Ganz großes Kino - Lo Jakob - E-Book

Ganz großes Kino E-Book

Lo Jakob

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Beschreibung

Hollywoodstar Vanessa Harris hat eigentlich alles: Erfolg, Geld, Schönheit. Trotzdem ist sie unzufrieden. Irgendetwas fehlt in ihrem Leben. Genau deshalb lässt sie sich auf den Low-Budget-Film einer jungen Filmemacherin ein. Aber Kira Rosenborn ist damit fast ein bisschen überfordert. Wie geht man mit einem Hollywoodstar um? Und noch dazu mit einem, der schamlos mit einem flirtet und keinerlei Widerstand erwartet? Unglücklicherweise sollen das nicht die einzigen Probleme bleiben, mit denen Kira zu kämpfen hat ...

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Lo Jakob

GANZ GROSSES KINO

Roman

© 2016édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-172-8

Coverillustration: © Zlatko Guzmic – Fotolia.com

Prolog

»Kannst du mir mal sagen, was das soll?« Nathalie Colders Stimme dröhnte unangenehm schrill aus dem Hörer. »Willst du deine Karriere ruinieren?«

Vanessa Harris war inzwischen relativ abgebrüht, was die Ausfälle ihrer Agentin anging. Sie kannte Nathalie nicht anders. Wobei sie jetzt gerade besonders aufgeregt zu sein schien. Und, wie Vanessa zugeben musste, nicht ganz zu Unrecht.

Sie warf einen abfälligen Blick auf die Drehbücher, die auf dem Kaffeetisch lagen. Das war alles gewesen, was Nathalie in letzter Zeit für sie aufgetan hatte. Ein Skript übler als das andere. Nacktszenen in rauen Mengen und ein Klischee nach dem anderen. Man hätte meinen sollen, die Drehbuchautoren seien in der Lage, bessere Frauenrollen zu konzipieren, doch weit gefehlt. Vielleicht gab es die entsprechenden Drehbücher ja sogar. Aber Nathalie suchte diejenigen Projekte für sie aus, die Geld ohne Ende brachten – angelegt als große Blockbuster, aber schauspielerisch komplett inhaltsfrei.

Seufzend ließ Vanessa den Blick zu der großzügigen Glasfront schweifen, durch die man den Pool sah und dahinter das Panorama einer der aufregendsten Städte weltweit: Los Angeles. Doch sie hatte die Schnauze gestrichen voll von alledem. Hollywood hing ihr zum Hals raus. Nathalies ganze Regeln hingen ihr zum Hals raus.

Deshalb hatte sie das getan, was ihre Agentin jetzt an die Decke gehen ließ. Sie hatte für einen Low-Budget-Film zugesagt, ohne vorher mit Nathalie darüber zu reden. Was natürlich vor allem deswegen schlimm war, weil Vanessa auf ihre Gage verzichtet hatte. Das hieß auch kein Geld für Nathalie. Und Geld war das Einzige, was für ihre Agentin wirklich zählte. Gute Filme, die Filmpreise erhielten, spielten nur dahingehend eine Rolle, dass sie noch mehr Money einbrachten. Auch sie selbst war für Nathalie ein einziges großes Dollarzeichen, so kam es ihr zumindest manchmal vor. Und in letzter Zeit besonders häufig. Wobei sie bisher eigentlich gut mit der Zusammenarbeit gefahren war. Ihr Erfolg hier im Herzen der Filmindustrie sagte alles. War sie undankbar, weil ihr das plötzlich nicht mehr genug war?

»Ich habe das jetzt gerade mal durchkalkuliert«, schallte es aus dem Hörer. »Du wirst für mindestens sechs Wochen in Deutschland sein müssen. Das heißt, du kannst keinen der anderen Filme drehen, die ich rausgesucht habe. Und das alles, ohne einen Cent dafür zu kriegen? Das ist kompletter Wahnsinn. Das kannst du nicht machen. No way.«

»Way«, sagte Vanessa entschieden. »Ich werde das machen. Ich habe schon zugesagt und auch einen Vertrag unterschrieben.«

»Da hol ich dich wieder raus«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen. Und Vanessa zweifelte nicht daran, dass Nathalie sie innerhalb kürzester Zeit aus dem Arrangement herausgeschweißt hätte, wenn sie zustimmte. Nathalie passte auf Vanessa auf wie ein Luchs, schließlich war sie ihr bestes Pferd im Stall. Sie hätte alles für Vanessa getan. Besser gesagt, für Vanessas Karriere.

Doch zum ersten Mal widersetzte sie sich ihrer langjährigen Agentin: »Das wirst du nicht tun.«

Erneut fragte sie sich flüchtig, ob sie undankbar war. Tatsächlich hatte sie Nathalie viel zu verdanken. Deren unschätzbare Kontakte hatten ihren großen Durchbruch als Schauspielerin überhaupt erst ermöglicht. Sie hatten sich hier in L. A. kennengelernt, beide Deutsche, Nathalie mit einem Amerikaner verheiratet. Sie war aber auch oft in Frankreich, und einer ihrer Exmänner war Franzose und ebenfalls im Filmbusiness. Als Agentin war sie deshalb ideal für Vanessa. Denn ab und zu verschaffte sie ihr einen Auftritt in einem französischen Film, und dadurch konnte Vanessa regelmäßig einige Zeit in ihrer Wahlheimat Paris verbringen.

Aber jetzt gerade ging Nathalie ihr gewaltig auf den Wecker. Vanessa wandte sich von der eigentlich bombastischen Aussicht ab und ging quer durch den großen Raum in die Küche. Die war genauso übermäßig groß wie der Rest dieses Hauses, das sie nur hatte, weil Nathalie darauf bestand. Sie sehnte sich nach ihrer Wohnung in Paris. Dort lebte sie wirklich. Das war ihr Reich. Das Haus in L. A. sollte repräsentieren. Darauf legte Nathalie Wert. Sie behauptete, Vanessa könne als Hollywoodstar nicht in einem kleinen Apartment in West Hollywood wohnen. Das Ganze hatte ein Vermögen gekostet, und die Unterhaltung fraß ebenfalls eine Unmenge Geld auf. Das Vanessa zwar erwirtschaftete dank Nathalies guten Beziehungen und Auswahl an Projekten, aber sie hätte gut darauf verzichten können, in diesem kalten Alptraum zu wohnen, den sich ein überbezahlter Innenarchitekt ausgedacht hatte – zumal sie lediglich für ein paar Wochen im Jahr hier in L. A. war.

Nathalie überzog sie unterdessen weiterhin mit einem Monolog bezüglich ihrer Karriere und der Tatsache, dass sie am besten wisse, was gut für Vanessa war. Die ließ das Ganze an sich vorbeirauschen. Sie kannte das alles schon viel zu gut. Stattdessen fiel ihr Blick jetzt auf die neueste Ausgabe von Vanity Fair, die ihr heute Morgen mit den Einkäufen geliefert worden war und nun auf der Küchenablage prangte.

