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Wenn Eislaufen deine Leidenschaft ist, dann lebe diesen Traum.
Von diesem Gedanken ist Dario erfüllt, der neue Stern am Eiskunstlaufhimmel. Für seine Profikarriere ist er bereit, alles zu geben. Doch zugleich plagen ihn immer häufiger Selbstzweifel und Schmerzen. Allerdings werden sowohl seine Trainerin als auch seine Partnerin ihn unablässig zu Höchstleistungen antreiben. Erst ein entscheidender Vorfall lenkt Darios Aufmerksamkeit auf Tanja, die Schusterin, die für die Wartung seiner Schlittschuhe verantwortlich ist. Durch sie lernt er eine Seite an sich kennen, die er schon lange verloren geglaubt hatte.
Zugleich muss sich Tanja mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Beziehung zum Eis auseinandersetzen. Dabei gewinnen quälende Gedanken an ihre Kindheit immer öfter die Oberhand.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Amanda Partz & Monika Grasl
Eisblüten schillern
in der Nacht
Romance
Copyright © by Authors/Bärenklau Exklusiv
Cover: © by Steve Mayer, nach Motiven von edeebee (KI), 2026
Korrektorat: Ilka Richter
Verlag: Bärenklau Exklusiv. Jörg Martin Munsonius (Verleger), Koalabärweg 2, 16727 Bärenklau. Kerstin Peschel (Verlegerin), Am Wald 67, 14656 Brieselang
www.baerenklauexklusiv.de
Die Handlungen dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten und Firmen. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.
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Impressum
Das Buch
Eisblüten schillern in der Nacht
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
Epilog
Danksagung
Wenn Eislaufen deine Leidenschaft ist, dann lebe diesen Traum.
Von diesem Gedanken ist Dario erfüllt, der neue Stern am Eiskunstlaufhimmel. Für seine Profikarriere ist er bereit, alles zu geben. Doch zugleich plagen ihn immer häufiger Selbstzweifel und Schmerzen. Allerdings werden sowohl seine Trainerin als auch seine Partnerin ihn unablässig zu Höchstleistungen antreiben. Erst ein entscheidender Vorfall lenkt Darios Aufmerksamkeit auf Tanja, die Schusterin, die für die Wartung seiner Schlittschuhe verantwortlich ist. Durch sie lernt er eine Seite an sich kennen, die er schon lange verloren geglaubt hatte.
Zugleich muss sich Tanja mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihrer Beziehung zum Eis auseinandersetzen. Dabei gewinnen quälende Gedanken an ihre Kindheit immer öfter die Oberhand.
***
Eine Romance von
Amanda Partz & Monika Grasl
Widmung
Für Nikolas, Konstantin, Peter und Luc
Für alle, welche die Liebe zum Eis teilen.
Prolog
Die Kälte schlug ihr regelrecht ins Gesicht, während die Schneeflocken um sie herumtanzten. Fröstelnd zog die junge Frau den Mantel noch enger um ihren schmalen Körper und war dankbar, sich für ihn entschieden zu haben. Mit einer Jacke wäre sie innerhalb weniger Sekunden tiefgefroren gewesen. Obwohl ein Teil von ihr diese Vorstellung verlockend fand.
Denk nicht einmal daran.
Verstohlen und sogar noch ein wenig schluchzend strich sie sich über die Wangen. Sie waren feucht. Am liebsten hätte sie sich eingeredet, dass der Winter daran schuld war. Eisige Kälte sorgte schließlich häufig für eine Reizung der Augen, und außerdem …
Halte dich nicht selbst zum Narren!
Obwohl die Worte aus ihrem Inneren kamen, zuckte sie abrupt zusammen und Tränen flossen erneut über ihre Wangen. Lange hatte ihr Innerstes versucht, die Wahrheit zu verdrängen und sich stattdessen für den Weg des Schönredens entschieden. Aber es war nicht schön, und sie trug auch keine Schuld daran. Oder doch?
Du neigst doch schon seit jeher zu Übertreibungen. Und weißt du, warum? Weil du mit deinem eigenen Leben nicht zufrieden bist!
Die Gedanken fühlten sich an wie ein Peitschenschlag. Die junge Frau blieb stehen und presste ihre Finger gegen die Schläfen, obwohl es keine besonders gute Idee war, bei diesem Wetter lange hier zu verharren. Die Schneeflocken bedeckten erbarmungslos ihren Kopf und ließen sie wie eine Schneekönigin erscheinen. Langsam glitt ihr Blick auf den Weg vor sich. Er schien endlos, aber wenigstens war er leer.
