Die Ruchlosen - Philippe Djian - E-Book

Die Ruchlosen E-Book

Philippe Djian

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Beschreibung

Marc lebt mit seiner Schwägerin Diana in einer Stadt am Meer und kümmert sich seit dem Tod ihres Mannes leicht manisch, aber liebenswert um sie. Eines Tages findet er am Strand drei prallvolle Päckchen mit Koks. Er möchte die Ware für gutes Geld verkaufen, doch bald läuft alles aus dem Ruder. Freundschaften zerschellen, Liebe flirtet mit Verbrechen – und mitten aus dem Chaos erwachsen überraschende neue Bindungen und Gefühle.

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Philippe Djian

Die Ruchlosen

Roman

Aus dem Französischen von Norma Cassau

Diogenes

Aber er wollte, dass sie ihre Hände wegnahm, dass sie aufhörte, ihn anzufassen, dass sie beiseite ging, verschwand, er versuchte, ihr zu sagen, dass sie abhauen, nach Hause gehen sollte, aber sein Mund war voll Blut, und sie weigerte sich, ihn loszulassen.

Nimm mein Taschentuch, sagte sie.

Er stieß sie brüsk weg. Sie stolperte einige Schritte nach hinten und blieb im Licht der Laterne stehen, die auf die noch feuchte Straße schien. Er fixierte sie ein paar Sekunden und fand sie so schön, dass er kurz den Schmerz vergaß, das Feuer, das sich über sein Gesicht ausbreitete. Diana ging auf die fünfzig zu. Manchmal glaubte er seinen Augen kaum. Sie war schöner als alle Frauen, die er je gekannt hatte. Er senkte den Kopf. Wenn sie ausgingen, endete es meistens mit Schlägen in die Fresse, da war immer ein Kerl, der sie wollte, ein Kerl, der verrückt wurde, sobald sie ihm ins Auge gefallen war.

Am Ende ließ er sich auf den Beifahrersitz fallen und schnallte sich an.

Fass mich bitte nicht an, sagte er. Fahr.

Die Straße schlängelte sich am Meer entlang – unter ihnen trieb der Mond über die Wellenkämme –, was Diana nicht daran hinderte, eine Hand auszustrecken, um ihm in einer Kurve die Wange zu streicheln oder ihn fragend anzusehen und dabei beinahe von der Straße abzukommen.

Er öffnete sein Fenster, um auszuspucken. Mit der Zungenspitze tastete er nach seinem wackelnden Zahn.

Meine Krone ist im Arsch, glaube ich.

Sie seufzte. Wir gucken uns das gleich an.

Er sagte, ich bin müde.

Sie sagte, ich gebe dir was für die Nacht.

Sie parkte das Auto vor dem Haus. Er erklärte, dass er ihre Hilfe nicht brauche, um in die Wohnung zu kommen. Trotzdem schleuste sie ihn kurz durch die Praxis, damit er sich den Mund ausspülte. Sie setzte sich auf ihren Stuhl, zog Latexhandschuhe über und stellte fest, dass sein vorderer Backenzahn in der Tat wackelte.

Gut, das kann bis morgen warten, entschied sie. Ich schiebe dich als Notfall dazwischen.

Er leerte seinen Plastikbecher und spuckte einen Blutfaden aus, der von etwas Blauem mit Mentholgeschmack durchzogen war. Draußen blies der Wind, brummte hinter den Fenstern. Sie schaltete ihre Stirnleuchte aus und warf ihre Handschuhe in den Mülleimer.

Das hättest du dir sparen können, sagte sie. Das war unnötig.

Er ging hoch in die Wohnung, dann in sein Zimmer. Ihm tat alles weh, er biss die Zähne zusammen, seine Laune war saumäßig, er hatte die Statur des Kerls im Halbdunkeln unterschätzt und verdankte sein Leben nur dem Einschreiten Dianas, die sie getrennt hatte, nachdem er eine böse Rechte kassiert hatte, mit einer Wucht, die ihn bewegungsunfähig gemacht hatte. Er putzte sich gerade vorsichtig die Zähne, als er hörte, wie Diana eintrat, die Tür hinter sich zuzog und den Riegel vorschob.

