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Die Gamelan-Musik endete abrupt, und die Puppen stiegen von der Bühne. Coco spürte eine magische Ausstrahlung, aber die Figuren waren keine Dämonen. Sie blieben tote Puppen, von der Magie des dalang zu unnatürlichem Leben erweckt. Am Ende der vordersten Zuschauerreihe griffen sie zu und schleppten einen Touristen in einem Blumenhemd auf die Bühne. Sein Blick war glasig, er stand im Bann des Schattenspielers. »Da ist der Verräter Duryudhana«, sagte der Schattenspieler in seinem monotonen Singsang. »Er wird von Yudhistira zur Rechenschaft gezogen werden.« Coco wollte aufspringen, aber sie war von der Gamelan-Musik gelähmt. Die Yudhistira-Puppe stieß ihr Schwert in die Brust des Touristen ... Coco folgt der Spur Dorians und Martins nach Jakarta. Dort treibt ein rätselhafter dalang sein Unwesen. Wer steckt hinter dem Schattenspieler Ibu Roona?
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Seitenzahl: 127
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Was bisher geschah
SCHATTENSPIELE
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
Vorschau
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen gewidmet, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es dem »Dämonenkiller«, ihnen die Maske herunterzureißen.
Bald kommt Dorian seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Um für seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen blieben ungeschoren. Als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart. Dorian Hunter begreift, dass es seine Aufgabe ist, de Condes Verfehlungen zu sühnen und die Dämonen zu vernichten.
In seinem Kampf findet Dorian mächtige Verbündete – die Freimaurerloge der Magischen Bruderschaft; den Hermaphroditen Phillip, der stets in fremden Sphären zu leben scheint; den Steinzeitmenschen Unga, der einst dem legendären Weißmagier Hermes Trismegistos diente; den früheren Secret-Service-Agenten Donald Chapman, der von einem Dämon auf Puppengröße geschrumpft wurde; vor allem aber die ehemalige Hexe Coco Zamis, die aus Liebe zu Dorian die Seiten gewechselt hat und ihm einen Sohn, Martin, geboren hat. Aber die Dämonen bleiben nicht untätig: Es gelingt ihnen, mit dem Castillo Basajaun einen wichtigen Stützpunkt der Magischen Bruderschaft in Andorra zu zerstören. Damit bleibt Dorian als Rückzugsort nur noch die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road.
Bei Ausgrabungen in Israel wird der Angisus Nathaniel – ein »Engel« – entdeckt. Dieser wollte die Welt zerstören und wieder neu aufbauen. Doch Nathaniel wird vernichtet. Einige Zeit später bringt Helena Riedberg sein Kind zur Welt: Larissa. – Ein neuer Gegner tritt auf den Plan: Der mysteriöse Isbrant verschleppt Dorians und Cocos Sohn Martin und überzeugt Larissa, sich ihm anzuschließen. Seine Aktionen scheinen in Zusammenhang mit einer alten Prophezeiung zu stehen, wonach ein zu früh gereiftes Kind den Thron der Finsternis besteigen werde. Larissa tötet den Dämon Huygen van Vloten, wird aber umgehend von Zakum festgesetzt. Kurz darauf gelingt es Isbrant, Dorian zu überwältigen. Er bricht mit Dorian und Martin an Bord der DIABOLO zum Krakatau auf, wo ein Zeitschacht und ein Zugang ins centro terrae existieren sollen.
Dorian erinnert sich an sein siebtes Leben als Hexensohn Hendrick Zevanck: Die DIABOLO soll unter dem Kommando Huygen van Vlotens das mächtige Kalifenauge für Asmodi bergen, aber der dämonische Gouverneur de Bye will sich das Auge selbst aneignen und lässt van Vloten und Hendrick gefangen nehmen ...
von Dario Vandis
Die Nacht war wie geschaffen für einen Überfall. Dichter Nebel lag über der Straße von Malakka, verdeckte die Sterne und die dünne Sichel des Mondes. Die Borduhr zeigte kurz nach einundzwanzig Uhr Singapur-Zeit. Eine Seemeile voraus fuhr die CHEUNG SON, ein alter Fischkutter, dessen Besatzung nichts von ihrem Schicksal ahnte. Die Luft war schwül und warm. Der Salzgeruch des Meeres vermischte sich mit dem Nelkenduft der Kretek-Zigarette, die in Lukmans Mundwinkel glomm.
