbst als die beiden Laza-Tiger sich auf sie stürzten, bewegten sie sich nicht vom Fleck. Sie starben schnell und ohne zu verstehen, was ihnen geschah. Die Katzen begannen sofort zu fressen.

»Soll ich sie zurückrufen?«, fragte der Levenbrech.

»Lassen Sie sie erst fressen. Sie haben ihre Sache sehr gut gemacht. Genauso, wie ich es vermutete. Dieses Pärchen ist wirklich sehr verständig.«

»Sie sind das beste, das ich kenne«, stimmte der Levenbrech zu.

»Also gut. Wir holen Sie gleich ab. Die Maschine steht bereit.«

5

Der Fremen soll zu seinem ursprünglichen Glauben zurückkehren und seine Gabe, menschliche Gemeinschaften zu formen, wieder nutzen. Er soll zurückkehren in die Vergangenheit, in der ihn der Kampf um das Überleben auf Arrakis formte. Und das, womit er sich vor allem beschäftigen sollte, muss der Versuch sein, die Seele den inneren Lehren zu öffnen. Die Welten des Imperiums, der Landsraad und die MAFEA-Konföderation haben ihm nichts zu sagen. Sie existieren nur, um ihn seiner Seele zu berauben.

Der Prediger in Arrakeen

Nachdem das Raumschiff, aus dem All kommend, auf der flachen Landebahn niedergegangen war und leise knisterte, wurde Lady Jessica von einem Menschenmeer umringt. Sie vermutete, dass es mehr als eine halbe Million Leute waren, und ein Drittel davon schienen Pilger zu sein. Sie standen in gespanntem Schweigen, hatten ihre Aufmerksamkeit auf die Plattform gerichtet, unter deren schattenspendendem Dach Jessica und ihr Gefolge standen.

Obwohl noch zwei volle Stunden an der Mittagszeit fehlten, kündigte die flimmernde Luft bereits einen heißen Tag an. Jessica brachte ihr kupferfarbenes, von silbernen Streifen durchzogenes Haar in Ordnung. Sie hatte ein ovales Gesicht und trug die Aba-Kapuze, die den Ehrwürdigen Müttern vorbehalten war. Sie war sich darüber im Klaren, dass sie nach dieser langen Reise keine allzu gute Figur machte. Zudem war die Aba nicht die beste in dieser Farbe. Aber sie trug sie, weil sie von diesem Planeten stammte, weil sie sie früher hier getragen hatte und die Fremen von ihr so einen bestimmten Eindruck erhielten. Sie seufzte. Sie war kein Freund von Raumreisen mehr, seit jene Fahrt von Caladan nach Arrakis in ihr ständig unerwünschte Erinnerungen hervorrief. Jede Reise erinnerte sie daran, dass ihr Herzog wider alle Vernunft damals den Kampf um sein Leben geführt und verloren hatte.

Vorsichtig, ihre bei den Bene Gesserit erlernte Fähigkeit, die Stimmung der sie umgebenden Menschen auszuloten, musterte sie die Massen. Sie sah Kapuzen von Destillanzügen im dumpfem Grau und die Roben jener Fremen, die aus dem tiefen Süden stammten; weißgekleidete Pilger, deren Büßerabzeichen ihre Schultern bedeckten, und eine Handvoll reicher Kaufleute in leichter Kleidung und ohne Kopfbedeckung, die damit protzten, dass es keine Wasserknappheit mehr für sie auf Arrakis gab. Und eine Abordnung der Gesellschaft der Gläubigen war erschienen, in grünen Roben und schweren Kapuzen. Sie standen abseits, als wollten sie mit den Kaufleuten nicht in Berührung kommen.

Wenn sie den Blick starr geradeaus gerichtet hielt, erschien ihr die Szene beinahe identisch mit jener zu sein, die sie gesehen hatte, als sie mit ihrem geliebten Herzog zum ersten Mal hier gelandet war. Wie lange war das schon her? Über zwanzig Jahre. Es gefiel ihr nicht, an ihr damaliges starkes Herzklopfen zurückzudenken. Die Zeit war in ihr aufgegangen wie eine tote Last, und es schien, als hätte das, was dazwischen lag, dazu beigetragen, in ihr das Gefühl aufkommen zu lassen, sie sei nie hier gewesen.

