Die Totenbändiger - Band 13: Das Manifest - Nadine Erdmann - E-Book

Die Totenbändiger - Band 13: Das Manifest E-Book

Nadine Erdmann

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Beschreibung

Sky, Connor, Gabriel und Matt begeben sich nach Northumberland, um endlich Kenwicks Manifest in die Hände zu bekommen. Was werden die Aufzeichnungen ihnen enthüllen? Währenddessen bleibt ihr Ausflug nach Newfield in London nicht unbemerkt und Carlton beschließt, dass es Zeit wird, andere Geschütze aufzufahren, um seine Gegner in ihre Schranken zu weisen … Der 13. Roman aus der Reihe, "Die Totenbändiger", von Nadine Erdmann (Cyberworld, Die Lichtstein-Saga).

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Table of Contents

Das Manifest

Was bisher geschah

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Vorschau

Impressum

Die Totenbändiger

Band 13

Das Manifest

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Was bisher geschah

 

Nach dem nervenaufreibenden Sondereinsatz in den West End Arkaden fahren die Ghost Reapers zusammen mit den Hunts nach Newfield, um sich in der Einsamkeit von Yorkshire anzusehen, was auf der Farm passiert. Unterstützung bekommen sie dabei von Eddies Bruder Flint, der eine Gruppe von Totenbändigern in einer Bikergang um sich geschart hat, die sich die Mighty Evils nennt. Unter dem Vorwand, für sich und seine Leute ein Winterquartier für die gefährlichen Monate des Unheiligen Jahres zu suchen, verschaffen sie sich Zugang zur Farm. Dort finden sie etwas anderes vor, als sie erwartet haben. Niemand wird gegen seinen Willen festgehalten und obwohl das Zeugen von Totenbändigernachwuchs stark propagiert wird, wird niemand dazu gezwungen. Auch als Sky und Nell den Bewohnern London als Alternative und Hilfe bei einem Neuanfang in Aussicht stellen, gehen nur wenige Newfielder auf das Angebot ein, weil die meisten gern dort leben.

Jaz hofft, Sarah, das Mädchen, mit dem sie sich jahrelang ein Zimmer in der Akademie geteilt hat, sowie Bethany und Sally, zwei weitere ehemalige Mitschülerinnen, davon überzeugen zu können, die Farm zu verlassen und wieder zurück nach London zu kommen. Doch auch die drei wollen in Newfield bleiben, da sie sich in der Gemeinschaft und mit ihren neuen Aufgaben wohlfühlen. Sarah erzählt Jaz, Ella, Jules und Cam allerdings von Ivy, einer Dreizehnjährigen, die als Störenfried bekannt ist und aufgrund von Regelverstößen ständig im Kerker sitzen muss. Sarah schlägt vor, dass Jaz und ihre Leute Ivy mit nach London nehmen, weil sie sich dort vielleicht wohler fühlen und auf der Farm nicht mehr für ständige Unruhe sorgen würde.

Als sie von dem Kerker und Ivy erfahren, suchen Gabriel, Matt und Sky nach dem Mädchen. Was Ivy ihnen erzählt, ist schockierend: Vor vier Jahren wurden ihre Mutter sowie vier weitere Frauen geschwängert, um besondere Totenbändigerbabys zu gebären. Für die Schwangerschaft wurden sie in ein abgelegenes Haus im Wald gebracht, wo sie von einer Hebamme und Doktor Grundy, der Ärztin der Farm, betreut wurden. Als Grund für diese Isolation wurden die schwierigen Schwangerschaften genannt. Ivy half Elsa, der Hebamme, bei der Versorgung der werdenden Mütter, wurde aber immer häufiger von Doktor Grundy und Master Ambrose, dem Leiter von Newfield, daran gehindert, ihre Mutter und die anderen Schwangeren zu besuchen. Auch in der Nacht der Wintersonnenwende, der Geburtsnacht der Kinder, sperrte man Ivy ein. Sie konnte jedoch ausbrechen und heimlich zum Waldhaus laufen. Dort wurden die Babys per Kaiserschnitt zur Welt geholt und Männern übergeben, die schwarze Kutten und schwarzweiße Masken trugen. Jedes Kind wurde direkt nach der Geburt in eine Wanne mit einer sirupartigen schwarzen Substanz getaucht, die durch die Haut der Babys in ihr Inneres sickerte. Daraufhin wurden sie als erfolgversprechende Probanden eingestuft und mitgenommen. Die Frauen wurden nicht weiter versorgt, sodass keine die Geburt ihres Kindes überlebte.