Er nahm einen tiefen Zug und schnippte die Kippe über Bord. Normalerweise überfielen sie Containerschiffe und Tanker, pumpten das Öl ab, um es im Südchinesischen Meer meistbietend zu verkaufen. Die CHEUNG SON war ein Sonderauftrag. Ein alter Kutter, der eigentlich keinen Wert darstellte. Keine Ladung. Aber Lukman stellte keine Fragen. Seine Männer waren bekannt für ihre Zuverlässigkeit. Ein hervorragend ausgebildetes Team, keine Amateure wie die zerlumpten Piratenbanden, die die Meerenge von Malakka bevölkerten. Lukman war der Einzige, der den Namen ihres Auftraggebers kannte. Ein Mittelsmann instruierte Lukman, und Lukman instruierte seine Leute. Sie waren Profis.
Ein Ruf vom Achterdeck. Die Lichter des Kutters waren aus dem Nebel aufgetaucht. Die Mannschaft der CHEUNG SON würde tief schlafen, wenn der Tod an Bord geschlichen kam.
Lukmans Männer sammelten sich an Deck. Ein Nebelhorn ertönte von Backbord. Die Umrisse eines Tankers schälten sich aus dem Nebel. Das war das Risiko der Straße von Malakka – und gleichzeitig ihr größter Vorteil. Sie war die meistbefahrene Wasserstraße der Welt. Niemand würde auf einen Fischkutter achten, dessen Lichter erloschen und der von einem Augenblick zum anderen vom Kurs abwich.
Lukman wartete, bis der Tanker verschwunden war, und gab dem Steuermann ein Zeichen. Das Brummen der Motoren wurde unmerklich lauter. Die Radarschirme verrieten, dass die CHEUNG SON nur noch eine halbe Seemeile entfernt war. Lukman ließ die Lichter löschen.
Noch zweihundert Fuß. Die Silhouette des Kutters tauchte aus dem Nebel auf.
Noch hundertfünfzig.
Auf der CHEUNG SON war alles still. Die Bordwand war kaum sieben Fuß hoch. Ohne Ladung lag der Kutter nicht tief im Wasser. Nur Lukman wusste, dass sie diesmal nicht engagiert worden waren, um Beute zu machen.
Drei Enterhaken wurden ausgeworfen. Lautlose Schatten hangelten sich die Bordwand hinauf. An Deck der CHEUNG SON verbargen sie sich hinter einer Seilwinde. Lukman gab einem kräftigen, vollbärtigen Kerl, den sie Oleg nannten, ein Zeichen. Oleg löste sich aus dem Versteck und schlich geduckt zum Achterdeck. Geräuschlos verschwand er durch die Tür zum Steuerraum.
Zwei Minuten vergingen, dann blitzte eine Taschenlampe auf. Die Männer huschten auf die Kajüten zu. Lukman schickte einige seiner Leute zu den Mannschaftsunterkünften und folgte Oleg in das Steuerhaus.
Der Steuermann lag auf dem Boden, um seinen Hals eine dünne Drahtschlinge, die sich in seine Haut gegraben hatte.
Oleg stand am Ruder.
»Elektronischer Alarm?«
»Nichts«, antwortete der Riese einsilbig. Seine Stimme war tief, aber ohne Akzent. Er stammte aus Sumatra, und Oleg war gewiss nicht sein richtiger Name. Er sprach nie über seine Vergangenheit, und Lukman interessierte sich auch nicht dafür.
