Beschreibung

Vollmond – für Spuk Squads die anstrengendste Zeit des Monats. Doch nicht nur die Geister sind aggressiver als sonst, in Hampstead treibt auch noch ein heimtückischer Wiedergänger sein Unwesen. Die Vollmondnächte sind aber nicht nur für Gabriel, Sky und Connor eine Herausforderung, auch für Cam halten sie einen besonderen Schock bereit … Der 3. Roman aus der Reihe, "Die Totenbändiger", von Nadine Erdmann.

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EPUB

Seitenzahl: 216


Table of Contents

Vollmondnächte

Was bisher geschah

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Vorschau

Impressum

Dieses eBook wurde von der Plattform libreka! mit der Transaktions-ID 4439270 erstellt und ist ausschließlich zum persönlichen Gebrauch bestimmt; jede anderweitige Nutzung bedarf der vorherigen schriftlichen Bestätigung durch den Rechtsinhaber. Eine über den persönlichen Gebrauch hinausgehende Nutzung (insbesondere die weitere Vervielfältigung oder öffentliche Zugänglichmachung) verstößt gegen das Urheberrecht und ist untersagt.

Die Totenbändiger

Band 3

Vollmondnächte

von Nadine Erdmann

 

 

 

 

 

Dieses eBook wurde von der Plattform libreka! mit der Transaktions-ID 4439270 erstellt.

Was bisher geschah

 

Vor dreizehn Jahren

In der Nacht des Frühlingsäquinoktiums fand Thaddeus Pearce im Keller eines verlassenen Herrenhauses achtundsiebzig Obdachlose mit durchgeschnittenen Kehlen. Mitten zwischen den Leichen standen sechs Kisten, in denen Totenbändigerkinder gefangen gehalten worden waren. Alle waren tot, bis auf einen etwa vierjährigen Jungen. Als einzigen Zeugen des Massakers brachte Thaddeus den Kleinen in die Familie seines besten Freundes, Philoneus Hunt, und sein Überleben wurde geheim gehalten. Da der Junge sich an nichts aus dieser Nacht oder aus seinem Leben davor erinnern konnte – und um ihn vor dem Täter zu schützen – bekam er eine neue Identität. Der Täter wurde nie gefasst.

 

Heute

Nach dem Fund von achtundsiebzig Leichen im Londoner Untergrund ermitteln Gabriel, Sky und Connor, um herauszufinden, ob es eine Verbindung zu dem Morden von damals gibt. Da die Untersuchungen zunächst inoffiziell bleiben sollen, um die Bevölkerung mit der möglichen Präsenz eines Massenmörders nicht in Panik zu versetzen, bitten die drei die Ghost Reapers, – Freunde, die als private Ermittler und Geisterjäger arbeiten, – um Hilfe.

Jazlin Two landet bei den Hunts, nachdem sie aus der Akademie der Totenbändiger weggelaufen ist.

Der Schulleiter, Cornelius Carlton, hat beim Stadtrat durchgesetzt, dass im kommenden Oktober darüber abgestimmt wird, ob die Gilde der Totenbändiger genau wie alle anderen Gilden der Stadt einen Sitz im Rat bekommt. Solch ein Sitz wäre eine Chance, sich endlich für mehr Gleichberechtigung und Akzeptanz in der Gesellschaft einsetzen zu können. Doch das sind nicht Carltons einzige Pläne. Gemeinsam mit seinen Anhängern baut er im Norden Englands einen Ort auf, an dem die Rasse der Totenbändiger wachsen und gedeihen soll: Newfield. Ob alle Bewohner Newfields aus freien Stücken dort sind, ist ungewiss. Als Carlton Jaz gegen ihren Willen dorthin schicken will, läuft sie weg.

Sue kennt Cornelius Carlton von ihrer gemeinsamen Zeit in der Akademie. Sie hat am eigenen Leib erfahren müssen, wie gnadenlos und grausam er sein kann, um Pläne und Ziele durchzusetzen, und fürchtet, dass er seine Machtposition ausnutzen wird, sollten die Totenbändiger tatsächlich einen Sitz im Stadtrat bekommen und er diesen Platz einnehmen. Ihre Vermutung: Cornelius setzt sich nur nach außen hin für die Gleichstellung der Totenbändiger ein, verfolgt aber insgeheim die gleichen Ziele wie die Hardliner ihrer Gemeinschaft. Diese fordern die Dominanz über die Normalbevölkerung, da die Totenbändiger aufgrund ihrer Fähigkeiten die stärkere, überlegenere Rasse sind.