Sie sollte eigentlich stolz sein. Ihr Foto auf dem Cover war ein weiterer Erfolg, den sie in ihrer Laufbahn als Schauspielerin verbuchen konnte. Den Nathalie verbuchen konnte. Sie hatte es geschafft, sagte dieses Titelbild. Aber Vanessa schaute komplett emotionslos auf ihr mit Photoshop optimiertes Gesicht, das ihr verführerisch entgegenlächelte, betrachtete es kühl wie mit den Augen einer Fremden. Ihre Haare sahen wie immer toll aus – dazu brauchte es kein Photoshop, ihre Haare waren eines ihrer besten Erscheinungsmerkmale. Lange, dunkle Wellen schmiegten sich um ihr Gesicht und fielen wie ein Wasserfall auf ihre nackten Schultern. Ihre gleichmäßigen Gesichtszüge mit den vollen Lippen sahen perfekt aus. Insgesamt blickte ihr, nach allen gängigen Kriterien, eine wunderschöne Frau entgegen. Aber war das wirklich sie? Diese Vanessa Harris, der die halbe Welt hinterherschmachtete – wer war das? Ihr Gesicht und ihr Körper eigneten sich offenbar aufs beste für die Projektionen und Wünsche der Kinogänger, aber was war hinter dieser Fassade? Vanessa fragte sich in letzter Zeit immer häufiger, ob da überhaupt irgendwas war. Oder nicht vielmehr eine große Leere, die sie nur mit ihren Rollen füllte.

»Hörst du mir überhaupt zu, Vanessa?«, riss Nathalies scharfe Stimme sie aus ihren Selbstzweifeln.

»Wie könnte ich nicht? Du bist laut genug.« Vanessa nahm sich ein Glas und holte den grünen Gesundheitsdrink aus dem Kühlschrank. Irgendein Zeug aus Gras, das so gut wie keine Kalorien hatte und auch genauso schmeckte. Sie durfte ja schließlich kein Gramm zunehmen, Gott bewahre.

Unterdessen kam Nathalie auf den Punkt, auf den Vanessa schon die ganze Zeit gewartet hatte: »Ich habe nebenher auch mal das Drehbuch überflogen. Das kannst du wirklich auf keinen Fall machen.«

»Was meinst du?«, fragte Vanessa mit naiver Stimme. Sie nahm einen Schluck von ihrem grasgrünen Drink und verzog angewidert das Gesicht.

Wie erwartet kam es zurück: »Du kannst nicht in einem lesbischen Vampirfilm mitspielen.«

»Das ist kein lesbischer Vampirfilm. Vampirfilm schon, aber nicht lesbisch«, machte Vanessa den Versuch einer Verteidigung.

Ein abfälliges Schnauben klang aus dem Hörer. »Ach? Und wie nennst du es, wenn am Schluss die von dir gespielte Figur mit der zweiten Hauptrolle im Bett landet? Die zufälligerweise eine Frau ist? Das nenne ich verdammt lesbisch.«

Vanessa gab noch nicht auf. »In Vampirfilmen kommen immer homoerotische Szenen vor, Nathalie«, erklärte sie.

Aber natürlich half das nichts. Argumenten gegenüber war Nathalie noch nie aufgeschlossen gewesen. »Das ist doch Haarspalterei. Komm mir jetzt bloß nicht so. Du weißt genau, dass das Publikum das genauso wahrnehmen wird: als Lesbensache. Deine gelegentliche kleine Affäre gönne ich dir ja. Aber du darfst auf keinen Fall als Lesbe eingestuft werden. Das ist der Tod in Hollywood. Darüber haben wir schon hundertmal gesprochen.«

Vanessa seufzte. Ja, das war immer wieder ein Streitpunkt zwischen ihr und Nathalie. Wahrscheinlich hatte diese mit ihrer Paranoia sogar recht und leistete auch damit einen erheblichen Beitrag zu Vanessas Popularität. Aber es machte ihr Leben nicht gerade einfacher. Nathalie sorgte dafür, dass ihr immer wieder Affären mit passenden Männern nachgesagt wurden. Das ließ sich alles ganz wunderbar arrangieren, und beide Seiten profitierten von der Publicity. Sie musste sich dafür nur zu ausgesuchten Gelegenheiten von den Paparazzi ›erwischen‹ lassen, wie sie Hand in Hand mit dem jeweiligen Beau ein Restaurant verließ, sich ›verliebt‹ am Strand tummelte oder auf irgendeiner Society-Veranstaltung auf dem roten Teppich auftauchte. Kein großes Ding.

Und eine Affäre mit einer Frau zwischendurch rundete das Ganze ab, befand Nathalie, verlieh Vanessas Image das entscheidende Extra. Ihre vermeintlich latente Bisexualität regte nur die Phantasie ihrer Fans weiter an, stärkte das Bild des supersexy Vamps, dem Männer und Frauen zu Füßen lagen. Nur deshalb war es ihr überhaupt vergönnt, ab und an mit einer Frau in der Öffentlichkeit aufzutauchen, was natürlich von Klatschblättern und Society-Blogs begierig aufgesaugt wurde. Natürlich durfte dabei nie herauskommen, dass die Affären mit den Männern alle falsch waren und nur die Frauen echt. Na ja, bis auf die Sache mit Amelie Brügge, erinnerte sich Vanessa mit einem Hauch Wehmut. Das war auch nicht echt gewesen. Die deutsche Fernsehmoderatorin war ihr in der Presse als ihre letzte Geliebte angedichtet worden, und Nathalie war nur zu bereitwillig darauf angesprungen. Eine Affäre, die keine echte war – bestens. Nichts, das aus dem Ruder laufen konnte und mit ständigem Generve oder gar der Klage einer geprellten Ex endete, die mehr erwartete als ein paar wilde Tage und Nächte. Das war ihrer Agentin eine echte Freude, für Vanessa selbst hingegen ziemlich frustrierend gewesen. Jetzt musste sie erst wieder mit vier oder fünf Typen assoziiert werden, bevor sie sich einen kleinen lesbischen Ausflug gestatten konnte. Außerdem war Amelie wirklich eine Frau gewesen, an der sie interessiert gewesen wäre. Aber die hatte ja nur Augen für ihre Regisseurin gehabt . . . Nathalie hatte ihr später irgendwann erzählt, dass die beiden inzwischen verheiratet waren, und darüber nur den Kopf geschüttelt. Wie man nur so seine Karriere aufs Spiel setzen könne, hatte sie gehöhnt. Bei der Erinnerung daran machte sich Wut in Vanessa breit. Sie wusste gar nicht genau warum, aber das war auch egal. Oh, wie sie das alles anödete.

Bisher hatte sie sich stets zusammengerissen. Um Nathalies willen, um ihres Images willen, um ihrer Fans willen. Aber jetzt ließ sie ihren Ärger zum ersten Mal heraus. Mit fester Stimme sagte sie: »Ja, wir haben darüber schon oft gesprochen, und ich werde trotzdem diesen Film machen. Dieses eine Mal wirst du dich nicht durchsetzen, Nathalie. Ich werde nach Deutschland gehen, und zwar so lange, wie es braucht. Du kannst also alles andere erst mal auf Eis legen. Und das ist mein letztes Wort zu dieser Angelegenheit.«

Sie hörte noch, wie Nathalie zu einer Erwiderung ansetzte, legte aber mittendrin einfach auf. Das hatte sie noch nie gemacht. Sie erschrak über sich selbst. Im nächsten Moment ärgerte sie sich auch darüber. Was war sie nur für eine Memme.

Aber damit war jetzt Schluss!

Sie kippte das Graszeug in den Ausguss und beschloss, dass es Zeit war für einen richtig fetten Burger. Mit Pommes. Scheiß auf die Kalorien. Diät halten konnte sie später wieder. Wenn sie schon keinen Sex haben konnte, wollte sie zumindest endlich mal wieder was Gescheites essen.

Kira Rosenborn las die E-Mail nun schon zum zehnten Mal und konnte es immer noch nicht glauben.

Vanessa Harris hatte zugesagt. Sie verzichtete sogar auf ihre Gage. Ein Vertrag war auch schon dabei – unterschrieben von Harris selbst. Es war einfach unfassbar. Kira stand regelrecht unter Schock.

