Wer ist der Serienkiller? - Helga Geerkens - E-Book

Wer ist der Serienkiller? E-Book

Helga Geerkens

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Beschreibung

Nacheinander werden sechs jungen Frauen auf bestialische Art und Weise ermordet. Alle bis auf das zweite Opfer werden mit wuchtigen Schlägen auf den Hinterkopf, Messerstichen in die Brust und durch Strangulation mit einem Seil getötet. Nur dem zweiten Opfer wird zusätzlich noch die Kehle durchgeschnitten. Die ermittelnden Polizeibeamten der Mordkommission kommen zunächst nicht so richtig mit ihren Ermittlungen voran. Es gibt mehrere Verdächtige, einige Verdachtsmomente, aber keinen schlüssigen Beweis gegen einen der Verdächtigen. Die Ermittlungen gehen in eine andere Richtung, nachdem einige Frauen, die von tatsächlichen oder vermeintlichen Übergriffen durch den brutalen Serienmörder betroffen waren, Anzeige erstattet haben. Nun gerät plötzlich ein völlig unauffälliger Zeitgenosse in den Fokus der Kommissare, die natürlich alles daransetzen, den Mörder zu überführen. Mehrere zuvor Verdächtigte scheiden aus, nachdem sie ein Alibi vorweisen konnten. Und wieder ist es nicht der, den die Polizei verdächtigt hat, sondern ein ganz anderer. Und nicht alle Frauen sind vom Serienmörder umgebracht worden. Den Durchbruch erzielen die Kommissare letztlich durch einen Cold Case, der ihnen die entscheidenden Erkenntnisse zur Lösung der Fälle brachte.

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Seitenzahl: 360

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Helga Geerkens

Wer ist der Serienkiller?

Eine Horrorgeschichte

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kapitel: Drei ganz normale Familien

2. Kapitel: Der brutale Mord an einer jungen Studentin

3. Kapitel: Einige beteiligte Polizisten und Juristen

4. Kapitel: Weitere beteiligte Polizisten, Ärzte und eine Friseurin

5. Kapitel: Weitere beteiligte Juristen und Kaufleute

6. Kapitel: Der Mord an Sandra

7. Kapitel: Die weiteren Beteiligten im Umfeld der Universität

8. Kapitel: Die Erlebnisse des Staatsanwalts

9. Kapitel: Weitere Beteiligte

10. Kapitel: Die ersten Ermittlungsergebnisse der Polizei

11. Kapitel: Noch einige Beteiligte und ein weiteres Opfer

12. Kapitel: Die Entdeckung der Petra Sturm

13. Kapitel: Ermittlungsergebnisse des POK Handke

14. Kapitel: Mehrere Verdächtige, aber kein Täter

15. Kapitel: Julia Ackermann, ein potentielles Opfer?

16. Kapitel: Der Mord an Tamara Kornmeier

17. Kapitel: Bernhard Traber und Jörg Eckstein unter Verdacht

18. Kapitel: Attentat auf Peggy

19. Kapitel: Das fünfte Opfer: Lena Meier

20. Kapitel: Explosion bei Christoph und Miriam Renner

21. Kapitel: Der Cold Case

22. Kapitel: Vernehmung weiterer Verdächtiger

23. Kapitel: Tina Reiter: Das sechste Opfer

24. Kapitel: Welche Rolle spielen die Eheleute Simmerath?

25. Kapitel: Überfall auf Ellen und Claudia

26. Kapitel: Felix Hörmann erneut im Visier?

27. Kapitel: Kevin Schuster und Jonas Engels unter Verdacht

28. Kapitel: Wer ist denn nun der Serienmörder?

29. Kapitel: Eine harmlose Verkehrskontrolle

30. Kapitel: Wie wichtig sind die genetischen Spuren?

Impressum neobooks

1. Kapitel: Drei ganz normale Familien

Wer ist der Serienkiller ?

Helga Geerkens

Eine Horrorgeschichte 2024

Inhalt (Zusammenfassung)

Nacheinander werden sechs jungen Frauen auf bestialische Art und Weise ermordet. Alle bis auf das zweite Opfer werden mit wuchtigen Schlägen auf den Hinterkopf, Messerstichen in die Brust und durch Strangulation mit einem Seil getötet. Nur dem zweiten Opfer wird zusätzlich noch die Kehle durchgeschnitten.

Die ermittelnden Polizeibeamten der Mordkommission kommen zunächst nicht so richtig mit ihren Ermittlungen voran. Es gibt mehrere Verdächtige, einige Verdachtsmomente, aber keinen schlüssigen Beweis gegen einen der Verdächtigen. Die Ermittlungen gehen in eine andere Richtung, nachdem einige Frauen, die von tatsächlichen oder vermeintlichen Übergriffen durch den brutalen Serienmörder betroffen waren, Anzeige erstattet haben.

Nun gerät plötzlich ein völlig unauffälliger Zeitgenosse in den Fokus der Kommissare, die natürlich alles daransetzen, den Mörder zu überführen. Mehrere zuvor Verdächtigte scheiden aus, nachdem sie ein Alibi vorweisen konnten. Und wieder ist es nicht der, den die Polizei verdächtigt hat, sondern ein ganz anderer. Und nicht alle Frauen sind vom Serienmörder umgebracht worden.

Den Durchbruch erzielen die Kommissare letztlich durch einen Cold Case, der ihnen die entscheidenden Erkenntnisse zur Lösung der Fälle brachte.

Inhaltsverzeichnis

Stefan Kirschbaum ist Lehrer am Einstein-Gymnasium. Er unterrichtet Mathematik und Sport, manchmal auch vertretungsweise Physik und Chemie, wenn ein Kollege erkrankt ist beispielsweise. Als Sportlehrer ist er natürlich auch im Sportverein aktiv und spielt außerdem häufig Fußball. Er ist 38 Jahre alt, groß und kräftig und immer elegant angezogen, wenn er nicht gerade beim Joggen ist.

Seine Frau Anika ist Ärztin und zwei Jahre jünger als ihr Mann. Sie arbeitet in Teilzeit vormittags in einer Hausarztpraxis zusammen mit Dr. Max Wallmann und Dr. Marie Lohmann. Zusätzlich behandelt sie an Samstagen einige Patienten. Dr. Anika Kirschbaum ist nicht so groß wie ihr Mann und auch nicht so kräftig. Sie betreibt kaum Sport. Das Laufen überlässt sie ihrem Mann. Sie geht allenfalls einmal wöchentlich zum Turnen, oft aber auch wochenlang nicht. Ihre Zeit ist halt recht knapp.

Dr. Anika Kirschbaum hat zusammen mit ihren Mann Stefan zwei Kinder, nämlich Tim und Lara. Die Kinder hatten sie noch während ihrer Ausbildung zur Fachärztin bekommen. Dafür hatte sie ihre Facharztausbildung unterbrechen müssen. Tim geht in die erste Klasse der Grundschule und Lara in die dritte.

