Eine Insel zum Verlieben - Karen Swan - E-Book
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Eine Insel zum Verlieben E-Book

Karen Swan

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Beschreibung

Nachdem ihr von ihrem Exfreund Tom das Herz gebrochen wurde, wagt Chloe einen Neuanfang in Manhattan. Sie findet Arbeit in einer exklusiven Immobilienfirma und lernt dort den charismatischen und mysteriösen Joe kennen, der einen reizvollen Auftrag für sie hat: Sie soll die perfekte abgeschiedene Urlaubsresidenz finden. Als plötzlich Tom in der Stadt auftaucht, begleitet Chloe Joe kurzerhand auf die traumhafte griechische Insel Hydra. Die langen Sommertage und das kristallklare Wasser entfalten ihre magische Wirkung, und die beiden kommen sich näher. Doch Chloe weiß wenig über den Mann, in den sie sich gerade Hals über Kopf verliebt ...

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Seitenzahl: 660

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Buch

Gebrochenen Herzens reist die Londonerin Chloe nach New York, um einen Neuanfang zu wagen. Sie beginnt für eine exklusive Immobilienfirma zu arbeiten, deren Kunden die Reichen und Schönen Manhattans sind. Der charismatische und mysteriöse Joe Lincoln beauftragt sie damit, eine Urlaubsresidenz auf einer griechischen Insel zu finden. Doch dann taucht unerwartet ihr Exfreund Tom in Manhattan auf und will Chloe zurückerobern. Tom ist der Mann, der ihr das Herz ­gebrochen hat – kann sie ihm vergeben? Spontan beschließt sie, zusammen mit Joe die Häuser in Griechenland zu besichtigen. Sie erhofft sich, auf der Reise etwas Ruhe zu finden, um ihre Gefühle zu sortieren und zu überlegen, was sie sich wirklich für die Zukunft wünscht. Doch zwischen ihr und Joe fliegen die Funken, und je näher sie sich kommen, desto mehr rückt Tom in den Hintergrund. Dann aber verschwindet die Frau eines anderen Kunden, und es gibt ernsthafte Anschuldigungen gegen Joe. Und Chloe muss sich fragen ob sie dem Mann, in den sie sich gerade Hals über Kopf verliebt, überhaupt vertrauen kann ...

Weitere Informationen zu Karen Swansowie zu lieferbaren Titeln der Autorinfinden Sie am Ende des Buches.

Karen Swan

Eine Insel zum Verlieben

Roman

Aus dem Englischen von Gertrud Wittich

Die englische Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »The Greek Escape« bei Pan Books, an imprint of Pan Macmillan, London.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstveröffentlichung Juni 2019

Copyright © der Originalausgabe 2018 by Karen Swan

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by Wilhelm Goldmann Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Covergestaltung: UNO Werbeagentur, München

Covermotiv: Nach einer Gestaltung von Blacksheep, depositphotos: AlKan, Daydream, Maridav, zoipap, zoltangabor

Redaktion: Ann-Catherine Geuder

MR · Herstellung: kw

Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 978-3-641-23966-4V006

www.goldmann-verlag.de

Für EllsImmer weiterschwimmen!(Mit Zwischenpausen, für Yoga und Wein.)

Prolog

Côte d’Azur, Ende Juli 2018

Sie ließ sich nach hinten ins Nichts fallen. Ihr grünes Seidenkleid schlug klatschend gegen ihre Beine, es hörte sich an wie das aufgeregte Flattern eines Vogels. Ihr Haar wurde nach oben geweht und rahmte wie zarte Weidenzweige ihren letzten Blick auf die Jacht ein. Es war alles so schnell gegangen, sie hatte gar keine Zeit gehabt, richtig Angst zu bekommen, und nun erfüllte sie der Gedanke, dass alles bald vorbei sein würde, mit einer seltsamen Ruhe. Alles war besser als das, was sie, besonders in letzter Zeit, hatte ertragen müssen. Ihre Augen tränten im Wind, und ihr Körper machte sich auf den Aufprall gefasst. Nein, es war besser so. Gnädiger. Das war kein Leben mehr gewesen.

Ja, sie würde fort sein.

Aber sie wäre endlich frei.

1. Kapitel

New York, vier Wochen zuvor, Ende Juni 2018

Okay, bloß keine Panik!« Xan erhob sich von seinem Schreibtisch und wedelte panisch mit den Händen. »Aber ich brauche sofort dreißig Pinguine für eine Abendgala in East Hampton.« Er deutete auf seine beiden Kolleginnen. »Go!«

»Ich liebe Pinguine!«, rief Poppy aus und schwang begeistert auf ihrem Drehstuhl hin und her. Ihre Endlosbeine von sich gestreckt nippte sie an einem grünen Saft.

Chloe stützte das Kinn in die Hand. »Pinguine? Auf einer Abendgala? Wozu das denn?«

»Ehrlich jetzt?«, witzelte Poppy mit todernstem Gesichtsausdruck. »Du weißt das nicht?«

Xan kam hinter seinem Schreibtisch hervor und ließ sich auf den Papierstapeln nieder, die sich zwischen den Tischen der Mädchen anhäuften. »Die Kundin will, dass sie sich unter die Gäste mischen.«

»Hm-ja.« Poppy nickte, als wäre ein solcher Gedanke keineswegs so abwegig, wie es auf den ersten Blick erscheinen mochte. Pinguine waren schließlich gesellige Tiere. Sie tippte eine E-Mail und stieß dann geräuschvoll den Atem aus. »Solange sie nicht die Getränke servieren sollen … Das wäre dann doch etwas zu viel verlangt.«

Chloe gluckste. Gott, sie liebte ihren Job und die Tatsache, dass so was zu ihrem ganz normalen Arbeitsalltag gehörte. »Wann fängt sie an, die Party?«

Xan verzog das Gesicht. »In zwei Stunden.«

»Okaay …«, sagte Chloe bedächtig. Bis zu den Hamptons war es eine dreistündige Autofahrt, aber das galt nur bei verhältnismäßig freien Straßen und nicht an einem Freitagnachmittag, wie heute, an dem halb New York ins Wochenende startete. »Das heißt, du wirst nicht um einen Hubschrauber herumkommen.«

Xan zuckte lässig die Achseln. »Ihr kennt diese Kundin nicht! Ich würde notfalls auch einen Kampfjet buchen. Diese Frau stellt, was Ansprüche betrifft, sogar Melania Trump in den Schatten.«

Poppy lachte laut auf. Sie besaß einen Mund wie Julia Roberts, der beim Lachen breiter wurde als die Augenwinkel – und sie lachte oft. Poppy war eine seltsame Mischung aus Extremen: superschlank und supergroß, mit langen Gliedmaßen, riesigen Kinderaugen und zartem blondem Babyhaar. Sie gehörte zu den leitenden Mitarbeitern der Firma, was man ihr allerdings kaum anmerkte, denn sie nutzte ihre Machtstellung nie aus. Im Gegenteil, die meisten verwechselten sie erst mal mit einer Praktikantin. Aber der Eindruck täuschte. Poppy war unschlagbar.

»Ich habe bereits beim Heliport angerufen und eine Augusta Grand reservieren lassen. Da kriegt man doch hoffentlich dreißig Pinguine rein, oder?«, überlegte Xan.

Poppys Augen funkelten vergnügt. »Oh, wow, das ist was für Mathematiker! Wie viele Pinguine wohl in eine Augusta Grand passen? Weißt du zufällig, wie viel Platz so ein Pinguin braucht?« Ihre großen Babyaugen richteten sich ernst auf Chloe.

Diese lehnte sich nun ebenfalls zurück und schwang auf ihrem Drehstuhl hin und her. »Kommt drauf an, Pops. Handelt es sich um einen Kaiserpinguin? Oder um die kümmerliche antarktische Variante? Das lässt sich nämlich nur schwer vergleichen. Wie Äpfel und Birnen.«

»Apples and pears? Stairs?«, erwiderte Poppy lachend in ihrem besten Cockney-Akzent, der allerdings nicht sonderlich überzeugend war. Poppy Langham war die Tochter eines Earls und besaß dementsprechend eine makellos gepflegte Aussprache, daran konnte auch ihre Aufmachung – eine tief sitzende schwarze Zimmermannshose mit weitem Schlag – nichts ändern. Ihrer Familie gehörte halb Shropshire, mitsamt den Schafen, die darauf weideten.

»Wovon redet ihr?«, fragte Xan perplex. Die Mädchen wälzten sich vor Lachen. Manchmal fühlte man sich als einzige Engländern im Team zwar so fremd, als käme man vom Mars, aber witzig war es schon.

Chloe tätschelte Xans Knie. »Das ist dieser Cockney-Reim, den wir dir neulich vorgetragen haben, weißt du noch?«

Xan war ein glühender Anglophiler, bekam die Ausdrücke aber nicht immer richtig hin. Einmal hatte er Jack, ihrem Chef, auf dem Weg zum Lunch erzählt, sein neues Auto sei »The Bee’s Legs«, obwohl es natürlich »The Bee’s Knees« heißen musste.

Aber selbst er hatte momentan keine Zeit für eine Lehrstunde in Cockney-Slang. »Und was hat das mit meinen Pinguinen zu tun?«

Poppy legte ihre Füße auf den Tisch. Sie trug heute rot-weiß karierte Vans, ein klares Zeichen, dass sie einsatzbereit war. »Also gut: Nehmen wir an, der Hubschrauberflug dauert eine halbe Stunde, das bedeutet, dass uns noch neunzig Minuten bleiben, um eine Pinguinkolonie aufzutreiben.«

»Neunzig? Ich würde eher sagen, siebzig«, warf Chloe ein. »Du vergisst die Rushhour. Die Fahrt zum Heliport?« Sie zuckte vielsagend mit den Schultern.

