Die Null-Zeit-Raum-Falle - Barbara Büchner - E-Book

Die Null-Zeit-Raum-Falle E-Book

Barbara Büchner

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Beschreibung

Sie lauern hinter den Fassaden unserer Welt: die Backrooms und Poolrooms, die "liminal spaces" ohne Zeit, ohne Raum und ohne Ausgang. Ein Glitch genügt, um darin zu verschwinden und sich in einem endlosen Loop wiederzufinden, in dem nichts geschieht und sich nichts ändert. Oder gibt es doch eine Möglichkeit, ihnen zu entkommen?

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Barbara Büchner

Die Null-Zeit-Raum-Falle

Verirrt in den Backrooms

Sämtliche Illustrationen und einige Inspirationen zum Text in diesem Buch wurden in enger, kreativer Zusammenarbeit zwischen der Autorin und ihrer KI-Assistentin Open AI GPT-5.2. erstellt, das Cover realisierten MAI-K-1 und CANVA.

Die Null-Raum-Zeit-Falle

Der blonde Junge läuft nicht, er schleicht, den Kopf leicht zur Seite geneigt, um kein Flüstern zu verpassen. Seine Turnschuhe quietschen manchmal auf dem Linoleum, und dann bleibt er reglos stehen, bis das Echo verhallt ist. Das T-Shirt klemmt an den Schultern, seit Jahren schon, und riecht ein wenig nach dem Putzmittel, das hier niemals zu Ende geht. Jonas Lentz kennt diese Flure – den gelblichen, der nach Bohnerwachs riecht, den grauen mit dem leisen, ständigen Rauschen hinter den Wänden, den schmalen, der nach feuchtem Papier schmeckt, wenn er atmet. Er sammelt, was liegen bleibt: einen Schlüsselbund mit rostigen Zähnen, ein vertrocknetes Blatt, eine Taschenlampe, die nicht immer leuchtet und manchmal Schatten erzeugt, wo keine sind. An einer Wand hat er Striche geritzt, um die Tage zu zählen, bis sie verschwanden, einfach fort wie mit einem Radiergummi gelöscht. Jetzt zeichnet er kleine Bilder – Hunde, Gesichter, Fahrräder –, damit er sich erinnert. Hinter manche Türen geht er nie. Er weiß, dass dahinter etwas wartet, das Gefahr bedeutet, und manchmal hört er ihn atmen, DEN GRAUEN MANN.

*

Über den Türmen breitete sich die Stille aus. Nicht die gute Art von Stille, wie sie in alten Kathedralen lebt oder auf verschneiten Feldern, sondern jene, die summt wie ein vergessener Stromzähler, die nach leerstehenden Kellern riecht und nach Schimmel unter den Silikonfugen.

Vier weiße Türme standen am Ufer des künstlichen Sees, den die Leute im Dorf Wendelfingen spöttisch den „Bleitümpel“ nannten. Ursprünglich hatte man ihn großspurig „Blue Garden Lake“ nennen wollen, ein Zukunftsprojekt mit gläsernen Balkonen, Designer-Kindergärten und wie Libellen tanzenden Lichtreflexen. Aber die Zukunft wollte nicht kommen.

Die „Residenz See-Terrassen“ war um das Jahr 2010 bereits ein gescheitertes Prestigeobjekt. Der Spielplatz verrottete. Die Fassaden waren immer noch weiß, aber nicht mehr glänzend, sondern matt und unentschlossen, als hätten sie das Konzept „Selbstreinigung“ nicht ganz verstanden. Die Fenster waren zum größten Teil ungeputzt und versteckten sich schamhaft hinter halb herabgelassenen Außenjalousien. Niemand sprach mehr von Baukonzepten, stattdessen kursierten Spitznamen wie „Betonklippen“ und „Bunkerberg“.

Im See blubberte es gelegentlich, als habe sich dort unten etwas verschluckt. Die Mieter waren daran gewöhnt, ebenso wie an das Flackern der Neonröhren und das Knacken in der Nacht.

*

Jonas bleibt stehen. Mitten in einem kalten Gang gibt es einen Bereich von ein, zwei Schritten Länge, der unangenehm warm ist, als stünde man in der Nähe eines Heizkörpers – nur dass dort nichts ist.

Da ist es wieder – kein gewöhnliches Geräusch, kein Rauschen, kein Summen der Neonröhren, sondern ein Atemzug. Lang, langsam, als stünde jemand gleich hinter der Wand.