Sue Hunt beschließt, sich mit einigen Freunden und Kollegen zusammenzuschließen, um einen Gegenkandidaten aufzustellen, der sich wirklich für ein friedliches, gleichberechtigtes Miteinander in der Gesellschaft einzusetzen.

Kapitel 1

 

Donnerstag, 12. September

Eine Nacht vor Vollmond

 

Das Mondlicht fiel durch die zerbrochenen Scheiben und warf ein bizarres Spiel aus Licht und Schatten in die alte Fabrikhalle. Einst waren hier Konservendosen und edle Blechbüchsen für Pralinen, Gebäck und Tee produziert worden, jetzt standen die Maschinen jedoch schon seit Jahren still. Wie riesige schlafende Monster lagen sie in der Halle und ließen niemanden sehen, was hinter ihnen lauerte. Es roch nach Moder und Rost.

Gabriel ließ das Licht seiner Taschenlampe über eine der alten Metallpressen wandern, hielt sich in ihrer Deckung und bog dann blitzschnell um sie herum, seine Pistole schussbereit im Anschlag.

Nichts.

Er schlich weiter.

Zu seiner Rechten verlor sich die Halle in Finsternis, nur unterbrochen von den Lichtkegeln dreier weiterer Taschenlampen, die über reglose Maschinenmonster glitten.

Gabriel fluchte innerlich.

Diese verdammte Fabrik war viel zu groß, um sie zu viert abzusuchen. Doch von den Streifenkollegen, die ein paar Straßen weiter den Tatort sicherten, hatte sie keiner begleiten wollen. Die Jagd nach Wiedergängern stand nicht in ihrer Jobbeschreibung. Genauso wenig das Überprüfen einer leer stehenden Fabrik, in der sich jede Menge Geister eingenistet haben konnten. Vor allem zur Vollmondzeit traute sich da niemand rein. Das sollte gefälligst die Spuk Squad übernehmen. Dafür war sie ja schließlich da. Selbst das Argument, dass die alten Maschinen aus Stahl waren und es somit ziemlich unwahrscheinlich war, dass in die Fabrik Geister eingezogen waren, hatte nicht überzeugt.

Gabriel umrundete eine weitere Presse und fragte sich, wie kollegial seine lieben Kollegen es wohl fänden, wenn er beim nächsten Terroreinsatz die Füße auf den Schreibtisch legen würde, mit der Begründung, dass die Irren, die in der Stadt öffentliche Orte in die Luft jagen wollten, nicht sein Problem waren, schließlich waren ja sowohl die Terroristen als auch ihre potenziellen Opfer noch lebendig.

Eine weitere Maschine ragte vor ihm auf. Er leuchtete sie ab, um sicherzugehen, dass sich nichts in irgendeinem dunklen Winkel versteckte, dann umrundete er sie und erspähte das Ende der Halle. Eine Art Büro war dort vom Rest der Halle abgetrennt, aus dessen verdreckter Fensterfront man die Produktionsanlage überblicken konnte. Eines der Fenster war halb zerbrochen und wirkte mit den Scherben, die noch im Rahmen steckten, wie ein riesiges Maul voller spitzer Zähne.

Gerade als Gabriel hinüberlaufen wollte, um sich das Büro näher anzusehen, schepperte es tief in der Finsternis zu seiner Rechten.

Irgendwas Metallisches schlitterte klirrend über den Betonboden.

Dann war es wieder still.

Gabriel starrte in die Dunkelheit zu den drei Lichtkegeln. Der, der ihm am nächsten war, blinkte dreimal.

Thaddeus.

Das Zeichen, dass alles in Ordnung war.

Gabriel richtete seinen Blick wieder auf das alte Büro und spürte ein ungutes Kribbeln im Nacken, als er näher schlich. Rote Spritzer zogen sich in grotesken Mustern über die staubigen noch intakten Scheiben. Er leuchtete auf den Boden unterhalb der Fenster, doch dort war nichts außer dem üblichen Dreck. Das Blut klebte also von der anderen Seite an den Fenstern. Nach zwei weiteren Schritten stieg ihm ein bekannter Gestank in die Nase.