Vor ein paar Wochen hatte sie die private Mailadresse der Hollywoodschauspielerin über tausend Ecken aufgetan – die Freundin einer Freundin kannte eine Redakteurin in Köln, die mit Vanessa Harris’ Ex-Affäre Amelie Brügge befreundet war. Ihr zu schreiben und ihr Filmprojekt zu unterbreiten, war eine irre nächtliche Idee bei Vollmond gewesen. Sie hatte nicht wirklich mit einer Antwort gerechnet. Und wenn, dann nur mit einer arroganten und knappen Absage. Dass jetzt stattdessen diese Zusage kam, warf sie dermaßen aus der Bahn, dass ihre Hände zitterten und die Buchstaben auf ihrem Bildschirm zu tanzen schienen.

Eddy neben ihr spürte ihre Unruhe, hörte auf zu schnarchen und hob den Kopf. Sie gab ein kleines, fragendes »Wuff?« von sich und sah sie mit ihren braunen Kulleraugen aufmerksam an. Die Mopsdame lag stets auf einem zweiten Stuhl mit Kissen neben Kira, wenn sie am Schreibtisch saß. Oft streichelte Kira sie, während sie arbeitete. Das war für sie beide gemütlich. Auch jetzt kraulte sie Eddys Kopf mit den vielen Falten und dem kurzen weichen Fell, und allmählich wurde das Zittern weniger. Eddy – eigentlich Edwina, so hatte die Züchterin sie genannt – grunzte kurz genüsslich und beschloss weiterzuschlafen.

Vanessa Harris. Ein Hollywoodstar in ihrem Film. Kira schüttelte ein weiteres Mal ungläubig den Kopf. Die Zusage war natürlich phantastisch. Das könnte ihr großer Durchbruch werden, als Drehbuchautorin und als Filmemacherin. Aber wie sollte sie nur einen solchen Star in das Filmteam integrieren? Harris war es doch gar nicht gewohnt, Low-Budget-Filme zu drehen. Wenn es an Geld hinten und vorn mangelte, gab es keine Fünf-Sterne-Unterbringung für die Schauspieler, kein Gourmet-Catering während des Drehs. Und ein großer Teil des mageren Budgets würde vermutlich für Frau Harris’ Maske draufgehen. Denn sicherlich würde sie darauf bestehen, eine hochprofessionelle Maskenbildnerin von Rang und Namen am Set zu haben.

Egal! Sie würde das hinkriegen. Schließlich war sie bei diesem Projekt auch Koproduzentin. So hatte sie mehr Einfluss auf die Zuteilung der Mittel, was in diesem Fall sehr praktisch war.

Sie wechselte vom E-Mail-Fenster zur Suchmaschine und gab Vanessa Harris’ Namen ein. Das erste Suchergebnis war das aktuelle Cover der Vanity Fair. Wow.

Mit prüfendem Blick starrte Kira auf das wunderschöne, ebenmäßige Gesicht. Vanessa Harris war ein Sechser im Lotto für den Film, so viel war sicher. Die Schauspielerin galt momentan als der deutsche Export nach Hollywood schlechthin. Sie kombinierte echtes Schauspieltalent mit einem umwerfend sexy Aussehen. Ihre bisherige Filmografie ließ Kira allerdings zu dem Schluss kommen, dass sie ihr Talent bislang eher verschwendet hatte. Aber immerhin tauchten dort auch ein paar französische Produktionen auf. Offenbar jettete die Harris zwischen Paris und Hollywood hin und her.

Von ihren zahlreichen Affären mit den Schönen Hollywoods – vor allem mit Männern, aber erstaunlicherweise auch immer mal wieder einer Frau – hatte Kira natürlich auch schon gehört. Die gute Frau schien einen erstaunlichen Appetit an den Tag zu legen. Kira erinnerte sich noch gut, wie vor knapp einem Jahr die Lesbenwelt in Deutschland Kopf gestanden hatte, als die Sache mit Amelie Brügge rauskam. Da hatte die deutsche Filmszene noch gar nicht richtig realisiert, dass eine Bayerin auf internationalem Parkett in Hollywood den Durchbruch geschafft hatte. Erst mit ihrem Auftritt in der momentan angesagtesten Fernsehshow ›Leuchtenladen‹ hatte sie in Deutschland mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen – vor allem wohl durch besagte Affäre mit der beliebten Moderatorin dieser Sendung.

Während sie das Cover, das sie sich bildschirmfüllend anzeigen ließ, aufmerksam studierte, musste Kira sich eingestehen, dass auch sie Vanessa Harris umwerfend gutaussehend und sexy fand. Genau wie der Rest der Welt. Aber diese Anziehung war mehr abstrakt, so wie man ein Kunstwerk schön fand. Von der Persönlichkeitsstruktur schien ihr die Schauspielerin, wie so viele ihrer Zunft, eher an Oberflächlichkeit orientiert zu sein: Aussehen, Wirkung und nicht zu vergessen Geld. Warum sonst hätte sie sich für all diese Hollywood-Blockbuster hergeben sollen, in denen sie rein optisch eine Topfigur machte, die aber ihren darstellerischen Fähigkeiten kaum gerecht zu werden schienen?

Wobei es dazu nicht passte, dass sie jetzt tatsächlich bei ›Blutsschwestern‹ mitmachen würde, ohne dafür irgendwas zu verlangen. Und was das für ihre, Kiras, Zukunft bedeutete, das war momentan noch überhaupt nicht abzusehen.

Kira sortierte ihre braunen Rastalocken und fasste die vielen kleinen Zöpfe nachdenklich zu einem großen zusammen. Bisher hatte sie sich nach ihrem Abschluss an der Filmakademie vor ein paar Jahren mehr schlecht als recht mit kleineren eigenen Projekten und Aufträgen als Regieassistentin über Wasser gehalten. Die Drehbuchförderung für ›Blutsschwestern‹ war wie aus heiterem Himmel gekommen, und die anschließende Bewilligung der Produktionsförderung war ihr dann richtiggehend unheimlich vorgekommen. So viel Glück hatte sie bisher nicht gehabt. Dass jetzt auch noch Vanessa Harris zusagte, schien fast zu gut, um wahr zu sein.

Aber ein bisschen Glück steht mir ja wohl auch mal zu, dachte sie bei sich. Die letzten Jahre waren nicht einfach gewesen. Andere Leute hätten in ihrer Situation vielleicht gar nicht mehr weitergemacht mit ihrem Beruf. Sie wandte den Blick zu dem Familienfoto im Bücherregal neben ihrem Schreibtisch. Uli und Stephan, ihre zwei Väter, die Arme herzlich umeinander und um Kira geschlungen, sie selbst in der Mitte lächelnd. Da waren sie noch glücklich gewesen. Da hatten sie es noch nicht gewusst.

Kira fand sich auf Fotos immer so unscheinbar. Sie sah nett aus, das ja. Und sie wusste, dass sie eine positive Ausstrahlung hatte. Inzwischen trug sie eine andere Brille als auf dem Bild. Eine Cateye – die Ecken gingen leicht nach oben, very fifties. Das gab ihrem harmlos-freundlichen Gesicht einen kessen Ausdruck. Sie betrachtete ihre strahlenden graublauen Augen, die immer mitlachten, wenn sie lächelte, auch auf diesem Foto. Nett. Freundlich. Offen. Aber weit entfernt von einer Femme fatale wie Vanessa Harris. Die war ein ganz anderes Kaliber.