Poppy nickte. »Ja, du hast recht. Siebzig ist realistischer. So viel Zeit bleibt dir noch, um die Viecher aufzutreiben.«

»Tolle Berechnungen«, sagte Xan zynisch. Er griff sich Poppys grünen Saft und saugte den Rest geräuschvoll mit dem Strohhalm auf, was seine Wangenknochen vorteilhaft hervorhob. »Aber abgesehen von der Größe und Rushhour – wo kriege ich jetzt die verdammten Pinguine her?«

Eine nachdenkliche Pause entstand.

»Hmm.« Poppy tippte mit dem Zeigefinger sinnend an ihre vollen Lippen. »Ich kann dir sagen, wo du sie nicht herkriegst.«

»Aus dem Zoo?«, vermutete Chloe.

»Exakt!« Poppy zeigte mit beiden Zeigefingern auf Chloe, als habe sie soeben in der Lotterie gewonnen. Sie richtete ihren Blick auf Xan und fügte bekümmert hinzu: »Ein schrecklicher Papierkrieg! Das würde Wochen dauern.«

»Okay, also nicht aus dem Zoo. Vielleicht aus dem …«

»Aquarium?«, schlug Chloe vor.

Er nickte. »Ja, genau das meine ich. Das Aquarium.«

Poppy bedachte ihn mit einem mitleidigen Blick. »Dasselbe Problem.« Sie zeigte mit ihrem abgekauten Kuli auf ihn. »Was du brauchst, ist ein Privatsammler.«

Xans Augen leuchteten auf. »Allerdings!«

Sie lachten.

»Ein exzentrischer Multimillionär?«, schlug Chloe vor. »Amerika: das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Hier gibt’s bestimmt Leute, die sich alle möglichen Tiere zum Zeitvertreib halten. Pinguine als übergroße Schachfiguren zum Beispiel.«

»Richtig«, stimmte Poppy nickend zu.

»Ja, aber wer an der Ostküste hat so eine Tiersammlung?«, wollte Xan wissen, der jetzt allmählich wirklich in Panik geriet. »Ich meine, ich kenne natürlich ein paar Ornithologen – Bob Truman hat … Eulen und Falken? Auch ein paar Adler, glaube ich.«

»Trump hat auf Mar-a-Lago bestimmt einen ganzen Schwarm Flamingos«, vermutete Chloe. »Vielleicht leiht er sie dir.«

Xan unterdrückte ein Schaudern. »Lachsrosa! Nee, das passt doch nicht zum Dresscode. Es wird eine Schwarz-Weiß-Party.«

»Ach ja, Mist.« Sie lehnte sich zurück und schwang nachdenklich hin und her, den Blick auf die Fensterfassade gerichtet, wo unten auf dem East River soeben eine Passagierfähre vorbeituckerte. Die Sonne stand tief und warf ihre Strahlen schräg auf die verspiegelten Fassaden der Wolkenkratzer, verlieh dem ansonsten grünen Wasser einen rostbraunen Schimmer. Chloe setzte ihre neue Dior-Sonnenbrille auf, die sie, für Notfälle wie diesen, immer über einer Ecke ihres Monitors hängen hatte. Sie wandte ihr Gesicht Poppy zu und zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Ah, sehr hübsch«, sagte Poppy anerkennend. »Ist das die Gleiche, die auch Charlize Theron hat?«

»Ja genau. Hab sie bei Barney’s entdeckt. Gefällt sie dir?«

»Sehr sogar. Darf ich sie mal anprobieren?«

»Hallo?! Meine Pinguine?«, unterbrach Xan erbost ihre Fachsimpelei. »Mir läuft die Zeit davon. Wie weit kommt man in siebzig Minuten mit einem Helikopter? Hin und zurück natürlich. Bis rauf nach Maine? Vielleicht sogar bis Quebec?«

»Ja, kann sein«, meinte Poppy, die sich in dem winzigen Schminkspiegel bewunderte, den sie rechts oben an ihren Monitor geklebt hatte.

»In Kanada ist’s doch kalt, oder? Saukalt«, überlegte er und zog dabei eine nachdenkliche Schnute. »Da gibt’s ganz bestimmt Pinguine.«

Aber Poppy schüttelte den Kopf. »Irrtum. Pinguine gibt es nur in der Antarktis. In Kanada haben sie Bären.«

Chloe seufzte. »Wenn sie doch bloß Bären verlangt hätten …«

»Das würde mal eine wirklich unvergessliche Party werden. Schwarz-Weiß. Und Blutrot.« Poppy giggelte.

Xan kam ein Gedanke, seine Miene erhellte sich. »Moment mal – arbeite nie mit Kindern oder Tieren, so heißt es doch, oder? Aber manche müssen nun mal, die spezialisieren sich sogar darauf. Das ist es: Ich brauche einen Tiertrainer! Jemanden aus der Filmbranche.«

»Hört sich gut an«, sagte Poppy und gab Chloe ihre Sonnenbrille zurück.

Xan war jetzt wie elektrisiert. »Mann! Gab’s da nicht diesen Spielfilm mit Jim Carrey vor ein paar Jahren? Wie hieß er noch gleich? In dem gab’s jede Menge Pinguine.« Er schnippte erregt mit den Fingern. »Mister Poppers Pinguine!«

Poppy drehte sich schwungvoll in ihrem Drehstuhl um sich selbst und musste dabei ihre Giraffenbeine anheben, damit sie nicht über den Boden schleiften. »Ah, ich liebe diesen Film! Hab eine Erdkundeexkursion geschmissen, nur um ihn mir ansehen zu können. In der Fünften war das, glaube ich.«

»Ach, den hab ich gar nicht gesehen.« Chloe zog nachdenklich die Stirn kraus und drehte sich ebenfalls schwungvoll um die eigene Achse.

»Oh, Süße, den musst du dir unbedingt ansehen!«

»Okay – jetzt muss ich nur noch rausfinden, wer solche Tiere im Programm hat …«, überlegte Xan laut, der es aufgegeben hatte, auf ihre Hilfe zu hoffen. Er rannte um die Schreibtische herum und setzte sich wieder an seinen Computer. »Vielleicht gibt’s ja eine Kontaktadresse für die Ostküste …« Er verstummte, seine Augen wurden schmal. »Was ist das?« Er las es. Dann blickte er Poppy perplex an. »Du hast mir längst eine Kontaktadresse gemailt?«

»Ach so, ja«, erwiderte Poppy schulterzuckend. »Der Mann unterhält einen Wildpark in Vermont und vermietet regelmäßig Tiere, um sein Schutzprojekt zu finanzieren.«

»Aber … aber warum hast du das nicht gleich gesagt?«, kreischte Xan. »Ich habe zehn Minuten mit Quatschen verschwendet!«

»Nicht verschwendet, Xan. Der Weg ist das Ziel. Vergiss das nie.« Poppy grinste. Und duckte sich kreischend, als eine Aςai-Beere angeflogen kam.

Chloe wandte sich lachend wieder ihrer Arbeit zu. Als Corporate Partnership Director musste sie sich zum Glück nicht mit den verrückten, ja manchmal geradezu bizarren Wünschen ihrer zahlenden Mitglieder befassen. Ihre Aufgabe bestand darin, Partnerschaften mit Firmen in die Wege zu leiten, deren Angebote sich mit den Wünschen ihrer Mitglieder deckten oder die über eine ähnliche Kundendemografie verfügten, und mit ihnen Sonderkonditionen auszuhandeln oder exklusiven Zugang zu bestimmten Projekten oder Ferienanlagen. Invicta hatte sich europaweit zum bekanntesten und erfolgreichsten Luxus-Concierge-Service entwickelt und machte sich nun auch in Amerika rasch einen Namen. Sie hatte erst vor fünf Monaten vom Londoner Hauptbüro nach New York gewechselt und verbrachte die meiste Zeit mit Brunches, Lunches und anderen Networking-Kniffen, um geeignete Partner an Land zu ziehen – mit dem Resultat, dass sie die Stadt inzwischen besser kannte als die meisten gebürtigen New Yorker. Es hieß, man müsse mindestens drei Winter in der Stadt verbracht haben, ehe man sich als echter New Yorker bezeichnen konnte, aber sie hatte bereits jetzt Ohr und Finger am Puls der Stadt. Sie kannte die besten Lokale, die besten Events und wusste, was das Herz ihrer exklusiven Clubmitglieder höher schlagen ließ – sei es eine neue Soho-House-Niederlassung, das neueste Ian-Schrager-Hotel oder ein einmaliges Pop-up-Dinner für zweitausend Dollar pro Person im exklusiven, Members-Only-Club Spring Place, der skandinavischen Noma-Gruppe. Sie schuftete für zehn seit ihrer Ankunft im Februar, und es gab praktisch keine Luxushotelbar, in der sie nicht bereits einen gehoben, und kein Sterne-Restaurant, in dem sie noch nicht gespeist hatte. Poppy war nicht nur ihre Schreibtischnachbarin, sie war auf den meisten Events auch ihre Tanzpartnerin. Inzwischen kam es mehrmals pro Woche vor, dass das Duo in den Society-Pages der Stadt Erwähnung fand oder auf irgendwelchen Schnappschüssen zu sehen war. Aber so toll sich das auch anhörte – und so toll es auch war –, es wurde der ehemaligen Pfadfinderin aus Northumberland in England doch allmählich zu viel.