Metallisch und faulig süß.

Blut und Verwesung.

Gabriel atmete durch den Mund und näherte sich der Tür des Büros. Auch ihre Scheibe war blutbespritzt und die Tür stand ein Stück offen. Er holte noch einmal tief Luft, dann stieß er sie auf und leuchtete in den Raum dahinter.

Vier zerfetzte Leiber lagen auf dem Boden zwischen zwei Schreibtischen und alten Aktenschränken. Der Verwesungsgestank war so überwältigend, dass er Gabriel trotz angehaltener Luft in die Nase stieg. Er widerstand dem Drang, zu husten, und konzentrierte sich stattdessen aufs Wesentliche. Rasch leuchtete er die vier Leichen ab, fand die Antworten, die er suchte, und zog sich dann zurück.

In sicherer Entfernung zum Büro schnappte er nach Luft und aktivierte das Funkgerät, das er an seiner Schulter trug.

»Hier spricht Sergeant Hunt. Die Westseite der Fabrikhalle ist gesichert. Keine Geister. Kein Wiedergänger. Es gibt hier allerdings einen zweiten Tatort in einem Büro am Nordende der Halle. Vier aufgerissene Leichen. Dem Grad der Verwesung nach zu urteilen, liegen sie hier schon eine ganze Weile. Schickt ein paar Forensiker. Die können das genauer bestimmen.«

Es knackte im Lautsprecher. »Erst, wenn die komplette Halle gesichert ist.«

Gabriel verdrehte die Augen und unterdrückte nur mit Mühe ein Fluchen.

Wieder knackte das Funkgerät, dann drang Connors Stimme heraus. »Die Ostseite ist gesichert.«

»Mitte-Ost auch«, kam Skys Antwort direkt hinterher. »Keine Geister. Kein Wiedergänger.«

»Mitte-West ist ebenfalls sicher«, bellte Thad aus dem Lautsprecher. »Also schwingt jetzt endlich eure feigen Ärsche hier rein, ansonsten sorge ich dafür, dass hier einige zu einem Auffrischungskurs in kollegialem Verhalten antreten müssen. Und zwar in ihrer Freizeit. Also zack zack!«

Keine halbe Stunde später war die alte Fabrikhalle rund um das Büro mit tragbaren Scheinwerfern ausgeleuchtet und Forensiker in Papieroveralls und Atemmasken untersuchten den Tatort. Chief Inspektor Darrow besprach sich mit dem Leiter des Teams, an seiner Seite Sergeant Theodore Pine, der alles andere als glücklich darüber wirkte, während der Vollmondnächte aus seinem gemütlichen Innendienst abgezogen und ausgerechnet der Mordkommission zugeteilt worden zu sein.

Gabriel grinste schadenfroh und war sich ziemlich sicher, dass Theos ungesunde Gesichtsfarbe nicht nur am unvorteilhaft grellen Scheinwerferlicht lag.

»Wenn er kotzt, nehm ich es auf. Das Video wird der Brüller auf der Julfeier im Revier dieses Jahr.«

»Untersteh dich«, knurrte Thad.

Nachdem er, Connor und Sky sich das Massaker im Büro selbst kurz angesehen hatten, hatten sie sich zu einer der alten Maschinen zurückgezogen, die im Licht nicht mehr im Geringsten unheimlich und bedrohlich, sondern bloß rostig und traurig aussahen.

Seufzend gab Gabriel die letzten Stichworte für seinen Einsatzbericht in sein Handy ein. »Du gönnst mir aber auch überhaupt keinen Spaß.«

»Ich denke, den hattest du schon, als du dich ganz alleine ins Büro gewagt hast«, gab Thaddeus finster zurück.

Gabriel rollte die Augen. »Bei dem Verwesungsgestank war klar, dass da nur noch Leichen drin sind. Ihre Geister haben sich längst verzogen und der Wiedergänger ebenfalls. Die Biester stehen nur auf frische Organe, nicht auf Gammelfleisch.«

Thaddeus sparte sich seine Antwort, weil Chief Darrow mit Theo zu ihnen herüberkam.