Als die Hunts und die Ghost Reapers davon erfahren, steht für sie fest, dass diese Schwangerschaften sowie das Vorgehen nach der Geburt der Kinder mit geminus obscurus zusammenhängen muss, was bedeutet, dass die Sekte nicht etwa mit ungewollten Totenbändigerbabys, die von Normalos zurückgelassen wurden, experimentiert, sondern dass das Zwillingsritual schon deutlich früher beginnt. Für Cam ist die Erkenntnis, dass man mit ihm und seiner leiblichen Mutter mit großer Wahrscheinlichkeit dasselbe durchgeführt hat, kaum zu ertragen.

Während ihres Aufenthalts in Yorkshire, meldet sich Professor Winkler bei Connor, um ihm mitzuteilen, dass seine Recherchen nach einem Manifest von Cyrus Kenwick erfolgreich waren. Im Fundus eins kleinen Heimatmuseums in Northumberland, der Gegend in der Kenwick vor über zweihundert Jahren sein Unwesen trieb, scheint es ein Exemplar zu geben. Connor, Sky, Gabriel und Matt beschließen hinzufahren, um das zu überprüfen.

Kapitel 1

 

Sonntag, 6. Oktober

London

 

Die Morgensonne fiel durch einen Schlitz zwischen den Vorhängen auf die pastellfarbene Bettwäsche in Batikoptik. Nicht wirklich sein Geschmack, doch bei all den Annehmlichkeiten, die dieses kleine Appartement zu bieten hatte, interessierte ihn die Bettwäsche herzlich wenig. Blaine reckte sich, genoss die Stille des Sonntags und sah sich um. Es war eine dieser typischen 2-Raum-Altbauwohnung, zu denen man im Zuge von Modernisierungen viele der alten viktorianischen Wohnhäuser in London umbaute, weil sich diese riesigen Villen kaum ein Mensch leisten konnte. Stattdessen machte man sechs, acht oder zehn 1-Raum- oder 2-Raum-Wohnungen daraus – und voilà! Man konnten sie vermieten und ordentlich abkassieren. Da diese hier in einer halbwegs sicheren Gegend lag, war die Miete sicher kein Pappenstiel. Das war aber zum Glück nicht seine Sorge, deshalb würde er großzügig darüber hinwegsehen, dass die Einrichtung aus ziemlich gewöhnlichen Pressspan-billig-Möbel bestand und nicht wirklich sein Geschmack war. Die Wohnung erfüllte ihren Zweck und die Suche danach hatte ihn schon deutlich mehr Zeit gekostet als geplant.

Es war überraschend mühselig gewesen, eine neue Bleibe zu finden. Nachdem er der Akademie den Rücken zugekehrt hatte, hatte er sich provisorisch in ein kleines Motel zurückgezogen. Da sein Vater aber nach ihm suchen ließ, hatte das keine Dauerlösung sein können. Seine Idee, sich an Studenten heranzumachen, um bei einem von ihnen unterzukommen, hatte allerdings leider ein paar hinderliche Schönheitsfehler aufgewiesen. Die meisten Studenten lebten in Wohnheimen oder Wohngemeinschaften, um sich die Mieten leisten zu können. Sich in einem Studentenwohnheim einzunisten, fiel für ihn allerdings komplett flach, weil er den dortigen Hausmüttern und Hausvätern viel zu schnell aufgefallen wäre. Es war wirklich erschreckend, welch vorsintflutliche Regeln dort zum Teil herrschten. In einigen dieser Heime war anscheinend nicht mal fremder Besuch gestattet, mit der Begründung, dass die Studenten sich voll und ganz aufs Lernen konzentrieren sollten. Es wurden sogar Zimmerkontrollen durchgeführt und nach Alkohol gesucht, da die jüngeren Studenten noch keine einundzwanzig waren.