Poppy legte den Hörer auf, reckte die Faust und rief: »Geschafft!«

»Was denn?«

»Das war die Bestätigung, auf die ich noch gewartet hatte. Alexander will unbedingt in diesem exklusiven neuen Luxus-Resort auf den Malediven Urlaub machen, das eigentlich erst in einem Monat eröffnet wird. Du weißt ja, wie heikel er ist, was seine Privatsphäre betrifft.«

Das wusste Chloe allerdings. Poppy war die Lifestylemanagerin von fünf erlesenen Clubmitgliedern, denen sie – für einen sagenhaften Mitgliedsbeitrag von zweihunderttausend Dollar pro Jahr – ausschließlich zur Verfügung stand. Alexander Subotschewa war unter diesen sehr exklusiven Kunden der wichtigste. Als Oligarch der alten Schule und Besitzer eines Bergbau- und Elektronikimperiums sowie zahlreicher Luxushotels weltweit gehörte sein Alltag zum Außergewöhnlichsten, was man sich vorstellen konnte. Es gab nichts, absolut nichts, das jenseits seiner Möglichkeiten lag. Wenn er den Wunsch äußerte, mit Tom Cruise auf Motorrädern am Big Sur in Nordkalifornien entlangzudüsen, dann arrangierte es Poppy für ihn. Und als der letzte sich noch in Privatbesitz befindliche Leonardo da Vinci zur Auktion kam, entsandte Alexander Poppy, um ihm das Gemälde zu ersteigern, damit er es sich in seinem Privatflugzeug übers Bett hängen konnte. Da war der Urlaub auf den Malediven noch ein vergleichsweise bescheidener Wunsch – er hätte ebenso gut verlangen können, Ferien auf dem Mond machen zu wollen.

»Gut gemacht.«

Poppys schlanke Finger hackten bereits auf die Tastatur ein und schickten die frohe Botschaft an Subotschewas leitende Assistentin.

»Und wie geht es Pelham? Hat die Flucht geklappt?«

Poppy stöhnte. »Ja, gerade noch – nicht, dass er was davon mitgekriegt hätte.« Sie hatte gestern den Großteil des Tages damit verbracht, eine bemannte Jacht für ihn zu organisieren, die ihn irgendwo an der Küste von Guatemala abholen sollte. Pelham, Lord Hungerford – ihr Lieblingsklient – war auf einer Dschungelexpedition von Belize nach Tulum unterwegs gewesen, als sein Fahrer anrief und meldete, sie würden von Banditen verfolgt. Poppy, die während ihres Überbrückungsjahrs auch Mittelamerika besucht hatte und sich noch gut an die »Flexibilität« der dortigen Behörden erinnerte, hatte den Fahrer gelassen instruiert, er solle auf dem schnellsten Weg zur Küste fahren, den Rest könne er ihr überlassen. Chloe, die das Gespräch mitbekam, war es so vorgekommen, als würde ihre Kollegin ihm mal eben den Weg zum nächsten Pub beschreiben. »Armer Pelham«, sagte Poppy seufzend. »Er glaubt, sie hätten die Expedition wegen Schlechtwetter abbrechen müssen.« Sie grinste.

Chloe musste ebenfalls lachen. Ja, der arme Pelham. Das Ganze entwickelte sich allmählich zu einer Tragödie. Der vermögende Lord war nach dreißig Jahren Wein, Weib und Gesang (und nachdem seine vierte Frau mit seinem Stiefsohn aus zweiter Ehe durchgebrannt war) endlich zur Vernunft gekommen und hatte erkannt, dass es seine erste Frau Clarissa war, die er liebte und zurückerobern wollte. »Sie ist die Liebe meines Lebens«, hatte er Poppy tränenreich am Telefon anvertraut. »Sie zu verlassen war der größte Fehler meines Lebens. Was für ein verfluchter Dummkopf ich doch gewesen bin.« Er und »Rissa« waren im Lauf der Zeit gute Freunde geworden. Sie hatte ihm »der Kinder wegen« verziehen und war mittlerweile wieder seine Partnerin, wollte sich aber, trotz Pelhams zunehmend extravaganter und verzweifelter Liebeserklärungen, auf nichts Festes mehr mit ihm einlassen. Er versuchte seit Monaten, ihr einen Antrag zu machen, wurde aber immer entweder von ihrer Dickköpfigkeit oder aufgrund diverser Missgeschicke davon abgehalten. Und jetzt auch noch eine Verfolgung durch Banditen.

»Elle und ich fahren übers Wochenende nach Montauk raus. Willst du mitkommen?«, fragte Chloe und blätterte in einer Hochglanzbroschüre, in der ein Bauprojekt von Luxusimmobilien in den Schweizer Alpen angepriesen wurde. Sie war gerade dabei, einen exklusiven Deal für ihre Mitglieder auszuhandeln, die, wenn es klappte, ein Vorkaufsrecht erhalten und obendrein spezielle Wünsche würden äußern können, solange sich das Projekt noch in der Bauphase befand. Die letzten Details sollten nächste Woche besprochen werden. »Wir nehmen den Jitney um 19:09 Uhr.«

»Hach, das würde ich ja zu gerne, aber ich kann leider nicht.« Poppy streckte alle viere von sich und warf den Kopf zurück, sodass ihr langes Haar über die Rückenlehne ihres Schreibtischstuhls hing. »Ich muss hierbleiben, sicherheitshalber. Heute Abend findet Alexanders wichtiges Geschäftsdinner statt. Es darf nichts schiefgehen. Alles topsecret, du weißt ja, wie er ist.«

»Wieso das ganze Theater?« Chloe konnte nur ahnen, wie hoch das gemeinsame Nettovermögen der geladenen Gäste sein mochte – wahrscheinlich entsprach es dem Bruttosozialprodukt eines kleineren EU-Mitgliedsstaates.

»Er wirbt um Investoren für seine Hotelkette. Ist ganz schön nervös deswegen, es muss also alles absolut perfekt verlaufen.«

»Wird es auch.« Sie wusste besser als jeder andere, wie viel Mühe sich Poppy gegeben hatte. Als Schreibtischnachbarin hatte sie die vielen Telefonate mitbekommen, vom Keim der Idee bis zu deren Umsetzung. Alexanders Anweisung hatte gelautet: »Etwas Spektakuläres, Unvergessliches. Ein Statement für visionären Luxus und eine wegweisende Zukunft.«

Und so war Poppy auf die Idee mit dem Silber-Service-Dinner auf einem Eisberg gekommen.

Allein die Logistik war respekteinflößend: Heftige Winde und die potenzielle Zerbrechlichkeit des ausgewählten Eisbergs verboten eine Hubschrauberlandung. Poppy musste deshalb nicht nur das Catering und die Anreisemöglichkeiten für die wenigen erlesenen Gäste nach Grönland ausarbeiten, sondern auch ihre Maße nehmen lassen (wo immer sie sich gerade auf dem Erdball aufhielten), um Rentierfellanzüge für sie anfertigen zu lassen, die sie nach ihrer Ankunft mit dem Privatflug überstreifen konnten, um dann, per Hundeschlitten, ans Ende des Eisschelfs gebracht zu werden (dessen Position sich aufgrund von Abbrüchen und Schmelze täglich änderte), wo eine Einheit von Ex-Navy-Seals auf sie wartete, um sie zum Eisberg zu geleiten. Ein Eisbildhauer hatte in den letzten drei Tagen eine geschwungene Treppe in den Berg gehauen, auf der die Gäste nach oben schreiten konnten, wo sie von Kellnern mit perfekt temperiertem Wodka begrüßt werden würden. Eine verrückte, eine absurde Idee. Und genau das, was für einen Mann wie Alexander Subotschewa normal war.

»Schade, dass du heute Abend nicht mitkommen kannst«, sagte Chloe. »Wir wollten das neue Steakrestaurant in Amagansett ausprobieren. Aber du kannst jederzeit nachkommen – das Schlafsofa steht dir zur Verfügung.« Elle hatte für den Sommer ein winziges Feriencottage auf Montauk gemietet, und Chloe kam mittlerweile so oft mit, dass sie sich an den Kosten beteiligte. Genau genommen war es nur eine Zweibettunterkunft, aber Poppy scheute sich nicht, auf dem kleinen Schlafsofa zu übernachten und ihre langen Beine über den Rand der Matratze baumeln zu lassen.

Chloe legte die Broschüre weg und griff zur Handtasche. Am Freitagabend um sechs begann für sie das Wochenende. Zeit, sich aus dem Staub zu machen.

»Hm, ich könnte vielleicht am Sonntag rauskommen. Wann wollt ihr wieder zurück?«

»Erst spätabends. Wenn du den Frühbus nimmst …«

Poppy grinste schief. »Oder vielleicht ist Alexander bis dahin ja schon wieder zurück. Vielleicht könnte ich einen Hubschrauberflug schnorren, er hat ja auch ein Feriendomizil in den Hamptons.« Ihr Telefon, das nie lange stillstand, klingelte. »Ich sag dir noch Bescheid, ja?« Sie zwinkerte Chloe zu und nahm den Hörer ab. »Hallo, Mike, wie geht’s? Immer noch in L. A., wie ich sehe.«

Michael Greenleve, Musikproduzent und ein Londoner Cockney, wie er im Buche stand, führte ein Luxusleben als Plattenproduzent in Los Angeles. Chloe hatte das Gefühl, Poppys Klienten schon fast ebenso gut zu kennen wie sie. Auf so engem Raum gab es keine privaten Telefonate, daher wusste Chloe, dass Mike Rock liebte, Reggae dagegen nicht ausstehen konnte, dass er sein Steak nur leicht gebraten mochte, ausschließlich Zigarren der Marke Partagás Serie D rauchte, mittlerweile zum dritten Mal verheiratet war und sich vor kurzem den neuen LaFerrari Spider bestellt hatte, den es nur auf Anfrage gab. Er besaß eine Geliebte in Beverly Hills und eine zweite auf Hawaii, wo er sich ebenfalls oft zu Plattenaufnahmen befand (beide Frauen wussten zwar von der Ehefrau, aber nichts voneinander). Er absolvierte zurzeit ein High-Intensity-Intervall-Training und hatte deshalb schon zweimal fast einen Herzinfarkt bekommen und war in der Notaufnahme gelandet. Es gab kein Gespräch mit ihm, in dem sich nicht alles nur um ihn drehte.