Erneut in die Höhle des Löwen, dachte sie.

Hier, auf diesem Gelände, hatte ihr Sohn dem verstorbenen Shaddam IV. das Imperium abgerungen. Der Ort war zu einem geschichtlichen Relikt geworden. Es gab keinen Menschen mehr im Reich, der nichts von seiner Bedeutung wusste.

Als sie das ungeduldige Füßescharren des Gefolges hörte, stieß sie einen weiteren Seufzer aus. Sie mussten auf Alia warten, die sich verspätet hatte. Aber jetzt erschien sie, gefolgt von einer Reihe von Menschen, die sich aus den Massen lösten und in einer langen Schlange durch die Reihen der Wachen drängten, die bereitwillig eine Gasse für sie freimachten.

Jessica warf einen weiteren Blick über das Land. Verschiedene Veränderungen zogen ihre Aufmerksamkeit an. Am Kontrollturm des Landefeldes hatte man eine Kanzel angebracht, wie sie die Prediger benutzten, um zu den Menschen zu sprechen. Weiter entfernt zu ihrer Linken, aber immer noch sichtbar, stand jenes erschreckende Säulengebilde aus Plastahl, das Paul mit der Erklärung, sie symbolisiere seine Festung, ›ein Sietch über dem Sand‹, hatte erbauen lassen. Es handelte sich um das größte Einzelgebäude, das je von Menschenhand erbaut worden war. In ihm hätten ganze Städte untergebracht werden können, aber nun beherbergte es die mächtigste Organisation des Universums, die von Alia geleitete ›Gesellschaft der Gläubigen‹, die auf dem Mythos ihres Bruders fußte.

Das muss verschwinden, dachte Jessica.

Alias Abordnung hatte jetzt den Fuß der Ausgangsrampe erreicht und machte erwartungsvoll halt. Jessica erkannte Stilgars knochigen Körper. Und auch Prinzessin Irulan war da, die ihre Wildheit in einem sanft aussehenden Körper und der Tarnkappe ihres goldblonden Haars verbarg. Sie schien nicht um einen Tag gealtert zu sein; es war unglaublich. Und dort, am Rande der Gesellschaft, stand Alia, immer noch wie ein junges Mädchen wirkend. Ihr Blick war nach oben gerichtet, in die Schatten, die das Sonnendach warf. Jessica presste die Lippen aufeinander und musterte ihre Tochter. Ein plötzlicher Schock erfasste sie, als das Rauschen ihrer eigenen Lebenswellen in ihren Ohren erklang. Die Gerüchte stimmten also. Schrecklich. Schrecklich! Alia war also wirklich auf einem verbotenen Weg gegangen. Sie konnte es an ihrem Gesicht ablesen. Abscheulichkeit!

In dem kurzen Augenblick, den Jessica brauchte, um sich von diesem Schlag zu erholen, wurde ihr klar, wie innig sie gehofft hatte, die Gerüchte unbestätigt zu finden.

Was ist mit den Zwillingen?, dachte sie. Gehören auch sie zu den Verlorenen?

Langsam, wie es sich für die Mutter eines Gottes geziemte, trat Jessica aus dem Schatten und betrat den Rand der Rampe. Ihr Gefolge blieb zurück, so wie es abgesprochen war. Die nächsten Sekunden würden die schlimmsten werden. Jessica stand nun völlig allein im Blickfeld der Massen. Hinter ihr hüstelte Gurney Halleck nervös. Er hatte entsetzt gesagt: »Du willst nicht einmal einen Schild tragen? Ihr Götter! Du bist verrückt!« Aber dennoch war eine von Gurneys Tugenden seine Loyalität geblieben. Auch wenn er außer sich geriet; im Endeffekt würde er trotzdem gehorchen. Und das tat er auch diesmal.

