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Der Kardinal war überaus fromm. Als frommer Kirchenmann konnte er es nicht ertragen, wenn seine Priester ständig kleine Jungs belästigt haben. Deshalb hat er alles versucht, um den kirchlichen Skandal zu vertuschen. Aber der Skandal ist trotzdem irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt. Totschweigen half irgendwann nicht mehr. Also versuchte der Kardinal, die Geistlichen zu sanktionieren. Er ordnete deren Versetzung an, wenn sie wegen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen aufgefallen waren. Nachdem er in Rom größeren Einfluss gewonnen hatte, setzte er sich dafür ein, mit der Öffentlichkeit anders umzugehen, denn er glaubte, auf Dauer würde sich das Problem nicht vertuschen lassen. Und irgendwann nach vielen Jahren, da tat es ihm sogar leid, dass er nicht schon vor Jahrzehnten, seit er von dem Missbrauch wusste, versucht hatte, dagegen vorzugehen, ihn zu bekämpfen. Allerdings anfangs unter größtmöglicher Schonung der Täter und ohne besondere Rücksicht auf die Opfer. Es begann eine mehr oder weniger (un)systematische Aufarbeitung, und die Kirche zahlte an viele Betroffene eine Entschädigung. Bis die Opfer oder zumindest einige von ihnen begannen, Schmerzensgelder nie gekannten Ausmaßes einzuklagen. Die in diesem Roman geschilderten Personen und ihre Aktionen sind frei erfunden, haben also nichts, rein gar nichts mit der Realität zu tun. Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig.
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Seitenzahl: 210
Veröffentlichungsjahr: 2025
Helga Geerkens
Ein kirchlicher Saustall
Die systematische Vertuschung
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Einleitung
2. Rückblick in das Jahr 1980
3. Sebastian 45 Jahre später
4. Erzbischof Espelkamp im Jahre 1995
5. Erzbischof Schwetzinger im Jahre 1980
6. Rückblick ins Jahr 1983
7. Kardinal Schwetzinger 1986
8. Tims Leben im Zeitraum 1986 - 1995
9. Matthias Schicksal 1988
10. Kardinal Schwetzinger im Jahre 2001
11. Sebastian fragt nach den Ursachen
12. Rückblick: Georgs Situation im Jahre 1988
13. Matthias im Jahre 2010
14. Kardinal Schwetzinger im Jahre 2015
15. Rückblick ins Jahr 2010: Georg
16. Die Prozesse
17. Die Missbrauchsgutachten
18. Der Vatikan-Missbrauchsbericht
Impressum neobooks
EIN KIRCHLICHER SAUSTALL
DIE SYSTEMATISCHE VERTUSCHUNG
Helga Geerkens
Roman 2025
Inhalt (Zusammenfassung)
Der Kardinal war überaus fromm. Als frommer Kirchenmann konnte er es nicht ertragen, wenn seine Priester ständig kleine Jungs belästigt haben. Deshalb hat er alles versucht, um den kirchlichen Skandal zu vertuschen. Aber der Skandal ist trotzdem irgendwie an die Öffentlichkeit gelangt. Totschweigen half irgendwann nicht mehr. Also versuchte der Kardinal, die Geistlichen zu sanktionieren. Er ordnete deren Versetzung an, wenn sie wegen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen aufgefallen waren. Nachdem er in Rom größeren Einfluss gewonnen hatte, setzte er sich dafür ein, mit der Öffentlichkeit anders umzugehen, denn er glaubte, auf Dauer würde sich das Problem nicht vertuschen lassen. Und irgendwann nach vielen Jahren, da tat es ihm sogar leid, dass er nicht schon vor Jahrzehnten, seit er von dem Missbrauch wusste, versucht hatte, dagegen vorzugehen, ihn zu bekämpfen. Allerdings anfangs unter größtmöglicher Schonung der Täter und ohne besondere Rücksicht auf die Opfer. Es begann eine mehr oder weniger (un)systematische Aufarbeitung, und die Kirche zahlte an viele Betroffene eine Entschädigung. Bis die Opfer oder zumindest einige von ihnen begannen, Schmerzensgelder nie gekannten Ausmaßes einzuklagen.
Die in diesem Roman geschilderten Personen und ihre Aktionen sind frei erfunden, haben also nichts, rein gar nichts mit der Realität zu tun. Etwaige Übereinstimmungen mit lebenden oder verstorbenen Personen sind daher rein zufällig.