»Die erste Begutachtung der Forensiker bestätigt eure Vermutung.« Darrow blickte erst zu Thad, dann zu Gabriel, Sky und Connor. »Die vier wurden von einem Wiedergänger getötet. Die Gehirne sowie alle weiteren inneren Organe fehlen. Die Opfer sind alle männlich, vermutlich zwischen dreißig und fünfzig und seit mindestens einer Woche tot. Genaueres wird erst die Obduktion zeigen können, aber aufgrund der Schlafsäcke und dem anderen Kram, der sich im Büro befindet, können wir wohl davon ausgehen, dass die vier Obdachlose waren, die hier ihren Unterschlupf hatten.«

Darrow war ein stämmiger Kerl, der kurz vor der Pensionierung stand und in all seinen Dienstjahren genug Grauen gesehen hatte, sodass ihn achtzehn Quadratmeter voll eingetrocknetem Blut und herausgerissener Gedärme nicht mehr schocken konnten. Doch nur weil ihn ein grauenvoller Anblick nicht mehr schockte, bedeutete es nicht, dass er kein Mitgefühl mit den Opfern hatte.

»Arme Schweine«, seufzte er. »Dachten sicher, das ganze Eisen der alten Maschinen würde sie schützen.«

»Für Geister stimmt das ja auch.« Connor gab Darrows Infos in seinen Bericht ein und steckte sein Handy dann weg. »Nur gilt das halt leider nicht für Wiedergänger. Zumindest dann nicht, wenn sie schon recht stark sind.«

Darrow nickte finster und Theo beeilte sich, es ihm wichtigtuerisch gleichzutun.

Thads Funkgerät knackte und die Stimme der diensthabenden Koordinatorin knisterte aus dem Lautsprecher.

»Leitstelle hier. Erbitten Bestätigung, dass der Wiedergänger nach den Angriffen in West Hampstead unauffindbar und ein weiteres Absuchen der Umgebung nicht erfolgversprechend ist.«

Thaddeus drückte den Antwortknopf. »Bestätigt. Sowohl der erste Tatort in der Blackburn Road als auch der zweite in der Bluebell Tinning Factory wurde an die Kollegen der Mordkommission und das Team der Forensik übergeben.«

»Verstanden. Ist Ihr Team damit bereit für einen neuen Einsatz?«

Thad schaute kurz zu seinen Leuten und Gabriel, Connor und Sky nickten.

»Wir sind bereit.«

»Verstanden. Neuer Einsatzort ist das Talacre Community Sports Centre. Anwohner melden eine Geisterschar auf den Außenanlagen. Meldungen variieren zwischen fünfzehn bis zwanzig Geistern, alle mit grauem Geisterschimmer. Bester Zugang ist über die Wilkin Street. Bitte bestätigen Sie die Angaben des neuen Einsatzortes.«

Thaddeus wiederholte die Informationen, während Connor, Sky und Gabriel die Adresse in ihre Smartphones eingaben und Umgebungskarten aufriefen.

Chief Darrow klopfte Thad auf die Schulter und blickte dann zu den drei Spuks. »Bitte sorgt dafür, dass nicht noch ein dritter Tatort dazukommt, um den die Mordkommission sich kümmern muss.«

Connor verzog das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Wir geben alles.«

»Viel Erfolg.«

Die vier wandten sich Richtung Ausgang, doch Theo hielt sie zurück.

»Wie jetzt? Ihr könnt doch nicht einfach gehen!«, schimpfte er, schaffte es dabei aber nicht, die unterschwellige Panik in seiner Stimme zu verbergen. »Der Wiedergänger ist noch nicht vernichtet. Was, wenn er hier doch noch irgendwo lauert? Oder hierher zurückkehrt? Die können euch nicht einfach von diesem Fall abziehen, wenn ihr euren Job noch nicht gemacht habt!«

»Vielleicht solltest du einfach mal deinen machen«, schoss Gabriel zurück. »Finde eine Spur für uns, dann suchen wir weiter nach dem Biest. Bis dahin: Willkommen in den Vollmondnächten. Da haben Spuks mehr als nur einen Job zu erledigen und leider nicht die Zeit, dein Händchen zu halten. Aber keine Sorge«, fügte er dann noch mit einem fiesen Grinsen hinzu. »Wiedergänger stehen vor allem auf Gehirne. Damit dürftest du vor ihnen sicher sein.«

»Arschloch!«

Theo kochte vor Wut und zischte irgendwelche Verwünschungen, doch Gabriel hatte sich längst umgewandt und begnügte sich mit einem: »Schöne Schicht noch, Theo!«

»Wenn du ihn weiter ständig provozierst, erschießt er dich irgendwann«, prophezeite Connor, als Gabriel zu ihm und Sky aufschloss.