Die Familie lebt in einem Eigenheim, das die Eheleute vor einige Jahren haben bauen lassen. Seitdem zahlen sie keine Miete, sondern die Kredite ab. Da beide inzwischen genug verdienen, kann sich die Familie trotz der Kredite alles leisten. Dreimal im Jahr machen sie gemeinsam Urlaub, in manchen Jahren sogar viermal. Sie machen Urlaub in den Sommerferien, in den Herbstferien, in den Weihnachtsferien und manchmal auch in den Osterferien. Stefan Kirschbaum fährt einen Audi, seine Frau einen Mercedes. Daneben haben sie noch Fahrräder, Elektrofahrräder und mehrere Elektroroller. Natürlich haben die Kinder Computer, Spielekonsolen, Laptop, Tablets und Mobiltelefone und alles Mögliche an Zubehör, also alles, was sie für eine gute Ausbildung und zum Spielen üblicherweise benötigen.

Ihr Haus verfügt über acht Zimmer, zwei Bäder, Küche, Diele und Kellerräume. Deshalb haben nicht nur die Kinder ihre eigenen Zimmer. Auch Anika und Stefan verfügen jeweils über ein eigenes Arbeitszimmer. Und im Sommer haben sie, wenn ihnen die Innenräume nicht ausreichen, auch noch einen großen Garten mit vielen schönen Gartenmöbeln, Schaukeln und noch weiteren Gerätschaften. Man kann schon sagen, die Familie gehört zur privilegierten Schicht. Sie hat alles, was die Menschen in ihrer Umgebung sich so wünschen.

Das Haus hatten die beiden natürlich anfangs nicht aus ihrem Einkommen finanzieren können. So lange waren die beiden ja noch nicht berufstätig. Und Stefan Kirschbaum verdiente als Beamter auch nicht so viel, dass er davon ein so großes Familienheim hätte errichten können. Nein, zu den Finanzen für die Errichtung ihres großzügigen Hauses hatten Anikas Eltern den beiden einen größeren Betrag zur Verfügung gestellt und zwar schon zur Hochzeit, also quasi als Hochzeitsgeschenk. Anikas Vater besaß ein größeres Autohaus und entsprechend große finanzielle Möglichkeiten. Mit dem Hochzeitsgeschenk war dann schon mal die Hälfte des Hauses finanziert.

Anika Kirschbaum scheint trotz ihres materiell sorglosen Lebens mit ihrer Situation nicht so ganz zufrieden zu sein. Nicht so richtig zufrieden jedenfalls wie ihr Ehemann und ihre Kinder. Natürlich fehlt es ihr an nichts, aber sie fühlt sich in ihrer Ehe benachteiligt, weil sie immer zurückstecken muss. So musste Anika nach der Geburt der Kinder jeweils für eine gewisse Zeit in ihrem Beruf auf eine Karriere verzichten und ihre Ausbildung unterbrechen, während der Familienzuwachs bei ihrem Mann Stefan keinerlei nachteilige Auswirkungen im Berufsleben hatte. Darüber hinaus musste sie anfangs die Kinder allein versorgen und später, als sie wieder arbeiten konnte, eine Teilzeitbeschäftigung suchen. Dabei wäre es für ihren Mann Stefan wesentlich einfacher gewesen, als Beamter vom Dienstherrn eine Teilzeitbeschäftigung zu verlangen. Er lief ja nicht einmal Gefahr, seine Karriere dadurch zu behindern. Im öffentlichen Dienst hatte eine Teilzeitbeschäftigung keinerlei negative Auswirkungen auf die Karriere eines Beamten. Aber Stefan hielt es für selbstverständlich, dass Anika die beruflichen Nachteile akzeptierte. Er dachte nicht im Traum daran, seinen Dienstherrn um eine Teilzeitbeschäftigung zu bitten.

Deshalb hatte Dr. Anika Kirschbaum ihren Mann in der vergangenen Woche vor die Alternative gestellt, entweder würde er im kommenden Jahr eine Teilzeitbeschäftigung in seinem Beruf übernehmen, damit sie selbst eine Vollzeitbeschäftigung in der Praxis ausüben könnte, oder sie würde sich von ihm trennen. Die derzeitige Situation sei für sie jedenfalls äußerst unbefriedigend und auch nervlich sehr belastend, dann wolle sie lieber allein mit den Kindern leben, wenn sie von ihm ohnehin kaum eine Unterstützung in der Betreuung der Kinder bekäme. Sie fühle sich jedenfalls so wie jemand, der von seinem Partner im Stich gelassen werde. Das musste Stefan Kirschbaum natürlich erst einmal verarbeiten.

Über die „Kehrtwende“ seiner Frau war Stefan ziemlich erstaunt. Bisher hatte er geglaubt, dass Anika sich sehr gern beruflich weniger engagierte, um die Kinder angemessen betreuen und versorgen zu können. Er überlegte nun, wie er aus dieser prekären Situation wieder herauskommen sollte. Die Betreuung seiner Kinder lag ihm nämlich nicht so gut wie die Erteilung von Unterricht. Deshalb konnte er sich eigentlich kaum vorstellen, nachmittags zu Hause zu hocken und die beiden Kinder zu beaufsichtigen. Eigentlich war ihm eine solche Tätigkeit viel zu langweilig. Also überlegte er, wie er aus dieser Situation ohne jegliche Nachteile wieder herauskommen konnte. Aber eine geeignete Ausrede fiel ihm nicht ein.

Jonas Engels ist Feuerwehrmann. Das wollte er schon immer werden, bereits als er noch in der Grundschule war. Also hatte er später seinen „Traumberuf“ ergriffen. Heute ist es oft nicht mehr sein Traumberuf, denn Jonas muss wie alle Feuerwehrleute Schichtdienst leisten. Daher ist Jonas auch häufiger nachts im Einsatz. Das ist verdammt anstrengend. Trotzdem übt er seinen Beruf gern aus. Er ist nun schon Brandoberinspektor und glaubt, wenn er weiter Karriere macht, dann muss er später auch nicht mehr so viele Nachtschichten machen.

Jonas ist verheiratet mit Sandra Engels, die von Beruf Zahntechnikerin ist. Bis vor einiger Zeit war Sandra in einem großen Zahnlabor beschäftigt, wurde aber, nachdem zahlreiche Kunden die Geschäftsverbindung zu diesem Labor beendet hatten, entlassen und ist seitdem auf der Suche nach einer neuen Anstellung. Die Konkurrenz für die deutschen Zahnlabore ist groß. Die Chinesen greifen als sogenannte Billigproduzenten von Zahnersatz viele Zahnärzte als Kunden ab. Deren Patienten wollen natürlich nicht mehr als unbedingt notwendig für ihre Zähne bezahlen, zumal die Krankenkassen bei der Erstattung größtenteils überaus zurückhaltend sind. Deutsche Zahnlabore leiden deshalb vermehrt unter einem gewissen Auftragsmangel und müssen aus diesem Grund viele Fachleute entlassen. Auch Sandra hat es als eine von vielen dieses Berufsstandes getroffen. Ihr früherer Arbeitgeber steckte inzwischen in einer großen finanziellen Klemme, und es stand im Raum, dass das Unternehmen voraussichtlich sogar Insolvenzantrag stellen musste.

Jonas Engels ist 28 Jahre alt, seine Frau Sandra 25 Jahre. Die beiden haben keine Kinder, haben allerdings nun, seit Sandra arbeitslos geworden ist, daran gedacht, Kinder zu bekommen. Sandra hatte deswegen schon seit Monaten die Pille nicht mehr genommen, war aber bisher nicht schwanger geworden. Wahrscheinlich würde sie wieder zur Pille greifen, wenn sie eine neue Anstellung finden würde. Ein Kind als Verlegenheitslösung, nur weil man gerade keinen Job hatte, das fand Sandra nicht in Ordnung, hatte das allerdings mit Jonas noch nicht besprochen. Sie würde in den nächsten Tagen mit ihm darüber reden, hatte sie sich vorgenommen.