Inhaltsverzeichnis
In den Kinderheimen, Pflegeheimen, Jugendheimen und Ferienfreizeiten waren immer sehr viele Kinder und Jugendliche auf engstem Raum untergebracht. Kinder, um die sich ihre Eltern nicht kümmerten oder nicht kümmern konnten und Kinder, die überhaupt keine Eltern mehr hatten. Oder Kinder, die einfach nur einmal eine unbeschwerte Ferienzeit ohne Eltern verbringen wollten.
Die Kirchen, allen voran die katholische Kirche, haben sich stets hervorragend für diese Kinder eingesetzt, sich um sie gekümmert, sie betreut, versorgt und sie erzogen, vor allem im katholischen Glauben. Das war nachvollziehbar. Aber war es auch gerechtfertigt, sie autoritär zu erziehen und zwar so autoritär, dass die Kinder und Jugendlichen sich sogar sexuelle Übergriffe durch katholisches Personal, allen voran die katholischen Geistlichen, schon fast zwangsläufig gefallen lassen mussten, weil sie ja in gewisser Weise schutzlos, von den Geistlichen als Autoritätspersonen abhängig und ihnen daher ausgeliefert waren?
Es gab überaus viele Möglichkeiten für Kinder und Jugendliche, mit Priestern und sonstigen kirchlichen Amtsträgern in näheren Kontakt zu kommen. Auch waren es nicht nur Kinder und Jugendliche in kirchlichen und staatlichen Einrichtungen, die zu den Geistlichen wie auch den sonstigen Betreuern und Erziehern in einem Abhängigkeitsverhältnis standen. Betroffen waren auch Kinder und Jugendliche, die täglich zu den Eltern zurückgekehrt sind, also zu den kirchlichen Amtsträgern nicht auf Dauer in einem Abhängigkeitsverhältnis gestanden haben. Darunter waren zum Beispiel die Messdiener. Die Messdiener und die Kinder, welche an den Ferienfreizeiten teilnahmen, standen nur zeitweise zu den Geistlichen, die zum Betreuerpersonal gehörten, in einem Abhängigkeitsverhältnis. Diese verhältnismäßig kurzen Zeiten haben den Geistlichen allerdings ausgereicht, um sich die Kinder gefügig zu machen, sie sexuell auszunutzen.
Viele von diesen Kindern und Jugendlichen sind von pädophilen Geistlichen missbraucht worden, manchen von ihnen sogar über viele Jahre hinweg. Nicht nur einmal, nicht nur gelegentlich, sondern systematisch über einen langen Zeitraum hinweg. Nicht alle Missbrauchstäter waren pädophil. Es gab auch Homosexuelle unter den Priestern und ganz normale Heterosexuelle. Nach außen hin waren alle Geistlichen enthaltsam, ganz so, wie es die katholische Kirche immer gepredigt hatte. Aber manche von diesen Geistlichen hatten eben auch so ihre Bedürfnisse. Die haben sie dann heimlich ausgelebt. Dass sie sich dabei in erster Linie an die Kinder, also an diejenigen, die besonders schutzbedürftig und ihnen meist auch anvertraut waren, gehalten haben, das war schäbig, aber naheliegend, denn die konnten sich nicht dagegen wehren.
Häufig blieben solche Missbrauchstaten lange unbekannt, jahrzehntelang, sie blieben „unter der Bettdecke“, weil die Kinder sich nicht oder nur höchst selten getraut haben, darüber mit den Eltern, anderen Bezugspersonen oder Vertrauenspersonen zu reden. Häufig fehlte es den betroffenen Kindern sogar an Vertrauenspersonen. Diese Kinder waren dann sich selbst überlassen und den Geistlichen noch schutzloser ausgeliefert. Mit wem sollten sie über die Vorfälle reden? Vielleicht mit ihren Lehrern? Mit wem konnten sie überhaupt über etwas derart Peinliches reden, ohne dass ihnen sogleich eine Art von Mitschuld angelastet worden wäre?