»Rauf nach San Francisco, sagst du …?«, hörte sie Poppy noch, als sie sich bereits entfernte. »In einem U-Boot?! O Mann, toll, Mike! Wann? Ja gut, ich deichsle das für dich …«

Montauk, Long Island, am nächsten Tag

Das Lagerfeuer flackerte orangerot vor dem blaulilafarbenem Abendhimmel. Beide hielten eine Bierdose in der Hand, auf der sich Kondenströpfchen bildeten. Chloe saß in einem Adirondack-Liegestuhl, dessen Sitzfläche fast den Boden streifte. Ihre Beine hatte sie auf die niedrige Balustrade vor sich gelegt, die den Strand von der Promenade abtrennte. Ihr Blick war aufs Meer gerichtet und auf die Wellen, die sich am Strand brachen. Der wummernde Beat aus der Bar hinter ihr war nur gedämpft zu hören. Sie begutachtete ihre Zehennägel. Nun, der babyblaue Nagellack war zwar hübsch, wirkte aber auch ein wenig wie ein Frostschaden. Elle, die neben ihr saß, checkte ihre Instagram-Post.

Sie hatten einen ihrer üblichen faulen Tage am Strand hinter sich, mit denen sie sich meist das Wochenende vertrieben. Nur, dass man hier unter einem »faulen Tag« etwas ganz anderes verstand als zuhause in Chiswick. Statt bis mittags zu schlafen und seinen Kater vom Vortag bei einem kalorienreichen Brunch mit Freunden in einem Pub auszukurieren und sich hinterher vor den Fernseher zu legen (oder alternativ, bei schönem Wetter, mit einer Decke in den Dukes Meadows Park), hatte sie bereits eine fünf Meilen lange Fahrradtour um die Spitze von Long Island hinter sich, dann eine Pilatesstunde und Volleyball am Strand. Erst danach schien man hierzulande das Recht zu haben, den Rest des Nachmittags im Sand liegen und sich sonnen zu dürfen.

Apropos Sonnen. Chloe betastete die empfindliche Haut um ihre Augen. Sie spannte und fühlte sich salzig an. Da sie eine sehr helle Haut hatte (ihr Vater bezeichnete sie als »Milchhaut mit Muskateinsprengseln«), cremte sie sich gewissenhaft alle neunzig Minuten mit Sonnenschutz 30 ein. Ihre haselgrünen Augen hatte sie von ihrem Vater geerbt und das dicke kastanienrote Haar von ihrer Mutter. Chloe war ein keltischer Typ, und daher nicht dazu geschaffen, den ganzen Tag in der prallen Sonne an einem weißen Strand zu verbringen. Sie war ein Kind des kalten Nordens, des Winters, von Schafwollpullis und heißem Kakao vor dem warmen Kamin.

Elle dagegen war die geborene Strandnymphe. Sie war eins achtzig groß, hatte dunkle Haut und stammte ursprünglich aus Ghana. Die Sonne hatte bei ihr keine Chance, sie prallte an der braunen Haut ab. Elle besaß unglaublich lange Arme und Beine, ihre Haut war straff wie ein Trampolin, und wenn man neben ihr lag, hatte man das Gefühl, neben Naomi Campbell zu liegen. Ihre einzige Sorge war, Sand in ihren Afro zu bekommen, der gut und gerne noch fast zehn Zentimeter zu ihrer beeindruckenden Größe hinzufügte. Neben ihr wirkte Chloe mehr noch als sonst wie eine ehemalige Internatsschülerin, die mal ganz gut im Hockeyspielen gewesen war. Elle war Soulsängerin, mit einer Stimme so warm wie Honig und so scharf wie Ingwer. Sie war wie geschaffen für die Bühne: ihre lange, schlanke Figur, die umwerfende Stimme. Mittlerweile besaß sie in der Partyszene von Manhattan geradezu Kultstatus. Sie stand, wohin sie auch kam, immer sofort im Mittelpunkt, wozu auch ihre bunt-exotische Kleidung beitrug, die sie meist in ausgefallenen Secondhandläden kaufte. Chloe konnte nicht aufhören, sich zu wundern, wieso dieser schöne Paradiesvogel ausgerechnet sie unter seine Fittiche genommen hatte. Sie waren sich in einem Buchladen an der Ecke Zwölfte Straße und Broadway begegnet: Beide hatten sie nach demselben Buch gegriffen, von dem nur noch ein Exemplar vorrätig war. Elle, die es zuerst in der Hand gehabt hatte, schlug vor, sich das Buch zu teilen und nach der Lektüre auf einen Kaffee und einen Meinungsaustausch zu treffen. Aus dem Kaffee, zehn Tage später (beide hatten das Buch in Höchstgeschwindigkeit durchgelesen) wurde Lunch und hinterher tanzen in einem Club in SoHo. Flugs war eine Freundschaft entstanden, und sie verbrachten praktisch ihre gesamte freie Zeit miteinander. Poppy schloss sich ebenfalls gerne an, und so kam es, dass Chloe sich rasch in New York einlebte.

»Wo willst du essen?«, erkundigte sich Elle mit einem beinahe flehenden Ausdruck. Den hatte sie meistens, wenn’s ums Essen ging. Bei ihr kam der Hunger anfallartig und verlangte nach sofortiger Stillung.

Chloe, die nicht nur sporadisch, sondern ständig hungrig war, dachte mit zusammengekniffenen Augen nach. »Burger? Oder lieber Pizza? Wonach ist dir?«

»Ganz ehrlich? Nach beidem.«

»Dann lass uns zum Navy Beach gehen. Das liegt am nächsten, und dort kriegt man immer recht schnell einen Tisch.«

»Gute Idee.« Elle zog ihre langen Beine an und erhob sich wie ein schlaksiges Giraffenbaby. »Ich geh rasch zahlen, ich bin sowieso dran.«

Ihr Afro streifte den Türstock, als sie in der Bar verschwand. Chloe starrte hinaus aufs Meer, auf dem noch einige wenige Jachten unterwegs zu Ankerplätzen im Hafen waren, dessen Lichter in einem weiten Bogen die Bucht umspannten und von dem bereits Blinksignale an die letzten Boote geschickt wurden. Chloe, die zu träge war, um ihren Kopf zu bewegen, verfolgte es mit den Augen. Sie war so entspannt, dass sie am liebsten ewig so sitzen geblieben wäre – ein kaltes Bier in der Hand, liebkost von der seidigen Abendbrise. Sie wusste jetzt schon, dass sie heute Nacht gut schlafen würde. Hoffentlich wollte Elle nach dem Essen nicht durch die Clubs ziehen, Chloe wollte den Abend lieber ruhig ausklingen lassen. Clubs bedeuteten mehr Alkohol und Smalltalk mit Unbekannten. Sie bedeuteten Augenkontakt mit Männern und suggestive Dance-Moves. Für Elle mochte das gut und schön sein, sie verstand sich auf Flirts und unkomplizierten Sex, aber für sie, Chloe, war das nichts. Jetzt jedenfalls noch nicht. Sie gab sich zwar Mühe, aber sie war einfach noch nicht so weit.

Ihr Handy, das sie auf die Stuhllehne gelegt hatte, klingelte. Als sie sah, dass der Anruf aus dem Büro kam, war sie einen Moment lang versucht, nicht ranzugehen. Schließlich tat sie es doch, gerade weil es das Büro war.

»Hallo?« Sie wurde gewöhnlich nie am Wochenende gestört.

»Chloe? Ich bin’s, Jack.«

»… Hi, Jack!« Sie konnte ihre Überraschung nicht verbergen. Jack Mortimer war einer der beiden Gründer des Unternehmens, ein großer, gutaussehender junger Mann mit einem Ivy-League-Abschluss, dichtem Haar und einer Stirnlocke, die selbst Hugh Grant vor Neid erblassen ließe. Er hatte für Cambridge gerudert und war, wie ihre Mutter sagen würde (die ein Talent dafür hatte, Menschen mit wenigen Worten treffend zu beschreiben), »ein Playboy der alten Schule«. Er war bekannt dafür, dass er Kartentische frequentierte und ein Faible für Rennpferde und schöne Frauen besaß. Als Mensch und als Boss war er meist tiefenentspannt, konnte aber durchaus unangenehm werden, wenn man ihn auf dem falschen Fuß erwischte – ein Schmusekater mit Krallen sozusagen. »Was ist? Stimmt was nicht?«

»Ja, so könnte man sagen.« Seine Stimme klang verwirrt. »Wo bist du gerade?«

»In Montauk.« Ihr Blick huschte unwillkürlich zum tintenblauen Horizont.

