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Patrick ist fünfunddreißig, Single, Studienabbrecher und arbeitet als Plattenverkäufer in einem Drogeriemarkt. Er hat eine Bude in einem Apartmenthaus, geht nach Feierabend mit seinem Freund Jörg ein Bier trinken und denkt über das Leben nach, sein Leben und das Leben überhaupt. Aber es ist jeden Tag derselbe Trott. Sein Leben kommt ihm beliebig vor. Da geschehen auf einmal merkwürdige Dinge: kuriose Begegnungen, seltsame Zufälle, und er erkennt, dass sein gewohntes Leben allmählich zu Ende geht. Ein Buch über das Leben: viel Musik, Kafka, das I Ging, das Alte und das Neue, Gott, Zufälle, Freundschaften und die Liebe zu einer jungen Ärztin.
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Seitenzahl: 173
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Patrick ist fünfunddreißig, Single, Studienabbrecher und arbeitet als Plattenverkäufer in einem Drogeriemarkt. Er hat eine Bude in einem Apartmenthaus, geht nach Feierabend mit seinem Freund Jörg ein Bier trinken und denkt über das Leben nach, sein Leben und das Leben überhaupt. Aber es ist jeden Tag derselbe Trott. Sein Leben kommt ihm beliebig vor.
Da geschehen auf einmal merkwürdige Dinge: kuriose Begegnungen, seltsame Zufälle, und er erkennt, dass sein gewohntes Leben allmählich zu Ende geht.
Ein Buch über das Leben: viel Musik, Kafka, das I Ging, das Alte und das Neue, Gott, Zufälle, Freundschaften und die Liebe zu einer jungen Ärztin.
Rainer Gross, Jahrgang 1962, geboren in Reutlingen, studierte Philosophie, Literaturwissenschaft und Theologie. Heute lebt er mit seiner Frau als freier Schriftsteller wieder in seiner Heimatstadt. Er wurde 2008 mit dem Friedrich-Glauser-Debütpreis ausgezeichnet.
Bisher sind rund siebzig Titel von Rainer Gross erschienen. Zuletzt veröffentlicht: Novemberland (2023); Schafsgezwitscher (2023); Das heiratende Mädchen (2023); Jesus trinkt den Kaffee schwarz (2024); Café im Hof (2024); Abschied in Cork (2024); Jahrtausendwende (2025); Gezeitenwechsel (2025); Tagundnachtgleiche (2025); Der leere Himmel (2025); Das Turmzimmer (2025).
Für Alex,
dessen Freundschaft ich viel verdanke.
Man muss die Augen offen halten und darf nicht einmal blinzeln, damit sich nicht sofort wieder alles ins Dunkel verläuft.
FRANZ KAFKA
Inhaltsverzeichnis
1 Kathrinchen
2 Musikabteilung
3 Kaiserpassage
4 Jack Daniel's
5 Solitaire
6 Dies fremde Leben
7 Hades
8 Der Durchbruch
9 Game of Thrones
10 Qiviut
11 Verloren gehen
12 Derek
13 Albinoni
14 Der Mantel
15 Reisplatte
16 Charts
17 Patrick
18 Apokalypse
19 Balanitis
20 Autumn Leaves
21 Maya
22 Krähen
23 Irgendjemandes Welt
24 Irland
25 Weihnachten
26 Schwester Laetitia
27 Wagner
28 Das Alte und das Neue
29 Flamingokolonie
30 Neujahr
Das Gute am Kathrinchen ist, dass man oben im ersten Stock sitzen, sein Bierchen trinken und auf die Katharinenstraße hinunter sehen kann. Eine Pflastergasse zwischen Fachwerkhäusern, die vom Tübinger Tor zum mittelalterlichen Marktplatz führt. Das Schlechte ist, dass die Bedienung hier nicht hoch kommt und man sein Zeug an der Theke selbst holen muss.
Wenn man Nachschub will, muss man die hölzerne Wendeltreppe hinunter und ihn sich am Tresen selbst holen. Man steht und schaut zu, wie Herbert die Biere zapft, und steigt mit seinem Glas wieder hinauf, immer vorsichtig, damit nichts überschwappt.
Deshalb habe ich mir gleich zwei Pils geholt. Jetzt steht das eine Glas leer vor mir und das zweite halb voll. Ich belasse es heute dabei.