Schließlich hatte ja nicht zuletzt die katholische Kirche dafür gesorgt, dass die menschliche Sexualität tabu geworden war. Darüber redeten „anständige Menschen“ nicht. Das war etwas Schmutziges, jedenfalls damals. So hatte es sich seinerzeit in den Köpfen frommer Katholiken eingebrannt. Dafür hatte die katholische Kirche mit ihrer Jahrhunderte alten strengen Sexualmoral schon gesorgt. Umso schäbiger, dass sich ihre eigenen Geistlichen nicht alle an diese Sexualmoral gehalten haben.
Es gab natürlich auch in anderen kirchlichen Organisationen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen. Selbst die Kirchen, die keine strengen Sexualregeln kannten, wie sie die katholische Kirche jahrhundertelang gepredigt hat. Es ist also nicht das Problem der katholischen Kirche allein, sondern dieser Problematik müssen sich alle Kirchen und Religionsgemeinschaften stellen, aber auch sonstige Machtapparate wie einige staatliche Behörden, denn auch dort gab es lange Zeit den systematischen Kindesmissbrauch, zum Beispiel in Kinderheimen.
Als die systematische Vertuschung solcher Taten von Geistlichen irgendwann einmal nicht mehr funktionierte, weil in manchen Kreisen vermehrt offen darüber geredet wurde, begann die katholische Amtskirche mit einer gewissen Art von Aufarbeitung, die allerdings nur halbherzig die Verantwortlichen benannte. Danach begann die symbolische Entschädigung einiger Opfer. Diejenigen, die als Kind oder Jugendliche jahrelang von sexuellen Übergriffen katholischer Geistlicher betroffen waren, konnten eine symbolische Entschädigung für die erlittene Gewalt erlangen. Die Amtskirche war so gnädig, sich nicht auf die Einrede der Verjährung zu berufen.
Sebastian liegt auf seiner Luftmatratze in seinem Zelt im Ferienlager. Aber eigentlich ist es gar nicht sein Zelt, sondern das Zelt seines Pfarrers. Sebastian darf heute im Zelt des Pfarrers schlafen. Die anderen Kinder der Ferienfreizeit müssen in den großen Zelten schlafen. Dort hat auch Sebastian in den ersten Tagen geschlafen. Wie die Heringe haben sie da dicht an dicht gelegen. Und es ist sehr unruhig in diesen großen Zelten. Sebastian ist oft von den anderen Kindern geärgert und geschubst worden. Häufig haben ihn die anderen Kinder auch mit Äpfeln oder mit Bällen beworfen. Wenn es so unruhig ist, können viele Kinder gar nicht einschlafen, besonders Sebastian nicht. Einige von ihnen wollen auch gar nicht schlafen. Sie legen es eher darauf an, irgendwelchen Blödsinn zu machen, damit die anderen Kinder auch nicht zum Schlafen kommen.
Sebastian ist froh, dass er heute beim Pfarrer im Zelt übernachten kann. Da hat er wenigstens seine Ruhe vor der Belästigung durch die anderen Kinder, die dort Luftmatratze an Luftmatratze eng zusammengepfercht nächtigen müssen. Sebastian glaubt, dass er heute wenigstens von den groben Knuffen und Schlägen verschont bleibt und eine ungestörte Nacht verbringen kann. Heute Nacht, denkt Sebastian, hat er wenigstens mal seine Ruhe. Hier ist er völlig ungestört. Im Augenblick hat er ja noch das ganze Zelt für sich allein.
Sebastians Annahme über eine ungestörte Nacht stimmt nur zum Teil. Die Belästigung durch das Werfen irgendwelcher Gegenstände und die ständigen Schubser der anderen Kinder muss er zwar heute Nacht nicht befürchten. Aber gegen zehn Uhr erscheint der Pfarrer im Zelt, nur mit einem offenen Bademantel halbwegs bekleidet. Er riecht sehr streng, schwitzt und spricht ganz anders als zuvor am Tag, irgendwie flüstert er fast, legt sich, obwohl auf der anderen Seite des Zeltes noch ausreichend Platz ist, direkt ganz dicht neben Sebastian auf die Luftmatratze und drückt sich an ihn. Sebastian ekelt sich geradezu vor dem schwitzenden Pfarrer und versteht im ersten Moment überhaupt nicht, was mit ihm los ist, wieso er sich so seltsam verhält. Sonst benimmt der Pfarrer sich doch völlig anders, normal eben. Wieso schmeißt er sich jetzt so penetrant an Sebastian heran?