Sandra war mit ihrem Leben nicht so ganz zufrieden, was nicht nur daran lag, dass sie gerade arbeitslos geworden war. Sie wusste nicht mehr so genau, ob sie nun Kinder mit ihrem Mann wollte oder nicht. Inzwischen war sie sehr unsicher, ob sie wirklich auf Dauer ein gemeinsames Familienleben mit ihrem Mann Jonas wollte. Derzeit betrieb sie mehrmals in der Woche intensiven Sport und machte abends sehr lange Spaziergänge. Sie krempelte allmählich ihren Tagesablauf komplett um. In diesem Tagesablauf kam ihr Mann Jonas eigentlich kaum noch vor.

Jonas bekam die Veränderungen bei seiner Frau anfangs nicht so richtig mit, zum Teil, weil er mit sich selbst beschäftigt war, aber oft auch deshalb, weil er am Abend, wenn Sandra die Wohnung verließ, um Sport zu treiben oder spazieren zu gehen, seine Dienststelle aufsuchen musste, weil er mal wieder Nachtschicht hatte. Die Nachtschichten begannen am Abend schon um 22 Uhr, und er musste sich ja vorher noch umziehen, weshalb er meistens schon gegen 21 Uhr die Wohnung verließ. Zu dieser Zeit war Sandra von ihren Spaziergängen oder ihren sportlichen Aktivitäten in der Regel noch nicht zurück.

Sandra war auch in der Folgezeit immer sehr viel unterwegs. Nur selten traf sie sich mit Freundinnen. Eher lief sie ganz allein sehr lange Strecken, um sich auszupowern. An einem sehr heißen Tag war sie am Nachmittag durch die Parkanlagen gelaufen und war dann nach kurzer Zeit ziemlich durchgeschwitzt. Ihr blieb nichts anderes übrig, als eine längere Pause einzulegen und sich umzuziehen. Die Pause nutzte sie dann auch, um ihr Fahrrad aus der Garage zu holen. Sie entschloss sich, eine längere Fahrradtour zu unternehmen und hoffte, dass sie vom Fahrtwind ausreichend gekühlt wurde. Wenn sie in die Außenbezirke fuhr, konnte sie auf einige schattige Bereiche hoffen. Notfalls musste sie halt durch den Wald fahren, um sich etwas abzukühlen.

Schließlich gelangte Sandra auf ihrer Fahrradtour weit außerhalb der Stadt, als sie schon mehr als zehn Kilometer zurückgelegt hatte, in ein zum Teil bewaldetes Gebiet. Sie suchte nach einem Weg durch den Wald, in dem es sicher viel kühler war als auf der Landstraße, nach einem Fußweg oder Radweg. Als sie den Weg gefunden hatte, legte sie ihr Fahrrad an einer Böschung ab und lief zu Fuß in den Wald. Dort herrschten in der Tat viel angenehmere Temperaturen, wie sie bald feststellen konnte. Das Laufen war hier sehr angenehm. Sandra lief viel lieber als mit ihrem Rad zu fahren.

Allerdings traf Sandra nach etwa einer Viertelstunde auf einen jungen Mann, der sich in einem Gebüsch völlig nackt ausgezogen hatte und ihr nun offenbar den Weg versperren wollte, denn er trat aus dem Gebüsch heraus und sprach Sandra an: „Hallo, junge Frau! Ein bisschen Sex gefällig? Sieh mal, der will dich!“ Dabei zeigte er auf seinen Penis und grinste ziemlich unverschämt. Wahrscheinlich war der Kerl völlig betrunken, dachte Sandra. Aber sie bekam Angst und lief deshalb mit ziemlichem Tempo den ganzen Weg zurück zu ihrem Fahrrad. Sie war schnell, denn sie rannte so schnell sie konnte, weil sie glaubte, der Kerl könnte ihr hinterherlaufen und sie anfassen, um ihr Gewalt anzutun.

Am Waldrand nahm sie ihr abgelegtes Fahrrad und machte sich schleunigst auf den Rückweg in die Stadt. Dort kam sie dann gegen fünfzehn Uhr an und entschloss sich, nach Hause zu fahren. Vielleicht war Jonas schon zurück und lag im Bett. Er hatte Frühdienst gehabt. Sandra würde ihrem Mann wahrscheinlich nichts von der Begegnung mit dem nackten Mann im Wald berichten. Sie glaubte, das würde ihn nur wieder aufregen. Wahrscheinlich würde er sogar darauf bestehen, dass sie zur Polizei ging und Strafanzeige erstattete. Das allerdings kam für Sandra nicht in Betracht, weil ihr der Vorfall überaus peinlich war. Eigentlich wollte sie darüber gar nicht reden. In den Wald würde sie nun voraussichtlich allein nicht mehr gehen. Das Erlebnis vom Nachmittag war ihr sehr peinlich. Also wollte sie so etwas künftig nicht mehr erleben.

Sandra war allerdings nicht nur sportlich. Sie ging daher abends auch manchmal mit Freundinnen aus oder häufig auch allein. Während eines solchen nächtlichen Ausgangs, als sie allein unterwegs gewesen war, hatte sie einen jungen Mann kennengelernt. Einen Automechaniker, der offenbar auch abends oft viel Zeit hatte, obwohl er, wie er sagte, eine feste Freundin hatte. Das war im Frühjahr gewesen. Seitdem hatte sich zwischen ihnen eine auch sexuelle Beziehung entwickelt. Sie trafen sich regelmäßig, allerdings immer so, dass es keiner ihrer Bekannten oder Freunde, insbesondere keiner ihrer jeweiligen Partner, mitbekam.

Der Maler Jörg Eckstein war ein ganz sympathischer junger Mann. Er war immer gut gelaunt und hatte stets einen lockeren Spruch auf der Lippe. Seine Kunden, bei denen er die Wohnung tapeziert oder die Wände gestrichen hat, freuten sich immer auf seine Frohnatur, wenn er pünktlich am frühen Morgen erschien und mit seiner Arbeit begann. Seine Kundschaft wunderte sich manchmal, denn es war bekannt, dass Jörg Eckstein diese Arbeit schon seit mehr als zwanzig Jahren machte, sie ihm also eigentlich oft etwas langweilig vorkommen musste, weil es ja immer wieder dieselbe Arbeit war.

Seine Frau Jennifer Eckstein war Kassiererin und in einer Edeka-Filiale beschäftigt. Sie arbeitet inzwischen in Vollzeit. Bis vor zwei Jahren hatte sie eine Teilzeitbeschäftigung in einer Aldi-Filiale gehabt. Der Job an der Kasse ist nicht gerade ihr Traumberuf, aber sie muss halt Geld verdienen, damit es für die Familie reicht. Für eine bessere Ausbildung hatten ihr schon früh das Geld und auch die Motivation gefehlt.