Ich sitze gern im Kathrinchen und verbringe meine Mittagspause. Eine Stunde raus aus dem Trott. Ich sitze und habe meine Ruhe und schaue mir durch das Erkerfenster das Treiben auf der Katharinenstraße an.
Im Regen haben die Leute Schirme aufgespannt. Ein paar Halbstarke gehen mit offener Jacke und nassen Haaren und demonstrieren, wie abgehärtet sie sind. Mütter mit Kindern im Schlepptau, Paare mit Einkaufstüten. Der Metzger verkauft Leberkäswecken, die Imbissbude Döner und Pizza, im vergitterten Schaufenster des Messergeschäfts liegen schneidige Dolche, Jagdmesser und so Zeug, waffenscheinpflichtig. Junge Türken stehen in Lederjacken davor und feixen.
Ich bin gern im Kathrinchen. Eine der wenigen Künstlerkneipen, die es gibt in der Stadt. An den Wänden hängen Lithographien in Rahmen, Ausstellung eines lokalen Künstlers, hässliche Dinger mit wirren Albtraumszenen drauf, sehen aber sehr künstlerisch aus. Die Preise kann man bei Herbert erfragen. Das Kathrinchen liegt an der Ecke der Katharinenstraße, hinter der Apotheke, und gegenüber sieht man die alte Stadtmauer und das Tübinger Tor, wo ganz früher der Turmwächter drin wohnte. Dort kann man über die ganze Stadt sehen und bis zu den Albbergen im Süden, ich war mal drin, am Tag des offenen Denkmals, klaustrophobische Angelegenheit zwischen dem ganzen Gebälk, den niedrigen Decken und den schmalen Stiegen.
Manchmal esse ich eine Kleinigkeit im Kathrinchen. Herbert hat kleine Snacks auf der Karte, warme Croques und Sandwiches und Pinsa. Das reicht mir dann bis abends. Sonst hole ich mir beim Metzgerimbiss einen Wecken mit Krustenbraten und Sauerkraut. Im Sommer und bei gutem Wetter sitze ich dann auf einer der Bänke am Marktplatz, wo ich nach dem Essen rauchen kann, im Winter und bei Regen in einem leeren Seminarraum der VHS.
Irgendwie komme ich mir alt vor. Alter Schwede, scherzt Frieder immer mit mir. Hast recht, sage ich dann. Hör auf, Patrick, du bist nicht alt! Fünfunddreißig, das ist nicht alt!
Ich bin am Tag des Mauerfalls geboren, neunter November neunundachtzig. Während Zehntausende strömten, einer vor der Kamera weinte, es gab Sekt und heiße Brühe und Begrüßungsgeld, die Läden schlossen nicht und die Polizei hielt sich zurück, während die Menge die Mauer erkletterte und die ersten Passanten am Brandenburger Tor erschienen, lag meine Mutter mit Wehen im Kreißsaal und bekam von allem nichts mit. Nein, alt bin ich nicht.
Wenn da jetzt Frieder käme, denke ich, der würde wissen, wo ich bin, würde ins Kathrinchen reinschauen, würde wissen, dass ich oben sitze, käme die Treppe herauf Stück für Stück, erst der schmale Schädel mit den wirren Locken, dann die schiefen Schultern im alten Trench, den er immer trägt, schon ein bisschen fadenscheinig und schmuddelig, und dann Frieder in seiner gebeugten Haltung, den Kopf immer nach vorn geschoben, als erwartete er eine ins Genick.
Frieder hat mit mir studiert. Germanistik, Geschichte und Philosophie. Ist jetzt Lehrer am Gymnasium. Frieder ist älter als ich, Anfang vierzig. Geht geradenwegs auf eine Midlife Chrisis zu, denke ich. War eine schöne Zeit an der Uni. Frieder hat sein Examen gemacht, und ich habe ich Studium abgebrochen, aber Frieder ist in der Stadt geblieben und sesshaft geworden.
Ich wüsste gern, was er für ein Lehrer ist. Wie ihn seine Schüler sehen. Mit seinen Ansichten, seinem Engagement, seiner Reformpädagogik, seinem Columbo-Outfit.
Schade, dass man hier nicht rauchen darf. Draußen im Eingang, unterm Vordach muss man stehen und seine Fluppe aufrauchen, als ginge man mal eben pinkeln. Wo bleibt da die Gemütlichkeit? Der Glut zuschauen, wie sie aufleuchtet, das Papier aschig zerblättert, der Aschewurm länger wird und sich krümmt, die blauen Rauchfäden sich zur Decke schlängeln, man den Rauch einsaugt und in den Lungen behält und langsam, genussvoll ausatmet. Dabei kann man sein ganzes Leben Revue passieren lassen.
