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Zwei Homosexuelle, Maurice und Sebastian Westfalen, sind miteinander verheiratet und haben ein Kind adoptiert, den inzwischen achtjährigen Tim. Eines Nachts träumt Maurice davon, wie sein Ehemann Sebastian ihr gemeinsames Adoptivkind Tim umbringt. Maurice wacht schweißgebadet auf, springt aus dem Bett und rennt sofort ins Kinderzimmer. Dort sieht er, wie Tim seelenruhig schläft. Ihm ist also nichts passiert. Maurice erwähnt gegenüber seinem Ehemann Sebastian zunächst nichts von seinem makabren Traum. Einige Tage später berichtet Sebastian seinem Ehemann Maurice von einem seltsamen Traum. Er habe davon geträumt, wie Maurice nachts den Tim in seinem Bett umgebracht habe. Als er dann nach Tim gesehen habe, habe der friedlich in seinem Bett geschlafen. Maurice schaut seinen Ehemann ungläubig an und erzählt ihm von seinem eigenen Traum, den er wenige Nächte zuvor gehabt hatte. Beide machen sich natürlich Gedanken darüber, dass sie denselben Traum hatten und beschließen, einen Psychiater aufzusuchen und ihn zu fragen, welche Bedeutung ein solcher Traum haben konnte. Zielführende Erkenntnisse gewinnen sie aus diesem Besuch allerdings nicht. Einige Monate später hat Maurice erneut einen schrecklichen Traum, der ihr gemeinsames Leben völlig verändern könnte. Kommt die Gefahr etwa aus ihrem eigenen Umfeld?
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2026
Helga Geerkens
Dunkle Träume
Roman
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
Dunkle träume
Psychothriller
Helga Geerkens
Roman 2026
Inhalt
Zwei Homosexuelle, Maurice und Sebastian Westfalen, sind miteinander verheiratet und haben ein Kind adoptiert, den inzwischen achtjährigen Tim. Eines Nachts träumt Maurice davon, wie sein Ehemann Sebastian ihr gemeinsames Adoptivkind Tim umbringt. Maurice wacht schweißgebadet auf, springt aus dem Bett und rennt sofort ins Kinderzimmer. Dort sieht er, wie Tim seelenruhig schläft. Ihm ist also nichts passiert. Maurice erwähnt gegenüber seinem Ehemann Sebastian zunächst nichts von seinem makabren Traum. Einige Tage später berichtet Sebastian seinem Ehemann Maurice von einem seltsamen Traum. Er habe davon geträumt, wie Maurice nachts den Tim in seinem Bett umgebracht habe. Als er dann nach Tim gesehen habe, habe der friedlich in seinem Bett geschlafen. Maurice schaut seinen Ehemann ungläubig an und erzählt ihm von seinem eigenen Traum, den er wenige Nächte zuvor gehabt hatte. Beide machen sich natürlich Gedanken darüber, dass sie denselben Traum hatten und beschließen, einen Psychiater aufzusuchen und ihn zu fragen, welche Bedeutung ein solcher Traum haben konnte. Zielführende Erkenntnisse gewinnen sie aus diesem Besuch allerdings nicht. Einige Monate später hat Maurice erneut einen schrecklichen Traum, der ihr gemeinsames Leben völlig verändern könnte. Kommt die Gefahr etwa aus ihrem eigenen Umfeld?
Maurice und Sebastian Westfalen sind homosexuell und sind seit zehn Jahren miteinander verheiratet. Maurice ist vierzig Jahre alt, Informatiker von Beruf, sein Ehemann Sebastian achtunddreißig Jahre alt und von Beruf Werbekaufmann. Vor über zwei Jahren haben sie ein Kind adoptiert, den inzwischen achtjährigen Tim. Tim hatte vor nunmehr fünf Jahren als Kleinkind beide Eltern bei einem Verkehrsunfall verloren und war vorübergehend in einem Kinderheim untergebracht. Maurice hatte den Vater des Jungen gekannt, denn er hatte früher mit ihm zusammen Informatik studiert. Als er von dem tödlichen Verkehrsunfall erfuhr, hatte er sich sofort mit dem Vater seines früheren Kommilitonen in Verbindung gesetzt und gefragt, ob der dreijährige Junge bei ihm sei. Der Vater hatte ihm damals erklärt, Tim sei in der Betreuung des Jugendamtes, denn er könne den Jungen nicht versorgen. Er lebe allein und sei auf Pflege angewiesen, denn er sitze seit zwei Jahren im Rollstuhl.
Welch ein schlimmes Schicksal hatte diese Familie getroffen? Vom Tod der Mutter seines Kommilitonen hatte er damals gehört. Aber dass sein Vater pflegebedürftig war, das hatte er nicht gewusst. Der Kontakt war ja auch nach dem Studium abgerissen, hatte er den Bernd doch nur noch gelegentlich zufällig getroffen, weil es kaum noch gemeinsame Bekannte gab. Zumindest seit seiner Eheschließung mit Sebastian vor zehn Jahren. Maurice hatte schon wegen seiner Beziehung zu Sebastian allmählich einen völlig neuen Bekanntenkreis aufgebaut.
Und nun hatte sein ehemaliger Kommilitone nach seinem Unfalltod ein dreijähriges Kind hinterlassen, das, wie es aussah, nur noch einen pflegebedürftigen Großvater hatte. Gäbe es noch weitere Verwandte wie etwa die Eltern der Mutter, dann hätte sich ja nicht das Jugendamt um den Jungen kümmern müssen. In dem Zusammenhang war ihm dann eingefallen, er hatte ja Bernd vor etwa einem Jahr zusammen mit seinem kleinen Sohn in der Stadt getroffen. Bernd hatte ihm erzählt, dass er jetzt mit seiner Frau und seinem Kind hierhergezogen sei. Hier lebe sein einziger noch vorhandener Verwandter, nämlich sein Vater. Seine Frau, so hatte er damals gesagt, sei ein Waisenkind gewesen, habe also keine Verwandten.