Eine Minute später tauchte sie in der Badezimmertür auf und hielt ihm einen Blister Schmerzmittel hin, er solle zwei nehmen, im Wechsel mit Aspirin. Er spuckte erneut aus, jetzt eher rosa, gemischt mit einer Art Schaum.

Du musst nicht hier rumstehen, geh schlafen, sagte er. Leg sie auf den Nachttisch.

Sie fragte, ob er wisse, wer das war. Er antwortete, nein und dass er es auch nicht wissen wolle. Was ich weiß, ist, dass er mir einen Zahn ramponiert hat.

Er spülte sich ein letztes Mal den Mund aus. Er fühlte sein Herz bis in die Wange pochen. Zurück im Zimmer fand er sie auf der Bettkante sitzend.

Er ist der Sohn des Bürgermeisters, erklärte sie. Er boxt.

Das kommt vor.

Ich weiß nicht mal, wo er herkam. Ich hab kaum mit ihm geredet.

Gut, sagte er, wenn du nichts dagegen hast, würde ich jetzt gerne schlafen. Du solltest fernsehen. Das hilft dir beim Einschlafen.

Du trinkst zu viel, wollte ich noch sagen, das macht dich aggressiv. Du suchst Streit.

Er sah woandershin. Er dachte an seinen Vater, ein Verrückter, der vor nichts Angst hatte, der Leute mitten auf der Straße ohrfeigte, wenn sie seiner Frau schöne Augen machten, der zuschlug, wenn jemand ihr hinterherpfiff.

Ich wusste nicht, dass der Idiot einen Sohn hat, meinte er.

Du trinkst wirklich zu viel. Das ist schlecht.

Sie folgte ihm in die Küche, wo er sich ein Perrier aus dem Kühlschrank nahm. Er ließ die kalte Dose über seine Wange rollen, bevor er sie öffnete. Er hatte ziemliche Schmerzen. In der Regel wurde nach ein paar Tagen nicht mehr darüber gesprochen – mit Ausnahme des einen Males, als man ihn gegen einen Tisch geworfen und er sich eine Rippe geprellt hatte. Er verschwendete nicht viele Gedanken daran. Sein Kiefer tat weh, aber er funktionierte noch, das war die Hauptsache.

Diana stand hinter ihm. Ich bitte dich, sagte er, erspar mir die Moralpredigt, sei so gut.

Sie rührte sich nicht. Der Kühlschrank brummte wieder los.

Wir kümmern uns morgen um deinen Zahn, sagte sie.

Sie war barfuß. Als Zahnärztin war sie nicht außergewöhnlich, aber gut genug, die Praxis war korrekt ausgestattet und lief nicht schlecht. Tagsüber wirkte sie viel seriöser. Wenn sie ausgingen, war das natürlich anders. Sie nahm das gar nicht wahr.

Sie entschied sich, einen Joghurt zu essen. Der unerbittliche Herbstwind wehte über die Erde, feucht und kalt, er heulte hinter der Tür wie ein Geist in einer Komödie.

Das war der Nachteil, wenn man am Meer lebte. Das Salz fraß alles. Die Farbe platzte von den Holzverkleidungen, die Vordächer und Balkone mussten regelmäßig neu gestrichen werden. Aber die Aussicht entschädigte, die Aussicht war unbezahlbar. Sein Bruder hatte das in einem fort gesagt. Wenn Patrick morgens aus der Tür getreten war, war er auf der Schwelle stehengeblieben und hatte den Horizont betrachtet, immer, egal wie das Wetter war, hatte er ein paar Mal tief durchgeatmet, dann zufrieden den Kopf gesenkt und war hinkend die paar Stufen hinab zum Auto gestiegen, wo Marc auf ihn wartete und etwas in sein Heft notierte.

Woran denkst du, fragte sie.

Kann ich dir sagen, wir scheißen drauf, dass er der Sohn des Bürgermeisters ist. Sie aß ihren Joghurt zu Ende. Er setzte den Fuß auf das Pedal des Mülleimers, der Deckel klappte hoch. Der Becher verschwand darin.

Sie seufzte. Ich habe heute eine merkwürdige Sache gelernt. Stell dir vor, wir haben zwei Gehirne.

Sieh an. Zwei Gehirne. Sieh an.