Fünfunddreißig Jahre. Scheiße. Fümfunddreißig Jahr, und nichts für die Unsterblichkeit getan. Schiller, Don Carlos. Eigentlich heißt es ja: dreiundzwanzig Jahr, aber dafür war ich zu spät dran. Unsterblichkeit!, denke ich und nehme noch einen Schluck. Ewigkeit! Was juckt es mich, was die Leute nach mir über mich sagen? Etwas hinterlassen? Spuren im Sand. Ein Häufchen Hundekacke im Rinnstein. Am besten nie gewesen sein. Hat ja doch eh alles keinen Sinn. Eigentlich bin ich froh, dass eines Tages Schluss ist. Kann ja nicht ewig so weitergehen. So Tag für Tag. Spuren im Sand, mehr ist das nicht, was ich hier mache. Platten verkaufen in der Musikabteilung eines Drogeriemarkts.
Eigentlich, denke ich und stehe nun doch auf, um mir Nachschub zu holen, weil ich noch Zeit habe und Frieder nicht kommt, eigentlich besteht das ganze Leben immer nur aus einem Tag. Dem, den man gerade lebt. Einer nach dem anderen. Das Ganze ergibt nichts Sinnvolles. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile, heißt es und frage mich, woher ich das habe. Vielleicht aus dem alten Physikbuch meiner Abitursklasse. Aber das stimmt nicht. Für das Leben stimmt das nicht. Das ist genau das, denke ich und trotte die Stufen hinunter, wobei bei jedem Schritt die Gläser gegeneinander klirren, die ich in einer Hand halte, das Leben ist genau die Summe seiner Tage. Nicht mehr, nicht weniger. Man muss es Tag für Tag herum bringen, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen, keiner wird einem erlassen, auch dieser Tag hier nicht, der ist wie jeder andere, der sich in nichts unterscheidet, selbst das Wetter wiederholt sich Jahr für Jahr, und am Ende ist’s das einfach, da sind die Tage herunter gezählt, der Vorrat aufgebraucht, die Chancen vertan.
Das Leben?, sage ich mir höhnisch, als ich vor dem Tresen stehe und zwei neue Bier ordere, das Leben findet immer bloß an einem Tag statt. Der Aufbruch in ein neues Leben, Flughafen, Bahnhof, das wäre auch bloß wieder ein Tag, und danach kommt der nächster, man hat Schnupfen oder Sodbrennen, muss einen Bus kriegen oder telefonieren, und schon ist alles wieder im alten Gleis.
Nee, nee, denke ich und mache mich mit einem vollen Bier in jeder Hand an den Wiederaufstieg, das mit dem Leben, das ist nix. Und danach? Nichts, denke ich, als ich wieder an meinem Tisch am Erkerfenster sitze, das eine Glas ansetze und es in einem Zug halb leer trinke, danach kommt nichts. Oder Gott. Oder das Universum. Ich weiß es nicht. Niemand weiß das.
Ist ja auch egal. Mann, was bist du abgewrackt!,
denke ich noch. Wird Zeit, dass Frieder zurückkommt.
Es kommt schon vor, dass ich einige Bier intus habe, wenn ich meinen Dienst wieder antrete. Aber das merkt niemand. Ich lutsche Pfefferminz, lächle den aufgedonnerten Mädels in der Kosmetikabteilung zu, gehe an ihnen vorbei und steige die Treppe hinauf zur Musikabteilung. Meistens teile ich die Schicht mit Evi, manchmal mit Holger. Jungspunde, waren auch nicht weit gekommen mit ihrem Abitur.
Heute Nachmittag ist nicht viel los, Evi lässt wieder die Charts laufen, eine Lieferung ist gekommen, ich mache mich ans Auspacken, ein Riesenpaket, stapelweise CDs, am nervigsten ist der Abgleich mit der Lieferliste. Drei, vier Kunden stehen an der Hörtheke, Kopfhörer auf, gebeugt über das Cover ihrer CD, die sie ausgesucht haben. Manche haben neben sich ein kleines Türmchen stehen und noch viel vor heute Nachmittag.