Na und, dachte Kira fast ein wenig trotzig. Wen kümmerte das schon, das war so was von unwichtig. Andere Dinge waren viel entscheidender. Was gäbe sie nur darum, diese eine Sache ändern zu können . . . Dafür würde sie sogar in Kauf nehmen, die hässlichste Frau auf der ganzen Welt zu sein. Stattdessen war sie nur die mittelmäßig hübsche Tochter von zwei schwulen Papis aus einer Reihenhaussiedlung in Berlin-Reinickendorf, ohne die Option, irgendetwas eintauschen zu können.

Energisch versuchte Kira die negativen Gedanken zur Seite zu schieben und sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. Das hatte sie erst in letzter Zeit lernen müssen, auf die denkbar bitterste Weise. Aber dadurch wusste sie jetzt immerhin, dass sie es in vollen Zügen genießen würde, einmal in ihrem Leben mit einer großen Hollywoodschauspielerin zu arbeiten. Dazu noch mit einer richtig guten. Denn das musste man der Harris lassen: Sie war phänomenal.

Wer wusste denn schon, ob eine solche Gelegenheit noch einmal wiederkäme. Wer wusste schon, was morgen war. Mit einer Zukunft, die es vielleicht nie geben würde, hatte Kira abgeschlossen.

Mit neuem Elan machte sie sich an die Überarbeitung des Drehplans von ›Blutsschwestern‹, um überall die große Neuerung einzubauen. Um Vanessa Harris einzubauen. Und erst als sie den Namen der Schauspielerin mit eigenen Händen in ihr Spreadsheet tippte, lachte sie laut auf. Erst jetzt war es echte, sichtbare Wirklichkeit. Sie stieß einen kleinen Schrei aus vor Aufregung.

Eddy sprang auf und hüpfte auf ihren Schoß, tanzte aufgeregt herum, stieß spitze Töne aus und versuchte ihr das Gesicht abzuschlecken. Und Kira lachte und lachte, konnte gar nicht mehr aufhören, lachte so ausgelassen wie schon sehr lange nicht mehr.

1

Vanessa schob den Gepäckwagen mit ihren zwei Reisetaschen durch die letzte Absperrung am Flughafen. Sie war schon lange nicht mehr ganz ohne Anhang verreist. In letzter Zeit war immer Nathalie oder irgendeine Assistentin der einen oder anderen Produktionsfirma dabei gewesen, die am Flughafen das Einchecken und sonstige Formalitäten übernommen hatte.

Obwohl es ein wenig nervte, dass sie sich nun um alles selbst kümmern musste, war es auch befreiend, auf sich gestellt zu sein. Bisher hatte sie es sogar geschafft, inkognito zu bleiben. Die Beamten der Schweizer Passkontrolle waren bisher die Einzigen, die wussten, wer sie war. Niemand sonst hatte mitbekommen, wie sie ihr Baseballcap und die verspiegelte Fliegerbrille abgenommen hatte, um sich zu identifizieren. Und vermutlich kamen am Flughafen Basel nicht jeden Tag Hollywoodstars an.

Sie machte sich auf den Weg zum Ausgang, wo die Filmemacherin sie höchstpersönlich abholen wollte. Hoffentlich hielt sie kein Schild mit ihrem Namen hoch. Dann wäre das ganze Versteckspiel für die Katz und mit Sicherheit auch gleich das eine oder andere Handy zur Stelle, um einen Schnappschuss von Vanessa Harris ungeschminkt und privat zu ergattern.

Das war ebenfalls eine neue Erfahrung: mit den entscheidenden Leuten des Teams nicht vorher schon ausführliche Gespräche geführt zu haben. Aber natürlich hatte die Filmemacherin nicht nach L. A. kommen können in der kurzen Zeit, schon gar nicht bei dem Budget, das für den Film zur Verfügung stand. Für diese Summe würden in Hollywood gerade mal die ersten fünf Minuten produziert. Ach was, die erste Minute. Wenn überhaupt.

Vanessa schob ihren Wagen durch die Schiebetür und sah sich unter den Wartenden um. Es herrschte beträchtliches Gedränge am Terminal, aber sie entdeckte sofort, wonach sie Ausschau hielt: ein Schild, auf dem ›Blutsschwestern‹ stand und auf das ein Vampirgebiss gemalt war, von dem drei Tropfen Blut herabfielen. Krude gezeichnet, aber witzig. Lächelnd ging sie auf die Frau zu, die das Schild hochhielt. Sie war mittelgroß, punkige Aufmachung, ungefähr in ihrem Alter.

»Hallo«, sagte Vanessa, als sie ihren Wagen vor ihr zum Stehen brachte. »Ich glaube, da bin ich gemeint.«

»Oh, hallo. Ich bin Kira. Freut mich wahnsinnig.« Mit einem strahlenden Lächeln streckte die Frau Vanessa die Hand zur Begrüßung hin.

Während Vanessa sie schüttelte, musterte sie die Filmemacherin, mit der sie die nächsten Wochen zusammenarbeiten würde. Sie hatte sehr gepflegte lange Braids – oder Rastas, wie man in Deutschland sagte –, jedes einzelne Zöpfchen ein Kunstwerk, alle zusammen zu einem dicken Zopf nach hinten gebändigt. Dazu Doc-Martens-Stiefel, kurzer Rock mit Leggings drunter, Halstuch mit Totenköpfen. Ein anbetungswürdiges Lächeln, das einen vorstehenden unteren Eckzahn offenbarte. Süß, dachte Vanessa, wenn man berücksichtigte, dass sie mit dieser Frau einen Vampirfilm drehen würde.

Das Auffälligste an dieser jungen Frau waren jedoch ihre lachenden Augen. In Hollywood und auch sonst in der Filmbranche waren Vanessa so viele Menschen begegnet, deren Lachen durch und durch falsch war, und das erkannte man immer an den Augen. Die blieben stets kalt. Diese Leute lächelten nur mit dem Mund. Ihr gegenüber stand hingegen eine Person, der so etwas fremd war. Wenn Kira Rosenborn lächelte, dann lächelten zuerst die Augen und dann auch das übrige Gesicht. Sehr einnehmend, sehr positiv, absolut hinreißend.

Vanessa lächelte zurück und ging sogar so weit, ihre Sonnenbrille anzuheben und Kira zuzublinzeln.

Kira blieb für einen Moment die Luft weg, als Vanessa Harris ihr einen Blick und ein Zwinkern aus ihren ungewöhnlichen Augen schenkte. Bisher hatte sie gedacht, dass da wohl mit einer guten Bildbearbeitungssoftware nachgeholfen worden sei. Aber jetzt, live und in Farbe, schienen die Augen der Schauspielerin tatsächlich diese aparte Mischung aus grün und blau zu haben, die man in ihren Filmen und auf Fotos sehen konnte. Es sei denn, sie trug gefärbte Kontaktlinsen. Aber wurden die überhaupt in so einem Türkiston hergestellt?

Sie merkte, wie sie taxiert wurde, und ließ es nervös über sich ergehen. Ihr war bewusst, dass sie nicht so aussah wie die Reichen und Schönen, mit denen der Hollywoodstar wohl normalerweise Umgang pflegte. Aber daran würde sich Frau Harris gewöhnen müssen in den nächsten Wochen. Sie war nur eine kleine Filmemacherin aus Berlin, die am Rande des Existenzminimums vor sich hin werkelte.