Der Darm ist unser zweites Gehirn. Ich weiß nicht, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht ist.

Er zuckte die Schultern, was wusste er schon, und drehte sich wieder zum Fenster. Gut, sagte er, ich habe zuerst zugeschlagen, aber ich hatte keine Wahl. Als Erster prügeln ist oft das Beste, was man machen kann.

Aber klar doch.

Er lachte in sich hinein. Jetzt war eigentlich nicht die richtige Zeit, um Perrier zu trinken, aber er wollte sich nicht die Blöße geben und vor ihr noch einen Drink nehmen. Auf der anderen Straßenseite konnte man zwischen den Häusern ein Stückchen Meer erspähen, der Mond glitzerte auf dem Schaum. Trotz des Winds brandeten die Wellen gleichmäßig an. Man hörte ein fernes Grollen, obwohl die Fenster aus Doppelglas waren. Manchmal musste man sogar die Fensterläden schließen. Vor allem in seinem Zimmer. Dianas Zimmer lag zwar auch im Obergeschoss, aber zum Garten hin, viel stiller, und morgens strahlte die Sonne hinein. Aber dazu gab es nichts mehr zu sagen, sie bewohnte dieses Haus viel länger als er.

Was kann ich dafür, wenn es eskaliert. An mir liegt es nicht.

Es ist wirklich eine Freude, mit dir auszugehen.

Ich lasse solche Trottel nicht um dich herumschwänzeln, das ist doch nicht so schwer zu verstehen. Darüber müssen wir nicht reden.

Sie schüttelte den Kopf. Marc, es ist bald ein Jahr her, erwiderte sie.

Kann sein. Ich zähle nicht wirklich mit.

Es war fast zwei Uhr morgens, aber sie bot an, ihm ein Sandwich zu machen, geh auf die andere Seite zum Essen, und er dachte, dass er eben noch schlafen gehen wollte. Er trug sogar schon seinen Pyjama. Er setzte sich auf einen Hocker und sah ihr zu, auf den Tresen gestützt, der die Küche vom Hauptraum trennte. Das Haus war nicht das gepflegteste in der Nachbarschaft, aber es hatte etwas. Touristen blieben gern stehen, um Fotos zu machen. Egal. Irgendwo klapperte ein Tor, ein etwas unheimliches Klappern. Er hatte keinen Hunger, aber Dianas Sandwiches waren meistens gut. Er biss herzhaft hinein, verzog dann aber fluchend das Gesicht, au Scheiße, stampf‌te mit dem Fuß auf, wedelte mit der Hand, au Scheiße, Scheiße, und wurde blass. Ich hab auf einen Olivenstein gebissen, Scheiße. Au verdammt. Mein Zahn hängt nur noch an einer einzigen Faser, ernsthaft.

Er griff nach einer Serviette und spuckte Blut hinein.

Zeig mal, sagte sie. Mach den Mund auf. Ich verstehe das nicht, normalerweise sollten die entsteint sein.

Er öffnete die Hand, um ihr den Stein zu zeigen, den er ausgespuckt hatte.

Sie schnaubte. Ich hätte nicht übel Lust, ihren Kundenservice anzurufen, ich weiß nicht, was mich davon abhält. Auf jeden Fall schicke ich denen die Rechnung. Deiner Krone kannst du Adieu sagen.

Er spuckte ins Spülbecken, ließ das Wasser laufen. Das Tor klapperte immer noch, die Palmen am Straßenrand bogen sich im Sturm.

Bist du müde, fragte sie ihn.

Geht so.

Dann lass uns runtergehen. Ist mir lieber. Du blutest ganz schön. Dann wissen wir morgen früh gleich Bescheid.

Er war nicht scharf auf einen Zahnarztbesuch, nicht jetzt sofort, er war nicht darauf eingestellt, fühlte sich überhaupt nicht in der Lage dazu, aber eine Art Überlebensinstinkt ließ ihn Diana zur Treppe folgen, ein blutbeflecktes Taschentuch auf dem Mund.

Doch auf halber Strecke machte er kehrt, ging hinauf in sein Zimmer, trank drei große Schluck Gin, schüttelte sich und stieg wieder hinab, die Hand am Lauf, er fühlte sich besser.