»Nein, tut er nicht. Dafür müsste er ein paar Eier in der Hose haben und die sehe ich da nicht. Weder im wörtlichen noch im übertragenen Sinn.«

Sky verzog das Gesicht. »Danke für die Bilder, Bruderherz.«

»Stets zu Diensten, Schwesterchen.«

Thad saß bereits in einem ihrer Dienstwagen, als die drei aus der Fabrik traten.

»Wenn die Anwohner sagen, da schwirren fünfzehn bis zwanzig Geister herum, müssen wir bis zu unserer Ankunft wahrscheinlich von doppelt so vielen ausgehen. Wie viele Silberboxen haben wir dabei?«

»Alle zwanzig«, antwortete Connor.

Für die Vollmondnächte hatten sie sich extra die maximal genehmigte Anzahl aus dem Tower schicken lassen.

»Klingt nach einer Menge Spaß.« Gabriel stieg zu seinem Boss in den Wagen.

»Klingt nach einer langen Nacht«, brummte Thad und nickte kurz zu Sky und Connor. »Wir sehen uns dort.« Dann ließ er den Wagen an und fuhr los.

Kapitel 2

 

Da in der folgenden Nacht Vollmond war, trauten sich schon in dieser nur noch erfreulich wenige Menschen vor die Tür, was bedeutete, dass die Straßen frei waren und die vier den Weg quer durch Camden in weniger als zehn Minuten schafften. Sie parkten in einer schmalen Anwohnerstraße unter ein paar Bäumen und nahmen sich die Zeit, aus dem sicheren Auto heraus kurz die Umgebung zu beobachten. Gemeldet waren zwar nur Geisterschimmer auf dem Sportplatz, aber das bedeutete nicht, dass unter den Bäumen oder zwischen den Häusern nicht auch noch ein paar Schattengeister lauern konnten. Die unmittelbare Umgebung schien jedoch sicher und sie stiegen aus.

Hinter einem schulterhohen Eisenzaun lagen ein Spielplatz und der Außensportbereich des Talacre Community Centres. Alles war dunkel. Kein Verein konnte es sich leisten, seine Flutlichtanlage die ganze Nacht hindurch brennen zu lassen. Nicht einmal in Vollmondnächten. Nur zwei Straßenlaternen an den nächsten Kreuzungen spendeten Licht.

Die vier schulterten die Rucksäcke mit ihrer Ausrüstung und traten durch ein Tor auf das Sportgelände. Wo sonst auf einem riesigen Rasenfeld Fußball, Basketball, Hockey und ähnliches gespielt werden konnte, schwebten jetzt grauweiße Geisterschimmer. Die meisten bildeten menschenähnliche Konturen nach, hingen reglos einen knappen halben Meter über dem Erdboden in der Luft und reckten ihre Köpfe in die Höhe. Über ihnen stand der Mond hell am wolkenlosen Himmel und warf sein Licht auf die Schar herab.

Sky lief ein kalter Schauer über den Rücken. Sie konnte nicht genau sagen, warum sie Geister, die still im Mondlicht badeten und seine unsichtbare Kraft in sich aufsogen, so viel gruseliger fand, als die, die sich bei ihren Einsätzen hungrig nach Lebensenergie auf sie stürzten.

Neben ihr fluchte Thad. »Ich zähle fünfunddreißig.«

Connor nickte. »Ich auch. War ja klar, dass sich hier mehr von den Biestern zusammenrotten. In der Gemeinschaft sind sie beim Mondscheinbaden besser geschützt.«

»Wir brauchen echt dringend Verstärkung für unser Team«, seufzte Sky. »Zu viert bekommen wir die Geistermigration aus Westminster nicht in den Griff.«

»Pratt tut, was er kann.« Thad überprüfte seine Auraglue und machte sie einsatzbereit. »Aber bei den letzten Absolventen waren leider nicht genügend dabei, um die Anfragen aller Spuk Squads abdecken zu können.«

»Klar«, knurrte Sky. »Weil erst mal die Squads in den Nobelvierteln aufgestockt wurden. Kurz vor Beginn der dunklen Jahreszeit sorgt der Stadtrat natürlich erst mal für mehr Sicherheit vor den eigenen Haustüren.«

»Worauf du dich verlassen kannst.« Gabriel reichte seinen Rucksack voller Silberboxen an Thad und schätzte die Lage auf dem Sportplatz ab. »Wenn wir schnell sind, schaffen wir zwei Drittel, bevor der Rest flüchtet.«

Connor hob zweifelnd eine Augenbraue. »Das ist aber ziemlich ambitioniert.«

»Tja, man muss sich im Leben eben Herausforderungen stecken«, grinste Gabriel schulterzuckend.