»Äh, ja, also . . . gehen wir?«, fragte sie, etwas nach Worten suchend. Vanessa Harris machte sie richtig zappelig mit ihrem Lächeln und ihrem Auftreten. Sie hatte versucht, sich gedanklich auf diesen Moment vorzubereiten – aber das nützte ihr jetzt überhaupt nichts mehr, weil sie etwas ganz anderes erwartet hatte. Dass die Harris hier einfliegen würde mit einem Schwarm Bewunderer und Paparazzi im Schlepptau, in ein Versace- oder Dior-Kleidchen gehüllt und geschminkt bis unter die Haarspitzen.

Wie Vanessa Harris in Wirklichkeit aussah, war zwar durchaus vielversprechend im Hinblick auf die unter sehr einfachen Bedingungen stattfindenden Dreharbeiten, aber es brachte Kira doch gewaltig durcheinander. Die Schauspielerin trug ein gelbgrünes John-Deere-Cap auf dem Kopf, so eines mit Plastiknetz, und ihre dunklen Haare hatte sie in einem Zopf hinten durchgezogen. Dazu eine Jeansjacke, die aussah, als hätte sie schon zwanzig Jahre auf dem Buckel, aber wahrscheinlich in einem Laden am Sunset Boulevard 500 Dollar gekostet hatte, und eine Jeans im selben Stil – Vintage. Und dann diese Fliegerbrille. Cool und lässig sah sie aus. Und wenn Kira es nicht besser wüsste, verdammt noch mal wie eine Schwester. Das war vielleicht gerade angesagt in L. A. oder Paris, ging es ihr flüchtig durch den Kopf. In Deutschland jedenfalls hatte sie noch keine Schauspielerin so herumlaufen sehen. So . . . so . . . butchig. Vanessa Harris war zwar eine der femininsten Frauen, die die Filmbranche zu bieten hatte, zumindest auf der Leinwand – aber im wahren Leben schien sie noch mehr Facetten zu haben.

»Sie müssen schon vorgehen. Ich weiß nicht, wo Sie geparkt haben«, drang Vanessa Harris’ Stimme amüsiert in ihre Gedanken.

Kira zuckte zusammen. Wie lange hatte sie hier gestanden und geglotzt? »Äh, ja, natürlich, Entschuldigung«, stammelte sie und ging ein paar Schritte Richtung Ausgang. Dann blieb sie abrupt wieder stehen und drehte sich zu Vanessa Harris um. »Wie unhöflich von mir. Soll ich dir . . . oh, Verzeihung . . . soll ich Ihnen mit dem Gepäck helfen?«

Das war doch nicht zu glauben. Vanessa Harris brachte sie vollkommen aus dem Konzept. Jetzt auch noch dieser Ausrutscher ins Du.

Doch ihr Gegenüber schaffte das Problem auf charmante Art und Weise aus der Welt: »Das schaffe ich gerade noch. Aber trotzdem vielen Dank für deine höfliche Nachfrage, Kira.«

Kira hörte sich selbst darauf kichern und fand sich total albern. Die Schauspielerin musste sie ja für komplett minderbemittelt halten. Oder für einen hirnlosen Fan, der sie anschmachtete. Beides entsprach ganz und gar nicht den Erwartungen, die sie an ihre Zusammenarbeit und an sich selbst stellte. Sie musste sich zusammenreißen, und zwar sofort.

Schweigend gingen sie nebeneinander her, und Kira wollte partout kein zwangloser Gesprächsstoff einfallen. Die Situation war fast surreal. Sie versuchte sich bewusst zu machen, dass Vanessa Harris auch nur ein Mensch war wie sie, aber das half ihr nicht wirklich weiter. Sie wusste inzwischen zu viel über sie: mit wem sie schon alles gearbeitet hatte, wo sie schon überall zu Dreharbeiten gewesen war, was sie für ein glamouröses Leben führte. Ein Leben im Scheinwerferlicht, ein Leben ganz für die Öffentlichkeit, ganz für den Ruhm. Vollkommen fremd für Kira. Schon allein die Vorstellung, so zu leben – absolut abwegig. Sie wusste also nicht, wie jemand wie Vanessa Harris tickte. Deshalb wusste sie auch nicht, worüber sie mit ihr reden könnte. So einfach war das. Es hatte nichts damit zu tun, dass die Harris aussah wie der feuchte Traum ihrer einsamen Nächte.

Okay, nur ein ganz klitzekleines bisschen vielleicht. Frauen, die sie anziehend fand, verschlugen ihr immer die Sprache. Nichts weiter dabei, Kira. Nur ein Funken sexuelle Anziehung. Und das beruhte selbstverständlich nicht auf Gegenseitigkeit.

Sie bezahlte am Kassenautomaten und schaffte es nur mühsam, unter Vanessa Harris’ Blick die Münzen ohne auffällig viel Herumgefummel in den Schlitz zu stecken. Dann steuerte sie mit dem Ticket in der Hand ihr Auto an. Nicht gerade die standesgemäße Stretchlimo oder der edle, holzvertäfelte Jaguar, dachte sie bei sich, als sie ihren fünfzehn Jahre alten Golf Kombi betrachtete.

Eddy musste gehört haben, dass sie kam, und sprang plötzlich am Seitenfenster hoch. Ihr lustiges Mopsgesicht drückte sich gegen die Scheibe und verschmierte sie in ihrem Enthusiasmus. Sie kläffte aufgeregt, was man außen nur gedämpft hören konnte.

Peinlich. Und das, während man einen Hollywoodstar im Schlepptau hatte. Kira besah sich die Bescherung und überlegte krampfhaft, wie sie dieses Problem lösen sollte. Wie könnte sie Eddy dazu bringen, auf dem Rücksitz zu bleiben?

Ihr Gast war neben ihr zum Stehen gekommen. »Oh Gott, was ist das denn?«

Klang das aufgebracht? War die Schauspielerin schockiert, das Auto mit einem übermäßig freundlichen Mops teilen zu müssen? Verflixt, warum hatte sie nur nicht besser geplant. Kira zuckte entschuldigend mit den Schultern und lächelte zu Eddy hinein, die noch immer aufgeregt hin und her sprang und nicht verstand, warum Kira ihr nicht die Tür öffnete, damit sie diese neue Person angemessen begrüßen konnte. »Ja, tut mir leid«, versuchte sie die Situation zu retten. »Das ist Eddy. Ich hätte sie vielleicht doch besser nicht mitbringen sollen.« Jetzt endlich drehte sie sich von Eddy weg zu Vanessa hin.

Entgegen aller Befürchtungen verriet deren Gesicht nicht etwa Schock, sondern Entzücken. »Aber nein. Die ist ja total süß«, flötete die Schauspielerin hingerissen.

Ungläubig fragte Kira nach: »Es macht dir nichts, dass sie mit uns fährt?«

»Das ist bisher das Beste am heutigen Tag«, erklärte Vanessa Harris. Dann fiel ihr wohl auf, was sie da sagte. »Du weißt schon, was ich meine«, setzte sie nach, »Tiere machen gleich eine gute Stimmung. Möpse sowieso. Die sind doch immer gut drauf und schließen sofort Freundschaft.«

Kira drückte auf den Türöffner und versuchte sämtliche Assoziationen rund um das Thema Vanessa Harris und Möpse aus ihrem Gehirn herauszuhalten. Möpse sind nur eine Hunderasse, sonst gar nichts, Kira.

Vanessa war sofort an der Tür und öffnete sie.

Ohne nachzudenken mahnte Kira: »Lass sie aber bitte nicht rausspringen. Das ist zu gefährlich hier auf dem Parkplatz mit den vielen Autos.« Gleich darauf kam sie sich überfürsorglich vor. Aber Eddy war nun mal ihr kleiner Augapfel. Da würde sie für keine Hollywoodschauspielerin der Welt Abstriche machen.