Die Praxistür stand offen. Er ging direkt zum Stuhl. Nahm Platz, aber ohne sich hinzulegen, öffnete den Mund.

Sie schob ihm eine Kompresse an die Zunge, eine an die Wange.

Warten wir kurz, sagte sie. Ich möchte, dass es etwas weniger blutet. Also wirklich, die müssen besser aufpassen. Da bekommt man ja einen Schreck. Ich sehe das zum ersten Mal in meinem Leben.

Das war wie ein Stromschlag, sagte er. Bis in die Beine.

Ja, dein Zahn ist kaputt. Du hast nicht übertrieben. Sie beugte sich mit einer Spritze über ihn.

Er fragte sie, was sie darunter verstand, wenn sie meinte, er blute viel. Sollte das heißen, ungewöhnlich viel.

Ja, mehr oder weniger, antwortete sie. Das war schon auf‌fallend.

Er verzog das Gesicht.

Sie erzählte, dass sie einmal die Feuerwehr rufen musste.

Ich hatte mich gerade erst niedergelassen, die Praxis war brandneu. Und dieses arme Mädchen machte alles voll mit Blut. Wir haben sie komplett mit Papiertüchern zugedeckt, aber gebracht hat es gar nichts. Wie ein Wasserhahn. Nur zudrehen konnte man ihn nicht. Beim Reinkommen ist einer der Feuerwehrleute ausgerutscht wie auf einer Öllache, er ist in die Luft geflogen und schlimm auf den Rücken gefallen, ich seh ihn noch vor mir, er konnte sich nicht bewegen, nicht reden, war ganz blass, erschrocken, sie haben ihn gleich auf einer Bahre mit weggetragen. Ich war damals eine junge Zahnärztin, gerade erst mit dem Studium fertig. Ich hatte noch nichts gesehen.

Draußen braute sich etwas zusammen. Dann schüttete es plötzlich wie aus Eimern, das Haus knarrte von den Windböen, aber Marc fühlte sich gut. Er hatte eine brauchbare lokale Betäubung bekommen und fühlte sich gut, weil er nichts fühlte. Er blutete praktisch nicht mehr. Er mochte, wie unempfindlich die eine Hälfte seines Gesichts nach den Spritzen war, sein Augenlid, das erst flatterte und dann starr wurde, die Schwierigkeit zu sprechen.

Sobald sein Bruder sie beide verlassen hatte und Marc in die Wohnung gezogen war, hatte Diana gewisse Arzneimittel weggeschlossen, was bedauerlich war. Gerade als er sie wahrscheinlich am nötigsten gebraucht hätte. Als er sich buchstäblich wie erschlagen gefühlt hatte. Er hatte mehrere Tage kein Wort mit ihr geredet.

Sie versorgte die Wunde provisorisch. Er bedankte sich nuschelnd und setzte beide Füße wieder auf den Boden.

Ich klopf dann bei dir, sagte sie. Du musst früh aufstehen. Direkt nach dir habe ich zwei Extraktionen.

In Ordnung. Ich geh fünf Minuten an die frische Luft, sagte er, während sie ihren Kittel und die Handschuhe auszog, ihren Mundschutz und dieses lächerliche kleine Ding, das sie sich immer auf den Kopf setzte.

Marc, es stürmt draußen.

Ich geh nicht weit. Dauert nicht lange.

Da war eine Flasche Gin hinter einem Blumenkasten. Er wusste, dass er zu viel trank, dass ihn das aggressiv machte. Nur ein Blinder hätte daran zweifeln können. Aber zugeben würde er das ganz sicher nicht. Er drehte sich mit dem Rücken zum Wind und verordnete sich ein paar Schlucke Alkohol, wovon die Hälfte an seinem Kinn hinunterrann, in seinen Nacken, auf seine Brust, sein Mund war ja halb gelähmt, nicht unter Kontrolle.

Es hatte aufgehört zu regnen, aber der Wind flaute nicht ab. Er musste sich fast hinhocken, seine Haare klatschten ihm ins Gesicht. Manchmal fehlte ihm sein Bruder so sehr. Es schlug ohne Vorwarnung zu, wie eine Faust, die sein Herz zerquetschte und dann wieder losließ. Dabei hatte der Arsch ihn in einem schönen Haufen Scheiße sitzenlassen, was für eine Bürde, und das war milde ausgedrückt. Diana war nur eine von vielen Sorgen und nicht die schlimmste.