Kein Wunder! Bei diesem Wetter wagt sich niemand auf die Straße. Im Gegenteil, man bleibt zu Hause. Dort, wo es warm und gemütlich ist. Nur du musst wieder einmal verrückt sein.
Sie stieß die Luft aus, die als winzige Rauchschwaden emporstieg. Ein Teil von ihr bejahte die Aussage ihrer Vernunft, doch sie wusste, dass es keinen anderen Weg gab.
Ich muss es tun.
Sie ballte die Hand zur Faust und ging tapfer weiter. Eine Ewigkeit schritt sie voran, bis die junge Frau ihr Ziel endlich mit eigenen Augen sah. Trotz der Kälte verzogen sich ihre Lippen zu einem Lächeln, obwohl die Eissporthalle eher wie ein Schatten als wie ein Gebäude wirkte. Sofort suchte sie Schutz unter dem breiten Vordach, zumal es ein paar Minuten dauerte, bis sie ihre Schüssel aus der Tasche geholt hatte.
Da drinnen ist es nicht viel wärmer als hier draußen. Aber die Kälte ist eine andere.
Würdevoll schritt sie die Stufen hinab. Die Stille tröstete ihre Seele wie eine Umarmung. Dennoch verlangte alles in ihr danach, es erneut zu tun. Nur auf diese Weise konnte sie an ein neues Leben glauben und mit der Vergangenheit abschließen.
Ich kann noch immer nicht fassen, wie mein Vater so etwas tun konnte.
Sie nahm auf der letzten Stufe Platz und holte die Schlittschuhe aus der Tasche. Noch immer fühlten sie sich seltsam unwirklich an, aber selbst ihre Vernunft wusste, es war kein Traum.
Wie eine Königin betrat sie die Eisfläche, und obwohl die ersten Bewegungen ein wenig unsicher wirkten, wurden sie nach ein paar Sekunden immer fließender.
Hier bin ich zu Hause.
Der Gedanke trug ihren schlanken Körper wie auf weißen Schwingen über die glatte Oberfläche, während sie die erste Pirouette drehte.
»So und noch einmal!«
Nur mühsam unterdrückte Dario den Impuls, das Gesicht zu verziehen oder seine Konzentration schleifen zu lassen. Letzteres würde ihm mehr Schmerzen bereiten, als Frau Kalmova es vollbrachte. Das Eis war hart wie Stein, und es wäre beileibe nicht das erste Mal, dass er sich beim Training verletzte.
Ich will es eigentlich nicht. Unbemerkt stieß Dario die Luft aus, und am liebsten wäre er der kleinen Rauchschwade mit den Augen gefolgt. Aber ich kann ihre nervige Stimme einfach nicht mehr hören.
»Worauf wartest du?« Während sie sprach, tippte Frau Kalmova auf ihr Handgelenk, obwohl sich dort keine Uhr befand. »Du weißt selbst, dass die Kür eine strenge Zeitbegrenzung hat, und die Punktrichter werden nicht ewig warten.«
Ja, doch!
Am liebsten hätte Dario ihr diese Worte entgegengeschrien. Zu seinem Ärger kehrten auch noch die starken Schmerzen in seiner linken Schulter zurück. Zwar besaß er, wie alle Leistungssportler, eine hohe Schmerztoleranz. Diese Verletzung kratzte jedoch gefährlich an dieser Grenze, zumal er die Ursache dafür nicht kannte, die Qual dafür aber umso mehr verspürte. Unmittelbar nach dem Auftreten hatte Dario für ein paar Sekunden das Gefühl, den Arm nicht mehr anheben zu können, geschweige denn eine Figur auszuführen. Dieser Trugschluss verschwand oft so schnell, wie er gekommen war, aber dennoch bereitete er ihm Angst.
Und du ignorierst es einfach.
Mehrfach hatte Dario versucht, seine Trainerin darauf anzusprechen und sie zu einem Arztbesuch zu überreden. Denn irgendetwas stimmte nicht. Er kannte seinen Körper gut genug, um das zu wissen. Aber Kalmova wollte nicht auf ihn hören.