Jörg und Jennifer haben zwei Kinder, die sechzehnjährige Sara und den fünfzehnjährigen Bastian. Beide gehen noch zur Schule, sind aber schon ziemlich selbstständig, so dass Jennifer Eckstein sich entschlossen hat, ihre berufliche Tätigkeit auszuweiten. Sie konnte ja nun guten Gewissens einer Vollzeitbeschäftigung nachgehen. Ihre beiden Kinder haben sehr positiv auf ihre Mitteilung reagiert. Sara hat sich sogar angeboten, an den beiden Tagen, an denen sie nicht bis 16.30 Uhr Unterricht hatte, das Essen für die Familie zuzubereiten. Das allerdings hielt Jennifer nicht für erforderlich. Sie sagte ihrer Tochter, dass sie ja schon um 15.30 Uhr ihre Schicht beende und deshalb durchaus in der Lage sei, weiterhin das Essen zu kochen. Nur beim Reinigen der Wohnung konnte Jennifer häufig die Unterstützung ihrer Tochter Sara gebrauchen, denn als Kassiererin musste sie ja manchmal auch an Samstagen arbeiten.

Nun, da auch Jennifer in Vollzeit arbeitete, konnte sich Jörg natürlich auch ein besseres und teureres Auto leisten, muss also keinen Japaner mehr fahren. Er hat sich dann einen Audi angeschafft, einen SUV. Die Raten wird er voraussichtlich in drei Jahren bereits abgestottert haben. Ein so großes Auto hatte natürlich auch seine Vorteile, etwas beim Einkaufen oder wenn die ganze Familie in den Urlaub fuhr. Man konnte dann wesentlich mehr Gepäck mitnehmen.

Auch die Kinder hatten natürlich Wünsche, die sie bisher aus Rücksicht auf die beengten finanziellen Verhältnisse ihrer Eltern zurückgestellt hatten. Bastian erwähnte so ganz beiläufig, fast schon schüchtern, er müsse eigentlich neue Fußballschuhe haben, und ein Laptop wäre auch nicht schlecht. Beim Laptop schloss sich Sara an, denn auch sie konnte einen solchen gut gebrauchen. Um ihre Eltern nicht allzu sehr in Unkosten zu stürzen meinte sie, sie könne sich den ja vielleicht ab und zu bei ihrem Bruder ausleihen.

Jennifer meinte, sie könnte sicher nach weiteren zwei Gehältern so viel zurückgelegt haben, dass es dafür reichen konnte. Dann schaltete sich Jörg ein, der ja schon sein neues Auto durchgesetzt hatte und meinte, dann müsste im kommenden Jahr auch wieder ein Urlaub drin sein. Schließlich waren sie nun seit drei Jahren nicht mehr im Urlaub gewesen, weil alles so teuer geworden war.

In dem Punkt musste ihm Jennifer Recht geben. Auf den Urlaub hatten sie ja nun schon so lange verzichtet, damit sie und die Kinder sich in ihrem Lebenszuschnitt nicht allzu sehr einschränken mussten. Bastian meinte, es sei ihm egal, ob sie in Urlaub fahren könnten oder nicht. Wahrscheinlich würden sie im kommenden Sommer das machen, was Jörg vorgeschlagen hatte. Schließlich war er meist derjenige, der am längsten arbeiten musste, aber eben auch der, der den größten Anteil zum gemeinsamen Einkommen beisteuerte. Deshalb glaubte Jörg, dass seiner Stimme ein größeres Gewicht zukommen müsste. In der Regel gab ihm Jennifer dann auch recht.

Eines Abends erklärte Sara, dass sie eigentlich gar nicht weiter zur Schule gehen möchte, denn wenn sie jetzt eine Berufsausbildung beginnen würde, könnte sie viel eher Geld verdienen. Ein Studium hatten die Eltern ohnehin nicht in Betracht gezogen, aber bis zum Abitur sollte Sara eigentlich durchhalten, meinten sie. „Du hast bessere Chancen auf einen guten Ausbildungsplatz, wenn du ein Abiturzeugnis vorlegen kannst“, erklärte Jörg ihr. Jennifer pflichtete ihm bei: „Sara, Kind, es ist wirklich besser, sonst bekommst du nur die Ausbildungsstellen angeboten, die die Abiturienten nicht wollen.“

Sara erwiderte: „Gut, ich überleg mir das noch einmal. Aber es stimmt nicht, dass man nur mit Abi einen guten Ausbildungsplatz bekommt. Die Nina, die früher bei mir in der Klasse war, hat jetzt eine Ausbildungsstelle als kaufmännische Angestellte bekommen.“ „Aber ist denn eine solche Ausbildung für dich das Richtige?“ fragte Jennifer. Daraufhin zuckte Sara nur mit den Schultern. Damit war die Diskussion an diesem Tag beendet.

Etwas später hatte Jörg Eckstein eine Auseinandersetzung mit einem Kunden. Er hatte bei dem Vater eines Arztes, der in der Uniklinik beschäftigt war, die Wohnung gestrichen. Dieser Kunde, er hieß Walter Krone, war mit ihm aneinandergeraten, weil ihm hinterher plötzlich die Farbe, mit der Jörg den Anstrich vorgenommen hatte, nicht mehr passte. Sein Sohn, der Arzt der Uniklinik, hatte schließlich seinen Vater zurückgehalten, denn der hatte auf Jörg einprügeln wollen. Der Sohn seines Kunden war ein ruhiger Typ und schaffte es, dass dieser die Farbe, die er ja vorher selbst ausgesucht hatte, letztlich akzeptierte.

2. Kapitel: Der brutale Mord an einer jungen Studentin

Eine Studentin wird ermordet aufgefunden. Jedenfalls glaubt die Polizei, weil die Leiche der jungen Frau in der Nähe des Unigeländes in einem kleinen Gebüsch neben der Straße gefunden wurde, dass es sich um eine Studentin handelt. Noch hat sie keine Personalien, weiß also nicht, wer die Tote ist. Die junge Frau hatte keine Tasche bei sich. Auch in der Jackentasche war kein Ausweispapier zu finden.

Der Körper der jungen Frau ist ganz schrecklich zugerichtet worden. Die Polizeibeamten, die die ersten Untersuchungen zusammen mit der Kriminaltechnik und dem Rechtsmediziner vornehmen, sind erschüttert über das Ausmaß an Brutalität, das den Täter veranlasst haben musste, die junge Frau so schwer zu verletzten. Der Täter musste mehrfach mit großer Wucht auf den Hinterkopf des Opfers eingeschlagen haben. Dann hatte er der Frau eine Vielzahl von Messerstichen im Brustbereich zugefügt, so dass das Opfer am Oberkörper und am Kopf sehr viel Blut verloren hat. Offenbar wollte der Täter die junge Frau total vernichten. In dieser Tat kam eine unvorstellbare Wut zum Ausdruck.

Der Gerichtsmediziner konnte vor Ort weder den Todeszeitpunkt eingrenzen noch die Todesursache. Es kam wegen der massenhaften gewaltigen Schläge, die das Opfer hauptsächlich am Hinterkopf getroffen hatten, und der vielen Messerstiche im Bereich der Brust sowohl die Kopfverletzung als Todesursache in Betracht als auch eine Verletzung der Lunge durch die zahlreichen Rippenbrüche. Das Messer war mit einer solchen Wucht geführt worden, dass mehrere Rippen dabei gebrochen waren. Alles weitere würde der Rechtsmediziner erst bei der nachfolgenden Obduktion feststellen können.