»Na toll«, murmelte er, »auf halbem Weg nach England.«

Wie bitte? Das war ja wohl gewaltig übertrieben. Er hatte offenbar gehofft, sie noch im Umfeld der East 10th anzutreffen, wo die Büros lagen. Etwas stimmte da ganz und gar nicht. Sie erhob sich und lehnte sich an die Balustrade. Nur noch ein Schlitz Tageslicht war am schwarzblauen Horizont zu sehen, der jedoch rasch schrumpfte. Der Wind frischte auf. »Jack, was ist passiert?«

»Chloe, du musst sofort nach Manhattan zurückkommen.«

»Okay …«, antwortete sie langsam. Was war da bloß los? »Ich kann morgen früh gleich den ersten …«

»Nein. Nein, ich brauche dich jetzt sofort.«

»Jetzt?« Sie warf einen Blick auf das Bier in ihrer Hand. Es war ihre dritte Flasche, und sie war nicht mehr ganz nüchtern. »Aber wieso denn? Was ist passiert?«

Eine Pause. Chloe bekam allmählich Panik. Es musste etwas Schlimmes sein …

»Jack?« Sie umklammerte ihr Handy, und ihr Blick haftete auf einer heimkehrenden Jacht, als wolle sie sich daran verankern.

»Ich … ich weiß nicht, wie ich dir das beibringen soll, Chloe, aber … es gab einen Unfall.«

»… bist du verletzt?«

»Nein, nicht ich.« Er holte tief Luft. »Es ist Poppy.«

Chloe schnappte nach Luft. »Was?« Ihr blieb fast das Herz stehen.

»Sie wurde angefahren, als sie gerade das Büro verließ. Irgend so ein Idiot ist auf den Gehsteig gerast …« Er schluckte. »Der Fahrer hat sich aus dem Staub gemacht. Die Polizei ist auf der Suche nach ihm, aber es ging alles so schnell, dass er schon weg war, ehe jemand etwas mitbekam.«

Ein Auto war auf den Gehsteig gerast? Nein, unmöglich, sie konnte es nicht glauben. »War es … war es ein Terroranschlag?«, flüsterte Chloe. Nicht auszudenken! Vor zwei Minuten war es noch ein ganz normaler Samstagabend gewesen …

»Nein. Derzeit geht man davon aus, dass es ein Betrunkener war, der Panik bekam und Fahrerflucht beging.«

Sie verzog das Gesicht. Ob es das besser machte? Was spielte es für eine Rolle, wie es dazu gekommen war? Poppy hatte einfach Pech gehabt, sie war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen.

»Aber es geht ihr doch gut, oder? Ich meine, sie wird wieder gesund?« Elle tauchte auf, bemerkte Chloes Miene und blieb besorgt bei ihr stehen.

Schweigen. »Wir wissen noch nichts Genaueres, die Ärzte wollen nur Familienmitgliedern Auskunft geben. Aber soweit ich weiß, ist sie noch immer bewusstlos.«

»›Noch immer‹? Was meinst du damit?« Chloes Stimme wurde schrill.

»Laut Augenzeugen ist sie offenbar mit dem Kopf aufgeprallt.«

Chloe schnappte nach Luft. »O nein!«

»Aber … immerhin war der Rettungsdienst innerhalb weniger Minuten zur Stelle. Sie wird schon wieder, Chloe, ganz bestimmt«, sagte er fast beschwörend, als wolle er nicht nur sie, sondern auch sich selbst überzeugen. »Poppy ist zäh, die steht das schon durch.«

Chloe sagte nichts. Wie zäh musste man sein, um den Aufprall mit einem Auto zu überstehen?

Sie war wie vor den Kopf geschlagen, konnte nicht klar denken. Ihr war, als würde der Boden unter ihren Füßen kippen und sie käme ins Rutschen. »Hat man ihre Eltern schon verständigt?«

»Ja. Wir haben den nächstmöglichen Flug für sie gebucht. Sie werden morgen früh hier sein.«

»Dann werde ich sie vom Flughafen abholen«, murmelte Chloe und versuchte, sich zusammenzureißen.

»Nicht nötig. Ich habe bereits versprochen, dass ich da sein werde.«

»Aber irgendetwas muss ich doch tun!«

»Deshalb rufe ich ja an. Ich brauche dich hier in Manhattan. Du musst Poppys Klienten übernehmen.«

Chloe klappte der Unterkiefer herunter. »Was? Ich?«

»Ich weiß, es ist viel verlangt. Ehrlich, keiner weiß das besser als ich.«

»Aber Jack«, stammelte sie. Sie konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Wie war er bloß in der Lage, jetzt an die Arbeit zu denken? »So ein Job ist mir völlig fremd, ich mache Hintergrundarbeit, für so was fehlt mir die Erfahrung. Ich habe weder die Kontakte … noch das Knowhow dafür.«

»Jetzt tust du dir aber unrecht, Chloe. Ich weiß, du schaffst das. Tom hat erzählt, wie du eingesprungen bist, als ihr in London Ausfälle hattet.«

»Aber … aber das war auf einem ganz anderen Niveau. Das waren ganz normale Mitglieder, die Tickets zu einem Justin-Bieber-Konzert haben wollten oder eine Reservierung im Firehouse. Das waren keine dicken Fische, so wie Poppy sie betreut.«

Eine Pause trat ein. »Chloe, ich bitte dich, ich flehe dich an. Ich habe sonst niemanden.«

»Was ist mit Serena?«

Der Vorschlag kam ihr vor wie ein Verrat an ihrer Freundin und Kollegin. Poppy war ein so sonniger Typ, sie konnte keinen Menschen wirklich hassen, aber wenn sie es gekonnt hätte, dann hätte sie Serena Witney gehasst. Serena war die einzige andere VIP-Lifestylemanagerin in der New Yorker Niederlassung, und die beiden Frauen hätten unterschiedlicher nicht sein können. Es war kein Zufall, dass ihre Schreibtische an entgegengesetzten Enden des großen Raums standen. Poppy wurde von ihren Klienten geliebt, weil sie warmherzig und witzig war und locker und lässig, obwohl sie dem Hochadel entstammte (und vielleicht gerade deshalb keinen Wert auf Status legte). Serena dagegen wurde wegen ihrer kühlen Professionalität geschätzt. Sie war stets pünktlich, allzeit vorbereitet, zeigte nie einen Anflug von Müdigkeit und sah immer perfekt aus. Auf die Erfolge und Errungenschaften ihrer erlesenen Klienten war sie stolz wie eine Glucke und sonnte sich in deren Ruhm, zu dem sie schließlich ihren Beitrag leistete. Dagegen habe sie ja gar nichts, wie Poppy Chloe oft versicherte, wenn sie während der Mittagspausen in einem Restaurant saßen, und stach mit einem zornigen Gabelhieb auf ihr Fischfilet ein. Aber ihr kam die Galle hoch, wenn sie mit ansehen musste, wie Serena die jüngeren Kollegen abkanzelte. Serena war kein Teamplayer, sondern ein egoistisches Miststück, und sie wollte immer die Beste sein – vor allem besser als Poppy. Poppy ging mit diesem Konkurrenzkampf auf die für sie typische Art um: Sie machte sich über Serena lustig. Einmal scherzte sie, für Serena sei dieser Job sowieso nur ein Mittel zum Zweck: nämlich sich einen reichen Mann zu angeln. Und seitdem sie wusste, dass dieser Vorwurf traf, wiederholte sie ihn bei jeder passenden Gelegenheit.

»Aber Serena betreut schon Lorenzo Gelardi«, sagte Jack gereizt.

»Ach so, stimmt ja.« Wie konnte sie das vergessen? Lorenzo Gelardi, Erbe eines Reederei-Imperiums, das er zu einem globalen Logistikunternehmen ausgebaut hatte, war Serenas ganz persönlicher Mogul, der ausschließlich von ihr betreut wurde. Er und Subotschewa waren erbitterte Konkurrenten – Lorenzo war einst mit Alexanders Frau verlobt gewesen –, was die Rivalitäten zwischen Serena und Poppy nur noch verschärfte. Die beiden mächtigen Männer hatten keine Ahnung, dass sie sich desselben Concierge-Services bedienten, und das musste auch so bleiben. Unmöglich konnte ein und dieselbe Person beide betreuen.