Der Kahn war mit den neusten Shiploc-Systemen ausgerüstet gewesen. Das war ungewöhnlich für einen Kutter. Das Kästchen strahlte Signale aus, um der Reederei den Aufenthaltsort mitzuteilen. Nicht einmal der Kapitän wusste, wo der Sender versteckt war. Lukman hatte die Worte des Mittelsmannes noch im Ohr: Sie können davon ausgehen, dass das Shiploc-Signal deaktiviert ist. Manchmal fürchtete er sich fast vor seinem Auftraggeber.
»Es befindet sich ein Kind an Bord«, sagte Oleg, »und zwei Frauen als Passagiere.«
»Wir setzen sie mit der Mannschaft aus.«
Es gab eine Vereinbarung zwischen ihnen und dem International Maritime Bureau zur Bekämpfung der Freibeuterei in Singapur. So wenig Tote wie möglich, keine sinnlose Gewalt. Lukman hatte sich stets daran gehalten.
»Wohin fahren wir?«
Lukman entschied, dass es an der Zeit war, Details preiszugeben. »An der Küste von Sumatra entlang, raus aus den internationalen Gewässern. Unser Ziel ist Sunda Kelapa.« Eine weitere ungewöhnliche Fußnote an diesem Auftrag. Der alte Hafen von Jakarta war schon seit Jahrzehnten stillgelegt. »Die Hafenbehörden sind bestochen, die Papiere vorbereitet. Wir nehmen etwas an Bord und liefern es am Krakatau ab. Danach wird der Kahn versenkt.«
Oleg erhöhte die Geschwindigkeit. Die Motoren brummten und übertönten die Geräusche aus den Kabinen. Lukman glaubte, Schreie zu hören, aber er war sich nicht ganz sicher.
»Was nehmen wir an Bord?«
»Nur eine alte Kiste.«
Oleg grunzte. »Eine Kiste?«
Lukman nickte. »Eine Kiste.«
Vierundzwanzig Stunden später
in Jakarta, Westjava
Saimun strich der jungen Frau, die er vor einer Stunde auf der Straße kennengelernt hatte, mit gespielter Zärtlichkeit durch das Haar. »Ich möchte mit dir glücklich sein, Hasnah – für immer.«
Hasnah lächelte und ließ sich von seinen Worten verzaubern. Sie spürte nicht den leichten hypnotischen Einfluss, der sich wie eine Fessel um ihren Geist gelegt hatte und sie jedes seiner Wort ergriffen aufsaugen ließ. Sie stand in seinem Bann – und so würde es bleiben bis zu ihrem Tod.
Saimun Himotu war ein gut aussehender junger Mann, dem Anschein nach nicht älter als zwanzig, mit einem sportlichen Kreuz und modisch kurz geschnittenen schwarzen Haaren. Aber sein Aussehen war zweitrangig. Es war dieser Blick, der jede Frau betörte.
»Möchtest du noch etwas trinken?« Er winkte den Ober heran. »Rotwein bitte, etwas Exquisites. Siehst du, Hasnah, ich nehme nur das Beste für dich. Es soll ein wunderschöner Abend werden.«
Sie nickte verträumt.
Eine halbe Stunde später ließ Saimun die nächste Flasche kommen, dann noch eine und noch eine. Er liebte es, seine Opfer willenlos zu machen. Wenn man später ihre Leichen fand – gewöhnlich als Opfer eines Verkehrsunfalls –, lieferte der Alkohol im Blut der Polizei eine willkommene Erklärung. Natürlich hätte Saimun als Mitglied des mächtigen Himotu-Clans ganz andere Möglichkeiten der Einflussnahme gehabt, aber die raffinierte Planung eines Mordes, die anschließende Spurenbeseitigung, das überließ er staubtrockenen Dämonen vom Schlage seines Vaters. Saimun war ein impulsiver Mann, und er wollte jeden Moment seines Lebens genießen.
»Gehen wir.«
Er half Hasnah in den Mantel. Sie war schwarzhaarig wie alle seine Opfer. Er hatte ein Muster entwickelt mit der Zeit. Die Mädchen mussten zierlich und von blasser Hautfarbe sein. Und natürlich alleinstehend, um Aufsehen zu vermeiden. Sein Vater Pak Himotu, Oberhaupt der Sippe und Herr über Jakartas Ober- und Unterwelt, war schrecklich altmodisch, wenn es um diese Dinge ging. Für ihn galt der Kodex der Schwarzen Familie, stets unauffällig zu operieren. Er fühlte sich den alten Vorsätzen verpflichtet. Saimun fand das lächerlich.