»Wir gehen dann zum Arzt, wenn der Wettbewerb vorüber ist. Vorausgesetzt, es ist bis dahin noch nicht von selbst verschwunden.« Als dieser Satz über ihre Lippen gekommen war, war vor Entsetzen sämtliche Farbe aus seinem Gesicht gewichen. Bis zu diesem Zeitpunkt war Dario der Meinung gewesen, dass Trainer eine Fürsorgepflicht gegenüber ihren Athleten hatten. Ein Sportler konnte nur Leistung erbringen, wenn sein Körper dazu in der Lage war. Aber Frau Kalmova schien es damit nicht so genau zu nehmen, und irgendwo konnte Dario sie auch verstehen. Nicht nur seine Kraft und ihre Zeit steckten in diesem Wettbewerb, sondern auch eine Menge Geld.
Zwar wird in den heutigen Medien immer gesagt, dass die Gesundheit das Wichtigste ist, dachte Dario und fuhr eine weite Kurve, um zum Sprung anzusetzen, aber wenn dann das Geld fehlt, gefällt es auch keinem.
Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Arm, und nur mit Mühe konnte er den Impuls unterdrücken, ihn sofort wieder zu senken. Es hätte dem Ganzen nicht nur die Eleganz genommen, sondern auch sein Gleichgewicht. So sicher wie möglich vollführte er einen dreifachen Lutz und setzte sogar noch einen doppelten Axel nach. Die Schmerzen in seinem Arm ignorierte er dabei ebenso wie das Pochen danach.
»Gut gemacht, mein Junge.«
Frau Kalmova eilte zwei Reihen hinunter, um ihn in Empfang zu nehmen. So, wie sie es beim Wettkampf auch tat. Dario zog die Luft ein. Nur mit Mühe schaffte er es, seiner Trainerin in die Augen zu blicken. In ihnen lag Glaube, doch ebenso eine Mischung aus Strenge und Unnachgiebigkeit.
Sie führte ihn zu seinem Stuhl und legte kurz den Arm um ihn. »Das war wirklich gut, Dario. Auch wenn du dir ein wenig zu viel Zeit gelassen hast.« Plötzlich wirkte ihr Lächeln kalt, und er schauderte. »Das darf bei dem Wettkampf nicht passieren, hörst du? Sonst gibt es Punktabzug und das wollen wir nicht.«
Warum redet sie mit mir, als wäre ich ein Kind? Nicht zum ersten Mal schluckte er seinen Ärger diesbezüglich hinunter. Ich bin fünfundzwanzig und keine fünf mehr.
»Aber die Sprünge waren außergewöhnlich. Ich bin so froh, dass du mich in dieser Beziehung nicht enttäuscht hast. Mach den Wettkampf wie unser Training, dann werden wir gewinnen.« Dario nickte wortlos und steckte sich die langen, schwarzen Haare hinter das Ohr. Anfangs hatte Frau Kalmova ihn dazu gedrängt, sie abzuschneiden, da eine solche Frisur hinderlich sei und einen schlechten Eindruck hinterlasse. Er hatte sich gesträubt, doch zum Glück gaben ihm seine Fans recht. Bei jedem Foto, das im Internet oder in der Zeitung erschien, regnete es Komplimente für seine Haarpracht. Und auch unter den Kampfrichtern galt sie mittlerweile als sein Markenzeichen. Bis heute möchte ich jeden einzelnen Fan dafür küssen. Es hätte sehr wehgetan, meine Haare zu kürzen.
Er musterte seine Trainerin, und entgegen seiner Erwartung ließ der Schmerz in seinem Arm dieses Mal nicht nach. Im Gegenteil, er wurde sogar schlimmer. Außerdem war sein Körper erschöpft. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es Abend war.
»Kann ich bitte …?«, flehte Dario seine Trainerin an, die ihm einen strengen Blick zuwarf. Der Ausdruck in ihren Augen verriet, dass sie ihren Schützling zum Sieg bringen wollte. Egal, wie hoch der Preis dafür auch sein mochte. Entgegen seiner Erwartung nickte sie. »Geh für heute nach Hause. Du hast genug getan. Iss etwas Gesundes und lege dich früh schlafen.«
Wieder gab Dario keine Antwort, sondern nickte nur stumm und ging anschließend in die Umkleide. Eine warme Dusche tat unglaublich gut, und er genoss jede Sekunde, in der das Wasser über seinen Körper rann. Zumal es half, endlich die Schmerzen zu lindern. Verstohlen warf Dario einen Blick auf seinen Arm. Von außen war nichts zu sehen, aber er spürte instinktiv, dass etwas nicht stimmte. Als Sportler war er jahrelang darauf trainiert worden, auf die Signale seines Körpers zu hören, und diese Schmerzen gefielen ihm ganz und gar nicht.