»Du siehst also, warum deine Hilfe unentbehrlich ist. Du brauchst nur die Stellung zu halten, mehr verlange ich gar nicht, und dafür zu sorgen, dass sie alles bekommen, was sie brauchen. So lange, bis Poppy wieder auf dem Damm ist. Und das wird nicht lange dauern, verlass dich drauf.«

»Ja, natürlich«, sagte Chloe, auch wenn sie seinen Optimismus nicht ganz teilen konnte. Ihr Blick folgte einer besonders hohen Welle, die sich dem Strand näherte, auf dem Gipfel einen Moment lang reglos zu verharren schien und sich dann Gischt spritzend am Strand brach. Sie konnte kaum glauben, dass das alles wirklich geschah. Poppy – niedergemäht von einem Auto. Von irgendeinem Besoffenen. An einem ganz gewöhnlichen Samstagabend …

Er verstand ihr Schweigen als Kritik. »Hör zu, ich weiß ja, wie herzlos es ist, an die Arbeit zu denken, solange Poppys Leben am seidenen Faden hängt. Aber mir bleibt nichts anderes übrig! Selbst wenn ich diesem Bastard, der ihr das angetan hat, am liebsten an die Gurgel gehen möchte. Wir können doch nicht rumsitzen und Däumchen drehen und die Firma vor die Hunde gehen lassen – das hilft Poppy ja auch nicht. Das würde sie nicht wollen. Sie weiß, dass sich inzwischen jemand um ihre Klienten kümmern muss. Sie hängen sehr an ihr, natürlich tun sie das. Aber das würde sie trotzdem nicht davon abhalten, sich jemand anderen zu suchen, wenn der reibungslose Ablauf ihres Luxuslebens nicht mehr gewährleistet ist.«

Chloe seufzte. »Jack, das verstehe ich ja. Aber es muss doch jemand Besseren geben, der für sie einspringen kann. Xan, zum Beispiel. Jeder hier ist länger im Team als ich.«

»Ja, aber du bist trotzdem die erfahrenste Mitarbeiterin, die wir haben. Du warst praktisch von Anfang an dabei. Außerdem passt du ins Profil – Poppys Kundschaft hat sich daran gewöhnt, am anderen Ende der Leitung einen gepflegten britischen Akzent zu hören.«

»Ja, weil Poppy aus adeligem Hause stammt! Das mögen die Leute, in solchen Kontakten sonnt man sich gern. Aber damit kann ich nicht dienen. Mein Vater ist bloß ein ganz normaler Mathelehrer.«

»Chloe, du sitzt neben Poppy, du kriegst ihre Gespräche mit, du weißt, wie sie mit ihren Klienten umgeht, was sie mögen. Es ist dir vielleicht nicht bewusst, aber du kennst sie besser, als du glaubst. Du bist ideal dafür, glaub mir – es gibt keine bessere Vertretung als dich.« Er holte tief Luft. »Und Poppy hätte sich auch für dich entschieden, das weißt du.«

Chloe schloss seufzend die Augen. Er hatte recht. Sie musste sich zusammenreißen. »Ist das Eisbergdinner gut verlaufen? Hast du schon was gehört?«

»Nein, aber das ist bei Subotschewa immer ein gutes Zeichen. Wenn ihm was nicht passt, meldet er sich sofort, du kennst ihn ja.«

»Na gut, immerhin etwas. Sie hat dieses Dinner wochenlang geplant, weißt du. Sie hatte sogar eigens Rentierfellanzüge …«

»Das ist jetzt Schnee von gestern, Chloe«, unterbrach er sie. »Subotschewa konzentriert sich bereits auf die nächste Sache, und das musst du auch. Deshalb brauche ich dich ja hier, und zwar pronto. Du musst dich auf den neuesten Stand bringen und rauskriegen, was als Nächstes ansteht.«

»Aber wenn ich’s nun nicht schaffe?« Sie vergrub ihre Finger in ihrem Haar. »Ich verfüge weder über Poppys Kontakte noch ihren Einfallsreichtum.«

»Dann tu halt so als ob. Lächle einfach immer freundlich und erklär dich mit allem einverstanden. Nichts ist unmöglich, nur aufwendig. Und wenn du wirklich nicht mehr weiterweißt, dann kommst du zu mir oder zu Tom.«

Ja klar. »Na gut«, gab sie sich geschlagen. Sie kaute nervös an ihrer Unterlippe.

»Du bist nicht allein, Chloe, wir stehen hinter dir. Und denk dran, du tust das für Poppy. So kannst du ihr momentan am besten dienen. Wir sind alle in der Schwebe, wir wissen nicht, wie’s mit ihr weitergeht und ob sie wieder gesund wird. Das Einzige, was wir tun können, ist die Bälle in der Luft zu halten, bis sie wiederkommt und versucht, uns doch noch alle davon zu überzeugen, dass sie in Wahrheit die Tochter eines Taxifahrers aus Peckham ist.«

Chloe versuchte zu lachen, aber ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie stellte sich ihre fröhliche, lebhafte, immer gut gelaunte Freundin vor, wie sie mit gebrochenen Gliedern und womöglich schweren inneren Verletzungen in einem Krankenhausbett lag. »Du hast recht, es ist für Poppy. Sie würde ihre Schützlinge nicht enttäuschen wollen. Ich glaube«, überlegte sie stirnrunzelnd, »dass nächste Woche Pelhams Tochter Geburtstag hat. Ich muss in den Unterlagen nachsehen.«

»Ja, tu das.«

»Und …« Ihr fiel Poppys Telefonat ein, gestern, kurz bevor sie ging. »Ich glaube, sie hat noch was für Mike Greenleve organisiert. Irgendwas mit Unterseebooten.«

»Wie bitte? Unterseeboote?«

»Ja.«

Sie hörte ihn seufzen. »… Na gut. Das musst du auch überprüfen und sehen, wie weit sie damit gekommen ist. Aber das ist gut, das ist sehr gut. Genau das habe ich gemeint, Chloe – du bist die Richtige für den Job. Du weißt mehr, als du glaubst. Aufgefangene Gesprächsfetzen, Dinge, die du unbewusst mitgekriegt hast. Du musst nur zurückdenken und es dir vergegenwärtigen. Es wird dir schon alles wieder einfallen. Komm so schnell wie möglich zurück und fange an, dich einzuarbeiten. Ich selbst bin momentan in Palm Beach, mein Flug geht in einer Stunde. Wir sehen uns dann gleich morgen früh. Und bis dahin gibt es ja vielleicht auch schon was Neues aus dem Krankenhaus.«

»Gott, ja, das hoffe ich«, erwiderte Chloe inbrünstig. »Hoffentlich, hoffentlich geht alles gut.«

»Wir müssen die Ruhe bewahren und weitermachen«, sagte er noch, ehe er auflegte. Chloe betrachtete verwirrt ihr Handy. Hatte er wirklich gerade diesen Gemeinplatz von sich gegeben?

Aber er hatte nicht unrecht. Was blieb ihnen auch anderes übrig?

2. Kapitel

Hotel Crillon, Paris, Juli 2018

Elodie wippte nervös mit einem übergeschlagenen Bein. Das Model stellte sich vor ihr in Pose und richtete den ausdruckslosen, leeren Blick auf ein Gemälde an der Wand. Elodie kannte diesen Blick nur zu gut, ein Leben mit strenger Diät, Nächten voll Tequila, die Ablösung von einem Körper, der zum attraktiven Kleiderständer reduziert worden ist, lange, schlanke Glieder und straffe Haut, unübersehbar und gleichzeitig unsichtbar.

Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Tweedblazer, den das Model trug, auf die Knöpfe aus funkelnden Juwelen, den kostbaren elfenbeinfarbenen Tüll, der sich so gut machte im milchigen Tageslicht eines europäischen Winters.

»Das wäre doch etwas für die Amfar-Benefizparty in New York Anfang Oktober«, sinnierte ihre Stylistin, Raquel, die neben ihr saß und einen Ordner mit den Terminen auf dem Schoß hatte, die Elodies gesellschaftlichen Kalender in den nächsten vier Monaten füllten. »Dieser Schnitt würde Ihnen fabelhaft stehen.«

»Aber ich habe schon einen ähnlichen Blazer.«

»Ja, aber der befindet sich in Los Angeles, und ehrlich gesagt hat mir der Kragen nie sonderlich gefallen. Wir könnten diesen hier aus der beerenroten Linie nehmen, das würde sich so viel besser mit dem elfenbeinfarbenen Tüll machen, finden Sie nicht? Es sieht immer so nach Hochzeit aus, wenn alles in Cremetönen gehalten ist.«

Elodie sagte nichts, die gnadenlose Begeisterung und Anschaffungsfreude der Stylistin ermüdeten sie.

»Dieser Rotton ist ganz einfach Ihre Farbe«, schwärmte Raquel.

Damit war die Sache entschieden.

Die Inhaberin des Schneiderateliers stand in einem schlichten weißen Arbeitskittel an der Seite, der Inbegriff von Effizienz und Diskretion. Sie nickte. Das Model machte eine abrupte Drehung, wobei sie mit einem Kick ein Bein hochwarf, und schritt mit schwingenden Hüften wieder aus dem Raum. Ein weiteres Model tauchte auf: Sie trug ein mitternachtsblaues Abendkleid, das mit weißen Federn besetzt war.

»Ah!«, rief Raquel begeistert aus. »Das wäre doch perfekt für die Gala der Krebsstiftung nächsten Monat. Falls es bis dahin fertig sein könnte?« Sie blickte die Schneiderin fragend an. »Wäre das möglich, Madame Dubeau?«

»Selbstverständlich. Wir würden dem Priorität einräumen.«

»Nein – es ist ärmellos«, widersprach Elodie. Was das betraf, ging sie keine Kompromisse ein.

Raquel zog, wie immer bei diesem Thema, die perfekt geformten Augenbrauen hoch. »Aber Sie haben doch so schöne Arme, Elodie, so schlank.«

Elodie schüttelte nur den Kopf und sagte nichts. Sie wusste, dass Schweigen wirkungsvoller war als Argumente.

Raquel blickte seufzend zu Madame Dubeau. »Ließen sich vielleicht Ärmel anbringen? Würde das zu diesem Kleid passen oder eher vom Stil ablenken?«

»Einen körpernahen Ärmel aus schwarzem Seidenchiffon, peut-être? Oder Puffärmel aus Musselin? Wir könnten zwei entsprechende Entwürfe aus Toile anfertigen, damit Sie den Unterschied sehen und selbst entscheiden können?«

Das Model – das ebenfalls das Bild an der Wand über Elodies Kopf anstarrte – verlagerte ihr Gewicht auf die andere Hüfte. Vorhanden und doch nicht vorhanden.

Raquel blickte Elodie fragend an. »Was meinen Sie?«, erkundigte sie sich in leisem, intimem Tonfall. »Ich wüsste nicht, was besser ist, dies hier oder das von Valentino.«

»Welches meinen Sie?« Elodie konnte sich nicht mehr erinnern, es waren so viele Kleider. Wie sollte man sich die alle merken?