Als Jessica erschien, stieß die Menschenmenge ein Zischen aus, das sie an das Geräusch eines Sandwurms erinnerte. Sie hob die Arme in der gleichen Weise, wie es die Priesterschaft das Imperium gelehrt hatte. Mit unterschiedlichen Formen der Ehrerbietung, aber dennoch wie ein einziger Organismus, sank die Menge auf die Knie. Selbst das Gefolge Alias unterwarf sich dieser Zeremonie.

Jessica hatte die Plätze, an der die Langsamkeit vorherrschte, sofort im Blick, aber sie wusste ebenfalls, dass diejenigen, die hinter ihr standen, zusammen mit den Agenten, die sie in der Masse selbst verborgen hatte, sich diesen Anblick unauslöschlich einprägten. Es würde kein Problem sein, diejenigen, die etwas langsamer waren als die Masse, später herauszufinden.

Während Jessica mit erhobenen Armen stehenblieb, tauchten Gurney und seine Leute auf. Rasch schritten sie hinter ihr zur Rampe hinab und ignorierten dabei die überraschten Blicke derjenigen, die gekommen waren, um sie abzuholen. Sofort mischten sie sich unter die Agenten, die sich mit einem bestimmten Handsignal zu erkennen gaben. Blitzschnell drangen sie in die Reihen der knienden Menschen ein, bahnten sich einen Weg. Mehrere derjenigen, die zu ahnen schienen, was die Männer wollten, standen auf und versuchten zu fliehen. Sie wurden zu den leichtesten Opfern: Messer wurden gezogen, Seile zischten durch die Luft und warfen die Flüchtlinge zu Boden. Andere mussten aus der Menge getrieben werden und wurden an Händen und Füßen gebunden.

Die ganze Zeit über stand Jessica mit ausgebreiteten Armen da, als wolle sie die Menge segnen und beabsichtigte doch nur, sie in kniender Stellung zu halten. Das einsetzende Gemurmel entging ihr ebenso wenig wie der Sinn, der dahintersteckte. Die dominierende Einsicht, die sich schnell durchsetzte, war ihr schon allein deswegen bekannt, weil man sie bereits vor ihrer Ankunft unter den Leuten verbreitet hatte. »Die Ehrwürdige Mutter ist zurückgekommen, um die Heuchler zu vernichten! Lobet die Mutter unseres Herrn!«

Als die Aktion vorbei war – einige Tote blieben auf dem Sand zurück, während man die Gefangenen an Pfähle hinter dem Kontrollturm gebunden hatte –, ließ Jessica die Arme sinken. Alles hatte nur etwa drei Minuten gedauert. Ihr war klar, dass Gurney und die seinen kaum jemanden erwischt hatten, der ihnen wirkliche Informationen beschaffen konnte. Diejenigen, die größere Rollen in Verschwörungen spielten, waren meist sensitiv und vorsichtig. Dessen ungeachtet war die Möglichkeit, dass ihnen mit den gewöhnlichen Tröpfen und Narren irgendein Fisch ins Netz gegangen war, nicht auszuschließen.

Jessica legte die Arme an den Körper. Jubelnd erhob sich das Volk wieder auf die Beine.

Als wenn nichts Ungewöhnliches geschehen wäre, ging Jessica allein zur Rampe hinunter, übersah ihre Tochter und widmete ihre besondere Aufmerksamkeit zunächst Stilgar. Der schwarze Bart, der unter der Kapuze des Mannes gesträubt hervorlugte, war in der Zwischenzeit an einigen Stellen grau geworden, aber seine Augen hatten noch immer jenes tiefe Blau, das sie schon gehabt hatten, als sie einander zum ersten Mal in der Wüste begegnet waren. Stilgar hatte verstanden, was soeben geschehen war, und er billigte es. Er war ein echter Naib der Fremen, ein Menschenführer, und mehr als einmal verantwortlich für blutige Entscheidungen gewesen. Und die ersten Worte, die er Jessica darbrachte, zeugten davon.