Die Polizeibeamten sicherten den eigentlichen Tatort und suchten das gesamte Gelände um den Tatort herum ab. Sie suchten nach einer Tatwaffe. Das heißt, eigentlich suchten sie mehrere Tatwerkzeuge, denn der Täter hatte dem Opfer mit einem Schlagwerkzeug die tödlichen Schläge auf den Hinterkopf versetzt und ihm außerdem mit einem Stichwerkzeug, vermutlich einem großen Messer, viele Stiche im Brustbereich zugefügt. Sie suchten alles ab, aber Tatwerkzeuge fanden sie letztlich keine.

Die Polizisten hatten sich nur kurz mit dem Gerichtsmediziner unterhalten. Sie hatten auch die dicken roten Streifen am Hals der jungen Frau gesehen, aber nichts davon erwähnt, als der Gerichtsmediziner sofort auf die schweren Kopfverletzungen zu sprechen kam und alle anderen Verletzungen als harmloser betrachtete. Offenbar hatte er die Würge- oder eher Strangulationsmerkmale am Hals des Opfers gar nicht bemerkt. Die tiefen Stiche im Brustbereich hatte er ja wahrscheinlich als erstes gesehen. Auch das viele Blut in dem Bereich konnte man ja unmöglich übersehen. Die Polizisten waren vermutlich froh, dass sie den Fall nicht bearbeiten mussten. Die Einzelheiten und insbesondere die Todesursache würde später die zuständige Mordkommission klären. Damit hatten die Polizeibeamten, die nun vor Ort waren, nichts mehr zu tun.

Die Kriminaltechniker packten nach drei Stunden bereits ihre Sachen zusammen. Viel hatten sie am Tatort, wenn es denn überhaupt der Tatort und nicht nur der Fundort war, nicht gefunden. Es wurde eine Vielzahl von Fußspuren gefunden, die nicht alle sehr deutlich waren. Dann hatten sie noch ein gelbes Feuerzeug gefunden, einen Kaugummi, eine Brötchentüte, eine Wasserflasche, einen Becher, zwei Münzen, verschiedene Ringe, ein paar Glasperlen, eine abgebrochene Messerspitze, ein Stück lackiertes Holz, das von einem Baseballschläger stammen konnte, ein Stück eines Stofftaschentuchs, zwei Kugelschreiber und einen Knopf.

Die ganzen Sachen würden sie in der Dienststelle auf Fingerspuren und vielleicht auch auf DNA-Spuren untersuchen lassen. Damit würden sie sicherlich einige Wochen zu tun haben. Aber vielleicht mussten ja auch nicht alle genetischen Spuren genauer untersucht werden. Es kam zunächst darauf an, die Identität des Opfers zu klären. Dann würde man weitersehen, welche Spuren vom Täter stammten und deshalb untersucht werden mussten. Nicht alle gefundenen Spuren würden ja zum Mörder führen. Meistens mussten eine Menge von Utensilien, die am Tatort gefunden wurden, später als nicht tatrelevant aussortiert werden. Das würde natürlich alles die Mordkommission veranlassen.

Fest stand für die vor Ort ermittelnden Polizeibeamten nach einiger Zeit nur, dass das Opfer nicht einfach hier abgelegt worden war, sondern der Täter das Opfer am Fundort getötet haben musste. Dafür sprach die Vielzahl der Fußabdrücke und auch die Menge an Blut, die man an der Kleidung und auf dem Boden sehen konnte. Wahrscheinlich war der Täter mit einem Fahrzeug gekommen, denn auf einem unbefestigten Feldweg etwa 150 Meter von der Fundstelle entfernt hatten sie Reifenspuren gesichert, die von einem PKW oder von mehreren Fahrzeugen stammen mussten. Das Fabrikat mussten die Kriminaltechniker dann noch herausfinden. Dafür, dass es der Tatort war, sprach vermutlich aber in erster Linie, dass man eine Messerspitze und einen Splitter von einem Baseballschläger gefunden hatte, Bestandteile also, die höchstwahrscheinlich von den Tatwerkzeugen stammten. Der Täter wird das Opfer wahrscheinlich mit einem Messer und mit einem Baseballschläger traktiert haben, sagten sich die Polizisten.

Sämtliche Tatwerkzeuge hatte der Täter offenbar mitgenommen. Diese konnten ja weder am Tatort noch im Umkreis von etwa fünfhundert Metern zum Tatort gefunden werden. Die Polizisten hatten auch die Umgebung gründlich abgesucht. Wahrscheinlich hatte der Täter das Opfer zusätzlich noch mit einem Seil gewürgt, denn das Opfer hatte ja entsprechende Verletzungen am Hals. Auch das Seil hatte der Täter mitgenommen, denn auch das konnte trotz intensiver Suche auf dem Gelände nicht gefunden werden.

Die Polizeibeamten haben dann, als der Gerichtsmediziner mit der Sicherung der Tatspuren an der Leiche fertig war, das Gesicht des Opfers etwas gesäubert, denn sie konnten schlecht mit einem Bild von der jungen Frau, das ein völlig blutverschmiertes Gesicht zeigte, unter den Studenten nachfragen, ob einer sie gekannt hatte. Ein völlig blutverschmiertes Gesicht konnte man ja nicht erkennen. Dann machten die Polizisten ein Foto vom Opfer. Auf dem Foto waren nur das Gesicht, der Hals und ein schmaler Bereich vom Oberkörper zu sehen.

Mit diesem Lichtbild auf dem Mobiltelefon gingen die Polizisten zur Universität und fragten sämtliche Studenten, auf die sie trafen, ob die junge Dame ihnen bekannt vorkam. In den ersten zehn Minuten hatten sie damit keinerlei Erfolg. Dann trafen sie in der Unibibliothek auf den Lehramtsstudenten Oliver Schuhmacher, der ziemlich geschockt schien: „Aber, das ist doch die Marie Schröder, die studiert Geschichte und Deutsch im Lehramt.“

Einer der Polizeibeamten fragte nach: „Wissen Sie Näheres? Zum Beispiel, seit wann sie verschwunden ist, ob jemand sie vermisst hat, ob sie bedroht wurde, mit wem sie unterwegs war, was sie gemacht hat?“ „Das sind verdammt viele Fragen. So gut kannte ich sie nicht. Nur aus den Vorlesungen in Deutsch und einigen Seminaren, die sie auch besucht hat. Ich habe kaum mit ihr geredet. Nur das Übliche mal über Klausurergebnisse und so. Also ich weiß nicht, seit wann sie verschwunden war, ob sie überhaupt verschwunden ist. Ich weiß auch nicht, mit wem sie Kontakt hatte und was sie in ihrer Freizeit gemacht hat. Ich kann mich auch nicht so genau erinnern, wann ich sie zuletzt gesehen habe. Am Freitag vielleicht. Es kann aber auch schon länger zurückliegen.“

Damit mussten sich die Polizisten zunächst einmal zufrieden geben. Aber es kam ihnen schon merkwürdig vor, dass der einzige Kontakt, der sie auf dem Foto wiedererkannt hatte, nun behauptete, er habe sie kaum gekannt. Es blieb ihnen allerdings letztlich nichts anders übrig, als sich unter den Studenten weiter durchzufragen, ob jemand näheren Kontakt zu Marie Schröder hatte und ihnen vielleicht sagen konnte, mit wem sie unterwegs gewesen war. Nun hatten sie ja wenigstens einen Namen. Damit konnten sie arbeiten.