Er legt das Ohr dagegen. Kalt. Still.

Neonröhren flimmern so, dass Bewegungen verzögert erscheinen; eine Person wirkt dann für einen Moment doppelt, als würde sie zeitversetzt durch den Raum gehen. - Ein Reflex in einer glatten Fläche zeigt den Raum korrekt, aber ohne die Person, die direkt davorsteht. –

Dann, kaum hörbar, ein Satz, ein Kratzen, das er schon einmal gehört hat, draußen im Stiegenhaus, von jemandem, dem er immer ausgewichen ist.

„He, du … Hübscher! Hilfst du mir was aus dem Keller zu holen? Hab auch einen Schoko-Riegel für einen braven Jungen!“

Jonas stolpert zurück. Der Flur ist leer, die Wand grau und glatt. Aber er weiß, dass er sich nicht verhört hat. Der Graue Mann ist ganz in der Nähe.

*

Die Betonklippen im Jahr 2010, vier Jahre nach Fertigstellung

Letzter Anlass für den Zusammenbruch des Prestige-Projekts „See-Terrassen“ war das rätselhafte Verschwinden eines zwölfjährigen Jungen namens Jonas, Sohn des Hausmeister-Ehepaares Lentz, der mit seinen Eltern in einer Dienstwohnung in Turm A lebte. Es geschah im September 2010, ein genauer Zeitpunkt ließ sich nie festlegen – nur eine Reihe von Sichtungen, die am Vorplatz der See-Terrassen endeten. Dazwischen lag ein kurzer Zeitraum, vielleicht Minuten, vielleicht eine Stunde, in dem er irgendwo im Gebäude gewesen sein musste.

Ein Nachbar erinnerte sich, den Buben im Treppenhaus gesehen zu haben: Cargohosen, gelbes T-Shirt, barfuß, die Haare noch nass, „als käme er gerade aus dem Wasser“. Nur war das Schwimmbad im Souterrain seit Monaten geschlossen, weil die Mieter sich über den muffigen Geruch dort beschwert hatten. „Ich hab ihn gefragt, wo er war“, sagte der Mann später, „aber er hat nur gelächelt und ist weitergelaufen.“

Andere Bewohner berichteten von einem dumpfen Geräusch, das aus der Richtung des Schwimmbads kam. „Wie ein Generator“, meinte einer. „Nur tiefer. Man hat es im Boden gespürt.“ Ein zweiter sagte: „Herzschlag. Aber viel zu langsam.“

Die Feuerwehr durchsuchte den Poolraum, einst als Attraktion geplant, nun ein feuchter, von Chlorgeruch durchtränkter Hohlraum. Das Becken war leer bis auf eine grünliche Pfütze, die das Licht der Notausgangslampe wie ein trübes Auge spiegelte. Ein Feuerwehrtaucher stieg in den Überlauftrichter, kehrte jedoch nach wenigen Minuten wortlos zurück. Offiziell hieß es, die Strömungsverhältnisse seien ungünstig gewesen. Laut Bauplan führte der Schacht in den See, dort suchte man mehrmals – vergeblich. Unter den Männern machte jedoch die Version die Runde, der Taucher habe „etwas“ gesehen und darauf bestanden, den Raum zu sperren.

In den Einsatzberichten stand: „Suche ohne Ergebnis. Keine Auffälligkeiten.“ Doch seine Kollegen wussten es besser.

*

Das Echo ihrer Schritte hing in der feuchten Luft wie ein außer Takt geratener Herzschlag. Die Männer der Feuerwehr trugen die Lampen tief, ihre Kegel glitten über das leere Becken, über Kalkränder, die das alte Wasserlevel markierten. Am tiefsten Punkt, in der östlichen Ecke, glänzte der weiße Schacht, rund wie mit dem Zirkel gezogen. Früher floss hier das Poolwasser in einem glatten Strang ab, wenn der Pool gereinigt wurde, jetzt war er seit Langem trocken.

Die Männer schraubten das schwere Gitter ab, das den Abfluss sicherte, schoben es beiseite.

„Wenn er hier reingekrochen ist …“ Der Einsatzleiter ließ den Satz hängen. Tief unten rauschte es, gleichmäßig, als käme es aus einem Tunnel.