Wenn ich Spätschicht habe, zweimal die Woche, komme ich zwei Stunden später und bleibe zwei Stunden länger. Bis halb neun. Den Rest des Abends, wenn Evi und Holger um halb sieben Feierabend machen, kann ich laufen lassen, was ich will. Das ist nicht immer dem Späteinkaufkundenstamm angepasst, aber ich will mich wohlfühlen bei der Arbeit. Ab und zu ein bisschen House oder Acid, obwohl die auf dem absteigenden Ast sind, kein Techno oder Hiphop, sonst alte Rockklassiker oder Indie oder Singer-Songwriter. Mellencamp, danach jucken mir die Ohrmuscheln. Auch Jazz lasse ich schon mal laufen, oder wenn mir danach ist, ein Klassikstück. Im Winter, wenn es draußen dunkel ist und die Gasse verschneit, gar noch Vorweihnachtsrummel herrscht, dann schreit alles nach Vivaldis Winter oder nach Wesseltofts It’s snowing on my piano.
Marzahn, dem Filialleiter, passt das nicht, ich solle die Musik nach den Kunden ausrichten, ermahnt er mich. Wenn es also nach ihm ginge, müsste ich um zwölf mittags lauter Dark Metal spielen, denn da kommen die Kids aus der Schule, dreizehnjährige Rotznasen, die CDs mit Covern anschleppten, die selbst mir Albträume bereiten würden. Aber mit Marzahn komme ich klar. Wenigstens hat er die Handarbeitsabteilung nach unten verlegt und dafür hier oben die Klassikabteilung vergrößert.
Sollte man nicht meinen, aber wegen der Klassik kommen nicht wenige. Früher hat es in der Stadt einen Klassikladen gegeben, der verkaufte neben Telefunken und Philips die Oistrach-Brüder in allen Variationen und Tchaikovsky mit dem Moskauer Staatsorchester. Den Laden gibt es schon lange nicht mehr. Damals, mit vierzehn, habe ich, das weiß ich noch, im Schneetreiben im Eingang gehockt, mir aus den Sonderangeboten eine Simon & Garfunkel heraus gezogen und den Text von The Boxer abgeschrieben, kauerte im Eingang, sodass die Leute über mich drüber steigen mussten, und schrieb mit Kuli und Papier den Text aus dem Booklet ab, weil ich kein Geld hatte, die CD zu kaufen.
Jedenfalls gibt’s in der Stadt nur zwei ernstzunehmende Plattenläden, und das ist der Plattenladen in der Metzgerstraße und eben der Drogeriemarkt. Im Plattenladen hätte ich viel lieber gejobbt, aber da kommt man nicht unter, das machen zwei schon seit Jahrzehnten, der Inhaber Mike und seine rechte Hand, Jörg, mit dem ich öfter ein Bier trinken gehe oder quatsche, wenn ich mal drin bin. Manchmal kaufe ich dort auch eine CD, aber meistens kriege ich sie ja über den Drogeriemarkt mit Prozenten.
Als ich mit der Lieferung fertig bin, ordne ich die ganzen CDs in die Fächer ein. Evi winkt von der Hörtheke, sie braucht Hilfe, sie macht nebenher eine Bestellung fertig und kommt mit den Hörwünschen nicht hinterher. Ich lasse die Stapel stehen und schlappe hinüber. Vier Kunden gleichzeitig strecken mir die Hüllen entgegen, ich lege die Scheiben in die Geräte unterm Tresen ein, drücke auf Start, lege ihnen die Hüllen wieder hin, damit sie sich durch die Tracklist switchen können.
Einer hört in Jackson Brownes neues Album rein, ein Kenner, Wildlederjacke, Pullover mit Hemd drunter, edle Jeans, Brille, gepflegter Vollbart. Eine junge Frau will Vollenweider hören, so sieht sie auch aus, denke ich, Klimperketten und Nasenringe und irgendwelche Tücher um den mageren Leib geschlungen, aber sie schließt die Augen und lächelt bei den ersten Tönen, die liebt ihre Mucke. Die anderen zwei hören Techno; wäre da einer von den Metal-Kids gewesen, ich glaube, ich hätte ihn rausgeworfen, so bin ich heute drauf.
Manchmal kommt am Abend Jörg vorbei vom Plattenladen. Der Plattenladen macht schon um halb sieben zu, Jörg hängt dann hier rum, hört in Platten rein, schaut sich um oder steht bei mir an der Hörtheke und quatscht mit mir. So geht die Zeit schneller rum.