Maurice informierte seinen Ehemann Sebastian über die Situation und fragte ihn, ob er sich vorstellen könne, einen etwa dreijährigen Jungen, der keine Eltern mehr habe und auch sonst niemanden, zu versorgen. Sebastian hatte das sogleich bejaht. Nachdem er ihm den Hintergrund erläutert hatte, hatte Sebastian gesagt: „Also Maurice, du musst dieses Kind aufnehmen, vielleicht sogar adoptieren. Dieser Junge hat doch außer dir niemanden, der sich kümmern könnte. Und wir haben ein verdammt großes Haus mit einem riesigem Garten, eigentlich ideal für ein Kind.“ Er hatte erwidert: „Basti, ich bin so froh, dass du das genauso siehst. Ich werde sofort mit dem Jugendamt reden.“
Dann war alles ziemlich schnell vonstatten gegangen. Maurice hatte sich mit der Sachbearbeiterin beim Jugendamt in Verbindung gesetzt, einer Kollegin, denn er selbst arbeitete ja ebenfalls bei der Stadtverwaltung, nur in einer anderen Abteilung als Informatiker. Die Kollegin war ziemlich überrascht gewesen, als sich Maurice wegen der Übernahme einer Pflege bei ihr meldete. „Ja, Maurice, dass du verheiratet bist, das wusste ich. Aber ich muss natürlich vorher deinen Ehemann kennenlernen, bevor ich das meinem Chef wegen einer Entscheidung vorlege. Ich kann dir aber schon jetzt sagen, wenn bei euch alles in Ordnung ist, wird der Junge zu dir kommen, denn wir sind schon am Anschlag, würden also in nächster Zeit gar keine Pflegefamilie für das arme Kind finden. Für einen dreijährigen Jungen, der niemanden mehr hat, wäre das ein Desaster.“
Maurice versicherte seiner Kollegin, dass bei ihm und seinem Ehemann alles in Ordnung sei, finanziell und auch sonst, bot ihr seine Einkommensbescheinigungen an und die von Sebastian, den Grundbuchauszug des Hauses und ein paar Fotos. Aber die Kollegin vom Jugendamt meinte, sie würde sich die Situation lieber direkt vor Ort ansehen. Also kündigte sie sich schon für den Abend an. Damit war Maurice natürlich einverstanden, obwohl er eigentlich nicht damit gerechnet hatte, dass sich die Angelegenheit so rasant entwickeln würde. Er hätte eher mit dem üblichen Behördenmarathon gerechnet.
Maurice informierte sofort seinen Ehemann, der als Werbekaufmann im Homeoffice arbeitete: „Du Basti, die Kollegin vom Jugendamt scheint geneigt, uns die Pflege zu übertragen. Sie kommt heute Abend vorbei und sieht sich unser Haus an.“ „Okay, dann bereite ich schon mal was vor. Ich koch uns was Schönes und räume alles auf. Aber Möbel für ein Kinderzimmer, die bekommen wir natürlich so schnell nicht.“ „Macht nichts, Basti. Es ist ja nur ein erster Eindruck, den sie sich verschaffen will, ob wir in geordneten Verhältnissen wohnen. Du weißt schon.“
Maurice konnte an diesem Tag kaum seine Arbeit im Büro der Stadtverwaltung erledigen, so aufgeregt war er. Er hatte den kleinen blonden Jungen noch in Erinnerung, denn er hatte ihn ja vor einem Jahr mit Bernd in der Stadt getroffen, und sie hatten sich eine Zeitlang angeregt unterhalten. Dabei hatte er auch einige Worte mit Tim geredet. Eigentlich schade, dass sie sich danach nicht wieder getroffen hatten.
Am Abend war die Kollegin vom Jugendamt, Julia Beisicht, gekommen, hatte sich das gesamte Haus angesehen und gefragt, ob es bezahlt sei. Nicht ganz, hatten Maurice und Sebastian ihr signalisiert. Über den großen Garten hatte sie gestaunt und gemeint, der sei ideal für ein Kind. Dann hatte sie die übrigen Räume angesehen und gefragt, wo das Kinderzimmer sei. Sebastian hatte ihr ein fast leeres Zimmer in der ersten Etage gezeigt. Er hatte wenige Stunden zuvor eine bequeme Couchanlage mit einem Tisch hineingestellt. Ein Bett werde am nächsten Tag noch geliefert, meinte er. Er sei schon froh, dass er die Couch und den Tisch schon heute sofort geliefert bekommen habe.
Julia hat direkt bemerkt, wie sich Maurice und Sebastian Mühe gegeben haben, für den Jungen ein gemütliches Zuhause zu schaffen. Sie konnte den beiden förmlich ansehen, wie sie sich auf ihre neue Aufgabe gefreut haben. Allerdings wusste sie auch, dass ihr Chef das letzte Wort hatte, und wenn der eine anderweitige Unterbringungsmöglichkeit fand oder für besser hielt, dann hatten die beiden Männer natürlich keine Chance, dass man ihnen die Pflegeerlaubnis erteilte. Sie sagte deshalb zu ihrem Kollegen: „Maurice, das heute ist ein erstes Gespräch. Natürlich wollen wir den Jungen so schnell wie möglich in eine geeignete Pflegestelle vermitteln. Aber wir müssen trotzdem den üblichen Weg einhalten und alles überprüfen. Also, ihr habt noch genügend Zeit, euch eine kindgerechte Möblierung zu beschaffen.“ „Sicher. Aber wir wollten so schnell wie möglich alles perfekt machen.“ „Das sehe ich. Es ist schon erstaunlich, was ihr in den wenigen Stunden bereits alles bewerkstelligt habt. Man sieht förmlich die Begeisterung, mit der ihr die Sache angeht. Aber ihr wisst schon, dass das keine leichte Aufgabe ist. Und du kanntest den Vater, Maurice?“ „Ja, ich habe mit Bernd zusammen Informatik studiert. Nach dem Studium, oder eher nach meiner Heirat, da haben wir uns irgendwie aus den Augen verloren. Das hängt natürlich mit dem unterschiedlichen Bekannten- und Freundeskreis zusammen, den wir nach dem Studium hatten.“
Wer von ihnen denn für die Betreuung des Kindes sorgen würde, hatte Julia noch gefragt. Beide hatten spontan gleichzeitig erwidert, sie würden Tim betreuen. Julia hatte gelächelt und gemeint, natürlich würde Sebastian das vermutlich machen, weil er ja zu Hause arbeite. Dazu hatten dann beide genickt. Dann hatte sie noch gesagt, zunächst würden sie Tim als Pflegekind betreuen müssen. Erst wenn das gut funktioniere, könne man an eine Adoption denken. Das könne Jahre dauern.