Aber was soll’s. Sie wird nicht auf mich hören.
Für den Bruchteil einer Sekunde spielte er mit dem Gedanken, heimlich zum Verbandsarzt zu gehen und notfalls dessen Schweigen zu erkaufen. Menschen waren im Allgemeinen sehr zugänglich, wenn man ihnen Geld anbot. Selbst wenn sie in ihrem Fachgebiet exzellente Leistungen vollbrachten. Doch der Gedanke verschwand so schnell, wie er gekommen war. Denn zum einen konnte Dario überhaupt nicht gut lügen, und außerdem würde Frau Kalmova es spätestens dann merken, wenn der Arzt ihn krankschrieb.
Dann ist es vorbei mit dem Wettbewerb.
Der Gedanke schmeckte bitter, doch er ließ ihn die Schmerzen für einige Minuten vergessen. Vielleicht war es doch nicht so schlimm, wie er gedacht hatte, und ein Sedativum würde vollkommen ausreichen. Dario hoffte inständig, dass er sich diesbezüglich nicht täuschte. Eine unbehandelte Verletzung konnte gefährlich sein, aber ein abgesagter Wettbewerb ebenso. Von seiner Trainerin ganz zu schweigen.
Manchmal hasse ich sie regelrecht für ihren Ehrgeiz.
Dario stieß die Luft aus, zog sich um und verließ die Sporthalle. Sein Atem stieg wie eine Rauchschwade empor und verschmolz mit dem Firmament. Seine Augen betrachteten den Nachthimmel, und eine Träne löste sich aus seinem Augenwinkel.
Wie oft hatte ich mir gewünscht, den Sternen folgen zu können!
Dario lächelte melancholisch. Diese Seite aus Trauer und Schwermut hatte er noch nie jemandem offenbart. Aus Furcht, als depressiv oder gar psychisch krank bezeichnet zu werden, obwohl er sich selbst nicht so wahrnahm. Aber es gab einfach Momente und Tage, an denen ihm alles zu viel wurde und er sich wünschte, seinem jetzigen Leben entfliehen zu können.
Besonders, wenn Frau Kalmova den Hals nicht vollkriegen kann.
Er schnitt eine Grimasse. Obwohl die Schmerzen in seinem Arm mittlerweile verschwunden waren, bestand nach wie vor die Gefahr, dass es sich um etwas Ernstes handelte. Dieses Risiko existierte im Leistungssport immer, doch es schien ihr vollkommen gleichgültig zu sein. Dario ging weiter und versuchte, jeden Gedanken an die dunklen Seiten zu verdrängen. Stattdessen konzentrierte er sich auf das Positive. Seit er im Leistungssport arbeitete, gehörten die finanziellen Sorgen seiner Familie der Vergangenheit an. Daran hatte niemand mehr geglaubt, nicht einmal Dario selbst. Im Gegenteil, er konnte sich noch sehr gut an die Hänseleien in der Schule erinnern, weil seine Eltern oft kein Geld für Essen oder neue Kleidung hatten. Selbst seine ersten Schlittschuhe waren ein Flohmarktmodell gewesen. Ohne Frau Kalmovas beherztes Eingreifen und ihre Förderung hätte niemand den Unterricht bezahlen können.
Aber sie hat an mich geglaubt. Ist es dann nicht fair und gerecht, wenn ich ihr etwas zurückgebe? Schließlich weiß ich genau, was Frau Kalmova möchte.
Erneut bewegte Dario seinen Arm. Nichts. Keine Schmerzen, nicht einmal ein Ziehen oder Brennen. Am liebsten wäre er vor Freude in die Luft gesprungen. Vielleicht war alles doch nur ein falscher Alarm gewesen. Dario setzte seinen Weg deutlich beschwingter fort als zuvor, und sein Lächeln hätte der Sonne Konkurrenz gemacht.
»Schau mal. Da vorn. Ist er das?«
»Doch, ich glaube … Ja … Ich … Mein Gott!«
Dario warf einen Blick über seine Schulter und sah eine Gruppe von drei jungen Frauen, die nur wenige Meter von ihm entfernt standen. Eine von ihnen tippte auf ihrem Handy und schien nach etwas zu suchen, während die beiden anderen sich sichtlich Mühe gaben, ihn nicht anzustarren. Was ihnen jedoch mehr schlecht als recht gelang. Dario setzte sein makelloses Lächeln auf und schaute einer von ihnen mitten ins Gesicht. Mit ihren blonden Haaren und grauen Augen wirkte sie weniger flippig und aufgedreht als ihre Freundinnen. Im Gegenteil, obwohl ihre Augen vor Glück leuchteten, schien sie zu schüchtern zu sein, um ihn anzusprechen. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Dario, den ersten Schritt zu machen. Doch ihre Freundinnen kamen ihm zuvor.