Als der Pfarrer sich immer weiter an ihn drängt und anfängt, Sebastians Schlafanzughose herunterzuziehen und ihn fest am Po anfasst, denkt Sebastian plötzlich, er müsste sich übergeben, so penetrant und unangenehm ist ihm das Verhalten des Pfarrers. Dann stöhnt Pfarrer ganz laut, so laut, dass Sebastian erschrickt. Sebastian ist fassungslos, denn er kann nicht begreifen, wieso der Pfarrer solche Dinge mit ihm anstellt. Das darf er doch gar nicht. So sagte er es jedenfalls immer in seinen Predigten. Dann nimmt der Pfarrer einfach Sebastians Penis in die Hand und sagt zu ihm, er solle seinen Penis ebenfalls in die Hand nehmen. Sebastian will das nicht, aber der Pfarrer nimmt einfach seine Hand und führt sie zu seinem Penis. Der ist steif und hart wie ein Brett, denkt Sebastian, sagt aber nichts. Aus lauter Ekel zieht Sebastian seine Hand sofort wieder weg und denkt, wieso nimmt er seinen Penis nicht selbst in die Hand, ist doch seiner.
Dann springt Sebastian plötzlich auf, sagte irgendetwas völlig Unverständliches zum Pfarrer und rennt aus dem Zelt. Er ist völlig panisch, kann nicht begreifen, was mit ihm geschieht, was sich der Pfarrer dabei denkt, so etwas von ihm zu verlangen. Sebastian läuft ziellos Richtung Wald und dort zu einigen Büschen, wo er sein Abendessen ausspuckt. Ihm ist ganz übel. Dann setzt er sich noch etwas weiter vom Zeltlager weg auf eine Grasfläche hinter den Büschen, so dass der Pfarrer ihn vom Zelt aus nicht mehr sehen kann. Dann fängt er an zu weinen, aber ganz leise, damit ihn niemand von den anderen Kindern und von den Betreuern hört. Sebastian schämt sich. Dann wird er wütend. Er läuft eine Zeitlang ziellos durch den Wald. Bis ihm einfällt, dass er ja vielleicht nie wieder zum Zeltlager zurückfindet, wenn er sich zu weit entfernt, die Beleuchtung also nicht mehr sehen kann. Deshalb kehrt er um.
Sebastian nimmt sich auf dem Rückweg zum Zeltlager vor, nie wieder bei dem Pfarrer im Zelt zu übernachten. Lieber lässt er sich die ganze Nacht mit allen möglichen Utensilien bewerfen als noch einmal das Zelt des Pfarrers zu betreten. In dieser Nacht aber traut er sich überhaupt nirgendwo mehr hin. Als er das Zeltlager fast erreicht hat, bleibt er erst einmal stundenlang hinter den Büschen sitzen, beobachtet das Lager und denkt nach. Soll er seinen Eltern von dem Verhalten des Pfarrers berichten? Ob die ihm das überhaupt glauben werden? Bestimmt nicht, denn immerhin ist der Pfarrer ein frommer Mann und predigt ständig über die zehn Gebote und was man nicht machen darf. Wahrscheinlich würde sein Vater sagen, das könne er sich bei einem so frommen Mann gar nicht vorstellen! Seine Mutter würde das erst recht nicht glauben. Wahrscheinlich würde sie fürchterlich schimpfen, weil er einen frommen Mann wie den Pfarrer so schlecht macht. Der Verstoß gegen das sechste Gebot war doch für einen katholischen Pfarrer das Schlimmste, was man sich überhaupt vorstellen konnte.
Sebastian entschließt sich nach einigen Stunden des Nachdenkens über seine unangenehme Situation, am nächsten Morgen seine Mutter anzurufen, um sie zu fragen, ob sie ihn im Ferienlager abholen könne. Seine Mutter würde natürlich fragen, warum er denn jetzt schon nach Hause wolle. Dann würde er einfach sagen, ihm sei unheimlich schlecht, er habe mittags zuvor vermutlich etwas Falsches gegessen und sich übergeben müssen. Wenn er krank wäre, ja, dann würde seine Mutter ihn bestimmt im Zeltlager abholen, dachte Sebastian. Aber ganz sicher war er da nicht. Vielleicht würde sie das auch verharmlosen und ihn dann überreden, im Ferienlager zu bleiben.