»Herausforderungen, ja. Aber keine leichtsinnigen Kamikazeaktionen, verstanden?« Thad bohrte seinen Blick warnend in Gabriel.

»Sicher.« Gabriel zog seine Auraglue vom Gürtel und drückte sie seinem Boss in die Hand. »Und jetzt lasst uns loslegen, bevor sich hier noch mehr Biester einfinden. Ich nehme die Nordseite.« Er zog sein Handy aus der Hosentasche. »Drei Minuten? Reicht euch das?« Fragend sah er zu Connor und Thad.

»Sicher.«

Alle gaben den Countdown in ihre Smartphones ein. Dann machte Gabriel sich zur gegenüberliegenden Seite des Sportplatzes auf, Sky blieb auf der Südseite, Thad und Connor liefen nach Osten und Westen. An ihren Positionen machten die beiden die Silberboxen einsatzbereit und steckten sich Nachfüllkartuschen für die Auraglues in die Jackentaschen und Ausrüstungsgürtel. Sky und Gabriel würden sich nur auf ihre Totenbändigerkräfte verlassen.

Gabriel hielt gebührenden Abstand zum Spielfeld, während er zu Nordseite hinüberlief, und beobachtete die Geister, die noch immer so gut wie reglos in der Luft hingen. Nur manchmal drifteten sie minimal auf und ab oder hin und her, als würde ein sanfter Luftzug sie streifen. Keiner nahm Notiz von den vier Menschen in ihrer unmittelbaren Nähe. Was immer das Vollmondlicht bei ihnen auslöste, es war verlockender als frische menschliche Lebensenergie – und es machte sie stärker und wagemutiger. Der komplette Sportplatz war mit einem Eisenzaun umgeben, der die Geister jedoch nicht hatte fernhalten können.

Gabriel erreichte seine Seite und nahm die Geister, die ihm am nächsten waren, in Augenschein. Da alle Seelenlosen auf dem Platz Konturen bildeten und einen grauweißen Geisterschimmer an sich hatten, lagen sie kräftemäßig auf jeden Fall irgendwo im mittleren Spektrum: noch nicht so stark wie ein Schatten oder Hocus, aber auch kein schwacher Geisterhauch mehr. Das Problem war, dass es den Forschern im Tower noch nicht gelungen war, ein Messinstrument zu entwickeln, mit dem man feststellen konnte, wo genau dazwischen ein Seelenloser in seiner Entwicklung gerade lag. Weder die Größe seiner Kontur noch die Helligkeit seines Schimmers verriet, ob er gerade erst von einem Hauch zu einem Geist geworden war, oder ob ihm nur noch ein paar Minuten Baden im Vollmondschein fehlten, um zu einem Schatten oder Hocus zu werden.

Genau das machte jeden Kampf so spannend.

Gabriel lockerte seine Finger und suchte sich zwei Geister, die nahe beieinander schwebten. Vorsichtig näherte er sich und bündelte seine Energie. Feiner Silberdunst erschien um seine Finger.

Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte.

Ohne zu zögern schleuderte er seinen Silbernebel auf die beiden Geister, ließ ihn wie einen vielfach gezackten Blitz verästeln und krallte sich die Seelenlosen. Die mochten es gar nicht, aus ihrer Vollmondtrance gerissen zu werden. Hass und Zorn schlugen Gabriel entgegen, als sie versuchten, die Verbindung, die er zu ihnen aufgebaut hatte, für ihre eigenen Zwecke zu nutzen und ihm sein Leben zu entreißen.