Aber sie hätte sich keine Sorgen machen müssen. Eddy und Vanessa klebten sofort wie Pech und Schwefel aneinander. Vanessa beugte sich zu der Mopsdame ins Auto und streichelte sie ausgiebig. Eddys Versuche, ihr das Gesicht abzuschlecken oder an ihrem Ohr zu knabbern, ließen sie hell auflachen. Kira konnte nur erstaunt den Kopf schütteln. Eddys Laute der Begeisterung kannte sie ja bereits zur Genüge, aber die gurrenden und lockenden Töne, die Vanessa Harris von sich gab, überraschten sie dann doch. War wohl nicht gelogen, dass sie Tiere mochte.

Vanessa Harris hatte gerade bei ihr gepunktet, stellte sie fest. Und zwar ziemlich fett. Leute, die Eddy mochten, standen bei Kira sehr hoch im Kurs. Ein Thema hätten sie damit ja in Zukunft schon mal, über das sie reden konnten: Tiere. Über Eddy konnte sie sowieso stundenlang quasseln.

Kira beschloss, die beiden sich selbst zu überlassen, verlud Vanessas Gepäck im Kofferraum und brachte den Gepäckwagen weg. Dann stieg sie auf der Fahrerseite ein. Vanessas Sonnenbrille war inzwischen auf den Sitz gefallen, aber das schien sie gar nicht zu kümmern, während sie Eddy kraulte und tätschelte. Kira musste schmunzeln. Die Schauspielerin wurde ihr von Minute zu Minute sympathischer.

Schließlich erklärte sie aber doch: »So, ihr zwei. Ich unterbreche nur ungern, aber Eddy muss jetzt auf den Rücksitz.«

»Wieso das denn?«, fragte Vanessa in regelrecht empörtem Ton. Sie spielte mit Eddys dunkelbraunen Ohren, die auch Kira gern streichelte, weil sie samtweich waren, und machte auch keine Anstalten, damit aufzuhören. Vanessa Harris hatte sehr schöne Hände, fiel Kira auf. Elegant und langgliedrig.

Natürlich muss die Frau auch noch schöne Hände haben. Hätte sie nicht wenigstens zum Ausgleich Wurstfinger haben können? Dann bemerkte Kira überrascht, dass Vanessa kurze, nicht lackierte Nägel hatte. Sehr gepflegt, aber so gar nicht femme fatale. Eher so ziemlich wie alle ihre lesbischen Freundinnen. Ein weiteres Fragezeichen in Bezug auf die Hollywoodschauspielerin.

Aber zurück zum akuten Problem. »Wo soll sie denn sonst hin?«, fragte Kira rasch zurück, bevor die Pause sich allzu sehr ausdehnen konnte.

»Na, auf meinen Schoß.« Vanessa klaubte ihre Brille vom Sitz und nahm kurzerhand den Mops auf den Arm. Dann setzte sie sich auf den Beifahrersitz und deponierte eine erfreute Eddy auf ihren Oberschenkeln. Die schenkte Vanessa noch ein angedeutetes Küsschen und machte es sich sofort bequem, mit Blick Richtung Frontscheibe, als wolle sie sagen: ›So, es kann losgehen.‹

Kira verriet Vanessa nicht, dass das Eddys Stammplatz war und dass alle Leute, die sie sonst mitnahm, das Mopsmädchen für gewöhnlich auf den Schoß nahmen. Für Vanessa hätte sie lediglich eine Ausnahme gemacht. Aber so war es viel besser. Mit den Hundehaaren auf ihren Klamotten würde Frau Harris selbst klarkommen müssen, aber so, wie es aussah, war ihr das vollkommen egal.

Die lange Fahrt zum Drehort kam ihr nun gar nicht mehr so schlimm vor. Eddy hatte es geschafft, sämtliches Befremden zwischen ihr und Vanessa Harris aus der Welt zu schaffen. Und sie schien mächtig vernarrt in den Star zu sein. Wie der Rest der westlichen Welt, liebe Eddy.

Sie waren vom Basler Flughafen aus über die Grenze nach Deutschland gefahren. Erst ein Stück Autobahn, und jetzt kurvten sie schon ziemlich lange durch die Gegend. Durch den Schwarzwald, besser gesagt. Vanessa war noch nie hier gewesen. Sie wusste nur, dass das Set für ›Blutsschwestern‹ hier irgendwo in einem abgelegenen Schloss sein sollte. Offenbar würde das ganze Team auch vor Ort wohnen. Sie war gespannt wie sonst nie vor einem Dreh. Innerlich hatte sie sich schon auf das Schlimmste eingestellt.

Der kleine Mops schnarchte auf ihrem Schoß vor sich hin und verbreitete ein Gefühl von Geborgenheit. Gesprochen hatten sie auf der Fahrt bisher nicht viel, aber die Stille war nicht unangenehm. Vanessa war ohnehin damit beschäftigt, die Landschaft zu betrachten und nebenher Eddys samtiges Fell zu kraulen.

»Seit wann hast du Eddy?«, brach sie irgendwann das Schweigen, als sie durch ein weiteres kleines Dorf mit Fachwerkhäusern fuhren.

»Seit zwei Jahren«, antwortete Kira kurz angebunden.

Nanu. Hatte Vanessa mit dieser harmlosen Frage ein heikles Thema angeschnitten, ohne es zu ahnen? Aber dann drehte die Filmemacherin ihr kurz den Kopf zu und lächelte sie breit an.

»Meine Väter haben sie mir geschenkt. Die Züchterin, von der sie stammt, ist eine Freundin von ihnen und musste sie zurücknehmen, weil die Käufer nicht mit ihr zurechtgekommen sind. Wie auch immer das möglich ist.« Sie fasste mit der Hand herüber und tätschelte Eddy sanft den faltigen Kopf. Die blinzelte kurz zu ihrer Besitzerin und schlief dann weiter.

Ohne dass Vanessa nachhaken musste, fuhr Kira fort: »Jedenfalls war sie wohl so schnell nicht mehr vermittelbar, meine Väter in spendierfreudiger Stimmung – und so sind wir zueinandergekommen. Ich selbst hätte mir eher einen Mischling aus dem Tierheim geholt und keinen Rassehund gekauft. Aber wir passen perfekt zusammen.« Mit einem liebevollen Blick auf ihren Mops schloss Kira Rosenborn ihre Erzählung ab.

Vanessa bestätigte: »Sie scheint wirklich ein Schatz zu sein.« Das bezog sich allerdings nicht nur auf Eddy. Auch Kira war äußerst liebreizend, wie Vanessa während der Fahrt mehr als ausreichend Gelegenheit hatte festzustellen. Ihre ganze Ausstrahlung übte eine ungewohnte Anziehung auf Vanessa aus, zumal die Verpackung für dieses ansprechende Wesen auch noch stimmte. Extrem hübsch, mit einem Körperbau, den Vanessa äußerst attraktiv fand: eher zierlich, aber nicht dürr. Die punkige Erscheinung tat dem Gesamteindruck auch keinen Abbruch.

Vanessa war geneigt, eine Affäre in Betracht zu ziehen. Das wäre eigentlich ideal. Abseits von Nathalies Überwachung konnte sie unbemerkt einen kleinen Ausflug genießen, ohne dass jemand etwas davon mitkriegen müsste.