Das hatten Maurice und Sebastian verstanden. Sie wollten diese Adoption auch nicht vorrangig, sondern sich in erster Linie kümmern, weil der Junge immer noch im Kinderheim untergebracht war. „Maurice, pass auf“, hatte Julia dann gesagt, „ich rede mit meinem Chef, ob wir das vielleicht innerhalb einiger Tage hinbekommen, damit der Junge schnell aus dem Heim entlassen werden kann. Also im Sinne einer kurzfristigen Bereitschaftspflege. Ich erkläre dem Chef, dass du den Vater gekannt hast und schon mal Kontakt zu dem Jungen hattest.“ „Das wäre wunderbar, wenn das klappen würde. Wann bekämen wir dann Bescheid?“
„Ein paar Tage bleiben dann schon noch Zeit, um alles anzuschaffen und einzurichten. Wir müssen sehen, wie das Kind auf euch reagiert. Ich sage euch morgen Bescheid, wann ihr den Jungen besuchen könnt.“ „Danke, Julia. Weißt du, das ist so traurig, dieser Unfall von Bernd und seiner Frau. Mir tut der arme Junge so leid.“ „Ja, ich verstehe. Ich denke, wenn der Knirps auf dich reagiert, sind wir einen großen Schritt weiter. Bisher starrt er nur die Wände an, redet nicht, weint aber viel.“ „Ja, das wird keine leichte Aufgabe für uns. Ich denke, ich nehme mir dann ein paar Wochen Urlaub, damit wir uns als Familie einrichten können. Der Junge muss sich ja an uns gewöhnen können.“
„Über das Vorgehen im einzelnen, wenn ihr den Jungen aus dem Kinderheim abholt, darüber müssen wir dann noch reden. Ihr bekommt natürlich jede mögliche Hilfe von uns, soweit wir etwas tun können. Trotzdem wird es für euch schwierig und natürlich auch für das Kind, weil es ja für euch alle eine ungewohnte Situation ist und der Junge um seine Eltern trauert.“ „Wir werden uns sicher auch kinderpsychologische Hilfe holen müssen, was denkst du?“ „Gut möglich. Aber das wird euch der Kinderarzt empfehlen, wenn es notwendig wird. Einen Kinderarzt braucht ihr ja in jedem Fall.“
Schon am nächsten Tag hatte seine Kollegin vom Jugendamt den Besuchstermin für die beiden im Kinderheim eingerichtet. Maurice und Sebastian machten sich auf den Weg dorthin, und ihnen kamen die Tränen, als sie den traurigen kleinen Tim vor sich hatten. Sie begrüßten ihn. und beide stellten sich vor. Tim schien sich tatsächlich noch an Maurice zu erinnern, denn er ging sofort auf ihn zu. Maurice nahm Tim auf den Arm, und Tim weinte fürchterlich: „Mein Papa und meine Mama sind tot.“ „Ja, Tim, das wissen wir. Deshalb sind wir hier. Willst du zu uns kommen und bei uns wohnen?“ Darauf erhielten sie zwar keine Antwort mehr, weil der Junge immer noch weinte, aber er drückte sich fest an Maurice, und Julia meinte, der Junge hätte sie direkt ins Herz geschlossen. Das habe sie an seiner Reaktion schon im ersten Moment gesehen. Sie werde ihren Chef notfalls überreden, der Übernahme der Pflege zuzustimmen.
Danach dauerte es nur noch wenige Tage, bis Julia im Jugendamt alles geregelt hatte, allerdings zunächst nur für die Bereitschaftspflege. Maurice und Sebastian holten Tim am Kinderheim ab und fuhren mit ihm nach Hause. Dort erklärten sie ihm alles und zeigten ihm sein Zimmer. Tim „besetzte“ direkt sein Bett und nahm einige Kuscheltiere in Beschlag. Nein, reden wollte er heute angesichts dieser vielen neuen Eindrücke erst einmal nicht mehr. Er ist schon bald eingeschlafen. „Wahrscheinlich hat er im Kinderheim nicht durchschlafen können. Die haben ja nicht die Zeit, sich um jedes einzelne Kind zu kümmern“, meinte Maurice. „Möglich“, sagte Sebastian, „lassen wir ihn erst mal die Nacht in Ruhe. Morgen früh sehen wir weiter.“
Nach zwei Wochen hatte sich der Junge bei Maurice und Sebastian so stabilisiert, dass niemand es mehr gewagt hätte, Tim aus dieser kleinen Familie wieder herauszuholen. Die beiden jungen Männer hatten es irgendwie intuitiv geschafft, dass Tim die Trauer über den Tod seiner Eltern zwar noch längst nicht verarbeitet, aber einen Weg gefunden hatte, sich in deren Haus neu zu orientieren und einzurichten. Er entdeckte täglich neue Dinge, fragte seine neuen Pflegeeltern Sebastian und Maurice ständig, wenn er etwas nicht wusste oder nicht verstand. Die beiden haben ihm geduldig alles erklärt und ihn immer wieder getröstet, wenn er mal wieder um seine Eltern geweint hat. Wenn Julia Beisicht oder andere Mitarbeiter des Jugendamtes ihn besuchten, zeigte er ihnen stolz seine neuen Gemälde. Einmal sagte er: „Heute Mittag bringen wir das Bild zu Mama und Papa auf den Friedhof.“ Maurice und Sebastian gingen täglich mindestens einmal mit Tim zum Grab seiner Eltern. Sie konnten in der Situation nicht anders, als die verstorbenen Eltern wenigstens in der ersten Zeit in Tims Leben miteinzubeziehen. Sie wollten nicht, dass Tim seine Eltern zu schnell vergaß. Eigentlich bestand diese Gefahr auch nicht, weil Tim von sich aus täglich mehrmals über seine Eltern sprach. Verständlich, sie waren ja seine wichtigsten Kontaktpersonen gewesen, seine einzigen Bezugspersonen.