Er führte Hasnah zu seinem Wagen, einem roten BMW, der am Straßenrand parkte. Das Restaurant, in dem sie zu Abend gegessen hatten, lag im Zentrum von Jakarta, am Rande des Geschäftsviertels. Ein paar Blocks weiter ragten die spiegelverglasten Hochhäuser in den Himmel, zwischen denen sich bei Tag Millionen von Autos und Fußgänger durch enge Straßenschluchten schleppten. Um diese Zeit war die Gegend menschenleer.
Er parkte den Wagen auf der Frontseite des Himotu-Towers, des Hauptsitzes einer Versicherungsgesellschaft, die sein Vater vor mehr als siebzig Jahren gegründet hatte. Saimun selbst war zu dieser Zeit noch ein Kind gewesen und hatte kurz vor seiner Weihe zum Dämon gestanden. Er erinnerte sich nur ungern daran, denn die Erziehung seines Vaters war streng gewesen. Er hatte sich nach Leibeskräften bemüht, die eigene Mittelmäßigkeit und Spießigkeit auf seinen Sohn zu übertragen.
Was Vater wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass ich direkt vor dem Eingang seines geliebten Towers ein Opfer schlage?
Er würde toben. Gerade jetzt, da ein Cousin Pak Himotus von einem unbekannten Dämon getötet worden war. Vielleicht stand ein Sippenkampf bevor, und was die Himotus jetzt am wenigstens brauchten, waren Ermittlungen in einem weiteren Mordfall. Saimun wusste, dass sein Vater recht hatte, aber es scherte ihn wenig.
Pak Himotu würde seinen einzigen Sohn niemals verstoßen. Er litt an einer magischen Krankheit, die ihn vor über dreißig Jahren zeugungsunfähig gemacht hatte. Eines Tages würde Saimun sein Nachfolger werden, auch wenn es Pak Himotu wahrscheinlich insgeheim vor diesem Tage grauste. Ein Leichtfuß wie er an der Spitze des Himotu-Imperiums ... Schon jetzt konnte er es kaum noch abwarten, über die Machtfülle seines Vaters zu verfügen.
»Was tun wir hier?«, fragte Hasnah und blickte verwundert aus dem Fenster. Sie war hübsch, aber dumm und schöpfte noch immer keinen Verdacht.
»Zieh dich aus.«
»Wie bitte?«
»Ich will es mit dir treiben. Zieh dich aus.«
»Aber Saimun, wir können doch nicht ...« Der Alkohol machte ihre Zunge schwer. Sie verstummte, als sie seinen Blick sah. Er meinte es ernst! Es fiel Hasnah schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Warum eigentlich nicht? Wenn du ehrlich bist, findest du doch gar nichts dabei ... Waren das etwa ihre eigenen, schmutzigen Gedanken?
Sie zog ihren Mantel und ihre Bluse aus. Saimun stierte auf den Büstenhalter. Seine Hände tasteten über ihre nackten Schultern, über ihren Bauch.
Jemand klopfte an die Windschutzscheibe. Saimun fuhr herum, mit dem Blick eines Raubtiers.
Eine dunkle Gestalt war neben der Fahrertür aufgetaucht. Saimun erkannte eine Polizeimütze auf einem rundlichen Kopf und ein blasses Gesicht, das ihm kühl und misstrauisch entgegenstarrte.
Hasnah stieß ein Geräusch aus, das wohl ein Schrei sein sollte, und versuchte die nackten Brüste hinter der Bluse zu verstecken.
»Steigen Sie bitte aus!«
Saimun ließ die Scheibe herunterfahren. »Wissen Sie, mit wem Sie es zu tun haben?«
»Steigen Sie bitte aus, tuan Himotu.« Der Polizist, der eine dunkle Narbe unter dem rechten Auge trug, trat einen Schritt zurück und legte die Hand auf seine Waffe.