Über der Öffnung stand ein Dreibein-Gestell, um den Taucher zu sichern. Der Mann prüfte seinen Gurt, kniete am Rand, leuchtete hinunter. Der Lichtstrahl fiel endlos, bis er im Dunkel ertrank. Kein Boden zu sehen, obwohl der Schacht laut Plan nur fünf Meter tief sein durfte.

Der Taucher stieg ein. Erst die Stiefel, dann die Beine, schließlich verschluckte ihn das Zwielicht. Das Licht seiner Stirnlampe tanzte an glatten, harten Wänden, trocken wie Emaille. „Seltsam …“, kam es über Funk. „Kein Wasser. Nur Nebel. Und—“ Die Stimme brach ab.

Die Männer am Rand beugten sich vor. Ein anderes Geräusch stieg auf, kaum lauter als ein Flüstern, aber unpassend zum Rauschen: ein gleichmäßiges Schmatzen, wie nackte Füße, die im Wasser gehen.

„Ich höre …“ Dann ein lauter, metallischer Schlag, tief unten an der Wand. Das Seil spannte sich, als würde es festgehalten. Der Motor des Dreibeins surrte. Sekunden später stieg der Taucher zurück ins Licht, prustend, die Lampe schräg über die Stirn gerutscht. Sein Blick war starr. „Da unten …“, begann er, brach ab, zog den Helm ab, atmete flach. „Kein Boden. Keine Strömung. Stattdessen Mauerbögen. Steinerne Galerien, drei Stockwerke hoch.“ Er schüttelte den Kopf, als wollte er das Rauschen abschütteln. „Da war was.“

Der Ingenieur schnitt eine Grimasse. „Unsinn. Der Ablauf führt in den See. Wir haben gestern schon gesucht, mit Booten, Sonden, Tauchern. Der Ausfluss ist vergittert. Selbst wenn der Bub …“ Er verstummte, weil das Rauschen wieder lauter wurde, wie ein Wasserfall in der Tiefe.

Der Taucher begann, den Gurt zu lösen, und mied den Blick zur Öffnung. „Sperrt den Raum.“ Er sagte es tonlos, wie ein Arzt eine Diagnose stellt. „Und öffnet ihn nicht wieder.“

Keiner widersprach.

*

Seinem besten Freund erzählte der Taucher später: „Lach mich nicht aus! Ich habe die Pläne gesehen, bevor ich hinuntergestiegen bin. Da ist nichts Besonderes. Fünf Meter Schacht, unten vergittert. Wäre das Kind dort reingekrochen, hätte es drin liegen müssen. Aber da war kein Kind und kein Gitter. Auch kein See. Stattdessen ein Gebäude wie ein Wasserschloss – Pfeiler, gemauerte Arkaden, hoch wie Kathedralen. Kristallklares Wasser, darüber unbeweglicher Nebel, als wäre alles gemalt. So etwas darf es nicht geben. Und doch war es da.“

Er rieb sich die Stirn. „Ich hatte Schiss wie nie zuvor. Und ich war schon in gefährlichen Höhlen tauchen, wie im Blautopf, wo jeder zweite nicht mehr rauskommt. Dort unten dachte ich: Das war’s. Hier finden sie deine Knochen. Ich muss am Seil gerissen haben, ohne es zu merken, und sie zogen mich rauf. Einen Schritt weiter …“

Der Freund, ein Computerspiel-Freak, nickte. „Sei froh, dass du den Schritt nicht gemacht hast. Das war ein Backroom. Wenn du da reingerätst, kommst du nie wieder raus. Was du instinktiv gemacht hast, war ein Noclip – so nennt man das, wenn man in einem Spiel versehentlich durch die Wand rutscht. Dann musst du sofort rückwärtsgehen. Nicht umdrehen, einfach rückwärts.“

„Sachen gibt’s“, murmelte der Feuerwehrmann, der kein Gamer war. Aber er wusste, dass er keiner Täuschung erlegen war.

*

Der Architekt, Rainer Beck, hatte einst mit großen Versprechungen geworben. Franka Lentz, die damals mit ihrem Mann als Hausmeisterin der Wohnanlage dort einzog, erinnerte sich später, wie sehr man ihn bewundert hatte. Er war ein Star gewesen, aber keiner, dem die Bewunderung zu Kopf stieg. Ein großer, hagerer Mann mit einem Schopf tabakbrauner Haare, beim Gehen ein wenig gebeugt, wie es Leute sind, die viel am Schreibtisch sitzen. Er war immer liebenswürdig gewesen, zuvorkommend, höflich. Er hatte dem kleinen Jonas freundlich gedankt, als der Junge ihm eine Zeichnung der Anlage überreicht hatte: den See, die Türme und sogar einen Grundriss. Nicht alle Erwachsenen waren so gut zu Kindern. Umso bitterer war es, dass die Verantwortung für das Scheitern am Ende allein auf ihn abgeladen wurde.