„Wir finden das wichtig, dass Tim in der ersten Zeit seine Trauer versucht zu verarbeiten“ sagte Maurice zu Julia, „die anderen notwendigen Kontakte, also zum Großvater und dann zu anderen Kindern, das wollen wir jetzt langsam angehen.“ Sebastian ergänzte: „Wir haben bereits Kontakt zu einem Kindergarten in der Nähe aufgenommen. In dem arbeiten glücklicherweise nicht nur Frauen, sondern auch ein Mann mit einer entsprechenden Ausbildung. Insofern sind die dort etwas toleranter. Tim kann es bestimmt in seiner Situation jetzt nicht gebrauchen, dass er wegen zweier homosexueller Väter vielleicht auch noch im Kindergarten gemobbt wird. Wir waren mit ihm ja zweimal beim Kinderarzt, und der hat uns jetzt noch einen Kontakt zu einem Kinderpsychologen vermittelt. Sobald wir mit dem Kinderpsychologen gesprochen haben und der ihn untersucht hat, werden wir den ersten Besuch im Kindergarten vorbereiten.“ „Ja, wunderbar, Sebastian. Ich sehe, Tim ist bei Ihnen in guten Händen.“ Sebastian nickte. Dass er einmal eine Vaterrolle einnehmen würde, hatte er bisher auch nicht für möglich gehalten.
Nach vier Wochen und nachdem der Kinderpsychiater signalisiert hatte, dass Tim die Trauerarbeit bisher hervorragend bewältigte, begann Sebastian mit der Eingewöhnungsphase im Kindergarten. Natürlich hatten er und Maurice den Jungen auf den Kindergarten vorbereitet, indem sie ihm ausführlich darüber berichtet und ihm erklärt hatten, wie wichtig die Kontakte zu anderen Kindern für ihn sind. Anfangs hat Sebastian ihn mehrmals morgens gegen neun Uhr in den Kindergarten gebracht und war geblieben, bis die Vorstellungsrunde im Kindergarten vorbei war. Alle Kinder der Gruppe hatten sich dem Tim vorgestellt, und Tim sollte sich am Schluss den anderen Kindern vorstellen. Das hatte Tim dann auch noch gemacht, aber danach wollte er unbedingt mit Sebastian wieder nach Hause. „Das ist nicht weiter schlimm“, hatten die Betreuer gesagt, „der gewöhnt sich langsam daran.“ Also hat Sebastian ihm wieder mitgenommen. Am nächsten Tag ist Tim geblieben. Allerdings hatte er nach zwei Stunden wieder nach Hause gewollt. Also hatte Thomas, einer der Betreuer, angerufen und Sebastian gebeten, ihn abzuholen, was Sebastian natürlich gemacht hatte. Einige Wochen später hatte Sebastian die Idee gehabt, die ganze Kindergartengruppe nach Hause einzuladen mitsamt der Betreuer. „Vielleicht taut der Junge dann auf und kommt besser im Kindergarten klar“, hatte er gemeint. Die Betreuer waren einverstanden, und Sebastian hat ein richtiges Fest vorbereitet mit Brötchen, Kuchen, Kakao und vielen, vielen Spielsachen im Wintergarten. Dieses Fest war so gelungen, und Tim hatte sich so wohl gefühlt, dass der Gang zum Kindergarten in der Folgezeit nie wieder zum Problem geworden ist.
Tim hatte nun viele neue Freunde gefunden. Viele dieser neuen Freunde besuchten ihn nach dem Kindergarten oder am Wochenende. Sebastian und Maurice haben angenommen, dass Tim die Kinder stets eingeladen hatte. Jedenfalls schafften sie immer neue Spielzeuge an und ließen sich auch interessante neue Spiele einfallen, damit bei den Kindern keine Langeweile aufkam. Im Laufe der Monate sah dann auch Julia Beisicht, die die Familie regelmäßig besuchte, wie gut sich Tim bei seinen neuen Pflegeeltern entwickelte. Einmal schlug sie den beiden vor, einen Adoptionsantrag zu stellen, denn Tim hätte sich so hervorragend in ihre Familie eingelebt, dass es vielleicht jetzt an der Zeit sei, an die Adoption zu denken. Bis die Adoption genehmigt würde, würden sie als Jugendamt natürlich die Vormundschaft behalten.
Maurice und Sebastian hatten allerdings Bedenken, hatte der Junge doch noch einen Großvater, den sie regelmäßig im Pflegeheim besucht haben. Sie wollten nicht, dass das letzte familiäre Band zu einem Familienangehörigen eventuell durch eine Adoption zerstört würde. Bei der Pflegevereinbarung ist es daher zunächst geblieben. Damit waren Maurice und Sebastian sehr gut zurechtgekommen. Ihnen war es wichtig, dass sie für den Jungen sorgen konnten, damit es ihm gut ging. Eine Adoption war dazu nicht unbedingt erforderlich. Nur die Bereitschaftspflege, die wurde schon nach wenigen Wochen zu einer dauerhaften Pflege. Das reichte ihnen. Sie hatten die erforderliche Sicherheit auf Grund von Zusagen des Jugendamtes, dass Tim dauerhaft in ihrem Haushalt aufwachsen konnte. Das war für Tim ja auch sehr wichtig, dass er nicht damit rechnen musste, irgendwann in eine andere Pflegefamilie wechseln zu müssen. Dass sie gelegentlich die Unterschrift vom Vormund beim Jugendamt benötigten, störte die beiden nicht. Sie hatten ja ohnehin stetigen Kontakt zu Julia.
Julia Beisicht ist auch in der Folgezeit, als Tim sich längst in die Familie seiner neuen Eltern integriert hatte, regelmäßig zu Besuch gekommen. Eigentlich war sie für Tim, aber auch für Maurice und Sebastian, schon zu einer engen Freundin geworden. Mindestens einmal wöchentlich kam sie und zusätzlich am Wochenende. Diese Besuche am Wochenende waren dann doch eher privater Natur, hatte also nichts mehr mit ihrer Eigenschaft als Vormund zu tun.
Die Adoption hatten Maurice und Sebastian erst beantragt, nachdem der Großvater des Jungen im Pflegeheim verstorben war. Nach dem Tod des Großvaters hatte Tim ja keine Verwandten mehr gehabt. Das war vor über zwei Jahren. Diese Adoption war dann relativ zügig genehmigt worden, denn Julia Beisicht, die sie und Tim seit dem Unfall der Eltern betreut und für die Pflegeerlaubnis gesorgt hatte, hatte eine überaus positive Stellungnahme abgegeben. Der Junge hatte sich bei ihnen allerdings nach anfänglichen Schwierigkeiten im Kindergarten auch sehr gut entwickelt, hatte viele Freunde, die ihn regelmäßig besuchten und war in der Schule derjenige mit den besten Noten in seiner Klasse. Besser hätte es gar nicht laufen können, hatte Julia einmal gesagt. Und das hatte sich auch genauso gemeint.