Die Straße war menschenleer, die Laternen hielten sich tapfer, die Leuchttafeln der Läden waren dunkel. Die Leute hatten sich verbarrikadiert. Es war nicht ohne, aber auch nicht so, dass man wegflog. Nach wenigen Minuten ging er wieder hinein. Er rieb sich die Arme, als er in die Wohnung hinaufstieg. Sie war schon im Bademantel und saß, über ihren Computer gebeugt, in einem Sessel.

Sie hob den Blick. Alles in Ordnung, fragte sie.

Er machte ein Zeichen mit dem Daumen, alles prima, und sah sie ein letztes Mal an, wobei sie schon wieder mit dem Bildschirm beschäftigt war.

Patrick war ein launischer Charakter gewesen, er hatte eine furchterregende Art gehabt, man hatte sich besser nicht mit ihm angelegt, aber ihr gegenüber war er ein Lämmchen gewesen, ein wirklich sanfter Typ, ein echter Gentleman. Er hatte sie vergöttert. Niemand hatte auch nur den kleinsten Witz diesbezüglich gewagt, auch nicht hinter seinem Rücken. Sie hatte eine erstaunliche Macht über ihn gehabt. Er war in ihren Armen gestorben, hatte sie angelächelt, ihr gedankt, dass sie all die Jahre für ihn da gewesen war. Und mit gutem Grund, dachte Marc, als er sie jetzt ansah. Man hätte sie für eine Madonna halten können. Es war das einzige Wort, das er für sie fand. Auch wenn sie ihm von Zeit zu Zeit auf den Sack ging. Aber das war normal. Sie wurde davon nicht weniger Frau. Die Mischung aus beidem war außergewöhnlich. Da konnte man sagen, was man wollte.

Sie hob den Kopf und sah ihn fragend an.

Er grüßte militärisch und machte auf den Hacken kehrt.

Der Sohn des Bürgermeisters. Ich bin auf seiner Webseite, sagte sie.

Er blieb vor seiner Tür stehen, drehte den Kopf. Und was steht da so.

Da steht, dass er Schwimmbecken verkauft, Swim Spas, sagte sie. Er ist verheiratet, sie haben ein Kind.

Er schüttelte den Kopf. Kannst du mir erklären, was ein Familienvater um zwei Uhr morgens in einem Club macht, lässt sich volllaufen, schmeißt sich auf alles, was sich bewegt, wo ist seine Frau, hä, was hat er da zu suchen.

Ja, aber Marc, das ist kein Grund.

Ja, klar, gute Nacht, Diana, sagte er und öffnete seine Tür.

Bei dem Wetter war sein Zimmer wie eine Trommel, der Wind dröhnte gegen die Fensterläden, die Wand vibrierte von den Stößen. Er legte sich erst gegen Morgengrauen.

 

Wie ein Flugzeugmotor, erklärte er, nur nicht so monoton. Es hat mich wachgerüttelt, kaum dass ich eingedöst war.

Während sie das Feld für ein Implantat vorbereitete, sah er hinter dem satinierten Fensterglas den Tag aufgehen, die ersten Strahlen glitzern, bis sie die Jalousie herunterzog. Mit weit geöffnetem Mund versuchte er, an den Moment zu denken, wenn er wieder schlafen gehen könnte, denn er hatte in der Nacht kaum ein Auge zugetan.

Als er sich vom Foltersessel erhob, war die Sonne schon ganz am Horizont zu sehen. Plötzlich war er nicht mehr schläfrig. Er zog eine Jacke über und ging zum Strand. Der Sturm war die ganze Nacht darüber hinweggefegt. Ein gutes Lif‌ting. Die Dünen waren jungfräulich und schimmerten, kein Mensch weit und breit, dafür war es noch zu früh. Er ärgerte sich, dass er nie den Mut hatte, bei Sonnenaufgang aufzustehen, um sich das Spektakel anzusehen. Patrick hatte ihr Bett aufgestockt und nach Osten ausgerichtet, aber Marc musste vor die Tür gehen, und dafür brauchte er einen Anreiz, die Schönheit der Welt musste ihn locken. Oder eine dringende Zahnbehandlung.