Ernsthaft?!

Das war einfach nur lächerlich.

Besonders, weil sich die halbe Studentenschaft jeden Abend in Pubs traf, in denen keiner so genau die Ausweise prüfte.

Wohngemeinschaften waren für seine Zwecke auch nicht wirklich ideal. Dort für die ein oder andere Nacht unterzukommen, wenn man mit irgendwem Spaß haben wollte, war zwar kein Problem. Das hatte er ausgetestet. Aber auf Dauer war Stress mit den Mitbewohnern vorprogrammiert und mehrere Leute über Wochen zu kontrollieren, war zu riskant.

Er hatte jemanden gebraucht, der allein lebte.

Er sah zu dem Mädchen, das neben ihm im Bett lag.

Charlene aus Houston, Texas. Süße neunzehn und aus Amerika geflohen, weil sie dort zuletzt alle schwer genervt hatten. Ihr Vater war Bauunternehmer, der sich vor vier Jahren von ihrer Mutter getrennt hatte und seitdem das schlechte Gewissen seiner Tochter gegenüber mit Geld beruhigte. Seit drei Jahren war er neu verheiratet und hatte zwei weitere Kinder, die er abgöttisch liebte. Für Charlene war in der Konstellation nicht mehr viel Platz, dafür füllte er aber ihr Konto äußerst großzügig. Charlene hatte bei ihrer Mutter gelebt, der ein Fitnessstudio gehörte. Seit Jahresbeginn hatte auch sie einen neuen Kerl an ihrer Seite, mit dem es so ernst war, dass er zu ihnen gezogen war und man Charlene nahegelegt hatte, nach der Schule auszuziehen, weil die Frischverliebten Zeit und Raum für sich brauchten. Da Charlene mittlerweile von beiden Eltern genervt war, hatte sie beschlossen, für sich das Beste aus der Situation herauszuschlagen und verkündet, nach der Schule ein Gap-year in Europa einlegen zu wollen. Ihr erstes Ziel sollte London sein. Dort wollte sie eine Wohnung als Homebase anmieten, von wo aus sie sich dann verschiedene andere Ziele vornehmen wollte. Sowohl ihre Mutter als auch ihr Vater hatten nichts dagegen und finanzierten ihr Wohnung und Lebensunterhalt, froh sich so einreden zu können, dass sie super Eltern waren, die ihrer Tochter diesen Wunsch erfüllten und sie beim Erweitern ihres Horizontes unterstützten.

Charlene war jetzt seit knapp vier Wochen in London und ihre Horizonterweiterung hatte bisher darin bestanden, die Kreditkarte, die ihr Vater ihr mitgegeben hatte, ordentlich zu strapazieren. Sie hatte die Wohnung eingerichtet, Klamotten geshoppt und die Londoner Pub- und Clubszene erkundet. Dabei war sie am Abend zuvor Blaine über den Weg gelaufen und es war ein perfect match gewesen. Sie hatte ihm ihre gesamte Familiengeschichte erzählt, er hatte an den richtigen Stellen Interesse und Mitgefühl geheuchelt und dann ebenfalls eine herzerweichende Geschichte von einer toten Mutter und einem gefühlskalten Vater erzählt, bei dem er es nicht mehr ausgehalten hatte und froh war, jetzt als Student sein Leben selbst in der Hand zu haben.