Gleichzeitig hatten die Polizisten ihre Dienststelle informiert, die die weiteren Personalien ermittelt hat. Dort wurden dann die Eltern ausfindig gemacht. Die lebten allerdings in Thüringen. Also musste ein Beamter vor Ort die Befragung der Eltern durchführen. Natürlich musste der Beamte den Eltern zunächst einmal beibringen, dass ihre Tochter ermordet worden war. Das würde sicher nicht leicht werden. Vielleicht würden sie eine Kollegin zu den Eltern schicken. Frauen waren viel einfühlsamer, konnten also wahrscheinlich eine Todesnachricht besser überbringen.

In der Universität haben die Polizisten nicht viele Kontakte der Studentin Marie Schröder gefunden. Es fanden sich noch einige wenige Studenten, die sie gekannt haben, aber nur flüchtig. Das sagten sie jedenfalls. Was sie so gemacht hatte, mit wem sie noch Kontakt gehabt hatte, das hatte angeblich keiner gewusst. Die Polizisten nahmen sich vor, später noch bei den Professoren und den wissenschaftlichen Assistenten nachzufragen. Eventuell wussten die mehr über die jungen Studentin.

Dann bekamen die Polizisten von ihrer Dienststelle die Nachricht, sie könnten die Ermittlungen zum Umfeld der Studentin einstellen. Sie hätten inzwischen nähere Kenntnisse dazu, denn sie hätten herausgefunden, dass die Eltern bis vor vier Jahren hier in der Stadt gelebt hätten und dann nach Thüringen verzogen waren, nachdem die Mutter der Marie schwer erkrankt und hier im Universitätsklinikum ohne Erfolg behandelt worden war. Inzwischen sei die Mutter verstorben.

Weiter teilte die Dienststelle mit, ein Nachbar des Vaters habe ihnen die wenigen Kontakte, die seine Tochter an der Uni gehabt habe, mitgeteilt. Der Vater selbst sei wohl nicht erreichbar gewesen. Von den Nachbarn hätten die Kollegen dann auch erfahren, dass Marie schon länger nicht mehr in Thüringen gesehen worden sei. Ob ihr Vater überhaupt noch Kontakt zu seiner Tochter gehabt habe, wussten sie nicht. Überhaupt hatte der Vater sehr zurückgezogen gelebt, denn auch ihn habe man seit Wochen nicht mehr gesehen.

Bei den Kontakten, die Marie an der Uni gehabt hatte, hatte es sich demnach um zwei Studentinnen gehandelt, die sich ebenfalls für ein Lehramtsstudium dort eingeschrieben hatten, Melanie Küpper und Lara Baumann. Beide wohnten im Studentenheim, wo auch Marie ein Zimmer angemietet hatte. Die Polizisten fuhren zum Studentenwohnheim, um sich Maries Zimmer anzusehen und mit den beiden Mitstudentinnen zu reden. Deren Zimmer lagen auf derselben Etage.

Am Wohnheim wandten sich die Polizisten zunächst einmal an den Hausmeister, damit der ihnen die Tür zum Zimmer der Marie aufschloss. Als sie dann die Einrichtung sahen, waren sie höchst erstaunt, mit wie wenig Utensilien man offenbar als Student auskommen konnte. Bett, Schreibtisch, Stuhl, Schrank, Regal. Man konnte sich kaum vorstellen, dass hier jemand studiert hatte. Kaum Bücher, nur einzelne, wenig Schreibmaterial, kein Computer, kein Drucker. Auch fehlten die üblichen privaten Sachen wie Fotos von Freunden oder Familienangehörigen. Kleidung war auch nicht viel vorhanden, nur eine Bluse und Unterwäsche.

Hier würden sie auf keinen Fall irgendwelche Hinweise auf den Mörder finden, dachten die beiden Polizisten und verließen das Zimmer wieder. Sie verschlossen die Tür und gaben dem Hausmeister den Schlüssel zurück. Dann versuchten sie, die beiden Mitstudentinnen in ihren Zimmern anzutreffen. Bei Melanie Küpper regte sich nichts, auch nicht nach dem zweiten Klopfen. Lara Baumann allerdings öffnete die Tür und bat die beiden Polizisten herein.

Den Polizisten fiel sofort auf, dass Laras Zimmer mit den unterschiedlichsten Utensilien vollgestopft war. Lara hatte Unmengen von Büchern gestapelt, zum Teil in Regalen, zum Teil aber auch auf dem Boden. Dort lagen auch Unmengen von schriftlichen Aufzeichnungen. Die Stapel dort reichten fast bis zur Zimmerdecke. Auf dem Schreibtisch lagen viele Schreibutensilien, und dort stand ein Laptop. Genau so hatten sich die Polizisten das Zimmer eines normalen Studenten vermutlich auch vorgestellt.

Laras Laptop auf ihrem Schreibtisch brachte natürlich die Polizisten auf den Gedanken, nach Maries Laptop zu fragen. Lara erwiderte, Marie hätte einen alten Laptop auf ihrem Schreibtisch gehabt. Den hätte sie nie in die Uni mitgenommen, weil er so vergammelt ausgesehen habe. Aber das alte Ding habe sie eigentlich in letzter Zeit nicht mehr zu Gesicht bekommen. Marie habe wohl von zu Hause kaum finanzielle Unterstützung bekommen, deshalb habe sie meistens die Bücher in der Uni genutzt und dort oft auch mit einem Laptop, der dem Fachbereich gehörte, gearbeitet. Aber so einige Bücher habe sie schon gehabt, sie wisse allerdings nicht, wo sich diese jetzt befänden.

Dann berichtete Lara, sie hätten anfangs viel miteinander gearbeitet, Klausurvorbereitungen und Ähnliches, aber über Privates hätten sie mit Marie kaum gesprochen. Das sei ihr offenbar unangenehm gewesen. Sie hätten den Eindruck gehabt, Marie sei es peinlich gewesen, über sich und ihre Familie zu reden. Sie hatten sich allerdings nicht die geringste Vorstellung darüber gemacht, was an den Familienangehörigen peinlich sein könnte. In der letzten Zeit allerdings hatten sie viel weniger Kontakt zu Marie gehabt. Sie sei auch nur noch selten ins Studentenwohnheim gekommen, hätte wahrscheinlich auch nur noch selten hier übernachtet.