Sebastian wurde am nächsten Morgen im Gebüsch wach. Ziemlich dicht neben seiner Hinterlassenschaft vom Vorabend, nämlich seinem halbverdauten Abendessen. Das roch ziemlich unangenehm. Es war bereits hell geworden. Wahrscheinlich hatte sich Sebastian im Laufe der Nacht umgedreht und war durch das Gebüsch gekrabbelt. Sebastian fiel natürlich sofort ein, warum er aus dem Zelt des Pfarrers geflüchtet war. Und nun wollte er seine Mutter anrufen, um sie zu bitten, ihn hier abzuholen. Ihm war immer noch schlecht. Frühstücken wollte er jetzt auf keinen Fall. Deshalb machte er sich auf den Weg in das Dorf, wo er hoffte, eine Telefonzelle zu finden.
Sebastian hat Glück. Er findet eine Telefonzelle, wirft ein paar Münzen in den Schlitz und wartet. Hoffentlich ist seine Mutter überhaupt zu Hause, denkt er. Oder ob sie vielleicht am frühen Morgen bereits zum Einkaufen gefahren ist? Nach dem fünften Piepton wird endlich das Gespräch angenommen. Seine Mutter ist am Apparat. „Mama“, sagt Sebastian leise, „kannst du mich am Zeltlager abholen? Mir ist so schlecht.“ „Ach Junge, hast du denn etwas Falsches gegessen? Oder hast du vielleicht sogar Alkohol getrunken?“ „Nein, Mama. Ich weiß auch nicht. Heute Nacht musste ich mich übergeben. Und mir ist so schlecht, dass ich heute unmöglich an dem geplanten Waldlauf teilnehmen kann.“
„Weißt du was, Sebastian, sag den Betreuern Bescheid und leg dich heute ins Zelt. Heute Abend geht es dir vielleicht schon besser. Vor heute Abend könnte ich dich unmöglich abholen, denn du weißt ja, Papa ist mit dem Auto zur Arbeit und kommt erst nach 17 Uhr zurück.“ „Ja, gut, Mama. Dann leg ich mich ins Zelt. Den Betreuern sag ich Bescheid, dass ich krank bin. Dann lassen die mich wenigstens in Ruhe. Wenn mir am Nachmittag immer noch schlecht ist, dann ruf ich dich noch einmal an. Dann kommst du aber, ja, Mama?“ „Ja, mein Junge, mach das.“
Als Sebastian ins Lager zurückkehrte, was er eigentlich zunächst gar nicht wollte, weil er sich so wegen der Ereignisse in der Nacht schämte, kamen sofort einige der Betreuer auf ihn zu und fragten ihn, wo er gewesen sei. Sebastian sagte, er habe nur im Ort seine Mutter angerufen. Darauf sagte einer der Betreuer, wenn er kurz wegginge, sei das nicht weiter tragisch, aber er müsse sie vorher informieren. Beinahe hätte man nämlich heute Morgen eine große Suchaktion nach ihm gestartet. Man habe ihn schon beim Frühstück vermisst.
Am Abend hatte sich Sebastian schon wieder etwas beruhigt. Er war den ganzen Nachmittag mit zwei Klassenkameraden, dem Carsten und dem Tom, durch die Wälder gestreift. Dort hatten die Jungs Beeren gesammelt und Pläne für die folgenden Tage geschmiedet. Sie fanden die von den Betreuern empfohlenen Spaziergänge langweilig, insbesondere den für heute geplanten Waldlauf, und wollten deshalb etwas anderes unternehmen. In die Stadt wollten sie gehen und sich dort umsehen. Tom hatte vorgeschlagen, eine Spielothek aufzusuchen. „Aber da kommen wir doch gar nicht rein“, wandte Carsten ein. Und Sebastian meinte: „Also, der Tom ist ziemlich groß. Den könnten die vielleicht für achtzehn halten.“ „Ne, glaub ich nicht“, erwiderte Carsten, „ich weiß von meinem Bruder, der ist schon achtzehn, dass der jedes Mal seinen Ausweis vorzeigen muss.“ „Also kommt das für uns nicht in Betracht. Dann müssen wir eben schauen, ob die ein Jugendheim haben, wo wir vielleicht ein paar coole Jungs finden, die wissen, was man in der Stadt so machen kann.“
Aus dem Gang in die Stadt wurde am nächsten Tag erst einmal nichts, denn die Betreuer hatten einen Besuch des Tierparks vorgesehen. Sie achteten darauf, dass alle in den Bus stiegen, also keiner zurückblieb. Der wäre dann ohne Aufsicht zurückgelassen worden, was natürlich nicht zulässig war. Sebastian fand den Tierparkbesuch ganz interessant. Auch Carsten und Tom hatten ihren Spaß. Sie meinten, wenn das so weiterginge, müsse man nicht allein in die Stadt, um etwas zu erleben. Das hatte Spaß gemacht, zumal die Betreuer die Kids nicht lückenlos überwacht haben, sondern sie auch mal allein etwas machen ließen.