Die Kleine war Butter in seinen Händen gewesen und sie hatte ihn ziemlich schnell zu sich eingeladen. Sie hatten rumgemacht und schließlich Sex gehabt, der gar nicht schlecht gewesen war. Dann hatte er sie abgefüllt und ihr so viel Energie geraubt, dass sie locker bis zum Nachmittag ausgeknockt bleiben würde. Wie sich ihr weiteres Zusammenleben dann gestaltete, würde sich noch zeigen müssen, aber Blaine war sehr motiviert, dem Ganzen eine Chance zu geben.

Erst mal brauchte er jetzt allerdings ein paar Stunden Zeit für sich.

Blaine schwang sich aus dem Bett und ging vom winzigen Schlafzimmer hinüber in den minimal größeren Wohnraum mit Küchenzeile, schaltete die Kaffeemaschine an und verschwand ins Bad. Die Dusche war deutlich sauberer als die der WG, in der er die letzte Nacht verbracht hatte. Ein weiterer Pluspunkt. Er stellte sich unter den warmen Wasserstrahl und beglückwünschte sich für den Glücksgriff, den er mit Charlene getan hatte.

Generell konnte er mit seiner ersten Woche in Freiheit ziemlich zufrieden sein. Nach dem Verlassen der Akademie hatte er seine Spuren so gut verwischt, dass die Leute seines Vaters ihn jetzt sicher nicht mehr finden würden. Er hatte sein Auto verkauft und sich ein neues besorgt. Beides unter der Hand natürlich, aber von dubiosen Autohändlern gab es in London schlicht zu viele, als dass man ihm so auf die Schliche kommen könnte. Zumal er dafür sein Totenbändigermal überschminkt und eine Perücke samt Cappy und Sonnenbrille getragen hatte. Im Motel war er auch nicht lange geblieben. Die letzten Nächte hatte er in verschiedenen WGs und einmal im Auto zugebracht, weil er Streifzüge durch Kneipen und Clubs samt belanglosem Smalltalk mit meist völlig hirnlosen Unbegabten nicht jeden Abend ertragen hatte. Das war mühsam und unerfreulich gewesen, doch jetzt hatte sich das Blatt eindeutig zum Guten für ihn gewendet.

Seine Zeit würde kommen.

Die Vorbereitungen liefen perfekt. Und jetzt, da er nicht mehr bei seinem Vater in der Akademie wohnte, musste er sich noch weniger Gedanken darum machen, dass der große Cornelius Carlton womöglich etwas bemerkte. Nicht, dass er sich vorher sonderlich dafür interessiert hätte, was sein Sohn so trieb. Dafür war der mächtige Führer der Dreizehn viel zu sehr mit seinem Geminus-Projekt beschäftigt.

Blaine schloss die Augen und ließ das Wasser auf sein Gesicht prasseln.

Mann, wie sehr er sich wünschte, dass dieser Versuch genauso scheiterte wie der vor dreizehn Jahren. Wenn er gewusst hätte, wo sich der Versammlungsort der Dreizehn, das Versteck der Kinder oder der Ritualort befanden, hätte er Medien oder Polizei vielleicht sogar einen Tipp gegeben. Nachdem die neue Drohung der Death Strikers bekannt geworden war, wäre die Entlarvung einer Totenbändigersekte, die Menschenopfer bringt, um Kinder zu Super-Totenbändigern zu machen, ein gefundenes Fressen. Ohne jedoch konkrete Orte nennen zu können, an denen sich eindeutige Beweise finden ließen, würde man solche Behauptungen mit Sicherheit nur als sensationsgieriges Gelaber eines Wichtigtuers abtun. Oder man stufte ihn als jemanden ein, der mit abstrusen Behauptungen verhindern wollte, dass die Totenbändiger den Sitz im Stadtrat bekamen.