Die Polizeibeamten fragten Lara, wo denn der Laptop jetzt sein könnte, weil in ihrem Zimmer kein Laptop gefunden worden sei. „Den hat Marie eigentlich immer in ihrem Zimmer gehabt. Zur Uni hat sie den nie mitgenommen, weil der so schäbig ausgesehen hat. Der war nach meinem Eindruck uralt.“ „Kann es sein, dass sie den vielleicht am Wochenende mit nach Hause genommen hat, wenn sie ihre Eltern besucht hat“, fragte einer der Polizisten. „Nein“, sagte Lara, „das glaube ich nicht, denn Marie ist, soweit ich weiß, mindestens zwei Monate lang nicht mehr am Wochenende nach Hause gefahren. Sie hat an Samstagen und Sonntagen oft in einer Gaststätte und in einem Café gearbeitet, damit sie ihr Zimmer bezahlen konnte.“

Diese Mitteilung Laras veranlasste einen der Polizisten zu der Nachfrage: „Sagen Sie, Frau Baumann, wissen Sie vielleicht, in welcher Gaststätte und in welchem Café Marie an den Wochenenden gearbeitet hat? Es könnte uns eventuell weiterhelfen, wenn wir dort noch ergänzende Informationen einholen können.“ Lara erwiderte: „Sie glauben, dass Marie vielleicht Probleme mit einem pöbelnden und gewalttätigen Gast gehabt haben könnte? Ja schon. Das ist gut möglich. Sie hat an den Samstagen ziemlich regelmäßig in der Gaststätte ‚Bierfass‘ gearbeitet, meistens so von 13 Uhr bis etwa 24 Uhr. Sonntags hat sie im Stadtcafé als Servicekraft ausgeholfen. Das Café war sonntags immer von 9 Uhr bis etwa 17 Uhr geöffnet. Dort hat sie allerdings nicht den ganzen Sonntag bedient, sondern immer nur einige Stunden, wenn gerade viel los war, also meistens um die Mittagszeit herum.“

„Gut, vielen Dank, Frau Baumann. Wir werden dort mal nachfragen, wann die Marie im Café und in der Gaststätte zum letzten Mal gesehen worden ist.“ Dann machten sich die Polizeibeamten noch restliche Notizen über Laras Aussagen und kehrten zu ihrer Dienststelle zurück. Sie hatten begriffen, dass das Mordopfer ein sehr trauriges Leben geführt haben musste. Marie hatte viel gearbeitet, um ihr Studium finanzieren zu können. Und sie hatte fleißig studiert, ohne dass sie von ihren Eltern besonderen Rückhalt gehabt hätte.

3. Kapitel: Einige beteiligte Polizisten und Juristen

Polizeioberkommissar Werner Handke ist schon 59 Jahre alt und hat bei den üblichen Beförderungen immer etwas Pech gehabt. Pech hatte er gehabt, weil einige Schnitzer, die er sich während des Dienstes geleistet hatte, seinen Vorgesetzten aufgefallen waren. Aber jetzt steht endlich seine Beförderung zum Polizeihauptkommissar an. Im kommenden Jahr wird es voraussichtlich so weit sein. Werner Handke sieht gut aus und ist sportlich. Seine 59 Lebensjahre sieht man ihm nicht an. Er ist groß und schlank. Natürlich kleidet er sich sportlich und modern, manchmal auch etwas lässig, ziemlich modisch eben.

Verheiratet ist Werner Handke mit Silvia Handke, seine wesentlich jüngere Frau, die noch viel besser aussieht als Werner Handke. Silvia Handke ist erst 39 Jahre alt. Sie war früher Kassiererin und ist froh, dass sie nun nicht mehr arbeiten muss, sondern sich intensiv ihren Kindern widmen kann. Natürlich verbringt sie ihre Zeit nicht nur mit den Kindern. Wenn sie ein wenig Zeit erübrigen kann, geht sie ins Nagelstudio, manchmal auch ins Fitnesscenter, zum Friseur, oder sie trifft sich mit ihren Freundinnen.

Silvia und Werner Handke haben vier Kinder, die noch relativ jung sind. Zwei gehen noch in den Kindergarten, Lena besucht die erste Klasse der Grundschule und Marvin die vierte. Sie sind zufrieden mit ihrem Leben, auch wenn Werner Handke lieber ein Eigenheim gebaut hätte. Aber dann hätten sie sich ganz schön verschulden müssen, denn Werner Handke hatte von seinen Eltern kaum etwas geerbt. Die hatten, statt ihm eine angemessene Erbschaft zu hinterlassen, im Rentenalter ihr Haus verkauft und waren mit dem gesamten Geld nach Spanien ausgewandert, wo sie später auch gestorben waren. Hinterlassen hatten sie nur noch Schulden, denn der Verkaufserlös hatte nicht so lange gereicht wie sie sich das ursprünglich gedacht hatten. Werner Handke bekam nach dem Tod seiner Eltern nur wenige persönliche Sachen von ihnen, darunter viele Familienfotos, aber keinerlei Wertsachen oder Bankguthaben.

Silvia hatte natürlich noch nichts geerbt. Ihre Eltern waren noch nicht einmal im Rentenalter und erfreuten sich bester Gesundheit. Sie waren körperlich so fit, dass sie noch neben ihrer beruflichen Tätigkeit im Garten arbeiteten, Tennis spielten und jederzeit bereit waren, am Abend, wenn Silvia mit ihrem Mann ausgehen wollte, die Kinder bis in die Nacht hinein zu betreuen. Überfordert waren sie damit nie, denn sie waren erstaunlicherweise körperlich noch sehr aktiv, rannten also mit den Kindern auch mal um die Wette. Und das Wichtigste: Silvias Kinder mochten ihre Eltern. Sie freuten sich daher, wenn Oma und Opa zu Besuch kamen und dann häufig auch mal länger blieben, denn dann durften auch die Kinder etwas länger wach bleiben, und sie durften Fernsehen.

Silvias Mann Werner war nicht viel jünger als ihre Eltern. Aber als Polizeibeamter war er natürlich noch sehr viel sportlicher als ihre Eltern dies jemals waren. Im Augenblick jedenfalls. Silvia befürchtete allerdings, dass ihr Mann in nicht allzu ferner Zukunft zunächst die sportlichen Aktivitäten reduzieren und dann ganz einstellen könnte, weil er inzwischen für besonders anstrengende körperliche Aktivitäten einfach zu alt geworden war. Er durfte sich dann nicht wundern, wenn sich Silvia nach anderen Männern umsah.

Natürlich befürchtete Silvia bald auch negative Auswirkungen auf ihr eheliches Zusammenleben. Noch war ihr Mann sexuell aktiv, sehr sogar. Aber wenn sich das im Laufe der nächsten Jahre ändern sollte, dann wusste Silvia nicht, ob sie mit ihm zusammenbleiben wollte. Sie war ja noch verhältnismäßig jung. Vielleicht wollte sie auch noch etwas erleben. Jedenfalls hatte sie nicht vor, jeden Abend vor dem Fernseher zu verbringen und dann möglicherweise auf der Couch auch noch einzuschlafen. Im Gegenteil verbrachte Silvia die Abende oft in irgendwelchen Gaststätten oder Diskotheken. Dann war sie ihrem Mann auch nicht immer ganz treu, sondern hatten schon einige Male kurze Affären gehabt. Ihr Mann ahnte natürlich nichts davon. Nur einige ihrer Freundinnen wussten davon.

Bernhard Lang ist Richter am Landgericht. Seine Frau Karin Lang, ebenfalls Juristin, ist aus dem Justizdienst ausgeschieden und als Sachbearbeiterin in die Verwaltung gegangen. Kinder hatten die beiden nicht. Warum, wussten die beiden vielleicht selbst nicht so genau. Es war wohl nie der richtige Zeitpunkt gewesen. Anfangs mussten sie ihre Karrieren planen, und später hatten sie aus irgendwelchen Gründen Kinder nicht mehr vorgesehen.