Die Luft roch gut. Der Sand war noch feucht. Er nahm seine Schuhe in die Hand und spazierte an der Küste entlang. Es war frisch, die Sonne wärmte noch nicht wirklich, sie glänzte im Tau auf den Binsen, die in Büscheln wuchsen, auf ihren Strahlen trug sie Möwen durch einen schweren, aber fernen, unbeweglichen Himmel, von stillem Licht durchbrochen.

Er hatte den Geschmack von Medikamenten in seinem Mund. Diana schien gute Arbeit geleistet zu haben, es war nicht allzu viel Blut geflossen, eine gute Gelegenheit für diesen Spaziergang, er hatte den ganzen Strand für sich allein.

Das erste Päckchen bemerkte er, weil er quasi drauf‌trat. Nur wenige Meter auf den Sand gespült von den Wellen der Nacht. So groß wie eine Mehlpackung, mit Klebeband umwickelt.

Es war nicht das erste Mal, dass so etwas geschah. Eine Frage des Winds, des Sturms, so recht wusste man es nicht, aber es bot Redestoff, heizte die Gespräche in den Bars an, das Getuschel, die Scherze, die Prahlereien. Im vorigen Jahr war es Kokain gewesen. Vielleicht eine Lieferung, die man über Bord geworfen hatte, oder ein Schiffbruch oder weiß Gott was, man hatte es nie herausgefunden. Sie hatten die Päckchen in Großaufnahme gezeigt und wie die Polizisten den Strand harkten, der aufbrausende Ozean die Bösen bestraft, sie in die Knie gezwungen hatte, all das.

Sein Herz setzte kurz aus, dann bückte er sich, sah sich dabei misstrauisch um, aber da war niemand, schnappte sich das Päckchen und stopf‌te es unter seine Jacke. Er richtete sich wieder auf, sein ganzer Körper war in Aufruhr, seine Schläfen pochten, die Fragen überschlugen sich. Was ihn nicht davon abhielt, die Umgebung hoffnungsvoll, aber auch ängstlich nach weiteren Funden abzuscannen. Er fand ein zweites, das halb von Sand bedeckt war, dann ein drittes mitten in einem Haufen Muscheln, und schließlich sah er zu, dass er fortkam.

Auf Zehenspitzen schlich er an der Praxis vorbei nach oben, um sich in sein Zimmer einzuschließen. Schweißgebadet. Er musste sich beruhigen, sich klarmachen, was passiert war. Er hatte die drei Päckchen nebeneinander auf den niedrigen Tisch gelegt, nachdem er sie ausgewickelt hatte, und ließ sie, tief in seinen Sessel versunken, nicht aus den Augen. Er brachte Ordnung in seine Gedanken.

Die Polizei tauchte im Laufe des Vormittags in der Gegend auf. Von seinem Zimmerfenster aus beobachtete er einige Zeit das Treiben, das jetzt am Strand herrschte, die Arschkriecher, die Neugierigen, die kreuz und quer alles absuchten, sich gegenseitig beklatschten, sobald einer von ihnen so ein Ding ausgegraben hatte und stolz über seinem Kopf schwenkte.

Mittags vergaß er darüber sogar das Essen. Er schaute Nachrichten. Noch war Zeit, sie zurückzubringen, Ärger zu vermeiden, das wusste er. Man zeigte die zahlreich angerückten Polizisten, die freiwillig Angetretenen und die ganzen Streber, die das Gebiet systematisch durchkämmten und mit vorgereckter Nase aufgeregt herumschnüffelten wie Trüffelhunde.

Diana machte eine Pause und kam herauf, um mit ihm etwas zu essen. Er erzählte ihr, dass das Wasser einmal mehr eine Ladung gefährlicher Substanzen ausgespuckt hatte. Sie warf einen Blick durchs Fenster und zuckte die Schultern. Sie fragte, ob es ihm gut gehe, als sie etwas zu essen aus dem Kühlschrank nahm, denn sie fand, er sehe blass aus, ob er Schmerzen habe, ob er auch nicht vergessen habe, dass sie heute Abend eine Konferenz hatte, dass er nicht auf sie zu warten brauche.