Die altbekannte Wut kochte in ihm hoch, weil es erniedrigend war, dass sein Vater ihn nie in die Einzelheiten eingeweiht hatte. Er hätte einer der Dreizehn sein sollen. Doch er war zu jung und nicht vertrauenswürdig genug. Sein Vater hatte sich nicht darauf verlassen wollen, dass ein Teenager den Mund über etwas halten konnte, das die Machtstrukturen in der Gesellschaft auf ewig verändern würde.

Nicht vertrauenswürdig. Ja, klar.

Zornig ballte er die Faust und rammte sie gegen die nassen Fliesen.

All die Jahre hatte er kein Wort über den dunklen Zwilling verlauten lassen, da wäre es ja wohl nur anständig gewesen, ihm – als seinem Sohn! – einen Platz unter den Dreizehn zu gewähren.

Blaine presste die Kiefer so fest aufeinander, dass es wehtat. Dann zwang er sich jedoch dazu, tief durchzuatmen, und ließ noch eine Weile lang das herrlich warme Wasser über sich laufen, bis er seine Wut wieder auf Genugtuung und diebische Vorfreude hinuntergefahren hatte.

Er würde es seinem verdammten Vater so was von zeigen.

Bis dahin sollte der sich aber ruhig mit den Gilden im Stadtrat herumschlagen, von denen nach der Drohung der Death Strikers den Medien zufolge einige ziemlich beunruhigt waren. Er hatte zwar nie so recht verstanden, warum seinem Vater der Sitz im Stadtrat so wichtig war. Sobald der Geminus an der Seite der Totenbändiger stand, konnten sie schließlich ohnehin machen, was sie wollten. Dann war der Stadtrat völlig witzlos. Aber wahrscheinlich ging es dabei wieder um Macht und Ansehen, die seinem Vater unfassbar wichtig waren.

Blaine sollte es recht sein.

Wenn sein alter Herr mit den Gilden, der Abstimmung und den Death Strikers beschäftigt war, hatte er weniger Zeit und Ressourcen, um sich um seinen ach so missratenen Sohn zu kümmern.

Damit schob Blaine die Gedanken an seinen Vater von sich, stellte das Wasser ab und trat aus der Dusche.

Zeit, sich wieder um die wichtigen Dinge zu kümmern, damit er im Plan blieb.

Es war kurz nach halb zehn. In einer halben Stunde öffnete der Baumarkt und er musste noch Charlenes Kreditkarte finden. Ihr Daddy würde sich sicher nicht über eine Baumarktrechnung wundern. Schließlich richtete sich seine Tochter ja gerade eine neue Wohnung ein.

Bargeld abzuheben, wäre auch nicht schlecht. Warum seine eigenen Ersparnisse plündern, wenn es jetzt eine wunderbare Alternative gab? Er sollte es nur nicht übertreiben, damit Mummy und Daddy nicht den Geldhahn zudrehten. Aber für Pizza und ein paar Drogen würde es schon reichen. Damit würde er seine neue kleine Freundin heute Abend überraschen. Mal sehen, wie sie darauf ansprang.

Er ging hinüber ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. Charlene lag im seligen Tiefschlaf zwischen der pastellfarbenen Bettwäsche. Ihre roten Locken ergossen sich über das Kopfkissen. Sommersprossen und Stupsnase. Eine zierliche Gestalt. Und der Sex war wirklich ordentlich gewesen. Er hoffte sehr, sie mit Sex und Drogen für sich zu gewinnen, denn dann würde es eine äußerst nette Zeit mit ihr werden.

Kapitel 2

 

Torbay

 

Torbay war ein malerisches kleines Städtchen an der Küste Northumberlands. Typische Reetdachcottages und bunte Fischerhütten prägten das Bild der Stadt, die allerdings nicht nur vom Fischfang, sondern eindeutig auch von Urlaubern und Wochenendausflüglern lebte. Auf der Strandpromenade standen Buden und Stände mit Snacks und Souvenirs, kleine Arts&Crafts-Shops waren auch am heutigen Sonntag geöffnet, Cafés und Restaurants nutzten das warme Herbstwetter, um Besucher zum Brunchen auf ihre Außenterrassen einzuladen, und Boots- und Fahrradverleihe lockten mit Sonderangeboten.