Sebastian nahm auch an den folgenden Tagen an den Unternehmungen, die von den Betreuern begleitet wurden, teil. Er schaffte es sogar, tagsüber an andere Dinge zu denken als an das, was der Pfarrer von ihm gewollt hatte. Natürlich achtete er darauf, dass an den Unternehmungen, an denen er teilnahm, nur die älteren Jugendlichen als Betreuerpersonal dabei waren, nicht aber dieser Pfarrer. Schlecht fühlte er sich zwar immer noch, aber das konnte er aushalten, denn es wusste ja keiner von dem Vorfall mit dem Pfarrer. Die restlichen Ferientage würde er sicher noch überstehen. Am nächsten Tag hat er seine Mutter angerufen, um ihr mitzuteilen, dass es ihm wieder etwas besser ginge und er deshalb die restliche Ferienzeit im Lager bleiben würde, sie ihn also nicht abholen müsse.
Sebastian ist inzwischen 55 Jahre alt, ledig und zur Zeit arbeitslos. Sein erlernter Beruf, Kfz-Mechaniker, gefällt ihm schon lange nicht mehr so gut wie früher, weil die heutigen Autos kaum noch richtig repariert werden. Bei einem Defekt muss immer der Computer ran, und der sagt einem dann, was ausgetauscht werden muss. Spaß macht Sebastian eine solche Arbeit nicht mehr so richtig. Da passte es ganz gut, dass das Autohaus, in dem er zuletzt gearbeitet hatte, geschlossen worden ist. Wenn er ehrlich ist, war er sogar froh, dass das Autohaus den Betrieb eingestellt hat und er deshalb keine Beschäftigung mehr hat. Das Arbeitslosengeld ist zwar geringer als sein Nettogehalt, aber es reicht aus. Also bemüht sich Sebastian in den ersten Monaten nicht so besonders um eine neue Arbeitsstelle. Er schläft morgens erst mal richtig aus. Das tun nur Leute, die im Grunde genommen gar nicht ernsthaft nach einer neuen Arbeitsstelle suchen. In einigen Monaten wird er sich allerdings eine neue Arbeitsstelle suchen. Das hat er sich jedenfalls fest vorgenommen.
Sebastian war als Kind, schon in der Grundschule, in der Kirche engagiert gewesen. Seine Eltern haben dafür gesorgt, dass er an allen kirchlichen Festen teilnahm und, als er alt genug war, sonntags als Messdiener eingesetzt wurde. Messdiener wurde er natürlich erst mit neun Jahren, also lange nach der heiligen Erstkommunion. Seine Eltern waren ziemlich stolz gewesen, als Sebastian das erste Mal als Messdiener eingesetzt wurde. Selbstverständlich hatte sich Sebastian nicht darum gerissen, in der Kirche als Messdiener eingesetzt zu werden. Aber was macht ein Kind nicht alles, um seine Eltern zufriedenzustellen?
Sebastian war nicht der einzige Junge, der sonntags in der heiligen Messe dem Pfarrer zu Diensten sein musste. Neben ihm gab es in der Gemeinde noch viele andere Jungen, die abwechselnd zu dem Dienst in der Messe herangezogen wurden. Sebastian war in Abständen von mehreren Wochen eingesetzt. Mindestens einmal im Monat gab es beim Pfarrer für die Messdiener eine Art Unterricht, immer nachmittags, nach der Schule. Meistens mussten die Messdiener sogar zweimal im Monat zum Unterricht. Wie oft sie erscheinen mussten, bestimmte der Pfarrer allein. In dieser Hinsicht durfte ihm niemand reinreden.