Nun leben Maurice und Sebastian schon seit fünf Jahren zusammen mit Tim in einer deutschen Großstadt. In einem Dorf könnten sie als Homosexuelle sicherlich nicht so unbehelligt leben wie sie dies in der Großstadt können. Hier in der Stadt sind die Leute toleranter als in einem Dorf. Maurice geht tagsüber seiner Arbeit als Informatiker nach, während Ehemann Sebastian nach wie vor als Werbekaufmann im Homeoffice arbeitet. Er muss nur gelegentlich in die Firma, die ihn als Freiberufler engagiert hat, um seine Entwürfe zu präsentieren. Ansonsten kann er seine Arbeitszeit frei gestalten. Er verdient allerdings auch nicht ganz so viel wie sein Ehemann Maurice. Im Erdgeschoss des Hauses hat er ein großes Arbeitszimmer, in dem seine Computeranlage mit zwei großen Bildschirmen steht. Die benötigt er, um seine Präsentationen zu kreieren und seinem Arbeitgeber vorführen zu können. Die Firma gibt ihm bestimmte Aufträge, die er innerhalb bestimmter Fristen erledigen muss. In welcher Form, da verfügt Sebastian über einen großen Freiraum.
Maurice und Sebastian hatten sich schon kurz nach ihrer Heirat entschlossen, ein gemeinsames Haus zu erwerben. Das war im Nachhinein betrachtet, richtig gewesen. Heute hätten sie für dieses Haus glatt das Doppelte bezahlten müssen. Beide hatten zum Zeitpunkt ihrer Eheschließung schon einige Ersparnisse gehabt, auf die sie beim Kauf des Hauses zurückgreifen konnten. Sie entschieden sich nach einigen Monaten für ein Reihenhaus in einem der Außenbezirke der Stadt, wo die Grundstücke und Immobilien nicht ganz so teuer waren wie in der Stadtmitte und in den anderen Stadtteilen. Den Kaufpreis konnten sie natürlich trotzdem nicht in einer Summe aufbringen, sondern mussten einen Kredit über knapp 300.000 Euro aufnehmen. Der Kaufpreis für das Reihenhaus lag nämlich bei 550.000 Euro.
Dieser Kaufpreis war angemessen für eine derartige Immobilie fanden Maurice und Sebastian. Es handelte sich nämlich um ein sehr schönes und großzügiges Reihenhaus, das etwa 25 Jahre alt war, als sie es gekauft haben, mit einem wunderschönen großen Garten hinter dem Haus. Ein vergleichbar schönes und großes Grundstück hätten sie in der Innenstadt wahrscheinlich gar nicht gefunden. Es interessierte sie auch nicht, ob sie ein vergleichbares Objekt in der Innenstadt hätten finden können, denn sie hätten es dann jedenfalls nicht bezahlen können.
Das Haus hatte sieben große Zimmer und zwei Bäder, eines mit einer Badewanne, das andere mit einer Dusche. Selbst die Küche war überaus großzügig zugeschnitten. Das Wohnzimmer hatte sogar einen angebauten Wintergarten, der in die Terrasse mündete. Und an die Terrasse schloss sich ein herrlicher Garten an. Das Ehepaar, das ihnen dieses Reihenhaus verkauft hatte, war in eine Altersresidenz umgezogen.
Natürlich hatten Maurice und Sebastian innerhalb des Hauses den Zuschnitt der Räume für ihre Zwecke etwas angepasst, einige Zwischenwände entfernt oder verschoben und auch mehrere Fenster, die nicht mehr ganz dicht schlossen, ausgetauscht. Ebenfalls ausgetauscht haben sie sämtliche Innentüren und später auch einige Bodenbeläge. Nur die Fliesen, die haben sie belassen, denn deren Austausch hätte sehr hohe Kosten verursacht und war nicht notwendig. Später hatten sie dann noch die Badeinrichtung erneuert, denn die war nicht mehr ganz zeitgemäß.
Dieses wunderschöne Anwesen konnten Maurice und Sebastian glücklicherweise finanzieren. Sie hatten inzwischen bereits den größten Teil der Darlehenssumme getilgt, ohne sich in ihrem bisherigen Lebenszuschnitt wesentlich einschränken zu müssen, als sie vor der Entscheidung standen, ein Pflegekind aufzunehmen. Das Restdarlehen war auf knapp 50.000 Euro geschmolzen. Im Moment interessierte sie die Tilgung ohnehin nicht so besonders, denn die Zinsen waren so gering, dass die Kreditrate für sie bequem aufzubringen war. Und sie konnten sich daneben noch mehrere Urlaube im Jahr leisten, waren also auf Grund ihrer guten finanziellen Ausstattung in der Situation, ihrem Adoptivsohn Tim ein unbeschwertes Zuhause bieten zu können und überhaupt alles, was sich ein Kind wünschen konnte.
Maurice und Sebastian besitzen jeweils ein eigenes Fahrzeug. Ein Fahrzeug benötigt man natürlich, wenn man in einem solchen Außenbezirk wohnt. In der näheren Umgebung gibt es im Prinzip nur einen Kiosk, aber keinen Supermarkt oder Discounter. Bäcker und Metzger sucht man in dieser Wohngegend ebenfalls vergebens. Und die öffentlichen Verkehrsmittel fahren auch nur morgens und abends. Aber Tim erledigt Unternehmungen überwiegend mit dem Fahrrad. Viele seiner Freunde wohnen nicht so weit entfernt, dass er dazu ein Fahrzeug gebraucht hätte. Sicher, den Weg zur Schule bewältigt er noch nicht mit dem Fahrrad. Maurice nimmt ihn morgens in seinem Fahrzeug mit und setzt ihn an der Schule ab. Sebastian holt ihn dann mittags mit seinem Auto wieder dort ab.