Gabriel folgte den Hinweisschildern durch das Städtchen hin zum Heimatmuseum und parkte vor einem riesigen Plakat, das auf die Ausstellung zu den geheimnisvollen Cup-and-Ring-Markierungen neugierig machen wollte, die an verschiedenen Orten hier im Umland zu finden waren.

»Yep, die sind definitiv familientauglicher als die Geschichte eines psychopathischen Totenbändigers, der die halbe Bevölkerung Nordenglands auf dem Gewissen hat«, meinte Gabriel sarkastisch mit Blick auf das Plakat, als er den Motor abstellte.

Es war erst kurz nach halb zehn und der Parkplatz war noch leer, da das Museum erst in einer halben Stunde öffnete. Außerdem schätzte Gabriel, dass der Strand oder Rad- und Wanderrouten im Hinterland Touristen und Ausflügler bei diesem schönen Wetter weit mehr lockten als ein Tag im Museum.

»Besorgt ihr Kaffee, Connor und ich holen das Buch.« Sky öffnete die hintere Tür und stieg aus.

»Wird gemacht«, nickte Matt.

»Bis gleich.« Connor stieg ebenfalls aus.

Gabriel blickte den beiden hinterher, als sie zum Eingang des Museums hinübergingen. Da Sky den Kontakt zu Mr Dempsey, dem Kurator des Heimatmuseums, hergestellt hatte und Connor der bürgernahe Normalo in ihrer Truppe war, hatten sie entschieden, dass die beiden Kenwicks Manifest abholen sollten und sie nicht zu viert bei Dempsey einfallen wollten. Die Kids hatten sie ein paar Meilen südlich der Stadt mit dem zweiten Wagen in einer kleinen Bucht zurückgelassen, die so früh am Sonntagvormittag noch nicht von Touristen überlaufen war. Jaz war sofort einverstanden gewesen, dort zu warten. Sie war das erste Mal am Meer und völlig begeistert von Wellen, Wind und Sand. In der Akademie hatte man keinen Wert daraufgelegt, den Schülerinnen und Schülern Orte jenseits der Stadtgrenzen von London zu zeigen. Der Trip nach Newfield war der erste Ausflug ihres Lebens gewesen und dass sie jetzt zusätzlich noch ein paar Stunden am Meer verbringen konnte, war ein Bonus, den Jaz sich nicht entgehen lassen wollte. Als sie am Strand angekommen waren, hatte sie schneller die Füße ins Wasser getaucht, als irgendjemand hatte gucken können. Ella war ähnlich flink gewesen und Gabriel ging jede Wette ein, dass seine kleine Schwester sich die Gelegenheit nicht entgehen ließ, am Strand einen ganzen Berg von Muscheln, Steinchen und anderen Schätzen für neue Bastelprojekte zu sammeln. Überraschenderweise war auch Cam ohne großes Murren ausgestiegen und hatte sich mit einem Blick zu Sky und Gabriel bloß noch einmal versichert, dass sie ihn das Manifest lesen ließen, wenn sie vom Museum zurückkehrten. Beide hatten es ihm zugesichert und Gabriel hoffte aus tiefster Seele, dass dieses verdammte Buch nicht noch Schlimmeres bereithalten würde, als das, was Ivy ihnen am Vortag erzählt hatte.

Matt stieß ihm gegen den Arm. »Los komm. Ich könnte jetzt echt einen Kaffee vertragen.«

Er stieg aus und Gabriel folgte ihm.

Kaffee war definitiv keine schlechte Idee.