Danach gehen wir meist ins Hades, trinken ein Bier und hören der Mucke zu, die da läuft, Uraltrock aus den Sechzigern und Siebzigern, der einzige Ort in der Stadt, an dem man noch Stairway to heaven oder Smoke on the water hören kann. Manchmal sitzen wir auch im Hardrock-Café hinter der Wilhelmstraße, aber das ist abends kein sicheres Pflaster, hier bekommt man vorgeführt, dass es in der Stadt sogar Rockerbanden gibt.
Jörg schluckt sein zweites Bier und beklagt sich. Jörg beklagt sich immer. Wenn ich einen Job im Plattenladen gehabt hätte, hätte ich das Maul gehalten, aber Jörg hat mehr vor im Leben. In den Lebensfluss kommen, nennt er das. Die ganze Welt ist voller Energie, man muss in den Strom kommen, es fließen lassen, dann trägt es einen in die Höhen, wo ein herrliches Leben wartet. In der Stadt kommt er sich vor wie im Tal des Todes, sagt er. Hier strömt nix, sagt er. Hier staut es sich. Das ist ungut. Ich spür das.
Er will nach Irland. Das ist sein Traum. Vielleicht einen eigenen Shop aufmachen dort, in Irland leben, er schwärmt von der irischen Lebensart, dass die Leute dort ganz anders drauf seien und dass er auf seinen Trips, die er schon gemacht hat, die originellsten Typen getroffen habe, sodass es für ein ganzes Leben reicht.
Ich war noch nie in Irland, und es zieht mich auch nichts hin. Dort ist es wie überall, denke ich. Es hat keinen Sinn, von einem anderen Ort, einem anderen Land zu träumen. Wenn man einmal seinen Alltag dort hat, dann wieder alles wieder genauso. Nur eine andere Sprache, andere Kultur vielleicht, und das macht es einem noch schwerer, sich heimisch zu fühlen. Nein, ich will nicht weg aus der Stadt. Ich kann meine Zeit ebensogut hier herunter reißen. Die Stadt hat die richtige Größe für mich: über hunderttausend Einwohner, Stadt genug, um ein Flair zu haben, und provinziell genug, um mich heimisch zu fühlen. Ich bin zufrieden mit meinem Job, er ernährt mich, ich kann mir das Apartment in der Kaiserpassage leisten, Ziele habe ich keine und Träume auch nicht. Ich habe keinen großen Ehrgeiz.
Sicher, man könnte es besser haben im Leben. In einer schicken Villa wohnen, Swimmingpool, Palmenpromenade, aber vielleicht auch nicht. Das wäre auch Alltag. Stress, Magengeschwür, die untreue Ehefrau. Man könnte etwas im Leben erreichen wollen. Man könnte sich empor kämpfen. Aber wozu? Im Grunde ist es egal, was für ein Leben man lebt. Sicher: Es heult sich angenehmer in einem Rolls Royce als in der Straßenbahn. Nicht dass ich viel heule. Frieder hat den Spruch mal gebracht. Aber es geht auch so.
Wird Zeit, dass Frieder zurückkommt. Ich vermisse ihn.
Um halb sieben mache ich Feierabend. Gehe durch die Altstadtgassen, unterquere die Gartenstraße und kaufe in dem kleinen Tengelmann in der Unterführung, der bis halb neun offen hat, was ich täglich brauche. Waschmittel, Konserven, frisches Gemüse, wenn ich zuhause noch kochen will. Ich habe ein Auto in der Tiefgarage der Kaiserpassage stehen, fahre aber wenig damit. Nur am Wochenende, wenn ich hinaus fahre ins Industriegebiet, wo die ganzen Großmärkte liegen. Dort kaufe ich auf Vorrat ein. Den täglichen Bedarf decke ich in den Läden in der Stadt, Bäcker, Metzger, Post, Bank, Rathaus, das ist alles zu Fuß erreichbar. Abends ins Kino, Klamotten kaufen in den Modekaufhäusern, die ganzen Kneipen und Cafés – ich brauche in der Stadt kein Auto. Die Öffentlichen genügen. Zwar keine U-bahn, keine S-bahn, aber Busse. Ich fahre gern Bus. Lasse mich durch die Gegend kutschieren, habe es im Winter warm, lauter Leute um mich herum, ich studiere die Gesichter, schaue nach draußen, hänge meinen Gedanken nach.