Er antwortete nicht und schnitt langsam ein paar Scheiben Roastbeef vom Vorabend ab. Der blässliche Schein eines Blaulichts schob sich diagonal über die Zimmerdecke.

Ich halte dich nicht davon ab zu tun, was du willst, sagte er. Ich will ihn nur nicht sehen, das ist alles.

Ja, das hatte ich verstanden.

Dann lass es mich nicht immer wiederholen, antwortete er freundlich. Mach es nicht vor meinen Augen, das ist alles, was ich will. Ich werde mir keine Augen auf den Rücken transplantieren.

Sie teilten sich ein Weizen. Er hat mich angerufen, heute Morgen, sagte Diana.

Er sah zu ihr hoch.

Er möchte mich wiedersehen, fuhr sie fort.

Marc betrachtete seinen Teller und lächelte böse. So ein Hurensohn, meinte er kopfschüttelnd.

Ich habe ihn gefragt, ob er träumt, schob sie nach, ich habe ihm gesagt, dass er ganz schön dreist ist.

Das ist noch untertrieben, lachte er böse auf.

Ich wollte es dir erst nicht sagen. Jedenfalls habe ich aufgelegt. Damit war die Sache für sie wie immer erledigt. Indem er sich mit Marc angelegt, seine Hand gegen ihn erhoben hatte, hatte der Eindringling jede Chance auf sie verspielt, sich ins Aus katapultiert, er wurde unsichtbar, durchsichtig, existierte nicht mehr, da hatte der Sohn des Bürgermeisters denselben Weg genommen wie die anderen, wenn man sie so reden hörte, er würde in der Versenkung verschwinden. Marc stand auf und stellte sich wieder ans Fenster. Er hatte das Gefühl, ein Boot auszuschöpfen, das ständig volllief, oder der mit dem Felsblock zu sein.

 

Der Sonnenuntergang kündigte sich allmählich an, als sie hochkam, um sich umzuziehen. Er blieb in seinem Zimmer, damit sie ihm nicht in Unterwäsche über den Weg lief. Die Vorstellung, mit einem Kilo Pulver in den Taschen vor die Tür zu gehen, machte ihn nervös. Ohne sicher zu wissen, ob das mit Joël klappen würde. Der war am anderen Ende der Leitung nicht sehr liebenswürdig gewesen, vermutlich bereitete ihm sein Geschwür Probleme.

Was soll ich denn damit, knurrte Joël. Nimm das Ding von meinem Tisch. Wenn Patrick da wäre, würde er dir den Hintern versohlen.

Warum das.

Was denkst du.

Marc machte ein Gesicht und beugte sich vor, um das Päckchen wieder an sich zu nehmen, aber Joël legte die Hand darauf. Er fragte, ob Diana Bescheid wisse. Marc verneinte.

Weil ich nämlich keine Lust darauf habe, dass mir das irgendwie auf die Füße fällt, erklärte Joël.

Marc richtete sich auf und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sie wird nichts davon erfahren, sagte er. Natürlich nicht, hör mal, natürlich nicht, allein der Gedanke, ich lebe mit ihr, da werde ich einen Teufel tun und die Stimmung vergiften.

Stimmt, das können wir nicht gebrauchen, bestätigte Joël. Wie geht es ihr.

Er stand auf und ging um seinen Schreibtisch herum.

Sie scheint in Ordnung, antwortete Marc. Sie arbeitet, wir gehen aus, gehen was trinken. Abends bin ich da.

Joël legte ihm eine Hand auf die Schulter, stieß einen leisen Seufzer aus und nahm zwei Gläser. Lass mir achtundvierzig Stunden Zeit, sagte er, ich sehe, was ich machen kann.

Wenn ich so darüber nachdenke, sagte Marc und hielt sein Glas hin. Ich gehe fast nie am Strand spazieren und noch seltener bei Tagesanbruch, die Wahrscheinlichkeit, dass das passiert, ist quasi gleich null, ist einfach nicht mein Ding. Und trotzdem. Aus einer Sache hat sich die nächste ergeben, und so bin ich bei Sonnenaufgang am Strand gelandet und mit den Möwen spazieren gegangen. Und als ich zufällig nach unten sah, lag da das Päckchen vor meinen Füßen. Muss ich jetzt irgendwo ein Opferlicht anzünden.