»Entschuldige, bist du nicht Dario, der Eiskunstläufer?«
Ihr Lächeln wirkte auf den ersten Blick attraktiv, aber Darios Geschmack nach war ihr Make-up eine Spur zu stark. Trotzdem entschied er sich, freundlich zu bleiben.
»Ja, der bin ich. Guten Abend.«
Diese Begrüßung brachte die jungen Frauen kurz aus dem Konzept, doch sie fassten sich schnell wieder.
»Dürfen wir ein Foto mit dir machen?«, fragte die Zweite. Im Vergleich zur Ersten wirkte sie ein wenig blass, obwohl sie ein schön geformtes Gesicht hatte.
»Nur, wenn du nicht zu erschöpft bist.«
Dario musterte die Dritte irritiert, nicht nur, weil sie plötzlich das Wort ergriff.
»Warum sollte ich erschöpft sein?«
Er setzte ein charmantes Lächeln auf und merkte, wie sein Gegenüber ruhiger wurde.
»Na ja, du kommst doch gerade vom Training, oder?« Sie wies auf seine Tasche, und Dario lachte kurz, während er heimlich ihren scharfen Blick bewunderte. »Du hast recht, ich komme gerade vom Training, und ich bin definitiv müde. Aber das hindert mich nicht daran, mir ein wenig Zeit für euch zu nehmen.«
Ihm entgingen die eifersüchtigen Blicke der anderen Frauen nicht. Obwohl er keine Miene verzog, stieg dezenter Ärger in ihm auf. Auch beim Selfie hatten die beiden anderen sichtlich Mühe, fröhlich zu wirken.
»Wir danken dir.« Die Dritte lächelte schüchtern und sah ihn an. »Viel Glück für den Wettbewerb. Ich weiß, du wirst gewinnen.«
»Dario braucht kein Glück. Er gewinnt doch sowieso. Jemand wie er braucht das nicht.«
»Und außerdem sind wir noch da, um dich anzufeuern. Notfalls treten wir den Punktrichtern in den Hintern.«
Ein kurzes Lachen sprang über seine Lippen. Die Vorstellung war unrealistisch, dafür sehr amüsant. Gegen seinen Willen musste Dario innerlich eingestehen, dass ein echtes Lachen von ihm in letzter Zeit selten geworden war.
»Ich muss mich jetzt verabschieden. Es war tatsächlich ein langer Tag, und meine Couch ruft bis hierher. Bis bald! Ich sehe euch beim Wettkampf, oder?«
Die drei Frauen nickten eifrig und machten sich auf den Weg. Dabei blieb die Dritte, zu Darios Erleichterung, ein paar Schritte hinter ihren Freundinnen zurück.
»Hey, warte mal!«
Für den Bruchteil einer Sekunde dachte er sogar daran, sie am Arm zu packen. Doch dann drehte die junge Frau sich selbst um und schaute ihn mit einer Mischung aus Freude und Verwirrung an. Dario lächelte, in der Hoffnung, ihr die Befangenheit zu nehmen. Schließlich wusste er nur zu gut, wie es war, die falschen Freunde zu haben.
»Ich wollte dir nur sagen, dass du eine tolle Frau bist und nicht zögern solltest, dich von Menschen zu trennen, die dich kleinhalten.«
Sein Gegenüber lief hochrot an, als hätte er sie bei etwas Verbotenem ertappt.
»Woher weißt du das?«, fragte sie.
Dario nahm ihre Hand. »Deine Freundinnen sind keine so guten Schauspielerinnen, wie sie vielleicht denken. Ihre Blicke und Gesten haben mehr gesagt als alle Worte.«
»Es stimmt. Obwohl wir angeblich Freundinnen sind, zeigen sie mir oft, dass es ein Fehler ist, nicht so hip und cool zu sein wie sie.«
»Und genau das ist der Fehler! Es ist doch nicht wichtig, was cool ist und was nicht. Wer weiß das schon? Am Ende des Tages ist nur wichtig, was du willst und was du liebst.«
»Du hast recht, Dario.« Eine einzelne Träne rann aus ihrem Auge und sie hob schüchtern die Hand, um seine schwarzen Haare zu berühren. Er wischte ihr schnell über die Wange und umschloss ihren Körper für mehrere Sekunden.