»Das rote Satinkleid – Sie wissen schon, das mit der winzigen Schleife am Kragen, Trapezschnitt, eng anliegende Ärmel?«

»Ah.« Elodie nickte, obwohl sie sich immer noch nicht sicher war, ob sie sich erinnerte oder ob ihr Raquels eindringlicher Ton dies nur vorspiegelte. »Nun, wenn das Valentino-Kleid bereits Ärmel hat …«

»Sie haben recht. Und Karl würde es uns wahrscheinlich ohnehin übel nehmen, wenn wir an seinen Kreationen herumbasteln.« An Madame Dubeau gewandt, sagte sie: »Das hier ist nichts für uns.«

Madame Dubeau nickte, und das Mädchen machte mit einem anmutigen Kick kehrt und schwebte aus dem Zimmer. In diesem Moment kündigte sich der Lift mit einem Pling! an. Sämtliche Köpfe blickten zum Flur, und Elodie wurde von Angst durchzuckt, wie immer, wenn ihr Mann einen Raum betrat. Es war, als würde sich die Luft verdicken, als würden die Moleküle schwerer werden und die Farben anfangen zu flimmern.

Sie sah, wie er durch den Flur geschritten kam und die Suite, die als Vorführraum diente, durch den offenen Türbogen betrat. Sie hatte ihn siebzehn Tage lang nicht gesehen, er war in Berlin, London, New York, Chicago und noch woanders gewesen; es kam selten vor, dass er sie so lange allein ließ.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, und ihr Blick folgte wie ein ängstliches Wild jeder seiner Bewegungen. Sie stand nicht auf, blieb reglos in dem zierlichen vergoldeten Sessel sitzen und beobachtete, wie er sich mit gutmütiger Miene umsah – kleine Mädchen bei ihrer Lieblingsbeschäftigung, dem Anprobieren von Kleidern.

»Die Damen scheinen sich ja gut zu unterhalten«, bemerkte er mit der leisen Belustigung einer trägen Raubkatze. In seinem dunklen Anzug und mit seiner untersetzten, bulligen Statur wirkte er in dem femininen Raum, mit den handbemalten blassgrünen Seidentapeten und den kugeligen, kinderkopfgroßen weißen Pfingstrosen, die in Vasen auf spinnenbeinigen Tischen standen, kantig und bedrohlich.

»Darling, du erinnerst dich an Madame Dubeau aus dem Chanel-Atelier«, stellte Elodie die anderen mit leiser Stimme vor. »Und an Raquel, natürlich.«

»Selbstverständlich«, antwortete er und nickte den Damen zu. Aber Elodie wusste, dass er vergessen gehabt hatte, wer die schlanke Brünette mit der eleganten Kurzhaarfrisur war, die an ihrer Seite saß. Er war Raquel schon Dutzende Male begegnet, begrüßte sie aber jedes Mal wieder, als wäre sie eine Fremde. »Enchanté, meine Damen.«

In diesem Moment tauchte das nächste Model aus dem Nebenzimmer auf, das vorübergehend als Ankleide diente, und geriet bei seinem Anblick ins Stocken. Die Anwesenheit eines Mannes in dieser Enklave der Weiblichkeit verwirrte und ängstigte sie ein wenig. Aber solch eine Wirkung übte Macht – oder die Illusion von Macht – nun mal auf andere aus. Sie war beängstigend, aber auch berauschend.

Das Mädchen brauchte einen Moment, ehe sie ihren Rhythmus fand und hüftschwingend, mit kickenden Beinen den Raum durchqueren konnte. Das mit schwarzen Perlen bestickte Abendkleid wirkte im Licht des Vormittags auf einmal lächerlich übertrieben.

»Raquel und ich wollten uns noch einmal mit der Herbstkollektion vertraut machen, ehe es nach dem Sommer mit Galas und Charity-Veranstaltungen losgeht«, erklärte Elodie, die ihren Mann nicht aus den Augen ließ. Dieser begutachtete das Model, das kehrtmachte und sich, bebend wie ein junges Reh, in Pose stellte, den Blick starr geradeaus auf das blöde Gemälde gerichtet.

»Aber ist das denn überhaupt nötig?«, erwiderte ihr Mann mit dem Anflug eines ironischen Lächelns. »Diese … ganze Dramatik?« Er wies mit einer unmerklichen Kopfbewegung auf den makellosen, stillen Raum. »Wenn du neue Kleider brauchst, bestelle dir doch einfach die ganze Kollektion.«

Raquel fuhr auf, als habe sie einen glühenden Schürhaken in die Kehrseite bekommen. »Wie bitte?«

Elodie hingegen erstarrte zu Eis. Sie wusste, was ihr Mann damit sagen wollte, was er von ihr wollte.

»Darling, du bist einfach zu gut zu mir«, erwiderte sie leise. Sie blickten einander einen Moment lang an, dann wandte sie sich an die anderen Frauen und sagte: »Ich weiß, wie beschäftigt Sie sind, Madame Dubeau, und ich will Sie nicht länger aufhalten, Sie müssen sich ja noch um andere Kundinnen kümmern. Es wäre egoistisch von mir, Ihre Zeit noch länger in Anspruch zu nehmen.« Sie setzte kurz ein strahlendes Lächeln auf, und damit war die Privatvorführung beendet. »Würden Sie mir bitte sämtliche Modelle in meinen Maßen zukommen lassen, das heißt bis auf das vorige Kleid? Und den Blazer vom zwölften Model nehmen wir in Beerenrot. Meine anderen Anforderungen gelten wie immer.« Nichts kürzer als in Knielänge. Nichts Ärmelloses. Keine tiefen Ausschnitte oder Cutouts.

»Bien sûr.« Die Schneiderin nickte. Ihre Begeisterung verbarg sie, da es geschmacklos gewesen wäre, Gefühle zu zeigen. Das Model machte kehrt und verließ mit gekonnten Schritten den Raum. »Soll ich es hierherschicken lassen? Oder an eine der anderen Adressen?« Es waren insgesamt fünf Adressen vermerkt.

»Hierher, bitte.« Elodie hielt die Hände still vor dem Körper gefaltet, aber Madame begriff, dass sie sich nun so schnell wie möglich zurückziehen musste. Die Maße der Kundin hatten sie ja. Alles Weitere konnte ein andermal entschieden werden.

Raquel ihrerseits bekam nichts von der Anspannung im Raum mit. Ihre fast schwarzen Augen funkelten vor Begeisterung und Verblüffung. Wer konnte es sich schon leisten, einfach so eine halbe Million für die neue Herbstsaison auszugeben?

Elodie fing ihre Ergüsse ab, indem sie sich vorbeugte und der anderen drei Luftküsse auf die Wangen gab. »Danke, dass Sie diese Vorführung für mich arrangiert haben, liebe Raquel. Aber nun will ich Sie nicht länger aufhalten. Sie haben sicher sehr viel zu tun, gerade jetzt.«

»Oh … äh, ja, natürlich«, stammelte Raquel und ließ sich perplex von Elodie die Hand schütteln. Der Butler war bereits im Türbogen aufgetaucht, um sie hinauszugeleiten. »Aber wir müssen noch wegen des Valentino-Kleids reden. Ich finde trotzdem, dass …«

»Ja, selbstverständlich. Ich melde mich.«

»Und ich habe für Dienstag Dior gebucht.«

»Wie schön.«

Elodie hatte ihre Maske über Jahre hinweg perfektioniert. Ihre geradezu umwerfende Schönheit setzte sie einem Leben aus hungrigen und neidischen Blicken aus, etwas, an das sie sich nie gewöhnen konnte. Sie stand nicht gerne im Mittelpunkt und hasste es, fotografiert zu werden. Ihre Hochzeit war nicht zuletzt aus diesem Grund die reinste Qual für sie gewesen. Es hatte Jahre gedauert, ehe ihr auffiel, was für eine Wirkung ihre stille, zurückhaltende Art auf andere ausübte, wie sie die Menschen damit nervös machen und verunsichern konnte. Je stiller sie sich gab, je leiser und je weniger sie sprach, desto unruhiger wurden die anderen; sie begannen nervös zu plappern, als müssten sie das entstandene Vakuum füllen. Und für gewöhnlich ertrugen sie es nicht länger als ein paar Minuten, ehe sie sich davonmachten und sie wieder in Ruhe ließen, was ihr ohnehin am liebsten war.

Es verfehlte auch diesmal nicht seine Wirkung, der hastige Aufbruch war der Beweis. Sie behielt das Lächeln auf dem Gesicht, sagte aber nichts. Mit einem unergründlichen Ausdruck in den dunklen Augen verfolgte sie, wie Raquel nervös ihre Sachen zusammensuchte und ihr Heft mit den – im Grunde völlig überflüssigen – Aufzeichnungen, die sie sich von jedem Outfit gemacht hatte, das sie für Elodie vorsah, hastig in ihre Handtasche stopfte. »Eine wirklich gute Entscheidung; die Kollektion ist ein einziges Gedicht, Sie werden einfach umwerfend darin aussehen«, plapperte sie. Sie blies Küsschen in alle Richtungen und wich auf dem Weg nach draußen Sofas und Tischchen aus. Der Butler brachte sie zur Tür.

Elodie wartete, bis sie mit einem leisen Klicken ins Schloss gefallen war, dann erst richtete sie ihren Blick auf ihren Mann. Er streckte den Arm mit nach oben gewandter Handfläche vor.