Sich auf zwei Geister gleichzeitig zu konzentrieren, war nicht leicht. Doch es war nichts, was Gabriel nicht schon unzählige Male gemacht hatte. Und keiner der beiden war besonders stark. Gabriel hielt den Schwächeren mit seinem Silbernebel gepackt und blockte dessen Versuch ab, ihm Lebensenergie zu rauben, während er dem Stärkeren gleichzeitig auf einen Schlag all seine Todesenergie entriss. Eisige Kälte wallte durch seinen Körper und er spürte die vertraute Übelkeit, die der Tod mit sich brachte. Dann wandte er sich dem zweiten Geist zu und eliminierte auch ihn.

Der gesamte Angriff hatte nicht mal eine Minute gedauert, dann blieben von den beiden Geistern nicht mehr als ein paar harmlose graue Dunstschleier zurück, die sich langsam auflösten. Darauf achtete Gabriel allerdings gar nicht mehr. Er hatte sich bereits den nächsten zwei Seelenlosen zugewandt, die so sehr vom Mondlicht gebannt schienen, dass sie das Ableben ihrer Artgenossen überhaupt nicht bemerkt hatten. Oder es interessierte sie schlichtweg nicht. Wer wusste schon, was in Geistern vorging?

Gabriel schüttelte Kälte und Übelkeit ab und machte sich erneut ans Werk.

 

An der Westseite des Sportplatzes hatte Connor sich ebenfalls zwei Geister gesucht, die nahe beieinander in der Luft hingen. Leider besaßen die Auraglues nur eine sehr begrenzte Reichweite. Sky hatte ihm ihre Waffe gegeben, damit er gleich zwei Biester auf einmal festsetzen konnte. Der Vorschlag, Spuks standardmäßig jeweils zwei Auraglues tragen zu lassen, war vom Stadtrat aus Kostengründen abgeschmettert worden.

Das Handy in seiner Hosentasche vibrierte und Connor feuerte die Mixtur aus Eisen- und Silberpartikeln, verschiedenen Bannkräutern und hochkonzentrierter Zitronensäure ab, die sich in unzähligen feinen Tropfen wie ein Netz über die Auren der anvisierten Geister legte. Sofort bäumten die beiden sich auf und versuchten, die Tropfen abzuschütteln.

Sie waren ziemlich stark, merkte sah Connor sofort. Schwache Geister wurden vom Auraglue gelähmt, manchmal vernichtete es sie sogar ganz. Stärkere Geister wurden lediglich in ihren Bewegungen eingeschränkt und an Ort und Stelle festgehalten, bis man sie in eine Silberbox sperren konnte. Ganz starke schafften es, das Auraglue zu neutralisieren, wenn man nicht schnell genug eine zweite Ladung auf sie schoss.

Das Problem der Auragluewaffen war allerdings, dass man mit ihnen nur einen Schuss abfeuern konnte, dann war die Kartusche leer und musste gewechselt werden. Forscher arbeiteten bereits an einer Optimierung, doch heute Nacht musste Connor mit dem klarkommen, was ihm zur Verfügung stand. Aber die Probleme waren nicht neu und nichts, mit dem er während anderer Einsätze nicht schon zigmal zurechtgekommen war.

Er behielt die beiden zappelnden Geister im Auge, während er gleichzeitig die Kartuschen seiner Waffen wechselte und zwei der bereitgelegten Silberboxen mit den Füßen zu den Eingesprühten bugsierte. Dann nahm er schnell zwei weitere Geister ins Visier. Er feuerte Auraglue auf sie, sah, dass er traf, wartete die Reaktion aber nicht ab, sondern wandte sich wieder den ersten beiden zu. Sie wehrten sich noch immer gegen das Netz aus feinen Silbersprenkeln, das sie umspannte, und die eisige Kälte, die sie dabei verströmten, ließ Connors Atem kondensieren.

Der Stärkere der beiden brauchte dringend einen zweiten Schuss.

Oder eine Silberbox.

Connor ging in die Knie, riss die beiden Fernbedienungen aus den Halterungen der Boxen und ließ die Deckel aufschnappen. Das aktivierte automatisch den Elektromagneten im Inneren, der mit den Eisenpartikeln des Auraglues reagierte und die Geister zu sich zog.

Hastig wechselte Connor erneut die Kartuschen der Waffen.