Sie betrachtete das Objekt ihrer Überlegungen noch einmal von der Seite, als diese gerade damit beschäftigt war, eine verwirrende Aussage des Navis zu interpretieren. Wirklich ausgesprochen reizend. Aber wie so oft bei so hübschen Frauen bestimmt in einer festen Beziehung. Solche Schnäppchen waren meist vom Markt und dann auch nicht bereit dazu, ein kleines Abenteuer nebenher zu wagen – so verlockend Vanessa das auch gestalten mochte. Sie hatte ihre Erfahrungen. Besser, sich nicht allzu große Hoffnungen zu machen.

Das gegenteilige Problem gab es allerdings auch: dass die Frauen gleich erwarteten, Vanessa würde ihnen das forever after anbieten. Das passierte meist bei den Lesben unter ihren Gespielinnen. Für immer zusammen, an der Hüfte aneinandergewachsen wie siamesische Zwillinge, mit Ringen zusammengeschweißt. Absurd. Wer wollte denn so was?

Vanessa warf noch einmal einen Blick auf die Fahrerin und beschloss, dass es trotzdem einen Versuch wert wäre. Mit etwas Glück wäre Kira weder abgeneigt noch kompliziert. Immerhin hatte sie am Flughafen die üblichen Anzeichen an den Tag gelegt, die Frauen zeigten, die unwillkürlich ihren Reizen erlegen waren. Das Ganze hatte Potential.

Dann drängte sich mit Verspätung ein Detail aus Kiras Erzählung in den Vordergrund ihrer Gedanken. Ihre Väter? Wie war das denn gemeint?

»Du hast von deinen Vätern gesprochen. Wie viele hast du denn?«, fragte sie nach.

Kira lachte ganz entzückend auf und warf ihr ein Lächeln zu. Eines von denen, die Vanessa inzwischen schon mit Vorfreude erwartete. Mit lachenden Augen. »Zwei«, antwortete sie dann, während sie sich wieder auf die Straße konzentrierte. »Meinen leiblichen und seinen Mann. Uli und Stephan. Meine Papis. Sie haben mich großgezogen, seit ich vier war.« In ihrer Stimme schwang unüberhörbar Zuneigung mit.

Trotzdem musste Vanessa nachhaken: »Und deine Mutter hatte da nichts dagegen?« Das war ja schließlich nicht heute passiert, sondern vor knapp dreißig Jahren, schätzungsweise.

»Meine Mutter hatte kein gesteigertes Interesse an mir. Sie wollte ihre wilden Jahre genießen.« Jetzt klang Kira leicht säuerlich. »Inzwischen telefonieren wir ab und zu mal. Aber meine Eltern, das sind Uli und Stephan.«

Damit schien das Thema für Kira beendet zu sein. Vanessa konnte den großen Punkt am Ende des Satzes förmlich hören und akzeptierte ihn bereitwillig. Sie wollte ja nicht Kiras komplette Lebensgeschichte aufgetischt bekommen. Sie ein bisschen besser kennenlernen – gern. Vor allem körperlich sehr gern.

Inzwischen waren sie in ein weiteres pittoreskes Dorf gekommen, ein bisschen größer als die hinter ihnen liegenden. Kira steuerte schon wieder den Ortsrand an, bog dann aber von der Durchgangsstraße ab und hielt auf ein großes Gebäude zu. Ein düsteres, teilweise verfallenes historisches Schloss.

»So, wir sind da«, verkündete sie und verlangsamte das Tempo. »Das ist das alte Schloss hier in Altbürg. Es wird gerade noch peu à peu renoviert, weshalb es für uns als Location ideal ist. Innen ist es zum Teil noch mehr heruntergekommen, genau der richtige Look für den Film.«

Vanessa beäugte das Schloss durch das Seitenfenster, während sie ganz langsam daran vorbeirollten. »Sieht schon mal sehr vielversprechend aus.« Definitiv nicht Neuschwanstein oder Versailles. Aber da würde auch niemand eine Vampirgeschichte drehen wollen. Viel zu geleckt. Das hier war wirklich der perfekte Schauplatz.

Kira hielt vor einem kleineren Nebengebäude, das nur unwesentlich besser erhalten war als das Haupthaus. Es standen schon einige Autos davor. Kira machte den Motor aus, zog den Zündschlüssel und warf Vanessa einen entschuldigenden Blick zu. »Wir wohnen alle hier im ehemaligen Gesindehaus. Es ist nicht dein üblicher Standard, befürchte ich.«

»Mach dir keine Gedanken«, beeilte sich Vanessa zu erwidern. »Ich wusste ja im Vorfeld, dass ich mich auf eine Low-Budget-Produktion einlasse. Hauptsache, ich habe ein Bett und keine Isomatte auf dem Boden. Aus dem Alter bin ich dann doch raus.«

Der Mops auf ihrem Schoß hob den Kopf und musterte seine Besitzerin erwartungsvoll, offensichtlich bereit, sofort und überallhin mit ihr mitzugehen.

»Für einen Hollywoodstar bist du erstaunlich unkompliziert«, bemerkte Kira erstaunt, während sie sich abschnallte. »Oder lässt du die Diva erst ab Drehbeginn raus?«

»Jo mei. I koa fei für nix garantiern.« Vanessa zwinkerte ihr zu. Der kleine Abstecher in ihr bayrisches Idiom war ihr so rausgerutscht. Das musste an der Umgebung liegen. Sie war wirklich in der tiefsten deutschen Provinz gelandet.

Aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Wieder sichtlich verunsichert, wurde Kira auf einmal ganz hektisch. Sie hantierte umständlich mit ihren Schlüsseln und öffnete fahrig die Wagentür.

»Ich zeige dir jetzt erst mal dein Zimmer, und wenn du willst, führ ich dich danach gleich rum«, sagte sie im Aussteigen, ohne Vanessa anzusehen.

Die gab frech zurück: »Sehr guter Plan.« Augenblicklich beobachtete sie, wie Kiras Gesicht ein rosa Hauch überzog. Ein kleines Grinsen konnte sie sich nicht verkneifen. Die Filmemacherin war wirklich zuckersüß. Und so empfänglich für ihre kleinen Flirtereien.

Sie öffnete ihre Tür und ließ den Mops Eddy hinaushüpfen, bevor sie selbst ausstieg. Das versprach alles sehr spannend zu werden.

Zusammen holten sie das Gepäck aus dem Kofferraum und machten sich schwer beladen auf den Weg ins Gesindehaus. Vorneweg Kira, dann Vanessa und Eddy direkt an ihren Fersen.

Während sie sich die schmale und steile Treppe in den ersten Stock hocharbeiteten, schnaufte Kira: »Große Teile der Crew sind schon ein paar Tage da, manche sind wie du erst heute angereist. Wird in Hollywood auch nicht anders laufen, oder?«

Vanessa hatte ebenfalls zu kämpfen. Ihre großen Reisetaschen waren einfach zu sperrig für dieses enge Gemäuer. »So ähnlich«, gab sie deshalb nur kurz zurück. Außerdem hatte sie gerade keine Lust, an Hollywood zu denken. Das hier war so diametral gegensätzlich dazu, wie sie dort für gewöhnlich am Set empfangen und hofiert wurde, dass es keiner Erwähnung wert war. Niemals würde sie dort ihr eigenes Gepäck schleppen müssen. Warum hatte sie nur so viel Zeug eingepackt?

Oben angekommen steuerte Kira das letzte Zimmer auf dem Gang an, öffnete die alte Holztür und setzte Vanessas Tasche gleich auf dem Boden ab. »Das ist dein Reich für die nächsten Wochen«, erklärte sie, noch immer schnaufend, und deutete in den Raum.