Sebastian hat anfangs peinlich genau darauf geachtet, niemals mit dem Pfarrer allein in einem Raum zu sein. Er hatte Angst vor diesem Pfarrer. Der war ihm irgendwie von Anfang an nicht geheuer. Zunächst wusste Sebastian nicht, warum. Aber den Grund für seine panische Angst vor diesem Priester hat er dann während einer Ferienfreizeit ziemlich schnell begriffen. Und erneut wenige Wochen nach den Ferien, als der Pfarrer nach einer Beichte, bei der Sebastian als letzter an der Reihe gewesen war, mit offenem Hosenstall aus dem Beichtstuhl getreten und auf ihn zugegangen war. Sebastian war vor lauter Schreck sofort mit rasender Geschwindigkeit aus der Kirche gelaufen, gerade so, als ob der Teufel hinter ihm her gewesen wäre.
An den Vorfall im Zelt des Pfarrers während der Ferienfreizeit hat Sebastian noch sehr lange denken müssen. Ebenso unangenehm war seine Erinnerung an den Pfarrer, als dieser mit offenem Hosenstall aus dem Beichtstuhl gekommen war. Allerdings hat Sebastian sich nicht getraut, seiner Mutter davon zu berichten. Irgendwie hatte er Angst vor der Reaktion seiner Mutter. Ob sie ihm selbst vielleicht sogar einen Verstoß gegen das sechste Gebot vorwerfen würde? Er hatte zwar nichts gemacht, aber er hatte das Geschlechtsteil des Pfarrers gesehen. Der Pfarrer hatte ihn sogar gezwungen, dieses anzufassen, wenn auch nur ganz kurz, bis er seine Hand weggezogen hatte. Möglicherweise war das schon als Sünde zu betrachten. Natürlich war Sebastian auch unsicher, ob seine Mutter ihm überhaupt glauben würde, dass die Initiative nur vom Pfarrer ausgegangen war.
So genau konnte sich Sebastian einige Jahre später gar nicht mehr erinnern, was er damals als Kind genau gespürt und gedacht hat, warum er niemandem davon erzählt hat. Ihm war auch nicht mehr so genau in Erinnerung, wieso er später seiner Mutter gegenüber nichts von dem Verhalten des Pfarrers berichtet hat, nachdem dieser Pfarrer versetzt worden war und Sebastian sich plötzlich quasi darum gerissen hat, sonntags als Messdiener bei dessen Nachfolger eingesetzt zu werden. Aber zu dem Zeitpunkt war er ja schon in der zehnten Klasse, stand also kurz vor der Schulentlassung, womit dann automatisch auch die Zeit als Messdiener endete.
Sebastian hätte vielleicht zu dem Zeitpunkt einfach mit seiner Mutter über die Vorfälle im Zusammenhang mit dem Pfarrer sprechen können. Da keiner so genau wusste, wohin der Pfarrer versetzt worden war und vor allem, aus welchem Grund, hätte seine Mutter ihm möglicherweise sogar geglaubt. Jedenfalls hätte er keinerlei Konsequenzen mehr fürchten müssen, wenn er zu dem Zeitpunkt von dem damaligen Geschehen beim Pfarrer berichtet hätte. Wahrscheinlich aber hatte Sebastian sich viel zu sehr geschämt, um gegenüber seiner Mutter die Vorkommnisse zu erwähnen. Sebastian hat auch nie mit jemandem sonst darüber gesprochen. Damals sprach man in einem Dorf einfach nicht über sexuelle Übergriffe. Erst recht sprach ein Kind nicht über sexuelle Übergriffe. Das war viel zu peinlich, um es jemandem zu erzählen. Außerdem waren die katholischen Geistlichen Respektspersonen, über die man nicht einfach solche Dinge behaupten konnte. Wahrscheinlich glaubten die meisten Erwachsenen noch, dass die Priester sich schon wegen des Zölibats streng an das sechste Gebot halten würden. Deshalb waren sie über jeden Verdacht erhaben. Dass ein Priester einfach ohne jegliche Skrupel dagegen verstoßen würde, das hatte Sebastian niemals zuvor für möglich gehalten, weshalb er annahm, dass es auch die erwachsenen Gläubigen in der Kirchengemeinde nicht für möglich hielten und ihm deshalb, hätte er davon berichtet, niemals geglaubt hätten.