»Sollen wir, Darling?«

3. Kapitel

New York

Das Großraumbüro von Invicta hatte ganz gewiss eines: den Wow-Faktor. Besucher, die aus dem Lift traten, befanden sich plötzlich in einem riesigen Raum mit doppelter Deckenhöhe, dessen eine Breitseite von einer Stahlrahmenfensterwand eingenommen wurde, von der aus man einen fantastischen Blick auf den Fluss hatte. Und obwohl das Gerüst des Gebäudes industrieller Natur war, so war die Innenausstattung der reinste Luxus, mit mattschwarzen Wänden und rechtwinklig aufgestellten Schreibtischgruppen aus hellen, mit Leder bespannten Edelhölzern. Es gab einige Glaskabinen in unterschiedlichen Größen, die für Gespräche, Konferenzen oder als Besucherzimmer benutzt wurden. Die größte dieser Kabinen, ganz am anderen Ende des Raumes, enthielt Jacks Büro. Die Idee dahinter war »Offenheit« – keine versteckte Agenda, kein politisches Powerplay hinter verschlossenen Türen oder verdunkelten Fenstern. Mit dem Ergebnis, dass die Belegschaft Wetten auf die Socken abschloss, die der Boss (der eine Schwäche für ausgefallene Socken hatte) heute anhaben würde: Wenn Jack morgens sein gläsernes Büro betrat, streifte er gewöhnlich als Erstes die Schuhe ab und legte die Füße hoch. (Soweit Chloe sich erinnern konnte, waren es am Freitag schwarze gewesen, mit einem Dennis-the-Menace-Motiv.)

Am anderen Ende und direkt neben dem Lift befand sich eine moderne offene Poggenpohl-Küche mit gleich vier großen Gaggia-Naviglio-Espressomaschinen sowie einem gigantischen Meneghini-La-Cambusa-Kühlschrank, der jeden Morgen mit frischem Sushi aufgefüllt wurde, an dem sich die Belegschaft nach Belieben gütlich tun konnte. Direkt neben der Küche befand sich eine Sitzgruppe, bestehend aus Vintage-Bellini-Sesseln, die mit orangeroten Samtpolstern bespannt waren. Dort konnte man sich gemütlich hinsetzen und plaudern oder ausspannen – es gab dafür Brettspiele und Kopfhörer, die jedes Geräusch schluckten. Das Pièce de Résistance jedoch war die gigantische weiße Weltkarte, die die gesamte andere Breitwand einnahm. Kleine Lichtpunkte, die wie Sterne an einem wolkigen Nachthimmel funkelten, deuteten an, wo auf der Welt gerade Tag herrschte und Clubmitglieder Anforderungen an den globalen Concierge-Service hatten.

Chloe würde nie das Gesicht von Jacks Partner, Tom Elliott, vergessen, als er die astronomische Rechnung für die Weltkarte erhielt. Aber Jack hatte nun einmal auf der Ausgabe bestanden. Wie sollten sie ihrer erlesenen Kundschaft Luxus vorgaukeln, wenn die eigene Belegschaft in popeligen Büroräumen untergebracht wäre? Er sprach von »Integrität« – wie immer, wenn er seinen Kopf durchsetzen wollte. Aber in diesem Fall hatte er vielleicht gar nicht so unrecht gehabt: Im Architectural Digest war prompt ein Artikel über die neue New Yorker Niederlassung von Invicta erschienen, und seitdem waren ihm viele weitere gefolgt. Dies war eine unschätzbare Werbung für das private Unternehmen und ein sicherer Garant dafür, dass die Firma sich unter den Reichen und Schönen Manhattans, die zwar Geld im Überfluss, aber nie genug Zeit hatten, einen Namen machte.

Als Chloe am Samstag kurz vor Mitternacht die Büroräume betrat, entbehrten sie für sie ausnahmsweise jeden Wow-Faktors. Sie hatte auf dem Weg hierher die Polizeiwagen gesehen, die mit blinkendem Blaulicht am Gehsteigrand standen, und das gelbe Absperrband, das den Bereich umspannte, wo sich das schreckliche Unglück abgespielt haben musste. Sie wusste, sie wusste, dass das der Ort war, wo Poppy angefahren worden war – in der Nähe befand sich die Saftbar, die ihre Kollegin so schätzte und in der sie sich ihre grünen Säfte besorgte, wenn sie während eines langen Arbeitstags ein wenig Stärkung brauchte. War sie dorthin unterwegs gewesen, als es geschah? Keine aus der Luft gegriffene Vermutung, wenn man bedachte, dass sie sich wieder einmal einen Samstag im Büro hatte um die Ohren schlagen müssen.

Chloe blieb stehen und musterte einen Moment lang reglos Poppys Schreibtisch. Alles schien noch genauso zu sein wie am gestrigen Nachmittag, als sich Chloe von ihrer Freundin verabschiedet hatte. Nur dass der Becher mit dem grünen Saft nun leer im Papierkorb lag. Ihr Schreibtischstuhl war nach außen gedreht, als sei sie plötzlich aufgesprungen – was typisch für Poppy gewesen wäre.

In einem der gläsernen Büros am anderen Ende brannte Licht. Dort fand eine Besprechung der Nachtschicht statt – ein globales Unternehmen schläft nicht. Restaurantreservierungen wurden vorgenommen, Mitglieder auf VIP-Listen manövriert und Last-Minute-Buchungen von Hotelsuiten getätigt. Der ganz normale Wahnsinn.

Chloe ließ sich mit weichen Knien auf Poppys Stuhl sinken und blickte sich mit feuchten Augen um. Die Wirkung des Biers war verpufft, nur ein pochender Kopfschmerz war zurückgeblieben. Vorsichtig, als scheue sie sich, in die Fußstapfen der Freundin zu treten, ließ sie ihre Hände über die glatte Oberfläche des Schreibtischs gleiten. Ihr Blick huschte wie ein ängstliches Vögelchen über die persönlichen Gegenstände der Freundin: eine Kerze mit Feigenduft, die fast ganz heruntergebrannt war; ein Schwarzweißfoto von Poppy mit ihren vier Geschwistern in den Zweigen einer gigantischen alten Eibe; der rosafarbene Seestern, den sie letzten März als Souvenir in Little Exuma erstanden hatte und der nun als (völlig unbrauchbarer) Papierbeschwerer diente; das Patschuli-Rosen-Raumspray, das sie (ein lautes »Ommm« vor sich hin summend) vorzugsweise dann benutzte, wenn Serena mit geschäftig klappernden Absätzen an ihrem Schreibtisch vorbeimarschierte; ihre Sammlung von abgekauten Lieblingskulis; ein halb volles Päckchen Pfefferminzkaugummis. Und in der obersten Schublade rechts befand sich, wie Chloe, ohne sie öffnen zu müssen, wusste, ein Glas Marmite, »für Notfälle«.

Poppys Schreibtisch stand zwar nur anderthalb Meter von dem ihren entfernt, doch hatte man eine ganz andere Sicht. Man konnte zum Beispiel direkt zum Lift und zur Küche blicken, was von Chloes Schreibtisch, der teilweise von einer Backsteinsäule verdeckt wurde, unmöglich war. Der kleine Spiegel, den Poppy an ihrem Computermonitor angebracht und von dem Chloe angenommen hatte, dass er hauptsächlich zum Schminken diente – Poppy besaß die Fähigkeit eines guten Fotomodells, sich je nach Anforderung innerhalb von Sekunden mit einem beliebigen Accessoire, einem Shirt oder lässig hochgestecktem Haar vollkommen zu verwandeln –, bot, wie sie jetzt feststellte, nicht nur einen guten Blick auf das große Besprechungszimmer in der Mitte, sondern auch auf Serenas Schreibtisch und Jacks dahinterliegendes Büro.

Zu ihrer Rechten blinkte eine Hälfte der Weltkarte; die andere lag vollkommen im Dunkeln, wie eine schlecht ausbalancierte Waagschale. An der Westküste waren noch Lichter zu sehen, aber der dahinterliegende Kontinent lag vollkommen im Dunkeln. Auch Europa würde erst in einigen Stunden richtig erwachen. Nur China, ja ganz Asien war hell erleuchtet, da dort Mittagszeit herrschte. Chloe hatte festgestellt, dass dieses kontinenteumspannende Wandern der Lichter über einen gesamten Tag hinweg eine eigentümlich entspannende, ja meditative Wirkung auf sie ausübte.

Wie spät war es eigentlich in Grönland? Aha, vier Uhr morgens. Ob Subotschewa noch dort war? Chloe wusste nicht, was nach dem Eisberg bei ihm auf dem Programm stand, aber die Tatsache, dass Poppy an einem Samstag im Büro gewesen war, ließ vermuten, dass er Pläne für danach gehabt hatte. Sie zog eine große Seitenschublade auf, in der sich, wie sie wusste, die Akten von Poppys Schützlingen befanden. Ja, dort waren die fünf Namen, die sie suchte: Subotschewa, Mike Greenleve, Pelham, der Filmregisseur Christopher Proudlock und die Opernsängerin Rosaria Bertolotti. Ihr Leben – global, vernetzt, fordernd – dominierte Poppys Leben in jeder wachen Minute. Und jetzt würde es auch ihres dominieren, bis die Freundin wieder da war.

Sie lehnte sich mit einem müden Seufzer zurück, neben sich einen großen Becher Espresso, aus dessen Deckelschlitz sachte Dampf aufstieg, und begann zu lesen. Es war höchste Zeit, sich auf den neuesten Stand zu bringen.