Er war größer als erwartet, nicht die Besenkammer, mit der Vanessa gerechnet hatte. Ein altes Holzbett mit gedrechselten Bettpfosten stand drin, und der Rest der Einrichtung war ähnlich antik. Es sah so aus, als ob das Personal des Schlosses gerade erst ausgezogen sei. Anno 1910. Ein Nachttischchen, ein Schrank, eine Kommode, ein Tisch und zwei Stühle. Ein bisschen zusammengewürfelt, aber anheimelnd, fast wie im Heimatmuseum. »Sehr hübsch«, bekundete sie.

Kira sah schon wieder unangenehm berührt aus, aber diesmal wusste Vanessa gar nicht, weshalb. Sie hatte doch gerade überhaupt nicht geflirtet. Na ja, nur ein ganz kleines bisschen. Sie stellte ihre große Reisetasche und das Handgepäck auf dem Bett ab und drehte sich wieder Kira zu.

Die schien sich inzwischen gefangen zu haben und erklärte nun ganz geschäftsmäßig: »Später treffen wir uns noch zu einer Vorbesprechung mit der Kamerafrau und meinem Koproduzenten.«

»Ich freue mich darauf, mit euch zusammenzuarbeiten«, sagte Vanessa mit einem, wie sie hoffte, unschuldigen und charmanten Lächeln.

»Deine erste Szene ist morgen Nachmittag«, fuhr Kira im gleichen Tonfall fort. »Das hab ich so gelegt, um dir mehr Zeit zum Ankommen zu geben. Vormittags drehen wir mit deiner Mitstreiterin Ruth.«

Vanessa nickte nur. »Okay.«

Eine kurze Pause entstand. Dann fragte Kira: »Willst du erst mal auspacken?«

»Nein, das hat Zeit. Zeig mir doch erst mal den Rest.« Vanessa war noch nicht bereit, die reizende Gesellschaft der Filmemacherin aufzugeben. Außerdem wollte sie jetzt wirklich sehen, wo sie hier gelandet war.

Kira hatte Vanessa den Rest des Gesindehauses und das Schloss gezeigt und sie dann ihrem Gepäck überlassen. Jetzt war sie so erledigt, als wäre sie einen Marathon gelaufen. Eddy hatte noch wesentlich mehr Energie. Sie hüpfte ihr voraus die Treppen hoch und blieb immer wieder stehen, um sie mit ihren Kulleraugen aufmunternd anzusehen.

Mit letzter Kraft schleppte sich Kira die drei Stockwerke zu ihrer kleinen Dachkammer hoch. Wieder zitterten ihre Hände, aber sie ignorierte es einfach. Ihre Gedanken kreisten wie wild um Vanessa Harris.

Würde ein Hollywoodstar wirklich mit der Situation hier zurechtkommen? Bisher schien Vanessa überraschend umgänglich zu sein. Wenn man mal davon absah, dass sie ganz offensichtlich mit allem flirtete, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Warum sonst hatte sie Kira immer wieder solche begehrlichen Blicke zugeworfen, als sei sie ein leckeres Appetithäppchen? Das konnte ja heiter werden, wenn sie erst mit der Crew zusammentraf. Aber wenigstens erwartete sie kein Fünfsternehotel mit Zimmerservice und Bidet.

Eigentlich gab es so viel vorzubereiten, zu besprechen und zu kontrollieren, aber Kira konnte einfach nicht mehr. In ihrer kleinen Dachkammer angekommen, in deren fünf Quadratmeter nur gerade eben ein Bett unter der Schräge und ein Stuhl hineinpassten, ließ sie sich sofort auf die Matratze sinken. Ein leichtes Pochen machte sich in ihrem Kopf bemerkbar, aber das war Kira mittlerweile gewohnt. Eddy sprang zu ihr aufs Bett, richtete sich neben ihr ganz selbstverständlich für ein Nickerchen ein und schnarchte bereits nach kurzer Zeit, doch sie selbst konnte nicht aufhören zu grübeln.

Sie lag noch keine zehn Minuten, als es an der Tür klopfte. Kira seufzte. So viel zu einem kleinen Schläfchen für mich . . . »Herein.«

Ihr Koproduzent und Freund Lukas steckte den Kopf durch die Tür. Eddy schnarchte einfach weiter. Sie erkannte seine Stimme wohl sogar im Schlaf. Kira kannte Lukas seit dem Studium an der Filmakademie, und sie arbeiteten seither häufig zusammen. Für ›Blutsschwestern‹ hatte sie ihn ins Boot geholt, weil sie die Produktion nicht aus der Hand geben wollte. Und bei Lukas wusste sie, dass sie auf einer Wellenlänge waren und er keine krummen Sachen machen würde. Was man wirklich nicht von allen Produzenten und Produktionsfirmen sagen konnte.

»Alles in Ordnung bei dir?«, fragte Lukas besorgt. Er kam jetzt vollends ins Zimmer, räumte ihre Klamotten von dem einzigen Sitzmöbel und zog den Stuhl ein Stück zum Bett, um sich hinzusetzen und sie zu mustern. »Kopfweh?«

»Nicht weiter schlimm. Geht gleich wieder«, versuchte sie ihn abzuwiegeln.

»Bist du dir sicher?« Der sorgenvolle Ausdruck wich nicht von seinem Gesicht. Er kannte sie einfach zu gut. »Du musst dich schonen, so gut es geht.«

»Sei nicht so eine Glucke«, versetzte Kira. Das brachte ihn zum Schmunzeln, und er ließ das Thema fallen. War auch besser so, dachte sie.

Lukas war die einzige schwule Jungfrau der Welt. Zumindest aber wohl die älteste. Er war immerhin so alt wie sie. Was für ein Team sie waren: Er schaffte es nicht, eine Beziehung zu beginnen, sie wollte nicht. Dabei lag es bei beiden nicht an der mangelnden Gelegenheit. Lukas sah ganz gut aus mit seinen dunklen Locken, die er in einem Pferdeschwanz trug. Er war ziemlich groß und dünn und erinnerte ein bisschen an den neuen Sherlock-Holmes-Darsteller, Benedict Cumberbatch. Sein Problem bestand darin, dass er einfach zu wählerisch war. Er fand noch an jedem Mann, der sich für ihn interessierte, etwas auszusetzen. Bevor sie Lukas kennengelernt hatte, war Kira davon ausgegangen, dass das für einen schwulen Mann kein Hinderungsgrund war, jedenfalls nicht für Sex. Lukas belehrte sie eines Besseren. Er wartete auf die große, romantische Liebe.

Bei ihr selbst war es eine ganz andere Geschichte. Immerhin hatte sie es geschafft, früher mal ganz normal Freundinnen zu haben. Eine nach der anderen, schön brav seriell monogam. Das lag weit hinter ihr. Jetzt konnte sie sich niemandem mehr zumuten.

»Wie ist unser ureigener Hollywoodstar drauf?«, erkundigte sich Lukas begierig. »Wie war die Fahrt hierher?« Sein Gesicht glühte vor Neugier. Mit einer solch erfolgreichen und bekannten Schauspielerin hatte auch er noch nicht produziert. Sie waren es zwar beide gewohnt, auf mehr oder weniger berühmte Menschen zu treffen, und deshalb auch nicht so schnell einzuschüchtern, aber Vanessa Harris und Hollywood waren noch einmal eine andere Hausnummer.

Ein wenig skeptisch berichtete Kira: »Bisher scheint sie pflegeleicht zu sein. Aber warten wir mal ab. Ich traue dem Frieden noch nicht.« Sie konnte es tatsächlich noch nicht glauben, dass die Harris so wenig dem Bild der jungen, exaltierten Diva entsprach, das die Presse so gern von ihr zeichnete.