Eigentlich hätte Sebastian, nachdem der Pfarrer versetzt worden war, aufatmen können. Er fühlte sich auch irgendwie befreit von einer schweren Last und ging nun plötzlich gern sonntags in die Kirche. Auch den Dienst am Altar als Messdiener hat Sebastian für den neuen Pfarrer gern erledigt. Er fand es schade, dass er nur noch zweimal eingesetzt werden konnte. Dann waren Ferien, und Sebastians Entlassung aus der Schule stand an. Natürlich gab es auch Zeugnisse, die Abschlusszeugnisse.
Nach der Schule hatte Sebastian eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker gemacht. Zu der Zeit war er natürlich nicht mehr Messdiener. Für diesen Dienst setzte der Pfarrer immer nur die Schüler ein. Sebastians Eltern bemerkten recht schnell, dass der Junge, seit er aus der Schule entlassen worden war, immer seltener sonntags die Kirche besuchte. Eigentlich ging Sebastian nur noch gelegentlich und wenn ihn seine Eltern ganz dringend gebeten hatten, sonntags in die heilige Messe. Er hatte zwar nichts gegen den neuen Pfarrer. Vor seiner Entlassung aus der Schule war er ja recht gern zur Messe gegangen. Aber allmählich kam bei Sebastian seit seiner Schulentlassung während der Messen die Erinnerung an den früheren Pfarrer, vor dem er sich immer so sehr geekelt hatte, bei jedem Kirchenbesuch wieder hoch. Die Ereignisse von damals waren ihm immer noch peinlich, egal, wie viel Zeit inzwischen vergangen war. Irgendwie hatte Sebastian nach einem anfänglichen Gefühl der Befreiung nach der Versetzung des Pfarrers nach einigen Monaten erhebliche Probleme, mit dem neuen Pfarrer zurecht zu kommen. Sebastian hat während der Messen stets an die sexuellen Übergriffe durch den alten Pfarrer denken müssen. Diese Bilder kamen bei fast jedem Kirchenbesuch wieder hoch, und sie gingen ihm einfach nicht mehr aus dem Kopf. Darunter litt auch sein Konzentrationsvermögen.
Sebastian hat deswegen oft Probleme während seiner Ausbildung gehabt. In der Berufsschule hatte er sich häufig nicht so gut konzentrieren können wie es die Lehrer forderten. Auch die praktische Ausbildung im Betrieb verlief nicht immer ganz problemlos. Sebastian hatte vergleichsweise größere Schwierigkeiten mit seinem Ausbildungsmeister als andere Lehrlinge, oft auch mit seinen Kollegen. Er war unkonzentriert, machte Fehler. Seine Kollegen zogen ihn damit auf, dass er wohl ein Einzelgänger war. Sie hätten lieber einen Auszubildenden gehabt, der an allen möglichen Aktivitäten auch in der Freizeit teilnahm. Das allerdings fiel Sebastian manchmal sehr schwer. Er knüpfte nur ganz selten von sich aus Kontakte und wich häufig den Kontaktversuchen anderer, die er noch nicht so gut kannte, aus. Man konnte von ihm den Eindruck gewinnen, dass er höchst unsicher war bei der Kommunikation mit ihm noch unbekannten Leuten. Ihm fehlte offenbar die Fähigkeit, unbefangen einem Fremden gegenüberzutreten. Er hatte Hemmungen und vielleicht auch Angst, man könne ihm die sexuellen Übergriffe durch den Pfarrer geradezu ansehen.
Abends traf sich Sebastian manchmal mit einigen früheren Schulkameraden. Aber das waren natürlich auch keine engen Freunde, sondern eher lockere Bekanntschaften. Man kannte sich halt seit langer Zeit, seit man zusammen die Schulbank gedrückt hatte. Aber sonst? Gemeinsamkeiten gab es zwischen den ehemaligen Schuljungen kaum. Einige zogen wegen einer weit entfernten Lehrstelle nach kurzer Zeit um, wurden also kaum noch in der Stadt gesehen. Andere hatten plötzlich eine Freundin und für die früheren Schulkollegen keine Zeit mehr. Wieder andere hatten neue Freunde gefunden, entweder im Kollegenkreis oder durch ihre Freundin, oft auch bei Tanzabenden. An solchen Tanzabenden hat Sebastian während seiner Ausbildung nie teilgenommen. Er konnte ja auch gar nicht tanzen.