Die Nacht war mal wieder viel zu kurz gewesen. Diesmal hatte es allerdings nicht an zu schweren Gedanken, Anspannung wegen Sondereinsätzen, schmerzhaften Erinnerungen oder zu vielen Sorgen gelegen, sondern daran, dass Matt und er die Auszeit am Quarry Lake genossen hatten. Dort in Stille und Dunkelheit, weit weg von allem anderen, nur mit Matt war es unmöglich gewesen, die Gefühle für ihn weiter wegzusperren. Sein Herz wollte diesen verdammten Kerl, der immer an seiner Seite war, ihn so nahm, wie er war, und der es irgendwie schaffte, in Sachen Liebe und Beziehung nie lockerzulassen, ohne ihn dabei zu bedrängen. Doch nicht nur sein Herz wollte Matt. Auch sein Körper reagierte auf ihn so unfassbar anders als bei irgendwelchen bedeutungslosen One-Night-Stands. Sich gestern Nacht nicht mehr einzureden, dass es nur um Lust und Spaß ging, war wie eine Befreiung gewesen. Wie eine tonnenschwere Last, die plötzlich nicht mehr auf seiner Seele gelastet hatte. Zum ersten Mal seit einer verdammt langen Zeit, war Sex nicht mehr nur Befriedigung gewesen, sondern Verbundenheit, Geborgenheit und Intimität. In Stille und Einsamkeit mit diesem Menschen an seiner Seite, der ihn bedingungslos liebte, war es plötzlich unmöglich gewesen, seine Mauern weiter aufrechtzuhalten. Die Sehnsucht nach mehr, nach diesen tiefen Gefühlen, die so mächtig waren, dass sie es mit allen Ängsten und Zweifeln aufnehmen konnten, war einfach zu überwältigend. Zwar war die Angst, Matt genauso verlieren zu können wie Janey, nicht fort, doch genauso wenig würden die Gefühle für ihn weggehen. Gabriel hatte versucht, dagegen anzukämpfen, aber es war ziemlich offensichtlich, dass er den Kampf verloren hatte. Er liebte Matt. Punkt. Und seit der letzten Nacht wusste er, dass sich nichts, was in letzter Zeit passiert war, besser und richtiger anfühlte, als sich nicht mehr dagegen zu wehren.

Genauso wusste er allerdings auch, dass es jetzt erst recht seine Seele zerreißen würde, sollte er Matt verlieren. Er wusste nicht, ob er so was noch einmal durchstehen konnte. Aber er wusste, dass er in zwei Dingen mittlerweile wirklich gut war: Gefühle wegzusperren und andere zu beschützen. Also würde er diese beschissene Angst ab jetzt verdrängen und gleichzeitig dafür sorgen, dass Matt nichts passierte.

»Einen Penny für deine Gedanken«, holte Matt ihn zurück in die Wirklichkeit, als sie die Straße entlang zu einer Bäckerei liefen, an der sie gerade vorbeigefahren waren.

Gabriel bedachte ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue. »Bloß einen lausigen Penny? Mehr sind dir meine tiefschürfenden Gedanken nicht wert?«

Matt zog die Nase kraus und wiegte den Kopf hin und her. »Nicht, wenn sie womöglich darum kreisen, unseren frisch geänderten Beziehungsstatus zu widerrufen.«

Gabriel packte ihn am Kragen seiner Lederjacke, zog ihn zu sich und küsste ihn. »Keine Sorge, darum kreisen sie nicht.«

Matt grinste vergnügt. »Das begrüße ich sehr.« Rasch stahl er sich noch einen weiteren Kuss und nahm Gabriels Hand, als sie die Straße überquerten. »Worum kreisen sie dann? Du hast ziemlich finster dreingeblickt.«

Gabriel warf einen Blick zurück zum Heimatmuseum. »Darum, dass ich nicht scharf darauf bin, mir gleich ein Buch voll krankem Scheiß durchzulesen.«