Wenn er erst einmal älter ist, dürfte der Schulweg für ihn bestimmt ohne weiteres zu bewältigen sein. Es sind eigentlich nur vier Kilometer. Allerdings müsste der Junge dann eigenständig mehrere größere und für Kinder seines Alters nicht so leicht zu bewältigende Kreuzungen mit mehreren Fahrspuren für die Kraftfahrzeuge passieren. Das halten Maurice und Sebastian für einen Achtjährigen noch zu kompliziert, besonders im Berufsverkehr. Sie glauben, Tim könnte bei diesem erheblichen Verkehrsaufkommen die Übersicht verlieren. Einen Verkehrsunfall mit unabsehbaren Folgen für das Kind, das wollten sie unter allen Umständen vermeiden.
Tim hat zwei Kinderzimmer. Eines, das kleinere, benutzt er als Schlafzimmer, das andere als Arbeits- und Spielzimmer, wo er Schreibtisch, Musikanlage, Fernseher, Couch und Sessel untergebracht hat. Daneben sind in der oberen Etage noch Schlafzimmer für Maurice und Sebastian, Gästezimmer, Bad und eine Bibliothek. Die Bibliothek, die mit bequemen Sesseln und einer Couchgarnitur ausgestattet ist, kann natürlich auch Tim nutzen, zumal die Regale gut mit interessanten Kinderbüchern gefüllt sind. Unten befinden sich Sebastians Arbeitszimmer, ein Duschbad, die Küche und das Wohnzimmer mit dem Wintergarten. Der Wintergarten ist praktisch der Raum, in dem sich die Familie in ihrer Freizeit überwiegend aufhält. Dort wird auch gegessen, soweit die Familie nicht in der Küche isst.
Im Sommer hat Tim mit seinen Schulfreunden, die er regelmäßig zu sich nach Hause eingeladen hat, die Nachmittage fast nur im Garten verbracht. Im Winter und wenn es mal regnet, dann besetzen die Kinder eben den Wintergarten. Auch der ist ziemlich gemütlich eingerichtet und für Kinderspiel geradezu ideal. Sebastian hatte im Laufe der Zeit so ziemlich alle Utensilien, die er und Maurice vorher dort platziert hatten, aus dem Wintergarten entfernt und ins angrenzende Wohnzimmer geräumt, um den Wintergarten komplett mit Kinderspielzeug ausstatten zu können. Das war für Tims Freunde ein zusätzlicher Anreiz, ihn am Nachmittag und am Wochenende regelmäßig zu besuchen. Eine große Rolle spielte natürlich auch, dass die Erwachsenen sich nicht einmischten, wenn die Kids am Nachmittag ihre Freizeit gestalteten. Sie sorgten nur dafür, dass genug zu essen und zu trinken dort stand. Alles andere organisierte Tim selbst. Er war ja schon acht, also kein Kleinkind mehr.
Der Garten ist riesig und so gestaltet, dass die Nachbarn von dem Lärm spielender Kinder nicht beeinträchtigt werden. Maurice hatte direkt nach dem Einzug eine meterdicke Hecke anpflanzen lassen, die inzwischen das Grundstück dicht abschließt. Zusätzlich haben Maurice und Sebastian die Außenterrasse optisch so gestaltet, dass sie quasi als Abschluss der kleineren Fläche, auf der Stühle, Sessel und Tische stehen, mehrere Reihen mit Bäumen und teilweise auch Sträuchern bepflanzt. Von außen sieht man nichts mehr, und man hört auch kaum etwas. Kinderlärm wird also weitgehend absorbiert. Die vielen Bäume und Sträucher und die abschließende Hecke sorgen dafür, dass nichts zum Nachbarn dringt.
Es gibt deshalb keinerlei Beschwerden von Nachbarn, wenn Tim mit seinen Freunden an Sommertagen im Freien laute Spiele veranstaltet, die Kinder ausgelassen im Freien toben, die Schaukel oder das Klettergerüst benutzen und laute Musik abspielen. Bisher hat sich nie ein Nachbar gestört gefühlt. Sicher, das Grundstück ist sehr groß und das Nachbargrundstück etwas entfernter. Man wohnt hier nicht ganz so dicht nebeneinander wie in der Innenstadt, wo die Grundstücke wegen der höheren Grundstückspreise wesentlich kleiner sind.
Tim lebt nun schon seit fünf Jahren bei Maurice und Sebastian. Anfangs hatte es einige Probleme gegeben, als sich Tim in der Kindergartengruppe noch nicht so gut zurechtgefunden hatte. Dann hatte Sebastian ihn einige Male früher abgeholt und mit ihm irgendetwas in der Umgebung unternommen. Mal war er mit ihm in den Zoo gegangen, ein anderes Mal in einen Abenteuerpark. Als er einen dringenden Auftrag hatte erledigen müssen, hatte er Tim allerdings einen Nachmittag lang in einer Spielgruppe im Möbelhaus abgesetzt. Das hatte dem Jungen nicht so gut gefallen. Dagegen hatte Tim die Ausflüge in den Tierpark oder in den Abenteuerpark immer sehr positiv aufgenommen.
Die Eingewöhnungsphase im Kindergarten, so die Betreuerin Kimberley zu Maurice und Sebastian, habe Tim eigentlich längst hinter sich, sie könne sich gar nicht vorstellen, wieso Tim immer noch solche Probleme mache und häufiger vorzeitig vor der Mittagspause abgeholt werden wollte. Maurice allerdings wusste wahrscheinlich genau, was los war. Zumindest ahnte er es. „Sebastian, wenn du mit ihm in den Tierpark gehst, ist das natürlich für den Jungen interessanter als der Kindergarten. Oder wenn du mit ihm in die Stadt gehst, um Eis zu essen oder auf den Abenteuerspielplatz. Aber der Junge muss schließlich lernen, wie man Kontakte zu anderen Kindern aufbaut und Freundschaften schließt. Dazu muss er im Kindergarten zurechtkommen. Sieh zu, dass er den Kindergarten endlich akzeptiert. Wenigstens bis zum Mittag.“
„Das ist nicht so einfach, Maurice. Der Junge weint eben manchmal, wenn ich ihn in den Kindergarten bringe.“ „Ach, und dann nimmst du ihn besser gleich wieder mit nach Hause, oder wie?“ Das wenigstens konnte sich Maurice bei seinem Ehepartner vorstellen. Er war überaus gutmütig und hat jegliche Auseinandersetzung vermieden. Sie einigten sich nach der Diskussion schließlich darauf, dass Tim zunächst für eine Übergangszeit nur drei Stunden am Vormittag den Kindergarten besucht und Sebastian nachmittags etwas mit ihm unternimmt, jedenfalls, sofern es ihm seine Zeit erlaubt. Das hatte allerdings in den folgenden Wochen auch nicht immer funktioniert.