Inzwischen machen sie sich ohnehin keine Gedanken mehr über etwaige Kinder, denn Bernhard Lang ist bereits 48 Jahre alt, also wahrscheinlich zu alt, um jetzt noch an Kinder zu denken. Seine Frau ist nur zwei Jahre jünger, wird sich also auch keine Gedanken mehr darüber machen, Kinder in die Welt zu setzen. Den richtigen Zeitpunkt dafür haben die beiden irgendwie längst verpasst.

Richter Bernhard Lang ist Mitglied einer Zivilkammer. In dieser Kammer werden vorzugsweise Erbschaftsangelegenheiten bearbeitet. Daneben ist er Mitglied einer Kammer für Handelssachen und vertretungsweise einer Kammer für Steuerberater- und Steuerbevollmächtigtensachen. Er hatte einen oder zwei Sitzungstage in der Woche, musste also nicht jeden Tag im Landgericht erscheinen. Vorbereitungen, Entscheidungsentwürfe und dergleichen konnte er auch von seinem Büro zu Hause aus erledigen. Die Aktenbearbeitung allerdings erfolgte sinnvollerweise im Richterzimmer. Wer schleppt schon gern Aktenberge mit nach Hause? Das war es letztlich, was den Richter Bernhard Lang veranlasste, doch täglich im Landgericht zu erscheinen, wenn auch oft etwas später als üblich.

Richter Bernhard Lang spielte in seiner Freizeit oft Tennis. Er ging auch gelegentlich in Stadion, um sich dorrt ein Fußballspiel anzuschauen. Abends gingen er und seine Frau Karin häufig ins Theater. Sie schauten sich fast alle Stücke, die dort gespielt wurden an, denn sie hatten Jahreskarten erworben. Ansonsten war ihr Privatleben ziemlich unspektakulär in dem Sinne, dass es keine aufsehenerregenden oder besonders interessanten Ereignisse in ihrem Leben gab. Bis auf die beruflichen Erfolge, die beide natürlich erzielt hatten.

Ob ihnen das auf Dauer reichen würde, darüber hatten sie offenbar noch nie richtig nachgedacht. Langweilig wurde ihnen nie, denn sie unternahmen ja immer mal wieder etwas mit Kollegen und Freunden. Natürlich konnten sie es auch einrichten, mindestens zweimal im Jahr Urlaub zu machen. Wenn man sie fragen würde, würden beide sicherlich sagen, sie seien mit ihrem Leben, so wie es war, sehr zufrieden.

Karin Lang allerdings ging oft auch allein aus und dies nicht nur dann, wenn ihr Mann Bernhard sportlich unterwegs war oder etwas anderes allein unternahm. Sie spielte gern Roulette und sie hat dabei auch schon einmal eine größere Summe gewonnen. Die hatte sie auf einem gesonderten Konto, von dem ihr Mann nichts wusste, angelegt. Es war ziemlich viel Geld, das sie angelegt hatte, und sie sparte im Laufe der Zeit immer mal wieder etwas an, um es auf dem gesonderten Konto einzuzahlen.

Der Grund dafür war wahrscheinlich, dass Karin Lang ihrem Mann nicht mehr so richtig über den Weg traute. Der war nämlich in der letzten Zeit oft die ganze Nacht unterwegs und kam erst nach Mitternacht, oft auch erst drei Stunden vor dem Frühstück, von seiner Tour zurück. Was er die Nacht über machte und wo er sich aufgehalten hatte, das erfuhr Karin Lang nicht, denn Bernhard Lang verwies immer nur auf irgendwelche sportlichen Ereignisse, die er angeblich besucht hatte. Aber auch Karin Lang wusste, dass diese Sportereignisse nicht nachts stattfanden. Dachte er vielleicht, dass er sie nicht ganz ernst nehmen musste? Auch sie wusste, dass sowohl Tennis als auch Fußball in der Regel tagsüber gespielt wurden.

Dr. Torsten Schrader ist Oberarzt in der inneren Abteilung der Universitätsklinik, seine Frau Lisa Schrader Lehrerin an einer örtlichen Grundschule. Sie unterrichtet die Kids des ersten Schuljahres. Sie und ihr Mann haben keine Kinder. Dr. Schrader ist 40 Jahre alt, seine Frau Lisa erst 35 Jahre. Beide sind sportlich, exklusiv und elegant gekleidet und vermittelten den Eindruck einer gewissen Arroganz im Umgang mit anderen Menschen.

Dr. Schrader hatte schon mehrfach Probleme mit Patienten gehabt, die ihn bezichtigt hatten, sie falsch behandelt zu haben. Natürlich gab es immer mal wieder Patienten, die mit dem Behandlungsergebnis unzufrieden waren und dem Arzt Vorwürfe machten. Diese Vorwürfe waren in der Regel unberechtigt, denn oft hatten die Patienten gegen die Anweisungen des Arztes verstoßen oder die ihnen verordneten Medikamente nicht genommen. Auch musste jeder Patient damit rechnen, dass eine ordnungsgemäße ärztliche Behandlung aus den unterschiedlichsten Gründen nicht immer zum gewünschten Erfolg führte, ohne dass daran den Arzt ein Verschulden träfe. Das alles versuchte Dr. Schrader seinen Patienten geduldig zu erklären, aber längst nicht immer mit Erfolg. Oft brachte er dafür auch nicht die erforderliche Geduld auf.

Allerdings musste Dr. Schrader zugeben, dass er in Einzelfällen durchaus schon fehlerhaft behandelt hatte, weil ihm einfach die Zeit gefehlt hatte, den Patienten gründlicher zu untersuchen. So etwas kann in einer Klinik vorkommen, wenn die Ärzte unter Zeitnot handeln müssen. Auch Dr. Schrader musste gelegentlich längere Schichten leisten, wenn etwa Kollegen erkrankt oder im Urlaub waren und die Klinikleitung nicht rechtzeitig für Ersatz hatte sorgen können. Unter Zeitnot konnte auch er einmal etwas vergessen.

Dr. Schrader hatte einmal miterleben müssen, wie die Rettungssanitäter in seiner Klinik von Angehörigen oder Freunden eines Patienten angegriffen wurden, als sie ihm einen schwer verletzten Patienten übergeben wollten. Ohne Rücksicht auf den schwer Verletzten hatten diese Angehörigen die Sanitäter immer wieder geschlagen, bis Dr. Schrader dazwischengegangen war. Das konnte Dr. Schrader natürlich nicht zulassen. Hier stand die Gesundheit eines Patienten in Frage, wogegen er natürlich einschreiten musste. Allerdings hatte Dr. Schrader dann zu forsch zugelangt, als er einen der Angreifer von dem Verletzten und dem Sanitäter ziemlich unsanft weggezogen hatte, worauf dieser Mann auf den Boden und dann gegen einen Mauervorsprung gestürzt war.

Diesen Vorfall hatte der Angreifer naturgemäß nicht ganz ohne Blessuren überstanden, sondern im Gegenteil eine massive Platzwunde davongetragen. Das hatte dann eine Strafanzeige gegen Dr. Schrader und eine Schmerzensgeldklage gegen die Klinik nach sich gezogen. Beides konnte der Anwalt der Klinik glücklicherweise abwehren. Der Arzt hatte ja schließlich nur seine Sanitäter schützen wollen, also Nothilfe leisten wollen. Er hatte es ja nicht tatenlos hinnehmen können, wenn irgendwelche Angehörigen von Patienten seine Sanitäter schlugen.