»Denk manchmal an meine Worte, okay? Und jetzt lauf, bevor sie merken, dass du nicht bei ihnen bist.«
Die junge Frau folgte seiner Aufforderung, und Dario schaute ihr nach, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Den restlichen Heimweg folgte Dario seinen Gedanken.
Vielleicht wäre es gut, wenn ich meinen eigenen Ratschlag beherzige.
Tanjas Hände zitterten, sodass der Schlüssel fast zu Boden fiel. Heute brauchte es länger als nötig, ihr Geschäft abzuschließen. Auch ihr Herz klopfte in einer Mischung aus Angst und Euphorie. Ein Teil von ihr konnte noch immer nicht glauben, dass es kein Traum war.
Ich darf mich um Darios Schlittschuhe kümmern.
Für den Bruchteil einer Sekunde war Tanja versucht, ihr Alter zu vergessen und wie eine Jugendliche auf und ab zu hüpfen. Doch dann beherrschte sie sich und nahm den Weg nach Norden, in Richtung der großen Eishalle.
Es ist alles wie immer, nichts Ungewöhnliches.
Stumm wiederholte sie diesen Satz wie ein Mantra. Doch im Gegensatz zu sonst half er nicht viel. Im Gegenteil: Ihr Herz schien noch schneller zu schlagen und ein heftiger Schwindel tobte hinter ihrer Stirn.
Jetzt reiß dich aber zusammen. Es hat keinen Sinn, wenn du vor seinen Augen fast umkippst. Jetzt kommt es darauf an, professionell zu bleiben.
Das war jedoch leichter gesagt als getan. Zur Ablenkung schlang Tanja ihre Arme um ihren Körper und ging anschließend weiter. Langsam kam die Eishalle in Sicht, und ein Stechen drang mitten durch ihr Herz. Ein Teil von ihr hatte geglaubt, niemals wieder hierher zurückzukehren. Obwohl einige durchaus versucht hatten, sie zu ermutigen.
Aber Eiskunstlaufen war für Tanja niemals nur ein Hobby gewesen. Aus diesem Grund konnte sie sich nicht vorstellen, es als solches zu betreiben. Der Gedanke, wieder auf Schlittschuhen zu stehen, erfüllte ihre Seele jedoch mit tiefem Schmerz. Das hatte dazu geführt, dass Tanja das Thema und alles, was damit zu tun hatte, akribisch mied. Bis ER auf der Bildfläche erschien. Tanja stieß die Luft aus. Irgendwie konnte sie immer noch nicht ganz glauben, dass es einem Fremden gelungen war, ihre Mauer diesbezüglich einzureißen. Dennoch war es passiert. Eine Träne löste sich aus ihrem Augenwinkel, die sie eilig wegwischte. Ohne sich nach links oder rechts umzusehen, betrat Tanja die Eissporthalle.
»Was macht sie hier?«
»Ist sie vielleicht ein Fan oder ein Groupie?«
»Wenn dem so ist, werfen wir sie achtkantig raus!«
Tanja kniff die Augen zusammen. Zwar hatte sie gehofft, derartige Aussagen nicht hören zu müssen, doch offensichtlich hatten die Leute nichts von ihrer Engstirnigkeit eingebüßt. Die Arbeit des Schusters war, sofern es sie überhaupt noch auf die klassische Weise gab, stets eine Männerdomäne gewesen, weil man Frauen gern als zu ungeschickt einstufte. Und hierbei ging es nicht um irgendwelche sportlichen Treter, sondern um die Schlittschuhe des Weltmeisters. Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte Tanja, eine erboste Antwort zu geben, entschied sich jedoch für das Schweigen und streckte sich stattdessen eine Haarsträhne hinters Ohr. Zum Diskutieren war sie nicht hierhergekommen, sondern um eine wichtige Aufgabe zu erfüllen.
»Ach, Frau Stein.« Die höfliche, freudige Begrüßung brachte Tanja einen Augenblick lang aus dem Konzept, doch sie lächelte. »Es freut uns sehr, Sie bei uns zu haben.«
Das Strahlen des älteren Mannes war ansteckend, und Tanja konnte nicht anders, als es zu erwidern. Auch die angebotene Hand nahm sie gerne entgegen.