Die Problematik im Zusammenhang mit dem regelmäßigen Kindergartenbesuch hatte Sebastian erst in den Griff bekommen, als er im Wintergarten eine große Feier mit der gesamten Kindergartengruppe arrangiert hatte. Danach allerdings gab es wegen des Kindergartenbesuchs mit dem Jungen keine Diskussion mehr. Dazu hatte Sebastian einfach die ganze Gruppe des Kindergartens einschließlich der Betreuer eingeladen, damit dem Jungen der Kontakt leichter fallen würde, wie er sich gegenüber dem Personal ausgedrückt hat, Kakao und Kuchen sowie belegte Brötchen vorbereitet und eine Unmenge von Kinderspielen besorgt. Seitdem liebt Tim den Kindergarten, und der Wintergarten war am Spätnachmittag und am Wochenende stets voller Kinder aus der Kindergartengruppe. Die hat Tim einfach alle eingeladen. Seit diesem Event hat Tim den Kindergarten immer gern besucht. Inzwischen war der Junge nämlich im Kindergarten so etwas wie der King.
Tim hatte sich in den folgenden Monaten hervorragend entwickelt und besuchte nach etwa einem Jahr den Kindergarten sogar freiwillig auch am Nachmittag. Er gewann viele weitere Freunde im Kindergarten. Auch unter den Kindern der anderen Kindergartengruppen. Die konnte er ebenfalls nach Hause einladen, wenn es etwas zu Feiern gab. Manchmal kamen viele Kinder aber auch ohne besonderen Anlass am Wochenende zu Besuch. Tim hatte seine Freunde gelegentlich einfach eingeladen, ohne seine Eltern vorher zu fragen. Für Maurice und Sebastian war das in Ordnung. Sie liebten es, dieses „Leben im Haus“.
Im Sommer können die Kinder wunderbar im Garten spielen und auf der Terrasse. Bei schlechtem Wetter steht der Wintergarten zur Verfügung. Und da Tim wirklich sehr viele Spielsachen besitzt, der Wintergarten geradezu vollgestopft mit Spielsachen ist, finden seine Freunde immer eine Möglichkeit, sich zu beschäftigen. Da spielt es kaum eine Rolle, wie viele Kinder Tim mit nach Hause bringt. Oft spielen Maurice und Sebastian gemeinsam mit Tim und seinen Freunden, etwa, wenn sich die Kinder für Monopoly entschieden haben. Solche Spiele kennen sie ja auch noch aus Kindertagen und mögen sie entsprechend.
Sebastian hat sich natürlich im Laufe der Wochen erst an die vielen Kinder im Wintergarten gewöhnen müssen. Nicht dass ihn die vielen Kinder gestört hätten, im Gegenteil. Sebastian hat nur manchmal ein Problem damit, für alle Kinder genügend Getränke wie Kakao, Milch und Saft bereitzuhalten. Dann muss er oft eine Nachbarin bitten, auf die Kinder aufzupassen, um schnell im Supermarkt oder im Getränkemarkt entsprechenden Nachschub besorgen zu können. Natürlich muss er im Laufe des Nachmittags auch genügend belegte Brote vorbereiten, Kuchen und Plätzchen. Kinder haben halt auch ihre Bedürfnisse. Inzwischen weiß er allerdings in etwa, wie groß die Vorräte sein müssen und sorgt regelmäßig am Wochenende entsprechend vor.
Seit mehr als zwei Jahren besucht Tim nun die etwa drei Kilometer entfernte Grundschule. Er befindet sich im dritten Schuljahr. Kurz vor seiner Einschulung ist sein Großvater gestorben. Das war dann der Zeitpunkt, zu dem Julia Beisicht die Adoption des Jungen angeregt hatte. Tim hatte zu diesem Vorschlag gesagt: „Ich finde das gut, jetzt wo ich keinen Großvater mehr habe und auch sonst niemanden. Dann bekomme ich wenigstens neue Eltern.“ Maurice und Sebastian mussten nicht lange nachdenken, denn sie hatten sich bereits frühzeitig entschieden, Tim zu gegebener Zeit zu adoptieren. Nach dem Tode des Großvaters war dieser Zeitpunkt gekommen.
Maurice bringt Tim morgens, wenn er zur Arbeit fährt, mit seinem Fahrzeug zur Schule. Das bedeutet für ihn nur einen kleinen Umweg. Abgeholt wird Tim dann mittags von Sebastian. Ab dem nächsten Schuljahr würde Tim wahrscheinlich mit dem Fahrrad zur Schule fahren. Er besitzt schon seit zwei Jahren ein Fahrrad. Allerdings haben Maurice und Sebastian ihn bisher bei Fahrradtouren immer begleitet, weil sie unsicher sind, ob sich der Junge im Straßenverkehr verkehrsgerecht verhalten würde. Sie haben ihm zwar alle wichtigen Verkehrsregeln beigebracht, befürchten allerdings, dass Tim diese vielleicht, wenn er abgelenkt wird, nicht alle befolgen würde. Und ein Junge in seinem Alter konnte im morgendlichen Berufsverkehr schon mal leicht den Überblick verlieren und in kritischen Situationen falsch reagieren. Das Risiko war ihnen noch zu groß. Seit einigen Wochen fahren sie nun die Strecke zur Schule gelegentlich mit dem Jungen gemeinsam ab, um ihn auf gefährliche Straßenkreuzungen hinzuweisen. Verkehrsunterricht für Radfahrer hatte Tim auch schon gehabt, kannte also die meisten Verkehrszeichen und die Verkehrsregeln.
In der Grundschule, die Tim besucht, hat er von Anfang an viele Freunde gefunden. Einige seiner Mitschüler hat er ja noch aus dem Kindergarten gekannt, aber er hat auch viele ihm bisher fremde Kinder zusätzlich kennengelernt. Tim lädt häufig seine ganzen Klassenkameraden für den Samstagmittag ein. Er liebt die Gesellschaft vieler Kinder im Garten oder, wenn es regnet, im Wintergarten. Manchmal sind auch Kinder aus der Parallelklasse dabei, denn auch mit diesen Schülern hat Tim sich bereits angefreundet.