Der schwächere Geist wurde ordnungsgemäß in die Box gesogen, der stärkere kämpfte hartnäckig dagegen an. Connor verpasste ihm einen zweiten Schuss und während er die Box mit dem ersten gefangenen Geist per Fernbedienung versiegelte, wurde auch der zweite Geist in sein Gefängnis gezogen. Schnell sicherte Connor auch diese Box und wandte sich dann den anderen beiden Geistern zu, die er bereits mit Auraglue beschossen hatte. Einer hing wie eingefroren in der Luft, der zweite zappelte, allerdings nicht besonders enthusiastisch. Rasch kickte Connor zwei leere Silberboxen in ihre Richtungen, während er gleichzeitig die Waffe nachfüllte. Er bannte die Geister in die Boxen und visierte die nächsten an. Bisher hatte keiner der Seelenlosen auf dem Rasenplatz eine Reaktion auf das Eliminieren seiner Artgenossen gezeigt. Doch das Phänomen war bekannt. Geister schienen sich nicht viel um einander zu scheren.

Zum Glück.

Connor schoss auf die nächsten beiden – und ein ohrenbetäubender Schrei schrillte durch die Nacht.

Kapitel 3

 

Sky schlich sich an einen weiteren Geist heran. Wie Gabriel hatte sie zu Beginn ihres Angriffs zwei Geister gleichzeitig gebändigt. Keiner war sonderlich stark gewesen und sie hatte sie problemlos vernichten können. Bei den nächsten beiden erwischte sie dafür leider gleich zwei ziemlich mächtige, mit denen sie arg zu kämpfen gehabt hatte. Sie schaffte es zwar, beide zu eliminieren, doch es kostete sie einiges an Energie. Ihr war kalt und Übelkeit wühlte durch ihren Magen.

Also nichts mehr riskieren.

Den nächsten Geist nahm sie sich einzeln vor. Falls sie noch mal zwei so starke erwischte, konnte das sonst böse ausgehen.

Der Geist war harmlos. Kräftemäßig ein Winzling.

Sie zerrte ihn in sich und warf ihren Silbernebel auf den nächsten. Der war ein ganz anderes Kaliber und Sky spürte sofort seine Macht. Kaum dass sie die Verbindung zu ihm hergestellt hatte, schleuderte er einen Strang aus grauem Geisternebel auf sie und griff so brutal nach ihrer Lebensenergie, dass Sky sich heftig dagegenstemmen musste, um nicht von den Füßen gerissen zu werden. Der Geisternebel hatte sie an der linken Schulter erwischt und schickte brennende Kälte durch ihren Körper. Hastig blockierte sie die Verbindung, bündelte Energie in ihre linke Hand und riss den Strang von ihrer Schulter. Gleichzeitig hielt sie mit der rechten ihre Silbernebelverbindung zum Geist aufrecht und zerrte an seiner Todesenergie.

Es war ein gefährliches Tauziehen. Unter normalen Umständen hätte Sky sich keine Sorgen gemacht, doch sie hatte bereits einiges an Energie beim Auslöschen der anderen fünf Geister eingebüßt und spürte, wie sie zu zittern begann, als sie eine Woge von Todesenergie in sich hineinzog.

Plötzlich gellte ein schriller Schrei durch die Stille der Nacht. Sky fuhr erschrocken zusammen und ihre Konzentration riss für den Bruchteil einer Sekunde ab. Diesen winzigen Moment der Schwäche nutzte ihr Gegner sofort aus und stieß erneut seinen Geisternebel in sie. Diesmal traf er ihre Brust. Eine eisige Klaue krallte sich um Skys Lunge und raubte ihr die Kraft zum Atmen. Wieder fuhr brennende Kälte in ihren Körper und zwang sie in die Knie.

Der Geist war in ihr. Sie konnte fühlen, wie er nach ihrem Leben griff.

Hastig schloss sie ihre Seele ein, wie ihre Mum es unzählige Male mit ihr geübt hatte. Dann zwang sie sich zu atmen, auch wenn die Kralle versuchte, ihr die Brust zu zerquetschen.

Sie brauchte Luft, merkte schon, wie es vor ihren Augen zu flimmern begann. Das hasserfüllte Kreischen vibrierte in ihren Ohren. Verschwommen nahm sie wahr, wie helle Geisterschimmer vom Sportplatz flohen.

Doch das war nicht wichtig.

Wichtig war Luft.

Diese verdammte Kralle. Sie musste sie loswerden und zwar schnell.