»Die Freude ist ganz meinerseits, Herr …«
»Birnbaum. Und ja, lachen Sie ruhig. Im Laufe der Zeit habe ich gelernt, es selbst zu tun. Sind Sie aufgeregt?«
»Ja.«
Am liebsten hätte Tanja sich auf der Stelle geohrfeigt. Diese Antwort war alles andere als klug, obwohl es der Wahrheit entsprach. Aber heutzutage durfte man keine Unsicherheiten zeigen, da man diese schnell als Inkompetenz auslegte. Doch Herr Birnbaums strahlendes Lächeln erstarb nicht – im Gegenteil: Er drückte ihre Hand ermutigend.
»Das ist weder schlimm noch unnormal, Frau Stein. Machen Sie sich diesbezüglich keine Sorgen. Sicher ist es eine neue Erfahrung, aber das Talent und die Begabung für Schuhe liegen Ihnen bekanntlich im Blut. Schließlich kann Ihre Familie auf eine jahrhundertelange Erfahrung zurückblicken. Ich erinnere mich noch sehr gut an Ihren Großvater.«
Kaum merklich sanken Tanjas Schultern tiefer und ihr Lächeln gefror zu Eis. Zwar entsprachen seine Worte der Realität, und sie hatte sie schon oft gehört. Dennoch irrten sich die Menschen, wenn sie glaubten, dass durch ihre Gene Fehler von Anfang an ausgeschlossen waren. Zum einen glaubte Tanja nicht, dass solche Dinge zu einhundert Prozent vererbbar waren, und zum anderen gingen mit diesen Erwartungen hohe Leistungsdruck einher.
Und es ist verdammt schwer, diesem standzuhalten.
Sie seufzte kaum hörbar. Genau das war einer der Gründe, weshalb sie ursprünglich nicht vorgehabt hatte, in das Geschäft einzusteigen und die Tradition weiterzuführen. Mit beruflichem Druck umzugehen, war die eine Sache – Tanja war diesbezüglich nicht ungeübt –, aber die Bürde eines Familienunternehmens zu tragen, war etwas ganz anderes. Obwohl Tanja ihr Leben dem Unternehmen mittlerweile vollkommen untergeordnet hatte und sich niemals beschwerte, hatte sie nicht selten das Gefühl, unter der Last zu zerbrechen.
»Nur Mut, Frau Stein, Herausforderungen gehören zum Leben dazu, und Sie wissen doch, was verlangt wird.« Herr Birnbaum führte sie in den Raum, wo die Schlittschuhe der Athleten aufbewahrt wurden. Tanjas grüne Augen weiteten. Niemals zuvor hatte sie so etwas Faszinierendes gesehen, obwohl Schuhe seit ihrer Kindheit eine große Rolle spielten.
»Und um welche soll ich mich jetzt kümmern?« Einen Moment lang drohte ihre Stimme zu versagen, doch Herr Birnbaum lächelte nachsichtig.
»Diese hier.« Er reichte ihr ein Paar nachtschwarze Schlittschuhe. »Sie gehören unserer größten Hoffnung.«
Tanja musste nicht lange überlegen, um zu wissen, dass er Dario meinte. Der junge Mann war derzeit in aller Munde, da er es in Rekordzeit geschafft hatte, sich zum Weltmeister aufzuschwingen. Erste Erfolge konnte er bereits im Alter von siebzehn Jahren verbuchen, dann verschwand er jedoch aus irgendeinem Grund von der Bildfläche. Nur um ein paar Jahre später mit einem Donnerschlag zurückzukehren. Und genauso, wie die Presse damals über die Gründe seines Verschwindens spekuliert hatte, feierte sie ihn jetzt als Wunderkind. Wie in Trance nahm Tanja die Schuhe entgegen und betrachtete sie. Trotz der intensiven Nutzung wies das Material kaum Gebrauchsspuren auf. Selbst der dezente Hauch von Glitzer, der neben Darios langen Haaren zu seinem Markenzeichen avanciert war, funkelte wie neu. Tanja schluckte ihre Euphorie herunter und musterte die Kufe mit einem geübten Blick. Es war alles in Ordnung. Ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, und sie nickte Herrn Birnbaum zu, der gespannt ihr Urteil erwartete.