Matt seufzte. »Da ist wohl keiner von uns scharf drauf. Aber vielleicht macht ein starker Kaffee es zumindest ein bisschen erträglicher.«

Gabriel blies die Backen auf und stieß die Luft aus. »Also ich glaube nicht, dass Kaffee dafür das richtige Getränk ist.«

 

Das Büro des Museumsleiters erinnerte Sky an Professor Winklers Arbeitszimmer in der Uni: ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz, dazu passende Wandregale, ein Sideboard sowie zwei Aktenschränke. Alles wirkte durchaus edel, aber auch in die Jahre gekommen und viel benutzt. Die Regale quollen über vor Büchern, Zeitschriften und Ordnern, und obwohl alles ordentlich verstaut war, wirkte es aufgrund der schieren Menge trotzdem leicht chaotisch.

Mr Dempsey hatte sie freundlich empfangen und seine Überraschung darüber, dass Sky eine Totenbändigerin war, recht professionell überspielt. Nachdem die beiden sich vorgestellt und ihre Dienstausweise der Londoner Metropolitan Police gezeigt hatten, lud Dempsey sie in sein Büro ein und nahm hinter seinem Schreibtisch Platz.

»Bitte setzen Sie sich«, bot er ihnen die Besucherstühle ihm gegenüber an. »Das ist das Buch.«

Auf der ledernen Schreibtischunterlage war ein graues Leinentuch ausgebreitet, auf dem ein Stapel ziemlich ramponiert aussehender Seiten lag. Es war kein Buch im klassischen Sinn, dafür fehlte der Einband. Es sah auch nicht so aus, als hätten die vergilbten Seiten jemals einen gehabt. Was Sky nicht sonderlich überraschte. Bücher binden zu lassen, womöglich noch in Leder, war zu Kenwicks Zeit aufwendig und teuer gewesen. Wenn es ihm vor allem darum gegangen war, die Erkenntnisse zu seinen Experimenten festzuhalten und zu vervielfältigen, um sie so in andere Totenbändigergemeinschaften zu tragen, hatte er auf kostspielige Einbände verständlicherweise verzichtet. Zudem hätte ein Bindenlassen der Abschriften bedeutet, dass womöglich Normalos vom Inhalt erfuhren und das hätte Kenwick mit Sicherheit nicht riskieren wollen. Daher hatten er oder seine Leute die vorliegenden Seiten bloß aufeinandergestapelt und am Rand mit Löchern versehen, durch die Garn gezogen worden war, um die Aufzeichnungen zusammenzuhalten. Dass ein robuster Einband aber durchaus sinnvoll war, um ein Buch zu schützen, machte der schlechte Zustand von Kenwicks Werk mehr als deutlich. Nicht nur, dass die Seiten vergilbt waren, sie waren auch stockfleckig, an Ecken und Kanten abgestoßen und eingerissen, und die Schrift, die die erste Seite zierte, war so ausgeblichen, dass die Wörter nur noch mit Mühe zu entziffern waren.

 

Geminus Obscurus

II

Vorbereitung, Durchführung, Beobachtung

Anno 1811

Cyrus Kenwick

 

In seinem erbärmlichen Zustand wirkte das Buch harmlos, fast mitleiderregend, trotzdem spürte Sky ein ungutes Kribbeln im Nacken, als sie es betrachtete.

»Mein Mitarbeiter hat die einzelnen Seiten eingescannt und sie heute Morgen an Professor Winkler gemailt«, fuhr Dempsey fort.

Sky schätzte ihn auf Anfang sechzig und er wirkte mit Anzug, Weste und seinem gezwirbelten Schnauzbart wie ein Museumsleiter aus einem Kinderbuch.

»Ich vermute, er wird sie Ihnen bereits weitergeleitet haben.«

Connor nickte. »Ja, hat er. Vielen Dank, dass Sie uns diese digitale Version ermöglicht haben.«