Dann schließe ich die Haustür auf, der Eingang liegt unscheinbar zwischen dem griechischen Restaurant und dem Friseur, nehme den Aufzug und komme in meine kleine Wohnung. Ein großes Wohnzimmer mit Küchenzeile, ein Schlafzimmer, ein fensterloses Bad und ein kleiner Balkon. Mein Nest.
Ich ziehe mich um, mache mir in der Küchenzeile erst einmal einen guten Tee, einen Darjeeling, setze mich in meinen Sessel und lege die Füße hoch. Das ständige Stehen bei der Arbeit schlaucht ganz schön. Ich habe mir schon überlegt, für die Arbeit einen Hocker zu kaufen, aber der wäre wahrscheinlich immer im Weg.
Sommers sitze ich am Abend gern auf dem Balkon. Wenn es spät noch hell ist, der Abend geräuschig und voller Leben, Stimmen und Gelächter und Grillgeruch vom griechischen Restaurant, das Tische draußen stehen hat, höre den Verkehr auf den Straßen und das Plätschern des Schalenbrunnens, der auf dem kleinen Platz steht und das Wasser von einer Schale in die andere gießt – da bin ich zufrieden.
Im Winter geht das nicht, aber manchmal rücke ich meinen Sessel an das Erkerfenster und schaue mir die Lichter an, die Passanten unten auf dem Pflaster, wie die Läden schließen und die Menschen auf dem Weg nach Hause sind. Dann werde ich meist melancholisch.
Freunde habe ich nur zwei: Frieder und Jörg. Eine Handvoll Bekannte, wenn ich einmal ausgehen will. Und natürlich Lucy. An den beiden Spätschichtabenden bleibe ich meistens zuhause, besonders im Winter. Sonst treffe ich mich mit Frieder, wenn er wieder da ist, und Jörg oder lade Bekannte zum Essen ein. Mein Grünkernauflauf mit Käse überbacken ist beliebt. Ich weiche den Grünkern einen Tag vorher in Wasser ein.
Aber jeder zweite Samstagabend gehört Lucy.
Lucy ist eine Nummer für sich. Sie sitzt mit untergeschlagenen Beinen auf meinem Sofa und strickt. Sie will über alles Mögliche reden, vor allem über Bücher. Nachdem sie erfahren hat, dass ich Literatur studiert habe, hat sie in mir einen Geistesverwandten erkannt, sagt sie. Sie liest viel. Nicht Liebesromane oder Frauenliteratur, sondern querbeet. Besonders gern spricht sie über die neuesten Bestseller, als würde ich die alle kennen. Manchmal bringt sie ein Buch mit, in dem sie gerade liest, stellt es mir kurz vor, das macht sie gut, und dann will sie mit mir darüber reden. Was ich als Studierter dazu meine. Wo ich das Buch in der Literaturgeschichte einordnen würde. Lässt sich dann gerne von mir erzählen, welche Epochen die Literatur in Deutschland durchlaufen hat und was die einzelnen Epochen auszeichnet. Sie lässt sich auch gerne ein Buch empfehlen. So hat sie auf meinen Vorschlag hin Effi Briest und Deutschstunde und die Buddenbrooks gelesen, und dann haben wir darüber geredet. Sie hat schlaue Gedanken dazu und analysiert am liebsten die auftretenden Personen. Sie hat einen erfrischend unakademischen Blick auf Romane, nimmt sie als menschliche Schicksale und Kapriolen des Lebens.
Wir beginnen nachmittags zum Tee, ich habe etwa einen Darjeeling Second Flush gemacht, der in der Glaskanne auf dem Stövchen steht, und sie hat manchmal etwas Selbstgebackenes mitgebracht, einen Kuchen, Muffins oder, zur Weihnachtszeit, Plätzchen. Ich sitze im Sessel, rauche, was sie nicht stört, ihr geschiedener Mann hat auch geraucht, sagt sie, und koste die anregende Unterhaltung aus.
Einmal hat sie ein Buch über einen französischen Maler gelesen, der in den Dreißigern nach Laos kam und dort blieb. Er gründete eine Familie, hatte laotische Söhne und Töchter und bekam schließlich von der Regierung den Auftrag, für Briefmarken Bilder der Sehenswürdigkeiten und Kultur der Laoten zu malen. Das verhalf ihm zu einer landesweiten Berühmtheit. Als 1975 die Kommunisten an die Macht kamen, musste er alles aufgeben und nach Thailand fliehen, wo er gestorben ist, ohne noch ein einziges Bild zu malen. So weit Lucy.