»Ist alles in Ordnung mit dem Arbeitsgerät? Können wir unsere Hoffnung damit auf das Eis schicken?«
Tanja nickte. »Ja, es ist alles bestens.«
»Sehr gut. Ah, da kommt Dario gerade.«
In der nächsten Sekunde blieb Tanjas Herz regelrecht stehen, und sie war nicht fähig zu atmen. Dort stand er. Dario in seiner ganzen Pracht. Die schwarzen Haare fielen weich über die schmalen Schultern, und er trug bereits sein typisches, provokantes Make-up. Hinter vorgehaltener Hand bezeichneten ihn einige aufgrund dessen als ›Gothic der Eiskunstlauf-Szene‹. Gleichzeitig wagte es niemand, ihm gegenüber die klischeehaften Vorurteile zu äußern. »Sind meine Schuhe fertig?«
Seine Stimme war tonlos, und dennoch jagte sie Tanja einen Schauder über den Rücken. Wie konnte ein Mensch nur so wunderschön sein?
Komm wieder runter! schallte ihre Vernunft ihr zu. Er beachtet dich keine Sekunde.
Tatsächlich nahm Dario sich nicht einmal die Zeit für einen Händedruck. Er nahm die Schuhe an sich, ging ohne einen Blick über die Schulter zurück in Richtung Eisfläche.
»Ist er immer so unhöflich?« Erschrocken schlug Tanja sich die Hand vor den Mund. Sie hatte diesen Gedanken nicht laut aussprechen wollen.
Mach nur so weiter. Dann bist du deinen neuen Job bald wieder los.
»Eigentlich nicht. Aber Sie müssen es ihm nachsehen.« Die Sorge in Herrn Birnbaums Blick entging ihr keineswegs. »Dario ist zurzeit sehr gestresst, weil der Wettkampf bevorsteht. Er trainiert jeden Tag bis zum Umfallen und muss außerdem das Gekeife seiner Trainerin Frau Kalmova aushalten. Puh. Also mit dieser Frau …« Verschwörerisch beugte er sich tiefer und flüsterte: »… würde ich es keinen Tag lang aushalten. Sie ist ein Drache, wie er im Buche steht. Aber sagen Sie, Frau Stein, möchten Sie sich das Training nicht anschauen?«
Tanjas Herz machte einen Sprung. »Darf ich das denn?«
»Ich sehe nichts, was dagegensprechen sollte. Frau Kalmova wird das allerdings anders sehen. In ihren Augen lenken zu viele Zuschauer den Athleten ab. Aber Sie sind weder viele noch irgendjemand. Also los, lassen Sie sich diese Chance nicht entgehen!«
Ermutigt durch seine Worte ging Tanja ebenfalls in die Eishalle und setzte sich auf einen der Ränge. Den stechenden Blick von Darios Trainerin ignorierte sie, so gut es ging, und ließ ihre Augen stattdessen zu Dario wandern, der sich zum Warmlaufen bereits auf dem Eis befand. Selbst diese einfachen Bewegungen wirkten so anmutig und grazil, dass Tanja die Tränen in die Augen stiegen. Einen Wimpernschlag lang gab sie sich ihren Träumen hin.
»Komm zu mir, Tanja. Hab keine Angst.«
Hoffnungsvoll streckte Dario ihr die Hand entgegen, und sein Lächeln hätte selbst einen Eisberg zum Schmelzen bringen können. Dennoch zitterten Tanjas Beine wie Espenlaub. Zwar kannte sie das Gefühl des Schlittschuhlaufens durchaus, aber es war eine Ewigkeit vergangen, seit sie das letzte Mal auf dem Eis gestanden hatte. Außerdem hatten alle ihr gesagt, dass eine Kür nicht mehr möglich sei. Am liebsten wäre sie auf der Stelle geflohen, um nie wieder zurückzuschauen. Die Situation zerrte an ihren Nerven. Von Darios Blick ganz zu schweigen. »Vertraue mir, und noch wichtiger, vertraue dir selbst. Du kannst es.«
»Dario … ich …«
Ohne Vorwarnung ergriff dieser ihre Hand und zog sie an seine Brust. Tanjas Herz blieb stehen. Eine langvermisste Geborgenheit stieg in ihr auf. Gefolgt von einem Gefühl, das sie nicht erklären konnte.
»Ich glaube fest daran, dass du es kannst, Tanja.« Seine Augen schienen ihre Seele zu durchleuchten. »Du musst nur das Gleiche tun. Lass mich dich führen.«
Er drehte ein paar Runden auf dem Eis, und nach und nach verlor Tanja ihre Unsicherheit. Sie ließ sich immer mehr auf Dario ein und hatte das Gefühl, als würde ihr Körper schweben.
»Breite deine Flügel aus«, hauchte Dario, als er sie während des Tanzes an sich zog. Ihre Hände lagen plötzlich in seinen Haaren, und sein Parfüm stieg ihr in die Nase. »Ich weiß, du kannst es.«