»Willkommen zu Haus, Mylady. Es ist eine Ehre für mich, Sie so konkret und direkt vorgehen zu sehen.«

Jessica gestattete sich ein kleines Lächeln. »Sorge dafür, dass die Tore geschlossen werden, Stil. Niemand wird gehen, ehe wir die Gefangenen nicht verhört haben.«

»Das ist bereits geschehen, Mylady«, erwiderte Stilgar. »Ich habe diese Aktion zusammen mit Gurneys Stellvertreter geplant.«

»Dann waren es also deine Leute, die uns geholfen haben.«

»Einige davon, ja, Mylady.«

Als sie seine leichte Reserviertheit erkannte, nickte sie. »Du scheinst mich in jenen alten Tagen ziemlich genau studiert zu haben, Stil.«

»Wie Sie mir einst, als ich verwundet war, zu erzählen beliebten, Mylady, lohnt es sich, von den Überlebenden zu lernen.«

Alia machte einen Schritt nach vorn, und Stilgar überließ ihr seinen Platz. Mutter und Tochter standen einander nun gegenüber.

Da Jessica genau wusste, dass es sinnlos war, das zu verbergen, was sie erkannt hatte, versuchte sie erst gar nicht, sich zu verstellen. Alia war in der Lage, jede Einzelheit aus der Betrachtung ihres Gesichts herauszulesen, wenn sie nur wollte. In dieser Beziehung war sie keiner Angehörigen der Schwesternschaft unterlegen. Sicher war sie bereits darüber informiert, was ihre Mutter wusste und welche Schlüsse sie daraus gezogen hatte. Im Angesicht der Sterblichen waren sie nun Gegnerinnen.

Und für Alia schien in diesem Moment der Zorn die nur allzu natürlichste Form der Reaktion zu sein.

»Wie kannst du es wagen, hier eine solche Aktion durchzuführen, ohne mich vorher zu konsultieren?«, fauchte sie und reckte den Kopf ziemlich nahe an Jessica heran.

Jessica erwiderte sanft: »Wie du eben gehört hast, hat Gurney nicht einmal mich in den gesamten Plan eingeweiht. Eigentlich hatten wir vor ...«

»Und auch du, Stilgar!«, stieß Alia hervor und wandte sich nach ihm um. »Wem bist du eigentlich zur Loyalität verpflichtet?«

»Mein Eid gilt Muad'dibs Kindern«, erwiderte Stilgar in formellem Tonfall. »Wir haben nichts anderes getan, als sie vor einem Verrat zu beschützen.«

»Gibt es einen Grund dafür, dass dich das nicht mit Freude erfüllt ... Tochter?«, fragte Jessica.

Alia blinzelte, warf ihrer Mutter einen Blick zu und unterdrückte ihre Wut. Sie schaffte es sogar, ein ebenmäßiges Lächeln hervorzubringen. »Es erfüllte mich mit Freude ... Mutter«, gab sie zurück – und zu ihrer großen Überraschung stellte sie fest, dass sie wirklich glücklich war, auch wenn ihr bewusst wurde, dass immer noch alles zwischen ihrer Mutter und ihr offen war. Der Moment, vor dem sie sich gefürchtet hatte, war vorbei. Noch immer hatte sich am Gleichgewicht der Kräfte nichts geändert. Sich gleichzeitig ihrer Mutter und Stilgar zuwendend, sagte sie: »Wir werden das detaillierter und zu passenderer Zeit diskutieren.«

»Aber natürlich«, entgegnete Jessica und wandte sich mit einer Alia aus der Audienz entlassenden Bewegung Prinzessin Irulan zu.

Einige kurze Herzschläge lang standen sie einander gegenüber und maßen sich schweigend – zwei Bene Gesserit, die mit ihrer Organisation aus den gleichen Gründen gebrochen hatten: aus Liebe. Sie hatten beide Männer geliebt, die nun tot waren. Die Prinzessin hatte Paul geliebt, ohne dass er ihr seinerseits irgendwelche Gefühle entgegengebracht hätte. Sie war zwar seine Gemahlin, nicht jedoch seine Frau geworden. Und jetzt lebte sie nur noch für die Kinder, die ihm seine Konkubine Chani geboren hatte.

Jessica ergriff das Wort zuerst. »Wo sind meine Enkel?«

»Im Sietch Tabr.«

»Es wäre gefährlich für sie hier draußen, nehme ich an.«