Maurice und Sebastian sind froh über die zahlreichen Kontakte, denn Tim hat es in der Vergangenheit nach dem Tod seiner beiden Eltern nicht ganz einfach gehabt. Inzwischen hat er diese Phase, so glauben sie, überwunden. Sicher geht er immer noch regelmäßig mit ihnen zum Friedhof, aber er weint schon lange nicht mehr bei jeder Gelegenheit, wenn über seine Eltern gesprochen wird. „Bei Kindern ist ein Zeitraum von fünf Jahren eine halbe Ewigkeit“, hatte Sebastian neulich zu Maurice gesagt, „mich wundert es gar nicht, dass er heute so unbeschwert agieren kann.“ „Ja, du hast Recht. Allerdings brauchst du nicht so bescheiden sein, einen großen Anteil daran, dass es ihm so gut geht, hast auch du.“ Das stimmt natürlich, denn Sebastian ist derjenige, der ihn nachmittags stets betreut, mit ihm viel unternimmt und eben einfach immer Zeit für ihn hat. Maurice hingegen kommt meistens erst kurz vor dem Abendessen nach Hause.
Beide sind natürlich auch sehr stolz auf Tim, denn er zeigt in der Schule sehr gute Leistungen. „Das ist wahrscheinlich aus der Erbmasse vom Bernd“, hat Maurice einmal gesagt, „Bernd war auch so ein Streber, hatte immer nur Einser, hat er mir mal erzählt. Und im Studium war er auch der Beste, hat alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden.“ „Ja, wir ziehen uns da gerade ein kleines Genie heran.“ „Aber ein sehr sympathisches.“ „Was wohl aus ihm einmal werden wird? Ich könnte mir vorstellen, dass er Medizin oder Biologie studiert und dann in die Forschung geht oder an der Universität bleibt.“
Eine gute Freundin der ganzen Familie ist auch Julia Beisicht, die im Jugendamt beschäftigte Kollegin des Maurice, die sich außerordentlich viel Mühe bei der Erteilung der Pflegeerlaubnis für Maurice und Sebastian und auch später bei der Vorbereitung der Adoption gegeben hat. Sie ist im Laufe der letzten Jahre zu einer sehr engen Freundin der gesamten Familie geworden, besucht sie sehr häufig und nimmt auch an vielen Unternehmungen der Familie teil. Ihr Kontakt zu Tim, Maurice und Sebastian ist sehr viel häufiger als die üblichen Beziehungen zu Familienangehörigen oder zu Freunden.
Eines Nachts träumt Maurice, wie sein Ehemann Sebastian ihr gemeinsames Adoptivkind Tim umbringt. Sebastian hat sich über das Bett gebeugt und dem Jungen einfach die Kehle zugedrückt, bis Tim keine Luft mehr bekommen hat und erstickt ist. In seinem Traum natürlich nur. Maurice kann sich zunächst vor Schreck überhaupt nicht bewegen, fühlt sich hilflos und glaubt, Tim sei für immer verloren. Da wacht er plötzlich schweißgebadet auf und rennt wie in Trance sofort ins Kinderzimmer zu Tim, um nach ihm zu sehen. Tim schläft seelenruhig in seinem Bett. Ihm ist also nichts passiert. Maurice fällt ein Stein vom Herzen. Er hatte im Traum tatsächlich geglaubt, Sebastian hätte Tim umgebracht.
Aber sein Ehemann Sebastian ist ebenfalls aufgewacht und steht plötzlich neben ihm im Kinderzimmer vor Tims Bett. „Was ist los, Maurice? Wieso rennst du wie von einer Tarantel gestochen los?“ Maurice umarmt seinen Ehemann Sebastian im Halbschlaf und murmelt: „Ach Basti, ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Ich hab was Schreckliches geträumt!“ Allerdings erzählt Maurice seinem Ehemann nicht, was er geträumt hat. Wahrscheinlich ist ihm das zu peinlich. Und es erscheint ihm auch viel zu grausam. Wie kann man bloß etwas derartig Makabres träumen? Sebastian fragt auch nicht nach dem Inhalt seines Traums, sondern ist inzwischen bereits zurück in sein Bett gegangen. Ihm ist kalt geworden, und er ist überaus müde. Also geht auch Maurice zurück in ihr Schlafzimmer.
Maurice legt sich wieder zu Sebastian ins Bett, der bereits wieder eingeschlafen ist und ihm daher keine Fragen mehr stellt. Er denkt über seinen schrecklichen Traum nach und ist immer noch so schockiert über diesen Alptraum, dass er zunächst glaubt, nicht wieder einschlafen zu können. Wie kommt er auf einen derart grausamen Gedanken, dass Sebastian, der den Jungen über alles liebt, ihn umbringen könnte? Eher würde er sich selbst umbringen als dem Jungen auch nur ein Haar zu krümmen. Aber welche Bedeutung kann ein Traum mit einem derart seltsamen Inhalt haben? Diese Frage lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Maurice grübelt noch eine Weile darüber, bis er auf Grund von Müdigkeit irgendwann eingeschlafen ist.
Maurice und Sebastian werden vom kreischenden Geräusch ihres Weckers geweckt. Selbst Maurice ist aus einem Tiefschlaf geweckt worden. Er ist immer noch ziemlich müde, weil ihn dieser fürchterliche Traum seinem Eindruck nach vermutlich lange wachgehalten hat. Nun müssen sie allerdings aufstehen, denn sie müssen ja arbeiten, und Tim muss zur Schule. Maurice geht ins Kinderzimmer und weckt Tim, während Sebastian in die Küche hinuntergeht, um das Frühstück vorzubereiten. Danach geht Maurice ins Bad, um sich zu duschen und die Zähne zu putzen. Tim kommt schon nach einer Minute hinterher und putzt sich ebenfalls die Zähne. Die beiden reden nicht viel am Morgen, denn sie sind beide noch etwas schläfrig. Tim beendet seine „Katzenwäsche“ ziemlich schnell und verschwindet wieder im Kinderzimmer, um sich anzuziehen und seine Schulsachen zusammenzupacken.