Franka hatte ihn gleich gemocht. Sogar ein bisschen mehr als nur gemocht. Aber sie war damals ja verheiratet gewesen, und für ein Kind war es auch nicht gut, wenn seine Mutter Affären hatte. Also hatte sie Herrn Beck nur auf Distanz gerngehabt.

Nach dem Zusammenbruch war er noch einmal wiedergekommen, ein verhärmter Trinker, der sich leise in den Schatten der Türme schlich.

Franka erkannte ihn sofort, als er an einem Vormittag im Hof stand, die Hände in den Taschen seines abgetragenen Mantels, den Blick nach oben gerichtet. Der einstige Stararchitekt wirkte verkommen, das Gesicht eingefallen, die Augen gerötet. Aber als er die Türme ansah, lag ein Glanz darin – Stolz oder Wahnsinn, Franka konnte es nicht unterscheiden.

„Sie stehen immer noch“, sagte er, ohne sie anzusehen. „Sie waren nie für das gedacht, was daraus wurde.“

„Für was dann?“ fragte Franka.

Er sah sie endlich an, mit Augen, in denen nur Müdigkeit war. „Für Bewegung. Für Übergänge. Räume, die nicht enden. Ein Netz von Verbindungen, wie die Adern im Körper. Das war die Idee. Keine Fallen, keine Monster. Aber wenn man etwas baut, das man nicht ganz versteht, nimmt es sich, was es braucht.“

Franka schwieg. Sie wollte ihm Vorwürfe machen, wollte Jonas’ Namen schreien – doch die Worte blieben stecken. Denn tief drinnen wusste sie: Er sagte die Wahrheit.

„Sie hassen mich hier“, fuhr Beck fort. „Aber das ist mir gleich.“

„Ich hasse Sie nicht.“ Franka trat einen Schritt näher. „Ich meine, es war nicht Ihre Schuld, was passiert ist.“

Er reagierte nicht. „Die wollten damals eine Sensation“, murmelte er, ohne jemanden direkt anzusprechen. „Glas, Licht, Wasser. Und ich habe es ihnen gegeben. Kein Pfusch. Kein Trick. Alles nach Vorschrift.“ Er schüttelte den Kopf, nahm einen Schluck aus einer Taschenflasche, die er rasch hervorzog und wieder einsteckte. „Aber wenn ein Kind verschwindet, dann sucht man keinen Schuldigen mehr. Man nimmt den, der am besten passt.“

Er sah hinauf zu den Dachterrassen der Türme. „Sie sind nicht kaputt“, sagte er leiser. „Sie machen nur weiter. Das ist der Unterschied. Ein Bau lebt, auch wenn die Leute das nicht wollen. Sie geben ihm einen Namen, eine Adresse – und glauben, sie hätten ihn damit gezähmt.“

Man hatte ihm die Schuld gegeben. „Pfusch“, „Sicherheitslücken“, „verantwortungslos“ – alles, was man ihm anhängen konnte. Dabei hatte er sauber gearbeitet, jede Vorschrift beachtet. Doch ein Kind war verschwunden, und er war der Architekt. Da half kein Plan, keine Bescheinigung.

Er erinnerte sich an die ersten Jahre, als die Vision noch glänzte: Gläserne Balkone, offenes Wohnen, Licht und Wasser als Elemente, die einander durchdrangen. Kein Ort zum Fürchten, sondern zum Bestaunen.

Er drehte sich abrupt um und ging in Richtung See. Sein Gang war unsicher, seine Motorik gedämpft von Alkohol und Medikamenten.

*

Jonas zählt die Schritte, wie immer, damit der Gang nicht länger wird. Zwanzig, einundzwanzig, zweiundzwanzig… Bei dreißig müsste die Tür kommen. Er lächelt, weil er glaubt, er hat’s diesmal im Griff. Doch bei dreißig ist da nur Wand. Bei zweiundvierzig auch. Bei fünfzig kommt die Tür – aber sie ist auf der falschen Seite.

---ENDE DER LESEPROBE---