Saimun war unschlüssig, was er tun sollte. Aber Hasnah lief ihm nicht davon. Er stieg aus und strich seinen Anzug zurecht. Sein Blick ließ keinen Zweifel daran, dass er die unerwünschte Störung bei der nächsten Besprechung mit dem Polizeichef auf den Tisch bringen würde.
»Es wird nicht lange dauern, tuan Himotu. Bitte kommen Sie mit zu meinem Wagen.«
Er folgte dem Beamten und sah, wie sich die Beifahrertür des Polizeiwagens öffnete. Die schwarzen, zu einem Zopf zusammengebundenen Haare und das speckige Gesicht mit dem breiten Schnurrbart kamen ihm sofort bekannt vor.
»Husin!«, entfuhr es ihm. »Aber du bist doch – tot!«
Der Cousin seines Vaters schenkte ihm nur ein unergründliches Lächeln. »Ich bin froh, dich zu sehen, Saimun. Lass uns keine Zeit versäumen. Dein Vater erwartet uns.«
Saimun verstand überhaupt nichts mehr. Noch heute Mittag hatte sein Vater ihn über Husins Tod und die schreckliche Schändung seiner Leiche in Kenntnis gesetzt – und jetzt stand er leibhaftig vor ihm. Er starrte den Cousin an wie einen Geist. »Sie haben dir die Haut abgezogen«, flüsterte er. »Du musst tot sein!«
»Komm mit ins Büro. Dort können wir alles besprechen.«
Saimun fand nur sehr langsam wieder zu sich. »Vater ist im Büro? Um diese Zeit?«
»Er ist ganz begierig darauf, mit dir zu sprechen, Saimun.«
Sie traten durch den Eingang. Saimun wandte den Blick zu Hasnah, die noch immer auf dem Beifahrersitz saß.
Sie hatte die Augen geschlossen und den Kopf leicht zur Seite geneigt. Der Alkohol war stärker als der Schock. Sie schlief.
Sie betraten den Tower, und Saimun grüßte den Wachmann. Er hatte das Gesicht schon einmal gesehen, aber er pflegte sich die Namen der Bediensteten nicht zu merken.
»Dr. Himotu erwartet uns«, sagte Husin, als habe er das Wort zu führen.
Sie fuhren mit dem Lift in den vierzigsten Stock. Die Etage, in der sich Himotus Büro befand, war verlassen. Der Zugang wurde durch eine panzerverglaste Tür geschützt.
Saimun tippte die Kombination ein. Die Tür schwang auf. Dahinter befand sich eine magische Barriere, die sich bei Abwesenheit seines Vaters automatisch aktivierte. Saimun schaltete sie aus. Spätestens jetzt wurde ihm klar, dass etwas nicht stimmte. Wie konnte die Barriere aktiviert sein, wenn Vater im Büro war?
Der übergroße Schreibtisch, der niemals unaufgeräumt wirkte, stand verlassen in der Finsternis, zu beiden Seiten umgeben von zwei Jacaranda-Zöglingen, die aus großen, schwarzen Keramiktöpfen wuchsen. Die erleuchteten Fenster der umliegenden Häuser glommen wie hunderttausend Augen in der Nacht und warfen diffuse Schatten auf den Veloursteppichboden.
Saimun drehte sich um. »Was soll das, Husin? Du machst dir einen Spaß mit mir, nicht wahr? Ich ...«
»Das ist kein Spaß, Saimun.«
Saimun kniff die Augen zusammen. Auf seiner Stirn zeigte sich eine steile Falte, die immer dann entstand, wenn er nicht begriff, was um ihn herum vor sich ging.
Husin trat zur Seite, und Saimun erblickte die Pistole in der Hand des Polizisten.
»Husin, verdammt, das ist doch lächerlich. Du weißt selbst, dass normale Kugeln ...«
»Sie ist mit silbernen Kugeln geladen. Sie sind magisch präpariert. Du hast keine Chance, Saimun.«
